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Sonntag, 22. April 2018

SIGGIS CHOICE - Filmabend April 2018, No. 1 (Tipps vom 16.04. - 22.04.2018)

Dagmar Lassander, Raimund Harmstorf, Sibylle Rauch

Liebe Leser,

nun sehen wir uns doch ein bisschen früher wieder, als es in den letzten Wochen der Regelfall war! Das Ding ist nämlich, dass wir vom Zeitplan her gerade zwischen zwei dicken Filmabenden stecken – würde ich die Verarbeitung des ersten auf die nächste Woche verschieben, wäre ich selber zu verwirrt und würde mir zu viel Druck, quasi mehr und mehr Filme auf einmal aufdrücken. Noch ein Einblick in meine Logik: Wenn ich von einer Woche noch Movies zum Schreiben über habe, die ich besprechen will, schaue ich in der neuen automatisch weniger Filme – Arbeit und schönes Wanderwetter kommen da natürlich auch auf die Rechnung (und da war gerade letzteres nun absolut Bombe!), aber ich will mich so oder so nicht unbedingt aushungern, was den Streifenkonsum angeht. Deshalb rekapituliere ich heute in erster Linie alles, was mir Siegfried Bendix innerhalb eines regulären Filmabends und Mini-Filmabends servierte. Wunderbare Sache, das, Keule - es war eine tolle Mischung, das kann ich mit Fug und Recht behaupten! Der einzige Ausreißer in der ersten Runde am Samstag war höchstens „Ritter Jamal – Eine schwarze Komödie“. Das einzig Aufregende an dem Film war höchstens, auf die Pizza bzw. den Burger zu warten, den wir vorher bestellt hatten. Ansonsten kann ich mich nicht dran erinnern, dass Martin Lawrence mal so eine hyperdröge Pseudo-Kiddie-Gag-Reihenfolge abliefern durfte - und das, obwohl sich ihm als schwarzer Yankee am Hofe des König Artus zumindest genug Raum für einen Ulk der Kontraste bot. Da hatte selbst die „House Party“ mehr Pfiff - und die war schon voll hemdsärmeligster Aufmucker-Sabbelei. Als besserer Funnyman konnte sich daraufhin Rob Schneider bewähren, nach den „Surf Ninjas“ wieder mal im Filmabend unter der Ägide von „Judge Dredd“ zugegen! Da mir dieser schon seit der Kindheit bekannt ist, will ich hier nicht den Topfilm unter dem Einfluss der rosaroten Brille ankündigen. Er ist aber durchaus noch eine kuriose Übergangslösung zwischen 80er Bullen-Selbstjustiz-Pathos, 90er Sci-Fi-Action à la Carolco und Men-In-Black-artiger Persiflage. Allemal witzig anzusehen, wie Stallone versucht, sich da zu positionieren - ein gelungeneres Experiment seinerseits im Vergleich zu „Oscar – Vom Regen in die Traufe“, aber irgendwo auch ein bemühter Nachklapp vom „Demolition Man“. 

Martin Lawrence, Sylvester Stallone, Rob Schneider
Die berühmte "Zwei-Wort-Titel"-Reihe

Ein Film, der noch am Filmabend lief, aber nicht bei den Empfehlungen auftaucht, heißt „Blood Freak“. Der ist sogar ziemlich aufreibend, aber hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt, wie viele Filme aus der Sparte Something Weird eben überzeugen: Als Nirwana des Unvermögens, in der alles sehr langsam, enorm urig und technisch katastrophal auf den Nervenkitzel des Horrors aus ist. Allerdings geht es hier auch um einen mordenden Truthahnmann, der grundsätzlich des Marihuanas wegen zu jener Transformation gelangte und nur durch Jesus‘ Liebe gerettet wird. Filmemacher anno 2018 würden aus der Prämisse eine absichtlich miese und weit beschissenere Komödie erschaffen als das, was sich hier so angenehm ins blutige Durcheinander der Hippie-Moralkeule treibt. Allein der Besuch des angehenden Freaks auf der Truthahnfarm mit anschließender Verköstigung in Rekordlänge lässt Freude schöpfen, doch wir waren zu dem Zeitpunkt schon etwas hinter dem Horizont der Nüchternheit, also kann ich gerade nicht auf noch mehr stichhaltige Qualitäten zurückgreifen. Soll euch aber nicht von der Sichtung abhalten! 

Nicolas Cage, Joey King, Ryan Phillippe

Zwei kleinere Tipps noch vom bereits am Montag erfolgten Mini-Filmabend, wobei diese ihre Vorzüge noch sparsamer einsetzen: „The Humanity Bureau – Flucht aus New America“ muss es sich als Nicolas-Cage-Vehikel tatsächlich gefallen lassen, dass jemand anderes ihm die Show stiehlt: Jungdarsteller Lucas Weller, dem das Drehbuch (und die wie immer kostengünstige NEW-KSM-Synchro) so viele Trottelsätze und Fehltritte auf den Leib schreibt, dass er natürlich den Sohn von Cage gibt. Ups, Spoiler, egal! Es ist ja nicht so, als ob dieses dystopische Drama wirklich mehr aufbieten kann als eine lasche Melange aus „Looper“, „Soylent Green“ und „Logan“. Die einzelnen dramaturgischen Entscheidungen dazwischen hauen aber auch teilweise Abstruses raus, da stört es gar nicht mal mehr so sehr, dass das Narrativ nie so richtig aus der Exposition in die Progression umsteigen kann. Das Problem haftet zeitweise übrigens auch John R. Leonettis „Wish Upon“ an, aber ist nur das geringste Übel, das dort auffällt. Es wurde schon vielerorts darüber berichtet, wie daneben der Wünschelhorror am Teenie-Zeitgeist entlang schrammt und auch sonst mit Menschenkenntnis sowie seiner Genresprache an sich auf Kriegsfuß steht. Ich glaube nicht, dass ich da noch was Neues hinzufügen kann, außer, dass der erzählerische Flow gleichzeitig unfassbar vage, sperrig und peinlichst-auf-Kalkül-produziert ins Spektrum belehrender Spukgeschichten wandert. Solch eine abgewichste Merkwürdigkeit kann ich natürlich nur empfehlen, auch weil die Studiomasche selten so offen und taktlos ihr Baukastenprinzip offenbart. Perfekt erquickender Frust! Aber gut, dem Rest an jüngsten Sichtungen konnte ich überzeugendere Argumente abgewinnen und ich hoffe, dass ihr diese auch erkennen könnt bzw. wollt. Lest’s jetzt, schaut’s im Nachhinein, der nächste Filmabend und der Blog dazu werden bald bei euch sein!


Feel the motion, Sissy Kelling, Ingolf Lück


DER FORMEL EINS FILM (Wolfgang Büld, 1985) – Mit der Liebe lässt sich so manche Hitparade erstürmen, deswegen klinkt sie sich auch hier umso leichter in die Zeitgeist-Blödelei musikalischer Späße ein. Basierend auf der gleichnamigen TV-Sendung der Dritten bitten die berüchtigten Achtziger Jahre zum Eskapismus binnen schrillen Studiobetriebs und Stars zur Revue (u.a. Filmabend-Stammgäste Meat Loaf, Pia Zadora, The Flirts) als Grundlage fürs BRD-Teen-Abenteuer - gespickt mit Insider-Gags und Branchenklischees gleichermaßen, um welche sich die angehende Newcomerin und gegenwärtige Automechanikerin („Flashdance“ lässt grüßen) Tina Lehman (Nena-Zwilling Sissy Kelling) bewirbt und ständig abschmiert, da ihr Demo in allerlei Situationskomiken verschütt geht. Ihre Odyssee wird solch ein Ende nehmen, wie man es sich vorstellt - da macht sich Regisseur und Ko-Autor Wolfgang Büld keine Illusionen, obgleich sein romantischer Pop voll von denen ist, selbst die Persiflage der Szene und ihren mehr als zwielichtigen Managern eher auf irre Streiche und Eifersüchteleien polt. Dies turbulente Treiben funzt dennoch oder gerade dann als Zeitkapsel kunterbunter Unbedarftheit, wenn Büld so ziemlich „A Hard Day’s Night“, Jugendspekulation der LISA-Film und ein bisschen Punk koppelt, um so schier überzeichnet auf zig Anlaufstellen der Selbstfindung anno Kalter/Kult-Krieg zu kommen: 

Campino, Sissy Kelling, Ingolf Lück, Limahl, Pia Zadora, Falco, Meat Loaf

Karrierechancen und –knicke, Musterung und Praktikantinnenausbeute, die Ambivalenz des Groupie-Daseins und die hektische Kurzsichtigkeit Ingolf Lücks. Dazwischen melden sich die zur Amour verquickten Missverständnisse Stevies (Frank Meyer-Brockmann) hinsichtlich Tina, wiederum ihr Familienleben um die Neuentdeckung PC sowie die Toten Hosen auf Imagesuche. Campino und Co. betreiben dabei übrigens derart viel Faschingsrassismus, dass sie ihren Echo zurückgeben müssten. Im kritischen Rückblick bieten sich zudem die Überpräsenz von Super Dickmann’s und die Frage, ob Falco - dem ulkigsten Gastauftritt als Bindeglied zwischen Monaco Franze und Tom Cruise - jemals eine Hauptrolle angeboten wurde. Das Ganze bleibt eben mehr Show als Film, man wünscht sich mehr aufrichtige Aufmüpfigkeit und freche Schnauzen, bekommt stattdessen aber mehrmals die voll ausgespielte Musikvideo-Ästhetik. Allerdings: Wer manchmal alles aus dem Kessel Buntes springt, dürfte selbst strengsten Autorenfilm-Verköstigern imponieren und der Charme der garantiert nicht mundfaulen teen romance inkl. Verfolgungsjagden sowie schrottreifen Karren gen Finale sprudelt sich eh in Unmengen zusammen. Eine winning formula, trotz Limahl, der als Person wie immer alles Negative an seiner Ära vereint.


Xin shu shan jian xia


ZU WARRIORS FROM THE MAGIC MOUNTAIN (Tsui Hark, 1983) – Das Verhältnis von Form und Inhalt ist bei Tsui Hark schon eine sehr eigene Sache, das ist dem Leser dieses Blogs sicherlich schon einigermaßen bekannt. Da überrascht es also auch nicht, wie er die Fantasy-Folklore in diesem Fall wiederum auf den Höchstlevel allgemeiner Verunsicherung treibt. Das Chaos hat sich eingelebt: Ein Spektakel der Spezialeffekte rangelt sich um den ewigen Kampf von Gut und Böse, während die Überwältigung meist irgendwie im Auge des Hurrikans stattfindet. Alles ist stets spontan und grandios groß am Wegfetzen, während die permanente Exposition (inkl. Untertitelmassaker) um Dik Ming-kei (Yuen Biao) überhastig aus dem mythischen Nähkästchen plaudert, sich im gleichen Moment umsetzt. Dementsprechend flott erfährt dieser seine Begegnungen mit Berggeistern, übernatürlichen Meistern und Schutzherrinnen der Sterblichkeit, ehe er der unverhoffte Schüler von Ding Yan (Adam Cheng) wird, des Nächtens wie allesamt in den Flugmodus des Wire-Fu‘s umschaltet. Überirdische wie höllische Magien wirbeln den Schlagabtausch dabei so virtuos auf, dass jedwede externe Dramatik des Überblicks halber kaum probiert wird – obgleich es hier bestimmt nicht an Schicksal und Aufopferung mangelt, entgeht Hark dem Melodram weitgehend in der Gegenüberstellung mit dem nächsten surrealen Effekt.



Die Supermänner im Strudel elementarer Herausforderungen bewandern ohnehin die Grenzen von Dies- und Jenseits, der Film leistet dem Folge und stülpt seine Szenarien mit fliegenden Flammen, Portalen, geißelnden Barthaaren, Erdbeben und Doppelgängern um, dass einem knapp 100 Minuten lang die Kinnlade runtersteht. Die Frage nach dem eigentlichen Inhalt wird da Stück für Stück vergebens, was sich zwischen den Extremen an Shaw-Bros.-Wuxia und „Ashes of Time“ tatsächlich ziemlich gut verleben lässt, sowieso am ehesten damit begeistert, welche fantastischen Visionen und Nachtmahre hier vor der Linse produziert werden können, während Harks Kamera- und Schnittdynamik wie eh und je an ihren jeweiligen Grenzen wackelt. In dem Sinne gigantisch, aber eben kein episches Erzählkino (wir sind ja hier noch nicht bei „Once upon a time in China“ angekommen). Seinerseits sicher zu durchschauen ist, dass Generationen/Nationen/Geschlechter an Kämpfern ihren Frieden untereinander finden sollen, um das Gleichgewicht im Erdkern an sich halten zu können. Natürlich steht das im Widerspruch zum Augenmerk des Ausschweifens in Harks Werk, aber mit den Kontrasten geht man bei dem Herren dauernd gerne auf Tuchfühlung.


Sex Maniac


MANIAC aka SEX MANIAC (Dwain Esper, 1934) – Aus einem der frühsten Lager amerikanischer Exploitation grüßt das Panorama an Geisteskrankheit aus dem Keller/Studio und scheint sich in einem Madman (Bill Woods als Don Maxwell) zu bündeln, der sogar die Rolle seines Mad-Scientist-Lehrmeisters (Horace B. Carpenter als Dr. Meirschultz) mit Brille und Bart übernimmt, ehe er die zerfressende Schuld à la Edgar Allan Poe in sich als Gipfel einer vollends entrückten Welt rauslässt – so als wäre er den brachial reingeschnittenen Texttafeln an Psychose-Definitionstexten erlegen, krasse Konkurrenz für Moses und seine 10 Gebote! Knapp 50 Minuten lang unterwandern Prä-Sleaze-Unternehmer Dwain Esper und seine Ehefrau/Drehbuchautorin Hildegarde Stadie somit vielerlei moralische Konstanten ihrer Roadshow-Zielgruppe, machen aus Sex und Gewalt keinen Hehl, wie der Ton untereinander ebenso im moralischen Bodensatz an Verschwörung, Blutdurst, Spekulation und Hysterie angesiedelt bleibt. Die Akteure dazu bewegen sich meist wie angewurzelt im Kosmos des Spartanischen, schwadronieren aber mit dem Größenwahn, obgleich Katzen und Ratten beinahe auf Augenhöhe mit ihnen untereinander kämpfen. Alle sind eben schon ganz unten angekommen, doch selbst als Leiche hat man da keine Ruhe: 


Die Experimente mit dem Nachleben sollen wahr werden, bleiben natürlich ein Hirngespinst der Fledderei wie jene Urheber dessen auch allzu falsch in die Rolle des Psychiaters schlüpfen. Viel lieber erwarten diese aber ihre Rollenverteilung als Täter und Opfer, weshalb der Revolver schon griffbereit neben dem Einmachglas mit Hirn im Labor verstaut liegt. Solch ein Grad an paranoider Planung geht dementsprechend im Wahnsinn auf, parallel dazu ist die Unbeholfenheit der Regieführung ein absoluter Glücksgriff: Alles schleppt sich in die Ekstase niederer Impulse, die Gewalt ist so karg wie ungelenk von physischen wie psychischen Wänden eingekesselt und dann tummeln sich noch Ausschnitte aus europäischen Höllenvisionen der Stummfilmzeit zum Kopfkino der Manie zusammen. Der ständigen banalen Verbalisierung wegen bleibt keine Deutung dazu offen, umso offener blickt der Film auf Frauen in Unterwäsche und bald danach auch auf Frauen im Faustkampf mit ihren Mordsplänen, wohlgemerkt nachdem das Katzenauge von Maxwell aus der Höhle gedrückt und verspeist wurde – er hat gut lachen, selbst, sobald ihn die Bullen in flagranti stellen. Eine reichlich abgeräudete Parade der Untiefen.




DAS WUNDER (Eckhart Schmidt, 1985) – Wo der deutsche Film an sich ja schon ein netter Geselle ist, erlebt man ihn nicht selten anstrengend, ganz gleich, ob man ihn der E- oder U-Kunst zuordnen mag. Erst letztens re-störten mich Grönings „Die Terroristen“ und Kraumes „Dunckel“ mit ihrer jeweils selbstgefälligen und stumpfen Haltung ins Belanglose hinein und auch wenn dies symptomatisch für die deutsche Kultur allgemein stehen kann, bliebe was Lebhaftes abseits der Genre-Signale dann doch eher hängen. Ein hingegen gelingender Blick zurück ins Glück bietet da Schmidts Wunderwerk, obgleich der Mann sonst nun wirklich kaum was an Anstrengung ausspart. Man erwartet z.B. auch hier von Anfang an, dass Sal Paradise mit einem Track die Gesamtbeschallung stellt, doch selbst da bieten sich einfach mehr Nuancen, mehr Fallhöhen in einem waschechten Familienmelodram an. Jenes buhlt um die religiöse Wende, malt aber Kontraste in der Dissonanz laut, die vom denkbar grellen Export-Trio Raimund Harmstorf, Dagmar Lassander und Anja Schüte ins gesamte Spektrum an Liebe/Hass getragen wird. Letztere, als Tochter Raphaela, hadert nämlich mit ihrer Blindheit, findet durch Zimmermädchen Maria (Anouschka Renzi) jedoch verstärkt zum Glauben/zur Verzweiflung, alsbald in ein echtes Leben zu entkommen. 

Anja Schüte, Dagmar Lassander, Raimund Harmstorf, Anouschka Renzi

Dies ruft die Eifersucht der Mutter (Lassander) auf den Plan, während sie der Untreue des Vaters (Harmstorf) wegen schon mit Antipathie in den Tag hinein lebt. Die giften sich an, nur gehen ihre Entscheidungen öfters in die Defensive – Harmstorf spielt das am schönsten als cholerisches Muskelpaket mit Hang zur stillen Vorsicht, sobald es um die Tochter geht, welche wiederum ihre besten emotionalen Kernsätze im Stil der Stille findet. Dennoch sind alle stets geladen, kurz vor dem Suizid und sowieso beziehungsunfähig, zusammen einsam. Schmidt kurvt da mit scharfen Perspektiven in den Luxus und dessen wechselwürgende Hilflosigkeit, dass die Rettung im Sakralen im Gegenzug nicht unbedingt heimisch daherkommt, eher noch als absurderes Delirium - wenn auch gewiss nicht ohne empathischen Effekt und, noch besser, vom Reiz zeitloser Spurensuche ins Übernatürliche nährend. Für manchen Zuschauer eventuell ein bissl zuviel Märchen, aber wie auch immer die Fügung verläuft: Bei Schmidts Verhältnissen muss man halt festhalten, wenn überhaupt mal dramaturgische Entwicklungen stattfinden (und dennoch Spontanitäten wie die Story um Raphaelas Ex-Boyfriend einbaut) – und in diesem Fall geraten sie zu einer deftigen Passion gegen die/mitten in der Entfremdung. Klingt ein bisschen nach Tsui Hark.


Jason Bateman


TEEN WOLF 2 (Christopher Leitch, 1987) – Wo wir gerade beim Thema sind: „Wunderbare Sache, das!”, ist einer der wiederholten Sprüche im Rahmen der deutschen Synchro (womöglich von Dr. Michael Nowak?), welche diese Fortsetzung der Michael J. Fox-Wolfskanone veredelt (Das Lexikon des Internationalen Films meint hingegen, dass diese den Film erst recht ungenießbar macht - drollig). Jason Bateman ist nämlich als Ersatz dessen zugegen und erlebt so ziemlich dieselbe Storyline vom Cousin, wobei er bereits vom lykanthropischen Schicksal seinerseits weiß und trotzdem mit guten Noten allein durchs College wuseln will – nur dass ihn der unvermeidlich haarige Ausbruch an inneren Werten letztendlich nicht zum Basketball, sondern in den Boxring führen. Selbst die moralische Reagonomie, sich im Ehrgeiz nicht nur auf die naheliegende (athletische) Kurzfristigkeit und Popularität zu verlassen, sondern auch wirklich was für sein Umfeld zu leisten; Disziplin, Wissen und natürlich Menschlichkeit zu beweisen: Altbekannt und -backen. Und davon gab es noch eine TV-Serie? Wie dem auch sei, wegen der internen Wiederholung kommt hiesiger Teil scheinbar nie gut weg und obwohl man durchaus argumentieren kann, dass der Vorgänger zudem mehr Schauwerte und (streitbar) Verquickungen anbot, lief der zweite Wolf dann doch noch mehr zur spaßtreibenden Hochform auf. 


Das liegt einerseits an der inhärenten Honkigkeit der ewigen Spackenvisage Jason Batemans, andererseits an der vollen Blödelladung im verbalen Umgang binnen der Jungs und Mädels, die solche Laberschöpfungen wie „Saudische Kurzsocke, ein sehr seltener Fuppe“, „Wenn der seinen Büffel parkt, staubt’s“ und „Kröte am Mitttag, Pech am Dritttag“ beinahe im Sekundentakt liefert. Macht umso stärker Bock, da allesamt auch als Pointen frischer Frechheit gegenüber den fiesen Dekan, den Raudis und verwirrten Hormonen hinhauen, also muss man hier keinen Brunnemann-Overkill erwarten. Dennoch empfiehlt es sich, die eine oder andere Flasche Promilleverstärker mitzunehmen – insbesondere, wenn es auf das letzte entscheidende Match zugeht, das vermutlich ein Drittel des gesamten Films einnimmt. Vorher gibt’s jedoch eine Montage mit „Send me an Angel“ von Real Life – eine schicke Überraschung und Rückblende zur Filmabend-Legende „Rad“! Sind solche externen Faktoren (sowie der ohnehin bewährte, hier zeitweise recht abwegige College-Schabernack) dafür zuständig, dass der zwote Wolfsbursche bei uns so wirksam glückte? Mag sein, aber man erinnere sich: Alkohol konnte z.B. „Nukie“ jüngst nicht retten – jeder Fall ist anders und dieser hier feuert gehörig Juxpower ins Freundschaftsband.

Sonntag, 14. Januar 2018

Tipps vom 08.01. - 14.01.2018


Liebe Leser,

nun schau mal einer an, ich habe seit langem mal wieder einen neuen Post innerhalb einer Woche nach dem letzten zusammengekriegt. Unglaublich, dass ich mir das selbst beweisen musste, aber in diesem Fall klappte es vor allem dank meiner neuesten Methodik, jede Filmbesprechung auf eine reguläre Notizseite zu beschränken - handschriftlich wohlgemerkt, damit sich nicht so viel im Nachhinein verändern ließe. Das hat doch Potenzial für die Zukunft, newa? Mir ist natürlich bewusst, dass es noch eine abgespeckte Version von dem ist, wie es zu manch anderen Zeiten hier abging, ich hoffe, dass ich da nicht euren guten Willen mit überstrapaziere. Aber nichtsdestotrotz, bevor wir uns den jüngst versammelten Empfehlungen widmen, möchte ich noch einige Bonusmaterialien erwähnen, welche ich über die Tage besonders genossen habe. In erster Instanz sei da der Audiokommentar Mike Siegels (der Mann, der immer frägt sagt) auf der neuen Blu-Ray zu Sergio Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“ genannt, welcher sich recht gemütlich dem technischen Know-How und biographischen Einzelheiten jener Produktion widmet, freimütig oft ins Detail geht und den Kern damit umso größer schürt, bis dann auch noch pralle Zitate die Schnüre legen. Es zeigt sich eine ganz bescheiden agierende Liebe zum Sujet (selbst der Hinweis auf Filmfehler ist eine sehr versöhnliche Angelegenheit), gepaart mit der richtigen Portion „Ich finde es scheiße, dass...“, die ich mir dann auch spontan zur vollen Länge gab. Und dass die Abtastung einer zeitbedingt verranzten 35mm-Kopie des Films ebenso an Bord ist, stimmt umso froher.


An zweiter Stelle möchte ich sodann das Bonusmaterial der 3. Staffel „Twin Peaks“ hervorheben, an dem man gut und gerne den ganzen Tag aufopfern mag, so wie sich die Behind-the-Scenes-Impressionen des Jason S. zu knapp 5 Stunden ballen. Der Rahmen dazu gibt sich als außerweltliche Fly-on-the-Wall, was entgegen bloßen Footage-Abarbeitens einigermaßen gut als Wahrnehmungssubversion/-Obsession gen inszenierten/echten Lebens funktioniert. Ab und an wirkt es auch kitschigst verkopft, wenn es davon ausgeht, dass einem der Kontext zu allem Gezeigtem nicht bekannt wäre. Sehr stark dagegen ist der Eindruck davon, wie David Lynch Regie führt und welch Ekstase selbst dort zu Tage tritt, wie er seine Mitwirkenden in Stimmungen lockt und stürzen lässt. Zum Ende jedes fertig gedrehten Parts gibt es sodann ein Abschiedsritual und man hängt da wie jeder Anwesende mit drin in Geschehen und Emotionen. Größtenteils bleibt dieses Werk vermittelter Transfixion natürlich ein Porträt des Regisseurs an sich und da wird es intim in Überlänge, auch frustrierend bei manch Produktionsumstand. Dann ist man auch mal am Set-Runnen zuhaus, wenn die Erkenntnisse länger auf der Maloche ruhen bleiben - bei aller vorgezeigten Schaffensstärke findet man dennoch ein Gros an Inspiration, kann ich nur empfehlen. Übrigens, es gibt nun auch endlich einen Termin für die deutsche Veröffentlichung der Heimkino-Variante jener Staffel - und zwar der 22. März! Vormerken und nachmerken, jajaja!

Gut, die Geschichten sind durch, nun folgen noch zwei Erlebnisse aus meiner Welt der Träume, welche ich die Woche schon über Twitter geteilt hatte. Danach legen wir aber mit den Filmen los, versprochen - ich möchte die hier nur chronologisieren, damit ich zum Ende des Jahres nicht wieder solange nach ihnen suchen muss:


So, genug der totalen Erinnerung, jetzt kommt das Spektrum an vorbehaltsloser Empfehlung (u.a. geborgen aus dem letzten FILMABEND via Siegfried Bendix sowie dem auf Twitter und Co. stattfindenden #Japanuary) zu euch in Herz und Hirn - möchte ich jedenfalls hoffen. Dabei biete ich wieder zwei Varianten an, wie man sich diese einverleibt - einerseits kann man aufs jeweilige Bild klicken und von dort aus lesen/vergrößern, etc.; andererseits habe ich wieder eine Videovariante produziert, in die ihr unten anklicken und reinlauschen könnt, wie ich die berüchtigten Texte vorlese. Ich bin mit den Formaten noch in der Testphase und kann mir vorstellen, dass sich eins in Zukunft an dieser Stelle durchsetzen wird - oder auch ein ganz anderes? Welches nur? Müsst ihr mir sagen! Schnuppert mal rum, jetzt!^^


(Robert Sigl, 1989)

(?, 1965)

(Tetsuya Yamanouchi, 1966)

(Hideaki Anno & Shinji Higuchi, 2016)

(Karl Hartl, 1937)

(Eckhart Schmidt, 1986)

Und hier haben wir die Videovariante für jeden, der meine enorm idealisierte Handschrift beim besten Willen nicht entziffern kann und sich sowieso wundert, ob sich mein Stoff überhaupt vorlesen lässt:



BONUS! Filme, zu denen ich was zu sagen habe und die es diese Woche nicht in die reguläre Tipp-Sparte geschafft hatten oder halt noch ergänzend hier stehen, weil ich letzten Endes mehr Zeit über hatte:

DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (Wolfgang Staudte, 1946)
Hätte ich gerne in längerer Textform empfohlen, da die Nachkriegseindrücke weit kritischer ins Mark gehen als z.B. „...UND ÜBER UNS DER HIMMEL“, doch den tief verwundeten Abgleich aus Nihilismus und Hoffnung erlebt man am besten in seiner Stimmung an sich, als dass ich diese polemisch wiedergeben müsste. Im Endeffekt halt auch trotz aller Kernigkeit wie zeithistorischen Relevanz in der Kontinuität des UFA-Stils angesiedelt, zum Schluss hin zudem etwas daneben gegangen in Sachen mutiger Darstellung (Wozu diese Modellaufnahme z.B.?).

STORM HUNTERS (Steven Quale, 2014)
Ein typisches Prozedere an Katastrophenfilm-Topoi wirbelt als souveränes Spannungsstück durch den Mittelstand Amerikas. Das heißt, dass es reichlichst um Familie geht, aber auch um mediale Reizüberflutung/Ethik, da die Wetterwissenschaft inzwischen Infotainment in allen Klassen hergibt, so wie jene Katastrophen alljährlich die USA heimsuchen. Das Klima zwischenmenschlicher Konflikte löst sich dann auch „San Andreas“ nicht unähnlich in knackigem Hypermelodram auf und bietet Handheld-Bilder an potenziellem Albtraumfutter, was weit mehr fordert als von der Tele5-Prämisse zu erwarten wäre.

HIDE YOUR SMILING FACES (Daniel Patrick Carbone, 2013)
Ach ja, der atmosphärische Konzeptfilm unter 80 Minuten. Man weiß bei dem Genre meistens schon im Voraus, dass man gen Schlussakt die Sekunden runterzählen wird, wann das Werk die Gefühlsprämisse auserzählt hat - und da ist dieses US-Indie-Kintopp nicht allzu verschieden von seinen Epigonen, auch wenn es sich engagiert auf Coming-of-Age-Stationen jener Sorte einstellt, in welcher man Tod und Verlustängste reflektiert. Das ist natürlich künstlich geballter Diskussionsstoff, im bewährten Stil der Stille gebettet, aber zeitweise authentisch im Grusel vorm Inlandselend wandernd. Die Bärenszene gibt aber den Tiefpunkt dessen ab.

DER KLEINE aka DIE STADTWÖLFE (Klaus Lemke, 1983)
Der Münchener Prototyp von Lemkes eigenem „Die Ratte“, wenn man mal davon absieht, dass keine so reißerische Triebkraft wie Thomas Kretschmann zugegen ist. Macht sich sodann naturalistischer auf die Socken, Milieus und Nacht- wie Tagbegegnungen im schnellen Erfolg auf-/untergehen zu lassen. Der Road Runner gibt dazu das perpetuum mobile auf dem Soundtrack, doch der Film kann's nicht lassen, eher strukturorientiert zu agieren, als dass er sich, seine Figuren und deren gewohnt ambivalenten Männermythos aus distanzierter Tristesse hieven kann.

DER INDIANER IM KÜCHENSCHRANK (Frank Oz, 1995)
Da hatte mich die ganze Zeit irritiert, wie doof das Hauptkind immer frontal in die Kamera glotzen musste, ansonsten war der Film ja eine schön innige Seltsamkeit an Buddy-Movie binnen des multikulturellen New Yorks. Per tricktechnischem Zauberkasten werden Grenzen und Möglichkeiten der Freundschaft gelehrt, Respekt und Zeitpunkte des Abstands, zudem es ganz nebenbei noch um die kulturhistorischen Kernsätze/Versäumnisse amerikanischer Simultanheimat geht. Hat sich gefühlsmäßig aber mehr von E.T. abgeschaut, als ihm gut getan hätte.

SKINNER ...LEBEND GEHÄUTET (Mark Herrier, 1991)
Diese Hommage ans Horrorkino der Gimmicks ist beinahe Richtung „Demoni“ oder „Matinee“ unterwegs, als waschechte Liebeserklärung zu begeistern, doch ehrlich gesagt war nur der erste Fake-Film ein Sonderschmaus, während der Rest allzu frustrierend billig abgefrühstückt wurde. Die Phantom-Der-Oper-Variante der Rahmenhandlung hätte eben nur als Gerüst für episodenhafte Topoi-Sammlungen getaugt; sobald sie für sich selbst Nervenkitzel erzeugen soll, kommt die Inspiration zu unentschlossen - mal übernatürlich, mal als Standard-Slasher. Als naives B-Movie ist POPCORN (so der Originaltitel) trotzdem nicht zu verachten.

TIGER, LÖWE, PANTHER (Dominik Graf, 1989)
Eine deutsche Fingerübung, an Woody Allen ranzukommen - hastig in seiner wortgewandten Konfrontation der Neurosen, Mann/Frau enervierend, bittet der Film den Zuschauer also, sich hinten anzustellen. Er muss nämlich jetzt sein Theater durchziehen! Die Hysterie reißt nicht ab, Regisseur Graf bleibt entsprechend flott im Schnitt und scheucht sein Ensemble kultivierter Uneinigkeit mit stets direkten Ansagen ins Amerikanische. Die Erkenntnisse sezierter Beziehungsfragen reichen von Ironie bis Frust, sind aber eher durchstilisiert denn involviert. Kann aber sein, dass an dem Film bewusst eitle Witzfiguren vorgeführt werden sollen - bin mir noch nicht so sicher.

HANNAH TAKES THE STAIRS (Joe Swanberg, 2007)
Mumblecore ohne besondere Vorkommnisse. Greta Gerwig und Mitspieler sind wie so oft bei Swanberg full frontal nude, legen dementsprechend die Seelen offen, wie weit Depressionen zurück bzw. in gegenwärtige Zweisamkeitsdilemmata (gleich 3 hintereinander) reichen. Der Gesprächsstoff dazwischen ist in seiner Beiläufigkeit leider etwas dolle distanziert und mit dem laschen Aufhänger eines TV-Writers-Room ausgestattet, umso lieber hat man die stichfesten Selbstzweifel und Strukturen hemmender Rücksichtnahme, selbst in ihrer eher sporadischen Anwesenheit. 



Huch, warum ist der Bonus nochmal so ein Riesensegment geworden? Na was solls, ich habe geliefert, ihr dürft nun entscheiden: Soll ich den Blog so in Zukunft halten? Braucht ihr bei den regulären Tipps beide Präsentationsformate oder seid ihr mit einer Variante der Empfehlungen zufrieden? Oder soll alles doch wieder so werden, wie es früher schon einmal war? Weiß ich selber grade am wenigsten, so helft mir doch auf die Sprünge, diese Beschäftigungstherapie sinnvoll zu nutzen! Wie immer meine ich es nicht so dramatisch, aber ihr wisst ja: Wer kein Feedback bekommt, wird Katzenfutter. So oder so vielen Dank, dass ihr es wieder bis hierher geschafft habt - solch treue Leser sind auch nach all den Jahren an Blog-Aktivität meinerseits stets sehr geschätzt, kann ich nicht oft genug beteuern. Stellt euch an dieser Stelle ein pochendes Herz vor und man sieht sich dann beim nächsten Mal, wenn nicht sogar zwischendurch wie gehabt auf Facebook, Twitter oder Instagram (jetzt mit Live-Lesungen zu unregelmäßigen Zeiten!).

Sonntag, 31. Juli 2016

Tipps vom 25.07. - 31.07.2016



WENDY AND LUCY - Kelly Reichardts Film hat vielleicht ein Problem, das allen Werken mit formaler Stringenz anheftet, die Anstrengung subtiler Qualitäten spürbar macht und mit einiger eindeutiger Symbolik (siehe frei fliegende Vögel) Richtung Konzept arbeitet - es nennt sich in diesem Fall Gleichförmigkeit. Mit einer Laufzeit von 80 Minuten hat sie sich allerdings auch einen Zustand zur Darstellung auserwählt, der dies auch motiviert und in seinem Schmerz nur schwer die Bewegung erfordern kann. Michelle Williams als wenig freiwillige Ausreißerin Wendy kommt sodann verloren in Oregon an; die eher erhoffte, aber kaum garantierte Hoffnung auf eine Zukunft in Alaska im Auge. Die Finanzen dazu sind haargenau ausgerechnet und doch aufs Knappste bemessen, auf die Hilfe anderer hat sie gelernt, zu verzichten, so wie ihr das Scheitern und die fehlenden Ressourcen anderer, sich ihrer anzunehmen, allgegenwärtig geworden ist. Die Aufklärung zu dieser Persönlichkeit ist weniger in der Nacherzählung gegeben, viel mehr präsentiert sich der Prozess stellvertretend im Handlungsverlauf, der per Minimalismus davon berichtet, wie schnell, einfach und unbemerkt Brutalität gegenüber dem Individuum entstehen und wie lange es im Gegenzug dauern kann, die Sicherheit dazu wiederherzustellen, wenn es denn nicht schon zu spät ist.


Der provinzielle Frieden der Umgebung wird da gewiss keine Sicherheit, eher zum Stigma der Zufriedenheit zum Gegebenen, in das man sich nur einordnen kann, wenn ein Ehrgeiz initiiert oder forciert wurde, der selbst in den kleinsten Abteilungen seine Position zu verteidigen versucht - sei es nun der Supermarkt-Mitarbeiter, der einen voller Pflichterfüllung für geklautes Hundefutter zur Anzeige bringt oder der Werkstattmechaniker, der einem sonst was erzählen kann, um seine Kompetenz am Preis zu beweisen. Man kann es ihnen nicht zur Last legen, dem Außenseiter ist damit jedoch nicht geholfen, weshalb es noch umso mehr beglückt, wenn die kleinen Selbstverständlichkeiten der Güte noch vorherrschen, selbst in Reichardts nüchterner Erfassung einer amerikanischen Realität, in der Heimatlose an der Bürokratie vorbei unverkäuflich, eben nicht vermittelbar werden - „You can't get a address without an address. You can't get a job without a job.“. Der Halt bietet sich Wendy ebenso durch Hündin Lucy an, deren unbedingte Treue auch über die kaputte Karre hinweg hilft und doch einem Leid tut, wenn sie nicht ordnungsgemäß gefüttert werden kann. Die Verzweiflung im Angesicht dessen holt Konsequenzen hervor, die Wendy selbst diesen letzten Besitz aber strittig machen und auf die Suche schicken, die Angst vor dem ultimativen Verlust nicht Überhand nehmen zu lassen. Der Aufwand multipliziert sich für den Mittellosen aber nochmals erheblich und so fiebert man automatisch mit, wie nah die Aufgabe anstehen könnte, genauso wie trügerisch die Idylle wird, wenn sie nichts an der Einsamkeit zu verbessern vermag.


Das soziale Statement daran ist wohlgemerkt eine Reflexion seiner Entstehungszeit, um 2008 herum noch ein Stück vor der versprochenen Wende der Armutsbekämpfung durch Obama eben in der Ungewissheit angesiedelt, die dem Mangel finanzieller Sicherung entsprang und die Leere im Land unbegrenzter Möglichkeiten aufschwemmte. Arm gegen Arm erscheint auch hier in seiner bitteren Unmittelbarkeit aus Traumata und Trotz, mal im ermatteten Mitleid, mal in androhender Psychose. Die Unaufgeregtheit Reichardts im Blick darauf kann sich jedoch nicht unauffällig geben, die Ambivalenz anhand dramaturgischer Mechanik zu erreichen, selbst wenn ihre Subtilität daran filmische Romantisierung vermeidet und Eskalationen dem Wesen ihrer Protagonisten anpasst, sprich das geringste preisgibt, so präsent die Brüchigkeit unter der Haut erscheint. Erfreulich dagegen ist die Präsenz der Wärme, wie sie u.a. der Wachmann beim Walgreens repräsentiert, der tagein tagaus von Wendys Weg erfährt und ebenso nah am Mindestlohn die Unterstützung aufrecht erhält, selbst wenn diese nur in der kleinsten Zelle bestehen kann. An solchen Faktoren kann Wendy ebenso noch ihr Glück erfahren, doch in weiter Distanz dürfte selbst das vergänglich werden. Gut, dass Reichardt in ihrer Inszenierung trotz allem nüchternen Realismus nicht auf Distanz setzt, sondern durchweg in der Nähe bleibt, in der festen Perspektive dazu direkt am Schmerz sitzt und doch den Voyeurismus eines Misery-Porns vermeidet, welcher sich eher noch am Nihilismus hochschrauben würde. Eine Katharsis ist so oder so nicht gegeben, nur noch das Lebenszeichen des Summens.




OUT OF THE BLUE - Was passiert da nur für ein Urknall der Schuld, aus dem Nichts und aus Versehen in ein lebenslanges Urteil geschossen, selbst wenn es nur als Unfall gewertet wird. Dennis Hoppers dritte Regiearbeit reißt direkt mit, holt den Verlust der Unschuld nicht nur sinnbildlich im gespaltenen Schulbus ab und verfrachtet diese zum Limbus ins trostlose Americana Ende der 70er Jahre, einem mittelständischen Provinz-Horror der vergessenen Arbeiterklasse, in dem eine gescheiterte Existenz eben nur als solche bleiben darf. Hoppers Blick stilisiert in jenen Verhältnissen schon schnell ein Gefängnis immer wiederkehrender Orte, begrenzter Möglichkeiten und vor allem den Grad stehengebliebener Einwohner, die das Träumen längst abgeschafft haben, an der Bindung zur Familie eine unmögliche Aufgabe erleben und stattdessen die Selbstzerstörung initiieren. Die sofortige Tristesse muss sich da gar nicht mal offen zeigen, doch das Familienhaus der 15-jährigen Cebe (Linda Manz) birgt neben der starren Fassade bereits die desolate Erinnerung im Hinterhof, den einstigen Truck des Vaters Don (Hopper), welcher vor Jahren im Beisein der Tochter durch einen quer stehenden Schulbus voller Kinder raste.


Nicht weit entfernt von jenem Trauma und einen Halt in der Einsamkeit kompensierend, findet Cebe allerdings eine Persönlichkeit der wilden Impulse, der Gegendarstellung des kaputten amerikanischen Traums im Rock'n'Roll, speziell zwischen Elvis und Punk angesiedelt. Diese Art sorgt durchaus kess für Aufsehen, als androgyner Macker Establishment, Schulalltag sowie die Langeweile der Abendunterhaltung aufmischend, obgleich ihr Rebellentum nicht allzu ernst aufgefasst, eher verniedlicht durchgewunken wird. Ihr Arsenal an Phrasen und Vorbildern bringt (von der Psychologie her nicht grundlos und erst recht nicht bloß als Trend-Trittbrettfahrer) auch manch Automatik mit sich („Disco sucks!“), aufrührerische Derbheiten prallen am jeweiligen Gegenüber ab und selbst wenn das Sorgenkind in ihr ausreißt, um den Punk zu leben, wird sie kaum wahrgenommen. Ihre Flamme brennt lichterloh, doch innerhalb verbrannter Erde ist's schwer, aufzufallen oder mit geballter Power anzuecken, der Einsamkeit zu entweichen. Der Nihilismus der anderen kann höchstens noch den sexuellen Nutzen des Menschen an ihr feststellen und insofern setzt der Film vielerlei Zeichen, an denen die Ausbeutung droht oder permanent im Hintergrund geschieht, bis sie sich den Figuren ins Gedächtnis eingebrannt hat, so wie man ihr in jenem Gefängnis nicht entkommen kann, die Abstumpfung erfährt.


Hopper schießt sich dennoch nicht auf eine Exploitation der Armut ein, kommt mit einer zärtlich bewegten Kamera auch zum Gefühl vermeintlicher Sicherheit (u.a. auf dem Rücken eines Pick-Up-Trucks) und der Hoffnung, dass eine gewisse Stabilität zu einem Quäntchen Glück führen könnte - selbst in kleinen Späßen, wie der gleichzeitigen Nutzung von zwei Telefonhören beim Gefängnisbesuch. Sobald die Rückkehr von Don aber ansteht, scheint die Überschwänglichkeit daran fast schon das Schicksal des Vergänglichen zu besiegeln, wenn kontinuierlich klar wird, wie wenig mit der Euphorie anzufangen ist und wie schnell man in die alten Muster zurückgedrängt wird, wenn die Vergangenheit stets erneut hinauf beschwört wird. Zur Gnade sucht man sich noch ein Familienpicknick, doch die verklemmte Heroinsucht der Mutter kann sich nicht an jene vorgespielte Idylle anpassen, der alles andere als trinkfeste Vater nicht an die Baggerarbeit auf der Müllhalde, die Ideale eben nicht an der Realität, wenn die Stagnation der Umwelt dazu zwingt, ob nun durch anklagende Hinterbliebene oder alte Freunde des kollektiven Versagens binnen des Suffs im Country-Club. Das Pendel des Leidens schlägt hier zwischen den Generationen aus, so ordnet Hopper auch seine Sozialstudie als Balance à la No Future an, die aus ihren Verhältnissen Gewalt und Dynamit herauswachsen lässt.


Dennoch wagt Cebes junge Anarchie stets den Sprung gegen den Status und die spießige Verrohung im Käfig des Immergleichen, der Film sucht ebenso den verbliebenen Zauber in der Melancholie, die dem Gescheiterten noch seine letzte Würde verleiht, während Hopper am reellen Schrecken Spannungen feststellt, die gerade binnen nüchterner Gefilde geißeln. Die beachtliche Authentizität in jenen dargestellten Faktoren nimmt zwar nicht permanent die Gelegenheit wahr, sich zu verdichten, so wie diese ungefähr geistige Nachfolge zu „Easy Rider“ auch dessen Ziellosigkeit teilweise verinnerlicht, teilweise die Nähe mancher Figuren zu vernachlässigen droht. Die zentrale Empathie bleibt jedenfalls dieselbe; die Möbius-Schleife des amerikanischen Untergangs hin zum Familiendrama voll brutaler Töne hinter den Wänden; das Eigenheim als Jailhouse Rock, welchen man mit Schmalzlocke und Lederjacke abzuwehren versucht; die Zerstörung als Fest im permanenten Sterben. „It's better to burn out than to fade away“, solange man nicht vergessen bleibt; konsequent dagegen sowie damit arbeitet, schockt und bricht, was einem nie verziehen zu werden scheint oder was einen kaputt gemacht hat. Weniger bitter wird es dadurch aber auch nicht, die Narben bleiben, aber immerhin mit Sicherheitsnadel in der Wange.




WIE DIE WELTMEISTER - Drei Stationen peilt Klaus Lemke an, um die Abenteuer eines Gerichtsvollziehers abzusegnen, der aus der Provinzialität oberbayrischer Kuhdörfer in die Großstadt München kommt und letztendlich ins existenzielle Extrem Berlins gelangt, unmittelbar an der Mauer zum weltlichen Brennpunkt - der Titel des Films ist nun mal Programm und legt dazu ein Tempo von unter 80 Minuten vor, an dem sich die Anarcho-Komödie im Schafspelz schüchternen Dialekts aufbretzelt, stilecht u.a. Karl Valentin gewidmet. Mit Wolfgang Fierek als von einem Arbeitsplatz zum anderen gehetzten Franz Paul Bielek hat Lemke dabei wie in „Arabische Nächte“ dem Typen entsprechend einen Mann der Unschuld im Zentrum - nicht gerade ein harter Macker, zumindest gewitzt in seinen Einfällen und doch an Durchsetzungsvermögen mangelnd. Ein Underdog in unbeliebtester Berufslage - das liefert schon früh Passagen der passiven Feindschaft anhand von Bauern und anderen Kleinunternehmern, die ihm entweder aus dem Weg gehen oder auf der Straße fast überfahren. Später in München wird sich das auf Fälle ausweiten, die voller Kreativität am Betrug üben und entgegen der Pfändung Versteckspiele anzetteln. Auf dem Weg zum Kapital oder zum Schutz der letzten Kröten ist jeder eben flott wie die Weltmeister, selbst Nonnen geben sich da sportlich in der Disziplin der Täuschung, ohne dass Lemke daran klerikale Kritik zu üben vermag.


Viel mehr zeigt er da schon den Schelm in jedem von uns, holt dafür sogar sich selbst darstellende Personen des öffentlichen Lebens heran, unter denen auch Produzent Michael Fengler eine selbstverballhornende Produktionsmannschaft durch die Flure am Bielek vorbei jagt. Die nachvollziehbaren Fluchtspäße vor dem Finanzamt schmälern jedoch gleichsam nicht die Sympathie zu jenen Misserfolgen des Gerichtsvollziehers, der hart schuftet und trotz aller Einfälle dennoch mit den Nerven blank liegt. Selbst das Angebot der Beischlafsentschädigung durch Sibylle Rauch ist für ihn nicht drin, denn hinter dem schmucken Unglücksritter wartet noch die Treue zur Verlobung mit der anspruchsvollen Lebefrau Traudl (Cleo Kretschmer), die ihm aber voller Ungeduld und Eifersucht hinterher kommt, ehe er überhaupt eine Wohnung in München gefunden hat. Na gut, er selbst findet auch nicht die rechte Zeit, sich mit ihr zu beschäftigen, obwohl er's könnte und das wird ihm schließlich auch zum Verhängnis, so chaotisch sein Werdegang abgeht, dem ihn seine Chefs (u.a. Kurt Raab) womöglich mit eher trotzigen Hintergedanken bereiten. Die Deutung wäre gar nicht mal so unwahrscheinlich, wenn man den sonst auch recht brutalen Männerschlag binnen dieses Films betrachtet, der zwar für komische Kontraste sorgt, aber nicht von ungefähr Alltagssadismus und sogar Klassenkampf exemplifiziert.


Eine Rettung kommt wie so oft bei Lemke durch das Wesen Frau und dies wird dringend nötig, sobald Bielek mit dem Zug nach Berlin kommt und im Nachtwagon eine Leiche sowie vertauschte Koffer empfangen muss. Zwei dufte punkige Mädels erkennen ihn unter den ganzen Bonzen sodann als die unbedarfte Screwball-Type an, die viel zu nett ist, um diese aus den Lebenslinien zu streichen, da sind sie sodann aber auch dauernd zufällig am Start, um ihm (quasi aus reiner Nächstenliebe, gegen das Klischee asozialer Punkgören) aus der Patsche zu helfen, wie Lilo Wanders in „Die Ratte“ Gangstern ein Bein zu stellen, damit er einen Vorsprung erhaschen kann. Zudem kommt er zu Fortbildungszwecken in einer Damen-Pension unter, die sich im Zwielicht genauso schelmisch und mysteriös für ihn interessiert, während die Experten im Institut (bezeichnenderweise gleich neben einer Bestattung an der Mauer) die grundlose Empfehlung inkl. Monokel ausspucken, einen Tag später wiederzukommen. Der Druck vervollständigt sich da am ohnehin schon gefühlsintensiven Wechsel, der in Bayern noch solch einen Rock'n'Roll zur Frechheit ausstellte, der genauso gut aus der urigen Spießigkeit der Griswolds tönen könnte, in Berlin aber der New Wave in all ihrer sprunghaften Melancholie weicht - laut Abspann: Motels, Gina X, The Rovers, Ideal, Jan Whodidit und Aaron Strobel.


Der Sound holt erst recht das Feeling verlorener Nächte raus, in denen sich Bielek verirrt wie auch Lemke viele Szenarien in ihrer Ungewissheit auf Zack hält, auf das Wesentliche konzentriert und trotzdem nochmals keine Dramaturgie mit Deutungsabsicht ins Zelluloid meißelt. Wie essenziell es stattdessen eben sein kann, wenn das Durchhaltevermögen im Arbeiterschicksal personifiziert wird, die Jagd nach dem Leben (durchs KaDeWe) vor lauter Angst doch noch am Spaß teilnimmt und flapsige Sprüche fern jedes Zynismus einwirft, während die Damen mit deftigem Mundwerk ihren Spaß haben und den Traum des verprassten Geldes leben, wie man die Freiheit der Jugend eben im Idealfall feiern will. Den Punk in der Limousine kutschieren, das war auch später noch Motiv bei Lemke, genauso die Empathie, die jenseits des glatten schwarzen Lacks herausgeholt wurde. Das bringt die Art von magischen Momenten hervor, die an anderer Stelle von mehr oder weniger blöden Gags erfüllt sind und müde Trottel vorführen, um die „Weltmeister“ nochmal komödiantischer herausstechen zu lassen. Jenes Konzentrat an Humor zündet aber nicht so schön wie der langsam in den Bahnhof einschlängelnde Express der absehbaren Schuld binnen der Mauerstadt, die wild wedelnden Brüste im Disco-Tanz, das fingierte Schlafwandeln im Hotel-Dekor wohlig umtrunkener Beleuchtungen oder eben der sprachlose und unfaire Hass der Traudl, auf welche Bierek mit seiner Glatzkopf-Isabell irgendein Ende erwarten könnte, aber...das muss man sehen, was die Zukunft so bringt, wenn man in jenen Tagen nach Berlin kommt. An Verständnis und Abenteuer wird es wohl nicht mangeln, doch die Welt zu stemmen, ist eben auch keine Lappalie, auch wenn es der Film vom kleinen Manne aus betrachtet.


Bonus-Zeugs:




LEGEND OF TARZAN - "[...] Das politische Mantra des Films schenkt diesem seine wahrhaftigsten Ansätze, einen geerdeten Bezug aus dem Fantastischen ins Profunde zu erreichen, das Individuum zur Empathie mit dem kollektiven Leiden und der Hoffnung auf eine Union der Völker zu bündeln, durch die Tarzan quasi als Superheld der Steppe agiert. [...] Allerdings beißen sich jene Ambitionen mit Zugeständnissen, die für Abenteuerflair sorgen sollen, dem innewohnend Genuinen jedoch ein Bein stellen. Dies fängt in der vielfachen Nutzung von Greenscreens an und hört gewiss nicht bei cartoonhaften Computertieren auf, ehe eine CGI-Version Tarzans an Bäumen und Ranken vorbeifliegt. [...] auch da der Film in seiner passiven Schaltung auf pseudo-epische Elemente daran scheitert, die Geschichte der Motivation ihrer Figuren anzupassen, an vielerlei Stellen spart und stattdessen Eindrücke eines stumpfen Befreier-Märchens bringt [...]"


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GHOSTBUSTERS - "[...] Das Medium Film (wird) am energischsten als Werbefläche verstanden, in der sich nicht einmal ein Konsens-bedienender Regisseur wie Feig frei bewegen und Inspirationen schöpfen kann. Prominente Auftritte von Sony-4K-Camcordern, Pringles, Viacom und 7-Eleven ballen sich im obligatorischen Bombast-Finale auf dem Times Square, wie auch parallel die Menge an Geistern und anderer paranormaler Erscheinungen im CGI-Gewand zunehmen, ohne dass jemals eine echte Konsequenz für unsere Protagonistinnen zu spüren ist. [...] Größtenteils hat man eine Emulation dessen vor Augen, was in Grundzügen einmal funktioniert hat und sich nun bemüht, als Komödie in einem Konzept Fuß zu fassen, das eine völlig andere Chemie voraussetzt. [...] Einfallslos kaut er in einer Handvoll leerer Studiokulissen Massen an Etablierung durch, um einerseits Gadgets (Spielzeuge fürs Merchandise) aufzubereiten und andererseits Mängel in Inhalt und Tempo mit Mythologien und Witzen zu kaschieren. Letzteres mag die gelungenste Eigenart sein, durch die das Zusammenwirken seines Geisterjägervierers eine Dynamik unter sich, eben Freiraum zur Sympathie erzeugen kann. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)