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Sonntag, 22. April 2018

SIGGIS CHOICE - Filmabend April 2018, No. 1 (Tipps vom 16.04. - 22.04.2018)

Dagmar Lassander, Raimund Harmstorf, Sibylle Rauch

Liebe Leser,

nun sehen wir uns doch ein bisschen früher wieder, als es in den letzten Wochen der Regelfall war! Das Ding ist nämlich, dass wir vom Zeitplan her gerade zwischen zwei dicken Filmabenden stecken – würde ich die Verarbeitung des ersten auf die nächste Woche verschieben, wäre ich selber zu verwirrt und würde mir zu viel Druck, quasi mehr und mehr Filme auf einmal aufdrücken. Noch ein Einblick in meine Logik: Wenn ich von einer Woche noch Movies zum Schreiben über habe, die ich besprechen will, schaue ich in der neuen automatisch weniger Filme – Arbeit und schönes Wanderwetter kommen da natürlich auch auf die Rechnung (und da war gerade letzteres nun absolut Bombe!), aber ich will mich so oder so nicht unbedingt aushungern, was den Streifenkonsum angeht. Deshalb rekapituliere ich heute in erster Linie alles, was mir Siegfried Bendix innerhalb eines regulären Filmabends und Mini-Filmabends servierte. Wunderbare Sache, das, Keule - es war eine tolle Mischung, das kann ich mit Fug und Recht behaupten! Der einzige Ausreißer in der ersten Runde am Samstag war höchstens „Ritter Jamal – Eine schwarze Komödie“. Das einzig Aufregende an dem Film war höchstens, auf die Pizza bzw. den Burger zu warten, den wir vorher bestellt hatten. Ansonsten kann ich mich nicht dran erinnern, dass Martin Lawrence mal so eine hyperdröge Pseudo-Kiddie-Gag-Reihenfolge abliefern durfte - und das, obwohl sich ihm als schwarzer Yankee am Hofe des König Artus zumindest genug Raum für einen Ulk der Kontraste bot. Da hatte selbst die „House Party“ mehr Pfiff - und die war schon voll hemdsärmeligster Aufmucker-Sabbelei. Als besserer Funnyman konnte sich daraufhin Rob Schneider bewähren, nach den „Surf Ninjas“ wieder mal im Filmabend unter der Ägide von „Judge Dredd“ zugegen! Da mir dieser schon seit der Kindheit bekannt ist, will ich hier nicht den Topfilm unter dem Einfluss der rosaroten Brille ankündigen. Er ist aber durchaus noch eine kuriose Übergangslösung zwischen 80er Bullen-Selbstjustiz-Pathos, 90er Sci-Fi-Action à la Carolco und Men-In-Black-artiger Persiflage. Allemal witzig anzusehen, wie Stallone versucht, sich da zu positionieren - ein gelungeneres Experiment seinerseits im Vergleich zu „Oscar – Vom Regen in die Traufe“, aber irgendwo auch ein bemühter Nachklapp vom „Demolition Man“. 

Martin Lawrence, Sylvester Stallone, Rob Schneider
Die berühmte "Zwei-Wort-Titel"-Reihe

Ein Film, der noch am Filmabend lief, aber nicht bei den Empfehlungen auftaucht, heißt „Blood Freak“. Der ist sogar ziemlich aufreibend, aber hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt, wie viele Filme aus der Sparte Something Weird eben überzeugen: Als Nirwana des Unvermögens, in der alles sehr langsam, enorm urig und technisch katastrophal auf den Nervenkitzel des Horrors aus ist. Allerdings geht es hier auch um einen mordenden Truthahnmann, der grundsätzlich des Marihuanas wegen zu jener Transformation gelangte und nur durch Jesus‘ Liebe gerettet wird. Filmemacher anno 2018 würden aus der Prämisse eine absichtlich miese und weit beschissenere Komödie erschaffen als das, was sich hier so angenehm ins blutige Durcheinander der Hippie-Moralkeule treibt. Allein der Besuch des angehenden Freaks auf der Truthahnfarm mit anschließender Verköstigung in Rekordlänge lässt Freude schöpfen, doch wir waren zu dem Zeitpunkt schon etwas hinter dem Horizont der Nüchternheit, also kann ich gerade nicht auf noch mehr stichhaltige Qualitäten zurückgreifen. Soll euch aber nicht von der Sichtung abhalten! 

Nicolas Cage, Joey King, Ryan Phillippe

Zwei kleinere Tipps noch vom bereits am Montag erfolgten Mini-Filmabend, wobei diese ihre Vorzüge noch sparsamer einsetzen: „The Humanity Bureau – Flucht aus New America“ muss es sich als Nicolas-Cage-Vehikel tatsächlich gefallen lassen, dass jemand anderes ihm die Show stiehlt: Jungdarsteller Lucas Weller, dem das Drehbuch (und die wie immer kostengünstige NEW-KSM-Synchro) so viele Trottelsätze und Fehltritte auf den Leib schreibt, dass er natürlich den Sohn von Cage gibt. Ups, Spoiler, egal! Es ist ja nicht so, als ob dieses dystopische Drama wirklich mehr aufbieten kann als eine lasche Melange aus „Looper“, „Soylent Green“ und „Logan“. Die einzelnen dramaturgischen Entscheidungen dazwischen hauen aber auch teilweise Abstruses raus, da stört es gar nicht mal mehr so sehr, dass das Narrativ nie so richtig aus der Exposition in die Progression umsteigen kann. Das Problem haftet zeitweise übrigens auch John R. Leonettis „Wish Upon“ an, aber ist nur das geringste Übel, das dort auffällt. Es wurde schon vielerorts darüber berichtet, wie daneben der Wünschelhorror am Teenie-Zeitgeist entlang schrammt und auch sonst mit Menschenkenntnis sowie seiner Genresprache an sich auf Kriegsfuß steht. Ich glaube nicht, dass ich da noch was Neues hinzufügen kann, außer, dass der erzählerische Flow gleichzeitig unfassbar vage, sperrig und peinlichst-auf-Kalkül-produziert ins Spektrum belehrender Spukgeschichten wandert. Solch eine abgewichste Merkwürdigkeit kann ich natürlich nur empfehlen, auch weil die Studiomasche selten so offen und taktlos ihr Baukastenprinzip offenbart. Perfekt erquickender Frust! Aber gut, dem Rest an jüngsten Sichtungen konnte ich überzeugendere Argumente abgewinnen und ich hoffe, dass ihr diese auch erkennen könnt bzw. wollt. Lest’s jetzt, schaut’s im Nachhinein, der nächste Filmabend und der Blog dazu werden bald bei euch sein!


Feel the motion, Sissy Kelling, Ingolf Lück


DER FORMEL EINS FILM (Wolfgang Büld, 1985) – Mit der Liebe lässt sich so manche Hitparade erstürmen, deswegen klinkt sie sich auch hier umso leichter in die Zeitgeist-Blödelei musikalischer Späße ein. Basierend auf der gleichnamigen TV-Sendung der Dritten bitten die berüchtigten Achtziger Jahre zum Eskapismus binnen schrillen Studiobetriebs und Stars zur Revue (u.a. Filmabend-Stammgäste Meat Loaf, Pia Zadora, The Flirts) als Grundlage fürs BRD-Teen-Abenteuer - gespickt mit Insider-Gags und Branchenklischees gleichermaßen, um welche sich die angehende Newcomerin und gegenwärtige Automechanikerin („Flashdance“ lässt grüßen) Tina Lehman (Nena-Zwilling Sissy Kelling) bewirbt und ständig abschmiert, da ihr Demo in allerlei Situationskomiken verschütt geht. Ihre Odyssee wird solch ein Ende nehmen, wie man es sich vorstellt - da macht sich Regisseur und Ko-Autor Wolfgang Büld keine Illusionen, obgleich sein romantischer Pop voll von denen ist, selbst die Persiflage der Szene und ihren mehr als zwielichtigen Managern eher auf irre Streiche und Eifersüchteleien polt. Dies turbulente Treiben funzt dennoch oder gerade dann als Zeitkapsel kunterbunter Unbedarftheit, wenn Büld so ziemlich „A Hard Day’s Night“, Jugendspekulation der LISA-Film und ein bisschen Punk koppelt, um so schier überzeichnet auf zig Anlaufstellen der Selbstfindung anno Kalter/Kult-Krieg zu kommen: 

Campino, Sissy Kelling, Ingolf Lück, Limahl, Pia Zadora, Falco, Meat Loaf

Karrierechancen und –knicke, Musterung und Praktikantinnenausbeute, die Ambivalenz des Groupie-Daseins und die hektische Kurzsichtigkeit Ingolf Lücks. Dazwischen melden sich die zur Amour verquickten Missverständnisse Stevies (Frank Meyer-Brockmann) hinsichtlich Tina, wiederum ihr Familienleben um die Neuentdeckung PC sowie die Toten Hosen auf Imagesuche. Campino und Co. betreiben dabei übrigens derart viel Faschingsrassismus, dass sie ihren Echo zurückgeben müssten. Im kritischen Rückblick bieten sich zudem die Überpräsenz von Super Dickmann’s und die Frage, ob Falco - dem ulkigsten Gastauftritt als Bindeglied zwischen Monaco Franze und Tom Cruise - jemals eine Hauptrolle angeboten wurde. Das Ganze bleibt eben mehr Show als Film, man wünscht sich mehr aufrichtige Aufmüpfigkeit und freche Schnauzen, bekommt stattdessen aber mehrmals die voll ausgespielte Musikvideo-Ästhetik. Allerdings: Wer manchmal alles aus dem Kessel Buntes springt, dürfte selbst strengsten Autorenfilm-Verköstigern imponieren und der Charme der garantiert nicht mundfaulen teen romance inkl. Verfolgungsjagden sowie schrottreifen Karren gen Finale sprudelt sich eh in Unmengen zusammen. Eine winning formula, trotz Limahl, der als Person wie immer alles Negative an seiner Ära vereint.


Xin shu shan jian xia


ZU WARRIORS FROM THE MAGIC MOUNTAIN (Tsui Hark, 1983) – Das Verhältnis von Form und Inhalt ist bei Tsui Hark schon eine sehr eigene Sache, das ist dem Leser dieses Blogs sicherlich schon einigermaßen bekannt. Da überrascht es also auch nicht, wie er die Fantasy-Folklore in diesem Fall wiederum auf den Höchstlevel allgemeiner Verunsicherung treibt. Das Chaos hat sich eingelebt: Ein Spektakel der Spezialeffekte rangelt sich um den ewigen Kampf von Gut und Böse, während die Überwältigung meist irgendwie im Auge des Hurrikans stattfindet. Alles ist stets spontan und grandios groß am Wegfetzen, während die permanente Exposition (inkl. Untertitelmassaker) um Dik Ming-kei (Yuen Biao) überhastig aus dem mythischen Nähkästchen plaudert, sich im gleichen Moment umsetzt. Dementsprechend flott erfährt dieser seine Begegnungen mit Berggeistern, übernatürlichen Meistern und Schutzherrinnen der Sterblichkeit, ehe er der unverhoffte Schüler von Ding Yan (Adam Cheng) wird, des Nächtens wie allesamt in den Flugmodus des Wire-Fu‘s umschaltet. Überirdische wie höllische Magien wirbeln den Schlagabtausch dabei so virtuos auf, dass jedwede externe Dramatik des Überblicks halber kaum probiert wird – obgleich es hier bestimmt nicht an Schicksal und Aufopferung mangelt, entgeht Hark dem Melodram weitgehend in der Gegenüberstellung mit dem nächsten surrealen Effekt.



Die Supermänner im Strudel elementarer Herausforderungen bewandern ohnehin die Grenzen von Dies- und Jenseits, der Film leistet dem Folge und stülpt seine Szenarien mit fliegenden Flammen, Portalen, geißelnden Barthaaren, Erdbeben und Doppelgängern um, dass einem knapp 100 Minuten lang die Kinnlade runtersteht. Die Frage nach dem eigentlichen Inhalt wird da Stück für Stück vergebens, was sich zwischen den Extremen an Shaw-Bros.-Wuxia und „Ashes of Time“ tatsächlich ziemlich gut verleben lässt, sowieso am ehesten damit begeistert, welche fantastischen Visionen und Nachtmahre hier vor der Linse produziert werden können, während Harks Kamera- und Schnittdynamik wie eh und je an ihren jeweiligen Grenzen wackelt. In dem Sinne gigantisch, aber eben kein episches Erzählkino (wir sind ja hier noch nicht bei „Once upon a time in China“ angekommen). Seinerseits sicher zu durchschauen ist, dass Generationen/Nationen/Geschlechter an Kämpfern ihren Frieden untereinander finden sollen, um das Gleichgewicht im Erdkern an sich halten zu können. Natürlich steht das im Widerspruch zum Augenmerk des Ausschweifens in Harks Werk, aber mit den Kontrasten geht man bei dem Herren dauernd gerne auf Tuchfühlung.


Sex Maniac


MANIAC aka SEX MANIAC (Dwain Esper, 1934) – Aus einem der frühsten Lager amerikanischer Exploitation grüßt das Panorama an Geisteskrankheit aus dem Keller/Studio und scheint sich in einem Madman (Bill Woods als Don Maxwell) zu bündeln, der sogar die Rolle seines Mad-Scientist-Lehrmeisters (Horace B. Carpenter als Dr. Meirschultz) mit Brille und Bart übernimmt, ehe er die zerfressende Schuld à la Edgar Allan Poe in sich als Gipfel einer vollends entrückten Welt rauslässt – so als wäre er den brachial reingeschnittenen Texttafeln an Psychose-Definitionstexten erlegen, krasse Konkurrenz für Moses und seine 10 Gebote! Knapp 50 Minuten lang unterwandern Prä-Sleaze-Unternehmer Dwain Esper und seine Ehefrau/Drehbuchautorin Hildegarde Stadie somit vielerlei moralische Konstanten ihrer Roadshow-Zielgruppe, machen aus Sex und Gewalt keinen Hehl, wie der Ton untereinander ebenso im moralischen Bodensatz an Verschwörung, Blutdurst, Spekulation und Hysterie angesiedelt bleibt. Die Akteure dazu bewegen sich meist wie angewurzelt im Kosmos des Spartanischen, schwadronieren aber mit dem Größenwahn, obgleich Katzen und Ratten beinahe auf Augenhöhe mit ihnen untereinander kämpfen. Alle sind eben schon ganz unten angekommen, doch selbst als Leiche hat man da keine Ruhe: 


Die Experimente mit dem Nachleben sollen wahr werden, bleiben natürlich ein Hirngespinst der Fledderei wie jene Urheber dessen auch allzu falsch in die Rolle des Psychiaters schlüpfen. Viel lieber erwarten diese aber ihre Rollenverteilung als Täter und Opfer, weshalb der Revolver schon griffbereit neben dem Einmachglas mit Hirn im Labor verstaut liegt. Solch ein Grad an paranoider Planung geht dementsprechend im Wahnsinn auf, parallel dazu ist die Unbeholfenheit der Regieführung ein absoluter Glücksgriff: Alles schleppt sich in die Ekstase niederer Impulse, die Gewalt ist so karg wie ungelenk von physischen wie psychischen Wänden eingekesselt und dann tummeln sich noch Ausschnitte aus europäischen Höllenvisionen der Stummfilmzeit zum Kopfkino der Manie zusammen. Der ständigen banalen Verbalisierung wegen bleibt keine Deutung dazu offen, umso offener blickt der Film auf Frauen in Unterwäsche und bald danach auch auf Frauen im Faustkampf mit ihren Mordsplänen, wohlgemerkt nachdem das Katzenauge von Maxwell aus der Höhle gedrückt und verspeist wurde – er hat gut lachen, selbst, sobald ihn die Bullen in flagranti stellen. Eine reichlich abgeräudete Parade der Untiefen.




DAS WUNDER (Eckhart Schmidt, 1985) – Wo der deutsche Film an sich ja schon ein netter Geselle ist, erlebt man ihn nicht selten anstrengend, ganz gleich, ob man ihn der E- oder U-Kunst zuordnen mag. Erst letztens re-störten mich Grönings „Die Terroristen“ und Kraumes „Dunckel“ mit ihrer jeweils selbstgefälligen und stumpfen Haltung ins Belanglose hinein und auch wenn dies symptomatisch für die deutsche Kultur allgemein stehen kann, bliebe was Lebhaftes abseits der Genre-Signale dann doch eher hängen. Ein hingegen gelingender Blick zurück ins Glück bietet da Schmidts Wunderwerk, obgleich der Mann sonst nun wirklich kaum was an Anstrengung ausspart. Man erwartet z.B. auch hier von Anfang an, dass Sal Paradise mit einem Track die Gesamtbeschallung stellt, doch selbst da bieten sich einfach mehr Nuancen, mehr Fallhöhen in einem waschechten Familienmelodram an. Jenes buhlt um die religiöse Wende, malt aber Kontraste in der Dissonanz laut, die vom denkbar grellen Export-Trio Raimund Harmstorf, Dagmar Lassander und Anja Schüte ins gesamte Spektrum an Liebe/Hass getragen wird. Letztere, als Tochter Raphaela, hadert nämlich mit ihrer Blindheit, findet durch Zimmermädchen Maria (Anouschka Renzi) jedoch verstärkt zum Glauben/zur Verzweiflung, alsbald in ein echtes Leben zu entkommen. 

Anja Schüte, Dagmar Lassander, Raimund Harmstorf, Anouschka Renzi

Dies ruft die Eifersucht der Mutter (Lassander) auf den Plan, während sie der Untreue des Vaters (Harmstorf) wegen schon mit Antipathie in den Tag hinein lebt. Die giften sich an, nur gehen ihre Entscheidungen öfters in die Defensive – Harmstorf spielt das am schönsten als cholerisches Muskelpaket mit Hang zur stillen Vorsicht, sobald es um die Tochter geht, welche wiederum ihre besten emotionalen Kernsätze im Stil der Stille findet. Dennoch sind alle stets geladen, kurz vor dem Suizid und sowieso beziehungsunfähig, zusammen einsam. Schmidt kurvt da mit scharfen Perspektiven in den Luxus und dessen wechselwürgende Hilflosigkeit, dass die Rettung im Sakralen im Gegenzug nicht unbedingt heimisch daherkommt, eher noch als absurderes Delirium - wenn auch gewiss nicht ohne empathischen Effekt und, noch besser, vom Reiz zeitloser Spurensuche ins Übernatürliche nährend. Für manchen Zuschauer eventuell ein bissl zuviel Märchen, aber wie auch immer die Fügung verläuft: Bei Schmidts Verhältnissen muss man halt festhalten, wenn überhaupt mal dramaturgische Entwicklungen stattfinden (und dennoch Spontanitäten wie die Story um Raphaelas Ex-Boyfriend einbaut) – und in diesem Fall geraten sie zu einer deftigen Passion gegen die/mitten in der Entfremdung. Klingt ein bisschen nach Tsui Hark.


Jason Bateman


TEEN WOLF 2 (Christopher Leitch, 1987) – Wo wir gerade beim Thema sind: „Wunderbare Sache, das!”, ist einer der wiederholten Sprüche im Rahmen der deutschen Synchro (womöglich von Dr. Michael Nowak?), welche diese Fortsetzung der Michael J. Fox-Wolfskanone veredelt (Das Lexikon des Internationalen Films meint hingegen, dass diese den Film erst recht ungenießbar macht - drollig). Jason Bateman ist nämlich als Ersatz dessen zugegen und erlebt so ziemlich dieselbe Storyline vom Cousin, wobei er bereits vom lykanthropischen Schicksal seinerseits weiß und trotzdem mit guten Noten allein durchs College wuseln will – nur dass ihn der unvermeidlich haarige Ausbruch an inneren Werten letztendlich nicht zum Basketball, sondern in den Boxring führen. Selbst die moralische Reagonomie, sich im Ehrgeiz nicht nur auf die naheliegende (athletische) Kurzfristigkeit und Popularität zu verlassen, sondern auch wirklich was für sein Umfeld zu leisten; Disziplin, Wissen und natürlich Menschlichkeit zu beweisen: Altbekannt und -backen. Und davon gab es noch eine TV-Serie? Wie dem auch sei, wegen der internen Wiederholung kommt hiesiger Teil scheinbar nie gut weg und obwohl man durchaus argumentieren kann, dass der Vorgänger zudem mehr Schauwerte und (streitbar) Verquickungen anbot, lief der zweite Wolf dann doch noch mehr zur spaßtreibenden Hochform auf. 


Das liegt einerseits an der inhärenten Honkigkeit der ewigen Spackenvisage Jason Batemans, andererseits an der vollen Blödelladung im verbalen Umgang binnen der Jungs und Mädels, die solche Laberschöpfungen wie „Saudische Kurzsocke, ein sehr seltener Fuppe“, „Wenn der seinen Büffel parkt, staubt’s“ und „Kröte am Mitttag, Pech am Dritttag“ beinahe im Sekundentakt liefert. Macht umso stärker Bock, da allesamt auch als Pointen frischer Frechheit gegenüber den fiesen Dekan, den Raudis und verwirrten Hormonen hinhauen, also muss man hier keinen Brunnemann-Overkill erwarten. Dennoch empfiehlt es sich, die eine oder andere Flasche Promilleverstärker mitzunehmen – insbesondere, wenn es auf das letzte entscheidende Match zugeht, das vermutlich ein Drittel des gesamten Films einnimmt. Vorher gibt’s jedoch eine Montage mit „Send me an Angel“ von Real Life – eine schicke Überraschung und Rückblende zur Filmabend-Legende „Rad“! Sind solche externen Faktoren (sowie der ohnehin bewährte, hier zeitweise recht abwegige College-Schabernack) dafür zuständig, dass der zwote Wolfsbursche bei uns so wirksam glückte? Mag sein, aber man erinnere sich: Alkohol konnte z.B. „Nukie“ jüngst nicht retten – jeder Fall ist anders und dieser hier feuert gehörig Juxpower ins Freundschaftsband.

Sonntag, 6. März 2016

Tipps vom 29.02. - 06.03.2016

Diese Woche sah es erneut etwas mager aus, was die Sichtung von Filmen anging, da muss ich mich entschuldigen, aber nun ja, ab und an steckt das Leben halt dahinter, da will ich keine Illussionen schaffen. Ich hab es zumindest in zwei Kinovorstellungen geschafft, auch wieder reichlich Gutes wiederholt und mich zwischendurch auch erneut an "Eine schrecklich nette Familie" herangewagt, sobald die tägliche (Schnitt-)Arbeit daheim erledigt war. Abseits dessen war die Woche ohnehin ziemlich verrückt - es fing bei den Oscars voll aufdringlicher political correctness an, dann musste sich um eine (noch immer) defekte Kochplatte in der Wohnung gestritten werden und Frau Mutter war das Wochenende auch noch zu Besuch. Alles nicht so schlimm übrigens, wie zur MRT unter die Röhre geschoben zu werden, mit einer Kanüle voller Kontrastmittel im Arm 20 Minuten lang in (gut belüfteter) Enge zu verweilen und dabei sogar melodramatisch klassische Töne à la "Opfergang" über Lautsprecher serviert zu bekommen - Galgenhumor deluxe. Doch selbst dieses Ereignis malt man sich anfangs schlimmer aus, als es eigentlich ist - es ist keine Schande zuzugeben, die Tage zuvor eine Panikattacke hinsichtlich dessen zu erleben, ahnungslos und allein den Weg antreten zu müssen. Wer es nicht selbst erlebt hat, wird die Furcht davor vielleicht nicht ganz verstehen, doch es macht schon bange, eventuell (aber natürlich recht unwahrscheinlich) die Diagnose eines Gehirntumors erhalten zu können (die Möglichkeit sollte im Rahmen der Behandlung eben ausgeschlossen werden und so war es dann auch), nur weil man vor knapp einem Monat noch mit Gleichgewichtsstörungen sowie einer Art Benommenheitsschwindel zu hadern hatte.

Wer sich mein Video zu "Chibi-Robo!" zu Gemüte führt, sieht die damit verbundene Konzentrationsschwäche und Ermattung übrigens voll in Aktion, wenn auch zusammengeschnitten wie nur möglich. Inzwischen haben sich die Symptome aber auf ein kaum noch spürbares Minimum verzogen und auf den MRT-Aufnahmen, die man mitkriegt, lässt sich auch nichts Besorgniserregendes erkennen. Wie dem auch sei, ist die Angst, die man danach hinter sich gelassen hat, eigentlich kaum noch zu toppen, von daher wird man im Nachhinein so oder so ein bisschen lockerer. Bezeichnenderweise verselbstständigte sich das bei mir sodann am selben Tag noch in einem Kinobesuch für den Western-Klassiker "12 Uhr Mittags" von Fred Zinnemann. Obwohl da in den ersten 10 Minuten irrtümlicherweise "Faustrecht der Prärie" lief, sodann für die eigentliche Vorstellung auf Digital umgesattelt werden musste, ein älterer Sitznachbar bei jedem Satz von Grace Kelly wie ein sexistischer Wicht zu prusten anfing und mein rechter Arm sich zudem noch vom Einstich der Kanüle per Muskelkater erholte, war es mir alles egal. Witzigerweise hat es Gary Cooper dabei auf der Leinwand nicht leichter, gedenkt sich dem Schergen Frank Miller (!) zu stellen, erhält allerdings keinerlei Hilfe von der Stadtgemeinschaft, für die er Jahrzehnte lang als Sheriff gedient hat - alle haben ihre nachvollziehbaren Gründe, doch die Verzweiflung unseres Helden der Rechtschaffenheit steht ihm mit wehmütigen Rhythmus von Dimitri Tiomkins Soundtrack ins Gesicht geschrieben; genauso die Abgeklärtheit, mit der er sich aus der Realität der Genügsamkeit verabschiedet und (beinahe) im Alleingang das schaffen muss, wofür ihm eigentlich genug Ressourcen zur Verfügung stehen dürften.

Quasi ein in etwa misantrhopisches Happy-End, wenn man so sagen will (auch ein Abgesang auf einen oder mehrere Western-Mythen), zumindest eins, von dem aus es sich weiter Richtung Selbstbewusstsein blicken lässt (und nicht in einer haltlos starrköpfigen und destruktiven Art wie in "Ein Mann wie Sprengstoff", ebenfalls mit Cooper); Furcht konfrontiert und bezwungen werden kann, auch wenn es nicht als Sieg herausgestellt werden muss. Also bin ich erneut vor die Kamera getreten und im fixen Durchlauf (fast alle) meine neuen Errungenschaften vom Februar binnen meiner Mancave vorgestellt. Von Ansteckern über Poster bis hin zu Büchern und natürlich Filmen ist ein Arsenal an tollen tollen Sachen vertreten (Nicht im Video, aber auch neu im Archiv: "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", "Poltergeist" - siehe hier). Das Schöne ist: Es kommt im März so oder so noch mehr zusammen und auch wenn schon meine guten Vorsätze für dieses Jahr, erst recht im Bezug auf Optimismus, vom Schicksal offenbar derartig entschieden auf die Probe gestellt werden, sind der eine oder andere Filmabend, Hamburger, Bücherhallen-Leihfundus, Freundschaften, Familie, Alf oder eben ein "Batman v Superman" stets nicht allzu weit entfernt. Es wird auch mal wieder besser und ich werde auch mal wieder mehr hier schreiben, im Moment lässt sich mit folgendem Video wie gesagt aber auch was anfangen. Und Achtung, danach hab ich doch noch eine Filmbesprechung in Textform in petto, also Augen aufhalten und viel Spaß mit dem ganzen Kram :D






SONNE, SAND UND HEISSE SCHENKEL aka JUNG, SCHÖN UND LASTERHAFT - (Gesichtet im Rahmen des BIZARRE CINEMA im Metropolis Kino Hamburg, 35mm, dt. Fassung)

Mal wieder einer von der Sorte „Genussfilm“. Wer die Reize der beiden Hauptdarstellerinnen Gloria Guida und Dagmar Lassander zu schätzen weiß, kann schon insofern erfreut sein, dass Regisseur Silvio Amadio ihnen hiermit gewiss eine Liebeserklärung schenkt. Diese mag in der dramaturgischen Dimension vielleicht mit der Sprache eines Groschenromans erscheinen und vom Budget her nicht allzu viel Aufwand sowie herzliches Schmuddelfilmflair vorzeigen (allein dieser Soundtrack), doch offene Filmfreunde empfangen derartig schludrige Präsentationen eben als freundschaftliche Bodenständigkeit, aus der sich Massen an Potenzial ergeben - bezeichnenderweise verheimlicht der Film auch seine Quasi-Adaption von Françoise Sagans „Bonjour Tristesse“ und verhält sich stattdessen durchweg eher so, wie es ihm gerade passt, was wiederum eine ungeheure Lebhaftigkeit hervorbringt. Jene Methodik findet sodann schnell die Schönheit in der Kulisse vor, in den Körpern der Frauen sowie deren jugendliche Sprunghaftigkeit. Euphorisch kombiniert der Film dies mit elliptischer Erzählung, pendelt schon nach dem Vorspann zwischen den Zeiten hin und her und ergänzt auf die Art trotzdem punktgenau die Wahrnehmung der jungen Angela (Gloria Guida) zu ihrer neuen Stiefmutter in spe, Irene (Dagmar Lassander), für welche sie sich schon allmählich ein kleines Komplott zusammen mit Inselficker Sandro (Fred Robsahm) ausdenkt. 


Diese Jugend heutzutage... doch fern moralischer Verurteilung besitzen Amadios Charaktere im Grunde ein unbedarftes Wesen, umgeben sich allesamt mit wilden und gleichzeitig heimeligen Dekors unter der angenehmen Hitze des Ambientes und feiern bar jeder Verantwortung Freiheit, Liebe, Natur und Klamotten, während die Sonne so gleißend von der Leinwand strahlt, wie sie in der Naivität der Intrigen auch trügen kann. Angelas zentrales Spiel mit den Gefühlen (inklusive Versteckspiel unter grotesken Felsmassiven) basiert nämlich durchaus auf kindlicher Motivation, geht lediglich mit Vermutungen im Geheimen gegen Irene an, ehe sie diese überhaupt kennen lernt. Mit gleichsam keckem Esprit inszeniert sie sodann eine Zuneigung für Irene, obwohl der Film gerne damit spielt, wie viel Wahrheit doch darin stecken könnte. Erotik ist natürlich ein bindendes Glied in diesen Verhältnissen und bietet Amadio vor allem reichlich Freiraum zur Verinnerlichung von Blicken und im lauen Wind glänzenden Frisuren (Lassanders Rot lässt die Sinne explodieren!) sowie zur Begutachtung der unbekümmerten Nacktheit Guidas, doch neben dieser Zeigefreudigkeit ist das Narrativ ohnehin mit der Chemie der Verführung gepfeffert, welche vor allem den Frauen des kleinen Ensembles zusteht, bei dem die Männer eher im Hintergrund verbleiben. Selbst Sandro, der sich als Lover zwischen drei Damen versucht, hat nicht allzu viel zu melden, kommt mit seinen Anmacher-Allüren bei Irene erst recht nicht weit, ferner blickt er stetig tiefer in eine der mehrmals vertretenen J&B-Whisky-Flaschen.


Ein Arschloch macht der Film aber auch nicht aus ihm, sind ja alles junge Menschen - mit Buggy, Mode und Teleobjektiv ausgestattete Touristen der seligen Lust, in die sich die um eine Generation ältere, aber kaum weniger bezaubernde Irene ebenso hinein verlieren könnte, wenn ihre Zuneigung zu Frauen denn nicht aufgrund tragischer Erfahrungen unter einem schlechten Stern stehen würde. In ihr schlummert die Verletztlichkeit - Angela ist sich dessen im Leichtsinn der jungen Unschuld noch nicht bewusst und spielt dann auch mit der Liebe, als dass sie die Bedeutung derer in ihrem Leben schon wirklich erfahren hat. Visuelles und Dramatisches kreuzen sich dabei übrigens nicht allzu kalkulierbar zur Filmerfahrung zusammen - die Fühlbarkeit bleibt jedenfalls nimmer auf der Strecke, wenn geballte Sehnsucht in den Bildern und Handlungen der Figuren steckt, Motive und Komplexe derer im Unterbewusstsein der Sinnlichkeit jedoch stets weiterlaufen und für Impulse sorgen, welche die Schwärmerei für das weibliche Geschlecht und das Ambiente zwar bis zum Ende nicht als Heuchlerei oder Fantasterei entlarven, wohl aber die Macht der Reize aus der Funktion als Spielzeug herausheben. Von einer möglicherweise konservativen Schlussmoral emanzipiert sich Amadio aber auch, indem er sich stets die Freiheit nimmt, verspielt zu bleiben und das Korsett formaler Strenge sowie Bedeutungsschwangerschaft zu vermeiden.


Bezeichnenderweise liest Irene in einer Szene auch einen „französischen Roman“, den sie sehr interessiert verschlingt, bei dessen intellektueller Haltung sie aber auch Verständnis zeigt, dass diese eigentlich auch „überflüssig“ wäre - gleichsam bringt der Film auch nebenbei Sigmund Freuds Theorien zu Wort, ohne sich an diese allzu lange klammern zu wollen (siehe auch „Emanuelle Nera und ihre wilden Hengste“, ebenso mit Lassander). So lässt sich auch dieser im Deutschen schon gar nicht mal so falsch, aber auch unterschätzt betitelte Film reflektieren, dessen hormoneller Appeal nicht bloß primitive Exploitation hergibt, sondern als Mogelpackung mit den hellen Strahlen allzu menschlicher Freuden kokettiert und an seiner ganzen Ausstrahlung auch nicht vergisst, die Liebe im Individuum und dessen Fragilität empathisch zu beleuchten. Selbst wenn man dabei eine sexy Sause mit Sonne, Sand, heißen Schenkeln sowie Spaghetti und tollen Sprüchen Marke Schier/Eder empfängt, erhält die Subversion im Endeffekt mehr an Gehalt, als der allgemeine Anspruch zu sehen glaubt. Dabei sind Amadios Bildkompositionen gerade in ihrem eigentlich kleinen Rahmen eine kleine Sensation - und seine Darstellerinnen fern forcierter Allüren absolut hinreißende Herrscherinnen der Leinwand.

Sonntag, 31. Januar 2016

Tipps vom 25.01. - 31.01.2016



SHOWGIRLS - (Gesichtet im Rahmen des BIZARRE CINEMA im Metropolis Kino Hamburg, 35mm, OV)

Ein Film seiner Zeit, dessen Gegenwart ihn mit nur wenig Gegenliebe empfing und inzwischen natürlich das Abbild der Neunziger Jahre schlechthin abgibt. Nicht gerade selten hört man derartige Narrative der Kinogeschichte, welche anfangs manchmal die Reife eines Werkes abseits der leicht angreifbaren Oberfläche verkennen. Jedoch gerade bei Paul Verhoevens Kanonade der Vulgarität ist der offene Dialog um Geschlechter- und Menschenverhältnisse allgemein so ergiebig, dass der Faktor der Überspitzung Massen an direkter und bewusst fordernder Konfrontation vermittelt. Die Kalkulation aus Hedonismus, Sex, Gewalt und Zickereien ist dabei das Markenzeichen einer Ära im Überschwang, verloren in Koks und Brüsten, hier allzu bezeichnend in Las Vegas verortet. Die Machtkämpfe des verkauften Körpers und der Geltungsdrang im pervertierten Karrierezwang des US-amerikanischen Kapitalismus stapeln sich hier zu einem Spektakel zusammen, das seine Emotionen mit barer Brust vorführt und Feuer im Rückenwind hat. Gleich dahinter steht aber auch die Bühne, die Illusion des Aufstiegs, um die hier versessen gekämpft wird, obwohl die Ware der Fleischbeschau das Geschäft, viel mehr aber gezwungenermaßen die „Chance“ der Tänzerin ausmacht. Protagonistin Nomi kann in der Hinsicht auch schlicht nicht als Unschuldsengel vor dem Zuschauer stehen, ist von der Charakteretablierung her ohnehin eher ein stürmisches Wesen, beinahe bipolar in den Wirren der Bewährung unterwegs - engagiert, furchtlos, furios und verletzlich zugleich, wie sich Elizabeth Berkley überhaupt auch jener Figur hingibt.


Es gibt für sie auch Grenzen, inwiefern sie sich ausbeuten lässt, aber wie alle in diesem konzentrierten Spielfeld des Ruhms geht auch sie zum Äußersten, um einen Platz im Olymp zu erringen. So einfach sich das Drehbuch von Joe Eszterhas vielleicht auch ein reißerisches Melodram mit Milieu-Tönung zusammenspekuliert, so pompös lenkt es Verhoeven in die offenbarende Perspektive, wenn das Ziel/die Endstation der Begierde den Titel „Goddess“ trägt, Versace und Edelspeisen im himmlischen Einkaufszentrum namens „Forum“ gehandelt werden und die neon-beleuchteten Wolkenkratzer mit unwirklicher Imposanz ans Göttliche heranreichen. Himmel und Hölle standen sich aber nimmer näher als hier, sofern die Menschen versuchen, binnen ihrer irdischen Existenz Götzenstatus zu erreichen, Herr ihrer Natur zu werden und sie auszustellen (siehe Kyle MacLachlans Behausung mit echten Palmen, Neon-Palmen oben drüber sowie Delphinstatuen, unter deren Wasserfall Nomi als Neptun-Nixe eine Sturmflut des Sex entfesselt). Im Glanz der Perfektion, auch jene choreographierter Haut, sind sich Missgunst, Hinterfotzigkeit und Vergewaltigung wohlbekannt - der Exzess findet pointierte Szenarien (und Revue-Nummern), in denen sich der Schmierfaktor reicher Güter wie die Made im Speck fühlt. Ehrlicher und herzlicher scheint da noch der Untergrund, sprich die Absteigen, Wohnwagen und Striptease-Schuppen, bei denen man im Voraus auspackt, wie es laufen wird, obgleich in dieser Sin City ein Ei dem anderen gleicht. Zumindest schaut der Bodensatz zusammen dem Traum entgegen, während die Dienstleistung des „fucking without fucking“ mit klarer Ansage beim Kommen noch Aug' in Aug' schaut. Im Kontrast dazu ist Intimität ein No-Go auf der Showbühne der „Goddess“ - den „Gefallen“ muss man dort eben Backstage leisten, ob man nun will oder nicht.


Die wahre Enthemmung findet Nomi eher in ihren von Grund auf treuen Freundschaften, die sie in Vegas macht und vor allem im genussvollen Hau-Rein fettiger Burger - amerikanisch und universell verbindendes Glied zugleich, welches Verhoeven so auch keineswegs ironisiert, wie er nun mal voller Euphorie mit der Welt arbeitet, die er reflektiert. In solchen Aufsteigerdramen sind die Reize der Branche und des eigenen Stellenwerts aber natürlich nicht ausblendbar und so gerät Nomi ebenso in Extreme des Gewissens sowie der Unmenschlichkeit, bis sie genauso bluttriefend mit Stiefelhacken das korrumpierte Ich sowie dessen „Team-Player“ zurücktritt. „Impulsivität“ ist dem Herrn Verhoeven eben kein Fremdwort und umso heftiger spielt er die Mechanismen von Leid und Glorie aus, die in der Konsequenz und Energie der Inszenierung ihren Meister finden, welcher das Kurzweil des Grand Guignol darin lustvoll vorantreibt. Dabei begegnet man jedoch in erster Linie einem Schwall an Emotionen und menschlichen Beziehungen (egal ob nun zwischen Konkurrenten, Schwarz und Weiß, Boy & Girl, Girl & Girl - Liebe ist hier blind), der in seinem ungehemmtem Bombast mit NC-17-Rating sowie berauschender Licht-und-Körper-Performance nur allzu schön zu seiner Zeit passt und erst recht auf der Leinwand ewig währt (Eine Sichtung 20 Jahre nach Erscheinen gibt jedenfalls eine Zeitreise sondergleichen ab). Insbesondere gilt das für den letzten Kuss zum Abschied, jene befreiende Menschwerdung nach dem filmgewordenen Aufgebot des entmenschlichten Größenwahns. So oder so ist „Showgirls“ insgesamt auf jeden Fall unbedingt eine Wiederentdeckung wert, wie es beim oft missverstandenen Verhoeven nun mal geradezu selbstverständlich ist.




SERIAL MOM - Bei John Waters' erneutem Ausflug in die Fantasieversion seines Heimatortes Baltimore kommt eine gute Handvoll an gesellschaftlichen Phänomenen zu einer Satire zusammen, die aus dem manifestierten Symbol der Geborgenheit - die Mutter - das Mörderische herauskitzelt. Was sich da anfangs schon für eine Bilderbuchfamilie herausputzt und im beliebtesten Ort des Genrekinos, nämlich dem Suburbia, Halt macht, um das Plakative bereits anhand seiner Existenz zu persiflieren. Die Nettigkeiten stapeln sich im Sekundentakt, solange der Nukleus der Familie - Ehemann, Ehefrau, Tochter und Sohn - am Frühstückstisch versammelt ist oder auf der Einfahrt zum Hofe Bekannte und Nachbarinos grüßt. In Kürze lässt sich aber allein durch den schleichend wechselhaften Score von Basil Poledouris das bipolare Wesen im Herzen Amerikas entdecken, das seine Faszination mit der Gewalt nimmer ablegen wird. Die Ursprünge dafür versucht Waters gar nicht erst mit vorsichtigem Skalpell zu ergründen, schließlich gebraucht er die Signale derer Einflüsse für eine Komödie, welche gewiss überzeichnet, aber stimmig in der Erziehung an sich anfängt. So sind seine Eltern und die Gesellschaft an sich hier als konservatives Vorzeigeideal derartig (scheinbar) konfliktbefreit unterwegs, dass eben nur ein verfremdetes Bild der Realität auf allesamt abfärben kann. Also passt sich die Perspektive des Films entlarvend daran an, wenn beobachtet wird, wie Frau Mutter (Kathleen Turner) mit Provokationen umgeht, die ihre Perfektion, also auch solche ihrer familiären Werte und des Anstandes allgemein, in Frage stellen.

 
Waters zeichnet den Gegenpol an Menschenschlag zwar durchaus verballhornend und lenkt die Sympathien der Zuschauer mit Keckheit auf die „Serial Mom“, nutzt diesen Hang aber auch für die Verinnerlichung seines durchlaufenden Kommentars über die mediale Aufmerksamkeit für die Sensation der Kriminalität. Der Zeitgeist der Neunziger konnte in der Hinsicht schon auf Jahrzehnte der Berichterstattung zu Killern nationalen Interesses von Charles Manson bis Ted Bundy zurückblicken (von frühen Outlaws wie Jesse James ganz zu schweigen) - 1994 machten die „Natural Born Killers“ gleichsam darauf aufmerksam, zu welchen Persönlichkeiten sich Fernsehen und Co., somit auch das Publikum, hingezogen fühlten. Weniger extrem als Oliver Stone wirkt da der Sohnemann der Familie Sutphin, Chip (Matthew Lillard), wenn er der Gewalt anhand der Reflexion durch Horrorfilme einigermaßen abgeklärt begegnet und einen enthemmten Dialog zum Thema halten kann. Mutter Beverly hält ihren Bezug hingegen geheim, bis sie ihn im stets aufrechterhaltenen Gesellschaftskleid ausbrechen lässt und umso gewiefter per Außenwirkung manipuliert - eben eine Soziopathin im mütterlichen Schafspelz. Daran ergibt sich eine Verwirklichung vom naiven Wunschdenken, wie man es der Spießerschaft der Umgebung heimzahlen oder auch den Mutterinstinkt umsetzen kann, wenn zum Beispiel der Mathelehrer darüber meckert, dass sich der werte Herr Sohn offenbar aufgrund seiner Horrorfilme nicht auf den Unterricht konzentriert und stattdessen den lieben langen Tag über „herumkritzelt“ (Nur zu gerne erinnere ich mich daran, dass meine Mutter ähnliche Elterngespräche durchstehen musste und dennoch standhaft blieb, dass ich trotz meiner Schwierigkeiten auf dem Gymi bleiben dürfte).


Mutti ist die beste, in Waters' Märchen der Mordlust übertreibt sie es aber natürlich und nimmt die Wünsche ihrer Kinder wortwörtlich todernst. Die Erfüllung elterlicher Pflichten ergänzt sich sodann mit einer Räumungsaktion durch die Eigenheime der Selbstgefälligkeit, in denen klar wird, dass ein jedermann böse Absichten in sich trägt und sich in jener behüteten Umgebung dennoch stets zu profilieren versucht. Das gesamte Ensemble konfrontiert sich hier nun mal mit seinen jeweiligen Oberflächen, entsprechend irrsinnig schnell vergucken sich gut aussehende Männer und Frauen ineinander, wie überhaupt auch unsere Mutter auf die pingeligsten Kleinigkeiten reagiert und sich in der Blutsudelei nur nicht die Hände schmutzig machen will. Das tönt von Waters' Seite aus so laut und grell, dass die bald folgende Empörung seiner Gesellschaftskarikatur umso mehr in Superlativen denkt, dem Entfesselten mit religiöser Hysterie begegnet und genauso religiös die Vermarktung dessen fördert. Natürlich ist Chip da an erster Stelle, die „schlechte Seite“ seiner Mutter mit Freude zu empfangen, zeitgleich versucht er sie im Zaum zu halten, so wie die Generation X zur Entstehungszeit eben auch erst einigermaßen „in-progress“ war. Die Post-Moderne kündigt sich aber dennoch lustvoll und lustig an, sobald L7 als „Camel Lips“ auf der Bühne abfetzen und die „Serial Mom“ den sich nie anschnallenden Nachbarsjungen nebenbei abfackelt, ehe sie sich ebenso rockend im Publikum verliert und per Festnahme durch die Polente zur Ikone wird. Das Gleichnis von der herzlichen Aufnahme „abtrünniger“ Kultur, das Autorenfilmer Waters hier in Zart-Bitter-Kurios zugleich konzentriert, mündet dementsprechend auch in eine Farce von einem Gerichtsprozess: Die Mutter verteidigt sich selbst; Chip regelt bereits die Verkaufsrechte fürs Fernsehen und Schwester Misty (Ricki Lake) verkauft vor dem Justizgebäude T-Shirts, Pins sowie Bücher (Das nennt man mal eine treue Brut!); Suzanne Somers ernennt Beverly provisorisch zur feministischen Heldin, während im Innern jedes Beweisstück anhand absurder Freveleien der Zeugen entkräftet wird.


Niemand kann sich eben reinen Gewissens ein Urteil erlauben, was rechtens scheint und was nicht - letztendlich wird dafür auch reichlich an den Emotionen gefummelt, bis die scheinbare Überzeugung bei der Jury eintritt und diese doch falsch entscheidet. Das dürfte den Überblick zur ideologischen Hin- und Hergerissenheit nicht einfacher machen, umso sicherer fühlt man sich als Zuschauer also in der entschiedenen Überakzentuierung durch John Waters, der das mentale Chaos seines Figurengefüges und somit auch jenes seiner Mitbürger nachempfinden kann. Seine Gestaltung ergibt sich nämlich ebenso liebevoll dem Trivialen, Kitsch und Klischees, obgleich sie auch mit flink beobachteter Gewitztheit über den Dingen steht und per inszenatorischer Manipulation kritisch hinterfragt. Es offenbart ein gesundes Maß an Ehrlichkeit, wenn Waters daran herausstellt, wie die kollektive Wahrnehmung und zugleich er selbst mit der finsteren Seite des Menschen umzugehen versucht: Da wird die Hand der euphorischen Krassheit geschüttelt, während man hinterrücks die Finger kreuzt. Sich darin preiszugeben, an der Darstellung von Mord und Totschlag zumindest Interesse zu haben, fällt gewiss nicht jedem leicht, doch an Waters' groteskem Cartoon zeigt sich auch, dass die Reflexion zur Realität daran nicht versäumt werden darf/kann und im offenen Dialog womöglich mehr zum Verständnis (und Potenzial für schwarze Komödien) verhilft, als man anfangs zugeben möchte.




DER MANN MIT DEN RÖNTGENAUGEN - Roger Corman ist bekanntermaßen ein Filmemacher, bei dem die Lust auf seinen Beruf, der kommerzielle Aspekt sowie die Ökonomie daran Hand in Hand gehen. Umso stimmiger ergibt sich an diesem Werk das Gesamtbild eines Könners, welcher die Geometrie seiner Sets sowie die Koordination der Kamera, des Schnitts, der Darsteller und derer Emotionen aufs Genaueste beherrscht und diese Faktoren auf eine Geschichte anwendet, in der die Dimensionen der Sinne, speziell des Sehens, in ein neues Licht gerückt werden. Mit Versteifung ist dabei nicht zu rechnen, da Corman in der Treue zum Konzept kein künstlerisches Ego an die vorderste Stufe stellt, höchstens eine hypnotische Spirale zum Vorspann. Sein empathischer Schauerfilm der Science-Fiction um den engagierten Wissenschaftler James Xavier (Ray Milland) bugsiert sich dafür auch nicht von Anfang an durchweg auf eine Gefühlsrichtung, sobald dieser eine Droge entwickelt, mit welcher das menschliche Auge tiefer blickt als man es sich in seinen kühnsten Träumen vorstellen könnte. Der Forschungsdrang zu neuen Horizonten birgt hier schon gewisse Vorteile, für die Xavier gewiss ein Risiko eingeht, aber auch davon ausgeht, Menschen helfen zu können. Mit unaufgeregtem Kurzweil (kaum zu glauben, aber ein Corman schafft diese Mischung mit links) wird die Sache in Angriff genommen sowie mit Interesse und Skepsis zugleich begegnet, wie es nun mal mit jeder Innovation ist.


Die Stimme des Künstlers hat da gewiss ein Wörtchen an Erfahrung mitzureden und im Verlauf des Films sind die Parallelen zum Medienumgang nicht von der Hand zu weisen, wenn Xaviers eigentlicher Fortschritt für die Menschheit von den Vorgesetzten untersagt sowie später als Schaubudensensation, gar Wunderheiler-Ausbeutungsmasche, unterfordert und missbraucht wird. Vorerst lässt sich aber Stück für Stück in Regionen des Menschen schauen, die per Oberfläche abgedeckt bleiben und eine Wurzel des Schmerzes hüten, der man anhand Xaviers Perspektive effektiver begegnen kann. Die Wahrheit, im Auge eines einzigen Betrachters, ersetzt sodann die Spekulation, hat aber gleichsam Folgen für den Propheten. Und damit sind nicht nur die etwas unschuldigeren gemeint, wie etwa durch Kleider durchsehen zu können - obgleich jene Episode ihren wohlverdienten enthemmenden Platz in diesem Genrewerk findet. Nein, es fängt schon im Kopfkino an, das Corman mit seinen Drehbuchautoren Robert Dillon und Ray Russell aufzieht, wenn es darum geht, mit welchen Eindrücken und mit welchem „Licht“ Xavier konfrontiert wird. Sein Blick wird uns in einigen ausgewählten (somit auch nicht allzu reißerischen) Tricksequenzen dargeboten, aber gemäß der limitierten Möglichkeiten der Entstehungszeit konzentriert man sich auf den Ausdruck der Ereignisse im Zwischenmenschlichen (sowie im Verhältnis zwischen Schauspieler und Umgebung).


Beinahe als einzige Bezugsperson bleibt Xavier dafür nur Kollegin Dr. Diane Fairfax (Diana Van der Vlis) übrig, nachdem der Rest der Krankenhausbelegschaft seinen Umgang bezweifelt und ihn aufzuhalten versucht. Da die Droge eben noch immer eine solche ist, birgt seine Überzeugung eine Abhängigkeit, die ihn immer weiter von seiner Position und somit auch seinem Potenzial entfremdet, bis der Abstieg in ärmste Gesellschaftsgruppen passiert. Aus Not und Verzweiflung ist man mit solch einem Talent zwar noch für jede Anwendungsmöglichkeit dankbar, doch die richtige Hilfe und Möglichkeit zum Helfen bleiben ihm vergönnt, erst recht, da der Einfluss der übermenschlichen Fähigkeit seine menschliche Fassung übersteigt. Die geisterhaften Todeschöre tun ihr Übriges. Ohne noch mehr von den folgerichtigen Eskalationen dieser Mächte preiszugeben, sei hervorgehoben, dass Corman stets fernab erzwungener Gimmick-Ausschöpfung mit dem Thema arbeitet und seinen Charakteren eher treu bleibt als den Anforderungen des Genres. Unter Umständen könnte sich ein bisschen Staub darauf ansammeln, Ray Millands Darbietung allein aber erschafft einen zentralen Leidenden, der seine experimentellen Augentropfen bewusst wie Tränen wegwischt - kein Wunder, wenn die Sonnenbrillen immer kräftiger werden, die Augen an sich brüchiger erscheinen und die Beschreibungen der allumfassenden Beobachtung als „zweiter Gott“ den existenziellen Schrecken schlechthin suggerieren.


Die darin enthaltene Furcht vor der Selbstaufgabe, vor dem Verlust des Inneren, der Gefangenschaft als Außenseiter im ständigen Überblick, eben dem Gegenpol absoluter Blindheit in absoluter Sicht - sie trifft weniger mit filmischem Affekt im Zuschauer ein, als dass es ihr in der Schlichtheit der aufgezeigten Verhältnisse gelingt. Cormans Spannung findet sich daher auch vornehmlich in einer geradlinigen Dramaturgie und einigermaßen einfachen Szenarien, zum Beispiel in der Konfrontation durch Menschen, die eine Erklärung von Xavier für sein Wissen einfordern, was ihnen jedoch zu unbequem und persönlich wird. Oder auch in seinem ungewissen Gang durch die Wüste Nevadas hinein in ein kleines Zelt von Kirche. Hier trifft der Prophet auf die Verkünder und Gefolgsleute des Himmelreichs und was er sieht, will nicht gehört werden, ist in der Vorstellung daran aber auch ein mutiger Schlusspunkt, dem ein glaubwürdig eingesehenes Leinwand-Schicksal vorausgeht. Schließlich ist darin auch der Diskurs allgegenwärtig, ob der Mensch über sich hinauswachsen kann, ob er es überhaupt sollte und ob seine Mittel dazu ausreichen. Bevor der Film aber eine kritische Haltung zum Aufbegehren einzunehmen droht, macht er trotz aller Ambivalenz der Folgen klar, dass die Einsamkeit der ärgste Feind im Schaffen sein kann, aber dass es auch möglich ist, gemeinsam an einem Strang zur Horizonterweiterung zu ziehen. Jedes Mitglied der Menschheit trägt nun mal gewisse Schmerzen mit sich, aber ob jedes zur Änderung bereit ist, stellt der Film weniger optimistisch, zumindest realistisch in Frage.




THE 7TH VICTIM - Blickt man mal ab und an auf Werke des klassischeren Hollywoods zurück, begegnet man durchaus erquickenden Filmen mit alles andere als erquickenden Gefühlslagen. Mark Robson hat bei seinem „siebten Opfer“ mit gerade mal 71 Minuten Laufzeit in dem Sinne ein flottes Händchen für sein Narrativ parat, reflektiert im Endeffekt jedoch die Unsicherheit einer Ära, die sich mitten im zweiten Weltkrieg befand und die Mächte des Bösen auch heimatgebunden nur schleppend zu verstanden begann, insbesondere wenn sie im Herzen Amerikas anwuchsen. Das Mysterium basiert dabei zwar auch auf eine greifbare Gruppe, als Symptome eines Weltbilds voller nachvollziehbarer Zweifel und Ängste werden sie hier jedoch nicht mit eskapistischem Einsatz ausgeschaltet. Dies hat - insbesondere hinsichtlich der Schlussnote - im Mobilisierungskino jener Zeit zwar sicherlich einen schwierigen Stand eingenommen, zumindest aber einen Realismus im Genrefilm gefunden, der sich in dieser Konsequenz eben nicht selbstverständlich durchsetzt und umso menschlicher denkt. Ehe sich nämlich Satans-fixierte Geheimgesellschaften als Reißertum durchsetzen könnten, steht die Sorge ums Individuum im Vordergrund, angeführt von Protagonistin Mary (Kim Hunter), welche sich auf die Suche nach ihrer in Manhattan vermissten Schwester Jacqueline (Jean Brooks) macht.


Aus der strengen Behütung des Internats geht es für sie also in die echte Welt, obgleich Robson daran keine ideologisch gefärbte Reise erbaut. Nicht selten erhält man bei derartigen Fish-Out-Of-Water-Geschichten den Eindruck, das Stadtleben wäre eine Bombe an Überwältigungen oder Dämonen konservativer Furchtsamkeit - in diesem Fall wird das Prinzip der Begegnung in der großen Stadt aber auch nicht ausgesprochen positiv, sondern eben mit Selbstverständlichkeit gezeichnet, so wie sich das Ensemble Stück für Stück erweitert, um Mary zu helfen und zahlreiche Hintergründe zu offenbaren. Nicht jeder ist jenen Aktivitäten wohlgesonnen, doch die Alternative zur Güte hin stellt sich mit gutem Gewissen vorne an. Jene repräsentativen Charaktere sind dabei dementsprechend auch keine, die sich mit Mut brüsten oder zum Beweis der Überlegenheit mit Reaktionen um sich werfen. Ansonsten ist ihre Spannweite charakterlicher Impulse vielleicht mehr auf die Funktion reduziert, das Spiel wirkt aber keineswegs aufgesetzt, ist im Rahmen des Plots angemessen, aber in manchen Beziehungspunkten vielleicht doch etwas kurzgefasst beleuchtet. Eventuelles Heldentum weicht hier jedenfalls dem Drama auf dem Pfad zum Verständnis, Regisseur Robson kommt gleichsam in konzentrierten Szenarien auf den Würgegriff jener Bewältigung der dunklen Mächte zurück, die im Menschen verborgen liegen oder sich als Bedrohung im Innern bemerkbar machen.


Beispielhaft dafür seien der nächtliche Korridor in Esther Redis Fabrik, die auf- und abtauchenden Leichentransporteure in der Straßenbahn sowie der warnende Schatten an Marys Duschvorhang genannt. Nichts davon würde einem modernen Rezipienten per se einen Schauer über den Rücken jagen, aber die Perspektive der Verletzlichkeit, die durch Marys Unschuld an den Zuschauer übertragen wird, lässt ihn die umgebenden Rätsel dennoch mit Unruhe wahrnehmen, obgleich deren Auflösung nicht das Herzstück des Films ausmacht. Stattdessen ist dies eine fragile Persönlichkeit, der man unterstützend und liebevoll zu neuem Lebensmut verhelfen will, im Umfeld der eigenen und kollektiven Skepsis gegenüber der Existenz aber bereits gefangen ist, im Gleichnis des Films zur Depression auch von der schleichenden Selbstaufgabe nachverfolgt wird. Im rasanten Noir-Modus entstehen umso schwärzere Schatten, je tiefer der Film in die Nacht steigt und dennoch um jene Hoffnung ringt, die sich anhand aller anderer Charaktere allmählich abzeichnet, wie sie an der gemeinsamen Unterstützung gewachsen sind. Das Leben kann eben mächtig diffus verlaufen und es erquickt, wenn ein Film dies frei von prätentiösen Tönen bewusst macht (auch offen über Selbstmord diskutiert sowie homosexuelle Beziehungen andeutet) und dennoch ohne forcierte Schwere in seiner Gestaltung voranschreitet; somit nicht übertrieben viel Zeit beansprucht, um das zu sagen, was er zu sagen hat. Der Effekt, den er hinterlässt, wirkt ohnehin länger nach.




THE GREEN INFERNO - Eine neue Generation an Privilegierten traut sich in die Tiefen des Genre-Dschungels und begegnet der Bestie Mensch, wie abermals binnen des italienischen Kannibalen-Kanons, auf beiden Seiten. Regisseur Eli Roth nimmt dabei erneut den fortgeschritten jugendlichen Leichtsinn seiner Protagonisten unter die Lupe, welcher in diesem Fall mit politischem Gewissen punkten und die Welt verändern will, ohne jedoch eine fähige Kenntnis von der Welt zu haben, somit schließlich von ihr verschlungen wird. Roth liegt es allerdings nicht daran, mit ausschließlich zynischer Häme Opfer aufzustapeln, die man von Vornherein nur sterben sehen will. Die bewährte Slasher-Regel vom Final Girl wird hier einerseits dennoch eingehalten, andererseits ist das Ensemble hier an einen Komplex aus Gerechtigkeitsgefühl, Furcht und Mut gebunden, der mit guten Absichten und geförderter Selbstüberschätzung in den Regenwald vordringt. Als Sympathieträgerin ist Studentin Justine (Lorenza Izzo) dementsprechend die junge Unschuld schlechthin, aber noch eine vorsichtige Realistin, welche jenem über dem Campus heraus schauenden Aktionismus der Gruppe ACT zunächst skeptisch gegenüber steht, wie sie auch von der charismatischen Argumentation des Anführers Alejandro (Ariel Levy) angetan zu sein scheint (obgleich er bei Widerworten sofort abblockt - kein gutes Zeichen!). Er gibt zumindest einen stürmischeren Kontrast zu ihrem Vater ab, der inmitten der UN zwar mit Messer und Gabel dinieren, aber gewiss keine Veränderung erwirken kann. Die Protestaktion in Peru muss also her, um die Bulldozer von der Natur und seinen Ureinwohnern fernzuhalten.


Als Waffen nimmt man die Handys zum Streamen mit, um die Wahrheit zu dokumentieren und zu verbreiten. Mit der Wahrheit sieht es im Verlauf des Films bezeichnenderweise nicht so rosig aus. Das zeichnet sich beim Zuschauer schon daran ab, wie Alejandro - mit stolzem Knie an der Spitze des Bootes stehend - das allwissende Alphamännchen verkörpern will und auch nichts dagegen hat, für die Sache uneingeweihte Märtyrer vorzuschicken, um ein Zeichen zu setzen, das seines Wissens (oder auch seiner Spekulation nach) sowieso nur wenig in der Weltordnung umverteilen wird. An der Manipulation per „Jeder kann jederzeit aussteigen, aber in der Gruppenmentalität seid ihr eh nicht dazu fähig.“ rüttelt er sodann auch keineswegs, so verzerrt seine Haltung zu Ego und (gerne auch militantem) Geltungsdrang agiert. Die Umkehrung dieser Sicherheit im Selbstbewusstsein - welche allerdings schon den restlichen Mitstreitern entsagt bleibt - folgt natürlich von alteingesessener Dramaturgie und deren Genre-Schauwertem her auf dem rechten Fuße, in dem Fall ist es aber nur logisch, dass die Natur gerne Opfergaben annimmt, wenn Alejandro allesamt dazu motiviert, sich selbst für diese aufzugeben. Die Spannung daran bleibt erhalten, weil wir Justine anhand der relativ moderaten Inszenierung als Leidtragende der Hilflosigkeit verinnerlichen - das bitterböse Spiel mit Figuren und Publikum ergibt sich sodann dennoch keinen Kompromissen, sobald die Bewohner des Dschungels ihrem Way of Life nachgehen und nicht ohne Grund von einem „Geschenk des Himmels“ reden, sobald der tägliche Leichenschmaus grüßt.


Nah am Selbstzweck, allerdings auch nur in vereinzelten Sequenzen ausgeführt, breiten die Szenen der Gewalt ihren Effekt vor allem auf die im Käfig gehaltenen Figuren aus, die sich nun bald nichts sehnlicher wünschen als die Ankunft der einst bekämpften Bulldozer. Die Doppelmoral der Aktivisten (auch das Klischee an so einer Figurenzeichnung) lässt sich nicht abschütteln - Roth schwappt aber nie wirklich dazu über, per Lächerlichkeit zu verurteilen, da seine Gruppendynamik zwar absurde Züge annimmt, die Extremsituation daran aber greifbar bleibt. Wenn zum Beispiel aber Justine die Angst erfährt, jene Bilder von der Verstümmelung weiblicher Geschlechtsteile - die sie erst von ihrem College-Leben aus zum globalen Gerechtigkeitssinn bewegt haben - womöglich an sich selbst zu erleben, verschwimmen die Grenzen zwischen pechschwarzer Satire und cineastischem Terror bewusst ins Ambivalente. Wer sich hier in die Hölle wagt, wird sie nun mal erleben. Roths Film ist in seinem Anspruch zum kontemporären Publikum dennoch einigermaßen verträglich, wenn man ihn mit reichlich Genre-Vorgängern aus den Siebzigern und Achtzigern vergleicht (siehe Umberto Lenzi), die ihren ohnehin schon ausgeprägten Nihilismus mit Sensationalismus und Rassismus vermischten.


Er beläuft sich dabei im Endeffekt dennoch auf die plumpen Topoi von gestern und will sich in seinen Eckdaten nun mal zweifellos als Nasty Baby verdient machen. Dabei maßt er sich jedoch keineswegs an, eine Ideologie zum Gewinner, gar Retter zu küren, so wie sich Güte und Unschuld hier von beiden Seiten aus noch ergänzen und höchstens von einzelnen Anteilen beider Seiten derselben Medaille/Welt profitieren, eher als Individuen bestehen bleiben. Wie Justine dann schlussendlich mit der „Wahrheit“ umspringt, spricht insofern Bände. Gleichsam ist der Film in seiner Rohheit gewiss nicht das Maß aller Dinge: Einerseits digital gefilmt, in zwei Szenen voll mit halbgaren Computereffekten und im Spannungsbogen insgesamt recht gewöhnlich gehalten, bis die Schlussminuten inklusive Abspann einiges an Chuzpe wieder entwerten - andererseits mit intensiven Impulsen der Bedrängung ausgestattet, die effektiv am Körper rumoren und somit auch in der Vermittlung durch das Schauspiel beim Zuschauer Unbehagen auslösen, während die charakterlichen Verhältnisse sowie deren verzweifelte Überlebensideologien eine horrible Farce abgeben. Lassen sich eben solche Gefilde nur mit teils „primitiver“ Haltung begegnen, so dass Roth mit seiner nicht immer einwandfreien Moral doch etwas in die stumpfe Ungewissheit zielt? So oder so stecken im Horror wie auch in der Politik stets Risiken, bei denen sich an die Urängste des Menschen herangetastet wird, welcher in seiner Verletztlichkeit manchmal auch nur einer von vielen oder schlicht die Hauptspeise wird.




EMANUELLE NERA UND IHRE WILDEN HENGSTE - Sowas hat man noch nicht erlebt! Bitto Albertini - eher bekannt durch beherzten Klamauk der Marke „Drei Spaghetti in Shanghai“ - nimmt sich der einst immens beliebten Softsex-Exploitation an und geht in ungehemmter Absurdität dort zu Werke, wo Just Jaeckin zuvor spekulative Mondo-Sexyness zur cineastischen Haute Couture fingierte. Albertini, Regisseur und Autor des folgenden Nackedei-Quatsches, steigt also ebenbürtig prätentiös mit einem (nach meinen Recherchen eher angeblichen) Zitat von Sigmund Freud ein: „Der Patient, der mich am meisten beunruhigt, bin ich selbst.“ Fortan wird dieser Film dessen Methodik der Psychoanalyse sowie ihren Bezug auf sexuelle Neurosen derartig überspitzen und trivialisieren, dass er sich damit zumindest vom Einheitsbrei ähnlicher italienischer Erzeugnisse absetzt. Umso ironischer wird man sodann alle Wandlungen wahrnehmen, die unseren Charakteren anfallen - ganz besonders dann, wenn Dagmar Lassander ihrem behandelnden Gatten zunächst zuruft: „Scheiß doch auf dich und deinen Freud!“ und am Ende doch noch einen Walzer vom letztgenannten verschlingt. Aber auch sonst ist das Verhältnis zwischen Arzt und Patienten eine Komödie, die Freuds Theorien in die Extreme treibt: Emanuelle (Shulamith Lasri) leidet unter Gedächtnisverlust, ist als exotische Schönheit aber durchweg ihrer Reize bewusst und versucht Dr. Paul (Angelo Infanti) zu verführen, der zudem noch seine notgeile Nichte Sharon abwehren muss.


Er bleibt unbeirrt, doch alles an seinen Heilmethoden wird peinlichst genau sexualisiert: So wie Sharon die Behandlung des Psycho-Klempners für ausgewachsenen Voyeurismus hält, bestätigt sich dieser anhand von Glasscheiben zur Beobachtung ihrer Gelüste, während der Wachmann die Nachtschwester mit seinem „Knüppel“ im Kabuff an der Eingangspforte bearbeitet. Sogar selbst wenn Emanuelle in Tonbändern auf ihre Lebenserlebnisse zurückblickt, erzählt sie dort im Detail vom Liebesspiel der Tiere, was alle Anwesenden im Raum sofort zur Selbstbedienung anregt. Die verdeutlichte Verballhornung von Genre-Werken wie dem „Schulmädchen-Report“ - die ihre offensichtlichen Schauwerte in pseudo-intellektuelle Lehrfilme verpackten - setzt sich sodann auch in Rückblicken fort, wenn sich Frau Patientin und ihre Mitmenschen zu blumigen Bildern in vergangene Zeiten zurückversetzen und jeder Moment wie von einem Außerirdischen inszeniert zu sein scheint: Emanuelle erinnert sich an ihren Vater als Säufer mit Trompete und Grabschfingern, in Wahrheit war er aber wohl ein fürsorglicher Akademiker am Klavier - beide Optionen passen sich an die verspekulierte Grundhaltung des Films an. Die Verwirrung ist in Emanuelle jedenfalls so stark (und mit reichlich Zooms aufgepeppt), dass sie ihren Daddy beim Aufeinandertreffen anhand dusseliger Überblendungseffekte sogar für ihren Ehemann hält und ihn folglich ödipal abzuknutschen versucht - sein Kommentar dazu: „Total...traurig.“.


Ihre sexuellen Aktivitäten sind regulär jedoch ohnehin nicht immer von Erfolg gekrönt, da sie das männliche Geschlecht oftmals lustvoll anpackt, aber sodann (als Opfer einer unerklärlichen Bipolarität) einen Angreifer im Liebhaber wiedererkennt. Bei anderen Malen jedoch muss sie jede Stunde „Liebe machen“, was ihrer Ehe mit Basketball-Star Fred schon zum Verhängnis geworden ist. Andere Gelegenheiten führen sie schließlich auch dazu, mit Frauen zu hantieren und wildfremde Haudegen zu vernaschen, die einen Anker mit dem Schwengel stemmen können (!). Es geht wahrlich drunter und drüber in diesem Werk der siebziger Jahre, das offenbar in hämischer Voraussicht genau dem entsprechen will, was man sich als moderner Zuschauer unter der inzwischen fremdartigen Kuriosität jener Ära vorstellt. Ehe man sich nämlich versieht, pendelt der Streifen über Signale eines Frauengefängnisfilms rüber nach New York, zurück in einen Terroranschlag binnen Beirut bis hin zum journalistischen Bumsvergnügen in Venedig, sofern nicht gerade von den Brüdern in Harlem die Rede ist und Dr. Paul vor seinen Eheproblemen in die Arbeit hinein flüchtet. Das herausstechendste verbindende Glied stellt da noch die Präsenz stets anwesender J&B-Scotch-Flaschen auf allen Sets dar. Um noch weniger durchzusehen, sind die Großaufnahmen von großen Brüsten gewiss keine Seltenheit; Dialoge sind dementsprechend in Plattitüden aufgequollen, welche die kaum vorhandene Dramaturgie umso flotter vergehen lassen.


In der zweiten Hälfte des Films kann man dadurch durchaus noch in das eine oder andere Loch der Langeweile fallen, ehe das verstrahlte Realitätsverständnis einen wieder am Haken hat und den Geist seiner Patienten dadurch zu retten glaubt, dass selbst die Heilung an Taktlosigkeit und naiver Symbolik kaum zu überbieten sein darf. „Emanuelle Nera und ihre wilden Hengste“ verarschen einen eben nach Strich und Faden, doch zumindest wird der Sex positiv abgefeiert. Der ansonsten omnipräsenten Irrationalität muss sich selbst Dr. Paul jedenfalls ganz rational geschlagen geben, so glanzvoll obszön sich das Freud'sche Spektrum hier an der frischen Luft „erfüllt“ hat (nicht, dass man hier irgendwas Substanzielles davon erfahren würde). Nun bleibt aber die Frage: Ist Bitto Albertini ein Genie im Schmierlappen-Look oder ein Schmierlappen mit zufälligen Ebenen der Genialität? Als erfahrener Zuschauer solch feiner Werke wird man die Wahrheit bestimmt mit Freude für sich selbst herauslesen können, aber auch alle anderen dürften mit jener blödsinnigen Erotica eine unvergessliche Filmerfahrung haben.