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Sonntag, 1. April 2018

Bloggen zu Ostern ist kein Aprilscherz (Tipps vom 19.03. - 01.04.2018)

Puppa Armbrüster, Wolfgang Fierek, Stellan Skarsgård, Deborah Harry, Christina Lindberg, Robert Knepper

Liebe Leser,

ich bin zurück, auferstanden aus der Höhle! Nein, Gastautor Jesu ist nicht am Start, aber ihr guten Leute: Ich weiß, dass ihr zwei Wochen warten musstet (falls ihr gewartet habt), neues von der Wittigen Filmrundschau zu lesen. Dies ist übrigens nicht der neue Name des Blogs! Und das, obwohl den Begriff der wöchentlichen Tipps etwas frei auslege in letzter Zeit. Ich habe schon überlegt, Namen und Banner zu ändern, aber das war mir zu anstrengend – überlegt mal, wo überall bei Funk und Fernsehen und Presse und so ich die Änderungen ankündigen müsste, scheiße! Also lasst mal, der Name ist Tradition und ich steh mit meinem Namen für den Namen des Blogs! Wir haben ganz klar große Probleme in dieser unserer Zeit zu bewältigen, ich weiß das am besten. Und vor allem, das größte Übel zu diesem Osterfest ist hierzulande tatsächlich krasser denn je im Tagesthema: Das Wetter! Ja, haben wir’s denn Weihnachten?! Ich bin so wütend, da hab ich nur über sechs Filme geschrieben. Aber bevor wir zu diesen kommen, lasst mich euch eins sagen: 

GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 (James Gunn, 2017)

Ich habe dank Siegfried Bendix „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ nachholen können und es war wieder mal kein guter Marvel-Film – die gegenwärtigen Probleme dieser Reihe an Einheitswaren sind hier nur etwas weniger nervtötend als beim letzten Spider-Man zugegen, da nicht alles in die Belanglosigkeit rein veralbert wurde. James Gunn hat sich dennoch total verlabert und kugelt sich vor allem gen Mittelteil in so viele Redundanzen rein, die er sodann mit der mehrfachen Wiederholung der beliebtesten Zutaten aus Vol. 1 zu kaschieren versucht. Der Mangel an Einfällen korrespondiert mit voll bemühtem Humor der Pointenbandbreite „Echt jetzt?!“ bis „Wie bitte?!“, in der Hoffnung, dass ungeduldige Lücken zwischen jenen Sprüchen noch mehr Witz versprühen. Das größte verschenkte Potenzial klafft da umso heftiger auf: Yondu und die Ravagers. Die erste Wiederbegegnung in jene Richtung sowie die Schlusssequenz (vor 1000 Post-Credit-Scenes) hatten beinahe einen Sog echter Charaktereinsicht über Vaterfiguren/Ersatzväter inne, doch der Honk-Humor musste sich dazwischen mischen, wie später auch das popkulturelle Kalkül um Erwähnungen von Knight Rider, Cheers, Pac-Man und sinnloserweise sogar „Mary Poppins“. Dazu kommt ein Maximum an CGI-Action, das jedes bunte Szenario geradezu aneinanderklatscht und von der eigenen Atemlosigkeit nichts zu wissen scheint – warum sonst würde Gunn dauernd versuchen, darin noch überdramatisch emotionale Entscheidungs-abschnitte zu reihen? Auch die Methodik erfüllt sich nur stückweise und gleichsam überstrapazierend, dass einem umso banger wird, irgendwann die Crossover-Hölle „Avengers: Infinity War“ sehen zu müssen. Bei Siggi liefen danach zumindest noch „Stürmische Liebe – Swept Away“ und „Den Himmel gibt’s echt, also war eine Steigerung des Abends in Sichtweite. Die unfassbaren Sexismus-Stimmungsschwankungen der Guy-Ritchie/Madonna-Melange und genauso die christlichen Wunder-Diskurse der Familie Burpo werden uns auf ewig in Erinnerung bleiben! Die ganzen Insider aus der Sichtung kläre ich hier entsprechend null auf, denn wen geht’s was an, häh?


Kommen wir aber nochmal zum anderen Großereignis der letzten Wochen: Mein Filmabend im März, kuratiert unter dem Titel „Acht Filme sind kein halber Tag“! Der Name war wie zu erwarten Programm und ja, der Zeitrahmen stimmte auch. Was lief unter dem gemeinsam angestauten Einfluss von 8 Flaschen Astra Kiezmische, 2 Dosen Rockstar Energy, 8 Dosen Coca-Cola sowie einer Flasche Cabernet-Sauvignon? Zunächst „Turtles II – Das Geheimnis des Ooze“, der uns allen bekannt ist – nur Siggi noch nicht und dieser mochte ihn dann doch! Wow, krasser hot take, ne? Wartet mal ab, die zentralen Filme jener Samstagsrunde habe ich dann doch intensiver in heutiger Empfehlungsspalte niedergeschrieben – außer „Lion Man“ und einen komischen Kurzfilm aus der Familiengeschichte anno 1992. Vor der Enthüllung der anderen Titel aber noch vier Mini-Empfehlungen, zu denen mir textlich absolut nichts eingefallen ist: Die höchstsympathische und bundesweit zockende Mint-Experten-Dokumentation „Monarch – Der Automatenschreck“ von Manfred Stelzer und Johannes Flütsch, die kernigen Sozialstudien „Der Hammermörder“ und „Verlierer“ von Bernd Schadewald (schade, dass ich bei ihm nen Block habe, aber mindestens ein Film wird’s hier nochmal schaffen) und der etwas zu lang geratene „God of Gamblers“ von Wong Jung, der seinerzeit immerhin den Großteil aller Hongkong-Film-Topoi höchst aufrichtig vereinen, aber nichts daran ändern konnte, dass ich von Kartenspielen weiterhin keinen Schimmer habe. So, ich hab euch lang genug ans Kreuz genagelt (höhöhö), jetzt dürft ihr die Eier suchen gehen und raten, welches von denen NICHT beim Filmabend vorkam und welches gemeinsame Thema die folgende Auswahl verbindet (ich weiß es nicht). Ich wünsche viel Spaß mit den Empfehlungen Eures duften Hasen:


Cleo Kretschmer, Wolfgang Fierek, Puppa Armbrüster


IDOLE (Klaus Lemke, 1976) – Ein ziemlich historisches Puzzlestück aus dem Werk des hier schon oft vertretenen Herr Lemke, da sein in den folgenden Jahren mehrmals hofiertes Leinwandpärchen Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek hier erstmals zusammen und bereits voller herzlicher Kleinigkeiten im Miteinander zum Einsatz kam. Deren Reibungskräfte erinnern daher nicht von ungefähr z.B. an jene der späteren „Amore“ – d.h., dass sich Cleo mächtig ins Zeug legt, als Dorfmadl Annerl nahe München dort Eifersucht zu züchten, wo sie das Herz ihres Lieblingsfußballboys Sepp (Fierek) einfangen will. Mit den Reizen der modernen wie feschen Dame von Welt kann sie allerdings nur binnen der Amateurliga glänzen (sie traut sich anfangs nicht mal, Schminke im Kiosk vor Ort zu kaufen) und wird dementsprechend ausgelacht – hundsgemeine Brüdersprüche und Mutti-Meckereien inklusive. Die Sache spitzt sich zu, als die Schwärmerei Richtung Tanzdame Puppa (Judith Armbrüster) im Örtlein vorbeischaut und in Begleitung der Coverband Pete und die Bavarians Gastronomie sowie ausgerechnet Sepp um den Verstand bringt. Die Puppa ist eben stets geradeaus, auch in ihrem Clinch mit den kaum verwöhnenden Verhältnissen – die Überforderung der Dorfdeppen sowie die negative Resonanz seitens Annerl sind vorprogrammiert. Sobald sich diese aber deswegen zusäuft, beginnt eine Odyssee, die zusammenschweißt und in Folge dessen aus dem urbanen Showbiz um Schnulzensänger Jack Meid (Lothar Meid, einige toll schreckliche Nummern wie „Bibi Bonbon“ aus seiner Feder darbietend) eine wiederum wortgewandte Komödie der Frechheiten entfesselt. 

IDOLE (Klaus Lemke, 1976)
IDOLE (Klaus Lemke, 1976)
IDOLE (Klaus Lemke, 1976)

Zanken, Schwärmen, sich gegenseitig unter die Fittiche nehmen, Beschwerden und Liebeserklärungen: Bewährte Kommunikationspole aus dem Œuvre Lemkes, die sich frisch nach „Teenagerliebe“ anhören, reisen wollen und gleichsam handheld inszeniert sind; in der Improvisation der hormonellen Naivität dennoch mehr auf die Pointe zugeschnitten scheinen – keineswegs zum Nachteil! Insbesondere Cleo strahlt da literweise Charme aus, wo ihre Prinzipien und Sehnsüchte liegen und wohin sie trotz aller Planlosigkeit ihrerseits der Puppa folgt. Ein toller Kontrast übrigens, wie jene neue Busenfreundin stets um ihr Ego und der Vorstellung von waschechter Anbaggerei ("Schmollen!") mit ihr streitet; trotzdem (wenn auch hinter vorgehaltener Wuschigkeit) gerne gemeinsam Fame-Phänomene schmiedet. Rom-Coms heutige Coleur müssen sich hier enormst verballhornt, auf jeden Fall hilflos übertroffen fühlen. Die Konstellation der Beiden ist jedenfalls so stimmig simpel wie erfrischend, einfach innig von Vertrauen und freiem Wankelmut geprägt, dass die Herren der Schöpfung im Vergleich allesamt nur schweren Atems hinterherkommen. Selbst Jack ist mit seiner Ausstrahlungskraft mehr so Romantiker vom Fach, bei Sepp scheint der Beliebtheitsstatus des Mannschaftskapitäns fast noch mehr Druck zu hinterlassen als die tollpatschige Unkenntnis gen Liebe – Peter Berling als Manager hingegen gibt sich so cholerisch (und angreifbar) wie Puppa; kein Wunder, dass sie später in sein Fach wechselt. Alles Menschen, die in ihrer Kleinkariertheit umso komischer wirken und im Zusammenspiel allmählich drüber hinauswachsen: Das macht im ursprünglichen Fernsehformat schon eine erhebliche Stärke der Annäherung aus - soweit auch, dass jene Lebhaftigkeit einige weitere Male erfolgreich wiederholt wurde, auch im Rückblick noch den besten Screwball von konsequenter Bodenständigkeit abgibt.


Nikolas Vogel


DIE ERBEN (Walter Bannert, 1983) – Irgendwelche Grauzonen beim Neonazi vorzufinden, damit will man sich eigentlich nur ungern auseinandersetzen – auch wenn aus einer Humanisierung nicht zwangsläufig die Normalisierung folgen muss, da die Verhältnisse von mindestens einer Partei aus erfahrungsgemäß eher gleich bleiben werden. Das Medium Film kann im Konflikt mit der Distanz verständlicherweise meist auch nicht anders, als die Muster des Gruppenverhaltens der alten wie neuen Rechte unter kritischer Beobachtung zu stellen (jüngst geschehen in Robert Schwentkes überreiztem „Der Hauptmann“), so wie sie sich im real life ohnehin dauernd bestätigen. Solche Mechanismen als Sozialstudie festzuhalten, zeigt sich da noch als Maximum der Sensibilität bei einem Sujet, das von sich aus eben auf keinerlei positive Aspekte zurückgreifen kann oder will (siehe dazu auch Uwe Frießners „Hass im Kopf“, die sehr direkte Haltestelle im braunen Sumpf). Nicht minder im Abstieg verankert, aber voll naturalistisch wie hyperfilmisch auf Strukturen, Effekte und Reaktionen des Rechtsrucks schneidend, zeichnet der Österreicher Walter Bannert eine Keimzelle des Hasses in stetiger Ausweitung gen Entmenschlichung. Mit Nostalgiekitsch, Überlegenheitsgedanken und unbedingter Kameradschaft wird dort eingangs eine gesellschaftliche Besserung vorgeschoben; irgendwann ist die Reflexion im Angesicht infamster (Selbst-)Lügen - die gleichzeitige Leugnung und Zelebrierung des Holocausts - dann auch so hinfällig sowie in jener Fassung gelobt, dass ihre Urheber erst recht die Lust an der Gewalt schöpfen. Stellvertretend dafür gerät Thomas Feigl (Nikolas Vogel) in solche Kreise, nachdem sich familiäre wie schulische Verhältnisse als Horte der seelischen Enthaltung vorstellen – inklusive Alkohol und Arbeitslosigkeit als Unterbau.


Jeder für sich und Gott gegen alle, auf Messers Schneide in immer brutalerer Antipathie (selbst gegenüber dem unbescholtenen Bruder Thomas'). Jugend mag sich nix sagen und einschlagen lassen, zudem nicht langweilen und so geht es ebenso frustbeladen-gleichgültig dorthin, wo die Fete noch den Schulterschluss verspricht. Jener mit der Vergangenheit unter Hitler und Co. kann sich vor laufenden Kameras sodann genauso pseudo-akademisch (ein Prototyp von Wolfgang M. Schmitt Jr. ist zufälligerweise auch anwesend) in die Provokation steuern/ins Parlament mogeln wie es 2018 noch gelingt. Bannerts Wahrhaftigkeit ist erschreckend frisch, zur Untermauerung derer gestaltet er Szenarien am Rande der Eskalationsreportage: U.a. Parteitage der totalen Verklärung; eskalierende Demonstrationen, die ihre Gegner für spätere Racheakte abfotografieren; Attentate auf wehrlose Menschen und Denkmäler zugleich, bis die militante Abkopplung im Untergrund an der Rassentilgung übt, Erinnerungen des Mordens als Machtbeweis auf dem Stammtisch ausbreitet. Terrorismus binnen selbstgefälliger Ermattung – mit jener Verwüstung im Innern füttert Bannert seine Ballung subkulturellen Bangens auch eher auf die konkrete Darstellung hin, ohne dafür (mit Ausnahme von vielleicht 1,2 Dialogen) noch allzu bemühte, emotionalisierte Hinweise mitzuliefern. Nicht, dass man als Zuschauer so oder so überhaupt irgendeinen Reiz Richtung Rechts verspüren könnte – schließlich spricht so oder so die Fassungslosigkeit aus seinen keineswegs Immersion scheuenden Bildern und bloßen Grinsebacken gelebten Horrors. „Die Erben“ zeigen sich schon ihrer selbst normalisiert und Bannert komprimiert im Gegenzug nix an deren Eigendynamik und Widersprüchen. Das ist schon heftig genug.


Meat Loaf, Kaki Hunter, Alice Cooper, Blondie


ROADIE (Alan Rudolph, 1980)Ach ja, so dachte ich mir, den kannste am Filmabend etwas gen Anfang platzieren, das wird eine sichere Nummer, ganz normaler Rockstar-Streifen, was auch immer. Dem war aber nicht so. Mit Größen wie Marvin Meat Loaf Aday, Deborah Blondie Harry, Roy Orbison und Alice Cooper im Ensemble lässt sich doch tatsächlich eine kuriose Übermacht des Abwegigen kredenzen: Den höchst kruden und mental durchweg labilen Roadmovie, der stets dem minderjährigen Groupie hinterher zu steigen versucht. Flirten nach Texas-Art, eben via Protagonist Travis W. Redfish (Meat Loaf), der binnen trinkfester Bärenkraft spontan seinen Messie-Hillbilly-Heimatschoß zurücklässt, um das 16 Jahre junge Küken Lola Bouilliabase (Kaki Hunter) zu vernaschen. Die tourt mit zwei Eventflaschen durch die Gegend und wünscht sich nichts sehnlicher, als bei Alice Cooper („Monster Dog“) im Bett zu landen – Redfish ist ihr jedoch so flott verfallen, dass er bei der Truppe als Roadie anheuert und jede noch so abenteuerliche Situation ins gelingende Chaos manövriert. Man orientiert sich da gerne am Konzept der Blues Brothers – soweit sogar, dass Doppelgänger derer auftauchen und ohnehin reichlich schrottreif gefahren wird, mit Zwinker-Smiley. Die Musikauswahl tendiert dabei eher zum Country – zumindest anhand von Coverversionen, die bis zum Punk verballhornt werden. Alles, was man da an Klischees vermutet, wird grundsätzlich nochmals übertönt, ehe die bierselige Hysterie aus dem Mikrokosmos der Backstagegrabenkämpfe („Kein Koks, kein Auftritt!“, „Kein Saft, also Strom aus Kuhscheiße, etc.“) vom Schlaghammer des Redfish so aufgemöbelt wird, dass er selber mehrere Gehirntraumata davon nimmt.

ROADIE (Alan Rudolph, 1980)
ROADIE (Alan Rudolph, 1980)
ROADIE (Alan Rudolph, 1980)

Solche Delirien halten fast so lange durch wie in Neil Youngs „Human Highway“, genauso intensiv wie die Hingabe zum fanatischen Flummi Lola. Die Kamera kann erst recht kaum von ihren Hot Pants lassen, schneidet aber sodann in die keifenden Mäuler der Texas-Räudensippe zurück, wobei sich vor allem Papi Corpus (Art Carney) mit Gemütlichkeitsapparaten wie einer mobilen Telefonzelle bemerkbar urig macht – das Geschrei ist eh überall im Gange, wir sind in den Vereinigten Staaten! Manch einer erzählt von seiner Spucksucht, Blondie trinkt einen unterm Tisch, Schneewittchens sieben Zwerge zetteln eine Schlägerei im Bingo-Salon an, Pansen vom Drogendezernat mit Revolver werden konstant ignoriert und es liegt zudem ein besonderes Augenmerk darauf, wie Alice Cooper (und sein Suspensorium) eine Quietschepuppe seiner selbst zerdrückt. Jenes Panoptikum der Unberechenbarkeit weitet sich im Verlauf in die Stratosphäre aus und zieht natürlich ständig schusselige Schlüsse bar jeder Sinne, ultra besoffen in der Misogynie und Scooby-Doo-Verfolgungsjagden. Schon beachtlich, wie man als Zuschauer da sowohl durch Klamauk als auch garstigster Y-Chromosonen durchgejagt wird und an allen moralischen Eckpfeilern abprallen muss, während sich der Party-Faktor im Fronten-Mash-Up selbst bekotzt, auf demselben Weg Ehe schließt und große Luftballons per Körpermasse platzen lässt. Der schlechte Geschmack geht auf Tournee und hat keine Skrupel, den Salat auf die Mattscheibe zu schmeißen – sehenswert!


Anita - ur en tonårsflickas dagbok, Christina Lindberg, Stellan Skarsgård


DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973) - Stellan Skarsgård machte sich schon in jungen Jahren über die Nymphomanen her. Dies belegt jenes hiesige Erotikdrama um die gerade mal 17-jährige und zum ständigen Geschlechtsverkehr hin gestörte Anita (Christina Lindberg), welche ihre Jugend der Hingabe zu 1001 Männern im Rückblick darlegt – froh darüber, dass der verständnisvolle Erik (Skarsgård) als einziger noch sorgsam ihre Narben bepflastert, (vorerst) die Finger von ihr lässt und sowieso ein offenes Ohr (plus Milchkarton) hat. Bilanz bzw. blank gezogen wird indes, wie unreflektiert ihr körperliches Angebot jeweils angenommen wurde, wie viel Kummer sie im Gegenzug ob der nimmer gelösten oder gar erfüllten Triebe hatte, während jede soziale Schicht und Sitte auf sie herunterzuschauen schien – angefangen in der (hier besonders widerlichen) Disziplin der Schule, aber insbesondere vom Kreise der Familie aus. Vater und Mutter regen sich bei Alltagstrivialitäten und mangelnder Bildung ('Wer war Rommel?!') auf, ebben hingegen in der Gleichgültigkeit ab, sobald Anita ihr frustriertes Verhältnis zur Sexualität sogar bei versammelter Gesellschaft vor ihnen nach außen trägt. Die gehörige Ladung Leistungsdruck ohne Entgelt äußert sich im charakterlichen Spektrum so zielsicher, dass sich das dramaturgische Konstrukt dazu nicht immer die Mühe zu machen scheint, bei den Szenarien der Schlussfolgerung genauso ökonomisch zu verfahren.

DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973)
DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973)
DAS SCHWEDENMÄDCHEN ANITA (Torgny Wickman, 1973)

Man könnte daran Redundanz, Didaktik und Körperschau monieren, das Gegenargument zieht allerdings einen fesch-ranzigen Schirm anhand von Optik und Kulissen drüber. Stockholm und Umgebung mausern sich zur Tristesse im groben Korn, wo sich die Trophäen der Heimeligkeit (Gewehrtapeten und Pudel in Adidas-Taschen) gleichsam finster mit Drogenkultur und intellektueller Ausgrenzung verkuppeln, Kommerz und Technik merklich an Kommunikation mangeln. Missgunst und üble Nachrede ergeben von der Perspektive Anitas ausgehend noch das höchste der Gefühle, während Regisseur Wickman vieles im Schweigen erzählen lässt, verschämte Blicke als Mittel des Vorwurfs herauskristallisiert. Seine Stationen zum sozialen Abstieg hin sind von Klischees gezeichnet, wie es unter den Voraussetzungen wohl unvermeidbar ist – umso überraschender findet man frische Luft in der Präsenz Anitas vor, mit der Frau Lindberg voll Natürlich- und Verletzbarkeit stets über dem Ausdruck bloßen Elends steht, selbst wenn die tiefsten Bodensätze der Gesellschaft erreicht sind. Da wirkt das nicht gerade moralinresistente Happy-End schon wieder etwas aus der Luft gegriffen, höchst naiv und erst recht von keiner dringlichen Fallhöhe hervorgebracht – höchstens von einem hormonellen Ventil, das die Einseitigkeit der Nymphomanie allmählich wie nicht wirklich überzeugend ausgleicht. Ulk und Melancholie eben liegen nicht nur in jenen Gefilden oft umschlungen.


Scott Adknis, Rhona Mitra, Robert Knepper


HARD TARGET 2 (Roel Reiné, 2016) – Scott Adkins verschlägt es zum wiederholten Male in der Geschichte dieses Blogs aufgrund einer verschämten Vergangenheit des Tötens in asiatische Dschungel, genauer Richtung Myanmar – nun aber als Gejagter der digitalen Neuzeit Wes Baylor, der den Vorbildern John Woo und Jean-Claude Van Damme, zusammen mit DTV-Journeyman Roel Reiné, die Ehre der The-Most-Dangerous-Game-Überwältigung erweisen will. Sein Graf Zaroff heißt in diesem Fall Aldrich (Robert Knepper, „Twin Peaks – The Return“) und arbeitet mit Militärs und Freizeiträuden zusammen, per gehässiger Coolness auf flüchtende Menschen einzuballern. Falls jemandem die Flucht vor ihnen gen Grenze gelingen sollte, wäre ein Sack voller Rubine auf dem Konto gesichert – der spätere Quasi-Love-Interest Baylors, Tha (Ann Truong), will damit hingegen die Freiheit ihres Dorfes erkaufen. Eine sehr direkte und Genre-naive Motivation, welche umso harmonischer jene Baylors konterkariert, der im mentalen Strom der Wiedergutmachung seinerseits das Strandhaus zu erwirtschaften gedenkt, welches sich sein von ihm im MMA-Ring getöteter BFF Jonny (Troy Honeysett) so sehr wünschte. Letzterer hinterließ Frau, Kind und massive Schuldgefühle seitens Wes, der sich seinen selbstgewählt mickrigen Exil-Lebensunterhalt mit Untergrund- wie Wolkenkratzerkämpfen verdient, ehe das Aldrich-Angebot als roher Fisch auf dem Tisch landet. Der frisst sich das Filet allerdings so „geilstens“ rein, dass man flugs das Hauptunterhaltungsargument in Robert Knepper feststellt. Der liefert durchweg ab, Reiné will da auch gern hinterherkommen, nicht nur die Enthüllung dessen Plans in markiger Steadicam-Rundfahrt ballen, sondern natürlich auch orgiastische Action im Stile des Vorgängers aufbieten.



Im Grunde gelingt ihm dies auch – Zeitlupen, Tauben, Napalm, Motorräder, Flinten und Fights machen einiges an Aufwand sowie BOAH!-Spitzen geltend; können trotzdem irgendwie nur in Portionen zuschlagen. Liegt mitunter daran, dass deren verbindende Fäden eher mit Beliebigkeit und Klischee-Dialogen ziehen, während Super-Adkins‘ Herausforderer selten ernsthaft und fix in ihre Schranken verwiesen werden. Reiné schafft dementsprechend eher ab und an (vor allem zu Beginn) die Klimax-Euphorie Woos, genauso gedrosselt dessen Extravaganz und exzessives Chaos – dafür drückt das Budget zu sehr, selbst wenn noch immer reichlich um die Ohren fliegt. Die Szenarien zwischen stillgelegten Bahnschienen und brüchigen Brücken geben in der Richtung genug an Feuer her, ihr Charakter bleibt dennoch unausgegoren. Der Cast leistet dem in der Hinsicht Folge, dass einzelne Momente (wie Baylors Elefanten-Slapstick oder seine Blutspucker in perfekter Rillenform) unter der Oberfläche der Schnörkellosigkeit kratzen und trotzdem irgendwie auf Durchzug geschaltet sind. Zu blöd, wenn sie damit sogar an die knapp 103 Minuten durchhalten müssen. Von Enttäuschung mag ich trotzdem nicht sprechen – die bloße Ahnung vom Level an Passion, die in der Rückkehr zum Woo-Feeling steckt, feuert allesamt bis zum Ende an und klinkt sich zudem stimmig ins altbekannte high drama aus Vergebung und heroic bloodshed ein. Die Schlussmomente können da zwar nicht mit denen der „Lady Bloodfight“ mithalten, aber das können und wollen eh nur noch die wenigsten im Genre.




DEATH CURSE OF TARTU (William Grefé, 1966) – In den Sümpfen der Everglades binnen Florida ist weiß Gott nicht viel zu holen. Unter der Prämisse eines flotten Horrors für die Drive-In-Saison lässt sich B-Movie-Autorenfilmer Grefé allerdings dann doch einige mythische Schwergewichte einfallen. So lasten einem die sterblichen Überreste des Indianermedizinmanns Tartu gar garstig tierische Flüche an, sollte man zwecks niederer Beweggründe in sein Hoheitsgebiet eindringen. Archäologen und Schatzsucher gehören da ebenso zum Beuteschema wie einige unbedarfte Teenie-Pärchen voll hipper Tanzmoves und Hormonüberschüssen. Keiner jener Beteiligten versucht den jeweils spekulativen Stereotyp seinerseits zu brechen, da man ringsum schon mit allzu kleingehaltenen Ressourcen in Sachen Filmform und -inhalt Vorlieb nehmen muss: Grefé und Crew kommen mit ihrem Equipment stets nur an ein und denselben Ufern und Totenköpfen an, weshalb jeder einzelne Spaziergang im Angesicht der Schrecklichkeiten so lange währt wie das Drehbuch dünne ist. Solche Bedingungen fallen ja wie gehabt anhand kurioser Spitzen nicht unsympathisch aus, zumal sich die Entschleunigung auch hier fortwährend als Drama-Queen behauptet.



Das bedeutet vor allem, dass sich der Soundtrack im Loop selbst bedrängt, ebenso Native-Gesänge in kurzatmigster Wiederholung ausbreitet und daraus Furcht schöpft, während die Parallelmontage ebenbürtig Jäger und Gejagte annähern lässt. Ausgerechnet Anakonda, Alligator und Haifischflosse werden da die unausweichlichen Reißer für zig Frauenschreie und Bastelkurs-Effekte, so wie sich männliche Begleiter im Gegenzug mit Rationalitäten belabern, was man als nächstes tun müsse. Selten dämliche Fragen füllen die Laufzeit wie zuvor noch Freizeitspaßversuche im Ödland, dass dem Zuschauer das Herz aufgeht, wenn solch ein Augenmerk auf die höchsten Stufen altbackener Belanglosigkeit gelenkt wird. Es folgen daher: Bikini-Partys mit Knutschfalten, Panik in der Styropor-Gruft voll Spinnweben, panisches Abhängen an Ästen, Sprengstoff per Schießpulver (aus zwei Kugeln), Leichen-Make-Up vom Formate Geisterbahn, schon nach 200 Metern Flussweg überforderte Motorboote, vielerlei Totalen schwüler Naturschutzgebiete. Anstrengend, angestrengt und trotzdem recht dufte!

Sonntag, 18. Februar 2018

Nichts von der Berlinale (Tipps vom 05.02. - 18.02.2018)

rolf zacher sylvie winter priyanka chopra kangana ranaut amy jonhston

Liebe Leser,

huch, da hatten wir doch neulich unser erstes Päuschen im Jahre 2018, kann ja mal passieren. Doch nun gelobe ich feierlich: An Empfehlungen sparen wir nicht! Seit langem ist es zudem zufälligerweise geschehen, dass ich in vollen digitalen Absätzen zum Schreiben kam und so an die 3000 Wörter aufstellen konnte. Die Liste an besprochenen Filmen war bei einer zusätzlichen Woche Glotzaction inkl. Filmabend (hier der Song of the Night übrigens aus dem toll verpunkten NYC-Musikdrama „TIMES SQUARE - IHR KÖNNT UNS ALLE MAL“) eben auch lang geworden, obgleich mir wirklich nicht danach war, allesamt aufzuführen. Um ehrlich zu sein, kommt ein dicker Schwall derer (u.a. einer mit ewigster Sperrfrist/querverbunden zu einem der Filme in dieser Ausgabe) wahrscheinlich erst in nachfolgenden Ausgaben zustande. Einige Beispiele der Filmwelt wurden allerdings schon binnen sozialer Medien meinerseits verarbeitet. Zum einen ging die Causa „OFFENE WUNDE DEUTSCHER FILM “ um, welche auf Twitter einen kleinen Kommentarstrang an Enttäuschung eröffnete:

Ob die „VERFLUCHTE LIEBE DEUTSCHER FILM“ mehr kann, als verlorene Relikte an Aufbruchstimmung via lose verknüpfter Anekdoten vom Filmemachen und Eindrücken ohne Eindruck vom jeweiligen Film zu suggerieren, wird sich am 19.02. im WDR zeigen. Ich werde berichten, habe aber jetzt schon einen Ausschnitt vom deutschen Film parat, der da „KINDERSPIELE“ hieß - ein BRD-Sozialdrama des Kindermissbrauchs und Coming-of-Age während der Sommerferien binnen früher 60er Jahre (das Zeitkolorit hatte ich wie schon bei „DIE HEARTBREAKERS“ nicht sofort erkannt), welches ich das letzte Mal sah, als ich selbst so an die 7 Jahre alt war. Ein fiebriger Problemfilmreißer, der sich aus toll geballten, aber trotzdem nicht allzu dramatischen Alltagseindrücken wie diesen zusammenstellte:

Ein Beitrag geteilt von Christian Witte (@wonderwitte) am

Was will man da noch bei der Berlinale antanzen, frage ich euch? Laufen ja eh nur so arg politisch-problematische Filme wie „Isle of Dogs“, ganz klar ein Skandal vom Formate O.K.“. Allerdings, wie der Zufall so will, geht es hier erstmal gleich mit weiteren Abenteuern von Teutonen weiter! Ein anderer, ausgerechnet in Berlin spielender Film kommt auch noch vor, aber erst in der Bonussektion - ansonsten dürfte mein internationales Spitzenprogramm (von dem ein Werk in diesem Jahr auf der B... fortgesetzt erscheint) jedem über die Runden helfen, dem Anfahrt und Kosten gen Landeshauptstadt zuviel des Guten sind. Also lass ich jetzt mal das einleitende Labern und wünsche Lesespaß auf allen Ebenen:




LIEBE, SO SCHÖN WIE LIEBE (Klaus Lemke, 1972) – In München eröffnet sich ein Kaleidoskop der Lebensfreude, wo Tränen so bruchstückhaft Erinnerung sind wie Gegenwart, Zukunft und Sonnenschein ebenso binnen der Wahrnehmung umherspringen. Bei Lemke geht die Liebe immer Umwege ein, liegt aber stets wie Samt überm Prozedere frei dramaturgischer Stichpunkte. Ein Stück weit französische Avantgarde und sonstige geläufige Experimentierfreude der Ära aufsaugend, macht sich dies Ding noch nicht ganz so vollkommen eigen wie alles danach, aber immerhin „Negresco****“ liegt hier gefühlt schon um Äonen zurück, erst recht, was die improvisatorische Enthemmung angeht. Rolf Zacher und Sylvie Winter finden sich da unter Hochzeiten, Mädel-WGs und Betrügermaschen (vom Rundfunkvertreter bis zum Hundefänger) im Blumenfeld wieder, durchziehen per Grimasse und Alltagsschnack Straßen wie Biergärten, ehe die Idee vom Wanderzoo aufblüht. Wie so oft eine simple Prämisse, in der die Eigenarten des Einzelnen das komischste Gewicht des Ganzen aufmachen, beseelt zum „Lebewohl, Tristesse“ mitreißen und sich utopisch vom Kapitalismus abstreifen, während der Flirtfaktor zig Blüten auf die Leinwand zaubert (ein besonders cool grinsender Marquard Bohm macht da den Gipfel an Glück geltend). Allen voran Peter Przygoddas Schnitt macht sich da frei im Best-Of vom Delirium des pudelwohlen Kommunengedankens, wie sich die Welt als Manege besser behandeln ließe. Auch wenn die Verquickung aus Impressionen teilweise den Bogen ins Verkopfte überspannt: Wer Sommer will, kriegt ihn hier schon früh frei Haus, jetzt auch offiziell bei Youtube in schrottiger VHS-Qualität!




SENSUELA (Teuvo Tulio, 1973) – Als Kuriosum über die Korrumpierung von Lappen eröffnete sich uns binnen des letzten Filmabends das Werk des Finnen Teuvo Tulio, der Jahrzehnte vor diesem seinem frühen Schlusswerk schon stets die Himmelspforten der Melodramatik zu erreichen schien und jene hier wiederum mit deftigem Sexappeal garniert. Schnell stellt sich die Frage (abgesehen von „Ist das jetzt Armando Bo?“), worauf man sich dort einlässt, sobald Tonspur und Bildersprache bizarre Draufsichten im Eise bieten – zwischen zweckmäßiger Setkulisse und hypergrellen Naturaufnahmen pendelnd, wo ausgestopfte Tierrümpfe genauso echt erscheinen sollen wie die Aneinanderreihung an Rentier-Kastrationen von naturvölkischer Schönheit zeugen. Im Verlauf ballern sich solche Auswüchse des Merkwürdigen zwar etwas kleiner raus, doch sobald Lappenmädel Laila ihrem Lieblingsnazi Hans Müller nach Helsinki folgt und dem traditionsbewussten Vater damit schwer an der Ehre rumrüttelt, wird sich ausgepellt – und das nicht zu knapp! In jener verruchten Primärfarbenhölle gerät die Unschuld an den falschen, dann an den vermeintlich guten Kerl; manch Mitbewohnerin fetzt sich mit Freiern und im Folgenden frohlockt man höchst ungelenk zwischen See und Sauna. Dazu kriegt man permanent einen Querschnitt vom Schaffen Tschaikowskys (oder auch psychedelische Party-Grooves) auf die Lauscher, während sich nackte Haut und kuriose Detailaufnahmen drum herum abwechseln – Ren und Stimpy lassen grüßen. Dem Leiden in der Fremdbestimmung entgeht Laila aber gewiss kaum und so steigern sich die Fiesheiten ihr gegenüber derart überbordend, dass zwar kaum die Produktionskasse, aber dafür noch der Grad an Desorientierung im visuellen Angriff mithalten kann. Eine schier unterhaltsame Kettenreaktion an Plump- und Geilheit, die in diesem Gesellschaftsschicksal nach Puschkin losgetreten wird!




LADY BLOODFIGHT - FIGHT FOR YOUR LIFE (Chris Nahon, 2016) – Mehr als solide wird hier die bekannte Filmsage vom Kumite (siehe „Bloodsport“, falls Verständnisbedarf besteht) wieder aufgegriffen und mit einer Riege an ausschließlich weiblichen Fighters versehen, bei denen es womöglich am innigsten denn je darauf ankommt, Wut und Güte im Einklang zu bringen – erst recht, was deren Spektrum an nie ganz abgeklärten Geschichten aus der Vergangenheit angeht. Rivalitäten sind da eher Mauern des Schweigens zwischen den Meisterinnen Shu (Muriel Hofmann) und Wai (Kathy Wu), die ihren Groll Jahre lang mit sich tragen und in dieser Zeit auch jeweils nach Schülerinnen suchen, die sie beim nächsten Knochenbrecherwettbewerb in Hongkong vertreten können. Mit viel Ballast und Talent verschlägt es die Amerikanerin Jane Jones (Amy Johnston, Rollenname schon vor „Twin Peaks“ gepachtet) jedenfalls knapp 5 vor 12 in Richtung Shu, um die Umstände zum noch immer an ihr nagenden Tod des Vaters aufzuklären und zudem Kasse gegen ein schlechtes Leben zu machen. Shu nimmt Jane unter ihre Fittiche, hat Anlaufschwierigkeiten wie auch Momente wahren Wunders mit ihr, dass sich aus derer Freundschaft ebenso beim Zuschauer ne Menge tut. Im Kontrast dazu sind Wai und ihr Kick-Azubi Ling (Jenny Wu) mit Straßenkloppe sowie Todesgriffen in der City unterwegs, sich als besonders rabiate Haudegen vorzubereiten, obgleich da so oder so reichlich vom inneren Konflikt der Meisterin auf die Novizin abgedrückt wird. Regisseur Chris Nahon, der in diesem Fall auch den Schnitt an sich führt, hat da ein tolles Händchen für den Spiegel der Ideologien, mit der audiovisuellen Aufbaustimmung und Wanderlust binnen derer weiß er sich zudem sicherlich selbst zu feiern, wo das Budget sonst etwas gedrückt haben dürfte. Vom Fokus aufs Zwischenmenschliche lässt er aber nimmer ab, lässt eine ganze Stange mehr als bloße Klischees austauschen und das mag ein Grund dafür sein, dass die folgenden Kampfszenen erst so richtig spannend werden, wenn eine dramatische Wende/Wunde dahinter steht - und die gibt es zuhauf, eben ob Frau aus Rache handelt, gegen reißende Bestien antritt oder davon läuft, wenn anderen der Preis dabei stimmt. Bei solch emotionalen Prämissen lässt sich das Simplistische daran nie so ganz abschütteln, der starken Umsetzung dessen wegen ist man trotzdem voll drin, bis zur Konklusion klassischster Katharsis - wobei der erhöhte Reue-Level vonseiten finsterster Seelen nochmals ein I-Tüpfelchen dazu gibt. Das hat doch mal großes menschliches Format!




DIE EISPRINZESSIN UND DAS BIEST – DIE WAHRE GESCHICHTE VON TONYA UND NANCY (Larry Shaw, 1994) – Als TV-Adaption der berühmt-berüchtigten Eiskunstlauf-und-Kniescheibenattentat-Intrige um Tonya Harding (Alexandra Powers) und Nancy Kerrigan (Heather Langenkamp) hätte man es sich sehr leicht übers Reißerische hermachen können, doch von Anfang an wird sich positioniert, dass die Ambivalenz des Falls bislang wohl auf der Strecke blieb sowie an der Medienlandschaft an sich abfärbt. Überraschend selbstreflexiv – also weniger vom Ego oben herab, aber ähnlich mit Formaten pendelnd wie Oliver Stones „Natural Born Killers“ – gibt sich das bereits durchinszenierte Alter Ego von Drehbuchautor (Dennis Boutsikaris) die markige bis prätentiöse Blöße, wie er den inneren Kontext der Geschichte entschlüsselt zu haben glaubt. Als Fairy tale vom lebenslangen Konkurrenzdenken (mit gemeinsamen Ziel I'm going to Disneyland) streuen er und der Film sodann offen exploitative Verquickungen einer Lebensdramaturgie, die sich fingierter Talking Heads (mit Namen wie „Harding Supporter“ oder „Network Executive“) bedient und sogar den „Rashomon“ raushängen lässt, wie jedwede Partei den Entschluss zu entscheidenden Handlungen empfunden hat bzw. mit involviert war. Die größte Spannung darin liegt natürlich auf der Person Tonyas, die hier wie irl voller Sympathieschwankungen gezeichnet wird, dies jedoch allen voran als Opfer permanenten Drucks, Fremdbestimmung und Manipulationswillen aus versagter Liebe. Gatte Jeff (James Wilder) gibt da das Zentrum an emotionalem Missbrauch ab, welcher aber auch nicht ganz die Frage klärt, warum ausgerechnet er ihren Ehrgeiz so weit, also auch an sich selbst, treiben ließ. Diese Serie an Verletzungen mit Wechselwirkung montiert der Film entsprechend rasant auf den Medienzirkus hin, wo selbst ein solch unschuldiges Küken wie Kerrigan von den Vorteilen der PR überrumpelt/überzeugt wird, wo sie doch ebenfalls noch nicht wirklich da angekommen ist, alles an Tonya und sich im Zusammenhang zu verstehen. Die Filmrechte werden hingegen schon verhandelt und Sender reißen sich um den Stoff, ihn aus der Schlagzeile schnellstens in die Primetime zu bugsieren - war man den Goldmedaillen, dem Stellenwert der USA bei den Olympischen Spielen und der öffentlichen Wahrnehmung ja schuldig. Letzterer zeigt man hier aber auch, dass an der Geschichte gewiss nicht alles (aber in Bezugnahme bewährter Stilismen bewusst vieles) einem Movie-of-the-Week-Drama, stattdessen einer schwarzen Komödie entspricht - u.a. wie tollpatschig die Verschwörung zum Attentat und deren Kerle per Macker-Attitüden von statten gingen; wie wenig Ahnung allerdings auch von Nöten war, solch ein kleinkariertes Verbrechen binnen der Sportlernische auszuführen. Muss man alles mal sacken lassen, welches Urteil man zur Angelegenheit noch stemmen kann, wenn dieses Portrait eskalierter Abhängigkeiten dazu ohnehin mit der eigenen Abhängigkeit von Manipulationen argumentiert.


Endhiran


ENTHIRAN (S. Shankar, 2010)/KRRISH 3 (Rakesh Roshan, 2013) – Zwei Blockbuster aus Indien, die sich vielerlei Elemente großspurigen Unterhaltungskinos teilen und in meiner Meinung daher irgendwie gleich auf liegen (was nicht nur damit zusammenhängt, dass ich sie mir beide letztens zufällig in der Bücherhalle Hamburg gegriffen hatte, ehrlich jetzt). Macht ja auch Sinn, wenn sich die jeweiligen Hauptdarsteller stets mindestens auf Doppelrollen einlassen, bei denen sie Wissenschaftler und Schöpfung zugleich repräsentieren, während die Filmerfahrung um sie herum in (bilingualer) Überlänge gefühlt jede mögliche Leinwandstimmung auf die Spitze treibt. Kommerzielle Experimentierfreude im Überfluss, sozusagen. Komplizierte Stoffe bedienen beide nicht, eher verzwickte Gebilde an Eindrücken, bei denen das Nacherzählen mindestens so viel Kopfzerbrechen bereitet wie das bloße Erleben - wohlgemerkt mit einem Produktionsstandard und Tempo aufgewertet, der dem ollen Kasten Hollywood das Wasser reichen kann, nur eben noch Bock an seiner selbst zu haben scheint. Klar klaut man sich wie eh und je Schauwerte und ganze Handlungsstränge an Topoi aus der westlichen Kultursphäre zusammen, aber das mindert jene Pulverfässer an Überraschung wohl kaum, zumal die soziologischen Eigenarten da erst recht einen ganz prägnanten Stellenwert einnehmen - ungefähr so wie die obligatorischen Musical-Inserts im Choreo-Rausch. Auffällig sind in diesen Fällen u.a. Kernsätze Richtung Heirat, Nachwuchs, Treue und Ehre, an denen sich vielerlei Tabus, Ängste (vor Viren, Mutanten, bösen Wissenschaftlern, deutschen Terroristen, etc.), die ganze Bandbreite an Schamgefühlen und Männlichkeitsidealen, aber auch kollektiv symbolisierte Hoffnungen auf Frieden erkennen lassen. Der Kontrast dieser meist konservativ angehauchten Werte mit dem wilden Potpourri an Genre-Exzessen wirkt dementsprechend befremdlich, irgendwo zwischen Anbiederung aus Gottesehrfurcht und permanenter Entgleisung verortet, die dem Publikum mehr zutraut als es mitunter zugeben mag. Da lässt man z.B. auf eine versuchte Gruppenvergewaltigung den befreienden Roboter-CGI-Prügelwust folgen; an anderer Stelle werden Menschen aus dem Feuer gerettet, eine nackte Frau verpixelt in Sicherheit geflogen und aufgrund ihrer verletzten Ehre im Anschluss von einem Truck überfahren - solch exemplarische Sequenzen sind, wie man sich vorstellen kann, Herausforderungen ohne Vergleich. Wobei „Enthiran“ im Vergleich doch mehr von jenem Kaliber auffährt als „Krrish 3“, welcher mit seinen Orgasmen an Innovationswundern und Opferbereitschaft aber trotzdem die meisten Vertreter seiner Superheldenepigonen in den Schatten stellt. Überhaupt, was sich an Effekten entfesselt, hat ja teilweise schon Youtube-Geschichte geschrieben, wenn Dampfwalzen an Robot-Klonen über die Straßen fegen oder das „Man of Steel“-Finale binnen der Werbefläche-Wolkenkratzer Mumbais noch überknallt wird. Aber egal wie wüst, mal mehr, mal weniger hochwertig die Effekte ins Auge ballern: Das Happy-End mit Dank an alle Mitwirkenden im Plot ist gewiss: Hier hat man zusammen wirklich Unmengen an Wahnsinnsabenteuern/Entertainment durchgestanden und auch voneinander gelernt, was Liebe und allerlei bedeutet. Das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit.




SAVAGE DOG (Jesse V. Johnson, 2017) – Eine große Pulp-Sause mit einem zunächst auf Vergangenheitsbewältigung hoffenden und bald übelst rächenden Scott Adkins, der im Indochina der 50er Jahre mit Exilnazis, Kampfturnieren und Erpresserbanden zu tun haben muss, ehe er sich seines zerstörtes friedliches Lebens anhand blutiger Körper- und Waffenekstase revanchiert. Der große Männermythos platzt dabei aus allen Adern und Gliedmaßen, was ihr jetzt gerne als parodistisch abstempeln könntet oder halt als farbenprächtiges Ventil der Gefühle. Er wird nämlich melodramatisch grell in eine Kulisse gebettet, die mit ihren Pappmaché-Bühnen der großen Geste (auch solche der Wiedergutmachung zwischen Vater + Tochter, aus zweiter Hand) allein verpflichtet ist, weshalb sich Regisseur Johnson mehr Schluderei erlaubt als ihm selbst manch Direct-to-DVD-Aficionado zugestehen dürfte. Es ist aber eine Sache, absichtlich schlecht zu agieren und eine andere, anhand solcher Grand-Guignol-Maßnahmen wahre Euphorie vortreten zu lassen - und sei es auch jene zum Böse-Töten auf großem Fuße. Das erinnerte mich alles nicht von ungefähr an den Film-in-Film von „The Act of Killing“, obwohl Johnson sicherlich weniger am Vorführeffekt verdrängter Schuld gelegen ist als dass er daran erstmal die Katharsis seines Genres auslebt, aber wer weiß? Bei Adkins‘ Charakter, der sich hinter seiner Geschichte als Ex-IRA-Terrorist zu verstecken versucht, ist eine gewisse Synergie nicht von der Hand zu weisen. Die Gestaltung des Films birgt in ihrer klaren Rächer-Dramaturgie so oder so eine enthemmende Kraft gegen das Krasseste an Ungerechtigkeit, wo der schnellst erkennbare Charme des Unbeholfenen flugs zur Geilheit des Überwältigungskinos gepeitscht wird und trotzdem stets phantastisch bleibt (Keith Davids Voiceover mit inbegriffen). Die Powermuskeln und rotzigen Ansagen Adkins‘ gegenüber seinen Überbösewichten helfen dem gleichsam mächtig auf die Sprünge, aber er macht’s auch nur aus Liebe, selbst wenn er sich ihr nach den ersten Anschlägen nimmer zeigen kann, wenn ihn der Impuls zum Töten genauso schwer loslassen kann. Für den Zuschauer ist das nicht unbedingt eine große moralische Zerreißprobe, aber dafür sehr direkt im Schussfeld unbedarften/ungehaltenen Action-Kintopps gelegen.




MONSTER HUNT (Raman Hui, 2015) – Zur Abwechslung etwas auf Jingoismus und Propaganda allgemein verzichtend (ich möchte meine Hand dafür nicht ins Feuer legen), geht hier ein chinesischer Fantasy-Blockbuster auf Touren, ein Baby von Monsterkönig vor bösen Machthabern kaiserlicher Krone zu retten. Die wollen es zusammen mit anderen Fabelwesen im Goldpalast zur Verköstigung anbieten, indes jene Artgenossen von Kindheit an gejagt werden und sich daher hinter falscher Menschenhaut verstecken müssen. Die Transformationen dazu erinnern ans Tohuwabohu aus Zeiten des „Tarzerix“, ähnlich überfordernd spontan springen die CGI-Eindrücke in Brutalitäten wie Absurditäten um, wenn’s dann trotzdem niedlich sein soll. Selbst als landesspezifisch Eingeweihter schaut man kaum schlauer aus der Wäsche, was im folkloristischen Spektakel vergangener Jahrhunderte für selbstverständlich gehalten wird, wenn sich z.B. flüchtende Monster vor unserem Protagonisten die Bäuche aufschlitzen und ihm ein Ei in den Mund stopfen, damit er voll schwangeren Bauches das Kind in Rübenform heranwachsen lassen kann. Die Heldensage behilft sich zudem einiger Disney-gerechter Musicalnummern und Martial-Arts-Kunststücke, doch man wird so oder so das Gefühl nicht los, dass das Gehirn einem gerade einen Streich spielt. Abseits dieser allgemeinen Irritation, wo man überall landet, besitzt das Abenteuer schlicht alle Zutaten puren Kinos: Zaghafte Liebe, Glücksspiel, Slapstick, Kulleraugen, den Schmerz erzwungener Trennungen, gefälschte Identitäten (positiv wie negativ), Superheldenkräfte, magisches Blut sowie eine total senile Oma. Die Erwähnung, dass es mehr oder weniger auch um Familie geht und da zudem am Empathischsten ankommt, könnte ich mir auch sparen - aber bei solch einem ausufernden Film ist diese nur recht und billig.


The Pack


DIE MEUTE (Robert Clouse, 1977) – Einer von 2 Hundefilmen des Santa Clouse (seine „Night Eyes“ brachte ja Windhunde als Riesenratten zum Vorschein), wobei dieser hier ein ganzes Stück konventioneller auf die Genre-Topoi der Zeit zurückgefallen ist. Zu fast jeder Spezies lässt sich eben ein derart langsam steigerndes, grundsolides Spektakel an Angriffseffekten und Verteidigungsmaßnahmen bei konzentriertem Insel/Hütten/Kleinstadt-Setting finden. Dennoch legt er einiges an Spannung in der human condition an, insbesondere wie der ideale Mann zu sein hat. Unter mehreren Vertretern des Geschlechts zeigt er Fehler und Vorzüge, Feigheit und Heldentum, übelstes Lästern und Verkumpele, Hilfebedürftigkeit und praktische Methodik dessen auf. Im Hunde spiegelt er das meiste davon ebenso wider, wobei die Masse/Meute (mit Ausnahme eines tragisch Ausgesetzten) eben aus reiner Tollwut handelt, so dass Joe Don Baker als Nachfahre der Western-Heroik neues Eigenheim und Patchworkfamilie verteidigen muss - so energisch nach Plan und bald auch auf eigener Faust, dass es beinahe selbstironisch ankommt. Gibt zudem viel Wortwitz vonseiten der deutschen Synchro oben drein; im Film an sich zudem eine tolle versöhnliche Note, die von der Gewalt weg Michelangelos Erschaffung Adams referenziert. Eva ist in diesem Film hingegen mehr so Hausfrau (mit Cujo-Moment!), Witwe, Blondchen und viel mehr nicht (man beachte aber noch ihr Drohen mit der Peitsche!). Doch wer sie als Fußabtreter benutzt, wird genauso von Hunden zerfleischt wie die anderen inkompetenten Sturköpfe im Ensemble. Der Hang zur moralischen Konsequenz hat erneut Hochsaison! Zudem ergibt das „Alles muss man selber machen“ Bakers einen schön stringenden Backdrop für eine Hundehorrorkernigkeit, die jeden potenziellen Spannungsschauplatz erwartungsgemäß mit Schauwerten abarbeitet, dabei immerzu einige (auch visuell) charmante Kleinigkeiten an Gruppendynamik und Bewältigungstechniken an der Leine führt. Nicht mehr und nicht weniger.

Übrigens, da gab's ja noch DIE Story zum Film:


Ok, jetzt aber noch der letzte Tipp, jo:




THE VIOLENT YEARS (William Morgan, 1956) – Eine Mädchenbande aus bestem Hause geht allmählich auf die Barrikaden, wie viel Verbrechen sie sich selbst unter ihrer platinblonden Queen Bee erlaubt und kriegt‘s letztendlich mit Blei und moralinsaurer Keule quittiert. Bis zur Rückkehr zu Gott - unter den Drehbuchplädoyer-ablesenden Augen des Familienrichters - vergehen in diesem flotten Portrait einer radauenden Jugend kaum 50 Minuten, innerhalb derer der Krimi jedoch herzlichst naiv Randale spielen geht! Der Tankstellenraub zur Einleitung birgt da ähnlich holprige Noir-Fatalitäten wie spätere Überfälle bei Tag (?) an scheinbar derselben Landstraße, wo einem Pärchen der Pullover entwendet und der mimisch überforderte Kerl dazu im Off gruppenvergewaltigt wird. Ebenso markant inszeniert William Morgan via einem Script von Meister Ed Wood eine Teen-Orgie, bei welcher die wüsten 21-Jährigen nach doppeltem Whisky und Alter ausschauen, ein vorbeikommender Reporter dazu ziemlich toll Empörung ins Gewissen runter schmettert. Morgans visuelles Gespür für dramatische Hackfressen lässt dabei eben wie immer kein Auge trocken, wenn diese mit der Action ihrer Zeit zu gehen versuchen. Die gänzlich von Subtilität befreiten K.O.-Tropfen an Kolportage verteilt allerdings jene Sequenz, in welcher die Mädels ihr Schulzimmer verwüsten und daraufhin von der Polizei mehr oder weniger belagert werden. Mit dem aufgeregten bis melodramatischen Dilettantismus darin lässt es sich gut beisammen verwundern, da hat der christliche Lösungsansatz zum Schluss - ebenfalls auf der Überholspur des Trivialexzesses - natürlich das Nachsehen. Wäre ja auch höchst langweilig, wenn nicht.

Bonus-Zeugs:

michael keaton chloe grace moretz fifty shades of grey nukie

TOD DEN HIPPIES!! ES LEBE DER PUNK! (Oskar Roehler, 2015) – Ja, das ist er!! Der offensiv-provokant daherkommende Krawallfilm, der kaum die Hälfte seiner Laufzeit in jenem Modus übersteht, ehe man das Geschehen im Innern als nichtssagend abgeschrieben hat. Krass, ne, „Arschficken für alle“, „Heil Hitler“ und so, hoahoahoa, darf man das sagen?! Also… Nicht, dass Roehler dem Dasein des Punks da ungerecht gegenüber wird, so wie Tom Schilling von Internat-Gammlern rüber zu Berliner Peep-Schuppen und Speed-Zombies wechselt, wo sich eben gleichsam Ideologien sowie deren Ikonen in pausenloser Hysterie zuwichsen. Er versucht sich sogar noch mit einer dem Milieu entsprechend illusorischen Love-Story aus dem No-Future-Slime und etwaigen Bullenschweinen zu kämpfen, scheint allerdings wiederum selbst so gar keinen Bock zum letzten Schub nach oben zu haben. Stattdessen sucht er im Eiltempo weitere Schockbilder bzw. Ausrufezeichen, welche dem Feuilleton als Skandal sauer aufstoßen dürften. Nice try, aber werte Leser: Lieber nochmal auf „TIMES SQUARE“ zurückgreifen.

AMERICAN ASSASSIN (Michael Cuesta, 2017) – Ey Junge, du da, komm mal rüber! Nee, ich bin kein Anwerber, aber pass auf: Dieser harte Action-Thriller hier zeigt dir, was so alles hinter den Kulissen globalen Terrors geschieht; voll mit Kopfschüssen, Folter und islamistischen Fieslingsfratzen, dass dir keiner deiner Red-Pill-Forenfreunde dumm kommen kann, was du danach so alles weißt und auch an Moves kannst, um Leute effektivst zu killen! Krass, oder? Was? Nee nee, kein Stück wie Waschlappen Jason Bourne, hier gibt’s immerhin auch ein CGI-Wasserbombenfinale, ganz schön heftig! Und schau mal, der „Homeland“-Typ im Regiestuhl wird ja wohl wissen, wie taff und übermenschlich Geheimagenten heutzutage sein müssen, oder? Der kennt sich aus, muss man wissen, basierend auf einem authentischen Bestseller! Der Maze-Runner-Macker hier dringt sogar in eine IS-Zelle ein, um seine Freundin zu rächen – und das ist erst der Anfang, man! Boah, der sticht auf die alle ein, blutig wie Sau! Aber jetzt mal im Ernst: Das passiert alles JETZT, Freundchen, Iraner und dat, alles Hi-Tech! Achte mal drauf! Und sowieso: Alle 10 Minuten eine Action-Szene, versprochen, ist nicht langweilig, ich schwör‘s!

FIFTY SHADES OF GREY - BEFREITE LUST (James Foley, 2018) – Vollends lustbefreit schließt sich die Trilogie an S/M- und Domestizierungsromantik so ab, dass man selbst der (wenn überhaupt existenten) Fangemeinde keinen Gefallen tun dürfte. Eine Pop/Poppen-Montage nach der anderen (auch mal nach einer Autobahnraserei) flirtet stets verstohlen mit dem Koitus und kann bei vorherrschender Verklemmtheit nicht mal selbstgefällig geschimpft werden - dennoch sind jene Sequenzen vorrangig im Einsatz, einen losen Spannungsbogen über geheimnisvolle Verfolger, Vergangenheitsbewältigung und Selbstbestimmung in Gang zu bringen, welcher bereits in den Vorgängern nur ein Placebo von hohlster Wirkung war. Lief bei Joe D’Amato vielleicht nicht doll anders ab, wusste den Zuschauer aber (auch inszenatorisch) weit geiler zu verführen. Nebenbei wird darüber spekuliert, ob ein Freund unseres Pärchens seine Freundin betrügt und zum Schluss hin zudem eine wiederum lasch aufgelöste Entführung geboten, die jedermann ein glückliches Familienleben beherrscht. Das war’s?

CARRIE (Kimberly Peirce, 2013) – Was für ein Frustfilm... Höchstens noch für Masochisten interessant, die sich an King’schem Arschlochverhalten gar nicht satt sehen können. Die schlimmst-plakativen Impulse jenes Autors werden jedenfalls für einen Reißer nach vorne gefiltert, welcher alles an seinen Figuren und Konflikten lediglich am Effekt erkennt und nur diesen ausspielen lässt. Eben ganz an eine Zielgruppe anbiedernd, deren Empathieverständnis bei der „Purge“ stehen bleiben dürfte: Den Mainstream-Horrorbauern von heute und gerne auch solchen, die in Facebook-Nostalgie-Gruppen gemeinsam Regression üben. Dass daran aber wohl noch Teens in Sachen Anti-Mobbing moralisch belehrt werden sollen, ist an Schrecken kaum zu überbieten. Mein Beileid dem eigentlich soliden Cast, der stets auf heißen Sohlen vor dem Film zu fliehen scheint.

NUKIE (Sias Odendal und Michael Pakleppa, 1993) – Ein südafrikanisches E.T.-Imitat, das die Sehnsucht getrennter Brüderlichkeit anhand von Aliens und Natives zugleich parallelisiert. Für diese Erkenntnis durchlebt man eine gefühlte Ewigkeit an x-mal-wiederholten Außenaufnahmen, witzlos daherlabernden Tieren und Missionars-Altbackenheiten, die allesamt gegen jedwedes Charaktergehalt oder sonstige Unterhaltungswerte resistent zu sein scheinen. Die Savanne blödelt belangloser als jeder „Die Götter müssen verrückt sein“, ihre Protagonisten reden bei omnipräsenter Entdynamisierung zudem des Öfteren davon, wie müde sie schon wieder seien. Gähnen auf allen Ebenen. 

UTOYA ISLAND (Vitaliy Versace, 2012) – Auf der Suche nach der fixen Kontroverse schleust Pseudo-Maverick-Moviemaker Versace das Breivik-Massaker durch ein Nichts an Narrativ, welches schneller rum ist als man glaubt und doch kaum schleppender im Amateur-Bodensatz voranschreiten könnte. Ein Bruchteil regional verwirrter Charakteretablierungen (US-Norweger im Hormonrausch) hier, ein Haufen mieser After-Effekte da - gestreckt anhand ewiger (spannender?) Spaziergänge im Wald und abgeschlossen vom Kollektivbegräbnis in gottesehrfürchtiger Echtzeit: Das alles ist nun echt nicht der Rede wert, zumal sich ganz amerikanisch nie eingestanden wird, dass Knarren an allem Übel schuld sind.

Sonntag, 2. März 2014

Tipps vom 24.02. - 02.03.2014 (Oscar-Edition)



GROSSE FREIHEIT NR. 7 - Die Stimme des Individuums ist mitunter eines der wertvollsten Güter, die der Menschheit erst ihre wahre Größe verleihen. Wo, wenn nicht in der Kunst, erleben wir tagtäglich die Bestätigung dafür? Ein leuchtendes Beispiel findet man in diesem Werk von Helmut Käutner, der als Filmemacher im dritten Reich Geschichten auf die Leinwand brachte, mit denen sich zu jener Zeit keiner messen konnte und die auch heute noch ihres Gleichen suchen. Sicherlich gab es in der Nazi-Ära der unterdrückten Kunsterschaffung einige beachtliche Talente, die mehr oder weniger ihren eigenen Weg gehen konnten, ob nun im Ästhetischen, Melodramatischen oder Komödiantisch-Artistischen (nicht unbedingt im Ideologischen).

 
Doch bekommt man mal unter all jenen Erzeugnissen einen waschechten Käutner-Film zu sichten, erscheint es kaum fassbar, dass jener unter den bekannten Umständen so fertiggestellt werden konnte. 'UNTER DEN BRÜCKEN' war ja schon ein bezeichnend-humanistisches Wunderwerk von ihm, 'GROSSE FREIHEIT NR. 7' geht da noch ein Stück weit tiefer in das kontemporäre Deutschland und erforscht dessen unpolitische, sehnsuchtsvolle Seele in überquellenden, leidenschaftlichen Agfacolor-Farben.

 
Geschickter Weise lockt er da seine Charaktere und uns Zuschauer schon mit der bunten, einladenden Revue-Optik der Reeperbahn (nachgebaut in Prager Studios, wo sich doch schon die Außenaufnahmen in Hamburg durch Fliegerangriffe und Ruinen-Skylines schwierig gestalteten) in ein eskapistisches Mekka des deftigen Frohsinns. Schnell wird unserem hyper-sympathischen Protagonisten Hannes Kröger (Hans Albers), Shanty-Sänger im Hippodrom, allerdings die Härte der Realität bewusst, als er seinen von ihm entfremdeten Bruder am Krankenbett verliert. Die Flucht zurück ins Hippodrom soll Ablenkung schaffen, doch das Gefühl lässt sich nicht übersehen.

 
Während andere Filme aus Nazi-Deutschland meist in Komödien und Tanzrevuen die Flucht ins ablenkende Triviale propagierten, befasst sich Käutner gerade dann mit den Sorgen der Menschen, die durch bloße Unterhaltung nicht weggewischt werden können - ein aufrichtiger Ansatz, der sich sodann im Verlauf des Films vollends empathisch entfaltet. Da holt Hannes die vergangene Liebe seines Bruders, Gisa (Ilse Werner) nach Hamburg, fern vom anstrengenden Trott des mühselig-provinziellen Landlebens hinein in die aufregende Großstadt und verliert dabei sein Herz an sie, die er liebevoll 'La Paloma' nennt - er fängt an, sich Hoffnungen zu machen.

 
Das legt sich auch in seiner Performance des beliebten 'La Paloma'-Liedes nieder, welche so schwer und dringlich aufklingt, dass jeder seiner Bekannten im Milieu eine Wandlung an ihm bemerkt. Im Zeitalter der Gleichschaltung durchaus beachtenswert, erst recht, da dieser Stimmungsumschwung nicht mit bösartigen Argusaugen beobachtet wird, sondern mit Herz für den hanseatischen Barden. Denn so sehr er sich auch auf dieses neue Glück freut, so hadert er doch noch immer schweren Herzens mit seiner Verbundenheit zur alten Braut, der See.


Wovon er allerdings noch nichts ahnt, ist die sich langsam entwickelnde Romanze zwischen Gisa und dem gewitzten Willem (Hans Söhnker), dessen Lebensmotto sich schon von der ersten Szene seines Charakters abzeichnet, in welcher er mit der Hand am Automaten, auf dem 'Wer wagt, gewinnt' steht, erstmals die unschuldig-begehrenswerte Deern erblickt. Trotz aller Sympathie für unseren Hannes nehmen wir es den Beiden nicht übel, dass sie schlussendlich zueinander finden. Doch dem Verbliebenen wünschen wir durchweg sein persönliches Glück und fiebern mit ihm mit, wenn ihm obgleich aller handfester Bemühungen und aller süßer Gesten die persönliche Erfüllung nicht gelingt.

 
Regisseur Käutner schaut da mit warmem Geschick ins menschliche Herz, setzt mit der Lichtführung auf offenbarend-aufscheinende Augenpartien inmitten des milchigen Hafen-Ambientes und erspäht in einvernehmlicher Vermittlung die natürliche Ungezwungenheit & Leidenschaft seiner Darsteller in detailliert-anschmiegender, doch realistischer Umgebung - fern von plakativen Schwank oder schwülstig-konstruierter Melodramatik, nahe an den herausschwemmenden Emotionen in der meisterhaften Mimik seines Ensembles. Das geht sogar so weit, dass Käutner sich in die fantastisch-expressionistischen Träume seines Hannes begibt. Das Aufzeigen einer individuellen Gedankenwelt: in jeder Hinsicht eine absolute Besonderheit im Kino des dritten Reichs, erst recht in solch einem humanistischen Kontext.

 
In jenen Träumen erkennt man dann nochmals Hannes Zwiespalt zwischen seinen zwei Liebeleien, jeweils mit Gisa und mit der See - die Hoffnung auf das letztendliche Glück lässt ihm so oder so keine Ruhe und versetzt ihn sowohl in wütende, als auch engagierte Ekstasen, die ihre bittere Fallhöhe mit der Erkenntnis davon erleben, dass Gisa sich doch für den Anderen entschieden hat. Dass er nach diesen niederschmetternden Stunden der Einsamkeit allerdings doch erkennt, dass ihn die See und seine alten Kumpels stets mit offenen Armen empfangen und schlicht mit einem Lied allesamt wieder Mut fassen können, entlädt sich sodann auch beim Zuschauer.


Und selbst wenn ich jetzt versucht habe, ein Stück weit das Geschehen dieses Films zu umschreiben, dürfte es mir doch letztendlich unmöglich sein, adäquat auszudrücken, inwiefern mich die 'Große Freiheit' doch tief packen konnte, mich und seine Charaktere mit unendlicher Würde & Liebe aufnahm und von Anfang bis Ende unter die Arme griff. Ebenso unmöglich erscheint es ohnehin, dass so ein einfühlsamer, universeller und doch 100%-ig eigenständig-leidenschaftlicher Film unter dem wachsam-misanthropischen Auge eines Goebbels durchsickern konnte (man bemerke auch die im Film dargestellte, leicht furchtsame Gewitztheit gegenüber der durch einige Wachtmeister repräsentierten Obrigkeit) - Gott sei dank ist es Käutner geglückt und uns erhalten geblieben, dieses Abbild von echten Menschen aus einer finster-unheilvollen Zeit.




LOBSTER - EPISODE 6: DAS KIND - Heute habe ich die Ehre, zum leider letzten Mal über eine Episode der nur 6-teiligen LOBSTER-Serie zu berichten. Es betrübt mich schon einigermaßen, dass zu jener Zeit nicht noch mehr Staffeln in die Wege geleitet wurden und somit ein allumfassend-befriedigender Abschluss nicht gewährleistet werden konnte. Und dennoch bin ich froh, zu guter Letzt doch noch eine der besten Folgen gesichtet zu haben, die alle eigensinnigen Stärken der Sendung nochmal wunderbar zur Geltung bringt.

Das Thema Familie war schon immer eine feste Grundlage für die Abenteuer des Privatdetektivs Lobster, welcher gemeinsam mit seiner Tochter Ellen den Alltag zu meistern versucht, um die Miete zu bezahlen und dafür jeden möglichen Job annimmt - Hauptsache, man bleibt eine Einheit. In dieser Folge mit dem bezeichnenden Titel 'DAS KIND' strebt der humanistische Familiensinn nach neuen, gütigen Wegen und bemüht sich am schlussendlichen Pfad der Wiedergutmachung um jene Empathie, welche diese Serie von Anfang an so besonders machte.


Ausschlaggebend dafür steht bereits wie so oft das Gespräch zwischen Vater und Tochter am Frühstückstisch, wo er von einem Briten berichtet, der angeblich aus 100 Pfund mit einer Rasierklinge 200 machen konnte. Lobster selber würde das auch gerne mit 100 D-Mark hinkriegen, wobei ihm Ellen aber klar macht, dass sie im Augenblick ja nur 10 Mark zur Verfügung hätten. Ihr reicht das aber schon aus, um sich per Bus und Bahn nach neuen Minijobs umzuschauen - alles im Lot also. Bei Lobsters ist das Himmelreich nämlich ohnehin schon auf Erden, wird die Schlafzimmertür doch wie gehabt von einer blauen Himmels-Tapezierung umschlossen. Auch der Herr Papa ist guter Dinge und drängt wie gehabt nicht darauf, unbedingt einen Auftrag anzunehmen - erst, als er Ellen im spielerischen Ton seine Erhabenheit beweisen will, geht er darauf ein und schon landet ausgerechnet ein Scheidungsfall vor seinen Füßen, bei dem er einen gewissen Giuseppe Scaffi für eine Zeugenaussage aufsuchen soll.


Bei dem zuhause findet er aber nur dessen Sohn Nicky (der noch heute in Krimiserien aktive Oliver Lentz) vor, der selber nicht zu wissen scheint, wo sein Vater steckt und der seine Freizeit in einer verlassenen, vermüllten Fabrik mit Schießübungen verbringt. Lobster probiert zwar über ihn eine Lösung zur Suche nach dem Zeugen zu finden, ist da aber noch immer ein ausgesprochener Menschenfreund und bietet dem scheuen, flinken Jungen seine Freundschaft an - schließlich ist er auch ein Familienmensch und weiß mit Kindern umzugehen, erfüllt daraufhin gewisse Anwandlungen einer Vaterfigur; liegt es ihm daran, wenn's schon nicht mit dem Geld klappt, sein wahres Glück (die familiäre Einheit) auf diesem Wege zu teilen? Zudem setzt er sich auch wohlmeinend in Kontakt mit der mütterlichen Tante des Jungen, von der er erfährt, dass Giuseppe mit seiner Geliebten (Mascha Gonska) davonsegeln möchte.

 
Nun nutzt Lobster sein etabliertes Vertrauen bei Nicky etwas perfide aus, um den Job möglichst kurz und schmerzlos über die Bühne zu bringen - verklickert ihm, dass sein Vater bereits ohne ihn abgedampft sei, was dieser zwar skeptisch, aber doch nervös beäugt; jedenfalls Lobster auffordert, ihm nicht hinterher zu spionieren, worauf dieser auch bereitwillig eingeht. Der Trick bei der Sache ist: Lobster schickt Ellen voraus, um Nicky zu folgen und so den Aufenthaltsort seines Vaters zu erspähen. Beachtlich wirkt allerdings, dass diese leicht verschämte Spionage auch als erster, neugieriger Annäherungsversuch einer großen Schwester zu ihrem faszinierenden, neuen Brüderlein gelten könnte, so wie sich Lobsters väterliche Beziehung zu dem Jungen bis hierhin entwickelt hat.


Wer aber mit der Rasierklinge sein Glück zu teilen versucht, begibt sich unweigerlich auf gefährliche Pfade. Sobald Lobster nämlich dem angeblichen Anwalt seines Klienten (dessen Namen er nicht mal weiß) die Position vom Herrn Scaffi mitteilt und von jenem kalt dahersprechenden Rechtsvertreter fix abgewimmelt wird, entsteht in ihm schnell kombiniert der Verdacht, dass er offenbar einen Fehler begangen hat - ruft daher seine Kollegen bei der Polizei an, ebenfalls schnell vor Ort zu sein. Doch jede Hilfe kommt zu spät: Nicky muss mit ansehen, wie seinem Vater in den Kopf geschossen wird und Lobster erblickt in Folge dessen aus schuldbewusster Distanz den verstörten, einsamen Jungen.
Ein introvertierter, tief-bitterer und von der Kamera sorgsam eingefangener Moment des Leidens.


Lobster will es ihm wieder gut machen, in gewisser Weise die Erwartungen einer Vaterfigur erfüllen und den Mörder aufsuchen (was er auch der besorgten Tante Nickys hoch versprochen hat). Dass er ihn dabei in der alten Fabrik zusammen mit 'der neuen Schwester' Ellen aufsucht, ist zwar ein gewisses Schuldeingeständnis beider, da sie ja fataler Weise zusammen ein Kind ausgetrickst haben, wird aber von Nicky so gedeutet (da er Ellen wiedererkennt), dass Familie Lobster den Mord an seinem Vater verübt hat - flüchtet sodann zurück in die finster-verdreckte Einsamkeit des verrosteten Fabrikgeländes.

 
Nun ergibt sich Lobster erstmals in der Geschichte der Serie dem Suff aus Frust, macht sich selbst Vorwürfe, ein Schwein und ein Idiot zu sein. Ihn plagt die Schuld und auch Ellen, die besonnen hinzu kommt, erkennt ihm diese an, fördert aber aus ihm heraus, dass er sich aufrappelt, um Wiedergutmachung zu leisten - selbst wenn er sich vorher noch ordentlich auskotzen muss. Schließlich beginnt er erneut mit cleverer Härte die Ermittlungen aufzunehmen, verlangt von der Geliebten Scaffis direkte Antworten, forciert darin aber inständig, dass er es dem Kind zuliebe macht und kommt somit geradewegs auf die Spur seines schwer auffindbaren, doch mörderischen Auftraggebers - welcher nach einem unscheinbaren Gespräch den 'Anwalt' nun auf Lobster ansetzt.


In dem spannenden Finale der Geschichte bricht der verzweifelte und zur Rache entschlossene Nicky in Lobsters Wohnung mit seinem Gewehr ein, um diesen aus dem Hinterhalt, sobald er nach Hause kommt, zu erschießen. Eine wahrlich bittere Wendung, wenn Nicky nicht bemerken würde, dass der Auftragskiller ebenfalls seinen Weg in die Wohnung bahnt, weshalb er sich im heimeligen Schlafzimmer mit dem Wolkenhimmel versteckt. Durch ein Geräusch lenkt er die Aufmerksamkeit auf sich und läuft dadurch Gefahr, in diesem 'neuen Zuhause' vom Killer erlegt zu werden. Doch Lobster ist schnell zur Stelle und macht den Mörder mit einem Schuss in die Schulter unschädlich.


In diesen letzten Momenten der Serie gelingt ihm ein Gefühl der Geborgenheit und Genugtuung für diesen einsamen, zwischen seinen Emotionen hin- und hergerissenen Jungen und erlebt im Gegenzug seine ultimative Vergebung - ein universelles, befreiendes und bewegendes Einverständnis; der Wiederaufbau einer 'Familie'. Diese gezwungenermaßen letzte Episode im Lobster-Zyklus stellt zwar wie gesagt keinen dramaturgisch auflösenden Abschluss des Gesamtkonzepts dar, funktioniert aber dennoch als vollends befriedigende Konzentration der lieb gewonnenen Elemente der Serie. Regisseur Geissendörfer geht dabei erneut mit einem audiovisuellen Verständnis heran, das sich ebenso effektiv in der nachvollziehbaren Charakterzeichnung seiner gebrochenen und herausgeforderten Figuren widerspiegelt - wobei Lobster hier so stark wie noch nie an die ethischen Grenzen seines (nur bedingt Genrekonventionen erfüllenden) Berufes gerät und deren bittere Konsequenzen erleben muss.

Und dennoch setzt er ein Zeichen der Hoffnung und der Güte, mit dem man jeden frühen Morgen erneut familiär und verschmitzt zusammensitzen kann, auch wenn einem Geldsorgen im Nacken sitzen - solange der soziale Wille jede herankommende Herausforderung in gemeinsamer, lockerer Einheit zu bewältigen versucht, lässt es sich leben. Die dunklen Seiten jenes Lebens mögen zwar um jede Ecke lauern, aber es gilt, sie nicht bloß mit der groben Kelle zu vertreiben, sondern mit einem verständnisvollen Sinn für Gerechtigkeit, auf allen Seiten, zu konfrontieren. Die Welt, die diese Serie für sich erschaffen hat, mag zwar in den Augen mancher zeitgenössischer Kritiker weit hergeholt gewesen zu sein. Ich jedenfalls würde mich nur allzu gerne freuen, wenn mehr moderne Krimiserien einen derartig bodenständigen und empathischen Ansatz anhand ihrer Pro- und Antagonisten versuchen könnten, anstatt dem reißerischen Genre-Konsens zu gefallen - dabei tatsächlich mal die Schwarz/Weiß-Färbung ihrer Weltanschauungen auszusortieren. LOBSTER hätte in seiner Umsetzung eben dieser erfrischenden Komponenten noch mehr Unterstützung verdient gehabt, so aber bleibt uns auf ewig - in 6 abgeschlossenen Fällen - der eindrückliche Beweis für die erstrebenswerte Wirkung von Geissendörfers ambitioniertem Konzept. Hut ab!




BREAKING POINT - Schon der Vorspann versetzt den Zuschauer in unangenehme Verwirrung. Wissend, dass er es hier mit einem schwedischen Film zu tun hat, klatschen ihm nämlich eine ganze Reihe amerikanisierter Pseudonyme entgegen. Nun ist das ja für ähnliche Produktionen nichts Unübliches, sich international zu geben, erst recht da Stab & Besetzung wahrscheinlich aufgrund der zahlreichen Hardcore-Einstellungen lieber bedeckt bleiben wollen. Doch hier tauchen recht zweifelhafte Namen auf, wie 'Anton Rothschild' als Hauptdarsteller, 'Adolf Deutch' als Nebendarsteller und 'Urban Hitler' für die Spezialeffekte. Regisseur Bo Arne Vibenius, der sich selbst die Pseudonyme 'Ron Silberman Jr.' und 'Stan Kowalski' gibt, bereitet uns damit schon auf das nachfolgende Greuelspektakel vor, das sich in die niedersten Fantasien eines soziopathischen, potenziell schizophrenen Bürgers begibt.


Dem geistern nämlich (über die fortlaufende Tonspur verteilt) Babygeschrei und eine wiederholt auftauchende Zither im Kopf herum, als 'er' scheinbar zwischen der Finsternis eines Fahrstuhls und einer vollkommen abgedunkelten Wohnung eine Frau attackiert, kurz vergewaltigt und dann (im Off) einen Aschenbecher über ihren Schädel eindrischt. Wer der Täter wirklich ist, lässt sich nicht erkennen; auch wirkt die Szenerie an sich komplett irreal, wenn auch fortwährend unheilvoll. Dieser Umstand setzt sich einvernehmend im Film fort und stellt provokant in Frage, wie viel im Kontext der Handlung schlicht in der Fantasie der Hauptfigur geschieht (schon früh verdeutlicht an einer Szene, in welcher jener Mann Bilder von Modellzügen betrachtet und dazu passende Geräusche in seinem Hirn dröhnen).

 
Jedenfalls erfährt unser 'Protagonist' - ein griesgrämig-dreinschauender, korrekter Büroarbeiter mit Hornbrille - im Fernsehen erst vom soeben geschilderten Überfall, der von diskutierenden TV-Moderatoren einerseits verurteilt wird, welche aber anderseits den Frauen der Stadt zu verstehen geben, dass sie sich nicht gegen den rumlaufenden Vergewaltiger wehren sollen, da es keinen Zweck hätte - sie würden so oder so vergewaltigt (!). Der Büroarbeiter, der im sphärisch-treibenden Elektro-Takt mechanisch, aber mächtig Dokumente abstempelt und dabei ohnehin in einem phallisch-herausragenden Hochhaus malocht, erblickt sodann eine seiner Mitarbeiterinnen, wie sie vor ihm an ihren Brüsten rumfummelt, weshalb er sich entschuldigen lässt.

 
Das Leder seiner Schuhe und seiner Aktentasche knirscht mit überwältigender Präsenz, als er sich in die neon-verkeimten U-Bahn-Schächte der Großstadt begibt, wo er bald aus dem Schatten heraus eine junge Frau erblickt und ihr langsam, aber bedrohlich folgt. Schließlich überrascht er sie in ihrer Behausung, umgeben von beschwörenden Nebelfluten - zwingt sie zum Verkehr in quälend langen Einstellungen, eingehüllt in einer faux-romantischen Feuchtigkeit. Dieses Szenario mit seiner inkonsequenten Auflösung (er entschwindet in den Nebel zurück und findet sich abermals wieder im Büro ein) erweist sich als ebenso befremdlich wie die Eingangssequenz und dürfte gleichfalls der naiven Eroberungsfantasie des Büroarbeiters geschuldet sein.


Diese steigert sich sodann in härtere Extreme hinein, als die Regierung Gutscheine austeilt, mit denen man sich Waffen gegen den läufigen Vergewaltiger besorgen kann. In einer fanatischen Ironie besorgt sich der Büroarbeiter auf diesem Wege dann einen Revolver mit extraordinärer Munition von einem misanthropischen Händler, der es allzu gerne sehen würde, dass die Straßen 'aufgeräumt' werden. Dieses neue Symbol der Macht geht dann auch 'harmonisch' einher mit seinem unscheinbaren, neuen Mietwagen, mit dem er nun in provinzieller Tristesse seine Opfer aufsucht (die sich ihm sofort Kleider-entledigend ergeben), von denen ihm allmählich ein Stück Gegenwehr entgegenschlägt, welches aber sodann zu deren infernalischen Tode führt - allerdings immer wie ein Unfall scheint, bei dem der 'Angreifer' schlicht zum Beobachter wird. Stellt er sich da einfach nur vor, dass er all dies herbeigeführt hat?

 
'BREAKING POINT' wird nicht umsonst als 'pornographischer Thriller' gehandelt, legt er doch nicht unbedingt die Geschlechtsmerkmale seiner Darsteller, sondern die verkommene, sexuell-sadistische Gedankenwelt seines Subjekts drastisch und explizit offen. Die Gefährlichkeit eines (Genre-gemäßen) psychopathischen Hirns wird dabei spürbar anhand der Gewalt an der nachvollziehbar-bekannten, sensitiven Körperlichkeit vermittelt. Die fiebrige, audiovisuelle Spannung von Vibenius, der seinen in 'THRILLER - EN GRYM FILM' aufgebauten Seelenterror hier noch konsequenter und kälter bemächtigt, fühlt da erbarmungslos auf den Nerv und fordert uns stets heraus, wie viel wir vom Gezeigten an uns herankommen lassen wollen.

Besonders hundsgemein, aber auch höchst geschickt und effektiv-verstörend stellt sich sodann eine spezielle, furchterregende Sequenz heraus, in welcher der Büroarbeiter nach einem kurzen Ausflug auf einem Spielplatz ein kleines Kind abholt und mit dem Auto in ein abgelegenes Waldstück fährt. Während auf dem Soundtrack eiskalte, doch heimelige Synth-Flächen eine gewisse, unheilvolle Ruhe ausstrahlen, verharrt die Kamera auf der verschneiten Natur, ohne nähere Einsicht auf das Auto, wodurch einem als Zuschauer schon unweigerlich grausiges Kopfkino entsteht - wo wir doch wissen, was das Monster von Hauptfigur bis hierhin alles angestellt bzw. sich vorgestellt hat. Als dann aber nach einem Umschnitt auf das Innere des Autos offenbart wird, dass die Beiden lediglich Süßigkeiten naschen, entspannt sich die Lage beim Zuschauer jedoch keineswegs.

 
Einerseits, weil Vibenius mit dem 'Süßigkeiten-Naschen' alteingesessene Urängste über Pädophile bedient und es damit ebenso als Sinnbild für Kindesmissbrauch stehen lässt - andererseits aber erst recht, da er mit seiner vorangegangenen expliziten Sexualgewalt Vorstellungen in jenem Kontext entstehen lässt, die uns als Zuschauer unfassbar herausfordern und nochmals forcieren, dass 'BREAKING POINT' zwar als pornographischer, aber nicht erregender Film über einen krankhaften Gedankenablauf verstanden werden will. Eine bewusst zweifelhafte, potenziell unverantwortliche Methode und wie gesagt ein durchaus schockierender Trick, nichtsdestotrotz beachtlich wirkungsvoll.


So erleben wir die nachfolgenden Szenarien vollends als soziopathisch-phantastisches Gedankenkonstrukt, in dem die Hauptfigur u.a. innerhalb der (bewusst ausgewählten) unschuldigen Naturlandschaft Anhalterinnen aufgabelt, die sich sofort geil an ihn ranschmeißen (allerdings ohne entsprechenden Gesichtsausdruck und dank der klobig-entrückten, englischen Synchro offensichtlich artifiziell) und am ledrigen Schaltknüppel vergehen (der Fokus auf Leder im Film fördert ohnehin sadomasochistische Tendenzen zu Tage). Auch als unser Bürohengst von ein paar langhaarigen Gangstern (die sowieso schon die Stadt beherrschen und Leute terrorisieren, wogegen niemand was zu unternehmen scheint) entführt wird, übt sich der Zuschauer in Ungläubigkeit, sobald er verschmitzt zum Revolver greift und die Entführer in die Luft jagt, gefolgt von einem Polizei-Helikopter und einigen unschuldig vorbeifahrenden Autos (durch welche er bezeichnenderweise zwischen rast, als wären sie die verängstigten Schenkel einer Frau).


Diese Handlungen spielen sich schlussendlich in einer letzten Traumsequenz nochmals vor seinen Augen hyperrealistisch, aber bruchstückhaft ab - zeigen dabei auch Einstellungen und Details auf, die wir so vorher nicht in den jeweiligen Szenen gesehen haben, woraufhin nochmals deutlich wird, wie vergänglich die 'Realität' jener Sexualattacken war, die visuell jetzt ohnehin eher in Verbindung mit der Gewalt des phallischen Revolvers gebracht werden. Zu guter Letzt enthüllt Vibenius, dass sein krankhafter Protagonist am Flughafen Frau und Kind abholt, als sei nie was gewesen. Höchstwahrscheinlich ist ja auch nie was gewesen, jedenfalls nicht im physischen Rahmen. Psychologisch gesehen ist in ihm aber die Welt in Flammen aufgegangen, was auch beim Zuschauer einen bitteren, ungemütlichen Nachgeschmack hinterlassen hat.


Ganz fieses, dreckiges und gefährlich-provokantes Rape-Terror-Exploitationkino aus Schweden - aber auch eine heutzutage fast undenkbare, drastisch-horrible Dekonstruktion von Pornographie als morbides, unterkühltes Gesellschafts-Schauerstück. Keine leichte Angelegenheit, aber eine einschlagende Erfahrung.




NINJA - PFAD DER RACHE - Isaac Florentine beweist mit dieser Fortsetzung zu seinem eigenen 'NINJA - REVENGE WILL RISE' (2009) endgültig eindringlich, dass er nicht nur auf dem DTV-Sektor ein fantastischer Kenner seines Faches ist, sondern auch allgemein einer der wenigen, verbliebenen Filmemacher sein dürfte, die wirklich wissen, was ein echter Actionfilm ist.

Der in 'NINJA: SHADOW OF A TEAR' wirkende Rache-Plot entbehrt jeder größeren Überraschung, schneidet aber jedes unnötige Fett weg und verläuft herrlich geradlinig und ironiefrei, zudem ungemein kurzweilig in seinem durchweg souveränen Fokus auf logische Kinetik im Narrativ. Ebenbürtig dazu fusioniert sich die Schauspielkunst von Scott Adkins, dessen mimische Spannung, wie auch körperliche Präsenz, unvergleichbar präzise, subtil und ehrfürchtig das Bild beherrschen.


In diesem konzentrierten Konstrukt erblühen sodann wunderschöne, artistisch-knallharte Ekstasen der Kampfkunst und Stuntarbeit. Die rasante Intensität der Martial-Arts-Gefechte steigert sich auf dem Pfad der Rache kontinuierlich ins Unermessliche, hitzt sich mit brennender Leidenschaft in Myanmar auf, im Taumel glühender Schweißperlen des Neon-Dschungels. Wie Adkins darin seine zahlreichen Überwindungen leistet, mit infernalischer Muskelkraft und schnörkelloser Cleverness seinen Weg bahnt, lässt sich mit jeder Pore seines Körpers erspähen und spüren.


Die magische Zutat dafür entfaltet sich in der glasklaren, zielgerichteten Kameraarbeit, die im Vergleich zu anderen ähnlichen Produktionen, das Subjekt des Geschehens stets im übersichtlichen Auge hat und auf neo-eskapistischen Firlefanz wie Shakey-Cam aufrichtig verzichtet, stattdessen der einvernehmenden Ästhetik der Dollyfahrt vertraut und das Augenmerk der Kampfchoreographie in atemberaubend langen, erfrischend-kohärenten Halbtotalen zelebriert - zusätzlich mit pointiert gesetzter Intensität anhand von Nahaufnahmen, Zeitlupen-Einsätzen und streng logischer Tracking-Erforschungen.


Bemerkenswert dazu erscheint auch das beinahe gänzliche Fehlen von CGI-Kreationen. Wenn diese auftauchen, dann nur zum Dienste der Handlung, sprich schlicht, wenn man u.a. am Horizont der Nacht die geheime Station des Obermotzes erblickt oder wenn ein Giftröhrchen mit Blitz-artiger Geschwindigkeit in den Hals eines Gegners schießt. Alles andere Effektvolle wird praktisch gelöst - mit wahrhaftig spritzenden Blut-Squibs, famoser Pyro-Technik und glaubwürdigem Make-Up. Ohnehin spielt die Glaubwürdigkeit eine massive Rolle in der Vermittlung der Action: Adkins ist kein Übermensch, da stellen sich seine Kämpfe zwar als schlagfertig, aber auch bodenständig und roh heraus. Die Gegner bleiben stets auf geringer Distanz und bedienen sich dabei auch zum eigenen Vorteil den Gegebenheiten ihrer Umgebung, die er reaktionsschnell & wagemutig abzuwehren hat.


Nun könnte man meinen, dass ihm brachiale Genre-Wut von Natur aus den Weg ebnen würde und tatsächlich demonstriert er nach einer Runde Frustsaufen, wie flink und einkrachend er seine Macht ausdrücken kann. Als Meister des Ninjitsu kommt er aber erst ans Ziel, wenn er seine Fähigkeiten mit bedachtem Geschick einsetzt (bezeichnenderweise liefert ihm der Wutanfall vom oben genannten Frustsaufen keine relevanten Ergebnisse). Da heißt es für ihn, mit stilvoller Präzision ein Zeichen zu setzen, die Gegner mit gezielten Treffern unschädlich zu machen, anstatt deren eventuelles Leiden allzu lange auszukosten, selbst wenn sie sich mit eben solcher Härte dagegen wehren - eine spannende Konfrontation verschiedener Kampfkünste entsteht so oder so allemal.

 
Und das ist schlussendlich auch die essenzielle Qualität von Florentines Film. Er besitzt ein geradezu instinktives Gefühl dafür, wie ein guter und wirksamer Actionfilm funktioniert, vollkommen unabhängig von schmückenden Plot-Verknotungen und unvorstellbaren Schauwerten aus dem Computer. Allein die Beherrschung des menschlichen Körpers ist eindringlich und effektiv genug, in der Kampfkunst und auch in der konzentriert-direkten Darstellerführung durch Regie und Dialog. Und wenn sich dem ein angenehm-funktioneller Narrativ, fabelhaft-kohärente Kameraarbeit und ein ebenso bescheidener Musikscore unterordnen, erhält man in der Konsequenz ein wahrhaftig aufregendes, essenzielles Genre-Sahnetörtchen.

Auch wenn die narrative Grundlage keine Überraschungen bietet: ein zielgerichtet-genüssliches, abgerundetes Gericht macht einen mit hoher Wahrscheinlichkeit eher zufriedenstellend satt, als ein wild-komplexes Konglomerat aus verschiedenen Geschmäckern der prätentiösen Herausforderung wegen - nirgendwo sonst als im Action-Genre wirkt diese Faustregel stärker und Florentines zweiter NINJA verkörpert sie so kongenial wie es kaum einer kontemporären, breitgewalzten Hollywood- oder EuropaCorp-Produktion zu gelingen vermag.




JUSTICE LEAGUE: WAR - Jay Oliva meldet sich zurück mit seiner etwas freien Adaption des aktuellen JLA-Neustarts (in Deutschland erschienen als Band 'DER ANFANG'), welcher die beliebten DC-Helden versammeln lässt, um gegen die unaufhaltbare Macht des intergalaktischen Fieslings Darkseid anzutreten, der keine weitere Motivation braucht, als die Erde apokalyptisch zu unterjochen. Von daher ist der Plot eine relativ übliche Angelegenheit und bemüht sich um eine möglichst gering gehaltene Fallhöhe, um das titelgebende Actionspektakel effektiv-großflächig entfachen zu lassen.


In dem Fall erscheint dieser Umstand aber recht begrüßenswert, gibt er Oliva doch den angemessenen Freiraum, seine erfahrenen Stärken in visueller Kinetik und genüsslichen Krachbumm-Mänövern auszuloten (trotz noch immer leicht klobigen Animationsstil). Die Charakterzeichnung der einzelnen Superhelden-Mitglieder geschieht sodann portionsweise auf dem Weg dorthin, während diese natürlich lernen als Team zusammenzuarbeiten - und da macht sich bei jedermann ein Gefühl breit, das man aus dem DC-Film-Universum fast vergessen haben könnte: herrlich dümmlicher Spaß, selbst in einer derartigen Krise.

 
Witzfiguren sind zwar keineswegs im Team vorhanden, aber der bisweilen lockere Umgangston bringt ein gutes Stück sommerliche Frische in die Muskel-Bande, mehr noch als in der Vorlage: nennenswert seien da die schlagfertigen Wortgefechte zwischen Batman und Green Lantern, die fast schon peinlich-naive Overpowered-Fish-out-of-Water-Einführung von Wonder Woman (welche in einer wunderbar bekloppten Sequenz den Präsidenten und Air Force One vor Aliens rettet) und das jugendliche Großmaul von Shazam. Der buhlt übrigens ebenso wie Superman um die Aufmerksamkeit der heißblütigen, doch knallharten Amazone WW - wenn mal gerade keine außerirdischen Roboter angreifen.

 
Apropos Roboter: der wohl spannendste Anteil findet sich in der Origin-Story von Cyborg, einem vielversprechenden Football-Spieler, der durch die Portal-Bombe Darkseids in Lebensgefahr schwebt und letztendlich mithilfe seines Vaters (der nie zu den Spielen seines Sohnes kam, weil er sich zu sehr mit der Wissenschaft beschäftigte) eine brachiale, kibernetische Fusion zur Lebenserhaltung erlebt. Der Junge hat durchaus Potenzial für die große Leinwand (auch wenn sein Schicksal an ROBOCOP und den SECHS-MILLIONEN-DOLLAR-MANN erinnert) und wäre eine nette Abwechslung zur x-ten Batman- oder Superman-Neuerzählung, wie dieses DTV-Animationswerk hier beweist.

 
Ohnehin scheint sich Oliva weniger am bekannten, kinematischen DC-Output orientiert zu haben, sondern eher an Whedons 'AVENGERS', der derzeitigen Referenz im eskapistischen Comic-Team-Up-Genre. Es wird untereinander gezankt, geschubst und schief angeguckt, doch wenn die Außerirdischen die Welt beherrschen wollen, gibt's Saures - alle Fähigkeiten werden stilvoll kombiniert, taktisch konzentriert und in massiven Sachschäden umgesetzt (welche übrigens anfangs noch von Demonstranten verurteilt werden); mit klarem Fokus auf die Eigenmacht Darkseid, der man erst ganz profan die Augen ausstechen und dann mit großer Mühe in ein interdimensionales Loch stecken muss. Ganz simples Konzept; ganz angenehme, zielstrebige Launigkeit - wie geschaffen für Popcorntüten im Juli (auf die Zeit freue ich mich ja schon wieder).

 
Von daher sollte man keine tiefsinnige Reflexion über das Dasein eines Superhelden erwarten (auch wenn ein angemessener Anteil davon im Handlungsverlauf suggeriert wird) - eine herzlich doofe, doch effektiv-kurzweilige, heroische Pyro-Schau im latenten Anime-Stil, mit ekliger Alien-Technologie, für knapp 80 Minuten Laufzeit, ist aber auch nichts Verkehrtes. Let's get nuts!




DER ÖFFENTLICHE FEIND - Eine archetypische, knallhart-nihilistische Gangster-Story in reduziert-nüchterner Stilistik zwischen uramerikanischen Stationen des ersten Weltkriegs und der Prohibition. Endlose Nachfolger jener Formel im Verlauf der Jahrzehnte haben natürlich inzwischen den hier konstruierten Spannungsbogen abgeschwächt, lassen ihn arg vorhersehbar erscheinen. Sehenswert bleibt der Film dennoch aufgrund der einschlagend-souveränen Newcomer-Performance von James Cagney, die schon von Anfang an so fantastisch funktioniert wie in seinen späteren Arbeiten (diese Sonderstellung erkennt der Film sowieso an, lobt er Cagneys spezielle Eigenschaften doch anhand der Schwärmerei Jean Harlows). Und allein mit welcher Wucht die finale Einstellung jede Hoffnung wegfegt, ist schon ein beachtliches, wenn auch konsequent moralisches Highlight.




TICKET ZUM HIMMEL - Eine strukturell-naive, aber unter dem familienfreundlich-konservativen Deckel emotional-ehrliche (bzw. offen-verträumt, siehe Polly und ihr Voiceover) Coming-Of-Age-RomCom der 80er Jahre, die genauso niedlich und harmlos daherklimpert wie das E-Piano, welches den Soundtrack des Öfteren besucht. Mehr will der Film auch nicht sein, ahnte er wohl schon, dass keiner dem Witz & Herzschmerz eines John Hughes (und seines im selben Jahr erschienenen 'BREAKFAST CLUB') gewachsen sein dürfte. Sowieso mehr ein Mädelsfilm, wie soll ich da mitreden können?

P.S.: Finde es trotzdem weird, wieviele Kinderdarsteller hier teils halbnackt miteinander rumknutschen dürfen. The 80's, man... 




POMPEII - Ach ja, Paul W.S. Anderson - wie arg zweckmäßig und fad sein Cast und sein Plot hier agieren, kann ich durchaus verzeihen. Ihm gelüstet es doch ohnehin eher, mit seiner ausgesprochenen Vorliebe für die herausragende Tiefenwirkung von 3D die detaillierte Architektur des antiken Pompeiis greifbar zu machen und diese nach einer geschlagenen Stunde fühlbarer Ungeduld seinerseits mit eindrücklicher Imposanz minutiös in Schutt & Asche zu legen.


Und siehe da, sobald alle liebevoll zerbröckelten Gebäude vom feurigen Regen verschlungen werden, erschafft er aus der aufopferungsvollen Liebe einer Wendy-Romantik der heiß-schmollenden Augenweide Emily Browning eine wunderschöne Statue des ekstatischen Leidens - eine gnadenlos naive, schöne Poesie zu einem gnadenlos adäquaten Spektakel. Von daher eine hochprozentig harmlose Angelegenheit...und eine schick-versierte Pyro-Schau, leider ohne dramatische Stringenz, aber das habe ich sowieso erwartet.


Unterhaltsamer war da allerdings eine erwachsene Frau im Sitz neben mir, die bei jedem Anflug von allzu harter Gladiatoren-Gewalt verschreckt zusammenzuckte oder einfach mal minutenlang das Gesicht in ihren Schoß legte - und das bei so einem gemächlichen FSK-12-Film. Hab gut gelacht, wie schon bei den Groschenroman-ähnlichen Pferdeflüsterer-Sequenzen.




MICHAEL - Ein Trupp problembehafteter, skeptischer Sensationsreporter geht auf formelhaft-fröhlichen, weichgespült-lehrreichen Roadtrip mit einem wahrhaftigen, vergnügt-rüpelhaften Engel in der Form von John Travolta und entdeckt dabei die Liebe, sowie die Erkenntnis, dass die Karriere nicht das Wichtigste im Leben ist. Dazu erklingt ein klassisch-sentimentaler, austauschbarer Weihnachts- & Countryscore, der sich zudem bezeichnenderweise der proletarischen Blues-Mundharmonika aus ROSEANNE behilft - vom Gastauftritt der beinahe vergessenen Teri Garr ganz zu schweigen.


Ohnehin träumt sich der Film mit gemächlicher Souveränität durch ein trist-herbstliches Christ-Americana, das in seiner optischen Trostlosigkeit eher als kalte Thriller-Kulisse fungieren könnte. Jedoch erfreut sich unser Himmelsprollo an anarchischen, ungelenk umgesetzten Prügelszenen, an-Pulp-Fiction-gemahnenden Tanzeinlagen (bereits anno 1996!) und dem Umstand, dass er für Frauen immer nach etwas Leckerem riecht = ständige Schnellficker-Action für den Superengel, der die Frauen so betören kann wie Weibchen in der Tierwelt (als ob der olle John es unbedingt beweisen musste: no homo!). Misogyne Cuteness für die aufbauende Familienunterhaltung, die auch mal tränendrüsig süße Hunde killen und wiedererwecken kann.

 
Aber hey, immerhin ertönen einmal CCR und auch Joey Lauren Adams lässt sich blicken (selbst wenn sie nur auf Travoltas Schoß landet), die bieder-anständige Löffelchen-Erotik bleibt dabei allerdings erwartungsgemäß im Off, wahrscheinlich wegen der omnipräsenten Verklemmtheit der hier ideal reinpassenden Andie MacDowell (jedenfalls empfinde ich ihr Spiel in allen ihren Filmen immer so). Der Zuckerguss hat nun mal Überhand genommen, den schüttet Michael ja ohnehin inflationär über jede Mahlzeit - schließlich wünscht er sich nichts sehnlicher, als unter uns Menschen weiterzuleben und erhält dafür eine halbwegs-empathische Sterbeszene inmitten der erdrückenden Türme Chicagos.


Doch der Glaube bricht nicht ab und schließlich kreuzt unser neu geborener, noch immer gewitzt-überheblicher und stets-richtigliegender Liebesengel (aus der perfid-selbstdarstellerischen Klapsmühle des Scientology-Elitismus) die Wege zur Liebe & Heirat für seine Schäfchen zurecht - hätte sich selbst Capra sowas Schmalziges getraut? Egal, gibt Schlimmeres...