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Sonntag, 4. Februar 2018

Wittes FilmBlaBlabenD - Januar 2018 (Tipps vom 29.01. - 04.02.2018)


Liebe Leser,

heute konvertiere ich euch kurzerhand zu Hörern - ihr habt da keine andere Wahl, wenn ihr erfahren wollt, was und warum ich dies empfehle. Und da gibt es diesmal auch keine Bonussektion zum Ausweichen: Ich hab mich so erschlagen lassen an Qualität anhand des jüngsten von mir veranstalteten Filmabends, dass ich die Woche über kaum was anderes in die Glubscher antingeln konnte (außer mittelschweren Oberrotz wie „Back for Good“). Die Ehrfurcht war einfach zu groß im Mark verteilt, dass ich mir sogar sehr uneinig war, wie ich euch diese gesammelten 8 Topfilme vermitteln sollte (allesamt übrigens sehr pärchenlastig, außer beim 4. und letzten – da werden die umgebracht). Wieder die Handschrift bemühen wollte sich - einem „Stephen Kings Stark“ ähnlich - nicht so recht ergeben und das von früher bekannte Schribbeln am PC kam mir ebenfalls etwas anstrengend vor. Meine Vorurteile, zack! Weil ich diesmal mehr zum Quasseln aufgelegt war, gab es also eine Aufnahmesession im Freiflug! Über 2 Stunden hatte ich mich durchgequält, mich mit nem unsichtbarem Publikum zu unterhalten und das war so schick unangenehm und banal und zudem vom schlimmsten Schlafrhythmus aller Zeiten angeschissen, dass das Material im Endschnitt schließlich nur zu 38 Minuten überleben durfte! So viel Lebenszeit raube ich euch also nicht, na wie ist denn das? Lasst meine Goldstimme bei euch im Hause erklingen, Freunde, beim nächsten Mal ist es vielleicht schon wieder alles ganz anders!



Übrigens, ich habe gelogen, was die Bonussektion angeht! Es gibt sie, aber ohne Filme – man will ja präsentieren und teilen (mehr Klicks erhaschen), was man in seiner Freizeit inzwischen noch so alles geleistet hat. In diesem Fall kam ich auf den Trichter, mich nach all der langen Zeit beim Videospielen zu filmen. Tja, ich rücke euch heute lautstark auf die Pelle und da könnt ihr nix gegen tun, so spielt das Leben! Bzw. so spielt meine Wenigkeit COOL BOARDERS 2+4 für die Playstation One (alias 1 oder auch X), eurer Zeit und Sympathie zuliebe auf nicht mal 12 Minuten runtermontiert! Ihr müsst diese Woche also insgesamt nicht mal ne Stunde mit mir hier verbringen – mindestens erträglicher als „Baby Driver“, mein neuer „La La Land“!



PS:

PPS: 
R.I.P. Rolf Zacher (28.03.1941 - 03.02.2018)

(Rolf Zacher und Heinz Bennent in „Eine Rose für Jane“, Hans W. Geißendörfer, 1970)

Sonntag, 30. April 2017

Keine Tipps vom 24.04. - 27.08.2017 (Pausenbrot)


Liebe Brötchen,

es ist geschehen. Zum ersten Male (mampf, mampf) seit langer Zeit habe ich keine Zeit gefunden, eine Ausgabe für diesen Blog vorzubereiten. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das zur Gewohnheit wird oder ob ich mir ausnahmsweise mal echt ne Pause gegönnt habe, aber Fakt ist, dass es diese Wochen noch enorm viel zu tun und zu erleben gab, als dass ich hierfür Zeit finden konnte. Das berühmt berüchtigte Leben schleicht sich ein und auch wenn ich jene Floskel selber schon mit Augenrollen begleite, muss sie ja auch nicht immer gleich das Schlimmste implizieren. Also, alles easy: Die Family ist gesund, mit der Freundschaft geht’s auch konstant in die Höhen guter bis großartiger Launen, ich muss nicht hungern und erlebe von Tag zu Tag neue Eindrücke binnen Hamburg, Beruf, Land und Leute. So wie es auf den Mai zugeht, ist aber noch einiges dringlich in der Mache, was mir eventuell Nerven aus Stahl abverlangt (die Wurzelbehandlung in der Woche fühlte da auch mal auf den Zahn), aber nicht verzagen: Der Filmkonsum ist wie eh und je wacker am Laufen. In diesem Sinne lasse ich wohl schon für die nächsten Sonntage sammeln, da ich zu dem Zeitpunkt auch beschäftigt sein werde, aber ich möchte lieber für nichts garantieren, ehe ich mir selber noch unnötigen Druck mache. Irgendwie werdet ihr lieben Leudings da draußen immer schon erfahren, welche Filme ich weshalb mochte, da kenne ich keine Hemmungen. Heute aber bleibt der Laden dicht! Hilft nix, ich knirsche mich selber gerade ein bisschen mit der Entscheidung durch, aber wat mutt dat mutt. Wer wissen will, was bei mir die Woche sonst noch so los war, kann sich gerne über twitter und facebook und allerlei nochmal ein Bild davon machen - ich seufze nämlich schon bei dem Gedanken, alles davon an dieser Stelle wieder einzusetzen. Aber mit einem kreativen Höhenflug meinerseits möchte ich euch doch gerne in den Mai entlassen! Bei diesem Werk hoffe ich zudem auf rege Übereinstimmung, wie pietätlos ich bei der Umsetzung jener Idee verfahren bin:


Da haben wir es, hach! Schade, dass ich heute nur kurz hier reinschneien konnte, aber meine Freunde, es muss ja nicht gleich ein Abschied sein! :) Lasst es euch gut gehen, ich lass bald wieder von mir hören. Und eins bleibt natürlich stets beim Alten: Es lebe der Film!

Sonntag, 14. August 2016

Tipps vom 08.08. - 14.08.2016



IM SPINNWEBHAUS - Ab und an erfreut es, einem Film begegnen zu dürfen, der sein stilistisches Anliegen nicht als Zwang versteht, sondern anhand jener Grundlage auch Elemente einfließen lassen darf, die normalerweise der Subtilität halber eliminiert werden müssten, sei es verdeutlichende Symbolik, Musik oder dramaturgische Kernsätze auf dem Pfad zur manifestierenden Fantastik. Im Fall von Mara Eibl-Eibesfeldts Debütspielfilm macht das ohnehin nochmal Sinn, wenn die kindliche Perspektive eine verstärkte Rolle dort spielt, wo diese in ihrer Selbstversorgung allein gelassen wird, nachdem die Mutter (Sylvie Testud) für einen Kampf gegen Dämonen im sogenannten Sonnenthal das Feld geräumt hat. Jene Ansage besitzt zweifellos befremdlichen Anklang, schließlich ist das Narrativ in einer zeitgenössischen Provinzstruktur verinnerlicht, gewissermaßen aber auch zeitlos in seinem Prozedere kreiselnd, so wie das Schwarz-Weiß der Kamera (Jürgen Jürges) Kontraste verstärkt und geradezu in einer Zwischenwelt des Verlorenen lagert. Der gotische Reiz dieser Rahmengestaltung fließt folglich auch in die Wahrnehmung der Protagonisten ein, deren Häuslichkeiten ohne Aufsicht Erwachsener zu einem Keimherd sondergleichen verkümmert, Massen an Spinnweben herbei fördert, im Mangel an Einkommen auch Energieressourcen abstellt, bis sich das Trio an Kids in ihrer selbst zusammengebauten Höhle verkriecht.


Die Höhle, jenes Fort aus Stühlen, Decken und liebgewonnenen Kleinigkeiten ist durchaus eine kindliche Kunst, die jeder irgendwann mal mitgemacht hat, als sei es ein Urinstinkt aus vergangenen Jahrtausenden der Evolution - zurück in die Geborgenheit kleinster Zellen, in jenem Kontext aber auch zum Zusammenhalt unter den Umständen ungewisser Einsamkeit. Bis dahin verfestigt sich der Film aber auch nicht zur gnadenlosen Dramatik, im Gegenteil. Der älteste von dreien, Jonas (Ben Litwinschuh), übernimmt so gut er kann den Haushalt und mogelt sich durch die Welt nachfragender Erwachsener, während er seinen Geschwistern Wahrheit und Pflicht zugleich auf den Alltag zu schreiben fähig ist - bis zu einem gewissen Punkt, versteht sich. Seine vorgezogene Reife ist eben nur eine erforderte Maßnahme, deren Qualifikation soweit reicht, wie ihn die flapsigen Sprüche seines Bruders Nick (Lutz Simon Eilert) und die drollige Ziellosigkeit der vierjährigen Schwester Mielchen (Helena Pieske) nicht vorzeitig aus der Fassung bringen, wohlgemerkt der Organisation mit Schule, Kindergarten, Ernährung und Co. wegen auch zu Tabletten treiben. Der erforderte Hang zur Kompetenz und Autorität liegt eben auch im Zwiespalt mit dem Kindsein, was eine tief schürfende Verletzlichkeit offenbart und genauso von der Inszenierung empathisiert wird, ohne von den kleinen Darstellern forcierte Emotionen und Phrasen zu verlangen, so wie jene Ausnahmesituation am inneren Kostüm der Unschuld anschlägt.


Die Schuld wird aber auch nicht auf die Mutter abgeladen, so wie ihre Psyche am selben Subjekt Liebe und Schrecken gleichzeitig vorherrschen lässt (zeigt sich auch im Verhältnis zum Vater, dem sich die Kinder ebenso nur ambivalent öffnen können), vielleicht schon von Vornherein im Stil so definiert, in zerrütteten Familienverhältnissen binnen trister Provinzialität womöglich aber noch befeuert wird, so finster die Nacht voller Bäume und verfolgender Lichter auf die Seele drückt. Dies setzt sich auch bei Jonas fort, der auf seinem von „Nobody knows“ (ferner auch „Fast Food Family“) inspirierten Weg hilfloser Verantwortung noch der urigen Gestalt Felix (Ludwig Trepte) begegnet, einem rätselhaften Goth voll diebischer Impulse, welcher einem magischen Wesen ähnlich Wünsche erfüllt, zusammen bei nächtlichen Einbrüchen ins Lager des örtlichen Supermarkts aushilft und doch nie von einer absoluten Sicherheit zeugt, so wie er einen Fluch an Jonas' Situation zu erkennen vermag. Die Omen häufen sich sodann im Strudel der Verwahrlosung und Armut, aus dem man nicht ausbrechen kann, so wie die Regeln der Mutter dafür Sorge tragen sollen, dass man sie ihrer Verfassung wegen nicht von ihren Kindern trennt, was natürlich auch eine ungesunde Abhängigkeit erschafft, wenn Jonas und seine Geschwister das Vertrauen in einer Lücke aufrechterhalten müssen, welche allesamt in ein Vakuum einbrechen lässt.


Die Liebe im Umgang miteinander scheint aber stets ungebrochen, so wie die Kinder eben auch keinen Zynismus absondern, sei es nun durch Mierchens Versuche des „Piep piep piep, wir haben uns alle lieb“ beim mickrigen Abendessen oder in Nicks Aufmüpfigkeit der Empathie zur Schwester wegen, um ihren Geburtstag in jenem Loch von Zuhause noch gebührend feiern zu dürfen. Sich an den Kleinigkeiten festhalten zu müssen, auch die Verzweiflung aller spüren zu können, in der Jonas seiner Rolle wegen auch fast zur Kapitulation getrieben wird, macht eben das tragische Herzstück dieses Films aus, der aus der Sorge heraus sodann auch in die entlegensten Winkel schauen kann, um die Hoffnung am Raben und am Friedhof vorbei ersehnen zu können, so vergänglich er auch die Behütung der Erwachsenen zeichnet, wie hilflos diese durch Jonas der Intervention verwiesen wird, wenn die Extreme seines Daseins mehr als nur eventuell die Trennung von seiner Familie bedeuten würde, auch wenn sie bereits das Existenzminimum erreicht haben - zumindest zusammen in verschworener Schweigepflicht. Erstaunlich ist, dass jene Ballung der Zwänge dann eben doch noch eine Fülle an Perspektiven aufbietet, visuell dynamisch bleibt und auch manch musikalische Dramatisierung glaubwürdig anbandelt, so natürlich das Ensemble diese und sich selbst mitnimmt, wie sich zudem allgemein das Unglaubliche mit wahrhaftiger Selbstzerstörung ergänzt.


Letzteres ist eben ohnehin selten nüchtern zu begreifen, so profund der Sachverhalt schon emotional gesehen ankommt. Nicht, dass die Form hier zur Sentimentalität greifen müsste, doch die Nähe menschlicher Erfahrung traut sich hier einfach auch, in die finstere Verzerrung des Irrationalen zu steigen, diese im Selbstverständnis aufgehen zu lassen, zärtlich und furchterregend zu gestalten, während die realen Konsequenzen stets geerdet bleiben, vonseiten der Kindlichkeit eh nur bedingt beeinflusst werden können, aber Verständnis erhalten und ihre Ängste daher genauso irrational in naiven Gesten verbrennen. Gleichsam schickt sich auch der unberechenbare Faktor Felix an, das gegebene Chaos einer disfunktionalen Familie aus eigener Erfahrung nachvollziehen sowie umsetzen zu können, worauf die vorzeitige Wiederherstellung einer gewissen Norm gleichsam keine Spuren vorheriger Desolation zu verwischen imstande sein dürfte (siehe auch die einigermaßen geistig verwandte Netflix-Serie „Stranger Things“). Mit moralischen Eindeutigkeiten hält sich diese Mär dann schlussendlich auch zurück, zumindest ist fürs Erste eine Sicherheit gegeben, die gleichsam temporär das Kindsein rekonstruiert, aber nicht aus jenen Kontrasten des Schwarz-Weiß entlässt - man wird ja auch nicht jünger. Dass solch bittersüße Wahrhaftigkeiten im Sinne eines Films so oder so nicht ohne Konstruktion auskommen, wird durch dieses Beispiel gewiss nicht aufgelöst, in Sachen kraftvoller Vermittlung macht jene aufmerksame Studie des inneren wie äußeren Zerfalls aber keine halben Sachen, um das Kind als wachsenden Menschen wahrzunehmen, der mit den Erwachsenen ebenbürtig zwischen den Fronten von Realität, Idealen und Ängsten zu bestehen versucht.


(Anmerkung: Die online erhältlichen Abzüge der Filmposter sind auflösungstechnisch der letzte Scheiß, daher der Screenshot)

48 STUNDEN BIS ACAPULCO - Zurück auf Anfang, Blick frei für Klaus Lemkes Langfilmdebüt, welches als Reflexion zum Genrekino zeitgenössischer Natur scheinbar wenig mit dem Oberhausener Manifest gemein haben wollte. Von einem Beispiel dessen, was bei jenem Regisseur später zum eigenwilligen Format avancierte, könnte man dennoch nicht zu 100 Prozent reden, so verhältnismäßig kontrolliert (zudem von Max Zihlmann geschrieben) auf den Spuren von Goddard, Eskapismus, Noir und Zeitgeist-Chic gegangen wird, um das Abenteuer in der Desillusionierung zu finden. Lemke selbst schien jene Erfahrung im Sinne seines Bezugs zum Kino innerhalb dieses Films sowie dem Nachfolger „Negresco**** - Eine tödliche Affäre“ gemacht zu haben, weshalb die Jahre darauf mehr wahre Typen in seinem Werk Platz nahmen. Der Ansporn zur Verwirklichung dessen markiert hier jedoch schon sein Revier, so wie aus den Topoi ein geiles Ideal gebildet und gebrochen wird. Die Ballung an Stilmitteln weist liebevoll und schnurstracks auf das hin, was dem jungen Menschen von der Leinwand aus als Sehnsucht anschlägt, mitunter auch verkauft wird, über die Kolportage hinaus aber die Freiheit verspricht, wie man sie sich offenbar am ehesten verdienen kann: Mit Macht, Kühnheit und Coolness hinaus aus dem Mief der Gewohnheit. Lemke versteht allerdings schon in hiesigen Gefilden solche Werte zu projizieren, wenn sich Roland Kovacs Musik wie ein Italo-Western über München legt, die tollen Schlitten auf ihre Designer-Villen steuern, deren Fahrer der Party bewusst fremd bleiben; Sex, Frühstück und Swimming-Pool im wahrscheinlich ebenso gepachteten Sommer dulden. Der messerscharfe Schnitt und die ebenbürtige Kameraführung (u.a. Niklaus Schilling) zwischen losgelöstem Trieb und schleichendem Raubtier suggerieren dabei ohne Beihilfe dramaturgischer Behauptung den Meister, Chers „Sunny“ liefert dazu die passenden Akkorde.


Gruner (Alexander Kerst) heißt der Gastgeber, ein gemachter Mann und Herr des Geldes, welcher den kleinen Fisch Frank Murnau (Dieter Geissler, mit einem in „Paul“ wiederkehrenden Rollennamen) gleichsam impulsiv und gelassen - quasi nach Art des Films - auf eine Mission schickt, Dokumente für Bares an einen Amerikaner in Rom zu schleusen. Die Details dazu werden alsbald MacGuffins im Ambiente geheimnisvoller Abgeklärtheit, in denen die Tatsachen aber so helle scheinen, wie sie die Schwarz-Weiß-Optik knallhart zu konzentrieren vermag. Das beinhaltet eben auch eine von Lemkes profunden Thesen, nämlich wie restlos erlegen man dem Blick einer Frau ist, komme was wolle. Gruners Tochter Laura (Christiane Krüger) ist sodann als Begleiterin ebenso dabei, schon träufelt die Sonne ins Gefährt und bringt die Laune der Bewegung, doch am pumpenden Bass bemerkt man bald Motive, die unter der Haube klopfen sowie die Pläne Franks durchkalkulieren lassen. Immer nur wenige Worte reichen für die nächsten Minuten aus, seine stille Eleganz öffnet Wege und lässt doch so vieles verborgen. Manchmal glaubt man wirklich, er könne im Moment an der Spitze der Welt stehen. Dann wiederum bleiben aber noch die wilden Momente, eben das grundsätzlich Menschliche zwischen den Zeilen: Liebe, Ungeduld, Schulden und Schwäche. Dass er vor Laura nur ersteres zeigt, macht ihn groß; doch es ist scheinbar nur gespielt, wenn er alles doch zwischenzeitlich für eine andere, Monika (Monika Zinnenberg), arrangiert, Gruners Plan zu seinem Gunsten umformuliert, so wie er von ihrer Erscheinung - nackt mit Zigarette - gebannt ist. Sicher wird er nachts auf den Straßen dadurch auch nicht, so wie sich der Topos Verfolgungsjagd anmeldet und den Schulden wegen einen nassen Klumpen an ihm hinterlässt, später vom einstigen Chef (Lemke selbst) aber noch einen halbwegs klärenden Spaziergang mitkriegt.


Es wird gequalmt und es qualmt. Allmählich wird es also Zeit zu verschwinden und da jettet der Film in mächtig Horizont-geißelnder Fahrt erstmals nach Rom, wo die Instrumentalversion von „Summer in the City“ mehr als nur unbewusst den Style hochpusht, obgleich die Erscheinung des Amerikaners Cameron (Roland Carey) jede Romantik von Geschäftswegen her unterbindet, die Frank und Laura seitdem so zwiegespalten knüpften. Es steckt dann auch jede Menge Frust in Franks Leberrausch, welcher sich daraufhin in Camerons Strandhaus ausschlafen muss, während dieser mit Laura in den Wellen vögelt, wie sich die gemachten Macher der Erde eben an jener austoben. Gegen eine Ladung Blei sind sie aber auch nicht gewappnet, so schnell und vergänglich Vertrauen, Gefühle und Geschäfte zusammenbrechen, wenn das vergänglichste von allen, das Geld, zum Ego lockt. Frank bleibt vor Laura stoisch, doch von ihr weg geht der Film mit ihm daraufhin in den Panik-Modus über, fliegt nach Mexiko und von dort aus nach Acapulco, so wie sich die Paranoia an Verfolgern bestätigt, die Bilder umso straffer die Schlinge um den Hals ziehen, je weniger Worte in den Schlund zwingen. Letzterer ist aber auch ein selbstgewählter; ein Träumer, der unmöglich das kriegen kann, was er verlangt, auch nicht die Frau. In dem Ambiente schielt das Leben noch heraus, das Singen über Kalifornien und die letzte innige Begegnung mit dem Frieden inmitten pechschwarzer Gefahr, doch für den Pathos der Melancholie hat Lemke da letztendlich wenig übrig, auch wenn er nicht zum Zynismus abdriftet. Der Eskapismus verschlingt sich stattdessen selbst und da wird das Begräbnis kalt wie grandios, von seiner Form in die Konklusion gesteuert und dennoch stets mit Lust nach Knarren, Karren und Scheinwerfer gesehnt. Die Wiederauferstehung ließ nicht allzu lange auf sich warten, doch der Weisheit letzter Schluss konnte im neuen deutschen Kino so keiner richtig benennen.




SAN ANDREAS - So wie die Saison an explosiver Kinoware mit sommerlichen Flair allmählich früher abzieht als gedacht und damit kurioserweise auch dem Wetter folgt, empfiehlt es sich, auch mal einen Blick zurück zu wagen und das Heimkino für einige schöne Stunden der Alltagsflucht zu bemühen. Dann begegnet nämlich seiner Erinnerung: Hey, 2015 hatte doch noch diesen Katastrophenfilm mit Dwayne „The Rock“ Johnson in petto und obwohl vielerlei an seiner äußeren Fassade nach der Standardklausel des Genres schreit, bemüht sich Regisseur Brad Peyton nicht nur um eine effektive Konzentration der vertrauten wie willkommenen Topoi, sondern bastelt für das Unterbewusstsein auch eine äußerst menschliche Erfahrung inmitten der digitalen Zerstörungsorgie darin hinein, aus welcher eine ganz saftige Ladung Herzblut geschöpft wird. Vieles davon hängt anfangs dennoch mit einer Charakterisierung zusammen, wie sie ein Roland Emmerich nicht weniger simplistisch auffahren, höchstens mit noch mehr Charakteren füllen und eine Ballung an Stereotypen riskieren würde. Das Geschehen bleibt hier stattdessen strikt auf höchstens zwei Handlungslinien befestigt: Den Experten und den Menschen, die in gewöhnlicheren Berufungen mit dem Desaster zu hadern haben. Im Grunde wäre zweitere Ebene zwar vollkommen ausreichend gewesen, wenn man bedenkt, dass die erstere - via Paul Giamatti als seismologischer Wissenschaftler Dr. Lawrence Hayes - mehr darauf konzipiert ist, Plausibilität in die Geschehnisse zu infusieren, als dass sie mehr zur Grundthese individueller Willenskraft im Angesicht der Überwältigung addieren würde. Immer wieder goldig zwar, wie Amerika anhand jener Ideologie in Filmen über den Dingen stehen kann, indem der gesellschaftliche Struggle am stellvertretenden Beispiel gelöst zu werden scheint (und die Suggestion leistet sich Peyton mit dem epischsten Pathos im Regal), doch hier kommen noch Ideale ins Spiel, die Distanz und Nähe zugleich hervorrufen.


Jemand, der mit Raymond Gaines (Johnson) und seiner Erscheinung mithalten kann, möchte man dieser Tage jedenfalls dringend öfter vorfinden. Fakt ist, dass er als Meister im Rettungseinsatz zwar den lockeren raushängen lassen kann und mit seiner Statur zu jeder (bereits zu Beginn bewiesenermaßen noch so unmöglichen) Heldentat fähig ist, aber eben auch mit der anstehenden Scheidung von seiner Frau Emma (Carla Gugino) zu hadern hat. Die Gründe dafür liegen sodann am Trauma, eine der zwei gemeinsamen Töchter verloren zu haben, gerade ihr nicht zu helfen imstande gewesen zu sein. The Rock hält sich in der Darstellung dieser Trauer überraschend zurück, nicht weil man ihm Talentfreiheit attestieren muss, so wie insbesondere das letzte Drittel (nicht bloß an ihm) den genuinen Ausbruch offenbart, wenn das trotz aller Umstände Gebliebene ihm erneut zu entgleiten droht. Er bleibt eben auch sich selbst treu und demnach kein Stoiker, doch der designierte Held lässt sich an ihm durchweg festmachen, so wie das Genre seine Protagonisten nun mal projiziert und zudem mit Angehörigen ausstattet, die dessen Werte reflektieren und für den eigenen Selbstbeweis umsetzen. Beispiellose Güte und Bescheidenheit sind demnach seine Markenzeichen im Kontrast zu seiner Erscheinung, durchweg besonnen verhält er sich auch gegenüber seiner der Zukunft ungewissen Ex, weshalb beide im Zusammenspiel stets den Konstanten von Streit und Häme entgehen, als hätte der Film eine Utopie zur Beobachtung ausgestellt. Gleiches gilt für die Tochter Blake (Alexandra Daddario), von der ein Charakter später behaupten wird, dass sie schlicht unglaublich sei - und damit gar nicht mal falsch liegt. Die äußere und innere Schönheit wie Kompetenz an dieser Frau übertrifft sogar manch Superhelden in der Vorbildfunktion, gibt dennoch weder die durchsexualisierte Gafferfläche noch den Übermenschen, wenn nur die wenigsten Situationen ohne die Hilfe der Gemeinschaft zu meistern sind.


Dennoch übt sich der Film natürlich im Habitus, dem großen Massensterben inmitten jener Parteien nur bedingt adäquat emotional begegnen zu können, auch wenn die Darstellung dessen wenig Halt macht, digitale Körper in gespaltene Straßen, Tsunamis, Wirbelstürme und Brände zu werfen. Ohnehin klingen wiederum einigermaßen befremdliche Zwischentöne auf, wenn dieser Vertreter des kontemporären Blockbusters ebenso gierig dem Untergang frönt, eine Materialschlacht am Computer unter die 3D-Brillen streut und zweifellos an der Exploitation teilnimmt. Die Erwartungen werden also auch erfüllt, gleichsam sind die Antagonisten dann auch Abgekoppelte von grundlegender Empathie, klassischen Familienmodellen und auch so gnadenlos überzeichnet, dass ihr Ableben objektiv gesehen schon zynische Töne mitbringt. Wichtig ist hier aber, von wessen Perspektive diese Ereignisse gezeigt werden, wie sie eine ungefähre Katharsis für den Sachverhalt der Filmfigur ergeben und jenseits von Gut und Böse einen inneren Prozess reflektieren. Mithilfe von Dr. Hayes scheint der Film von dieser Deutung beinahe ablenken zu wollen, doch zu beinahe jeder Minute steht das Verhältnis der Familie Gaines zur Debatte, wie sie ein zerstörtes Stück von sich selbst mit Ersatzlösungen zu glätten versuchen, bis der Schmerz in angestauten Übermengen ausläuft und mit dem Drang zur letzten, aber möglichen Chance konfrontiert. Die Mechanismen einer Scheidung und den Wiederaufbau anhand eines solchen Films zu verstehen, mag absurd klingen, doch vielerlei Signale tragen die Botschaft front and center ins Bewusstsein, wenn man neben der offensichtlichen Spaltung Kaliforniens vom Rest Amerikas (welche wohlgemerkt über den ganzen Kontinent zu spüren sein wird) z.B. den Stiefvater in spe auscheckt. Dabei ist der millionenschwere Architekt Daniel Riddick (Ioan Gruffudd) in seiner Fassung außerhalb der Erdbeben-Begegnung kein von Vornherein konspirierendes Monster oder dergleichen, doch er teilt schon früh seine Unerfahrenheit mit der Erziehung mit, so wie er sein Leben lang eher seine Gebäude aufzog.


Das Eingeständnis wäre plump, wenn er sich im Endeffekt wirklich nur um sein Werk kümmern würde, stattdessen gibt es sein unqualifiziertes Verständnis der ihm angetrauten Familie preis, die er im Angesicht der Verzweiflung und eigener Hilflosigkeit sogar im Stich lässt, auch wenn der Film sein Bewusstsein dazu offen hält (wie seine Orientierungslosigkeit parallel mit die größte Furcht innerhalb jener Katastrophen repräsentiert). Wirklich subtil wird die Sache nicht gehandhabt, doch Regisseur Peyton will gewiss nicht die Ahnung einer Prätention ermöglichen, wenn sich anhand der großen Show doch so viele kleine Wahrheiten spielerisch aufzeichnen lassen. Dafür darf Kylie Minoque als Riddicks Schwester schon früh die giftige Tante ansetzen und sterben lassen, indem das Erdbeben jene Sache erledigt, ehe Emma und Blake auf ewig mit ihr zusammenhängen müssen. Später wirft scheinbar schon jede Erwähnung der Riddicks ein böses Omen auf das Weiterkommen der Wiedervereinigung, der Anblick eines seiner im Bau befindlichen Wolkenkratzer allein erzeugt wohl schon ein Nachbeben. Es ist alles over-the-top und in der Direktheit auch ein schön anpackender Faktor, wenn man die Selbstverständlichkeiten betrachtet, mit denen sich die Familienmitglieder wieder den Weg zueinander bahnen, bei der Hemmung in der Reflexion zur Vergangenheit einer geographischen Hürde begegnen und im Gegenzug abheben, wenn Einsicht und Aussprache die Klärung untereinander bringt, das eben noch nicht alles verloren ist. Ohnehin belohnt „San Andreas“ die Positionierung zur positiven Menschenkenntnis im Taylor-Gespann, welches in seiner Brüderlichkeit schnell mit Blake zusammen findet, wenn sie sich auf Charakterwerten der Vernunft und Hilfe gegenseitig stützen, dafür ihre Handy-Nummer absahnen und diese dennoch als erstes dazu benutzen, um sie im Geröll zu finden.


Triviale Impulse darf man hier durchaus nicht ausschließen, doch an der vermittelten Kohärenz findet sich dann doch ein humanistischer Ansatz ein, der sich zum Finale hin immer mehr steigert, obgleich die kleinen Helden ganz groß werden und sich sogar Zeit nehmen, um Plündereien zu vereiteln oder alten Mitmenschen den Superjeep zu überlassen. Monsterwellen, Frachter und einstürzende Stadien in deren Gegenwart werden bezwungen, weil das Vertrauen sich nicht mehr hemmen will und trotz der Angst durchzieht. Letztere bleibt ja dennoch bestehen und spielt erst recht auf, wenn die Tapferkeit der Güte scheinbar nach all dem überstandenen Größenwahn voller Naturgewalten an der vom Menschen geschaffenen, ferner von Riddick installierten Panzerglasscheibe zu scheitern droht. Vor allem, da jene Situation genau das Trauma wiederholt, welches die Gaines-Familie schon viel zu lange mit sich trägt, als wären sie im Limbus gefangen, was am Medium Film sowie an der vorherrschenden Haltlosigkeit des Chaos ohnehin kein allzu falscher Gedanke wäre. Dass Peyton da durchaus auf reeller Ebene die Emotionen herausholen kann, ist ihm ja zweifelsohne gegeben, doch das Szenario ist an sich nicht mal etwas Besonderes im Wust an Jahrzehnte-langer Genre-Installation, dass es umso mehr beeindruckt, wenn es eben nur in seinem Rahmen noch so intensiv beim Zuschauer ankommt und sich dafür nicht mal einen Bruch heben muss. Selbst den Käse mit der Flagge am Ende noch aufzutischen (neben vielen Klischees, die vermieden wurden), verbittert die Erfahrung noch nicht mal, sondern scheint nur konsequent in dieser Fantasie einer Schmerzbewältigung, die selbst inmitten des plattentektonischen Genozids geradewegs zum Optimismus zu steuern fähig ist. Ist das noch aufrichtig unbedarft oder ein verstecktes Epos über das Bestehen der Menschlichkeit vom Innern heraus? Wahrscheinlich beides.


Bonus-Zeugs:

Diese Woche habe ich knapp 11700 Wörter und so ziemlich einen ganzen Samstag an Arbeit in folgendes Video gesteckt, das sich in etwa als Fortsetzung zu jener Batman-v-Superman-Geschichte anhören lässt, die ich im April schrieb, aber gleichzeitig auch ein Stück spekuliert und reflektiert, was ich von nachfolgenden Werken des DCEU erwarte oder eben nicht. Es geht genauer um die heiß erwartete Zusammenführung der Justice League und wenn sich ein Stoff für Räudige Hoschi-Fiction anbietet, dann diese dramaturgisch durchweg haarsträubende Baustelle voller bescheuerter Witze. Ich beneide niemanden in der Position, einen stimmigen Film draus zu machen und hoffe auf das Beste oder eben Merkwürdigste von Zack Snyder. Solange dürfte mein Projekt zum Anhören vielleicht nur Hardcore-Fans sättigen, aber im Nachhinein macht ein Vergleich wohl auch Spaß. Wie auch immer der Schlussstrich gezogen wird, würde ich mich freuen, wenn sich ein Leser hier auch dafür entscheidet, mir für knapp 86 Minuten zuzuhören. Ich hätte an dieser Stelle sonst gerne auch schon Texte für die Ultimate Edition von Batman v Superman (sehr gut, vor allem in Sachen Superman eine profunde Ergänzung) sowie Suicide Squad (enttäuschendes Mittelmaß ohne ersten Akt) anbieten können, doch die harren noch ihrer Veröffentlichung, was eben außerhalb meiner Kontrolle liegt. Unter diesen Umständen aber nicht vergessen: Danke im Voraus und viele Grüße aus der kreativen Höhle!

Sonntag, 6. März 2016

Tipps vom 29.02. - 06.03.2016

Diese Woche sah es erneut etwas mager aus, was die Sichtung von Filmen anging, da muss ich mich entschuldigen, aber nun ja, ab und an steckt das Leben halt dahinter, da will ich keine Illussionen schaffen. Ich hab es zumindest in zwei Kinovorstellungen geschafft, auch wieder reichlich Gutes wiederholt und mich zwischendurch auch erneut an "Eine schrecklich nette Familie" herangewagt, sobald die tägliche (Schnitt-)Arbeit daheim erledigt war. Abseits dessen war die Woche ohnehin ziemlich verrückt - es fing bei den Oscars voll aufdringlicher political correctness an, dann musste sich um eine (noch immer) defekte Kochplatte in der Wohnung gestritten werden und Frau Mutter war das Wochenende auch noch zu Besuch. Alles nicht so schlimm übrigens, wie zur MRT unter die Röhre geschoben zu werden, mit einer Kanüle voller Kontrastmittel im Arm 20 Minuten lang in (gut belüfteter) Enge zu verweilen und dabei sogar melodramatisch klassische Töne à la "Opfergang" über Lautsprecher serviert zu bekommen - Galgenhumor deluxe. Doch selbst dieses Ereignis malt man sich anfangs schlimmer aus, als es eigentlich ist - es ist keine Schande zuzugeben, die Tage zuvor eine Panikattacke hinsichtlich dessen zu erleben, ahnungslos und allein den Weg antreten zu müssen. Wer es nicht selbst erlebt hat, wird die Furcht davor vielleicht nicht ganz verstehen, doch es macht schon bange, eventuell (aber natürlich recht unwahrscheinlich) die Diagnose eines Gehirntumors erhalten zu können (die Möglichkeit sollte im Rahmen der Behandlung eben ausgeschlossen werden und so war es dann auch), nur weil man vor knapp einem Monat noch mit Gleichgewichtsstörungen sowie einer Art Benommenheitsschwindel zu hadern hatte.

Wer sich mein Video zu "Chibi-Robo!" zu Gemüte führt, sieht die damit verbundene Konzentrationsschwäche und Ermattung übrigens voll in Aktion, wenn auch zusammengeschnitten wie nur möglich. Inzwischen haben sich die Symptome aber auf ein kaum noch spürbares Minimum verzogen und auf den MRT-Aufnahmen, die man mitkriegt, lässt sich auch nichts Besorgniserregendes erkennen. Wie dem auch sei, ist die Angst, die man danach hinter sich gelassen hat, eigentlich kaum noch zu toppen, von daher wird man im Nachhinein so oder so ein bisschen lockerer. Bezeichnenderweise verselbstständigte sich das bei mir sodann am selben Tag noch in einem Kinobesuch für den Western-Klassiker "12 Uhr Mittags" von Fred Zinnemann. Obwohl da in den ersten 10 Minuten irrtümlicherweise "Faustrecht der Prärie" lief, sodann für die eigentliche Vorstellung auf Digital umgesattelt werden musste, ein älterer Sitznachbar bei jedem Satz von Grace Kelly wie ein sexistischer Wicht zu prusten anfing und mein rechter Arm sich zudem noch vom Einstich der Kanüle per Muskelkater erholte, war es mir alles egal. Witzigerweise hat es Gary Cooper dabei auf der Leinwand nicht leichter, gedenkt sich dem Schergen Frank Miller (!) zu stellen, erhält allerdings keinerlei Hilfe von der Stadtgemeinschaft, für die er Jahrzehnte lang als Sheriff gedient hat - alle haben ihre nachvollziehbaren Gründe, doch die Verzweiflung unseres Helden der Rechtschaffenheit steht ihm mit wehmütigen Rhythmus von Dimitri Tiomkins Soundtrack ins Gesicht geschrieben; genauso die Abgeklärtheit, mit der er sich aus der Realität der Genügsamkeit verabschiedet und (beinahe) im Alleingang das schaffen muss, wofür ihm eigentlich genug Ressourcen zur Verfügung stehen dürften.

Quasi ein in etwa misantrhopisches Happy-End, wenn man so sagen will (auch ein Abgesang auf einen oder mehrere Western-Mythen), zumindest eins, von dem aus es sich weiter Richtung Selbstbewusstsein blicken lässt (und nicht in einer haltlos starrköpfigen und destruktiven Art wie in "Ein Mann wie Sprengstoff", ebenfalls mit Cooper); Furcht konfrontiert und bezwungen werden kann, auch wenn es nicht als Sieg herausgestellt werden muss. Also bin ich erneut vor die Kamera getreten und im fixen Durchlauf (fast alle) meine neuen Errungenschaften vom Februar binnen meiner Mancave vorgestellt. Von Ansteckern über Poster bis hin zu Büchern und natürlich Filmen ist ein Arsenal an tollen tollen Sachen vertreten (Nicht im Video, aber auch neu im Archiv: "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", "Poltergeist" - siehe hier). Das Schöne ist: Es kommt im März so oder so noch mehr zusammen und auch wenn schon meine guten Vorsätze für dieses Jahr, erst recht im Bezug auf Optimismus, vom Schicksal offenbar derartig entschieden auf die Probe gestellt werden, sind der eine oder andere Filmabend, Hamburger, Bücherhallen-Leihfundus, Freundschaften, Familie, Alf oder eben ein "Batman v Superman" stets nicht allzu weit entfernt. Es wird auch mal wieder besser und ich werde auch mal wieder mehr hier schreiben, im Moment lässt sich mit folgendem Video wie gesagt aber auch was anfangen. Und Achtung, danach hab ich doch noch eine Filmbesprechung in Textform in petto, also Augen aufhalten und viel Spaß mit dem ganzen Kram :D






SONNE, SAND UND HEISSE SCHENKEL aka JUNG, SCHÖN UND LASTERHAFT - (Gesichtet im Rahmen des BIZARRE CINEMA im Metropolis Kino Hamburg, 35mm, dt. Fassung)

Mal wieder einer von der Sorte „Genussfilm“. Wer die Reize der beiden Hauptdarstellerinnen Gloria Guida und Dagmar Lassander zu schätzen weiß, kann schon insofern erfreut sein, dass Regisseur Silvio Amadio ihnen hiermit gewiss eine Liebeserklärung schenkt. Diese mag in der dramaturgischen Dimension vielleicht mit der Sprache eines Groschenromans erscheinen und vom Budget her nicht allzu viel Aufwand sowie herzliches Schmuddelfilmflair vorzeigen (allein dieser Soundtrack), doch offene Filmfreunde empfangen derartig schludrige Präsentationen eben als freundschaftliche Bodenständigkeit, aus der sich Massen an Potenzial ergeben - bezeichnenderweise verheimlicht der Film auch seine Quasi-Adaption von Françoise Sagans „Bonjour Tristesse“ und verhält sich stattdessen durchweg eher so, wie es ihm gerade passt, was wiederum eine ungeheure Lebhaftigkeit hervorbringt. Jene Methodik findet sodann schnell die Schönheit in der Kulisse vor, in den Körpern der Frauen sowie deren jugendliche Sprunghaftigkeit. Euphorisch kombiniert der Film dies mit elliptischer Erzählung, pendelt schon nach dem Vorspann zwischen den Zeiten hin und her und ergänzt auf die Art trotzdem punktgenau die Wahrnehmung der jungen Angela (Gloria Guida) zu ihrer neuen Stiefmutter in spe, Irene (Dagmar Lassander), für welche sie sich schon allmählich ein kleines Komplott zusammen mit Inselficker Sandro (Fred Robsahm) ausdenkt. 


Diese Jugend heutzutage... doch fern moralischer Verurteilung besitzen Amadios Charaktere im Grunde ein unbedarftes Wesen, umgeben sich allesamt mit wilden und gleichzeitig heimeligen Dekors unter der angenehmen Hitze des Ambientes und feiern bar jeder Verantwortung Freiheit, Liebe, Natur und Klamotten, während die Sonne so gleißend von der Leinwand strahlt, wie sie in der Naivität der Intrigen auch trügen kann. Angelas zentrales Spiel mit den Gefühlen (inklusive Versteckspiel unter grotesken Felsmassiven) basiert nämlich durchaus auf kindlicher Motivation, geht lediglich mit Vermutungen im Geheimen gegen Irene an, ehe sie diese überhaupt kennen lernt. Mit gleichsam keckem Esprit inszeniert sie sodann eine Zuneigung für Irene, obwohl der Film gerne damit spielt, wie viel Wahrheit doch darin stecken könnte. Erotik ist natürlich ein bindendes Glied in diesen Verhältnissen und bietet Amadio vor allem reichlich Freiraum zur Verinnerlichung von Blicken und im lauen Wind glänzenden Frisuren (Lassanders Rot lässt die Sinne explodieren!) sowie zur Begutachtung der unbekümmerten Nacktheit Guidas, doch neben dieser Zeigefreudigkeit ist das Narrativ ohnehin mit der Chemie der Verführung gepfeffert, welche vor allem den Frauen des kleinen Ensembles zusteht, bei dem die Männer eher im Hintergrund verbleiben. Selbst Sandro, der sich als Lover zwischen drei Damen versucht, hat nicht allzu viel zu melden, kommt mit seinen Anmacher-Allüren bei Irene erst recht nicht weit, ferner blickt er stetig tiefer in eine der mehrmals vertretenen J&B-Whisky-Flaschen.


Ein Arschloch macht der Film aber auch nicht aus ihm, sind ja alles junge Menschen - mit Buggy, Mode und Teleobjektiv ausgestattete Touristen der seligen Lust, in die sich die um eine Generation ältere, aber kaum weniger bezaubernde Irene ebenso hinein verlieren könnte, wenn ihre Zuneigung zu Frauen denn nicht aufgrund tragischer Erfahrungen unter einem schlechten Stern stehen würde. In ihr schlummert die Verletztlichkeit - Angela ist sich dessen im Leichtsinn der jungen Unschuld noch nicht bewusst und spielt dann auch mit der Liebe, als dass sie die Bedeutung derer in ihrem Leben schon wirklich erfahren hat. Visuelles und Dramatisches kreuzen sich dabei übrigens nicht allzu kalkulierbar zur Filmerfahrung zusammen - die Fühlbarkeit bleibt jedenfalls nimmer auf der Strecke, wenn geballte Sehnsucht in den Bildern und Handlungen der Figuren steckt, Motive und Komplexe derer im Unterbewusstsein der Sinnlichkeit jedoch stets weiterlaufen und für Impulse sorgen, welche die Schwärmerei für das weibliche Geschlecht und das Ambiente zwar bis zum Ende nicht als Heuchlerei oder Fantasterei entlarven, wohl aber die Macht der Reize aus der Funktion als Spielzeug herausheben. Von einer möglicherweise konservativen Schlussmoral emanzipiert sich Amadio aber auch, indem er sich stets die Freiheit nimmt, verspielt zu bleiben und das Korsett formaler Strenge sowie Bedeutungsschwangerschaft zu vermeiden.


Bezeichnenderweise liest Irene in einer Szene auch einen „französischen Roman“, den sie sehr interessiert verschlingt, bei dessen intellektueller Haltung sie aber auch Verständnis zeigt, dass diese eigentlich auch „überflüssig“ wäre - gleichsam bringt der Film auch nebenbei Sigmund Freuds Theorien zu Wort, ohne sich an diese allzu lange klammern zu wollen (siehe auch „Emanuelle Nera und ihre wilden Hengste“, ebenso mit Lassander). So lässt sich auch dieser im Deutschen schon gar nicht mal so falsch, aber auch unterschätzt betitelte Film reflektieren, dessen hormoneller Appeal nicht bloß primitive Exploitation hergibt, sondern als Mogelpackung mit den hellen Strahlen allzu menschlicher Freuden kokettiert und an seiner ganzen Ausstrahlung auch nicht vergisst, die Liebe im Individuum und dessen Fragilität empathisch zu beleuchten. Selbst wenn man dabei eine sexy Sause mit Sonne, Sand, heißen Schenkeln sowie Spaghetti und tollen Sprüchen Marke Schier/Eder empfängt, erhält die Subversion im Endeffekt mehr an Gehalt, als der allgemeine Anspruch zu sehen glaubt. Dabei sind Amadios Bildkompositionen gerade in ihrem eigentlich kleinen Rahmen eine kleine Sensation - und seine Darstellerinnen fern forcierter Allüren absolut hinreißende Herrscherinnen der Leinwand.

Sonntag, 21. Februar 2016

Tipps vom 15.02. - 21.02.2016

Zunächst einmal eine kleine Abwechslung vom sonstigen Prozedere: Hier kommt ein Video über das Videospiel "Chibi-Robo!" von 2006, das seinerzeit vom Entwickler-Team skip Ltd. auf dem Nintendo Gamecube rauskam und jetzt von mir besprochen wird. Das Teil lohnt sich :)




Und nun zur Auswahl an empfehlenswerten Filmen:




DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER - Wim Wenders’ Frühwerk will bezeichnenderweise schon so on the road wie seine nachfolgenden Arbeiten sein, vorerst fängt es aber beim Menschen an sich an, der womöglich bald von seiner Sehnsucht getrieben wird, jedoch innerhalb der zeitgenössischen Verhältnisse erstmal im Zweifel zu sich selbst steht. Die Aufbruchstimmung ist eine verhaltene bei Protagonist/Anti-Held Bloch (Arthur Brauss), einem Torwart in Österreich, der rastlos durch die Stadt zieht, in Hotels unterkommt und nur flüchtige Bekanntschaften schließt. Seine Persönlichkeit gibt nicht viel von sich preis, für den Zuschauer bleibt der Mann ein Mysterium, dem man gespannt zuschaut, wie er seine Blicke ohnehin schon mit Unruhe und Ungewissheit zu Horizonten sowie Schallplaten, Münzen und Frauen zugleich lenkt, von einer Situation der Ziellosigkeit in die andere wandert. Bleiben will er nicht, aber weg kann er umso weniger. Seine wehmütigen Ansatzpunkte im Zwischenmenschlichem und einem euphorischen Lebensgefühl scheinen Anekdoten über die Mannschaft, über die einstige Tour durch die USA (er trägt sogar mehrere Dollar mit sich) und die Jukebox in jeder Gastwirtschaft zu sein. Nicht, dass die anderen Menschen tieferes abseits des Alltags auszudiskutieren haben, viele lernt man sogar nur anhand ihrer Auffassung von Berufsmethodiken und Smalltalk kennen, so wie sich das gewöhnliche Gesellschaftsbild eben im primären Umgang auch definiert. Bloch ist in seiner Funktion des jede Möglichkeit erwartenden Torwarts ebenso an eine nicht nur mentale Stelle gebunden.


Selbst die Flucht ins Kino oder in den Sex fängt Wenders zwar stets auf dem Weg dorthin ein, die Ausführung wird aber meistens abgeblendet. Die Verinnerlichung des Geisteszustandes unseres zentralen Charakters bereitet einen aber weder auf seine mörderischen Impulse vor, noch auf die Nichteinlösung einer im Kino sonst so selbstverständlichen ideologischen Haltung zu seinen Taten. In einer Charakterstudie wie dieser kommt nun mal alles von ihm aus: Bloch ist ein stiller Wanderer, Opfer und Täter im Zeitgeist, höchst wankelmütig und doch präzise, wie er Spuren verwischt und doch nur zaghaft eigentlich notwendige Auswege aufsucht. Daraus ergibt sich auch eine pointierte Schlichtheit in der Inszenierung, die kurzweilig geschnitten Nebensächlichkeiten beobachtet und jede Handlungsdringlichkeit sowie Genre-Topoi ausklammert. Wenders’ späterer Road-Movie-Pathos, das Bewusstsein zu Raum, Landschaft und Freiheit, ist dabei schon ersichtlich und von Kameramann Robby Müller entsprechend aufreizend gestaltet (Diese Farben!). Blochs Perspektive, somit auch die des Zuschauers, kann den greifbaren inneren Wandel jedoch noch nicht für sich selbst entschlüsseln - selbst wenn die Abendröte zu allen Möglichkeiten lockt, treibt sich der Torwart mit seiner Jukebox herum und landet schließlich, wohl auch mit der schleichenden Schuld im Nacken, im stillen Dörflein.


Das provinzielle und gemütliche Ambiente birgt für ihn zumindest noch alte Bekanntschaften wie jene mit der rothaarigen Pächterin Hertha (Kai Fischer) sowie eine Beschäftigung mit den kleinsten Aspekten des Lebens, anhand derer man beinahe auch die Tat unseres Hauptdarstellers vergisst, wenn denn Wenders nicht doch ins Gewissen ruft, dass das spurlose Verschwinden in dieser grundlegenden Arbeit noch keine Option ist. Zeitungen, Fernsehen und Radio werden stets, auch von Bloch, eingeschaltet und sprechen von seinem Fall sowie dem eines verschwundenen Jungen, zu denen er sich gleichsam gleichgültig verhält. Seine Nervosität kann er nicht vollständig ablegen, doch der Film denkt nicht daran, dies so zu stilisieren, dass sich ihm die Schlinge langsam um den Hals zieht. Viel mehr zeichnet er seinen gegenwärtigen Zustand beispielhaft anhand von Sequenzen an einem Standpunkt, in denen Bloch u.a. die Chance zur Romantik nutzen könnte, sich aber doch wieder grundlos ablenken lässt und wie und je Emotionen aufspart. Kamera, Schnitt und Jürgen Kniepers Musik halten dabei mit ihm Schritt, wie abstrahiert er sich zwischen den Trivialitäten und Chancen bewegt; mal scheinbar willkürlich mit Nettigkeiten glänzt, Angebote vor- und abschlägt, dann Eskalationen herbeiführt und sie gleichsam wortlos fallen lässt, vergisst und mit seinen Mitbürgern über Sachen lacht, welche insgeheim mit seiner Schuld zu tun haben.


Zudem ist er auch ein guter Zuhörer, aber keiner mit Problemlösungen in petto. Er ist stets auf dem Sprung, nie wirklich konsequent und doch scheint er selbstsicher und genügsam. Allen voran die Sehnsucht steckt ihm und Wenders in den Knochen, aber sie leben sich gemäß des inneren Zwangs der Gewöhnlichkeit noch im System aus, welches jedoch bei all den Aspekten, die sich hier anbieten, keine Dämonisierung oder Verherrlichung erfährt - Bloch ergeht es da nicht anders. Es ist wie es ist: eine komplexe Beobachtung, mit den Fingern zwischen den Jalousien steckend, die hier Frust im Offenen sowie Glück im Geschlossenen vorfindet und andersrum genauso überzeugend argumentieren kann, ohne eine Entscheidung vom Zuschauer zu forcieren. Auf diesem Wege bleibt das Ende auch unaufgelöst, doch verständnisvoll gegenüber der Zwiegespaltenheit und Vielfältigkeit menschlicher Existenz, schließt Blochs mentale Sackgasse ironischerweise mit einer luftigen Kamerakranfahrt ab. Ziemlich reife Leistung für einen einst so jungen Burschen!




POLTERGEIST - Nichts ist so ersichtlich wie das große wunderbare Tauziehen zwischen Tobe Hooper und Steven Spielberg, das dieser Melange aus suburbanem Terror und matriarchalischer Empathie zugrundeliegt. Spielbergs Handschrift scheint dabei gerne öfter die Überhand zu verinnerlichen, wohl schon seiner Funktion als Produzent und Drehbuchautor geschuldet; Cutter Michael Kahn sowie die Produzenten Kathleen Kennedy und Frank Marshall haben gewiss auch den Einfluss jenes Mannes reinforciert, dessen E.T. zeitgleich in ähnlichem Ambiente ungewöhnliche Ereignisse (und Massen an Star-Wars-Merchandise) binnen einer Familienkonstellation aufbereitete. Nimmt man zudem Hoopers frühere Werke zur Hand, also "Blutgericht in Texas", "Blutrausch", "Brennen muss Salem" oder "Das Kabinett des Schreckens", hat die leichtherzige und gewissermaßen konventionelle Vermengung von Charakterwerten, Schauspiel und Erzählform nicht allzu viel gemein mit dem stetig Unheilvollen, in siedenden Albträumen herumwanderndem Ensemblestück, das sich beim Regisseur bis dahin anbot und im Nachhinein auch wieder zur Norm wurde. "Invasion vom Mars" brachte insofern später die Erkenntnis, wie seine Version vom "Poltergeist" in konsequenterer Form ausgesehen hätte, nichtsdestotrotz bieten sich innerhalb der Spielberg'schen Idylle genug Themen an, die Hooper zusprechen dürften, wenn sie auch für seine Verhältnisse recht offen telegraphiert werden.


Von Anfang an zieht sich das "star-sprangled banner" durch den Film, hält die Familie per Fernseher bis zum Einschlafen hinein warm und beherbergt doch allzu bezeichnend das nachfolgende Spukereignis. Die im Detail aufgelöste Vorsehung des Intros gleicht sich gut mit Hoopers "Funhouse" ab, die Dastellung der familiären Verhältnisse zeigt hingegen einen herzlichen Frieden inklusive Nachbarschaftsstreichen, der zumindest in politischer Beobachtung durchaus an die Ausmaße der amerikanischen Selbstgefälligkeit im "Blutgericht in Texas" anknüpft. Das schlägt sich am ehesten am Patriarchen Steve (Craig T. Nelson) durch, der sich mit seinen Kumpels ein Footballspiel per Glotze anschauen will und durch die Fernbedienung des Nachbars gestört wird. Er ist zudem Teilhaber am Handlungsort und Wohngebiet Cuesta Verde, das identische Einfamilienhäuser aus dem Boden springen lässt, folglich sind die remote controls zum Lebens-bestimmenden TV in komischer Überhöhung ebenso eineiig. Ohnehin dreht die Komik am Rad, sobald Mutter Diane (JoBeth Willams) den verstorbenen Familienpiepmatz Tweety entsorgen muss, jedoch nicht einfach im Klo runterspülen kann, so wie Spielberg eine universelle Kindheitssituation mit den Augen Carol Anns (Heather O'Rourke) konstruiert, die ihm ein naiv ausgeschmücktes standesgemäßes Begräbnis bescheren will.


Selbst der Golden Retriever der Freelings (so der Name der Family) nimmt an der Trauerfeier im Garten teil, ehe er das Grab sofort wieder auszubuddeln versucht und Carol Ann sich urplötzlich zwei Goldfische wünscht. Der Bezug des Gewöhnlichen zur Sterblichkeit klingt gewiss nach Hooper, alle Zutaten dieser Szenerie sprechen aber eher vom drolligen Eskapismus Spielbergs als von der unterschwelligen Satire eines Hoopers. Letztere wirkt zumindest am schönsten nach, sobald die Mutter sich darüber aufregt, dass Carol Ann auf ein weißes Rauschen starrt, ehe sie mit dem Umschalten auf einen Kriegsfilm wieder beruhigt ist. Ebenso voller Hintersinn (und doch recht offensichtlich in der Funktion) blättert Vater Steve mit regem Interesse in einer Ronnie-Reagan-Biographie herum - obgleich er dabei zusammen mit seiner Gattin unbedarft Joints raucht und glaubt, die Werte des 60's-&-70's Umschwung mit konventioneller Lebensqualität verbinden zu können, wird er mit den Ausmaßen der aufkommenden Reaganomics (und gewiss auch dem kalten Krieg im Nacken) im Verlauf noch einschlagend konfrontiert. Für wahr sind diese Horrorszenarien dann die Stärke Hoopers, der den metaphysischen Horror aus Menschheit, Natur, nationaler Historie und deren Zwischenwelten herauskitzelt, mit Symbolen der Vertrautheit sowie Fantasien und Urängsten direkt die Sicherheit des Konsens in Frage stellt und angreift. Das trifft natürlich die Kleinste, Carol Ann, ein Spiegelbild des im Wunderland des Grauens krabbelnden Mädchens aus Hoopers "Blutrausch", am schlimmsten - die Angst des Verlusts und der Machtlosigkeit überkommt jedoch alle und da verknüpfen sich Hoopers und Spielbergs Sensibilitäten allmählich, wie man dem Spuk noch in aller Ermattung begegnen kann.


Spielbergs Seite schafft das in der (gemessen am Okkult-Fimmel jener Ära nachvollziehbar schnell eingeschalteten) Untersuchung durch Parapsychologen mithilfe von Empathie gegenüber dem kindlichen Gewissen (Diane erwünscht sich das auch von Steve bei einer frühen Möbel-Demonstration), die übernatürliche Welt als Teil einer möglichen Realität zu verstehen - ganz dem religiösen Glauben verpflichtet und mit "wonderment" im Auge der Treppe zum Himmel aufschauend, als wäre demnächst noch "Casper" im Anmarsch. Hooper hält aber ebenso nicht allzu lange inne, die Furcht vor dem Aberglauben wahr werden zu lassen sowie anhand seiner intensiven Farb- und Lichtdramaturgie Überforderungen der Sinne, Tränen, Geschrei und Gewalt aus dem Jenseits zu erwirken. Jene beidseitigen Qualitäten vereinen sich zudem in Medium und Quasi-Exorzistin Tangina (Zelda Rubinstein, welche in ihren Showbiz-Avancen die Ghostbusters vorwegnimmt), welche die Gesinnung der Mächte genauso hin- und herpendeln lässt wie Jerry Goldsmiths bipolarer Score, welcher aber auch recht innig von der Gefühlslage der Mutter ausgeht - und das obwohl der Film trotzdem aus vielerlei Perspektiven erzählt, was die multiple Persönlichkeit der Autorenschaft repräsentiert, aber auch die Albtraumlogik des "Texas Chainsaw Massacres" repliziert.


Spielbergs Sinnlichkeit für die Behütung im Elternhaus findet hier jedenfalls einen taffen Meister in Hoopers Vision der Hölle und obgleich ein Happy-End in Aussicht steht, geht das letzte Drittel nochmal in die Vollen, bettet die Heimsuchung endgültig in rotes Licht und kräfteringende Bewältigungen, bis nur noch die Flucht zu Punkt Null übrig bleibt und das Vertrauen in die Lügen des modernen Amerikas aus der familiären Einheit ausgeschlossen wird. Ist das letztlich ein Unentschieden im Tauziehen der Autoren? Obwohl nämlich keiner mit voller Konsequenz in seine Spezialitäten eingedrungen ist, macht das den Film an sich zu einem reichhaltigen Experiment, das die Unnachgiebigkeit Hoopers mit für ihn ungewohnt sympathischen Charakterwerten verknüpft, welche die Hoffnung nicht aufgeben wollen und am Ende doch allzu ausschöpfend gegen die Folgen des größeren Ganzen bestehen müssen. Das wirkt nicht immer geschickt, auch vom Subtext her etwas schnell ins Auge springend, aber nichtsdestotrotz menschlich to the core - selbst, wenn die Menschen zum wütendem Poltergeist-Dasein übergegangen sind. Mit Transformationen, also der Angst vor und der Empfängnis dessen, geizt der Film nun wirklich nicht (eine Art Geburt mit "Baby" Carol Ann findet auch statt), ob nun auf der realen, der surrealen Ebene oder in der schieren Absicht seiner Macher.




IM AUGENBLICK DER ANGST - Huch, jetzt wird’s Meta! Life imitates art und der ganze Kram! Sicherlich ist der erfahrene Filmfreund von heute für jede Überraschung gewappnet, die ihm das Horror-Genre zuwerfen könnte und wenn man mal für einen Moment die Vorsicht der Spoiler-Kultur ausblendet, ist Bigas Lunas Werk in seiner Gesamtheit auch eine Erfahrung, welche die meisten Nachgeborenen bereits destilliert im Intro von „Scream 2“, ferner „Scary Movie“ oder auch den jeweiligen „Blobs“ sahen: Die Vermischung der Ebenen im Schrecken, zwischen Realität und Leinwand in selbstreferenzieller Ironie ergänzend. Die Symbiose aus Film und Zuschauer ist dem Medium nun mal ureigen, Luna stellt anhand dessen also ein allzu nachvollziehbares Konzept zusammen, das mit effektivem Thrill imminent im Kintopp zuschlägt. Die oben erwähnte Ironie des Ganzen, welche die mediale Konfrontation der Urängste mit der Verwirklichung eben dieser kollidieren lässt, schlägt sich demnach weniger in einer spaßigen Erfahrung aus, als in einem doppelbödigen Terror, der im Kinosaal umso stärker nachwirken könnte, während Heimkinozuschauer nun wiederum verstärkt Kopfkino anstrengen müssen. So oder so lässt Luna schnell wissen, wie nah er an unsere Rezeptoren, sprich direkt ans Auge will und von der Verletzlichkeit zehrt, die wir gegenüber unseren Körpern oder unseren Repräsentanten im Film empfinden.


Sein Film im Film, eine für sich alleine schon verstrahlte Psycho-Variante, verbindet den Nervenkitzel eruptiver Gewalt sodann mit drastischen Blicken zur Sezierung und kommt zudem im Narrativ mit einer Hypnose an, die Mutter und Sohn miteinander verknüpft und sich wie alle audiovisuellen Eindrücke auch mehr oder weniger im Publikum auswirkt - je nachdem, wie sensibel man dafür ist. Luna überspitzt jene Unruhe der Reflexion im Verlauf zu einer Kette an Parallelen, die er weder esoterisch noch rationell zu erklären versucht, als dass sie sich eh unabhängig vor den bereitwilligen Gruppen an Zuschauern abspielt, welche wie die Mutter im Film-im-Film stets noch mehr verlangen. Dass darin Augen herausgeschnitten sowie Blicke gefangen werden (die audiovisuelle Gestaltung ist ohnehin ein triebhafter Schmaus), in jener Vermengung all dessen die transformative Verarbeitung von echter zwischenmenschlicher Zerstörung für uns Zuschauer erster Instanz stattfindet, birgt komplexe Faszinationen, obgleich Lunas Film dem Genre keine unbedingt ungefährliche Wirkung zuspricht und doch direkt in dessen Stilmerkmalen zupackt. Er geht durchaus ambivalent von einem Extremfall aus, welcher in jener Ära der Slasher-Fließbänder und Selbstjustiz-Reißer allerdings ebenso zur Norm gehörte und in der Menschenkenntnis nicht unbedingt immer die Empathie (eben auch für das Monster - Luna setzt seine Zuschauer ja auch in Relation mit dem hypnotisierten Mörder) ausstrahlte, anhand derer der Horrorfilm eigentlich am meisten glänzt.


Ähnlich funktionell wie in einem „Freitag, der 13.“ stellt uns Luna also auch eine Identifikationsfigur im Kinosessel zur Verfügung, Patty (Talia Paul), von der wir nicht viel mehr erfahren werden, als dass sie sich mit ihrer Freundin einen Film anschaut, etwas empfindlich ist und die ganzen Ausmaße des Horrors an sich erfährt. Ihre jugendliche Universalität ist beliebig wie allerdings auch ein großes Ass für den Film, der aus ihrer Unschuld und Furcht ein ideales Ventil für die Begegnung mit der Angst macht. Nichts daran ist unbedingt neu und gemessen am Gesamteindruck lässt sich Lunas Film ebenso schlicht als schniekes Genrewerk mit Gimmick rezipieren, wie es in der Welt des Kinos seit jeher gang und gäbe ist. Wenn man aber eins aus einer Lebenserfahrung an Horrorfilmen lernt, dann, dass man sie nie unterschätzen sollte, wie sie einen unversehens doch (auch im Horror des Lebens) kriegen können - Luna arbeitet da auch nur nah am Menschen (ganz gleich welcher Dimensionen), wenn er jenes Potenzial direkt an der Quelle entfesseln lässt. Da gibt’s wenig Gnade in der Unsicherheit, irgendwie muss man sich damit aber auch arrangieren und notfalls stets die Augen offen halten. Hans Schifferle sagt in seinem Buch über „Die 100 besten Horror-Filme“: „Man ist gebannt und ein wenig erschrocken von dem, was sich nicht greifen lässt. Sensation, Ritual und Magie: damit hat jede Filmvorführung zu tun.“. Regisseur und Autor Bigas Luna macht dementsprechend einige Grenzen locker.


Bonus-Zeugs:




COLONIA DIGNIDAD - "[...] Regisseur Florian Gallenberger hat sich mit Koautor Torsten Wenzel dazu entschlossen, die Geschichte der „Colonia Dignidad“ in einen Thriller zu verpacken, der nicht nur ansatzweise die Herangehensweise von „Argo“ repliziert [...] Gallenberger strapaziert die Geduld des Zuschauers mit seiner Redundanz des kaum über Standardbilder von Prügel und Peitschen ausgereizten Lageralltags – ganz zu schweigen von jener Liebesgeschichte zum Drang der Wiedervereinigung, deren Relevanz dem Zuschauer aufgrund spärlicher Charakterzeichnungen nicht allzu viel bedeuten kann. Dennoch drängt Gallenberger darauf, Spannung wiederholen zu müssen und lässt den Sachverhalt auch gerne mehrmals per Dialog und Bild erklären, damit deutlich wird, wie schlimm doch alles ist. In einem besser ausgearbeiteten Kontext würde das bestimmt auch ankommen, die Struktur dieses Films lässt jedoch nur einen blassen Eindruck zu, der sein brisantes Potenzial durch möglichst leicht verdauliche Genremuster lediglich als Hintergrund nutzt, während die Flucht schablonenhafter Liebender aus der Unterdrückung im Fokus steht. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)