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Sonntag, 20. Mai 2018

NACHHOLBEDARF (Tipps vom 23.04. - 20.05.2018)

Chow Yun-Fat, Conan Lee, Wolfgang Fierek, Cleo Kretschmer, Dwayne The Rock Johnson, Gerard Butler, Little Bear

Liebe Leser,

ich bitte um Entschuldigung für die Verspätung! Der Titel des Blogeintrags ist heute sehr programmatisch gedacht und umfasst einfach vieles an der derzeitigen Gefühlslage, die mich heute wieder hierher geführt hat. Zum einen war es doch mal an der Zeit, die Rekapitulation der inzwischen zwei (!) letzten Filmabende schriftlich festzuhalten – da liefen also schon mal 15 Filme durch, die sich repräsentiert wissen wollen. Zum anderen habe ich mir in den letzten Wochen auch eine Menge Filmgut gegönnt, auf das ich schon länger heiß war oder dauernd von hörte und nun eher durch Zufall Zugang zu hatte (und dann war ich seit März auch mal wieder im Kino!). Von letzteren ist im Blog eventuell weniger über geblieben, aber erwähnen möchte ich sie trotzdem. Vorher ist es mir aber noch sehr wichtig, durchzusagen, dass für mich auch ein besonderer Nachholbedarf herrschte, euch mit Lesestoff zu versorgen. Ist ja beinahe schon wieder ein ganzer Monat her seit der letzten Ausgabe und das sollte so eigentlich nicht geschehen. Die üblichen Ausreden von der regulären Arbeit und anderweitigen externen Einflüssen hilft euch gewiss wenig über die Runden, deswegen ist das Angebot der Kompensation in der Fülle all dieser Faktoren vor allem jetzt eins geworden: Ziemlich dick, mit 12 Filmen in umfangreichen Abschnitten (abgesehen von den schlechteren Streifen, aber das merkt ihr schon, hoffentlich ohne Abzug an Qualität wohlgemerkt). Bei der Auswahl der Filmabend-Streifen hatte ich mir überlegt, diese im Review-Rahmen fair aufzuteilen – jeweils 4 Beispiele vom jeweiligen Evening habe ich spontan auserwählt, vom verbliebenen Ensemble seien vor allem aber noch folgende Filme herzlichst empfohlen (nur im Augenblick irgendwie nicht in meinem Schreibfluss gelangt):

DER FALL BACHMEIER - KEINE ZEIT FÜR TRÄNEN (Hark Bohm, 1984); SCHICKSALSSPIEL (Bernd Schadewald, 1993); GIB GAS - ICH WILL SPASS (Wolfgang Büld, 1983); THE SOULTANGLER (Pat Bishow, 1987); STEP UP: MIAMI HEAT (Scott Speer, 2012); MARIHUANA (Dwain Esper, 1936); DREAM NO EVIL (John Hayes, 1970)


Da auch ein wenig rumexperimentiert wurde, was die Verpflegung bei den jüngsten Filmabenden angeht, möchte ich noch einige kulinarische Erfahrungen bezeugen: Ich hatte mir vom örtlichen Asia-Markt Getränke besorgt, die uns bisher vollig fremd waren. Leider nur zwei Sachen davon würde ich uneingeschränkt empfehlen: Zum einen den Energydrink Lipovitan-D Plus und zum anderen Sake als geschmeidigerer, wenn auch etwas verdächtiger Wodka-Ersatz, jawoll! Mit einigen Einschränkungen hab ich auch den Soja-Drink der Marke Chin-Chin sowie den kalten Kaffee „Oliang“ aus Thailand ausgetrunken, doch beim Grassgelee-Getränk mit Kokosnuss-Geschmack (ebenfalls von Chin-Chin) war’s dann doch zu viel des Guten. Noch schwerer fällt es mir allerdings, folgenden Filmen keinen ordentlichen Text spendieren zu können, aber ihre hiesige Listung ist eventuell sowas wie meine persönliche Cannes-Siegerliste:

DER FAN (Eckhart Schmidt, 1982); THE COMMUTER (Jaume Collet-Serra, 2018); PADDINGTON (Paul King, 2014); LA BOUM - DIE FETE - ELTERN UNERWÜNSCHT (Claude Pinoteau, 1980); GREASE - SCHMIERE (Randal Kleiser, 1978)

Oha, was blieb nach diesen ganzen Top-Streifen dann noch alles übrig? Ich hoffe, ich kann euch mit der folgenden Auswahl so oder so trotzdem zufriedenstellen und freue mich jetzt schon, bevor der heutige Hauptteil rankommt, auf die nächste Ausgabe an Filmtipps – irgendeiner muss es ja tun :D


Cleo Kretschmer, Wolfgang Fierek, Dolly Dollar


FLITTERWOCHEN (Klaus Lemke, 1980) – Langsam wird es eng bei uns im Fundus an Cleo-Kretschmer-und-Wolfgang-Fierek-Paarungen. Abseits dessen, was auf diesem Blog schon besprochen wurde, sind die verbliebenen (Fernseh-)Filme immer seltener vorzufinden, doch hier lässt sich zumindest nochmal aufatmen, dass die Zwei immerhin endlich in einer fruchtenden Ehe zusammenfinden. Zumindest theoretisch, denn mancherorts besitzt der Filmtitel nicht umsonst die Zusatzzeile „Zitterwochen“ – die Begleitumstände hierfür macht der Film auf die Schnelle fest, wenn neben der Romantik unter unseren beiden drolligst naiven Zollbeamten ständig Alltag+Frust in die Bindung einkehren, bereits im kleinsten Kleinen an die jeweilige Gurgel gehen. Schon bei der Hochzeitsfeier steigt der Alkoholpegel Wolfgangs in die Höhe, sobald der Ex der Cleo noch seine Blumen abgibt, sie hingegen im Rausch aller gen Kohlenkeller rumkrabbeln muss. Ein seltsamer Brauch, der in eine ebenso dustere Hochzeitsnacht mündet – und dann soll’s am morning after schon nach Rio in die besagten Wochen gehen. Wie dünn da jeder Geduldsfaden wird, genauso knapp auch die freien Zimmer im Hotel, auf dass man sich eins mit dem Reiseleiter teilen muss. Es wird nicht leicht für unser Traumpaar, trotz der Zauberkulisse im Hintergrund auch nur einmal zum Schmusen zu kommen. Alles funkt dazwischen und da darf sich der Film gerne von einer gesteigerten Hemmung in die nächste hangeln, so wie der improvisierte Urlaubszank seine Ventile sucht, höchst nachvollziehbar auf den Nerven des Gegenübers rumkaut, genauso wie die schiere Komik des Verlorenseins im Paradies. Und wenn sich dann noch die fesche Dolly (Dollar) und Guntram Vogel von der Scotia als Touristen aus deutschen Landen zwangsläufig der hart vermissten Kommunikation wegen dazu gesellen, ist das Chaos an Cockblock und brasilianischem Exzess ringsum perfekt. Im Gegenzug bedient sich Lemkes Film sehr frei an bodenständigen wie abstrusen (auf jeden Fall sehr gelingenden) Gags, verlässt sich wie gehabt auf schlichte Perspektiven mit umso größeren Ausblick. Im Gegenzug wirkt der Spießrutenlauf von Cleo und Wolfgang, ihre Strapazen mit Dialekt nochmals umso mehr zum Kugeln, liebenswert und ohne Plan – eine Tati-Dynamik erlebnissüchtiger Demut. Kann die Liebe in solch unsteten Zeiten aber noch Bestand haben? Da muss der Film selber auch erst mal einen drauf kippen, um zur Einsicht zu gelangen, wie viel Freimut, Eifersucht, Überwältigung im Großen, Ganzen und Privaten die richtige Mische ergibt. Selbst dann macht er jedoch Lust auf mehr von dieser Kombo an Filmschaffen – ein bittersüßer Ausflug!




BORN HERO 2 (Liu Chia-Liang, 1988) – Die 2 im Titel bitte mal kurz wegdenken, da es sich ja trotz jener Kreation des dt. Verleihs in Wirklichkeit um „Tiger on Beat“ handelt, gelle? Gut, das ging fix, ich wette, da könnt ihr euch dann auch gleich genauso flott mit dem Film an sich vertraut machen, oder? Schließlich ist es eine Actionkomödie aus Hongkong mit den Dreh- und Angelpunkten Chow Yun-Fat (mit Schirmmütze und Hawaii-Hemden!) und Conan Lee, die sich als Bullen-Buddies einen tolldreisten Schlagabtausch liefern, wie weit Berufsethos und Energien im Medium Film an sich auszulegen sind. Eine gehörige Sauerei ist den Genremixern aus jenen Landen und Zeiten ja immer vorbehalten, doch hier geht das Kurzweil besonders sympathisch im Pendel  blutig-durchchoreographierter Action und moralisch-grenzenlosem Jux auf. Jene Extreme lassen sich exemplarisch auf zwei Szenen festlegen: Eine, in der Yun-Fat mehrere Eier der Potenz (?) wegen ins Glas schmeißt und in einem Schwung runterkippt; dann wiederum eine andere gen Schluss, in welcher Conan Lee das Kettensägenduell aus „Texas Chainsaw Massacre 2“ auf den Mond schießt. Die Verbindungslinie dazu hat wie so oft mit Drogenschmuggel zu tun – ein Fall fürs Kino wie viele andere zuvor und danach, weshalb dessen kriminelle Mechanismen eher funktionell dahinticken, während die geballten Sequenzen drumherum mit unseren Tigers im jeweiligen Zentrum der Einmischung erst die Bomben platzen lassen. Und da bleibt einfach alles (auch intensiv spruchreif) in Erinnerung: Die scherbenreiche Neumöblierung der Aerobic-Buden, Verfolgungsjagden und Geiselnahmen in Unterhosen (bei denen schon Verhandlungssache ist, wer sich entblättern muss), vollends misogyne Verhöre und sowieso das stets bipolare Gebären einer Macho-Männerwelt im kunterbunten 80’s Outfit. „Lethal Weapon“, Stallones „Cobra“-Irrsinn und Jackie Chan wären da als geistige Anleitung schnell genannt, doch die hiesigen Unmengen an Groteske, Melodram und Dynamik² arbeiten nochmal auf einer wilderen Ebene. Launig, sehr daneben und exzessiv – ich liebe alles daran! 




LINIE 1 (Reinhard Hauff, 1988) – Mir war der Ruf von Musical und Film bisher immer irgendwie entgangen, welcher offenbar von Kult bis Geißel der Schulzeit reicht. Ganz ab davon muss ich jedenfalls festhalten, dass Reinhard Hauffs Adaption gehörig konsequent, derbe und innig an die Gosse ran ausgefallen ist – vielleicht sogar als eine der überspitzt abstoßendsten und ehrlichsten Darstellungen Berliner Subkulturen überhaupt. Der Vermengung des S-Bahn-Panoramas menschlicher Untiefen mag als Musical ein Hauch der Romantisierung innewohnen, doch die Haltestellen gen Sozialkitsch existieren eher im Wunschdenken. Das schroffe Ensemble bietet die richtige Schnottersprache zum Bodensatz der Existenz, der physische Umgang untereinander ist ebenso penetrant am Fummeln und Drohen, natürlich auch in der Permanenz des eigenen Drucks gefangen. Ressentiments und Gruppendenken/-kloppe schüren sowieso die Abgrenzung ins Asoziale wie Alksüchtige, da bietet man im Gegenzug umso weniger Fußraum, eher das Durchsetzungsvermögen der Provokation. Dies im schamlosen Sing-Sang auf Touren zu erleben, bereitet nicht von ungefähr auf Schlingensief vor, wie die urbane Intensivstation daher rast – jeweils voller Hypokrisie, Desillusionierung und Abenteuerlust ins endgültige Entschwinden. Schulschwänzer, Selbstmörder, No-Futuristen, Kellerkinder, Hobbydetektive, Hascher, Napper und Nazis, Penner, Schweinepriester und die Normies mit ihrer vorgehaltenen Hand der Doppelmoral: Hier treiben sie einen alle in die Enge, doch die Sympathien liegen definitiv gegen das Verklemmte, für den Außenseiter, gegen Fremdenhass und die Übermacht des Molochs. Gut so, vor allem, da diese Reise von Neuankömmling Sunnie (Inka Victoria Groetschel) nie so tun will (oder kann), als ob sie irgendwas davon zu überwinden vermag, so wie alles an sich schon unmöglich geballt daherkommt. Der Film endet sogar lediglich mit einer kleinen Hoffnung im großen Scheitern – eine ganz schön schonungslose Supershow, vom im Dreck spielenden Hauff ins Neonlicht der bombastischen Schmierenkulisse gerückt und dann doch nicht im Voyeurismus gelandet. Hart und happy halt.




THE AMAZING WIZARD OF PAWS (Bryan Michael Stoller, 2015) – Von den Machern von „First Dog” und sogar mit demselben Haustier Little Bear am Start, gibt’s noch einen sehr merkwürdigen Hundefilm hinterher – und es wird nicht der letzte bleiben! Klingt wie eine Werbezeile und sollte genauso wahrgenommen werden, denn hier wird ja getippt und bei solchen Abenteuern an zauberhafter Tristesse bestimmt nicht zu knapp. So abgegriffen Narrativ und Inszenierung auch in sicheren B-Movie-Gefilden verbleiben wollen, sind die unverhofften Qualitäten des Herrn Stoller wiederum im Großeinsatz: Darsteller von Jung bis Alt, die zwischen ausgestelltem Desinteresse und hyperventilierter Depression pendeln; Schnittmuster der Abwegigkeit aus visueller Leere, spontan-entrücken Reaktionseffekten und dauergedämpfter Musik; das Nimmerendenwollen eines Nicht-Spannungsbogen angelernter Magie, der nicht nur einen (!) Bösewicht auszubremsen versucht, sondern auch einen Talentwettbewerb gewinnen und am besten noch den verstorbenen Vater zurückholen will. Wie wird sich dies auflösen? Das Raten überlasse ich euch, auf jeden Fall ist die absehbare Kausalkette weniger entscheidend als die Erwartungshaltung, die der Film von Anfang an mit seinen Widersprüchlichkeiten der unerfüllbaren, ständig umgeworfenen und doch ersehnten Niedlichkeit schafft. Ganz bezeichnend dafür ist der Umstand, dass Little Bear als magischer und Pizza-verrückter Hund nun spricht. Stoller animiert die Sache selbst und man muss es gesehen (und gehört) haben, um diesen Film Stück für Stück ins Herz zu schließen – insbesondere, wie frei er mit der allgemeinen Menschenkenntnis umgeht (siehe den Kurzauftritt von Tiny Lister) und seine eigenen Supersituationen (siehe alles im Zusammenhang mit dem Talentwettwerb und dessen Eindruck von der Existenz der Magie) verflachen lässt. Eine Weihnachtsvariante dieser Gruppenleistung ist schon unterwegs!




MARS MEN aka HUO XING REN (Hung Min Chen, 1976) – Mehr aus der Trickkiste Asiens, ordentlich (optisch) angestaubt und obskur, aber nicht minder delirierend in geballter Topos-Sause inszeniert. Anhand einer DVD aus Frankreich unter dem Titel „Les hommes d’une autre planete“ hat man die Gelegenheit, jenes Sci-Fi-Puppenspiel, welches sich anhand von Mythologie und Kautschuk-Eskapismus schnell wie oft in den Sternen wiederfindet, in angemessener Synapsen-Pestilenz einzuverleiben. Einen besonderen Hinweis hat dabei die englische Synchronisation verdient, die mit Ach und Krach aus dem Hobbykeller stammt, unter wenigen Leutchen alle Rollen aufteilt und bei Kinderstimmen sogar den Chipmunk-Effekt einsetzt, während die Tonqualität sonst vor allem mit Lautstärke, die Sprecher mit steifem Unvermögen glänzen. Wie viel davon bewusst eingesetzt ist, sei mal dahingestellt – es ergänzt vor allem einiges an Aberwitz, welcher diesen Film mit seinen unglaublich aufgeregten wie ausgestreckten Expositionsphasen umhüllt, nur um diese mit allzu turbulenten Auflösungen jeweils in die nächste Surrealität der Invasion kippen zu lassen. Böse Aliens vom Mars greifen nämlich an und ehe man sich mit dem taiwanesischen Hauptpaar angefreundet und miterlebt hat, wie dieses den Götzen Hanuman zum riesenhaften Lebensretter wiedererweckt, verbündet sich dieser sodann mit dem Roboter-Pendant aus Japan und nimmt damit über die Hälfte der verbliebenen Laufzeit ein. Pyrotechnik und Lasermalereien schießen sodann kreuz und quer durch die Galaxis, am Erdboden kriegen zudem mehrere Monster Zorres auf die Birne. Nicht, dass den Beteiligten deswegen öfters die Worte fehlen würden, dafür geht’s dem Zuschauer blendend fassunglos in seiner Konstante an Verwunderung. Passend dazu empfehlen wir: Lipovitan-D Plus, allerdings aus Thailand.


Matt Dillon, Andrew McCarthy


KANSAS (David Stevens, 1988) – Wer es nicht bis Ende des Jahres abwarten kann, Matt Dillon beim Abrutsch ins Soziopathische via Lars Von Trier zuzusehen, dürfte zumindest einen guten Anhaltspunkt in diesem späten Americana-o-drama vorfinden. Zweigleisig auf den Pfaden des Outlaw-Mythos spazierend, findet man hier eventuell sonst wenig festen Boden, was in diesem Fall nichts Schlimmes bedeuten soll. Im Panorama aus Kleinstadt-Ruhelosigkeit und endlosen Maisfeldern finden nämlich Gleich-/Abstand von Kumpelfeinden Dillon und Andrew McCarthy statt, die als entwurzelte Macker ziemlich hitzig auseinanderreißen, gleichsam in ihren jeweiligen Einöden ankommen, dort auf ihre Art mit begrenzten Chancen auf Tuchfühlung gehen. Regisseur Stevens zeichnet dieses Kansas trotzdem geradezu widersprüchlich als Leinwandromantik in Sonnenblumenfarben, die sich nach der Auseinandersetzung sehnt, da latent homosexuell in Schwüle bis Flammen schwelgt. Dass zudem eine gute Handvoll Jugendfantasien ausgespielt werden, steht hoffentlich außer Frage, aber der Reihe nach vorhanden sind: Liebe auf den ersten Blick zum Mädel auf dem Pferd (Leslie Hope), heimtückischer Einstieg ins fremde Haus inkl. Ausstatten mit dessen Kleidern, Aushilfsarbeiten auf dem Rummel (siehe auch „Gib Gas – Ich will Spaß“) inkl. Stelldichein mit der Chefin oder auch eine Spritztour mit dem Truck vom Vadder der umworbenen Meid, bis man zum zweifachen Helden erklärt wird. Dazu gesellen sich aber noch Geschichten um Gouverneure, Autounfälle, Banküberfälle, unschlüssige Journalisten und versteckte Kohlen, auch eine üble Vergangenheit um Antiheld Dillon und so gut wie gar keine um Sonnyboy McCarthy. Ein seltsames Potpourri an Wurzeln und Verästelungen, das hier durch die Lande streift und stets voll Übergriffigkeit schwärmt, mehr als vagen Zielen (Geld, Ehre, Liebe?) zu ahnden. Klar, dass Dillon dann auch mal einem Girl voll patzig erklärt, was er von ihr nicht hören will, obwohl wir von ihr zuvor nix gehört haben. Die USA, so wirr und unbedingt heimelig, wie man sie sonst vielleicht nur in „Dirty Tiger“ erlebt.




RAMPAGE - BIG MEETS BIGGER (Brad Peyton, 2018) – Nach dem hochemotionalen Aufstieg aus Ruinen namens „San Andreas”, den Regisseur Peyton und Dwayne The Rock Johnson schon zur tollen Familienkittung anwenden konnten, bleibt ein guter Anteil dessen auch in der Videospieladaption um ein Städte demolierendes Riesenmonstertrio über. Die Bindung zwischen dem Rock und Albino-Gorilla George ergibt da schon früh ein Quell an Freude und Pathos, der fortan auf die Probe gestellt wird, wenn Malin Akerman als Bösewichtin mit Gespür fürs Cartoon-Theatralische (Peytons Weltbild seit eh und je) skrupellose Gentechnik betreibt, Söldner und Sonarsatelliten vorschickt. Mit jener Plotte nimmt es der Film mal sehr und mal gar nicht ernst, ist aber trotzdem selten in Erklärungsnot, seinen Ansporn an Spaß und Spannung auf den Zuschauer zu übertragen. Man trägt das Absurde mit Fassung und bewegt sich sicher im Genre-Rahmen, dass sich die Action per Wow-Effekt steigert und die gottseidank spärlich eingesetzte Komik eher aus der Ehrfurcht der jeweiligen Größen/Rollen und nicht bloß aus den ach so beliebten „Echt-jetzt?“-Phrasen ergibt. Selbst Jeffrey Dean Morgan als verschmitzter Cowboy kann da einiges an Charisma ausschütten, während er genauso selbstverständlich ins Prozedere eingepflanzt scheint (und zufällig überall auftaucht) wie die meisten hiesigen Topoi - vom Flugzeugabsturz über Militär-Kurzschlussentscheidungen bis hin zum Wolkenkratzerinferno. Das Leinwandspektakel weiß sich genau richtig zu stapeln, so dass die ollsten Kamellen an Wendungen schon einer Katharsis gleich kommen à la „Ich hoffe (und weiß), dass das gleich passiert.“. Die Sommerfilmstimmung buhlt sodann um Zerstörungsschauwerte und immer heftigeren Fähigkeiten von Tier wie Rock, demnach hat der Kern der Dringlichkeit aus „San-Andreas“-Tagen hier eben etwas abgenommen (und ist auch hinsichtlich Naomie Harris etwas zu kurz gedacht), obgleich das Spiel mit dem vermeintlichen wie reellen Leinwandtod erneut an entsprechenden Stellen tiefer als erwartet atmen lässt. Ein angenehmes Präludium zum nächsten „Jurassic World“ scheint’s allemal zu sein.




GEOSTORM (Dean Devlin, 2017) – Wenn man mal einen Tag erwischt, an dem der filmische Anspruch recht niedrig eingepegelt ist, können einen die Weltuntergangsvisionen eines Dean Devlin noch immer einigermaßen catchen, obgleich er sich hier grenzdreist etlicher Quellen bedient, den Katastrophenfilm-Baukasten nochmals abendfüllend trivial auszubreiten. Zwischen dem Space-Melodram à la Gravity/Armageddon und der kontinentalen Verwüstung, die jeweils einen vom Desaster Verfolgten zur Rettung begleitet (und Tausende mit einem Schlag killt), macht das Ensemble eben zentral noch einiges an identifikationsstiftendem Boden gut: Ein Brüderzwist um Jim Sturgess und Gerald Butler (wieder als der beste der Besten) sehnt sich insgeheim ständig nach Versöhnung, kommt im passiv-aggressiven Konkurrenzdenken aber immer näher an die Lösung aller Menschen Leben. Beide spielen sich zudem fortwährend Verschwörungstheorien zu, wer für die Fehlfunktion der weltweit verkomplizierten Klimakontrollstation im All verantwortlich ist – und da sind vielerlei verdächtige wie unverdächtige Kandidaten unterwegs, im globalen Abenteuer mit Klischees en masse ausgestattet (siehe Alexandra Maria Lara als die Deutsche, Ute Fassbinder!). Die Lösung dieses Whodunits macht sich wie abermals aufgegeilt ins Hemd, wie auch die Melange aus Action, schlagfertigen Sprüchen, Ro-/Bromance und Pseudo-Technobabble schier nach Prinzip aus Überzeugung (und gehörig Deus Ex Machina) zu handeln scheint. Im Vergleich zur „Independence Day“-Wiederkehr herrscht aber zumindest keine volle Gleichgültigkeit, die Blockbuster-Muster von vor 20 Jahren zu wiederholen, so dass sie in ihrer Menge an CGI-Schauwerten zwar angepasst werden, Rollenmodelle aber dieselben Aufbau-Etappen mitnehmen, selbst wenn sie mit Andy Garcia als Präsidenten und Ed Harris als dessen Berater nicht typischer ausfallen könnten. Jene seltene Ecke an Aufrichtigkeit, kurz vorm Tele-5-Ironiegewitter, ist tatsächlich etwas kostbar geworden und wenn schon nicht originell, dann hier wenigstens noch auf eine stimmige Euphorie im Sieg des Menschen gegen seine Natur eingestellt.




BIBO'S MÄNNER (Klaus Lemke, 1986) – Etwas neben dem regulären Kanon an Lemke-Filmen firmiert diese Sam-Waynberg-Produktion, die den bewährten Schwabinger Humor jenes Regisseurs in der Mitte der 80er zu orten versucht. Die neue Generation des Anpflaumens startet allerdings mit Protagonisten bedingter Anziehungskraft, wenn man so will. Tanja Moravsky, Nikolas Vogel, Dominic Raacke und der Rest an Provinz-Damen wie Münchener Kerlen sind in ihrer Pomeranz weniger von herzlicher Naivität als von sprunghaftem Temperament geprägt, verlieren sich daher öfter in sehr lockeren und gleichsam intensiven Beziehungen, wie dann auch der Film an sich agiert: Abhängend wie abgehangen im Zeitgeist. Leicht sperrig, diese Sommerlaunen, aber gewiss nicht mundfaul voll Konfrontationsbock - so sehr, dass die Synchro im Vorbeigehen stets mehr beleidigte Leberwürste aus den Leuten macht, aber gerade da mangelndes Vertrauen in den Film offenbart. Tempo und Pointe bleiben daher eher kleinen (uneingeweihten?) Rollen, Gesten, Klamotten und Situationskomiken vorbehalten, während die feschen Teens wie eh und je ihre Möglichkeiten der Eifersucht austesten, anlernen und mit Gegensätzen anziehen. Der Zuschauer findet in dem Hin und Her leider bedingt Stichhaltiges vor, einen neuen Satz zur Herzensangelegenheit mitzumachen – gut also, dass jene Beziehungsposse nicht zu dolle für sich selbst aus allen Wolken fällt, nach unter 80 Minuten fertig in die Turbulenz d‘amour gaga aufgestiegen ist.


READY PLAYER ONE (Steven Spielberg, 2018) – Wo man den Eskapismus wüten lässt, muss es zwangsläufig auch mal eine empathische Dockingstation geben, doch in diesem digitalen Wunderland binnen einer Virtual-Reality-Dystopie hat es selbst ein Spielberg schwer, vom Polierten weg das Herzstück rauszukramen. Seine Führung zieht stattdessen höchst unpersönlich durch, die I-Love-the-80’s-Hobbynerds (aka Fans vom saulahmen Buckaroo Banzai) mit Eindrücken aus zig IPs im Strom zu halten, während der Junge (Tye Sheridan) auf der Jagd nach dem Schatz das Mädel (Olivia Cooke) trifft und die Welt vor dem Bösen rettet, Realität als einzig real erklärt und den Online-Kasten daher für jeweils 2 Tage in der Woche (!) dicht macht. Nichts gegen jene Essenz von Heldensage, wenn man diese abseits des Grundgerüsts anfüttern würde. Bei hiesigen Stereotypen kommt allerdings relativ nix neben der Markenidentität hinzu – schlicht grelle Gesellen in funktioneller Perfektion, die selbst mit Muttermal im Gesicht natürlich noch vor Schönheit strotzen. In jener denkfaul positiven Haltung ist der Widerspruch von Kommerzfreundlichkeit und Anti-Großkapitalisten-Adventure natürlich umso stimmiger im emotionalen Nirwana unterwegs - ebenso bleibt der technische Esprit auf Vordermann, also wie viele Renderfarmen in Sekundenschnelle verpulvert werden können. Und das ist zusehends anstrengender anzuschauen, so wie sich die Derivate im Pre-Viz-Mantra türmen. Eben ein Kinderfilm/Mini-Minority-Report äußerst flacher Spannungsebenen, als 3D-Tornado der Nostalgie verschachtelt und selbst dann nur bedingt spaßig (4mal „Echt-jetzt?“ inkl., aber auch mit einigen besseren, visuellen Witzen).

C. Thomas Howell

SOULMAN (Steve Miner, 1986) – C. Thomas Howell gibt die College-Nudel und der Film dazu nimmt ebenfalls die gewohnten dramaturgischen Mühlen der Bildung ins Visier, vom Schlendrian zum Musterschüler – mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass sich jener via Blackface ins Stipendium wieselt und somit die ganze Palette an rassistischen Vorurteilen wie Klischees vom afroamerikanischen Mitbürger durchlebt. Check your privilege, sagt die moralische Note, konsequent stellt sich das aber noch lange nicht dar. Es bietet sich eher die zu erwartende Klamotte voller Notlügen, Missverständnisse und unverhoffter Ironie an, deren Lektion genauso gut einem Genrevertreter vom Schlage Body/Gender-Swap gleichen könnte. Der Mut (auch zur bissigen Satire hin) hält sich also in Grenzen, macht zudem noch Platz fürs aufrichtige Pauken in filmischer Gleichgültigkeit. Eine schnarchende Peinlichkeit, gäbe es nicht noch:


BODY OF EVIDENCE (Uli Edel, 1993) – Der Film mit der sexy Wachs-Szene, soweit dürfte ungefähr die kollektive Erinnerung zurückreichen. Was hier jedoch zusätzlich zum mühsam skandalösen Techtelmechtel zwischen Madonna und Willem Dafoe in die Sabbelschmelze getunkt wird, ist ein Gros an Langeweile, das sich zunächst anhand laxester Etablierungsüberholspur jedem Thrill verweigert, seine mickrigen Femme-Fatale-Verführungsskills sodann im ultrapedantischen Gerichtssaalkrimi einlöst. Zig stumpfe Wenden zur Waffe Frau darin ergeben kaum mehr als eine Handvoll müde Lacher, Uli Edel selbst nutzt die Gelegenheit daher lieber für die Lichtgestaltung/Puffbeleuchtung.

Sonntag, 1. April 2018

Bloggen zu Ostern ist kein Aprilscherz (Tipps vom 19.03. - 01.04.2018)

Puppa Armbrüster, Wolfgang Fierek, Stellan Skarsgård, Deborah Harry, Christina Lindberg, Robert Knepper

Liebe Leser,

ich bin zurück, auferstanden aus der Höhle! Nein, Gastautor Jesu ist nicht am Start, aber ihr guten Leute: Ich weiß, dass ihr zwei Wochen warten musstet (falls ihr gewartet habt), neues von der Wittigen Filmrundschau zu lesen. Dies ist übrigens nicht der neue Name des Blogs! Und das, obwohl den Begriff der wöchentlichen Tipps etwas frei auslege in letzter Zeit. Ich habe schon überlegt, Namen und Banner zu ändern, aber das war mir zu anstrengend – überlegt mal, wo überall bei Funk und Fernsehen und Presse und so ich die Änderungen ankündigen müsste, scheiße! Also lasst mal, der Name ist Tradition und ich steh mit meinem Namen für den Namen des Blogs! Wir haben ganz klar große Probleme in dieser unserer Zeit zu bewältigen, ich weiß das am besten. Und vor allem, das größte Übel zu diesem Osterfest ist hierzulande tatsächlich krasser denn je im Tagesthema: Das Wetter! Ja, haben wir’s denn Weihnachten?! Ich bin so wütend, da hab ich nur über sechs Filme geschrieben. Aber bevor wir zu diesen kommen, lasst mich euch eins sagen: 

GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 (James Gunn, 2017)

Ich habe dank Siegfried Bendix „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ nachholen können und es war wieder mal kein guter Marvel-Film – die gegenwärtigen Probleme dieser Reihe an Einheitswaren sind hier nur etwas weniger nervtötend als beim letzten Spider-Man zugegen, da nicht alles in die Belanglosigkeit rein veralbert wurde. James Gunn hat sich dennoch total verlabert und kugelt sich vor allem gen Mittelteil in so viele Redundanzen rein, die er sodann mit der mehrfachen Wiederholung der beliebtesten Zutaten aus Vol. 1 zu kaschieren versucht. Der Mangel an Einfällen korrespondiert mit voll bemühtem Humor der Pointenbandbreite „Echt jetzt?!“ bis „Wie bitte?!“, in der Hoffnung, dass ungeduldige Lücken zwischen jenen Sprüchen noch mehr Witz versprühen. Das größte verschenkte Potenzial klafft da umso heftiger auf: Yondu und die Ravagers. Die erste Wiederbegegnung in jene Richtung sowie die Schlusssequenz (vor 1000 Post-Credit-Scenes) hatten beinahe einen Sog echter Charaktereinsicht über Vaterfiguren/Ersatzväter inne, doch der Honk-Humor musste sich dazwischen mischen, wie später auch das popkulturelle Kalkül um Erwähnungen von Knight Rider, Cheers, Pac-Man und sinnloserweise sogar „Mary Poppins“. Dazu kommt ein Maximum an CGI-Action, das jedes bunte Szenario geradezu aneinanderklatscht und von der eigenen Atemlosigkeit nichts zu wissen scheint – warum sonst würde Gunn dauernd versuchen, darin noch überdramatisch emotionale Entscheidungs-abschnitte zu reihen? Auch die Methodik erfüllt sich nur stückweise und gleichsam überstrapazierend, dass einem umso banger wird, irgendwann die Crossover-Hölle „Avengers: Infinity War“ sehen zu müssen. Bei Siggi liefen danach zumindest noch „Stürmische Liebe – Swept Away“ und „Den Himmel gibt’s echt, also war eine Steigerung des Abends in Sichtweite. Die unfassbaren Sexismus-Stimmungsschwankungen der Guy-Ritchie/Madonna-Melange und genauso die christlichen Wunder-Diskurse der Familie Burpo werden uns auf ewig in Erinnerung bleiben! Die ganzen Insider aus der Sichtung kläre ich hier entsprechend null auf, denn wen geht’s was an, häh?


Kommen wir aber nochmal zum anderen Großereignis der letzten Wochen: Mein Filmabend im März, kuratiert unter dem Titel „Acht Filme sind kein halber Tag“! Der Name war wie zu erwarten Programm und ja, der Zeitrahmen stimmte auch. Was lief unter dem gemeinsam angestauten Einfluss von 8 Flaschen Astra Kiezmische, 2 Dosen Rockstar Energy, 8 Dosen Coca-Cola sowie einer Flasche Cabernet-Sauvignon? Zunächst „Turtles II – Das Geheimnis des Ooze“, der uns allen bekannt ist – nur Siggi noch nicht und dieser mochte ihn dann doch! Wow, krasser hot take, ne? Wartet mal ab, die zentralen Filme jener Samstagsrunde habe ich dann doch intensiver in heutiger Empfehlungsspalte niedergeschrieben – außer „Lion Man“ und einen komischen Kurzfilm aus der Familiengeschichte anno 1992. Vor der Enthüllung der anderen Titel aber noch vier Mini-Empfehlungen, zu denen mir textlich absolut nichts eingefallen ist: Die höchstsympathische und bundesweit zockende Mint-Experten-Dokumentation „Monarch – Der Automatenschreck“ von Manfred Stelzer und Johannes Flütsch, die kernigen Sozialstudien „Der Hammermörder“ und „Verlierer“ von Bernd Schadewald (schade, dass ich bei ihm nen Block habe, aber mindestens ein Film wird’s hier nochmal schaffen) und der etwas zu lang geratene „God of Gamblers“ von Wong Jung, der seinerzeit immerhin den Großteil aller Hongkong-Film-Topoi höchst aufrichtig vereinen, aber nichts daran ändern konnte, dass ich von Kartenspielen weiterhin keinen Schimmer habe. So, ich hab euch lang genug ans Kreuz genagelt (höhöhö), jetzt dürft ihr die Eier suchen gehen und raten, welches von denen NICHT beim Filmabend vorkam und welches gemeinsame Thema die folgende Auswahl verbindet (ich weiß es nicht). Ich wünsche viel Spaß mit den Empfehlungen Eures duften Hasen:


Cleo Kretschmer, Wolfgang Fierek, Puppa Armbrüster


IDOLE (Klaus Lemke, 1976) – Ein ziemlich historisches Puzzlestück aus dem Werk des hier schon oft vertretenen Herr Lemke, da sein in den folgenden Jahren mehrmals hofiertes Leinwandpärchen Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek hier erstmals zusammen und bereits voller herzlicher Kleinigkeiten im Miteinander zum Einsatz kam. Deren Reibungskräfte erinnern daher nicht von ungefähr z.B. an jene der späteren „Amore“ – d.h., dass sich Cleo mächtig ins Zeug legt, als Dorfmadl Annerl nahe München dort Eifersucht zu züchten, wo sie das Herz ihres Lieblingsfußballboys Sepp (Fierek) einfangen will. Mit den Reizen der modernen wie feschen Dame von Welt kann sie allerdings nur binnen der Amateurliga glänzen (sie traut sich anfangs nicht mal, Schminke im Kiosk vor Ort zu kaufen) und wird dementsprechend ausgelacht – hundsgemeine Brüdersprüche und Mutti-Meckereien inklusive. Die Sache spitzt sich zu, als die Schwärmerei Richtung Tanzdame Puppa (Judith Armbrüster) im Örtlein vorbeischaut und in Begleitung der Coverband Pete und die Bavarians Gastronomie sowie ausgerechnet Sepp um den Verstand bringt. Die Puppa ist eben stets geradeaus, auch in ihrem Clinch mit den kaum verwöhnenden Verhältnissen – die Überforderung der Dorfdeppen sowie die negative Resonanz seitens Annerl sind vorprogrammiert. Sobald sich diese aber deswegen zusäuft, beginnt eine Odyssee, die zusammenschweißt und in Folge dessen aus dem urbanen Showbiz um Schnulzensänger Jack Meid (Lothar Meid, einige toll schreckliche Nummern wie „Bibi Bonbon“ aus seiner Feder darbietend) eine wiederum wortgewandte Komödie der Frechheiten entfesselt. 

IDOLE (Klaus Lemke, 1976)
IDOLE (Klaus Lemke, 1976)
IDOLE (Klaus Lemke, 1976)

Zanken, Schwärmen, sich gegenseitig unter die Fittiche nehmen, Beschwerden und Liebeserklärungen: Bewährte Kommunikationspole aus dem Œuvre Lemkes, die sich frisch nach „Teenagerliebe“ anhören, reisen wollen und gleichsam handheld inszeniert sind; in der Improvisation der hormonellen Naivität dennoch mehr auf die Pointe zugeschnitten scheinen – keineswegs zum Nachteil! Insbesondere Cleo strahlt da literweise Charme aus, wo ihre Prinzipien und Sehnsüchte liegen und wohin sie trotz aller Planlosigkeit ihrerseits der Puppa folgt. Ein toller Kontrast übrigens, wie jene neue Busenfreundin stets um ihr Ego und der Vorstellung von waschechter Anbaggerei ("Schmollen!") mit ihr streitet; trotzdem (wenn auch hinter vorgehaltener Wuschigkeit) gerne gemeinsam Fame-Phänomene schmiedet. Rom-Coms heutige Coleur müssen sich hier enormst verballhornt, auf jeden Fall hilflos übertroffen fühlen. Die Konstellation der Beiden ist jedenfalls so stimmig simpel wie erfrischend, einfach innig von Vertrauen und freiem Wankelmut geprägt, dass die Herren der Schöpfung im Vergleich allesamt nur schweren Atems hinterherkommen. Selbst Jack ist mit seiner Ausstrahlungskraft mehr so Romantiker vom Fach, bei Sepp scheint der Beliebtheitsstatus des Mannschaftskapitäns fast noch mehr Druck zu hinterlassen als die tollpatschige Unkenntnis gen Liebe – Peter Berling als Manager hingegen gibt sich so cholerisch (und angreifbar) wie Puppa; kein Wunder, dass sie später in sein Fach wechselt. Alles Menschen, die in ihrer Kleinkariertheit umso komischer wirken und im Zusammenspiel allmählich drüber hinauswachsen: Das macht im ursprünglichen Fernsehformat schon eine erhebliche Stärke der Annäherung aus - soweit auch, dass jene Lebhaftigkeit einige weitere Male erfolgreich wiederholt wurde, auch im Rückblick noch den besten Screwball von konsequenter Bodenständigkeit abgibt.


Nikolas Vogel


DIE ERBEN (Walter Bannert, 1983) – Irgendwelche Grauzonen beim Neonazi vorzufinden, damit will man sich eigentlich nur ungern auseinandersetzen – auch wenn aus einer Humanisierung nicht zwangsläufig die Normalisierung folgen muss, da die Verhältnisse von mindestens einer Partei aus erfahrungsgemäß eher gleich bleiben werden. Das Medium Film kann im Konflikt mit der Distanz verständlicherweise meist auch nicht anders, als die Muster des Gruppenverhaltens der alten wie neuen Rechte unter kritischer Beobachtung zu stellen (jüngst geschehen in Robert Schwentkes überreiztem „Der Hauptmann“), so wie sie sich im real life ohnehin dauernd bestätigen. Solche Mechanismen als Sozialstudie festzuhalten, zeigt sich da noch als Maximum der Sensibilität bei einem Sujet, das von sich aus eben auf keinerlei positive Aspekte zurückgreifen kann oder will (siehe dazu auch Uwe Frießners „Hass im Kopf“, die sehr direkte Haltestelle im braunen Sumpf). Nicht minder im Abstieg verankert, aber voll naturalistisch wie hyperfilmisch auf Strukturen, Effekte und Reaktionen des Rechtsrucks schneidend, zeichnet der Österreicher Walter Bannert eine Keimzelle des Hasses in stetiger Ausweitung gen Entmenschlichung. Mit Nostalgiekitsch, Überlegenheitsgedanken und unbedingter Kameradschaft wird dort eingangs eine gesellschaftliche Besserung vorgeschoben; irgendwann ist die Reflexion im Angesicht infamster (Selbst-)Lügen - die gleichzeitige Leugnung und Zelebrierung des Holocausts - dann auch so hinfällig sowie in jener Fassung gelobt, dass ihre Urheber erst recht die Lust an der Gewalt schöpfen. Stellvertretend dafür gerät Thomas Feigl (Nikolas Vogel) in solche Kreise, nachdem sich familiäre wie schulische Verhältnisse als Horte der seelischen Enthaltung vorstellen – inklusive Alkohol und Arbeitslosigkeit als Unterbau.


Jeder für sich und Gott gegen alle, auf Messers Schneide in immer brutalerer Antipathie (selbst gegenüber dem unbescholtenen Bruder Thomas'). Jugend mag sich nix sagen und einschlagen lassen, zudem nicht langweilen und so geht es ebenso frustbeladen-gleichgültig dorthin, wo die Fete noch den Schulterschluss verspricht. Jener mit der Vergangenheit unter Hitler und Co. kann sich vor laufenden Kameras sodann genauso pseudo-akademisch (ein Prototyp von Wolfgang M. Schmitt Jr. ist zufälligerweise auch anwesend) in die Provokation steuern/ins Parlament mogeln wie es 2018 noch gelingt. Bannerts Wahrhaftigkeit ist erschreckend frisch, zur Untermauerung derer gestaltet er Szenarien am Rande der Eskalationsreportage: U.a. Parteitage der totalen Verklärung; eskalierende Demonstrationen, die ihre Gegner für spätere Racheakte abfotografieren; Attentate auf wehrlose Menschen und Denkmäler zugleich, bis die militante Abkopplung im Untergrund an der Rassentilgung übt, Erinnerungen des Mordens als Machtbeweis auf dem Stammtisch ausbreitet. Terrorismus binnen selbstgefälliger Ermattung – mit jener Verwüstung im Innern füttert Bannert seine Ballung subkulturellen Bangens auch eher auf die konkrete Darstellung hin, ohne dafür (mit Ausnahme von vielleicht 1,2 Dialogen) noch allzu bemühte, emotionalisierte Hinweise mitzuliefern. Nicht, dass man als Zuschauer so oder so überhaupt irgendeinen Reiz Richtung Rechts verspüren könnte – schließlich spricht so oder so die Fassungslosigkeit aus seinen keineswegs Immersion scheuenden Bildern und bloßen Grinsebacken gelebten Horrors. „Die Erben“ zeigen sich schon ihrer selbst normalisiert und Bannert komprimiert im Gegenzug nix an deren Eigendynamik und Widersprüchen. Das ist schon heftig genug.


Meat Loaf, Kaki Hunter, Alice Cooper, Blondie


ROADIE (Alan Rudolph, 1980)Ach ja, so dachte ich mir, den kannste am Filmabend etwas gen Anfang platzieren, das wird eine sichere Nummer, ganz normaler Rockstar-Streifen, was auch immer. Dem war aber nicht so. Mit Größen wie Marvin Meat Loaf Aday, Deborah Blondie Harry, Roy Orbison und Alice Cooper im Ensemble lässt sich doch tatsächlich eine kuriose Übermacht des Abwegigen kredenzen: Den höchst kruden und mental durchweg labilen Roadmovie, der stets dem minderjährigen Groupie hinterher zu steigen versucht. Flirten nach Texas-Art, eben via Protagonist Travis W. Redfish (Meat Loaf), der binnen trinkfester Bärenkraft spontan seinen Messie-Hillbilly-Heimatschoß zurücklässt, um das 16 Jahre junge Küken Lola Bouilliabase (Kaki Hunter) zu vernaschen. Die tourt mit zwei Eventflaschen durch die Gegend und wünscht sich nichts sehnlicher, als bei Alice Cooper („Monster Dog“) im Bett zu landen – Redfish ist ihr jedoch so flott verfallen, dass er bei der Truppe als Roadie anheuert und jede noch so abenteuerliche Situation ins gelingende Chaos manövriert. Man orientiert sich da gerne am Konzept der Blues Brothers – soweit sogar, dass Doppelgänger derer auftauchen und ohnehin reichlich schrottreif gefahren wird, mit Zwinker-Smiley. Die Musikauswahl tendiert dabei eher zum Country – zumindest anhand von Coverversionen, die bis zum Punk verballhornt werden. Alles, was man da an Klischees vermutet, wird grundsätzlich nochmals übertönt, ehe die bierselige Hysterie aus dem Mikrokosmos der Backstagegrabenkämpfe („Kein Koks, kein Auftritt!“, „Kein Saft, also Strom aus Kuhscheiße, etc.“) vom Schlaghammer des Redfish so aufgemöbelt wird, dass er selber mehrere Gehirntraumata davon nimmt.

ROADIE (Alan Rudolph, 1980)
ROADIE (Alan Rudolph, 1980)
ROADIE (Alan Rudolph, 1980)

Solche Delirien halten fast so lange durch wie in Neil Youngs „Human Highway“, genauso intensiv wie die Hingabe zum fanatischen Flummi Lola. Die Kamera kann erst recht kaum von ihren Hot Pants lassen, schneidet aber sodann in die keifenden Mäuler der Texas-Räudensippe zurück, wobei sich vor allem Papi Corpus (Art Carney) mit Gemütlichkeitsapparaten wie einer mobilen Telefonzelle bemerkbar urig macht – das Geschrei ist eh überall im Gange, wir sind in den Vereinigten Staaten! Manch einer erzählt von seiner Spucksucht, Blondie trinkt einen unterm Tisch, Schneewittchens sieben Zwerge zetteln eine Schlägerei im Bingo-Salon an, Pansen vom Drogendezernat mit Revolver werden konstant ignoriert und es liegt zudem ein besonderes Augenmerk darauf, wie Alice Cooper (und sein Suspensorium) eine Quietschepuppe seiner selbst zerdrückt. Jenes Panoptikum der Unberechenbarkeit weitet sich im Verlauf in die Stratosphäre aus und zieht natürlich ständig schusselige Schlüsse bar jeder Sinne, ultra besoffen in der Misogynie und Scooby-Doo-Verfolgungsjagden. Schon beachtlich, wie man als Zuschauer da sowohl durch Klamauk als auch garstigster Y-Chromosonen durchgejagt wird und an allen moralischen Eckpfeilern abprallen muss, während sich der Party-Faktor im Fronten-Mash-Up selbst bekotzt, auf demselben Weg Ehe schließt und große Luftballons per Körpermasse platzen lässt. Der schlechte Geschmack geht auf Tournee und hat keine Skrupel, den Salat auf die Mattscheibe zu schmeißen – sehenswert!


Anita - ur en tonårsflickas dagbok, Christina Lindberg, Stellan Skarsgård


DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973) - Stellan Skarsgård machte sich schon in jungen Jahren über die Nymphomanen her. Dies belegt jenes hiesige Erotikdrama um die gerade mal 17-jährige und zum ständigen Geschlechtsverkehr hin gestörte Anita (Christina Lindberg), welche ihre Jugend der Hingabe zu 1001 Männern im Rückblick darlegt – froh darüber, dass der verständnisvolle Erik (Skarsgård) als einziger noch sorgsam ihre Narben bepflastert, (vorerst) die Finger von ihr lässt und sowieso ein offenes Ohr (plus Milchkarton) hat. Bilanz bzw. blank gezogen wird indes, wie unreflektiert ihr körperliches Angebot jeweils angenommen wurde, wie viel Kummer sie im Gegenzug ob der nimmer gelösten oder gar erfüllten Triebe hatte, während jede soziale Schicht und Sitte auf sie herunterzuschauen schien – angefangen in der (hier besonders widerlichen) Disziplin der Schule, aber insbesondere vom Kreise der Familie aus. Vater und Mutter regen sich bei Alltagstrivialitäten und mangelnder Bildung ('Wer war Rommel?!') auf, ebben hingegen in der Gleichgültigkeit ab, sobald Anita ihr frustriertes Verhältnis zur Sexualität sogar bei versammelter Gesellschaft vor ihnen nach außen trägt. Die gehörige Ladung Leistungsdruck ohne Entgelt äußert sich im charakterlichen Spektrum so zielsicher, dass sich das dramaturgische Konstrukt dazu nicht immer die Mühe zu machen scheint, bei den Szenarien der Schlussfolgerung genauso ökonomisch zu verfahren.

DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973)
DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973)
DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973)

Man könnte daran Redundanz, Didaktik und Körperschau monieren, das Gegenargument zieht allerdings einen fesch-ranzigen Schirm anhand von Optik und Kulissen drüber. Stockholm und Umgebung mausern sich zur Tristesse im groben Korn, wo sich die Trophäen der Heimeligkeit (Gewehrtapeten und Pudel in Adidas-Taschen) gleichsam finster mit Drogenkultur und intellektueller Ausgrenzung verkuppeln, Kommerz und Technik merklich an Kommunikation mangeln. Missgunst und üble Nachrede ergeben von der Perspektive Anitas ausgehend noch das höchste der Gefühle, während Regisseur Wickman vieles im Schweigen erzählen lässt, verschämte Blicke als Mittel des Vorwurfs herauskristallisiert. Seine Stationen zum sozialen Abstieg hin sind von Klischees gezeichnet, wie es unter den Voraussetzungen wohl unvermeidbar ist – umso überraschender findet man frische Luft in der Präsenz Anitas vor, mit der Frau Lindberg voll Natürlich- und Verletzbarkeit stets über dem Ausdruck bloßen Elends steht, selbst wenn die tiefsten Bodensätze der Gesellschaft erreicht sind. Da wirkt das nicht gerade moralinresistente Happy-End schon wieder etwas aus der Luft gegriffen, höchst naiv und erst recht von keiner dringlichen Fallhöhe hervorgebracht – höchstens von einem hormonellen Ventil, das die Einseitigkeit der Nymphomanie allmählich wie nicht wirklich überzeugend ausgleicht. Ulk und Melancholie eben liegen nicht nur in jenen Gefilden oft umschlungen.


Scott Adknis, Rhona Mitra, Robert Knepper


HARD TARGET 2 (Roel Reiné, 2016) – Scott Adkins verschlägt es zum wiederholten Male in der Geschichte dieses Blogs aufgrund einer verschämten Vergangenheit des Tötens in asiatische Dschungel, genauer Richtung Myanmar – nun aber als Gejagter der digitalen Neuzeit Wes Baylor, der den Vorbildern John Woo und Jean-Claude Van Damme, zusammen mit DTV-Journeyman Roel Reiné, die Ehre der The-Most-Dangerous-Game-Überwältigung erweisen will. Sein Graf Zaroff heißt in diesem Fall Aldrich (Robert Knepper, „Twin Peaks – The Return“) und arbeitet mit Militärs und Freizeiträuden zusammen, per gehässiger Coolness auf flüchtende Menschen einzuballern. Falls jemandem die Flucht vor ihnen gen Grenze gelingen sollte, wäre ein Sack voller Rubine auf dem Konto gesichert – der spätere Quasi-Love-Interest Baylors, Tha (Ann Truong), will damit hingegen die Freiheit ihres Dorfes erkaufen. Eine sehr direkte und Genre-naive Motivation, welche umso harmonischer jene Baylors konterkariert, der im mentalen Strom der Wiedergutmachung seinerseits das Strandhaus zu erwirtschaften gedenkt, welches sich sein von ihm im MMA-Ring getöteter BFF Jonny (Troy Honeysett) so sehr wünschte. Letzterer hinterließ Frau, Kind und massive Schuldgefühle seitens Wes, der sich seinen selbstgewählt mickrigen Exil-Lebensunterhalt mit Untergrund- wie Wolkenkratzerkämpfen verdient, ehe das Aldrich-Angebot als roher Fisch auf dem Tisch landet. Der frisst sich das Filet allerdings so „geilstens“ rein, dass man flugs das Hauptunterhaltungsargument in Robert Knepper feststellt. Der liefert durchweg ab, Reiné will da auch gern hinterherkommen, nicht nur die Enthüllung dessen Plans in markiger Steadicam-Rundfahrt ballen, sondern natürlich auch orgiastische Action im Stile des Vorgängers aufbieten.



Im Grunde gelingt ihm dies auch – Zeitlupen, Tauben, Napalm, Motorräder, Flinten und Fights machen einiges an Aufwand sowie BOAH!-Spitzen geltend; können trotzdem irgendwie nur in Portionen zuschlagen. Liegt mitunter daran, dass deren verbindende Fäden eher mit Beliebigkeit und Klischee-Dialogen ziehen, während Super-Adkins‘ Herausforderer selten ernsthaft und fix in ihre Schranken verwiesen werden. Reiné schafft dementsprechend eher ab und an (vor allem zu Beginn) die Klimax-Euphorie Woos, genauso gedrosselt dessen Extravaganz und exzessives Chaos – dafür drückt das Budget zu sehr, selbst wenn noch immer reichlich um die Ohren fliegt. Die Szenarien zwischen stillgelegten Bahnschienen und brüchigen Brücken geben in der Richtung genug an Feuer her, ihr Charakter bleibt dennoch unausgegoren. Der Cast leistet dem in der Hinsicht Folge, dass einzelne Momente (wie Baylors Elefanten-Slapstick oder seine Blutspucker in perfekter Rillenform) unter der Oberfläche der Schnörkellosigkeit kratzen und trotzdem irgendwie auf Durchzug geschaltet sind. Zu blöd, wenn sie damit sogar an die knapp 103 Minuten durchhalten müssen. Von Enttäuschung mag ich trotzdem nicht sprechen – die bloße Ahnung vom Level an Passion, die in der Rückkehr zum Woo-Feeling steckt, feuert allesamt bis zum Ende an und klinkt sich zudem stimmig ins altbekannte high drama aus Vergebung und heroic bloodshed ein. Die Schlussmomente können da zwar nicht mit denen der „Lady Bloodfight“ mithalten, aber das können und wollen eh nur noch die wenigsten im Genre.




DEATH CURSE OF TARTU (William Grefé, 1966) – In den Sümpfen der Everglades binnen Florida ist weiß Gott nicht viel zu holen. Unter der Prämisse eines flotten Horrors für die Drive-In-Saison lässt sich B-Movie-Autorenfilmer Grefé allerdings dann doch einige mythische Schwergewichte einfallen. So lasten einem die sterblichen Überreste des Indianermedizinmanns Tartu gar garstig tierische Flüche an, sollte man zwecks niederer Beweggründe in sein Hoheitsgebiet eindringen. Archäologen und Schatzsucher gehören da ebenso zum Beuteschema wie einige unbedarfte Teenie-Pärchen voll hipper Tanzmoves und Hormonüberschüssen. Keiner jener Beteiligten versucht den jeweils spekulativen Stereotyp seinerseits zu brechen, da man ringsum schon mit allzu kleingehaltenen Ressourcen in Sachen Filmform und -inhalt Vorlieb nehmen muss: Grefé und Crew kommen mit ihrem Equipment stets nur an ein und denselben Ufern und Totenköpfen an, weshalb jeder einzelne Spaziergang im Angesicht der Schrecklichkeiten so lange währt wie das Drehbuch dünne ist. Solche Bedingungen fallen ja wie gehabt anhand kurioser Spitzen nicht unsympathisch aus, zumal sich die Entschleunigung auch hier fortwährend als Drama-Queen behauptet.



Das bedeutet vor allem, dass sich der Soundtrack im Loop selbst bedrängt, ebenso Native-Gesänge in kurzatmigster Wiederholung ausbreitet und daraus Furcht schöpft, während die Parallelmontage ebenbürtig Jäger und Gejagte annähern lässt. Ausgerechnet Anakonda, Alligator und Haifischflosse werden da die unausweichlichen Reißer für zig Frauenschreie und Bastelkurs-Effekte, so wie sich männliche Begleiter im Gegenzug mit Rationalitäten belabern, was man als nächstes tun müsse. Selten dämliche Fragen füllen die Laufzeit wie zuvor noch Freizeitspaßversuche im Ödland, dass dem Zuschauer das Herz aufgeht, wenn solch ein Augenmerk auf die höchsten Stufen altbackener Belanglosigkeit gelenkt wird. Es folgen daher: Bikini-Partys mit Knutschfalten, Panik in der Styropor-Gruft voll Spinnweben, panisches Abhängen an Ästen, Sprengstoff per Schießpulver (aus zwei Kugeln), Leichen-Make-Up vom Formate Geisterbahn, schon nach 200 Metern Flussweg überforderte Motorboote, vielerlei Totalen schwüler Naturschutzgebiete. Anstrengend, angestrengt und trotzdem recht dufte!

Sonntag, 7. August 2016

Tipps vom 01.08. - 07.08.2016



HEAVEN'S GATE - DAS TOR ZUM HIMMEL - Gesichtet im Metropolis Kino Hamburg von 35mm, projiziert zu Ehren des jüngst verstorbenen Regisseurs.

Michael Ciminos unverhoffte Bremse für seine eigene Karriere kam offenbar zur falschen Zeit und mit viel zu schlechter Presse an die Öffentlichkeit, berichtet jedoch von einem Kino, wie es in dieser Form seitdem leider kaum noch angetroffen wird: Ein Epos unkonventioneller Erzählart vorbei an der Sentimentalität und anderer Genre-Topoi-bedienender Gefälligkeiten, in Produktions-technischer Manier zudem so dick wie minutiös aufgetragen, dass die Nähe zum absoluten Realismus gar nicht mal mehr so fern scheint, während die Verinnerlichung jedes einzelnen Charakters an vorderster Stelle steht, ohne die Etablierungskeule in greller Stumpfheit schwingen zu müssen. Solch kostspieliges Experiment hat beinahe ein ganzes Studio gesprengt und quasi eigenhändig die Ära des Autorenfilmers im New Hollywood beendet - an mangelnder Qualität hat es jedoch keineswegs gelegen. Ciminos allumfassende Vision der Wurzeln Amerikas in all ihren perplexen und pervertierten Ambivalenzen erfordert nun mal außerordentlich viel Sitzfleisch mit knapp 219 Minuten Laufzeit (und wird nicht einfacher, falls man versucht, dies in einer Kritik zusammenzufassen) - was in hiesigen Zeiten des Binge-Watching wohl aber keine große Problematik mehr darstellt. An einer Überforderung per ausgewaltzer Belanglosigkeit hat er allerdings auch kein Interesse, dafür strahlt er eine Hingabe zum Komplex Szene aus, welche sich ihre Gefühle mit Geduld verdient und nicht durch stichpunktartige, externe Emotionalisierungen.


Es entstehen im Endeffekt gar nicht mal derartig viele Szenarien, an Kurzweil sparen sie aber ebenso wenig. Die Kohärenz dazu schöpft Cimino zudem nicht als Vielfraß an Dialogen, manchmal auch gar nicht aus dramaturgischen Funktionen; er pocht nicht auf formal-forcierte Gleichgültigkeit, sondern passt die Perspektiven seinen Figuren an, wird fiebriger, sobald sie vom Unausweichlichen eingeholt werden. Sein Augenmerk liegt auf dem, was Kino in seiner Kunst grundsätzlich seit jeher zu finden versucht, nämlich die Wahrheit - und diese lässt sich eben nicht aus Eindeutigkeiten destillieren. Es gehört dabei nicht nur zu Ciminos Film, dass sich hierin mehrere Individuen um ihre Ideale streiten, ungewiss am Tore zur Zukunft stehen, auf diesem Flecken Erde ihr Hab und Gut verteidigen, während sich daraus auch Bündnisse sowie Verschwörungen schöpfen. Dass letztere nicht ausschließlich der bösen Absicht entspringen, zeigt sich bereits am Prolog der enthusiastisch vorausschauenden Hoffnung mit Intellekt in der Tasche, welcher doch im besten Falle auf die gesamte Menschheit übertragen werden könnte. Der Missbrauch dessen im Kampf um die Oberhand des eigenen Glücks macht sich hier allerdings schon spielerisch unter Studenten bemerkbar, wird im Verlauf um 1890 sodann für eine Elite missbraucht, die das Gesetz auf ihrer Seite hat. Das Menschliche wird in der Regelmäßigkeit eines behaupteten sozialen Gleichgewichts mit den Füßen getreten, Migranten im Zwang des Verbrechens auf eine Todesliste gesetzt, die Dampflock pustet ihre Rauchschwaden direkt in die Gesichter hunderter auf dem Zugdach verharrender Leidender - das macht Ciminos Film nochmal aktueller, obgleich seine Bilder des Leidens wie allgegenwärtig in der Menschheitsgeschichte angesiedelt sind.


Zwischen den Welten agiert dabei James Averill (Kris Kristofferson) in der Wahrung jener Werte, die ihn vom humanistischen Studium aus auf den weiteren Weg vorbereitet haben und nun in der amerikanischen Wende der Zuwanderung schwer gegen die Verrohung anzukämpfen haben, obgleich er in Konflikten stets den kühlen Kopf und den gemeinsamen Frieden zu finden versucht, ohne an Kernigkeit zu verlieren. Ein bisschen vom Befreier-Märchen steckt schon in jener Figur, doch sie wird nur selten Gelegenheit haben, sich so zu entfalten. Denn trotz der unnachgiebigen Panorama-Tragweite Vilmos Zsigmonds - binnen des Pioniergeists unter Tälern und Pollen der Prärie voller Statisten - sowie den detailverliebten Setdesign-Nachbildungen vergangener Jahrhunderte ist die nüchterne Realität von Gefangenschaft und Verfolgung ein ständiger Begleiter zwischen eingepferchten Flüchtlingslagern und privilegierten Gewalttätern. Gegen das Blei ist die Natur machtlos, selbst innerhalb ehemaliger Einwanderer wie Nate Champion (Christopher Walken), die für ihre Chance auf die Ahnung vom amerikanischen Traum gleichsam Landmänner töten. Ciminos Darlegung und Motivation dieser Verhältnisse ist jedoch der Fokus seines Films, nicht die Exploitation an der Eskalation. Mitten drin steht eben noch die Hoffnung, u.a. anhand von Bordellchefin Ella Watson (Isabelle Huppert) - eine Unternehmerin der Natürlichkeiten, auf einem von Averill angekauften Stück Land neben der Gemeinde osteuropäischer Einwanderer beheimatet und selbst unter Androhung nie von dort weichend, in ihrer euphorischen Nacktheit (ein Geschenk Ciminos, diese Zeitkapsel der Schönheit) das Fleckchen Erde vertretend, nach dem sich sowohl Averill als auch Nate sehnen. Mit solch einer Romantik im Herzen werden die letzten Stunden vor dem Kriege nicht leichter, selbst wenn man den Rollschuhtanz zum Geigen-Beisammensein in seinen Sepia-Farben als letzte schöne Erinnerung verewigt (in Heimkino-Veröffentlichungen so wohl nicht mehr gefiltert) oder den Flachmann zum Diskurs auspackt.


Die Ermattung im letzten verzweifelten Strom an Zärtlichkeiten wird dem Kampf nicht entweichen können, gleichsam trifft Ella die Entscheidung, in welcher möglichen Zukunft weniger Risiko schlummert, obgleich alle Persönlichkeiten in ihrer Verletzlichkeit einig sind, sprachlos das Gegebene teilen und schweren Herzens nicht umhin kommen, jeden Einzelnen zu benennen, der auf der Liste steht, wie auch exklusiv in den höchsten Kreisen, Stimme für Stimme, solch ein blutiges Unterfangen entschieden wurde. Die Gewichtung des Einzelnen ist bei Cimino der Aufwand wert, genau dies per Kamera, Schnitt und Schauspiel so intensiv einzufangen sowie die Schönheit in den kleinen Gesten und Geschichten zu maximieren (z.B. wie Geoffrey Lewis einen Wolf bezwingt), bis das Ausmaß der Brutalität in all seiner persönlichen Angriffsfläche präsent wird, in Verzweiflung und Chaos - auch untereinander - mündet. Umso stärker schmerzen die Konsequenzen des legitimierten Tötens, wenn diese sich einen nach den anderen vorknöpfen, die Hölle mit Überschwang anliefern und in Ciminos direkter Drastik jeden Pathos zersieben. An dieser Schlacht zeigt sich kein Triumph, weder Gewinner noch Verlierer, sondern schlicht das menschliche Versagen in der Ballung ideologischer Intoleranz sowie des Fatalismus im Überlebenswillen - eben profunde Schwächen der Zivilisation. Der Wahnsinn wird erst in der Bürokratie gestoppt, statt an der Gerechtigkeit - jenes bittere Trauma klingt dem Zeitgeist gemäß nach Vietnam, doch darauf lässt sich der Film nicht reduzieren, so selbstsicher und eigenwillig sich Cimino nicht an der kalten Rationalität der Politik misst, sondern an der Sehnsucht des Herzens nach dem allzu vergänglichen Frieden, wie sich auch an Averills Umgang mit seiner Involvierung in dieses Stück Geschichte/Amerika/Seiner Selbst zeigt. Vielleicht wird es daher auch für manch einen Zuschauer Zeit, sich an diesem inneren Prozess zu beteiligen und Ciminos verstoßenens Werk schätzen zu lernen.




PAUL - Echte Anarchie im Medium Film zu erleben - das Eintreten jener Erfahrung kann man wahrscheinlich, wenn überhaupt, an einer halben Hand abzählen. Schließlich müssen in dem Fall gleichwohl die Regeln sonst wie konstruierter Erzählmuster ausgehebelt sowie den Charakteren in ihrer Eigenart das Feld überlassen werden, ohne dass die auktoriale Deutung als solche wiederum abschwächt. Wie eine Vermeidung dessen mit Regisseur, Laufzeit und Co. möglich ist, steht womöglich immer noch in den Sternen, so wie sich die Kunst höchstens als virtuelle Kapsel der Freiheit behaupten und zumindest in der Vermittlung des Gefühlsspektrums eine Entsprechung über die Form hinaus finden kann. Ein rares Beispiel dessen sowie der Konfliktbildung dazu findet sich in Klaus Lemkes Film von 1974, der sich erneut binnen Hamburg unter die Leute mischt, die Typen des Milieus aufspielen lässt und vom reinen Handlungsverlauf her zwar einen klassischen Weg des Gangsters zeichnen könnte, das Leben in den Zeilen dazwischen jedoch zum Vorherrschen freigibt. Der Ursprung des inneren Zwangs (auch zum Komplex Kino) klatscht allerdings sofort auf die Leinwand, sobald Paul (Paul Lys) aus dem Knast entlassen wird, mit nicht allzu erfreulicher Miene in eine Zukunft zweifelhafter Hoffnungen tritt. Der Empfang seiner alten Kumpels, Damen und Kollegen wie z.B. Jimmy Braker aus dem Umfeld der St. Pauli-Action probiert zwar die lockere Wiedererweckung anhand Schnack wie Trank, doch der sporadische Adrenalin-Tinitus auf der Tonspur bringt Paul ab und an schon beiläufig auf die Spur des Verrats, wenn er vergeblich seine Kohlen von einst einsammeln will, die Killer jedoch schon an der Hoteltür stehen.


Bei Lemke ist die Eskalation schon früh gegeben und in Sachen Genre-Brutalität ein gnadenloser Reißer, allerdings mehr durch die ungezähmte Wildheit Pauls, so farbig fordernd und handgreiflich in seiner allzu natürlichen Art keine Grenzen an Schroffheit mehr gegeben scheinen, wie er sich seinen Weg bahnt und die Kamera förmlich hinter sich her zieht. Wie hypnotisierend bringt er uns sodann im tosenden Sturm mit der Lidl-Tüte an der Elbe entlang zu einer Party innerhalb einer Villa, in deren Gesellschaft er mit seinem Arsenal an Konfrontationen eigentlich kaum reinpasst, nach einer Art belustigender Duldung vonseiten der Gäste aber schnell die Aufmerksamkeit auf sich selbst steuert, jenen Suff aber gleichsam nicht fürs Ausleben eines Klassenkampfs à la Al Pacino in „Scarface“ gebraucht. An Aggressivität büßt er gewiss nicht ein, dennoch verschieben sich die Verhältnisse des jeweiligen Gegenüber zum gemeinsamen Genuss via Gastgeber Herr Murnau (Friedhelm Lehmann, mit einem bezeichnenden Rollennamen zum delikaten Aufmischen von Opas Kino), bis der Anstand binnen mondäner Mauern endlich mal seinen Halt verliert und in einem Rausch an Freundschaft dem Wesen Pauls zugetan wird. Die eindeutigen Gesten bleiben dazu aber aus, wie Lemke auch kein Interesse an einer Klammer-auf-Klammer-zu-Charakterisierung hat und eben das Selbstverständnis echter Laien durch die Räume schweifen lässt, sich selbst auch zugesteht, die Kontrolle zu verlieren und von Paul anstoßen zu lassen, dass die beobachtende, nicht auffordernde Perspektive des Films konsequent durchgezogen wird.


Das verleiht dem Ganzen neben der Note des Exzess auch eine Leichtigkeit, die einen unglaublich witzigen Grundtenor zeichnet, inwiefern man alle Player als sich selbst definiert sehen und zuhören darf, wie diese rotzige Sprüche über den Knigge schmeißen und von flapsig-entschlossener Männlichkeit zeugen, gleichsam aber auch voller Schmutz in die Gartenbestuhlung rasseln oder verballert die Treppen zum zurrenden Neon-Chic hochsteigen. Folglich kann Paul auch nicht angewurzelt bleiben in diesem Wahnsinn der wohl vergänglichen Klassenkeile und nimmt das Interesse jener Frau (Sylvie Winter) des Gastgebers an ihm zum Anlass, ihn ins Gefängnis zurückzufahren. Da will man ihn aber nicht mehr haben, ist ja schließlich kein Obdachlosenheim, aber nach sieben Jahren Absitzen stellt Paul in seiner perplexen Verzweiflung schön bissig fest: „Das ist also der Dank dafür!“ Also geht’s wieder ab in den vertrauten Moloch, zu den Freunden des Kiez, am Kneipenhahn süppelnd und im Zauber des Striptease verlierend, obgleich sich die Gewalt weiterhin zur Wabbeligkeit der Umstände ergänzt und reizt. Das Beste kommt aber erst noch, wenn das Räuden-Ambiente im Verlauf nochmals von der Villa-Baggage besucht und sogar nach Hause eingeladen wird, die totale Entfaltung von leichten Mädchen und harten Kerlen heraufbeschwört, die beidesamt nicht auf den Mund gefallen sind und doch so wahrhaftig miteinander umgehen, wie auch der vermeintliche Adel auf sich selbst einwirkt, die gegebene Logik des Konzepts Film zu torpedieren.


Brüste und Musik, Backpfeifen und Schampus, Butler Winfried und die spontane Versöhnung - es geht drunter und drüber, jeder redet sich ins Wort und man hängt als Zuschauer so willig im Chaos mit, wie sich das Ordinäre auf Augenhöhe mit dem State-of-the-Art trifft, fern der Betroffen- wie Verquastheit schlicht die Fassung verlieren will. Für die jeweiligen Charakteristiken des Einzelnen gibt es dann auch nicht unbedingt Erklärungsbedarf, sie sind einfach schon da. Jemand wie Paul als Mittler scheint in seiner Position aber nicht zurechtzukommen, nagt weiterhin an der Enttäuschung und dem Mangel an Perspektive, der sich beim Taumel der Rationalität feststellen lassen könnte, eher allerdings die Impulsivität seinerseits ins Leere zu schießen droht, obgleich Lemke ihm auch reichlich bedrohliche Gänge Richtung Kamera überlässt. Also kommt unverhofft das Maschinengewehr ins Spiel, der Film kann da einfach nicht aufhören, mit direkten Signalen (sich selbst) zu begeistern und kernige Dialoge wahr werden zu lassen, auf dass die dramaturgisch unaufdringliche Dramaturgie ihr Fanal am hellichten Tage auf den Alkohol-Amok im Hans-Albers-Eck ansetzt, im Zwielicht verkorkster Ehre wohl kaum von Siegern und Verlierern sprechen will, stattdessen die Wahrheit im Uneindeutigen aufholt, bitter in der Natürlichkeit nimmer ultimativ umfassender Menschlichkeit aufschlägt.




NORDSEE IST MORDSEE - Ich erzähle niemandem etwas Neues, wenn ich Hark Bohms Film als aufregendes Zeitdokument unter Hamburger Jungs auszeichne, obwohl die dortige Ära an Kids jetzt nicht zum eigenen Erfahrungskreis zählt, so wie sich manch dargestellte Verhältnisse eben seitdem nicht unbedingt oder nur schwer änderten. Wenn die jungen Leute jedenfalls hier schon am Kräftemessen werkeln, Mutproben und Gewalt zum Selbstbeweis des Alltags gebrauchen müssen, um untereinander klar zu kommen, Macker wie Anführer wie potenzielle Herzblätter festzustellen oder dem Elternhaus so die Stirn bieten zu können, ist hier die Sozialreportage nicht weit und gewiss nicht um einen deftigen Wortschatz verlegen, welcher sich neben malerischem Slang-Schnack des Nordens auch dem rassistischen Kanon bedient. Anders sein ist hier sowohl Ausdruck des Aufsässigen, als auch Stigma binnen sozialer Ungerechtigkeit, die hier schon in Milieu wie Zeitgeist begründet wird, ehe die Tristesse des Arbeitsmarktes voll zur Geltung kommen muss, auch wenn er seine mangelnden Optionen in einmaligen Szenarien konzentriert. Bohm ist aber auch kein Uwe Frießner, wenn er zwar die Chancenlosigkeit im Angesicht eines Säuferdaddys (Marquard Bohm) per Kinnhaken austeilt, jedoch durchaus zur Differenzierung in spaßigere Gemütszustände hinein fähig ist, die sich aus der Abwechslung der Lebensbalance ergeben, das Mini-Rebellentum aus dem Klassenraum hinaus zum Knacken von Kneipenautomaten verleiten und auf die Fahrräder schwingen lassen, von denen man endlos viele rotzige Sprüche losfetzen kann.


Die Jeansjacken-Coolness jener kleinen Vorstadtrocker um Uwe (Uwe Bohm) macht da leider auch (zumindest vom Film nicht verharmlosten) Terror gegen den stillen Migranten-Sohn Dschingis (Dschingis Bowakow) und wird zudem handgreiflich im gleichsam unbedarften Ekel der Jugend, verletzlich und verletzend abseits der sozialen Norm bzw. etablierter Erwachsenheit, die innerhalb jener Plattenbausiedlung ebenso kaum angekommen ist. Dabei zeichnet Bohm von Vornherein (sogar anhand eines Posters zu „Die Bruce Lee Story“) parallel Gemeinsamkeiten des Leidens, naiver Sehnsüchte und Konflikte des Unverständnisses, denen die Außenwelt meistens nur restriktiv zu begegnen imstande ist. Wie gesagt ist der Zustand aber kein Anlass zum formellen Zwang der Gestaltung, die in diesem Fall erst recht zum Rocken bewegt wird, den frühen Udo Lindenberg vom Ausreißen singen und Autos klauen lässt, nachdem Uwes makelreicher Paps ihm auch mal das Kutschieren der Karre zum Spaß zugesteht, anhand der Stilisierung sodann von Bildern der Freiheit umgeben wird. Dschingis plant selbige im Bau seines chaotisch-funktionellen Bootes „Xanadu“, evoziert Erinnerungen an Karl May gleich am Deich neben dem Industriegebiet, die Uwe auch nicht entgehen und mit seiner Gang aufmischen lässt. Es kommt zur Konfrontation, nach den ersten kindlichen Kabbeleien auch zum regelrechten Karatekampf zwischen den beiden Welten, die binnen der Weltstadt Hamburg eigentlich eine starke Einheit ergeben müssten. Über Umwege und profund-triviale Rituale kerniger Erdung finden sie auch allmählich zueinander, wobei Bohm seinen Darstellern stets einen natürlichen Umgang miteinander erlaubt, dies auch glänzend in Einklang mit seinem dramaturgischen Kurzweil bringen kann, bei dem sich die Ausbruchsfantasien zu etwas Wahrhaftigem ballen, nachdem die sozialen Härten schon in ihrer bitteren Echtheit eingefangen wurden.


Sodann wird die Elbe angepeilt, deren Strom aber nur schwer aus der Stadt führt, zwar die Bindung vorantreibt, genauso aber von Vergänglichkeit zeugt. Im Glück der Naivität jedoch bleibt die Frische der Aufbruchstimmung erhalten, zwischen Jux und Hoffnung zudem spannend, wenn die Polizei ihnen auf den Fersen ist, so dass Entlastung, Abenteuer, Ungewissheit und Zukunftsängste nah beieinander bleiben, während die Freundschaft zur Selbstverständlichkeit aufblüht und ihr Anliegen zumindest so weit nach Impuls ausleben kann, ehe Bohm es als ultimative (Auf-)Lösung oder gar halbgare Desillusionierung nach Hollywood-Format mit Epilog und Co. versuchen würde. So erwachsen in der Vermittlung der Unangepasstheit und doch stets an den Charakteren orientiert, erschafft er jedenfalls eine Leichtigkeit, wie sie jede Altersklasse empfangen möchte, Kumpels in praktischer Zweisamkeit empathisiert sowie zu Selbstversorgung und gegenseitigem Respekt animiert, während das Zeitkolorit gewiss nicht an gegebener Unterdrückung spart, keiner jedoch im Sinne der Schuldigkeit aufeinander zeigt, so offen sich die moralischen Schlüsse auch aus dieser Geschichte ohne Ende ziehen lassen. Wenn sich aber zumindest anhand dessen zeigt, wie sich aus dem Bodensatz des Lebens Poesie schöpfen lässt, so wie Nordsee eben auch Mordsee ist, das von der Elbe umgebene Hamburg einen in seinem Konvolut an Kulturen und Möglichkeiten in Mauern drängen sowie ausbrechen lassen kann, kriegt man mit hohem Energie-Level Werte auf den Weg, die weder abgebrüht noch behauptet werden müssen, um die Gerechtigkeit der Gemeinsamkeit zu finden. Eben ein Film für Träumer und echte Kerle, die sich gewiss nicht gegenseitig ausschließen müssen.




AMORE - Diese Cleo Kretschmer hat es wohl faustdick hinter den Ohren! Zumindest versteckt sich hinter der etwas gewöhnlichen Erscheinung eine ganz liebenswert-schrullige Draufgängerin, wenn man ihren Charakter nach ihren Rollen beurteilt. Wenn sie denn schon für einen Klaus Lemke dreht, der dauernd nach Typen Ausschau hält, die was drauf haben, muss man eben von solch einer Realität ausgehen - nicht umsonst waren die Beiden einst ein Pärchen und obwohl der Laie in ihrem Spiel deutlich zum Vorschein kommt, ist manch freche Geste schon ein Aufreißer ganz natürlicher Fassung. Das mag aber schon am dargestellten Ambiente liegen, so wie ihr hiesiger Alltag als Einzelhändlerin vom Familienkiosk in München von leichtfüßiger Abgeklärtheit zeugt, im Auftrag des WDR ohnehin mit der kostengünstigen Nähe der 4:3-Optik binnen der späten 70er Jahre aufwartet und alsbald einige Rock'n'Roll-Oldies aus der Kiste aufspielt. Schon von der ersten Szene an wird dabei deutlich: Die lässt sich nichts von Kerlen erzählen, billig sexualisieren und anmachen, da übernimmt sie als Maria ohnehin schon genug an Arbeit von ihrem Herrn Vater (Peter Kienberger), den sie hingegen ohne sein Wissen demnächst zu verkuppeln versucht. Soll ja nicht immer alles an ihr hängen bleiben, bis dahin heißt's aber selbstverständlich um vier Uhr aufstehen, den Laden aufschließen und auf dem Großmarkt die Waren einkaufen. Irgendwie ein Dorn im Auge: Der stets flirtende Pietro (Pietro Giardini), an den auch bald die gute Freundin Bärbel (Brigitte Platzer) gerät, welche sich unverhofft einen guten Kasten Kummer auflädt, sobald sie von den ganzen Affären jenes Hallodris erfährt und doch irgendwie schwachen Willens bei ihm bleibt.


Da würde Maria ganz andere Saiten aufziehen und allmählich wird doch klar: Auf den Typen steht sie ein wenig, doch das Neckische an ihr will sich eben auch nicht verarschen lassen. Im Verlauf des Films entspinnen sich sodann Pläne in der Farce der Geschlechterrollen, auf Eifersucht gebaut und doch fern vom moralischen Fingerzeig frei nach dem Credo Femme Fatale (Kommentare zu ihrem potenziell tollen Hintern z.B. beeindrucken sie kaum) sowie den Destruktionen der Emotionen, wie sie sich ach so gern an solchen Ausgangslagen dramatisieren lassen. Hier braucht niemand, allen voran nicht Maria, vor der Kuppelei kapitulieren, ehedem bleibt sie ja ohnehin stets Mensch, wenn sie sich mit der Strafzettel-schnellen Politesse verbündet, um den Vater von Stammtisch und Kegelabend weg in Unternehmungen zu zweit zu überreden oder wenn sie die Bemühungen des schüchternen Kassernenheinis Franz (Wolfgang Fierek) schätzt, aber eben nicht von der echten Liebe ablassen kann. Jener Kerl ist aber an sich schon eine starke Portion von Männerbild: Ohnehin auch eher von Marias Vater dazu angestachelt, mit ihr zu zusseln, bringt er jedes Mal wie ein Kind Blumen mit und stapelt unsicher Sympathien auf, wenn er mit seinen Schützenfähigkeiten gerade so einen Teddy auf dem Kirmes erbeutet, im Oktoberfest-Zelt von Marias wilden Küssen übermannt wird, aber nicht mitkriegt, wie sie Pietro damit eins auswischen will. Sobald jenes Ziel erreicht ist und sie abdampft, ruft der Franz ihr sogar „Cleo!“ hinterher. Der Herr Fierek ist offensichtlich auf den Typ besetzt und ein ebenbürtiger Chaot zu seiner Rolle, in der Konsequenz können Film und Zuschauer ihn ebenso nur liebgewinnen, keineswegs zynisch abspeisen, sondern als etwas hoffnungslosen Fall an die nächste weitergeben - schließlich ist er doch noch immer in die Bärbel verschossen.


Im Endeffekt ist der ach so kecke Pietro ihm auch gar nicht mal so unähnlich, wenn er sich mit Maria einlässt, die ganz unverhohlen gegen ihn anstinkt und die Macho-Ehre demontiert, wenn sie den Casanova abblitzen lässt und über Umwege die Suggestion vorantreibt, wie reich und bequem ihr jemand anderes den Hof macht. Als Charakter mit südländischem Flair muss er sich jedoch auch nicht ständig als Witzfigur beweisen, schließlich bleibt Lemke auch ab und an bei ihm im Arbeiterzirkel hängen, bis dann ebenso ersichtlich wird, wie der Vater ihm im Nacken sitzt. Doch allem Trotz getrotzt geht Pietro die Frau nicht aus dem Kopf, die ihm sodann jenen verdreht und der Rom-Com ihr Genre-gemäßes Spiel treiben lässt, ohne jedoch per se auf ihre Verletzlichkeit als Frau hinzuweisen, auf der in biederen Kino-Kreisen andauernd die Hetero-Abhängigkeit gegründet wird. Kretschmer gibt daher den gewitzten Aggressor voll weiblichem Willen, der so schön im regionalen Dialekt der Sprunghaftigkeit aufgeht, wie ihn jeder im Ensemble lebhaft pflegt und natürliches Sein auf die Sperrspitze der Erfahrung setzt. Wie soll denn auch Tristesse aufkommen, wenn Lemke derartig temporeich mit den Blenden um konzentrierte Szenarien boxt, den Charme der reellen Gewöhnlichkeit unter 72 Minuten Laufzeit hält und sogar kurzfristig nach Venedig entführt, nachdem sich Maria durch die halbe Weltgeschichte fingiert sowie mit auftuschierten Weiblichkeiten zur Weißglut entzückt hat? Ein Heidenspaß halt, wie weit man mit ein bisschen frou-frou kommen kann, ohne ideologische Entrüstungen fürchten oder gar zu konstruiert auf die lieben Kleinigkeiten unter kleinen Leuten deuten zu müssen.




DER SCHATZ - "[...] Hält sich jedoch weder mit der existenziellen Last seiner Charaktere in Schulden und Hypotheken auf, noch stilisiert er das Männerunternehmen als erzwungene Farce mit Haudraufhumor. [...] Mit gemächlichen Alltagsschritten, motiviert durch fehlende finanzielle Flexibilität, gibt man sich dem Absurden hin, stellt logische Fragen und wartet die Eventualitäten eines kaum auf Filmlogik geeichten Narrativs ab, bis es doch zum (nicht eskalierenden) Streit kommt, ehe dieser in minimalistischer Haltung zum Ende kommt. Das Unaufgeregte an diesem Verlauf lädt trotz kontemporärer Tristesse mit Leichtigkeit zur Identifikation fern der Betroffenheit ein [...] hat seine Schlusspointe doch eine süße Empathie inne, um die sich manch anderer Film mit Sturm und Drang bemühen müsste. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)


Bonus-Zeugs:




JAMES WHITE - "[...] Von den Darstellern und dem Dialog wird alles mit einem (scheinbaren) Minimum Konstruktion ausgelöst, was durchaus Wahrhaftigkeit motivieren könnte, würde der Stil nicht seinen Voyeurismus mit Charakternähe verwechseln. [...] Jene Darstellung kann man mutig nennen, als direkten Draht zur Konfrontation mit Tod und Verderben im Medium Film. Bei allem Bezug zur seelischen Reportage verhindert „James White“ es aber, dass die Tragweite dieser Lage, ob nun in den Charakteren oder sich selbst, resonant erfasst werden kann. [...] Die einseitige Präsentation vom Innen- und Außenleben Whites sowie seiner Mitmenschen lässt jedenfalls nur wenige Deutungen zu, die über die Beschissenheit der Dinge und der Vergänglichkeit der Hoffnung hinausgehen, bei denen jeder auf sich allein gestellt sein muss. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES: OUT OF THE SHADOWS - "[...] Die Motivation zeigt sich allerdings so hohl, wie der Soundtrack Steve Jablonskys zu neunzig Prozent oberepischen Ernst vorspielt. Was als Herzstück unter muskelbepackten Turtle-Bros bleibt, pocht nur marginal, wenn die mutierten Jungs hadern, ob sie nicht bei Tageslicht an die frische Luft und somit ihren wohlverdienten Heldenstatus einnehmen sollten. [...] Es lässt sich von Glück reden, wenn manch menschliches Verhalten hier wie eine Karikatur wirkt, während reichlich Juxeinlagen stets auf die gleiche Art in Fremdscham versinken und somit lachhaft werden. [...] Bei jener Aufdringlichkeit, die jedes Dezibel auf einmal aufspielt, bleibt aber kein Grund mehr, warum diese Überforderung durch Nichtigkeiten noch von Belang ist, wenn sich alles nur dem Standard gemäß abspult, mit dem Willen zum Selbstbewusstsein zwar flirtet, aber keinerlei Augenkontakt (auch nicht mit dem Zuschauer) herstellt. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)