Sonntag, 18. Februar 2018

Nichts von der Berlinale (Tipps vom 05.02. - 18.02.2018)

rolf zacher sylvie winter priyanka chopra kangana ranaut amy jonhston

Liebe Leser,

huch, da hatten wir doch neulich unser erstes Päuschen im Jahre 2018, kann ja mal passieren. Doch nun gelobe ich feierlich: An Empfehlungen sparen wir nicht! Seit langem ist es zudem zufälligerweise geschehen, dass ich in vollen digitalen Absätzen zum Schreiben kam und so an die 3000 Wörter aufstellen konnte. Die Liste an besprochenen Filmen war bei einer zusätzlichen Woche Glotzaction inkl. Filmabend (hier der Song of the Night übrigens aus dem toll verpunkten NYC-Musikdrama „TIMES SQUARE - IHR KÖNNT UNS ALLE MAL“) eben auch lang geworden, obgleich mir wirklich nicht danach war, allesamt aufzuführen. Um ehrlich zu sein, kommt ein dicker Schwall derer (u.a. einer mit ewigster Sperrfrist/querverbunden zu einem der Filme in dieser Ausgabe) wahrscheinlich erst in nachfolgenden Ausgaben zustande. Einige Beispiele der Filmwelt wurden allerdings schon binnen sozialer Medien meinerseits verarbeitet. Zum einen ging die Causa „OFFENE WUNDE DEUTSCHER FILM “ um, welche auf Twitter einen kleinen Kommentarstrang an Enttäuschung eröffnete:

Ob die „VERFLUCHTE LIEBE DEUTSCHER FILM“ mehr kann, als verlorene Relikte an Aufbruchstimmung via lose verknüpfter Anekdoten vom Filmemachen und Eindrücken ohne Eindruck vom jeweiligen Film zu suggerieren, wird sich am 19.02. im WDR zeigen. Ich werde berichten, habe aber jetzt schon einen Ausschnitt vom deutschen Film parat, der da „KINDERSPIELE“ hieß - ein BRD-Sozialdrama des Kindermissbrauchs und Coming-of-Age während der Sommerferien binnen früher 60er Jahre (das Zeitkolorit hatte ich wie schon bei „DIE HEARTBREAKERS“ nicht sofort erkannt), welches ich das letzte Mal sah, als ich selbst so an die 7 Jahre alt war. Ein fiebriger Problemfilmreißer, der sich aus toll geballten, aber trotzdem nicht allzu dramatischen Alltagseindrücken wie diesen zusammenstellte:

Ein Beitrag geteilt von Christian Witte (@wonderwitte) am

Was will man da noch bei der Berlinale antanzen, frage ich euch? Laufen ja eh nur so arg politisch-problematische Filme wie „Isle of Dogs“, ganz klar ein Skandal vom Formate O.K.“. Allerdings, wie der Zufall so will, geht es hier erstmal gleich mit weiteren Abenteuern von Teutonen weiter! Ein anderer, ausgerechnet in Berlin spielender Film kommt auch noch vor, aber erst in der Bonussektion - ansonsten dürfte mein internationales Spitzenprogramm (von dem ein Werk in diesem Jahr auf der B... fortgesetzt erscheint) jedem über die Runden helfen, dem Anfahrt und Kosten gen Landeshauptstadt zuviel des Guten sind. Also lass ich jetzt mal das einleitende Labern und wünsche Lesespaß auf allen Ebenen:




LIEBE, SO SCHÖN WIE LIEBE (Klaus Lemke, 1972) – In München eröffnet sich ein Kaleidoskop der Lebensfreude, wo Tränen so bruchstückhaft Erinnerung sind wie Gegenwart, Zukunft und Sonnenschein ebenso binnen der Wahrnehmung umherspringen. Bei Lemke geht die Liebe immer Umwege ein, liegt aber stets wie Samt überm Prozedere frei dramaturgischer Stichpunkte. Ein Stück weit französische Avantgarde und sonstige geläufige Experimentierfreude der Ära aufsaugend, macht sich dies Ding noch nicht ganz so vollkommen eigen wie alles danach, aber immerhin „Negresco****“ liegt hier gefühlt schon um Äonen zurück, erst recht, was die improvisatorische Enthemmung angeht. Rolf Zacher und Sylvie Winter finden sich da unter Hochzeiten, Mädel-WGs und Betrügermaschen (vom Rundfunkvertreter bis zum Hundefänger) im Blumenfeld wieder, durchziehen per Grimasse und Alltagsschnack Straßen wie Biergärten, ehe die Idee vom Wanderzoo aufblüht. Wie so oft eine simple Prämisse, in der die Eigenarten des Einzelnen das komischste Gewicht des Ganzen aufmachen, beseelt zum „Lebewohl, Tristesse“ mitreißen und sich utopisch vom Kapitalismus abstreifen, während der Flirtfaktor zig Blüten auf die Leinwand zaubert (ein besonders cool grinsender Marquard Bohm macht da den Gipfel an Glück geltend). Allen voran Peter Przygoddas Schnitt macht sich da frei im Best-Of vom Delirium des pudelwohlen Kommunengedankens, wie sich die Welt als Manege besser behandeln ließe. Auch wenn die Verquickung aus Impressionen teilweise den Bogen ins Verkopfte überspannt: Wer Sommer will, kriegt ihn hier schon früh frei Haus, jetzt auch offiziell bei Youtube in schrottiger VHS-Qualität!




SENSUELA (Teuvo Tulio, 1973) – Als Kuriosum über die Korrumpierung von Lappen eröffnete sich uns binnen des letzten Filmabends das Werk des Finnen Teuvo Tulio, der Jahrzehnte vor diesem seinem frühen Schlusswerk schon stets die Himmelspforten der Melodramatik zu erreichen schien und jene hier wiederum mit deftigem Sexappeal garniert. Schnell stellt sich die Frage (abgesehen von „Ist das jetzt Armando Bo?“), worauf man sich dort einlässt, sobald Tonspur und Bildersprache bizarre Draufsichten im Eise bieten – zwischen zweckmäßiger Setkulisse und hypergrellen Naturaufnahmen pendelnd, wo ausgestopfte Tierrümpfe genauso echt erscheinen sollen wie die Aneinanderreihung an Rentier-Kastrationen von naturvölkischer Schönheit zeugen. Im Verlauf ballern sich solche Auswüchse des Merkwürdigen zwar etwas kleiner raus, doch sobald Lappenmädel Laila ihrem Lieblingsnazi Hans Müller nach Helsinki folgt und dem traditionsbewussten Vater damit schwer an der Ehre rumrüttelt, wird sich ausgepellt – und das nicht zu knapp! In jener verruchten Primärfarbenhölle gerät die Unschuld an den falschen, dann an den vermeintlich guten Kerl; manch Mitbewohnerin fetzt sich mit Freiern und im Folgenden frohlockt man höchst ungelenk zwischen See und Sauna. Dazu kriegt man permanent einen Querschnitt vom Schaffen Tschaikowskys (oder auch psychedelische Party-Grooves) auf die Lauscher, während sich nackte Haut und kuriose Detailaufnahmen drum herum abwechseln – Ren und Stimpy lassen grüßen. Dem Leiden in der Fremdbestimmung entgeht Laila aber gewiss kaum und so steigern sich die Fiesheiten ihr gegenüber derart überbordend, dass zwar kaum die Produktionskasse, aber dafür noch der Grad an Desorientierung im visuellen Angriff mithalten kann. Eine schier unterhaltsame Kettenreaktion an Plump- und Geilheit, die in diesem Gesellschaftsschicksal nach Puschkin losgetreten wird!




LADY BLOODFIGHT - FIGHT FOR YOUR LIFE (Chris Nahon, 2016) – Mehr als solide wird hier die bekannte Filmsage vom Kumite (siehe „Bloodsport“, falls Verständnisbedarf besteht) wieder aufgegriffen und mit einer Riege an ausschließlich weiblichen Fighters versehen, bei denen es womöglich am innigsten denn je darauf ankommt, Wut und Güte im Einklang zu bringen – erst recht, was deren Spektrum an nie ganz abgeklärten Geschichten aus der Vergangenheit angeht. Rivalitäten sind da eher Mauern des Schweigens zwischen den Meisterinnen Shu (Muriel Hofmann) und Wai (Kathy Wu), die ihren Groll Jahre lang mit sich tragen und in dieser Zeit auch jeweils nach Schülerinnen suchen, die sie beim nächsten Knochenbrecherwettbewerb in Hongkong vertreten können. Mit viel Ballast und Talent verschlägt es die Amerikanerin Jane Jones (Amy Johnston, Rollenname schon vor „Twin Peaks“ gepachtet) jedenfalls knapp 5 vor 12 in Richtung Shu, um die Umstände zum noch immer an ihr nagenden Tod des Vaters aufzuklären und zudem Kasse gegen ein schlechtes Leben zu machen. Shu nimmt Jane unter ihre Fittiche, hat Anlaufschwierigkeiten wie auch Momente wahren Wunders mit ihr, dass sich aus derer Freundschaft ebenso beim Zuschauer ne Menge tut. Im Kontrast dazu sind Wai und ihr Kick-Azubi Ling (Jenny Wu) mit Straßenkloppe sowie Todesgriffen in der City unterwegs, sich als besonders rabiate Haudegen vorzubereiten, obgleich da so oder so reichlich vom inneren Konflikt der Meisterin auf die Novizin abgedrückt wird. Regisseur Chris Nahon, der in diesem Fall auch den Schnitt an sich führt, hat da ein tolles Händchen für den Spiegel der Ideologien, mit der audiovisuellen Aufbaustimmung und Wanderlust binnen derer weiß er sich zudem sicherlich selbst zu feiern, wo das Budget sonst etwas gedrückt haben dürfte. Vom Fokus aufs Zwischenmenschliche lässt er aber nimmer ab, lässt eine ganze Stange mehr als bloße Klischees austauschen und das mag ein Grund dafür sein, dass die folgenden Kampfszenen erst so richtig spannend werden, wenn eine dramatische Wende/Wunde dahinter steht - und die gibt es zuhauf, eben ob Frau aus Rache handelt, gegen reißende Bestien antritt oder davon läuft, wenn anderen der Preis dabei stimmt. Bei solch emotionalen Prämissen lässt sich das Simplistische daran nie so ganz abschütteln, der starken Umsetzung dessen wegen ist man trotzdem voll drin, bis zur Konklusion klassischster Katharsis - wobei der erhöhte Reue-Level vonseiten finsterster Seelen nochmals ein I-Tüpfelchen dazu gibt. Das hat doch mal großes menschliches Format!




DIE EISPRINZESSIN UND DAS BIEST – DIE WAHRE GESCHICHTE VON TONYA UND NANCY (Larry Shaw, 1994) – Als TV-Adaption der berühmt-berüchtigten Eiskunstlauf-und-Kniescheibenattentat-Intrige um Tonya Harding (Alexandra Powers) und Nancy Kerrigan (Heather Langenkamp) hätte man es sich sehr leicht übers Reißerische hermachen können, doch von Anfang an wird sich positioniert, dass die Ambivalenz des Falls bislang wohl auf der Strecke blieb sowie an der Medienlandschaft an sich abfärbt. Überraschend selbstreflexiv – also weniger vom Ego oben herab, aber ähnlich mit Formaten pendelnd wie Oliver Stones „Natural Born Killers“ – gibt sich das bereits durchinszenierte Alter Ego von Drehbuchautor (Dennis Boutsikaris) die markige bis prätentiöse Blöße, wie er den inneren Kontext der Geschichte entschlüsselt zu haben glaubt. Als Fairy tale vom lebenslangen Konkurrenzdenken (mit gemeinsamen Ziel I'm going to Disneyland) streuen er und der Film sodann offen exploitative Verquickungen einer Lebensdramaturgie, die sich fingierter Talking Heads (mit Namen wie „Harding Supporter“ oder „Network Executive“) bedient und sogar den „Rashomon“ raushängen lässt, wie jedwede Partei den Entschluss zu entscheidenden Handlungen empfunden hat bzw. mit involviert war. Die größte Spannung darin liegt natürlich auf der Person Tonyas, die hier wie irl voller Sympathieschwankungen gezeichnet wird, dies jedoch allen voran als Opfer permanenten Drucks, Fremdbestimmung und Manipulationswillen aus versagter Liebe. Gatte Jeff (James Wilder) gibt da das Zentrum an emotionalem Missbrauch ab, welcher aber auch nicht ganz die Frage klärt, warum ausgerechnet er ihren Ehrgeiz so weit, also auch an sich selbst, treiben ließ. Diese Serie an Verletzungen mit Wechselwirkung montiert der Film entsprechend rasant auf den Medienzirkus hin, wo selbst ein solch unschuldiges Küken wie Kerrigan von den Vorteilen der PR überrumpelt/überzeugt wird, wo sie doch ebenfalls noch nicht wirklich da angekommen ist, alles an Tonya und sich im Zusammenhang zu verstehen. Die Filmrechte werden hingegen schon verhandelt und Sender reißen sich um den Stoff, ihn aus der Schlagzeile schnellstens in die Primetime zu bugsieren - war man den Goldmedaillen, dem Stellenwert der USA bei den Olympischen Spielen und der öffentlichen Wahrnehmung ja schuldig. Letzterer zeigt man hier aber auch, dass an der Geschichte gewiss nicht alles (aber in Bezugnahme bewährter Stilismen bewusst vieles) einem Movie-of-the-Week-Drama, stattdessen einer schwarzen Komödie entspricht - u.a. wie tollpatschig die Verschwörung zum Attentat und deren Kerle per Macker-Attitüden von statten gingen; wie wenig Ahnung allerdings auch von Nöten war, solch ein kleinkariertes Verbrechen binnen der Sportlernische auszuführen. Muss man alles mal sacken lassen, welches Urteil man zur Angelegenheit noch stemmen kann, wenn dieses Portrait eskalierter Abhängigkeiten dazu ohnehin mit der eigenen Abhängigkeit von Manipulationen argumentiert.


Endhiran


ENTHIRAN (S. Shankar, 2010)/KRRISH 3 (Rakesh Roshan, 2013) – Zwei Blockbuster aus Indien, die sich vielerlei Elemente großspurigen Unterhaltungskinos teilen und in meiner Meinung daher irgendwie gleich auf liegen (was nicht nur damit zusammenhängt, dass ich sie mir beide letztens zufällig in der Bücherhalle Hamburg gegriffen hatte, ehrlich jetzt). Macht ja auch Sinn, wenn sich die jeweiligen Hauptdarsteller stets mindestens auf Doppelrollen einlassen, bei denen sie Wissenschaftler und Schöpfung zugleich repräsentieren, während die Filmerfahrung um sie herum in (bilingualer) Überlänge gefühlt jede mögliche Leinwandstimmung auf die Spitze treibt. Kommerzielle Experimentierfreude im Überfluss, sozusagen. Komplizierte Stoffe bedienen beide nicht, eher verzwickte Gebilde an Eindrücken, bei denen das Nacherzählen mindestens so viel Kopfzerbrechen bereitet wie das bloße Erleben - wohlgemerkt mit einem Produktionsstandard und Tempo aufgewertet, der dem ollen Kasten Hollywood das Wasser reichen kann, nur eben noch Bock an seiner selbst zu haben scheint. Klar klaut man sich wie eh und je Schauwerte und ganze Handlungsstränge an Topoi aus der westlichen Kultursphäre zusammen, aber das mindert jene Pulverfässer an Überraschung wohl kaum, zumal die soziologischen Eigenarten da erst recht einen ganz prägnanten Stellenwert einnehmen - ungefähr so wie die obligatorischen Musical-Inserts im Choreo-Rausch. Auffällig sind in diesen Fällen u.a. Kernsätze Richtung Heirat, Nachwuchs, Treue und Ehre, an denen sich vielerlei Tabus, Ängste (vor Viren, Mutanten, bösen Wissenschaftlern, deutschen Terroristen, etc.), die ganze Bandbreite an Schamgefühlen und Männlichkeitsidealen, aber auch kollektiv symbolisierte Hoffnungen auf Frieden erkennen lassen. Der Kontrast dieser meist konservativ angehauchten Werte mit dem wilden Potpourri an Genre-Exzessen wirkt dementsprechend befremdlich, irgendwo zwischen Anbiederung aus Gottesehrfurcht und permanenter Entgleisung verortet, die dem Publikum mehr zutraut als es mitunter zugeben mag. Da lässt man z.B. auf eine versuchte Gruppenvergewaltigung den befreienden Roboter-CGI-Prügelwust folgen; an anderer Stelle werden Menschen aus dem Feuer gerettet, eine nackte Frau verpixelt in Sicherheit geflogen und aufgrund ihrer verletzten Ehre im Anschluss von einem Truck überfahren - solch exemplarische Sequenzen sind, wie man sich vorstellen kann, Herausforderungen ohne Vergleich. Wobei „Enthiran“ im Vergleich doch mehr von jenem Kaliber auffährt als „Krrish 3“, welcher mit seinen Orgasmen an Innovationswundern und Opferbereitschaft aber trotzdem die meisten Vertreter seiner Superheldenepigonen in den Schatten stellt. Überhaupt, was sich an Effekten entfesselt, hat ja teilweise schon Youtube-Geschichte geschrieben, wenn Dampfwalzen an Robot-Klonen über die Straßen fegen oder das „Man of Steel“-Finale binnen der Werbefläche-Wolkenkratzer Mumbais noch überknallt wird. Aber egal wie wüst, mal mehr, mal weniger hochwertig die Effekte ins Auge ballern: Das Happy-End mit Dank an alle Mitwirkenden im Plot ist gewiss: Hier hat man zusammen wirklich Unmengen an Wahnsinnsabenteuern/Entertainment durchgestanden und auch voneinander gelernt, was Liebe und allerlei bedeutet. Das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit.




SAVAGE DOG (Jesse V. Johnson, 2017) – Eine große Pulp-Sause mit einem zunächst auf Vergangenheitsbewältigung hoffenden und bald übelst rächenden Scott Adkins, der im Indochina der 50er Jahre mit Exilnazis, Kampfturnieren und Erpresserbanden zu tun haben muss, ehe er sich seines zerstörtes friedliches Lebens anhand blutiger Körper- und Waffenekstase revanchiert. Der große Männermythos platzt dabei aus allen Adern und Gliedmaßen, was ihr jetzt gerne als parodistisch abstempeln könntet oder halt als farbenprächtiges Ventil der Gefühle. Er wird nämlich melodramatisch grell in eine Kulisse gebettet, die mit ihren Pappmaché-Bühnen der großen Geste (auch solche der Wiedergutmachung zwischen Vater + Tochter, aus zweiter Hand) allein verpflichtet ist, weshalb sich Regisseur Johnson mehr Schluderei erlaubt als ihm selbst manch Direct-to-DVD-Aficionado zugestehen dürfte. Es ist aber eine Sache, absichtlich schlecht zu agieren und eine andere, anhand solcher Grand-Guignol-Maßnahmen wahre Euphorie vortreten zu lassen - und sei es auch jene zum Böse-Töten auf großem Fuße. Das erinnerte mich alles nicht von ungefähr an den Film-in-Film von „The Act of Killing“, obwohl Johnson sicherlich weniger am Vorführeffekt verdrängter Schuld gelegen ist als dass er daran erstmal die Katharsis seines Genres auslebt, aber wer weiß? Bei Adkins‘ Charakter, der sich hinter seiner Geschichte als Ex-IRA-Terrorist zu verstecken versucht, ist eine gewisse Synergie nicht von der Hand zu weisen. Die Gestaltung des Films birgt in ihrer klaren Rächer-Dramaturgie so oder so eine enthemmende Kraft gegen das Krasseste an Ungerechtigkeit, wo der schnellst erkennbare Charme des Unbeholfenen flugs zur Geilheit des Überwältigungskinos gepeitscht wird und trotzdem stets phantastisch bleibt (Keith Davids Voiceover mit inbegriffen). Die Powermuskeln und rotzigen Ansagen Adkins‘ gegenüber seinen Überbösewichten helfen dem gleichsam mächtig auf die Sprünge, aber er macht’s auch nur aus Liebe, selbst wenn er sich ihr nach den ersten Anschlägen nimmer zeigen kann, wenn ihn der Impuls zum Töten genauso schwer loslassen kann. Für den Zuschauer ist das nicht unbedingt eine große moralische Zerreißprobe, aber dafür sehr direkt im Schussfeld unbedarften/ungehaltenen Action-Kintopps gelegen.




MONSTER HUNT (Raman Hui, 2015) – Zur Abwechslung etwas auf Jingoismus und Propaganda allgemein verzichtend (ich möchte meine Hand dafür nicht ins Feuer legen), geht hier ein chinesischer Fantasy-Blockbuster auf Touren, ein Baby von Monsterkönig vor bösen Machthabern kaiserlicher Krone zu retten. Die wollen es zusammen mit anderen Fabelwesen im Goldpalast zur Verköstigung anbieten, indes jene Artgenossen von Kindheit an gejagt werden und sich daher hinter falscher Menschenhaut verstecken müssen. Die Transformationen dazu erinnern ans Tohuwabohu aus Zeiten des „Tarzerix“, ähnlich überfordernd spontan springen die CGI-Eindrücke in Brutalitäten wie Absurditäten um, wenn’s dann trotzdem niedlich sein soll. Selbst als landesspezifisch Eingeweihter schaut man kaum schlauer aus der Wäsche, was im folkloristischen Spektakel vergangener Jahrhunderte für selbstverständlich gehalten wird, wenn sich z.B. flüchtende Monster vor unserem Protagonisten die Bäuche aufschlitzen und ihm ein Ei in den Mund stopfen, damit er voll schwangeren Bauches das Kind in Rübenform heranwachsen lassen kann. Die Heldensage behilft sich zudem einiger Disney-gerechter Musicalnummern und Martial-Arts-Kunststücke, doch man wird so oder so das Gefühl nicht los, dass das Gehirn einem gerade einen Streich spielt. Abseits dieser allgemeinen Irritation, wo man überall landet, besitzt das Abenteuer schlicht alle Zutaten puren Kinos: Zaghafte Liebe, Glücksspiel, Slapstick, Kulleraugen, den Schmerz erzwungener Trennungen, gefälschte Identitäten (positiv wie negativ), Superheldenkräfte, magisches Blut sowie eine total senile Oma. Die Erwähnung, dass es mehr oder weniger auch um Familie geht und da zudem am Empathischsten ankommt, könnte ich mir auch sparen - aber bei solch einem ausufernden Film ist diese nur recht und billig.


The Pack


DIE MEUTE (Robert Clouse, 1977) – Einer von 2 Hundefilmen des Santa Clouse (seine „Night Eyes“ brachte ja Windhunde als Riesenratten zum Vorschein), wobei dieser hier ein ganzes Stück konventioneller auf die Genre-Topoi der Zeit zurückgefallen ist. Zu fast jeder Spezies lässt sich eben ein derart langsam steigerndes, grundsolides Spektakel an Angriffseffekten und Verteidigungsmaßnahmen bei konzentriertem Insel/Hütten/Kleinstadt-Setting finden. Dennoch legt er einiges an Spannung in der human condition an, insbesondere wie der ideale Mann zu sein hat. Unter mehreren Vertretern des Geschlechts zeigt er Fehler und Vorzüge, Feigheit und Heldentum, übelstes Lästern und Verkumpele, Hilfebedürftigkeit und praktische Methodik dessen auf. Im Hunde spiegelt er das meiste davon ebenso wider, wobei die Masse/Meute (mit Ausnahme eines tragisch Ausgesetzten) eben aus reiner Tollwut handelt, so dass Joe Don Baker als Nachfahre der Western-Heroik neues Eigenheim und Patchworkfamilie verteidigen muss - so energisch nach Plan und bald auch auf eigener Faust, dass es beinahe selbstironisch ankommt. Gibt zudem viel Wortwitz vonseiten der deutschen Synchro oben drein; im Film an sich zudem eine tolle versöhnliche Note, die von der Gewalt weg Michelangelos Erschaffung Adams referenziert. Eva ist in diesem Film hingegen mehr so Hausfrau (mit Cujo-Moment!), Witwe, Blondchen und viel mehr nicht (man beachte aber noch ihr Drohen mit der Peitsche!). Doch wer sie als Fußabtreter benutzt, wird genauso von Hunden zerfleischt wie die anderen inkompetenten Sturköpfe im Ensemble. Der Hang zur moralischen Konsequenz hat erneut Hochsaison! Zudem ergibt das „Alles muss man selber machen“ Bakers einen schön stringenden Backdrop für eine Hundehorrorkernigkeit, die jeden potenziellen Spannungsschauplatz erwartungsgemäß mit Schauwerten abarbeitet, dabei immerzu einige (auch visuell) charmante Kleinigkeiten an Gruppendynamik und Bewältigungstechniken an der Leine führt. Nicht mehr und nicht weniger.

Übrigens, da gab's ja noch DIE Story zum Film:


Ok, jetzt aber noch der letzte Tipp, jo:




THE VIOLENT YEARS (Edward D. Wood Jr., 1956) – Eine Mädchenbande aus bestem Hause geht allmählich auf die Barrikaden, wie viel Verbrechen sie sich selbst unter ihrer platinblonden Queen Bee erlaubt und kriegt‘s letztendlich mit Blei und moralinsaurer Keule quittiert. Bis zur Rückkehr zu Gott - unter den Drehbuchplädoyer-ablesenden Augen des Familienrichters - vergehen in diesem flotten Portrait einer radauenden Jugend kaum 50 Minuten, innerhalb derer der Krimi jedoch herzlichst naiv Randale spielen geht! Der Tankstellenraub zur Einleitung birgt da ähnlich holprige Noir-Fatalitäten wie spätere Überfälle bei Tag (?) an scheinbar derselben Landstraße, wo einem Pärchen der Pullover entwendet und der mimisch überforderte Kerl dazu im Off gruppenvergewaltigt wird. Ebenso markant inszeniert Meister Wood eine Teen-Orgie, bei welcher die wüsten 21-Jährigen nach doppeltem Whisky und Alter ausschauen, ein vorbeikommender Reporter dazu ziemlich toll Empörung ins Gewissen runter schmettert. Woods visuelles Gespür für dramatische Hackfressen lässt dabei eben wie immer kein Auge trocken, wenn diese mit der Action ihrer Zeit zu gehen versuchen. Die gänzlich von Subtilität befreiten K.O.-Tropfen an Kolportage verteilt allerdings jene Sequenz, in welcher die Mädels ihr Schulzimmer verwüsten und daraufhin von der Polizei mehr oder weniger belagert werden. Mit dem aufgeregten bis melodramatischen Dilettantismus darin lässt es sich gut beisammen verwundern, da hat der christliche Lösungsansatz zum Schluss - ebenfalls auf der Überholspur des Trivialexzesses - natürlich das Nachsehen. Wäre ja auch höchst langweilig, wenn nicht.

Bonus-Zeugs:

michael keaton chloe grace moretz fifty shades of grey nukie

TOD DEN HIPPIES!! ES LEBE DER PUNK! (Oskar Roehler, 2015) – Ja, das ist er!! Der offensiv-provokant daherkommende Krawallfilm, der kaum die Hälfte seiner Laufzeit in jenem Modus übersteht, ehe man das Geschehen im Innern als nichtssagend abgeschrieben hat. Krass, ne, „Arschficken für alle“, „Heil Hitler“ und so, hoahoahoa, darf man das sagen?! Also… Nicht, dass Roehler dem Dasein des Punks da ungerecht gegenüber wird, so wie Tom Schilling von Internat-Gammlern rüber zu Berliner Peep-Schuppen und Speed-Zombies wechselt, wo sich eben gleichsam Ideologien sowie deren Ikonen in pausenloser Hysterie zuwichsen. Er versucht sich sogar noch mit einer dem Milieu entsprechend illusorischen Love-Story aus dem No-Future-Slime und etwaigen Bullenschweinen zu kämpfen, scheint allerdings wiederum selbst so gar keinen Bock zum letzten Schub nach oben zu haben. Stattdessen sucht er im Eiltempo weitere Schockbilder bzw. Ausrufezeichen, welche dem Feuilleton als Skandal sauer aufstoßen dürften. Nice try, aber werte Leser: Lieber nochmal auf „TIMES SQUARE“ zurückgreifen.

AMERICAN ASSASSIN (Michael Cuesta, 2017) – Ey Junge, du da, komm mal rüber! Nee, ich bin kein Anwerber, aber pass auf: Dieser harte Action-Thriller hier zeigt dir, was so alles hinter den Kulissen globalen Terrors geschieht; voll mit Kopfschüssen, Folter und islamistischen Fieslingsfratzen, dass dir keiner deiner Red-Pill-Forenfreunde dumm kommen kann, was du danach so alles weißt und auch an Moves kannst, um Leute effektivst zu killen! Krass, oder? Was? Nee nee, kein Stück wie Waschlappen Jason Bourne, hier gibt’s immerhin auch ein CGI-Wasserbombenfinale, ganz schön heftig! Und schau mal, der „Homeland“-Typ im Regiestuhl wird ja wohl wissen, wie taff und übermenschlich Geheimagenten heutzutage sein müssen, oder? Der kennt sich aus, muss man wissen, basierend auf einem authentischen Bestseller! Der Maze-Runner-Macker hier dringt sogar in eine IS-Zelle ein, um seine Freundin zu rächen – und das ist erst der Anfang, man! Boah, der sticht auf die alle ein, blutig wie Sau! Aber jetzt mal im Ernst: Das passiert alles JETZT, Freundchen, Iraner und dat, alles Hi-Tech! Achte mal drauf! Und sowieso: Alle 10 Minuten eine Action-Szene, versprochen, ist nicht langweilig, ich schwör‘s!

FIFTY SHADES OF GREY - BEFREITE LUST (James Foley, 2018) – Vollends lustbefreit schließt sich die Trilogie an S/M- und Domestizierungsromantik so ab, dass man selbst der (wenn überhaupt existenten) Fangemeinde keinen Gefallen tun dürfte. Eine Pop/Poppen-Montage nach der anderen (auch mal nach einer Autobahnraserei) flirtet stets verstohlen mit dem Koitus und kann bei vorherrschender Verklemmtheit nicht mal selbstgefällig geschimpft werden - dennoch sind jene Sequenzen vorrangig im Einsatz, einen losen Spannungsbogen über geheimnisvolle Verfolger, Vergangenheitsbewältigung und Selbstbestimmung in Gang zu bringen, welcher bereits in den Vorgängern nur ein Placebo von hohlster Wirkung war. Lief bei Joe D’Amato vielleicht nicht doll anders ab, wusste den Zuschauer aber (auch inszenatorisch) weit geiler zu verführen. Nebenbei wird darüber spekuliert, ob ein Freund unseres Pärchens seine Freundin betrügt und zum Schluss hin zudem eine wiederum lasch aufgelöste Entführung geboten, die jedermann ein glückliches Familienleben beherrscht. Das war’s?

CARRIE (Kimberly Peirce, 2013) – Was für ein Frustfilm... Höchstens noch für Masochisten interessant, die sich an King’schem Arschlochverhalten gar nicht satt sehen können. Die schlimmst-plakativen Impulse jenes Autors werden jedenfalls für einen Reißer nach vorne gefiltert, welcher alles an seinen Figuren und Konflikten lediglich am Effekt erkennt und nur diesen ausspielen lässt. Eben ganz an eine Zielgruppe anbiedernd, deren Empathieverständnis bei der „Purge“ stehen bleiben dürfte: Den Mainstream-Horrorbauern von heute und gerne auch solchen, die in Facebook-Nostalgie-Gruppen gemeinsam Regression üben. Dass daran aber wohl noch Teens in Sachen Anti-Mobbing moralisch belehrt werden sollen, ist an Schrecken kaum zu überbieten. Mein Beileid dem eigentlich soliden Cast, der stets auf heißen Sohlen vor dem Film zu fliehen scheint.

NUKIE (Sias Odendal und Michael Pakleppa, 1993) – Ein südafrikanisches E.T.-Imitat, das die Sehnsucht getrennter Brüderlichkeit anhand von Aliens und Natives zugleich parallelisiert. Für diese Erkenntnis durchlebt man eine gefühlte Ewigkeit an x-mal-wiederholten Außenaufnahmen, witzlos daherlabernden Tieren und Missionars-Altbackenheiten, die allesamt gegen jedwedes Charaktergehalt oder sonstige Unterhaltungswerte resistent zu sein scheinen. Die Savanne blödelt belangloser als jeder „Die Götter müssen verrückt sein“, ihre Protagonisten reden bei omnipräsenter Entdynamisierung zudem des Öfteren davon, wie müde sie schon wieder seien. Gähnen auf allen Ebenen. 

UTOYA ISLAND (Vitaliy Versace, 2012) – Auf der Suche nach der fixen Kontroverse schleust Pseudo-Maverick-Moviemaker Versace das Breivik-Massaker durch ein Nichts an Narrativ, welches schneller rum ist als man glaubt und doch kaum schleppender im Amateur-Bodensatz voranschreiten könnte. Ein Bruchteil regional verwirrter Charakteretablierungen (US-Norweger im Hormonrausch) hier, ein Haufen mieser After-Effekte da - gestreckt anhand ewiger (spannender?) Spaziergänge im Wald und abgeschlossen vom Kollektivbegräbnis in gottesehrfürchtiger Echtzeit: Das alles ist nun echt nicht der Rede wert, zumal sich ganz amerikanisch nie eingestanden wird, dass Knarren an allem Übel schuld sind.

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