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Sonntag, 23. April 2017

Tipps vom 17.04. - 23.04.2017 (Zwischen Weltall, Inseln und Amerika)


Liebe Diebe des Herzens,

es ist wieder mal Zeit für eine obligatorische Ankündigung zum Formatwechsel: Die Herrschaft der langen Texte ist vorbei, die rasante Meinungsbekanntgabe nimmt Überhand! Zumindest für diese Woche, denn ich brauche meines Erachtens doch immer mal die eine oder andere Regenerationsphase. Ich bin quasi wie eine Aufziehpuppe, weshalb ich an dieser Stelle auch jedesmal ungefähr dasselbe sagen muss - es hilft nichts, irgendwie muss ich ja zu Flow und Ebbe kommen. Ihr erinnert euch hoffentlich daran, wie viel Text ich zu Ostern anbieten konnte - das volle Fass lässt sich in unserer ökonomisch erpressbaren Ära aus Frust wie Überfluss eben nicht mit Muckipower und Anti-Denkfaulheit aus dem Perpetuum mobile heraus umsetzen, insbesondere, wenn man inzwischen bei Ausgabe 223 dieses Blogs angekommen ist! Achtung Mitleid: Zudem ist es leider auch seit jeher das Schicksal des Durchschnittsschreiberlings à la moi, dass die Menge an lesenswerten Filmreflexionen wie eine Flut vom Bildschirm aus aufschlägt, in den Sand (am Meer) eingesaugt wird und sofort wieder für die nächste Welle zurückfließen tut, weil die Physik und die Erde und der Mond... Ja, dieser Vergleich ist jedenfalls so raffiniert, dass er im Grunde schon meinen Lieblingsfilm der letzten sieben Tage vorwegnimmt, aber bis dahin lassen wir noch ein bisschen Spannung ins Land ziehen und lachen, lachen, lachen, ohne an morgen zu denken, ha. Soll heißen: Vorerst halte ich chronologisch einige Eindrücke fest, die bei Gelegenheit sicherlich noch ausbaufähig sind, fürs Erste aber aus Prinzip und Übersichtlichkeit Empfehlungen zusammenzimmern, was in der Filmwelt so alles ging - inmitten von Doppelgängern, Asteroidenschauern, Geschlechtsakten jenseits der Milchstraße, versagten Liebeswünschen, Mordssalven an Musik und Blei sowie Krebs bis hin zum Frieden auf die Insel, die kein Mann (allein) ist. Wie sehr sich dieses Intro bewahrheitet? Lest selbst, Freunde!


Zunächst mal gebe ich zu Protokoll, dass ich letzten Samstag mit Siegfried Bendix im All war. Jene (den Science-March antizipierende?) Space-Night hatte mit sechs enorm kosmischen Filmen zu tun, die allesamt mehr Schuss in den Lenden hatten als der erste Blick auf die letzten Jedi – als Startschuss dazu fungierte natürlich der vierdimensionale Angriff vom „Star Crash – Sterne im Duell“, jener Wundertüte via Luigi Cozzi, die sich voll kindlichem Elan und prallem Herzen in eine interstellare Schlacht zwischen Märchen, Antike und Freundschaft jenseits von Zeit und Raum stürzt. Stella Star (Caroline Munro) ist da sicherlich der kecke Unschuldsblickfang binnen der Lichterkette kunterbunten Sternenstaubs, doch wie sie sich mit Kollege Akton (Marjoe Gortner) und Roboter Elle/Al versteht, gehört mit zu dem Drolligsten, was man sich bei jenen Touren über mehrere kostengünstig irdische Planeten auszumalen vermag – zusätzlich angetrieben von Effekten aus Harryhausen-Tagen, sprich Rückprojektionen, Matte-Paintings und Stop-Motion galore, während die Modelle am Neonregenbogen vorbeiflirren, alle Laser irre zurren und auch mal einen Schmelzprozess vom Formate Draculas initiieren. Es wird nie langweilig, dafür sorgen schon Spandex-Raumanzüge, galaktische Bikinis und aus dem Englischen importierte Anreden wie Emperor (Christopher Plummer!), Imperial Battleship sowie Count Zarth Arn (Joe Spinell), doch neben den von ihnen besetzten Lavalampen-und-Alufolie-Kulissen macht insbesondere Laune, wie unsere Heroes jeden spontanen Abenteuerzweig flugs und froh auf sich nehmen, mal gegeneinander jetten, dann doch zusammen das Festland aufmischen und David Hasselhoff zwischen Höhlenmenschen aufsuchen. Bei der Abwechslung staunt sogar „Einer gegen das Imperium“. Zu toll dann auch, wann und wie Elle nervös wird, wozu er noch und nöcher programmiert ist, wie sweet Stella ihn als Freund für die Frau von Welt(all) einschätzt – je mehr man lacht, desto exponentieller fiebert man um deren Schaffen, da hilft John Barrys Leitmotiv (ausgerechnet auf den späteren E.T. verweisend) auch gehörig mit, wie herzlich das Script zudem Wiederbegegnungen und aufopfernden Zauber von Leinwandsehnsüchten her hinein strukturiert.




So ist’s nun mal mit dem italienischen Hauruck-Flair, komischerweise kam es schon beim nächsten Film, „Goldorak – Kampf der Welten“, erneut zum Einsatz, welcher als Zusammenschnitt der in den Siebzigern erarbeiteten Tokusatsu-Anime-Serie gleichen Heldens einen Titelsong vom Stiefel Europas beherbergte. Die Episoden dazu liefen allem Anschein nach auch hierzulande, denn auf der DVD gibt es auch eine kontemporär teutonische Sangeskreation zum Trommelfellabziehen – indes ist gerade die Synchronisation vielleicht die Sensation zum Film, welcher vier Folgen des Getümmels aneinanderreiht und insofern reichlich dramaturgische Stringenz vermissen lässt, Redundanzen und lose Enden des Serienformats umso gleichgültiger zu kaschieren versteht. Als animierte Variante von Flickwerken wie „Roboter der Sterne“ hat man also zig Zerstörungsorgien zwischen Megamaschinen und Monstren auf der Glotze, ehe man im Figurenensemble utopischen Sci-Fis durchblickt, das im Rahmen seines Zeitgeists schon generisch wie Sau agiert und fachsimpelt, allerdings keineswegs im Wurmen mangelt, wenn man so mir nichts dir nichts in die jeweiligen Belange des Einzelnen sowie dessen im Team hineingeworfen wird. Böse Herrschaften aus dem All werfen dann noch alle 20 Minuten eine neue Weltenkillermethode auf unseren Planeten, die jugendlichen Identifikationsfiguren in ihren fliegenden Vehikeln kriegen dazu noch einen Bauerntölpel plus Sohnemann in Heidi-Proportionen dazwischen geschnitten; ebenso Mitmenschen, die in der Reflexion merkwürdiger Ereignisse beinahe unter Zugzwang stehen, so flott diese im Narrativ eintreffen.


Die turbulent rabiate Animationsweise leistet ebenbürtige Zerstörungswut an der Kohärenz des Zuschauers, parallel dazu lernen wir eine junge Bikermaus namens Maria kennen, deren Großvater ihr schon in der zweiten gemeinsamen Szene verrät, dass sie nicht seine Enkelin sei, während das Melodram um sein Ableben sowieso im Eiltempo inklusive Rückblick auf weit entfernte Planeten ins Kurzzeitgedächtnis hinein stilisiert wird. Kann der Kopf das aushalten, wenn manche Kerls der Nicht-Enkelin/Rächerin in spe gegenüber dann noch die urigsten Jugendbegriffe aus dem Nichts dranformulieren? Es fördert jedenfalls mehr Aufmerksamkeit herauf als die Kämpfe binnen gespaltener Berge, Täler und Städte, die von UFOs und Superrauben heimgesucht werden, was eventuell durchaus beeindrucken könnte, wenn es denn real verfilmt wäre – so erschöpft sich die Tour etwas, wenn man auch vielerlei tolle Namen für die jeweiligen Waffenmanöver erwarten darf. Schöner sind aber doch die gemeinsamen Stunden auf dem Pferdehof, inklusive Übungen fürs kommende Reitturnier, Trainingsneckereien für Motorrad- und Raumgleiterskills unter dem wachsamen Auge der Lords aus der Ferne, welche noch Ninjas in die Stratosphäre lotsen, bis der ganze Zorres schlussendlich einen riesigen Asteroiden auf die Erde zu schleudern droht. Ein Happy-End ist gewiss, so wie es quasi nächste Woche schon eine neue Schurkerei zu sehen gäbe, doch da bricht der Film genauso inkonsequent ab wie ein „Krieg der Infras“. War trotzdem eine Gaudi zum Dusseligwerden.
  

Komisch, dass man Ishirô Honda im Vergleich immer mehr als braveren Zeitgenossen des phantastischen Kinos einschätzen muss, aber das hemmte „Frankenstein und die Monster aus dem All“ nicht allzu sehr, nach mehreren wahrgenommenen TV-Ausstrahlungen binnen der Kindheit noch überraschende Spitzen anbieten zu können. Der darin enthaltene Blick in die Zukunft anno 1999 bringt den Angriff der Kilaaks via Hitzkopf Katsuo (Akira Kubo) in die Umlaufbahn, der anhand legerer Gert-Günther-Hoffmann-Stimmgabe zwischen Mond und Erde pendelt („Independence Day 2“ bedient sich gerne daran, was wiederum den Bogen zu Emmerichs Godzilla schlägt), mit bleihaltiger Skepsis auf die üblen Pläne der Invasoren schließt, dass er seiner Freundin sogar die Ohrringe vom Läppchen rausreißt, wenn er einen außerirdischen Peilsender darin vermutet. Solche Drastik findet dann noch angenehmere Partner in provinziellen Gegenden, welche ähnliche Kügelchen vorfinden sowie mit der Neugier des Nachbars teilen; später wird ein Chef der Raumfahrtpatrouille noch angesichts fortschreitender Anti-Alien-Strategien um Kaffee bitten, den ein Kollege im Hintergrund freiwillig zuzubereiten schwört – nette Leute! Mächtig gewaltig wird es dann, wenn alle bekannten Kaiju von der Monsterinsel weg globalen Terror verbreiten, die bewährte wie grandiose Tsuburaya-Miniatur-Parade abfahren und am Fuji wieder zueinander finden. Nicht, um Matthew McConaughy vorm Selbstmord zu bewahren wohlgemerkt, sondern um noch gigantischere Kugelkuppeln zu entdecken und King Ghidorah im Tag-Team plattzumachen, die Besucher von weit oben wieder in ihr Urschleimschneckenhaus zu bugsieren. „Destroy all monsters“ lautet das amerikanische Motto zu diesem Film, doch die wachsen einem selbstverständlich am meisten ans Herz – so sehr, dass sich Herr Bendix schon auf das Sichten der vorherigen Abenteuer von Godzillas Sohn Minya freut. Dem werde ich gerne nachkommen, klare Sache!


Was man gerne auch tun will, ist „Star Force Soldier“ von Paul W.S. Anderson aufzufrischen – ein Film, in dem Kurt Russell wiederum das macht, was er tun muss. Dem Soldatendasein in der weit fortgeschrittenen Zukunft jenes Neowesterns auf fremden Globen, nach einem Drehbuch von David Webb Peoples („Erbarmungslos“), sind hier eben entmenschlichte Funktionen effektiven Tötens aufgebrummt, die sich in der Tilgung der Gefühle trotzdem nicht vom Pflichtbewusstsein zivilen Schutzes abtrennen können, selbst wenn die Hardliner der Militärindustrie zum baldigen Austausch bereits willenlose Superkiller genmanipulieren – so ewig aktuell hallt das Ganze natürlich nach, dass Gary Busey mit Trump-Frise vorbeischaut. Russells Söldner lebt also den Film über einen inneren Schmerz vor, der unter versteinerter Miene mit Vermittlung und Empfang der Empathie kämpft, Traumata als Befehl verrichten muss und sich nur umso belasteter in eine Kolonie an Verlorenen und Ausgeschlossenen integrieren kann. Der Versuch dessen ist so zentral und sensibel im Film präsentiert, dass man der damaligen Abneigung durch Kritik und Publikum nur wenige Argumente abnehmen kann – höchstens beim Aufbretzeln der martialischen Schlussphase im Widerstand, ikonographisch zwischen Vietnam, Bosnien und dem Alamo eingeordnet, macht sich Anderson mehr für knallschattige Schauwerte des Kräftemessens warm, als dass der humanistische Geist inklusive UN-Blauhelm-Emulat vollends obsiegt. Klassisches Meucheln zwischen den Erzfeinden Gut und Böse hat natürlich trotzdem stets etwas für sich, vor allem, wenn es in derartiger Kompromisslosigkeit aufbereitet wird, sich mit einer sinnlichen Schlagkraft bei Regen ins Gesicht greift, wie es seitdem höchstens in „Batman v Superman“ wiedergesehen wurde. Die letzten Einstellungen zu neuen Welten, mit der nächsten aus Ruinen geborgenen Generation im Arm, zudem auch entschieden weg vom selbstverständlichen Salut, hat sowieso etwas Bewegendes im Universellen/Universum an sich, so in etwa: Das Überleben geht ständig auf Reisen, die Kämpfe und Krämpfe der Unschuld durch alle Dimensionen wie Parteien des Seins im Schlepptau.



So, die nächsten zwei Filme im planetarischen Wechselreigen waren dann auch erneut solche, die ich schon von Vornherein kannte und in diesem Rahmen für aufmerksame Genossen empfänglich ausstellte, deshalb nur noch einige Ergänzungen (?) zu „Sternenkrieg im Weltall“ und „Armageddon – Das jüngste Gericht“: Beide sind weiterhin unglaublich stark darin, einen emotional abzuholen, obgleich man bei Bays Ausflügen von Ölplattform zur NASA zum Asteroiden binnen 2 ½ Stunden Laufzeit mehrmals die Orientierung verliert, trotzdem im Überschallmodus irgendwann auf die Gipfel an Americana stürmt, als wäre man zur furiosesten Oper der Welt und darüber hinaus geladen – verständlich, dass wir eine dicke Flasche Rotwein dazu gebucht hatten, denn vieles daran ist in seinem hyperakzentuierten Überschwang (wie meine Wenigkeit auch) strunzdumm in den 90ern hängengeblieben. Kinji Fukasakus heimeliges Epos leuchtender Nüsse, anachronistischer Folkloren-Adaption und lichter Helden murmelte sich davor jedoch schon in wärmere Gefilde aus Edelmut und Koexistenz japanisch-amerikanischer Freundschaft ein - mit einem solch effektiven Pathos auf der Schulter, wie er im Vergleich zu Lucas‘ Vorlage/vorzeitiger Verarbeitung eben jener Nippon-Topoi immerhin hochdynamisch Bock auf die Erde an sich macht, Liebe und Güte durch die Toei-Schächte strahlt, dass jeder Einzelne im Ensemble das Zeug zum Mutmacher hat. Die Melodramatik daran prägt sich in der deutschen Kinofassung schon stark ein, doch der Blick zur Originalversion offenbart noch eine gute Handvoll mehr ungeniert rührseliger Schlüsselmomente, was sich natürlich kein Freund des Films entgehen lassen sollte. Zisch und Pep des Astro-Schlachtengewitters bleiben da wie gehabt ein tolles Stück Affektkino, die Melancholie Vic Morrows sowie der fantastische Wortwitz von Robo-Kumpel Beba mit inbegriffen, selbst wenn diese ebenso vor Aerosmith und Ben Afflecks Tiervergleichen auf die Knie fallen würden.




Meine Damen und Herren, jetzt schauen wir aber mal wieder auf den Boden unseres Planeten hinunter, denn als einzelner Passagier buchte ich mehrmals Reisen nach Santo Domingo binnen der Dominikanischen Republik, wo ein Joe D’Amato unserseits um 1980 herum eine Vielzahl erotischer Filme am Stück kredenzte. Stab und Ensemble gleichen sich also je nachdem mehr oder weniger mit denen aus „In der Gewalt der Zombies“, weshalb es ein Leichtes war, sich in das Areal zwischen Städten und Palmenstränden via Trauminseln wieder hineinzufinden bzw. diese tiefer zu erkunden. Eher weniger simpel war es allerdings, jene daraus entwickelten Narrative im Nachhinein auseinander zu halten. Am beachtlichsten blieb mir „Orgasmo Nero III – Schwarze Haut auf weißem Sand“ (so ein X-Rated-Nachholtitel, man kann auch beim O-Namen „Sesso Nero“ bleiben) dennoch in Erinnerung, jens vielschichtige Requiem für eine Variante Mark Shannons (Rollenname: Mark Lester!), die vom Prostatakrebs angefressen zu dem Ort und zu der Frau (Annj Goren) zurück sucht, welchen er Zeit seines Lebens nacheiferte, dass die Überkompensation im Aktionismus des steifen Glieds immer heftigere Entgnügungen am Miteinander ausübt und bittersüße Schmerzen dazu erleiden muss. Die Freiwilligkeit Marks dazu ergibt erst recht das Rückenmark der hier verlebten Tristesse unter heißen Sonnen und Damen, welche er im Schatten der eigenen Erschöpfung so verzweifelt und grob mit Spritze am Bein verbraucht, obgleich eine lebensrettende Operation und Ehefrau in New York auf ihn warten würden; er sich jedoch den letzten Wunsch erfüllen will, einem vergänglichen und längst vergangenen Glück hinterherzujagen.


Auf dem Pfad zerstört er auch gerne eine Unschuld (Lucia Ramirez), die bereits genug in der Unterschicht zu leiden hatte, vor kurzem erst von seinem intellektuellen, Schulen bauenden Kumpel eingekauft wurde – die sozialen Hüllen und Ideale fallen zwangsläufig auch bei solchen Modellen mit ideologischem Segen, Mark bleibt jedoch durchweg der Schmiermisanthrop des übersättigten Jet-Sets schlechthin. Trotzdem graut es einem davor, wie seine Zeitgenossen (u.a. George Eastman, wieder mal als verrückter Grieche) darin pendeln, sich um ihn zu sorgen sowie ihn leiden sehen zu wollen, genauso steht es mit Nico Fidencos finsteren Tönen, selbst wenn sie in den sinnesverstärkenden Bossa Nova übergehen. D’Amato nimmt da durchaus einiges von „Shame“ vorweg, wenn auch mit einem übernatürlichen Element in der Präsenz der Verflossenen als Geist, deren Vergeltung aus versagter Liebe Mark ebenso in Kauf nimmt, wenn er schon nicht mehr Herr seiner Sinne ist, sich in Visionen seiner Schwächen und rassistischen Vorurteile säuft. Angst und Penisneid vorm schwarzen Mann paralysieren ihn, ehe er zum Biest vor Ort geballter Enttäuschungen wird, die Außenwelt abstreift und vollends regressiv in die Illusion der Vergangenheit taumelt. Das sagt mehr über Realitätsbezug, Abhängigkeit und Gültigkeit innerhalb wie abseits von Beziehungen aus, als einem lieb ist. Im Delirium und Gruppensex unter Sonnenstrahlen kommt der Bezug zur „Letzten Frau“ von Marco Ferreri zum Schluss hin dann sicherlich nicht von ungefähr, so brutal und eisern leidend ist man dennoch nicht immer mit dem Werk D’Amatos in Kontakt.



Belegen lässt sich das u.a. an den simultan bewerkstelligten Reißern „Porno Holocaust“ und „Hard Sensation“, die vergleichsweise schroffer und schlichter auf die Bestätigung der per Packung versprochenen Reize eingehen (abgesehen vom Holocaust-Begriff, sollte man anmerken). Ersterer Film stieg mir allerdings trotz längerer Laufzeit (knapp 110 Minuten) leichter übers Zwerchfell, was auch daran liegen mag, dass allesamt viel netter zueinander sind - erst recht Shannon als Captain O’Day in seinem Verhältnis zu Lucia Ramirez als Forscherin Annie, die zusammen mit Simone (Dirce Funari), der Gönnergräfin (Annj Goren) und Dr. Lemoir (George Eastman) einige biologische Extremitäten auf derselben Insel wie in allen diesen Filmen zu erforschen gedenken. Da kommt noch zu späterer Stunde ein Ein-Mann-Zombie-Faktor ins Spiel, bis dahin leistet sich der Film jedoch mehrere Abstecher in die Ablenkung per Fleisch, in jedem Szenario mindestens einmal ficken zu wollen. Das Beste daran ist, dass die Charaktere solche Wünsche auch explizit aussprechen, jene Gelegenheiten trotz der Gefahr dramaturgischer Schlappe wahrzunehmen – selbst Shannon muss in der Menge an Flutsch und Weg mal ein verhaltenes „Nein, danke“ anbringen, ehe er sich doch wieder zu tollen Überschäumungen zwischen Sonnenglut und Wellenschlag überreden lässt. 


Eastman hingegen zieht in solchen Situationen ja immer wunschlos glücklich von dannen, doch als Autor jener Filme - in ihrer Varianz zum selben Ambiente nicht unbedingt die simpleste Kolportage - ist solche Bescheidenheit erst recht lobenswert oder Zeichen eines kompliziert ausgelebten Minderwertigkeitskomplexes. D’Amato nutzt den Effekt daraus so oder so, dass das letztendliche Monster ganz wie Frankenstein nach Verständnis giert sowie ein Ungeheuer der Triebe ergibt. Das Verständnis zu schwarzen Männern ist in dem hardcore-italienischen Rahmen natürlich weit hinter der Zeit geblieben, aber bis zum Ende hin noch versöhnlicher, als es der groovende Showeffekt per Doppelpenetration noire zu Beginn hinkriegt - Annj Goren geht in jeder Lage aufs Ganze! Vergnügter Ulk begegnet einem dann ebenso am Rettungsboot und ist da durchaus die Antithese zur Rape-and-Revenge-Klaustrophobie von „Hard Sensation“, welcher anhand der zuvor genannten Zutaten zeitweise eher den Anschein macht, die kollektive Erniedrigung, Machismo und Sexismus als Lust auf den Zuschauer übertragen zu wollen. Haut erwartungsgemäß nicht so ganz hin, obwohl sich alle Männer hier als Etappenschweine der Grausamkeit aus Macht entlarven; die Sympathie unter Beihilfe von Alessandro Alessandronis Score konstant bei den gefangenen Frauen liegt, obgleich die Kamera sie im Blowjob geißelt. Mark Shannon rotzt sich da als Haupträude eines entflohenen Knasttrios am Fiesesten einen von der omnipräsenten Goldkette ums Genick, kriegt aber auch erst so in der letzten Minute sein Fett weg, was der Film mit einem tragischen Bündnis zum Vergessen quittiert, dessen Tragweite ich viel lieber und früher genutzt gesehen hätte. Naja, nächstes Mal läuft’s bestimmt wieder besser zwischen Joe und mir.




Bis dahin haben wir wieder ein bisschen an amerikanischen Stoffen in petto – James Mangolds Debüt „Liebeshunger – Hungry for Love“ nämlich, das per Originaltitel „Heavy“ weit weniger platt klingt, hat es mir nämlich auch angetan, die Schwierig- und Selbstverständlichkeiten des sozialen Kontakts via Pizzabuden-Mitbesitzer Victor (Pruitt Taylor Vince) mit zu verfolgen. Obwohl sich der Rahmen auf provinziellere Sehnsüchte der Arbeiterschicht und solche, die es werden wollen, konzentriert, als es Mangolds aktueller „Logan“ von außen hin unternimmt, merkt man denselben Macher zwischen jenen auseinander klaffenden Wunden an, die ihre jeweils zentralen Individuen am Eingeständnis derer selbst zweifeln und Kreuze machen lassen. Keiner mag mit den Gegebenheiten brechen, Beerdigungen in die Wege leiten oder eine Trennung aus gewohnten Mustern vornehmen – man träumt von einem Ziel der Sicher- und Geborgenheit, doch in der Unterwürfigkeit zur eingelebten Desillusionierung Amerikas und seiner Tankstellenmärkte auf Valium (immer mit Schaukelpferd davor, von dem Hunde wie Kinder ausreißen) bleiben diese verbaut. Nicht unbedingt aus Dickköpfigkeit gegenüber nötigen Veränderungen (in diesem Fall: Weg vom Speck), eher, weil man allen Seiten nach zu urteilen ein Narr sein müsste, diese in Angriff zu nehmen. Die neue und blutjunge Aushilfe Callie (Liv Tyler) hat eben schon einen Beau, alles andere als der beste Hengst im Stall, aber eben das, was schon ist, was selbst sie nicht ändern kann, obwohl der Wille in den Tränen steckt und man es sich als Zuschauer fast so sehr wünscht wie Semi-Kupplerin/Victors Mutti Dolly (Shelly Winters).


Moms Ableben per Herzinfarkt hinterlässt schließlich einen Sog für den ohnehin schon auf Zurückhaltung gepolten Sohnemann, der fehlplatzierte Schuldgefühle und Beziehungsunfähigkeiten zu einer allumfassend zerstörerischen Mischung aufbereitet, noch mehr (auch wortwörtlich) in sich hineinfrisst, wenn das Diner, eben der Treffpunkt aller, immer mehr Fragen ans Gewissen stellt und das Schlechteste aus dem Egoismus des seit jeher Festgewachsenen fördert. Amerika frisst sich bei Mangold oftmals aus dem Innern nach oben=unten, u.a. anhand von Kollegen wie Delores (Deborah Harry), die einem beim Aussichtszaun zu aufsteigenden Flugzeugen noch Süßes vorsäuseln kann und im nächsten Moment Gemeinheiten aus Frust in die Wege leitet, so abgeklärt sie auch an einem Tresen arbeiten muss, der in seiner Gemütlichkeit oftmals auf „Blutgericht in Texas“-Ebenen aufleuchtet. Die Methodik an Hinweisen und Konstruktionen, mit denen Mangold dahin arbeitet, hat er übrigens bis heute nicht abgelegt – es herrscht hier wie dort der Zwiespalt, einen inneren Weg mit deutlich identifizierbaren Mittlern per Script zu unterfüttern, wie sie eher in Filmen denn in der Realität funktionieren, eben die Funktion an sich repräsentieren und doch noch mit einem Feingefühl gehandhabt werden, wie es ihnen vom Genre her normalerweise nicht zuteilwird. Mangold weiß seine geliebten Dysfunktionalen eben in der Filmsprache (erst recht in der höchst exemplarischen Einnahme der Darsteller) zu verinnerlichen, selbst wenn das Drehbuch mit Pflichten auf der Kippe steht, dennoch singuläre Ereignisse und Figuren ins Erfahrungsspektrum des Verdrängens und Verlangens nach Liebe zulässt, wie es einem unsteten ewigen Wanderer wie Wolverine ebenso ins Gesicht geschrieben steht. Die angeschlagenen wie anschlagenden Erwartungen zur Männlichkeit sind hier natürlich stiller als 2017 im Clinch, letztendlich fahren eh alle nebeneinander im selben Auto gen (n)irgendwo, bis sich die Wege trennen und es da ja doch weitergeht.




Wir kurven dagegen weiter zum „Point of Terror“ in Los Angeles lang, genau dorthin, wo uns Peter Carpenter letzte Woche schon zur „Blood Mania“ einlud. Mir war da noch nicht ganz bewusst, in wie viele Bereiche jenes Films er seine Hände stecken hatte, umso deutlicher tritt das hier zum Vorschein, wo ich zunächst noch vermutete, dass Robert Vincent O’Neill erneut die Führung übernommen hätte. Denkste! Alex Nicol heißt der Regisseur hiesigen Erotikthrillers, doch das ist im Grunde banane und einerlei. Inhaltlich gleichen sich die Filme fast bis aufs Haar – also gut, zumindest in den Grundzügen geht es wie dazumal um einen von Frauen umgarnten Toptypen (Carpenter), der seiner Geldsorgen wegen mit einer reichen Dame anbandelt, welche jedoch einen Knacks in der Psyche hat und besonders dann um die potenziellen Besitztümer wettert, wenn eine jüngere Unschuld aus Familienkreisen zu Besuch kommt und besagtem Manne bis zum Trauring den Kopf verdreht…was üble Konsequenzen nach sich zieht! Ganz wie bei Mangold sind die doppelten Lottchen an Filmerfahrung aber keineswegs solche, die sich gegenübergestellt von selbst aufheben, dafür kommt der jeweilige Elan dann doch immerzu auf die tollsten Eigenarten und offenbar sowieso von Carpenter selbst. Schade, dass er, der binnen beider Filme auf Beerdigungen vorstellig wurde, noch im selben Jahr, 1971, einer Gehirnblutung erlag – an ihm ist ein fesches Multitalent verloren gegangen, das vielleicht mehr den Hansdampf in allen Gassen ergab, aber eine solch selbstüberzeugte (nicht immer selbstsichere) Exploitation auffuhr, dass es nur allzu schmackhaft knisterte.


Man siehe dieses Mal allein das Intro, in dem der Herr Hippie’esken Soul am Vorhang vortanzt und mitsingt, den Sänger/Songschreiber Tony Trelos mimt und höchstwahrscheinlich nicht höchstselbst auf der Tonspur trällert. Ja, sieht leicht unbeholfen aus, aber den Mann kann man nur liebhaben; die Schnittstelle zwischen Tony Curtis und Ryan Gosling sehe ich ihm weiterhin an und genauso angenehm gestaltet sich auch sein Beuteschema zur Weiblichkeit. Die erste Freundin ist wieder eine rothaarige Schönheit, Sally (Paula Mitchell), und ein motivierender Anker inmitten seiner Behausung als halber Beachbum, der hinter der fitten Fassade um den Ehrgeiz gegenüber Mutter und Skeptikern auf Lebenszeit ringt, was er in einem One-Take und Schoße genialer Konkretheit so nah wie möglich zum Ausdruck bringt, Carpenter vor unseren Augen transzendierend privat wird. Damit er also die Katharsis erreichen kann, weil es ihm keiner an dieser Stelle abschlagen kann, meldet sich der Zufall in der Standsonne an, in Gestalt der Ehefrau des invaliden Plattenmoguls Martin Hilliard (Joel Marston, fantastisch am Quängeln und mit Phil-Hartman-Ton in der Stimme): Andrea, gespielt von keiner geringeren als Dyanne Thorne, epochenmarkierende Sadomasochistin aus den Ilsa-Filmen. Die gefährliche Verführung ihrerseits ist da allzu absehbar, sobald sie Tony unter ihre Fittiche nimmt, es aber eher insofern auskostet, ihren Gatten vor Eifersucht rasend zu machen – obwohl sie sich da gegenseitig an die Gurgel gehen wollen, funktioniert wohl genau das schon seit einiger Zeit als Beziehungsgrundlage. Das Essig-Syndrom im Menschen!


Mit Tony als neuer vom Mister bezahlter Plattenbengel scheint jedoch eine Spitze der Frechheit erreicht, bei der es kein Zurück mehr gibt. In der Sippe sind die um mehrere Köpfe geworfenen Ultimaten dann auch so blutrot wie Tomaten, mit Farben geizt der Film sowieso nicht, wenn er das Muster mörderischer Intriganz und Erpressung sogar mit den Signalen des Stierkampfs ausstattet. Über welches aus „Blood Mania“ übernommene Element ich mich dann aber doch am meisten freute, war die Rückkehr von Leslie Simms als per Trockengift schnatternde und trinkfreudige Kumpeline Fran – die Frau leuchtet selbst mit unschmeichelhaftesten Perücken und Leopardenfellklamotten auf, dass ich mich frage, warum Tony nicht einfach mit ihr um die Häuser zieht. Gute Freunde werden sie hier ja so oder so, null problemo. Die Kontrolle behält allerdings Andrea, zwingt Tony (und - siehe den tollen Couch-Schlagabtausch - sich selbst) in Abhängigkeiten, die mich an „Love and Mercy“ erinnern ließen und auch hier von einem Engel in blond, Hilliard Tochter aus erster Ehe Helayne (Lory Hansen), errettet werden, mit welcher die schönsten Freizeitaktivitäten unternommen werden, ehe die Provokationen an Eskalationen ihren im Titel erwähnten High-Point erreichen. Der verausgabt sich bis dahin vielleicht mit weniger Sexappeal und Delirien, als es bei O’Neill der Fall war, aber das ordnet ihn vielleicht sogar kurzweiliger in jene Variante der Hardboiled-Seifenoper ein, zwischen deren tollen Damen (und dem perfekten Barpärchen nebenan, als käme es der Funktion aus „Begegnung“ gleich) sich Peter Carpenter deutlich pudelwohl fühlt und dennoch allesamt hart gegeneinander sowie gegen ihn als Versager aus Stolz und Ambition antreten lässt.



  
Gegen sich selbst und die eigenen Schwächen arbeiten zu wollen, tja, darum geht es auch in meinem schon ganz oben angekündigten Darling innerhalb dieser Filmwoche: „Emanuelle – Insel ohne Tabus“. Wieso springe ich gerade auf den Film an, wenn er Laura Gemser ausnahmsweise mal nicht durch Joe D’Amato in die Welt der Sinnlichkeit führen lässt? Ich hätte mir die Frage jedenfalls nicht bei ihrem Einstand als „Black Emanuelle“ im (ich übertreibe mal:) gesteigerten Sextourismus von Bitto Albertinis gleichnamigen Film stellen müssen, aber diese italienisch-venezolanische Koproduktion von Enzo D’Ambrosio und Humberto Morales hat sich auf eine ganz eigene Art ins mediale Vergnügen meinerseits eingepflanzt, welche ihre Hingabe zum Wandel eines Individuums so friedfertig und ehrlich wie die Wenigsten ihrer Epigonen angeht. Im Sinne einer gefühlsmäßigen Orientierung kann man anfangs durchaus einen Mittelweg zwischen „Robinson Crusoe“ und „Die blaue Lagune“ für sich erkennen, doch selbst wenn man auf dem verlassenen Eiland des dort gestrandeten Daniel (Paolo Giusti) begrenzte Möglichkeiten des Erzählens vorzufinden glaubt, konzentrieren sich dann doch zielsichere Erkenntnisse zu Leben, Liebe, Selbsterkenntnis und Respekt für alle Lagen des Daseins heraus, was angesichts der schmuddeligen Umstände ein kleines Wunder darstellt. Beim Rückzug auf eine Insel wie diese liegt es natürlich gerade dann immer im Auge des Betrachters, wie der Entzug, die (un)freiwillige Flucht und die Reflexion zur eigenen und Fassung des Films - der sich natürlich nicht vollends dem Sleaze und seinen extensiven Streicheleinheiten entziehen wird - zu werten ist.


Und da macht er es mir nicht leicht, ihn an euch Leser weiterzuleiten, wenn seine bislang erhältlichen Versionen aufgezoomt und breiig aufs Meer gondeln; die nicht immer kostenintensive Schludrigkeit in Kamera, Schnitt und Tempo ebenso wohl kaum dem Standard entspricht. Wie man’s von mir kennt, sehe ich gerade da aber einen Reiz auf Augenhöhe, der hier z.B. in recht fixen Fragmenten alles zu erzählen schafft, wie Daniel auf das im Meer verfahrene Boot gekommen, im Parallelschnitt von Einsam- und Mittellosigkeit umzingelt ist. Die außergewöhnlichen Töne von Marcello Giombinis Soundtrack machen den einnehmenden Druck der Situation erst recht greifbar, wenn auch eben eher mit solch unruhigem Wabern, das auch auf der Bildebene eine Schönheit voller Widersprüche stattfindet. Jedenfalls klebt man fortan ganz fest an Daniel und seiner nach innen gekehrten Rastlosigkeit dran, die auch dann nicht aufhört, sobald er die rettende Insel bar jeder Ressourcen erreicht. Dass solche Schicksale einen nicht gleich derart stilistisch erschlagen und nerven müssen wie ein „Swiss Army Man“ versteht sich hoffentlich von selbst, entsprechend entschleunigt geht dieser Mann also auf Spurensuche zur Selbstversorgung und trifft dabei via behutsamen Herantasten auf das Geschwisterpaar Heyde (Gemser) und Juan (Nicola Paguone), die seit jeher mit ihrem Vater Antonio (Arthur Kennedy) im Alleingang die Insel bewohnen. Interessant ist bereits da schon, wie Daniel dem Typus des barschen Stadtmenschen in der Situation entgeht, Vorsicht und den personal space beherzigt, ohne sein Gegenüber von Vornherein für dumm zu verkaufen.


Es bahnt sich hier also eine feine Sache Richtung Menschenkenntnis an, bei deren Freizügigkeit in erster Linie mal nicht von Sex die Rede ist. Man merkt Antonio auf jeden Fall schon mal eine harte Linie des Protektionismus an; eben einen Kauz, der nichts von der seiner Meinung nach verkommenen Außenwelt an sich und seine erwachsenen Kids hinein lassen will – so basisch jene Eigenschaften auch klingen, sind Dialog und Umgang zwischen den Parteien dann doch nicht allzu sehr vom Topos gekennzeichnet und leiten ihre Positionen ohnehin mehrmals zur Differenzierung an. Kann auch sein, dass ich sowas übersehe, wenn man daran teilnehmen darf, wie Heyde und Juan der ungenierten Unbedarftheit und Neugier wegen Daniel helfen, dass sich da über die ersten kleinen Gesten (u.a. Feuer, Harpune und Hochprozentiges) ein Austausch entwickelt, von dem alle etwas haben, eben geteilte Plätze anstatt geteiltem Leid. Die insofern noch vorhandene Sucht zur Spritze schlägt bei Daniel zwar immer wieder unter Krämpfen durch, doch am Genesungsprozess dazu öffnet der Film erst recht eine Vielzahl von Stärken: Die Balance zum Natürlichen lässt sich im audiovisuellen Schwebezustand erfassen, die Sympathien bleiben an jeder Person größtenteils auf einem hohen Level und die Beobachtung moralischer Kontraste funktioniert eben hauptsächlich als solche. Die buntesten Zoten bleiben bei Antonio haften, ansonsten bietet der Film eben einen relativ schwärmerischen, doch intimen Diskurs (entgegen) des Alltäglichen – zudem entschlossen abseits des Alltags in der Zivilisation.


Das kann man dem Film als Fantasieerfüllung anrechnen, klar, insbesondere, was die Zuneigung Heydes angeht, doch jene natürliche(re) Erfassung des Zwischenmenschlichen hatte mich zeitweise sogar an die Leichtig- und Knappheit eines Hong Sang-soo erinnert. Gewagte und naive These, ich weiß, weise aber gleichsam auch darauf hin, exemplarisch zu beachten, wie Daniel mit einem schließlich vorbeikommenden Fischer parliert, wie die Entscheidungen im Nachhinein dazu ausfallen und überhaupt wie sich allesamt von bestimmenden Mustern lösen, die teilweise auf ewig über Kino und Realität zu thronen scheinen. Sind wie gesagt durchweg kleine Gesten in einem Werk, das solche Ansätze von außen hin nicht zu erwecken wagt, aber in die verliebt man sich ja bekanntermaßen am ehesten ganz unverhofft. Ich war sogar überrascht, wie der Film letztendlich seine titelgebenden Tabus auflöst, wie packend die Grenzerfahrungen darin zusammenkommen und trotz aller Konflikte über den eigenen Schatten springen können. Solche emotionalen und aufrichtigen Pfade findet man sonst eben auch eher in unterschätzten Begegnungen wie derer mit der „Dark Tide“, wenn es um den Stellenwert des Echten im Genre geht. Falls man also da schon von den Socken war, wie sich die Elemente mit dem Menschen ergänzten und ihre gemeinsamen Aktionen auf eine Dreieinigkeit des Wiedererkennbaren, des Romantischen und des Trivialen einstellen konnten, dann dürfte man hier ebenso ganz geschmeidig die Sehnsucht inhalieren.

Sonntag, 2. März 2014

Tipps vom 24.02. - 02.03.2014 (Oscar-Edition)



GROSSE FREIHEIT NR. 7 - Die Stimme des Individuums ist mitunter eines der wertvollsten Güter, die der Menschheit erst ihre wahre Größe verleihen. Wo, wenn nicht in der Kunst, erleben wir tagtäglich die Bestätigung dafür? Ein leuchtendes Beispiel findet man in diesem Werk von Helmut Käutner, der als Filmemacher im dritten Reich Geschichten auf die Leinwand brachte, mit denen sich zu jener Zeit keiner messen konnte und die auch heute noch ihres Gleichen suchen. Sicherlich gab es in der Nazi-Ära der unterdrückten Kunsterschaffung einige beachtliche Talente, die mehr oder weniger ihren eigenen Weg gehen konnten, ob nun im Ästhetischen, Melodramatischen oder Komödiantisch-Artistischen (nicht unbedingt im Ideologischen).

 
Doch bekommt man mal unter all jenen Erzeugnissen einen waschechten Käutner-Film zu sichten, erscheint es kaum fassbar, dass jener unter den bekannten Umständen so fertiggestellt werden konnte. 'UNTER DEN BRÜCKEN' war ja schon ein bezeichnend-humanistisches Wunderwerk von ihm, 'GROSSE FREIHEIT NR. 7' geht da noch ein Stück weit tiefer in das kontemporäre Deutschland und erforscht dessen unpolitische, sehnsuchtsvolle Seele in überquellenden, leidenschaftlichen Agfacolor-Farben.

 
Geschickter Weise lockt er da seine Charaktere und uns Zuschauer schon mit der bunten, einladenden Revue-Optik der Reeperbahn (nachgebaut in Prager Studios, wo sich doch schon die Außenaufnahmen in Hamburg durch Fliegerangriffe und Ruinen-Skylines schwierig gestalteten) in ein eskapistisches Mekka des deftigen Frohsinns. Schnell wird unserem hyper-sympathischen Protagonisten Hannes Kröger (Hans Albers), Shanty-Sänger im Hippodrom, allerdings die Härte der Realität bewusst, als er seinen von ihm entfremdeten Bruder am Krankenbett verliert. Die Flucht zurück ins Hippodrom soll Ablenkung schaffen, doch das Gefühl lässt sich nicht übersehen.

 
Während andere Filme aus Nazi-Deutschland meist in Komödien und Tanzrevuen die Flucht ins ablenkende Triviale propagierten, befasst sich Käutner gerade dann mit den Sorgen der Menschen, die durch bloße Unterhaltung nicht weggewischt werden können - ein aufrichtiger Ansatz, der sich sodann im Verlauf des Films vollends empathisch entfaltet. Da holt Hannes die vergangene Liebe seines Bruders, Gisa (Ilse Werner) nach Hamburg, fern vom anstrengenden Trott des mühselig-provinziellen Landlebens hinein in die aufregende Großstadt und verliert dabei sein Herz an sie, die er liebevoll 'La Paloma' nennt - er fängt an, sich Hoffnungen zu machen.

 
Das legt sich auch in seiner Performance des beliebten 'La Paloma'-Liedes nieder, welche so schwer und dringlich aufklingt, dass jeder seiner Bekannten im Milieu eine Wandlung an ihm bemerkt. Im Zeitalter der Gleichschaltung durchaus beachtenswert, erst recht, da dieser Stimmungsumschwung nicht mit bösartigen Argusaugen beobachtet wird, sondern mit Herz für den hanseatischen Barden. Denn so sehr er sich auch auf dieses neue Glück freut, so hadert er doch noch immer schweren Herzens mit seiner Verbundenheit zur alten Braut, der See.


Wovon er allerdings noch nichts ahnt, ist die sich langsam entwickelnde Romanze zwischen Gisa und dem gewitzten Willem (Hans Söhnker), dessen Lebensmotto sich schon von der ersten Szene seines Charakters abzeichnet, in welcher er mit der Hand am Automaten, auf dem 'Wer wagt, gewinnt' steht, erstmals die unschuldig-begehrenswerte Deern erblickt. Trotz aller Sympathie für unseren Hannes nehmen wir es den Beiden nicht übel, dass sie schlussendlich zueinander finden. Doch dem Verbliebenen wünschen wir durchweg sein persönliches Glück und fiebern mit ihm mit, wenn ihm obgleich aller handfester Bemühungen und aller süßer Gesten die persönliche Erfüllung nicht gelingt.

 
Regisseur Käutner schaut da mit warmem Geschick ins menschliche Herz, setzt mit der Lichtführung auf offenbarend-aufscheinende Augenpartien inmitten des milchigen Hafen-Ambientes und erspäht in einvernehmlicher Vermittlung die natürliche Ungezwungenheit & Leidenschaft seiner Darsteller in detailliert-anschmiegender, doch realistischer Umgebung - fern von plakativen Schwank oder schwülstig-konstruierter Melodramatik, nahe an den herausschwemmenden Emotionen in der meisterhaften Mimik seines Ensembles. Das geht sogar so weit, dass Käutner sich in die fantastisch-expressionistischen Träume seines Hannes begibt. Das Aufzeigen einer individuellen Gedankenwelt: in jeder Hinsicht eine absolute Besonderheit im Kino des dritten Reichs, erst recht in solch einem humanistischen Kontext.

 
In jenen Träumen erkennt man dann nochmals Hannes Zwiespalt zwischen seinen zwei Liebeleien, jeweils mit Gisa und mit der See - die Hoffnung auf das letztendliche Glück lässt ihm so oder so keine Ruhe und versetzt ihn sowohl in wütende, als auch engagierte Ekstasen, die ihre bittere Fallhöhe mit der Erkenntnis davon erleben, dass Gisa sich doch für den Anderen entschieden hat. Dass er nach diesen niederschmetternden Stunden der Einsamkeit allerdings doch erkennt, dass ihn die See und seine alten Kumpels stets mit offenen Armen empfangen und schlicht mit einem Lied allesamt wieder Mut fassen können, entlädt sich sodann auch beim Zuschauer.


Und selbst wenn ich jetzt versucht habe, ein Stück weit das Geschehen dieses Films zu umschreiben, dürfte es mir doch letztendlich unmöglich sein, adäquat auszudrücken, inwiefern mich die 'Große Freiheit' doch tief packen konnte, mich und seine Charaktere mit unendlicher Würde & Liebe aufnahm und von Anfang bis Ende unter die Arme griff. Ebenso unmöglich erscheint es ohnehin, dass so ein einfühlsamer, universeller und doch 100%-ig eigenständig-leidenschaftlicher Film unter dem wachsam-misanthropischen Auge eines Goebbels durchsickern konnte (man bemerke auch die im Film dargestellte, leicht furchtsame Gewitztheit gegenüber der durch einige Wachtmeister repräsentierten Obrigkeit) - Gott sei dank ist es Käutner geglückt und uns erhalten geblieben, dieses Abbild von echten Menschen aus einer finster-unheilvollen Zeit.




LOBSTER - EPISODE 6: DAS KIND - Heute habe ich die Ehre, zum leider letzten Mal über eine Episode der nur 6-teiligen LOBSTER-Serie zu berichten. Es betrübt mich schon einigermaßen, dass zu jener Zeit nicht noch mehr Staffeln in die Wege geleitet wurden und somit ein allumfassend-befriedigender Abschluss nicht gewährleistet werden konnte. Und dennoch bin ich froh, zu guter Letzt doch noch eine der besten Folgen gesichtet zu haben, die alle eigensinnigen Stärken der Sendung nochmal wunderbar zur Geltung bringt.

Das Thema Familie war schon immer eine feste Grundlage für die Abenteuer des Privatdetektivs Lobster, welcher gemeinsam mit seiner Tochter Ellen den Alltag zu meistern versucht, um die Miete zu bezahlen und dafür jeden möglichen Job annimmt - Hauptsache, man bleibt eine Einheit. In dieser Folge mit dem bezeichnenden Titel 'DAS KIND' strebt der humanistische Familiensinn nach neuen, gütigen Wegen und bemüht sich am schlussendlichen Pfad der Wiedergutmachung um jene Empathie, welche diese Serie von Anfang an so besonders machte.


Ausschlaggebend dafür steht bereits wie so oft das Gespräch zwischen Vater und Tochter am Frühstückstisch, wo er von einem Briten berichtet, der angeblich aus 100 Pfund mit einer Rasierklinge 200 machen konnte. Lobster selber würde das auch gerne mit 100 D-Mark hinkriegen, wobei ihm Ellen aber klar macht, dass sie im Augenblick ja nur 10 Mark zur Verfügung hätten. Ihr reicht das aber schon aus, um sich per Bus und Bahn nach neuen Minijobs umzuschauen - alles im Lot also. Bei Lobsters ist das Himmelreich nämlich ohnehin schon auf Erden, wird die Schlafzimmertür doch wie gehabt von einer blauen Himmels-Tapezierung umschlossen. Auch der Herr Papa ist guter Dinge und drängt wie gehabt nicht darauf, unbedingt einen Auftrag anzunehmen - erst, als er Ellen im spielerischen Ton seine Erhabenheit beweisen will, geht er darauf ein und schon landet ausgerechnet ein Scheidungsfall vor seinen Füßen, bei dem er einen gewissen Giuseppe Scaffi für eine Zeugenaussage aufsuchen soll.


Bei dem zuhause findet er aber nur dessen Sohn Nicky (der noch heute in Krimiserien aktive Oliver Lentz) vor, der selber nicht zu wissen scheint, wo sein Vater steckt und der seine Freizeit in einer verlassenen, vermüllten Fabrik mit Schießübungen verbringt. Lobster probiert zwar über ihn eine Lösung zur Suche nach dem Zeugen zu finden, ist da aber noch immer ein ausgesprochener Menschenfreund und bietet dem scheuen, flinken Jungen seine Freundschaft an - schließlich ist er auch ein Familienmensch und weiß mit Kindern umzugehen, erfüllt daraufhin gewisse Anwandlungen einer Vaterfigur; liegt es ihm daran, wenn's schon nicht mit dem Geld klappt, sein wahres Glück (die familiäre Einheit) auf diesem Wege zu teilen? Zudem setzt er sich auch wohlmeinend in Kontakt mit der mütterlichen Tante des Jungen, von der er erfährt, dass Giuseppe mit seiner Geliebten (Mascha Gonska) davonsegeln möchte.

 
Nun nutzt Lobster sein etabliertes Vertrauen bei Nicky etwas perfide aus, um den Job möglichst kurz und schmerzlos über die Bühne zu bringen - verklickert ihm, dass sein Vater bereits ohne ihn abgedampft sei, was dieser zwar skeptisch, aber doch nervös beäugt; jedenfalls Lobster auffordert, ihm nicht hinterher zu spionieren, worauf dieser auch bereitwillig eingeht. Der Trick bei der Sache ist: Lobster schickt Ellen voraus, um Nicky zu folgen und so den Aufenthaltsort seines Vaters zu erspähen. Beachtlich wirkt allerdings, dass diese leicht verschämte Spionage auch als erster, neugieriger Annäherungsversuch einer großen Schwester zu ihrem faszinierenden, neuen Brüderlein gelten könnte, so wie sich Lobsters väterliche Beziehung zu dem Jungen bis hierhin entwickelt hat.


Wer aber mit der Rasierklinge sein Glück zu teilen versucht, begibt sich unweigerlich auf gefährliche Pfade. Sobald Lobster nämlich dem angeblichen Anwalt seines Klienten (dessen Namen er nicht mal weiß) die Position vom Herrn Scaffi mitteilt und von jenem kalt dahersprechenden Rechtsvertreter fix abgewimmelt wird, entsteht in ihm schnell kombiniert der Verdacht, dass er offenbar einen Fehler begangen hat - ruft daher seine Kollegen bei der Polizei an, ebenfalls schnell vor Ort zu sein. Doch jede Hilfe kommt zu spät: Nicky muss mit ansehen, wie seinem Vater in den Kopf geschossen wird und Lobster erblickt in Folge dessen aus schuldbewusster Distanz den verstörten, einsamen Jungen.
Ein introvertierter, tief-bitterer und von der Kamera sorgsam eingefangener Moment des Leidens.


Lobster will es ihm wieder gut machen, in gewisser Weise die Erwartungen einer Vaterfigur erfüllen und den Mörder aufsuchen (was er auch der besorgten Tante Nickys hoch versprochen hat). Dass er ihn dabei in der alten Fabrik zusammen mit 'der neuen Schwester' Ellen aufsucht, ist zwar ein gewisses Schuldeingeständnis beider, da sie ja fataler Weise zusammen ein Kind ausgetrickst haben, wird aber von Nicky so gedeutet (da er Ellen wiedererkennt), dass Familie Lobster den Mord an seinem Vater verübt hat - flüchtet sodann zurück in die finster-verdreckte Einsamkeit des verrosteten Fabrikgeländes.

 
Nun ergibt sich Lobster erstmals in der Geschichte der Serie dem Suff aus Frust, macht sich selbst Vorwürfe, ein Schwein und ein Idiot zu sein. Ihn plagt die Schuld und auch Ellen, die besonnen hinzu kommt, erkennt ihm diese an, fördert aber aus ihm heraus, dass er sich aufrappelt, um Wiedergutmachung zu leisten - selbst wenn er sich vorher noch ordentlich auskotzen muss. Schließlich beginnt er erneut mit cleverer Härte die Ermittlungen aufzunehmen, verlangt von der Geliebten Scaffis direkte Antworten, forciert darin aber inständig, dass er es dem Kind zuliebe macht und kommt somit geradewegs auf die Spur seines schwer auffindbaren, doch mörderischen Auftraggebers - welcher nach einem unscheinbaren Gespräch den 'Anwalt' nun auf Lobster ansetzt.


In dem spannenden Finale der Geschichte bricht der verzweifelte und zur Rache entschlossene Nicky in Lobsters Wohnung mit seinem Gewehr ein, um diesen aus dem Hinterhalt, sobald er nach Hause kommt, zu erschießen. Eine wahrlich bittere Wendung, wenn Nicky nicht bemerken würde, dass der Auftragskiller ebenfalls seinen Weg in die Wohnung bahnt, weshalb er sich im heimeligen Schlafzimmer mit dem Wolkenhimmel versteckt. Durch ein Geräusch lenkt er die Aufmerksamkeit auf sich und läuft dadurch Gefahr, in diesem 'neuen Zuhause' vom Killer erlegt zu werden. Doch Lobster ist schnell zur Stelle und macht den Mörder mit einem Schuss in die Schulter unschädlich.


In diesen letzten Momenten der Serie gelingt ihm ein Gefühl der Geborgenheit und Genugtuung für diesen einsamen, zwischen seinen Emotionen hin- und hergerissenen Jungen und erlebt im Gegenzug seine ultimative Vergebung - ein universelles, befreiendes und bewegendes Einverständnis; der Wiederaufbau einer 'Familie'. Diese gezwungenermaßen letzte Episode im Lobster-Zyklus stellt zwar wie gesagt keinen dramaturgisch auflösenden Abschluss des Gesamtkonzepts dar, funktioniert aber dennoch als vollends befriedigende Konzentration der lieb gewonnenen Elemente der Serie. Regisseur Geissendörfer geht dabei erneut mit einem audiovisuellen Verständnis heran, das sich ebenso effektiv in der nachvollziehbaren Charakterzeichnung seiner gebrochenen und herausgeforderten Figuren widerspiegelt - wobei Lobster hier so stark wie noch nie an die ethischen Grenzen seines (nur bedingt Genrekonventionen erfüllenden) Berufes gerät und deren bittere Konsequenzen erleben muss.

Und dennoch setzt er ein Zeichen der Hoffnung und der Güte, mit dem man jeden frühen Morgen erneut familiär und verschmitzt zusammensitzen kann, auch wenn einem Geldsorgen im Nacken sitzen - solange der soziale Wille jede herankommende Herausforderung in gemeinsamer, lockerer Einheit zu bewältigen versucht, lässt es sich leben. Die dunklen Seiten jenes Lebens mögen zwar um jede Ecke lauern, aber es gilt, sie nicht bloß mit der groben Kelle zu vertreiben, sondern mit einem verständnisvollen Sinn für Gerechtigkeit, auf allen Seiten, zu konfrontieren. Die Welt, die diese Serie für sich erschaffen hat, mag zwar in den Augen mancher zeitgenössischer Kritiker weit hergeholt gewesen zu sein. Ich jedenfalls würde mich nur allzu gerne freuen, wenn mehr moderne Krimiserien einen derartig bodenständigen und empathischen Ansatz anhand ihrer Pro- und Antagonisten versuchen könnten, anstatt dem reißerischen Genre-Konsens zu gefallen - dabei tatsächlich mal die Schwarz/Weiß-Färbung ihrer Weltanschauungen auszusortieren. LOBSTER hätte in seiner Umsetzung eben dieser erfrischenden Komponenten noch mehr Unterstützung verdient gehabt, so aber bleibt uns auf ewig - in 6 abgeschlossenen Fällen - der eindrückliche Beweis für die erstrebenswerte Wirkung von Geissendörfers ambitioniertem Konzept. Hut ab!




BREAKING POINT - Schon der Vorspann versetzt den Zuschauer in unangenehme Verwirrung. Wissend, dass er es hier mit einem schwedischen Film zu tun hat, klatschen ihm nämlich eine ganze Reihe amerikanisierter Pseudonyme entgegen. Nun ist das ja für ähnliche Produktionen nichts Unübliches, sich international zu geben, erst recht da Stab & Besetzung wahrscheinlich aufgrund der zahlreichen Hardcore-Einstellungen lieber bedeckt bleiben wollen. Doch hier tauchen recht zweifelhafte Namen auf, wie 'Anton Rothschild' als Hauptdarsteller, 'Adolf Deutch' als Nebendarsteller und 'Urban Hitler' für die Spezialeffekte. Regisseur Bo Arne Vibenius, der sich selbst die Pseudonyme 'Ron Silberman Jr.' und 'Stan Kowalski' gibt, bereitet uns damit schon auf das nachfolgende Greuelspektakel vor, das sich in die niedersten Fantasien eines soziopathischen, potenziell schizophrenen Bürgers begibt.


Dem geistern nämlich (über die fortlaufende Tonspur verteilt) Babygeschrei und eine wiederholt auftauchende Zither im Kopf herum, als 'er' scheinbar zwischen der Finsternis eines Fahrstuhls und einer vollkommen abgedunkelten Wohnung eine Frau attackiert, kurz vergewaltigt und dann (im Off) einen Aschenbecher über ihren Schädel eindrischt. Wer der Täter wirklich ist, lässt sich nicht erkennen; auch wirkt die Szenerie an sich komplett irreal, wenn auch fortwährend unheilvoll. Dieser Umstand setzt sich einvernehmend im Film fort und stellt provokant in Frage, wie viel im Kontext der Handlung schlicht in der Fantasie der Hauptfigur geschieht (schon früh verdeutlicht an einer Szene, in welcher jener Mann Bilder von Modellzügen betrachtet und dazu passende Geräusche in seinem Hirn dröhnen).

 
Jedenfalls erfährt unser 'Protagonist' - ein griesgrämig-dreinschauender, korrekter Büroarbeiter mit Hornbrille - im Fernsehen erst vom soeben geschilderten Überfall, der von diskutierenden TV-Moderatoren einerseits verurteilt wird, welche aber anderseits den Frauen der Stadt zu verstehen geben, dass sie sich nicht gegen den rumlaufenden Vergewaltiger wehren sollen, da es keinen Zweck hätte - sie würden so oder so vergewaltigt (!). Der Büroarbeiter, der im sphärisch-treibenden Elektro-Takt mechanisch, aber mächtig Dokumente abstempelt und dabei ohnehin in einem phallisch-herausragenden Hochhaus malocht, erblickt sodann eine seiner Mitarbeiterinnen, wie sie vor ihm an ihren Brüsten rumfummelt, weshalb er sich entschuldigen lässt.

 
Das Leder seiner Schuhe und seiner Aktentasche knirscht mit überwältigender Präsenz, als er sich in die neon-verkeimten U-Bahn-Schächte der Großstadt begibt, wo er bald aus dem Schatten heraus eine junge Frau erblickt und ihr langsam, aber bedrohlich folgt. Schließlich überrascht er sie in ihrer Behausung, umgeben von beschwörenden Nebelfluten - zwingt sie zum Verkehr in quälend langen Einstellungen, eingehüllt in einer faux-romantischen Feuchtigkeit. Dieses Szenario mit seiner inkonsequenten Auflösung (er entschwindet in den Nebel zurück und findet sich abermals wieder im Büro ein) erweist sich als ebenso befremdlich wie die Eingangssequenz und dürfte gleichfalls der naiven Eroberungsfantasie des Büroarbeiters geschuldet sein.


Diese steigert sich sodann in härtere Extreme hinein, als die Regierung Gutscheine austeilt, mit denen man sich Waffen gegen den läufigen Vergewaltiger besorgen kann. In einer fanatischen Ironie besorgt sich der Büroarbeiter auf diesem Wege dann einen Revolver mit extraordinärer Munition von einem misanthropischen Händler, der es allzu gerne sehen würde, dass die Straßen 'aufgeräumt' werden. Dieses neue Symbol der Macht geht dann auch 'harmonisch' einher mit seinem unscheinbaren, neuen Mietwagen, mit dem er nun in provinzieller Tristesse seine Opfer aufsucht (die sich ihm sofort Kleider-entledigend ergeben), von denen ihm allmählich ein Stück Gegenwehr entgegenschlägt, welches aber sodann zu deren infernalischen Tode führt - allerdings immer wie ein Unfall scheint, bei dem der 'Angreifer' schlicht zum Beobachter wird. Stellt er sich da einfach nur vor, dass er all dies herbeigeführt hat?

 
'BREAKING POINT' wird nicht umsonst als 'pornographischer Thriller' gehandelt, legt er doch nicht unbedingt die Geschlechtsmerkmale seiner Darsteller, sondern die verkommene, sexuell-sadistische Gedankenwelt seines Subjekts drastisch und explizit offen. Die Gefährlichkeit eines (Genre-gemäßen) psychopathischen Hirns wird dabei spürbar anhand der Gewalt an der nachvollziehbar-bekannten, sensitiven Körperlichkeit vermittelt. Die fiebrige, audiovisuelle Spannung von Vibenius, der seinen in 'THRILLER - EN GRYM FILM' aufgebauten Seelenterror hier noch konsequenter und kälter bemächtigt, fühlt da erbarmungslos auf den Nerv und fordert uns stets heraus, wie viel wir vom Gezeigten an uns herankommen lassen wollen.

Besonders hundsgemein, aber auch höchst geschickt und effektiv-verstörend stellt sich sodann eine spezielle, furchterregende Sequenz heraus, in welcher der Büroarbeiter nach einem kurzen Ausflug auf einem Spielplatz ein kleines Kind abholt und mit dem Auto in ein abgelegenes Waldstück fährt. Während auf dem Soundtrack eiskalte, doch heimelige Synth-Flächen eine gewisse, unheilvolle Ruhe ausstrahlen, verharrt die Kamera auf der verschneiten Natur, ohne nähere Einsicht auf das Auto, wodurch einem als Zuschauer schon unweigerlich grausiges Kopfkino entsteht - wo wir doch wissen, was das Monster von Hauptfigur bis hierhin alles angestellt bzw. sich vorgestellt hat. Als dann aber nach einem Umschnitt auf das Innere des Autos offenbart wird, dass die Beiden lediglich Süßigkeiten naschen, entspannt sich die Lage beim Zuschauer jedoch keineswegs.

 
Einerseits, weil Vibenius mit dem 'Süßigkeiten-Naschen' alteingesessene Urängste über Pädophile bedient und es damit ebenso als Sinnbild für Kindesmissbrauch stehen lässt - andererseits aber erst recht, da er mit seiner vorangegangenen expliziten Sexualgewalt Vorstellungen in jenem Kontext entstehen lässt, die uns als Zuschauer unfassbar herausfordern und nochmals forcieren, dass 'BREAKING POINT' zwar als pornographischer, aber nicht erregender Film über einen krankhaften Gedankenablauf verstanden werden will. Eine bewusst zweifelhafte, potenziell unverantwortliche Methode und wie gesagt ein durchaus schockierender Trick, nichtsdestotrotz beachtlich wirkungsvoll.


So erleben wir die nachfolgenden Szenarien vollends als soziopathisch-phantastisches Gedankenkonstrukt, in dem die Hauptfigur u.a. innerhalb der (bewusst ausgewählten) unschuldigen Naturlandschaft Anhalterinnen aufgabelt, die sich sofort geil an ihn ranschmeißen (allerdings ohne entsprechenden Gesichtsausdruck und dank der klobig-entrückten, englischen Synchro offensichtlich artifiziell) und am ledrigen Schaltknüppel vergehen (der Fokus auf Leder im Film fördert ohnehin sadomasochistische Tendenzen zu Tage). Auch als unser Bürohengst von ein paar langhaarigen Gangstern (die sowieso schon die Stadt beherrschen und Leute terrorisieren, wogegen niemand was zu unternehmen scheint) entführt wird, übt sich der Zuschauer in Ungläubigkeit, sobald er verschmitzt zum Revolver greift und die Entführer in die Luft jagt, gefolgt von einem Polizei-Helikopter und einigen unschuldig vorbeifahrenden Autos (durch welche er bezeichnenderweise zwischen rast, als wären sie die verängstigten Schenkel einer Frau).


Diese Handlungen spielen sich schlussendlich in einer letzten Traumsequenz nochmals vor seinen Augen hyperrealistisch, aber bruchstückhaft ab - zeigen dabei auch Einstellungen und Details auf, die wir so vorher nicht in den jeweiligen Szenen gesehen haben, woraufhin nochmals deutlich wird, wie vergänglich die 'Realität' jener Sexualattacken war, die visuell jetzt ohnehin eher in Verbindung mit der Gewalt des phallischen Revolvers gebracht werden. Zu guter Letzt enthüllt Vibenius, dass sein krankhafter Protagonist am Flughafen Frau und Kind abholt, als sei nie was gewesen. Höchstwahrscheinlich ist ja auch nie was gewesen, jedenfalls nicht im physischen Rahmen. Psychologisch gesehen ist in ihm aber die Welt in Flammen aufgegangen, was auch beim Zuschauer einen bitteren, ungemütlichen Nachgeschmack hinterlassen hat.


Ganz fieses, dreckiges und gefährlich-provokantes Rape-Terror-Exploitationkino aus Schweden - aber auch eine heutzutage fast undenkbare, drastisch-horrible Dekonstruktion von Pornographie als morbides, unterkühltes Gesellschafts-Schauerstück. Keine leichte Angelegenheit, aber eine einschlagende Erfahrung.




NINJA - PFAD DER RACHE - Isaac Florentine beweist mit dieser Fortsetzung zu seinem eigenen 'NINJA - REVENGE WILL RISE' (2009) endgültig eindringlich, dass er nicht nur auf dem DTV-Sektor ein fantastischer Kenner seines Faches ist, sondern auch allgemein einer der wenigen, verbliebenen Filmemacher sein dürfte, die wirklich wissen, was ein echter Actionfilm ist.

Der in 'NINJA: SHADOW OF A TEAR' wirkende Rache-Plot entbehrt jeder größeren Überraschung, schneidet aber jedes unnötige Fett weg und verläuft herrlich geradlinig und ironiefrei, zudem ungemein kurzweilig in seinem durchweg souveränen Fokus auf logische Kinetik im Narrativ. Ebenbürtig dazu fusioniert sich die Schauspielkunst von Scott Adkins, dessen mimische Spannung, wie auch körperliche Präsenz, unvergleichbar präzise, subtil und ehrfürchtig das Bild beherrschen.


In diesem konzentrierten Konstrukt erblühen sodann wunderschöne, artistisch-knallharte Ekstasen der Kampfkunst und Stuntarbeit. Die rasante Intensität der Martial-Arts-Gefechte steigert sich auf dem Pfad der Rache kontinuierlich ins Unermessliche, hitzt sich mit brennender Leidenschaft in Myanmar auf, im Taumel glühender Schweißperlen des Neon-Dschungels. Wie Adkins darin seine zahlreichen Überwindungen leistet, mit infernalischer Muskelkraft und schnörkelloser Cleverness seinen Weg bahnt, lässt sich mit jeder Pore seines Körpers erspähen und spüren.


Die magische Zutat dafür entfaltet sich in der glasklaren, zielgerichteten Kameraarbeit, die im Vergleich zu anderen ähnlichen Produktionen, das Subjekt des Geschehens stets im übersichtlichen Auge hat und auf neo-eskapistischen Firlefanz wie Shakey-Cam aufrichtig verzichtet, stattdessen der einvernehmenden Ästhetik der Dollyfahrt vertraut und das Augenmerk der Kampfchoreographie in atemberaubend langen, erfrischend-kohärenten Halbtotalen zelebriert - zusätzlich mit pointiert gesetzter Intensität anhand von Nahaufnahmen, Zeitlupen-Einsätzen und streng logischer Tracking-Erforschungen.


Bemerkenswert dazu erscheint auch das beinahe gänzliche Fehlen von CGI-Kreationen. Wenn diese auftauchen, dann nur zum Dienste der Handlung, sprich schlicht, wenn man u.a. am Horizont der Nacht die geheime Station des Obermotzes erblickt oder wenn ein Giftröhrchen mit Blitz-artiger Geschwindigkeit in den Hals eines Gegners schießt. Alles andere Effektvolle wird praktisch gelöst - mit wahrhaftig spritzenden Blut-Squibs, famoser Pyro-Technik und glaubwürdigem Make-Up. Ohnehin spielt die Glaubwürdigkeit eine massive Rolle in der Vermittlung der Action: Adkins ist kein Übermensch, da stellen sich seine Kämpfe zwar als schlagfertig, aber auch bodenständig und roh heraus. Die Gegner bleiben stets auf geringer Distanz und bedienen sich dabei auch zum eigenen Vorteil den Gegebenheiten ihrer Umgebung, die er reaktionsschnell & wagemutig abzuwehren hat.


Nun könnte man meinen, dass ihm brachiale Genre-Wut von Natur aus den Weg ebnen würde und tatsächlich demonstriert er nach einer Runde Frustsaufen, wie flink und einkrachend er seine Macht ausdrücken kann. Als Meister des Ninjitsu kommt er aber erst ans Ziel, wenn er seine Fähigkeiten mit bedachtem Geschick einsetzt (bezeichnenderweise liefert ihm der Wutanfall vom oben genannten Frustsaufen keine relevanten Ergebnisse). Da heißt es für ihn, mit stilvoller Präzision ein Zeichen zu setzen, die Gegner mit gezielten Treffern unschädlich zu machen, anstatt deren eventuelles Leiden allzu lange auszukosten, selbst wenn sie sich mit eben solcher Härte dagegen wehren - eine spannende Konfrontation verschiedener Kampfkünste entsteht so oder so allemal.

 
Und das ist schlussendlich auch die essenzielle Qualität von Florentines Film. Er besitzt ein geradezu instinktives Gefühl dafür, wie ein guter und wirksamer Actionfilm funktioniert, vollkommen unabhängig von schmückenden Plot-Verknotungen und unvorstellbaren Schauwerten aus dem Computer. Allein die Beherrschung des menschlichen Körpers ist eindringlich und effektiv genug, in der Kampfkunst und auch in der konzentriert-direkten Darstellerführung durch Regie und Dialog. Und wenn sich dem ein angenehm-funktioneller Narrativ, fabelhaft-kohärente Kameraarbeit und ein ebenso bescheidener Musikscore unterordnen, erhält man in der Konsequenz ein wahrhaftig aufregendes, essenzielles Genre-Sahnetörtchen.

Auch wenn die narrative Grundlage keine Überraschungen bietet: ein zielgerichtet-genüssliches, abgerundetes Gericht macht einen mit hoher Wahrscheinlichkeit eher zufriedenstellend satt, als ein wild-komplexes Konglomerat aus verschiedenen Geschmäckern der prätentiösen Herausforderung wegen - nirgendwo sonst als im Action-Genre wirkt diese Faustregel stärker und Florentines zweiter NINJA verkörpert sie so kongenial wie es kaum einer kontemporären, breitgewalzten Hollywood- oder EuropaCorp-Produktion zu gelingen vermag.




JUSTICE LEAGUE: WAR - Jay Oliva meldet sich zurück mit seiner etwas freien Adaption des aktuellen JLA-Neustarts (in Deutschland erschienen als Band 'DER ANFANG'), welcher die beliebten DC-Helden versammeln lässt, um gegen die unaufhaltbare Macht des intergalaktischen Fieslings Darkseid anzutreten, der keine weitere Motivation braucht, als die Erde apokalyptisch zu unterjochen. Von daher ist der Plot eine relativ übliche Angelegenheit und bemüht sich um eine möglichst gering gehaltene Fallhöhe, um das titelgebende Actionspektakel effektiv-großflächig entfachen zu lassen.


In dem Fall erscheint dieser Umstand aber recht begrüßenswert, gibt er Oliva doch den angemessenen Freiraum, seine erfahrenen Stärken in visueller Kinetik und genüsslichen Krachbumm-Mänövern auszuloten (trotz noch immer leicht klobigen Animationsstil). Die Charakterzeichnung der einzelnen Superhelden-Mitglieder geschieht sodann portionsweise auf dem Weg dorthin, während diese natürlich lernen als Team zusammenzuarbeiten - und da macht sich bei jedermann ein Gefühl breit, das man aus dem DC-Film-Universum fast vergessen haben könnte: herrlich dümmlicher Spaß, selbst in einer derartigen Krise.

 
Witzfiguren sind zwar keineswegs im Team vorhanden, aber der bisweilen lockere Umgangston bringt ein gutes Stück sommerliche Frische in die Muskel-Bande, mehr noch als in der Vorlage: nennenswert seien da die schlagfertigen Wortgefechte zwischen Batman und Green Lantern, die fast schon peinlich-naive Overpowered-Fish-out-of-Water-Einführung von Wonder Woman (welche in einer wunderbar bekloppten Sequenz den Präsidenten und Air Force One vor Aliens rettet) und das jugendliche Großmaul von Shazam. Der buhlt übrigens ebenso wie Superman um die Aufmerksamkeit der heißblütigen, doch knallharten Amazone WW - wenn mal gerade keine außerirdischen Roboter angreifen.

 
Apropos Roboter: der wohl spannendste Anteil findet sich in der Origin-Story von Cyborg, einem vielversprechenden Football-Spieler, der durch die Portal-Bombe Darkseids in Lebensgefahr schwebt und letztendlich mithilfe seines Vaters (der nie zu den Spielen seines Sohnes kam, weil er sich zu sehr mit der Wissenschaft beschäftigte) eine brachiale, kibernetische Fusion zur Lebenserhaltung erlebt. Der Junge hat durchaus Potenzial für die große Leinwand (auch wenn sein Schicksal an ROBOCOP und den SECHS-MILLIONEN-DOLLAR-MANN erinnert) und wäre eine nette Abwechslung zur x-ten Batman- oder Superman-Neuerzählung, wie dieses DTV-Animationswerk hier beweist.

 
Ohnehin scheint sich Oliva weniger am bekannten, kinematischen DC-Output orientiert zu haben, sondern eher an Whedons 'AVENGERS', der derzeitigen Referenz im eskapistischen Comic-Team-Up-Genre. Es wird untereinander gezankt, geschubst und schief angeguckt, doch wenn die Außerirdischen die Welt beherrschen wollen, gibt's Saures - alle Fähigkeiten werden stilvoll kombiniert, taktisch konzentriert und in massiven Sachschäden umgesetzt (welche übrigens anfangs noch von Demonstranten verurteilt werden); mit klarem Fokus auf die Eigenmacht Darkseid, der man erst ganz profan die Augen ausstechen und dann mit großer Mühe in ein interdimensionales Loch stecken muss. Ganz simples Konzept; ganz angenehme, zielstrebige Launigkeit - wie geschaffen für Popcorntüten im Juli (auf die Zeit freue ich mich ja schon wieder).

 
Von daher sollte man keine tiefsinnige Reflexion über das Dasein eines Superhelden erwarten (auch wenn ein angemessener Anteil davon im Handlungsverlauf suggeriert wird) - eine herzlich doofe, doch effektiv-kurzweilige, heroische Pyro-Schau im latenten Anime-Stil, mit ekliger Alien-Technologie, für knapp 80 Minuten Laufzeit, ist aber auch nichts Verkehrtes. Let's get nuts!




DER ÖFFENTLICHE FEIND - Eine archetypische, knallhart-nihilistische Gangster-Story in reduziert-nüchterner Stilistik zwischen uramerikanischen Stationen des ersten Weltkriegs und der Prohibition. Endlose Nachfolger jener Formel im Verlauf der Jahrzehnte haben natürlich inzwischen den hier konstruierten Spannungsbogen abgeschwächt, lassen ihn arg vorhersehbar erscheinen. Sehenswert bleibt der Film dennoch aufgrund der einschlagend-souveränen Newcomer-Performance von James Cagney, die schon von Anfang an so fantastisch funktioniert wie in seinen späteren Arbeiten (diese Sonderstellung erkennt der Film sowieso an, lobt er Cagneys spezielle Eigenschaften doch anhand der Schwärmerei Jean Harlows). Und allein mit welcher Wucht die finale Einstellung jede Hoffnung wegfegt, ist schon ein beachtliches, wenn auch konsequent moralisches Highlight.




TICKET ZUM HIMMEL - Eine strukturell-naive, aber unter dem familienfreundlich-konservativen Deckel emotional-ehrliche (bzw. offen-verträumt, siehe Polly und ihr Voiceover) Coming-Of-Age-RomCom der 80er Jahre, die genauso niedlich und harmlos daherklimpert wie das E-Piano, welches den Soundtrack des Öfteren besucht. Mehr will der Film auch nicht sein, ahnte er wohl schon, dass keiner dem Witz & Herzschmerz eines John Hughes (und seines im selben Jahr erschienenen 'BREAKFAST CLUB') gewachsen sein dürfte. Sowieso mehr ein Mädelsfilm, wie soll ich da mitreden können?

P.S.: Finde es trotzdem weird, wieviele Kinderdarsteller hier teils halbnackt miteinander rumknutschen dürfen. The 80's, man... 




POMPEII - Ach ja, Paul W.S. Anderson - wie arg zweckmäßig und fad sein Cast und sein Plot hier agieren, kann ich durchaus verzeihen. Ihm gelüstet es doch ohnehin eher, mit seiner ausgesprochenen Vorliebe für die herausragende Tiefenwirkung von 3D die detaillierte Architektur des antiken Pompeiis greifbar zu machen und diese nach einer geschlagenen Stunde fühlbarer Ungeduld seinerseits mit eindrücklicher Imposanz minutiös in Schutt & Asche zu legen.


Und siehe da, sobald alle liebevoll zerbröckelten Gebäude vom feurigen Regen verschlungen werden, erschafft er aus der aufopferungsvollen Liebe einer Wendy-Romantik der heiß-schmollenden Augenweide Emily Browning eine wunderschöne Statue des ekstatischen Leidens - eine gnadenlos naive, schöne Poesie zu einem gnadenlos adäquaten Spektakel. Von daher eine hochprozentig harmlose Angelegenheit...und eine schick-versierte Pyro-Schau, leider ohne dramatische Stringenz, aber das habe ich sowieso erwartet.


Unterhaltsamer war da allerdings eine erwachsene Frau im Sitz neben mir, die bei jedem Anflug von allzu harter Gladiatoren-Gewalt verschreckt zusammenzuckte oder einfach mal minutenlang das Gesicht in ihren Schoß legte - und das bei so einem gemächlichen FSK-12-Film. Hab gut gelacht, wie schon bei den Groschenroman-ähnlichen Pferdeflüsterer-Sequenzen.




MICHAEL - Ein Trupp problembehafteter, skeptischer Sensationsreporter geht auf formelhaft-fröhlichen, weichgespült-lehrreichen Roadtrip mit einem wahrhaftigen, vergnügt-rüpelhaften Engel in der Form von John Travolta und entdeckt dabei die Liebe, sowie die Erkenntnis, dass die Karriere nicht das Wichtigste im Leben ist. Dazu erklingt ein klassisch-sentimentaler, austauschbarer Weihnachts- & Countryscore, der sich zudem bezeichnenderweise der proletarischen Blues-Mundharmonika aus ROSEANNE behilft - vom Gastauftritt der beinahe vergessenen Teri Garr ganz zu schweigen.


Ohnehin träumt sich der Film mit gemächlicher Souveränität durch ein trist-herbstliches Christ-Americana, das in seiner optischen Trostlosigkeit eher als kalte Thriller-Kulisse fungieren könnte. Jedoch erfreut sich unser Himmelsprollo an anarchischen, ungelenk umgesetzten Prügelszenen, an-Pulp-Fiction-gemahnenden Tanzeinlagen (bereits anno 1996!) und dem Umstand, dass er für Frauen immer nach etwas Leckerem riecht = ständige Schnellficker-Action für den Superengel, der die Frauen so betören kann wie Weibchen in der Tierwelt (als ob der olle John es unbedingt beweisen musste: no homo!). Misogyne Cuteness für die aufbauende Familienunterhaltung, die auch mal tränendrüsig süße Hunde killen und wiedererwecken kann.

 
Aber hey, immerhin ertönen einmal CCR und auch Joey Lauren Adams lässt sich blicken (selbst wenn sie nur auf Travoltas Schoß landet), die bieder-anständige Löffelchen-Erotik bleibt dabei allerdings erwartungsgemäß im Off, wahrscheinlich wegen der omnipräsenten Verklemmtheit der hier ideal reinpassenden Andie MacDowell (jedenfalls empfinde ich ihr Spiel in allen ihren Filmen immer so). Der Zuckerguss hat nun mal Überhand genommen, den schüttet Michael ja ohnehin inflationär über jede Mahlzeit - schließlich wünscht er sich nichts sehnlicher, als unter uns Menschen weiterzuleben und erhält dafür eine halbwegs-empathische Sterbeszene inmitten der erdrückenden Türme Chicagos.


Doch der Glaube bricht nicht ab und schließlich kreuzt unser neu geborener, noch immer gewitzt-überheblicher und stets-richtigliegender Liebesengel (aus der perfid-selbstdarstellerischen Klapsmühle des Scientology-Elitismus) die Wege zur Liebe & Heirat für seine Schäfchen zurecht - hätte sich selbst Capra sowas Schmalziges getraut? Egal, gibt Schlimmeres...