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Sonntag, 13. November 2016

Tipps vom 07.11. - 13.11.2016 (DIE 200. AUSGABE!)

Liebe Leser,
ich möchte Euch hiermit zur 200. Ausgabe meiner wöchentlichen Tipps einladen! Ganz recht, auch wenn das vierjährige Jubiläum zum Bestehen des Blogs erst im Januar vollzogen wird (sogar einige Wochen vor der Amtseinführung von Präsident...Trump...), möchte ich diesen Meilenstein gerne festhalten und mich bei Euch allen bedanken, die sich bis hierhin jeden Sonntag aufs Neue die Zeit zum Anklicken nehmen, Filmempfehlungen wie Verrisse meinerseits nachlesen, gegebenenfalls Feedback geben und mich anhand dessen unterstützen, meine Fähigkeiten weiter auszubauen bzw. zu entdecken. Schließlich gehe ich nicht davon aus, einen Abschluss im Lernprozess zu erreichen, zudem sehe ich ohnehin keine Tendenz zur Routine, da es andauernd Herausforderungen und Transformationen im Schaffen sowie keinerlei absoluten Wahrheiten zu jedem Sachverhalt gibt – also fetzt es umso mehr, wenn wir weiterhin gemeinsam in sowie zwischen den Zeilen unterwegs sind, um stets den Fortschritt zu probieren. Den Erfolg dessen sehe ich allein darin, wie sich mein Schreibstil und Anspruch seit Anfang 2013 verändert haben, falls sich diese anhand der ersten Einträge überhaupt nachweisen lassen, im direkten Vergleich mit vielerlei Kollegen aus demselben Sektor natürlich so oder so noch auf Hobby-Level arbeiten dürften. Manchmal kann man Vorteile daraus schöpfen, schließlich ist das seit jeher nicht meine berufliche Bestimmung und mehr ein Labor of Love, das sich mitteilen sowie in erster Linie Film verstehen will. Auch wenn ich externen Abnehmern manch Textgut anbiete - ohne die lieben Leute von CEREALITY.NET und DIE DREI MUSCHELN wäre ich nie so weit gekommen! -, liegt ein Zwang an dieser Stelle demnach höchstens bei mir selbst, welche Inhalte Interesse und Besprechungspotenzial erwecken (deshalb die Filmauswahl zum heutigen Male), wie lang ich die jeweiligen Texte dazu ausführen will/kann und wie einfallsreich mein Gehirn arbeitet, um die resultierenden Zeilen lesenswert zu machen. Ein sicheres Konzept ist bis heute nicht zustande gekommen, was auch daran liegt, dass es bei mir wie bei wahrscheinlich jedem Autoren eine Schere gibt, inwiefern man sich mit der reellen Stimme face-to-face oder mit der virtuellen Stimme schwarz-auf-weiß ausdrückt, wie man einen Film bei Erstsichtung empfindet oder im Nachhinein durchkaut. Manchmal werde ich deswegen selber nicht das Gefühl los, dass zwei Menschen einen Witte ausmachen und dessen Schädel auf beiden Pfaden um Worte ringen lassen. Schwierig, aber immens wertvoll für die Selbsterkenntnis. Der Blog ist daher einer meiner größten Motivatoren, das Hirn stets auf potenzielle Höchstwerte hinzuweisen, auch wenn manch einer die Inhalte letztendlich für pseudo-intellektuell halten mag. Finde ich legitim, schließlich habe ich erst als Quereinsteiger wirklich zum Schreiben gefunden, vieles von bewundernswerten Kollegen emuliert und autodidaktisch weiterverarbeitet, bis ich zumindest aus eigenem Elan etwas schreiben konnte, was ich zumindest selber gerne lesen würde. Deshalb habe ich die Ehrfurcht bis heute nicht abgelegt, möchte aber zumindest ab diesem Tage stolz darauf sein, auf dieser Plattform inzwischen 200 Ausgaben inklusive Besprechungen zu bestimmt über 1000 Filmen aus eigener Keyboard-Tätigkeit verzeichnet zu haben. Feiern möchte ich das wie gehabt mit dem Material, was ihr von mir erwartet: Filmkritiken! Und die gibt es auch sofort, betone im Vornherein jedoch gerne noch obligatorisch tagesaktuell, dass die kommende Ära des binnen dieser Woche gewählten US-Präsidenten eine mittelschwere Beleidigung für meinen Glauben an Demokratie wie Menschenrechte darstellt. Aber allmählich muss allen (mich eingeschlossen) klar sein: Raus aus der Filterbubble, damit uns weitere böse Überraschungen wie diese erspart bleiben – insbesondere in einer Gesellschaft, die sich bei „Terror – Ihr Urteil“ per Mehrheit für Freispruch entscheidet. Apropos, zurück zum Eskapismus:




Könnte jedermann so drollig sein wie Hong Sang-soo, hätte dieser Globus tatsächlich eine Chance, bis ins nächste Jahrhundert zu überleben. Nun gut, Filme wie „In einem fremden Land“ präsentieren fürs Erste zumindest eine ideelle Insel an menschlichem Süßstoff, auf die man sich binnen Tagen wie diesen retten will. Insel wäre dann aber doch der falsche Begriff, so toll wie sich hier die südkoreanische Küstenstadt Mohang fürs charakterliche Hin und Her anbietet, dass alle essenziellen Telefonnummern schon auf den Ortsschildern abgebildet sind. Das lädt zum Durchwählen ein und englisch beherrscht da offenbar ohnehin fast jeder, was den Kontakt mit der dreifachen Protagonistin Anne (Isabelle Huppert) angeht. Ehe der Umstand klar wird, erbaut sich der Film allerdings noch einen zweiten fiktionalen Rahmen innerhalb seiner künstlerischen Fassung, sobald die junge Won-joo (Jung Yu-Mi) mit ihrer Mutter (Youn Yuh-jung) auf der Flucht vor Gläubigern direkt vor Ort ankommt und dort ein Drehbuch über eben genanntes Paradies schreibt. Hört der Leser da schon die Worte „metakontextuelle Selbstreflexion zum Medium Film“ und deren Arsenal potenziell sperriger Theorie antraben? Ich kann dich beruhigen, mon ami, bei Hong Sang-soo ist solch Methodik eher schlicht in der Praxis ihrer selbst präsent, als dass sie dem Ego wegen zur verkopften Entschlüsselung auffordern muss – ganz so wie die Präsenz Mohangs an sich selbstverständlich Charakter hat. Zudem ist unser Autorenfilmer hinter all dem ein Freund der Alltagskomiken und kommunikativen Verzweigungen, weshalb das Film-im-Film-Prinzip von seinen Figuren selbst angeeignet scheint, mehr von der Perspektive Won-joos aus Szenarien entwirft beziehungsweise aus ihrem Erfahrungskreis die inneren Charakterkonstellationen bildet, Sie binnen der Wechselwirkung der Ideale sodann selbst auftreten lässt. Und so trifft man innerhalb ihrer drei Geschichten Variationen und Dialoge gemeinsamer Themen wie Beziehungen, Affären, Grillkohle, kaltes Meerwasser, Zelte und vor allem notgeile Regisseure wieder, die sich allesamt um oben besagte Anne kreisen. Natürlich sind viele davon trotzdem noch Markenzeichen des Gesamtwerks Hong Sang-soos, der in dem Konstrukt wie gehabt ohne verkappten Pathos an der Selbstironie kurbelt und bei dem quasi jeder Film schon aus derselben Gestaltungsader zwischen Romantik und Selbstentlarvung des Miteinanders zitiert. Das sind aber natürlich nicht gerade ausschließlich Mittel zum Zweck, eben eher Projektionsflächen für Wundertüten der Natürlichkeit, wenn sich die von Huppert verkörperten Touristinnen aus Frankreich mit der Stadt treffen, nicht mal diese typische Feelgood-Kulturbegegnung bemühen müssen sowie ohnehin schon auf verstecktem Liebeskurs mit den sich um Kopf und Kragen redenden Kerlen vertraut sind.


Im Mikrokosmos ergeben sich daher reichlich Stimmigkeiten jenseits der Kontinuität, so wie die menschliche Erfahrung hier mehr oder weniger aus einem Guss kommt, Fixpunkte wie Ebbe und Flut, Leuchttürme, heimelige Pensionen sowie Täler ringsum reiteriert und diese (Achtung, das ist entscheidend) genießt. Wo sich bei derartigen Zyklen sonst gerne mal der Zerfall interpretieren lässt, wird jenen abgebrühten Dramaturgien hier stattdessen abgeschworen, der größte Spaß sowie die kompliziertesten Spannungen meistens allein aus gebrochenem Englisch geschöpft – Globalisierung, basically. Für Liebe, Manieren und genuine Kindness müht sich hier jeder gerne einen ab, in der jeweiligen Muttersprache wird gefeixt, gezankt (siehe die schwangere Geum-hee, gespielt von Moon So-ri), aber auch der Schönheit des Ganzen gefrönt, was keiner so gewinnend konzentriert wie der rote Faden im Rettungsschwimmer (Yoo Jun-Sang). Gleichsam gewitzt, dusselig, unbeholfen und obercool schafft er im Handumdrehen Lachsalven aus Abstechern in der Kommunikation, die in ihrer Spontanität eigentlich am Gewöhnlichsten wiedererkennbar sein sollten, doch bei einem Hong Sang-soo erst recht lebhaft empfunden werden, ohne dass sich dessen Stil daran erst aufzwingen muss. Ferner noch sind andere Verehrer wie Jong-soo (Kwon Hae-hyo) oder Moon-soo (Moon Sung-keun) abseits der Untreue ja auch keine rein miesen Säcke - in der zweiten Episode ist Anne zudem die mit dem Ehebruch - und nehmen sie in Schutz, agieren aber ebenso als Tolpatsche der Intelligenzija mit Hang zum Narzissmus, welcher selbst seine Paranoia extra-umständlich inszeniert und doch aufs Dümmste ins Fettnäpfchen tritt. Ein Klassenkampf findet allerdings nicht statt und von Geschlechterschelte will der Film auch nichts wissen, überreicht er Anne doch mit die beste Pointe, wenn sie Schafe imitiert, denen erst gar nicht einfällt, zurückzumähen – wieder eine Situation so bekannt wie eh und je, allerdings erst in den minimalistischen Zooms und Kamerabewegungen zur Großtat des reellen Humors geformt. Kleinigkeiten machen im hiesigen Dreiergespann ohnehin alles aus, wenn auch das gegenseitig austauschende Dasein im Mittelpunkt schon kernig genug am Gemüt schraubt, dementsprechend standhaft im Fokus bestehen kann, obwohl kaum mal eine Tiefenschärfe (auch der tollen Umwelt wegen) auszumachen ist. Soviel Transparenz (plus hochprozentiger Soju) schafft Leichtigkeit en masse, selbst wenn Anne schlussendlich den Weg ins Unbekannte geht, mit dem Regenschirm durch die Straßen schlendert, welchen sie vorher auch schon zufällig synchron mit dem von Won-joo aufgespannt hatte. Nach jedem Bye ein Hi, ne. Da schließen sich eben viele Kreise so rund wie der Erdball, hätte dieser vielleicht mal mehr als solche Inseln der Unschuld parat.




Wenn das Leben einem manchmal zu lang vorkommt, ist eine kleine Billy-Crystal-Retrospektive binnen des Heimkinos letztendlich dann doch keine allzu unwahrscheinliche Wendung. Seit wann hat meiner Einer das Bedürfnis, mich mit dem Herren zu beschäftigen? Nun, wie so oft war der Mann von der Pike auf ein Begriff, den man am ehesten per von ihn moderierten Oscar-Verleihungen auf den Weg mitbekam, wenn man mal von ikonischeren Ausnahmen wie eine Handvoll „City Slickers“-TV-Sichtungen sowie den obligatorischen „Harry und Sally“ absieht. Viele Jahre später kann es aber eben durchaus passieren, dass unversehens Domino-Steine der Neugier aufs Haupt niederprasseln, wenn das Schreiberteam hinter „Eine Wahnsinnsfamilie“ zufällig quasi als Stammautoren fürs Œuvre Mr. Crystals zuständig scheinen. Innerhalb jener Filme, die sich aus dieser Konstellation ergeben, findet allerdings eine interessantere, wenn auch nicht rein positive Entwicklung statt, die dem Berufskomiker sein Image perfektionieren und gleichzeitig in befremdliche Beliebigkeiten gleiten ließ. Nun werde ich innerhalb dieses Blogs nicht den Anspruch erheben wollen, eine vollständige Reflexion zum Werk genannten Billy Boys anbieten zu können, stattdessen werde ich spekulativ Verbindungen und Querweise innerhalb der singulären Erfahrungspunkte aufstellen, aus denen niemand schlauer werden dürfte – es sei denn natürlich, jemand unter den Lesern hat zufällig ebenso reges Interesse am brandaktuellen Thema Billy Crystal. Ich könnte es niemandem verübeln, denn der Komiker aus russisch-österreichisch-jüdischem Hause ist eben konsistent exzellent in dem Handwerk, das in letzter Zeit Überstunden machen muss, um einem die Angst zu nehmen: Humor (bitte übermäßig dramatisch lesen). Klingt pathetisch?


Nun, dann ist das eine stimmige Einleitung zu seiner ersten Regiearbeit „Der letzte Komödiant – Mr. Saturday Night“ (1992), die wie oben erwähnt in Zusammenarbeit mit Babaloo Mandel und Lowell Ganz entstand sowie als Biopic-Fiction eines alternden Late-Night-Comedy-Urgesteins mit jiddischem Background schon reichlich Auskunft darüber gibt, wie Crystal sein eigenes Wirken entfernt autobiographisch reflektiert und mit welchen Zutaten jedes seiner Narrative fortan ausgestattet wurde. Das fängt schon beim Rollennamen an, Buddy Young. Ich schwöre, man wird selten einen Charakter seinerseits ohne Spitznamenformat vorfinden, denn warum Distanz schaffen, wo der kleine Mann seines Rollentypus ohnehin schon jede Distanz trotz offensive jokes zu vermeiden versucht? Man bemerke allein in diesem Film, auf welch verlorenen Posten sein Buddy um die Zukunft in Beruf und Ehe hadert, die existenzielle Krisis an der Vergangenheit festmacht, nostalgisch auf Tuchfühlung mit dem Elternhaus bleibt und dementsprechend am energischsten im Thema Frauen unterwegs sein will. Can a brother relate? Das komplette Paket bietet speziell der Film noch anhand seiner Flashback-Struktur, da Buddy zudem den Kontakt zum eigenen Kind aus vielerlei Gründen nicht aufrechterhalten kann (siehe auch „Steve Jobs“), zudem ihm nahe Protegés und Bruder/Manager Stan (David Paymer) anmault, weil liebevolle Verbindungen in der human condition so rar scheinen wie der Erfolg jenseits ewiger Enttäuschungen. Die Umstände sind natürlich der ideelle Nährboden für Sarkasmus, Galgenhumor, respektlose Pointen und schlicht beobachtendes Feingefühl fürs Grobschlächtige, sprich ständige Begleiter in Crystals Wesen, die er an dieser Stelle aber über weite Passagen ins Lager des Dominanten bugsiert, welcher in objektiver Perspektive der Mitmenschen Gutes will, einen aber so exploitativ mitschleppt, solange man im Schlagabtausch zum Anderen Witze schöpfen kann. Ein Schutzmechanismus vonseiten Buddys flackert da erst recht auf. Kalauer sind in Crystal Melange aus Selbstkritik und Selbstinszenierung alles andere als Mangelware, doch jenes innere Zerwürfnis der Identität spaltet den Film doch irgendwann in wackelige Perspektiven vom Überleben im Business, die sich im Schlussschlagloch wiedergutmachender Selbsterkenntnisse mit Sentimentalität und Rückblicksfrust eindecken müssen, um eine Zielgerade zu fingieren. Die Ambition zum Gleichgewicht ist es durchaus wert, ungewisse Zukunft und verpatzte Chancen als Versagensängste des einsamen Schenkelklopfers zu ballen, doch hierfür bieten sich viel zu oft lediglich massive Ausformulierungen im Dialog, Bad-Grandpa-Make-Up sowie Stativaufnahmen als Aufhänger dessen an, die hoffen lassen, dass Crystal nach seinem Regiedebüt auch irgendwann mal einen Film in Angriff nehmen würde. Klingt harsch, hat sich aber zumindest auch so zugetragen.


Forget Paris“ (1995) heißt sodann der zweite Streich vom Schlage B.C., virtuoser (wieder mal) zwischen den Zeiten pendelnd und nicht aufs eigene Milieu beschränkt, so dass die Bahn frei wird für eine Beziehungskomödie, die alles tut, um vielleicht auch nur einen Moment lang „Harry und Sally“ zu sein. Der abgeklärten Weitsicht eines Rob Reiners kann er gewiss nur bedingt nachkommen, so wie sich sein Drehbuch inklusive Mandel-und-Ganz-Input wie schon im Film zuvor auf manch Allgemeinplätze pflanzt. Und ach ja, der Rollenname? Mickey Gordon, jetzt gleicht sich schon die Anzahl der Silben zum Darsteller! Eine Leidenschaft kommt jedoch addierend ins Spiel, die man ebenso symptomatisch fürs Gesamtwerk bezeichnen darf: Der Sport! Als ob Crystal nicht genug amerikanische Traditionen ins Feld führen könnte, gibt es in diesem Fall Basketball oben drauf und ihn als Schiedsrichter mitten drin. So ein Kleiner Mann und die Größen der NBA? Das muss man nicht mal gesehen haben, um den Witz zu verstehen! Man, ist der ein Kerl vom alten Schlage, so eine stets im Vornherein mit dem liberalem Hollywood verbundene Identifikationsfigur und so komisch, wenn er in seiner Wut vier Zentner wiegt, Jahrtausende des Leidens im jüdischen Volk lakonisch in First-World-Problems fortsetzt. Nicht falsch verstehen: Ich lass mich gerne auf charmante Bros ein, doch wie sich sicherlich schon heraus liest, arbeitet er auch mehr nach bestimmten Zutaten und Typecastings seiner selbst, was nicht nur innerhalb der 90er ohnehin Pflicht war für Leinwandwiederkehrer. Interessant wird es erst, wenn er in Paris per Zufall auf Ellen (Debra Winger) trifft und Stück für Stück die Liebe anbricht, dass das Happy-End in nächster Nähe scheint. Binnen der Rahmenhandlung, die sich aus mehreren Erzählern zur Rekonstruktion der Ereignisse heran traut, wird dann auch mit diesen Erwartungen gespielt, doch im flotten Tempo weiter drauf addiert, wenn sich die komplizierten Realitäten einer Ehe in die Ideale der Individuen mischen. Kompromisse zu finden, ist für diesen Film sodann mal mehr, mal weniger konstruiert ein Problem, obgleich Dialoge und Regiedynamik stets geschmeidig umeinander tänzeln, Klarinetten-Jazz als Surrogat ihrer selbst noch dazu rufen, wenn sie die Unmöglichkeit/Unbedingtheit von Mann/Frau diskutieren. Aus welchen Gründen allerdings? Naja, er ist seines Jobs wegen für längere Zeit weg und das hält sie nicht aus – wenn er sich wiederum an ihre Wünsche anpasst, ist er allerdings unglücklich. Jenes Wechselspiel ergibt im komödiantischen Aufwind der Mandel-Ganz-Manier durchaus eine gut balancierte Partie, natürlich wie alles an Crystals Methodik zudem ausgerechnet von den Erinnerungen ans Glück in Paris gequält, dem keiner gerecht werden kann. Interessanterweise wird sich das Paar später entschließen, sich mit Blick voraus davon abzulösen, doch merkt es der Leser schon? Das klassische Happy-End ist gleich unter mehreren Paaren ausgebrochen, alle Kreise schließen sich. Billy, man muss ihn einfach lieben, aber der geschulte Blick muss langsam damit klar kommen, dass das konservativere Americana ein festerer Bestandteil des Multitalents ist, als ich zuvor vermutete. Ja, zwanzig Jahre alte Filme sind nicht auf Zeitlosigkeit abonniert und als Vorschau darf ich auch verraten, dass der spätere Crystal zumindest die Annäherung auf neue Jahrzehnte versuchte (alter rustikaler/armseliger Mann als Fish-out-of-Water = witzig!), aber wie bei seinem Buddy Young hatte man schon Ende der 90er den Eindruck, dass er aus der Zeit gefallen wäre.


Das lässt sich vielleicht an seinem Status als mehrfacher Oscar-Moderator feststellen, aber wie daneben ist denn z.B. schon Ivan Reitmans „Ein Vater zuviel“? Übrigens wieder von Mandel und Ganz geschrieben, allerdings 14 Jahre nach dem Original „Zwei irre Spaßvögel“ (1983) neuverfilmt, wirkt die Prämisse allein zu hanebüchen für die billigsten Witze (Nastassja Kinski lügt Crystal und Robin Williams vor, sie wären jeweils der Vater ihres weggelaufenen und um unglaubliche 5000 Dollar verschuldeten Sohnes, den sie unabhängig voneinander, dann aber doch zusammen finden sollen), aber noch kurios genug für eine inzwischen irreparable Zeitkapsel. Mel Gibson in einem Cameo ist da vielleicht noch so unschuldig zu bewerten wie alle Schwärmereien zu seiner Person vom Ensemble der „Tiny Toons“ und „Animaniacs!“ aus, doch wenn Robin Williams als suizidgefährdet, manisch depressiv sowie mit Revolver im Mund eingeführt wird, versinkt der Film unfreiwillig im Boden. Schlimmer noch ist die Imitationsroutine, die er sodann am Wohnungsspiegel vollführt, ob er denn als Abziehbild eines Wiggas, Gurus oder Hippies besser beim Sohnemann ankommen würde. Man merkt: Der Film ist so energisch um den Zeitgeist bemüht, dass er sogar „The Impression That I Get“ von The Mighty Mighty Bosstones auflädt – mehrmals, wohlgemerkt! Überflüssig zu erwähnen, dass das Unterfangen sich selbst den Draht zerschneidet. Und wer ist mitten drin am verzweifelten Anbiedern? Billy Crystal, entgegen aller Tradition mit dem Namen Jack Lawrence aufgeführt, immerhin mit langjährigem Sparring Partner der Lacher, Williams, gepaart, was als Nukleus noch einen tolerablen Roadtrip aus der Sache schlägt, in allen Belangen aber weiter zurückliegt als das Entstehungsjahr 1997. So ist er ein Anwalt, der zu viel um die Ohren hat, mehrmals geschieden ist und in der frischen Liebe zu Julia Louis-Dreyfus trotz ewigem Kinderwunsch mehr als nachlässig wirkt. Der Film kommt da ganz nach ihm und kann so rein gar nichts mit ihr anfangen, wie dieser auch Frau Kinski als frustrierendes Plot-Vehikel im Irrationalen verharren lässt, während die Männer die ganze Arbeit auf sich nehmen müssen, aber auch zu blöd sind, um mit der noch so beknackten Wahrheit rauszurücken. Die schlimmste Situationskomik ist doch immer die, wenn beim Gegenüber im Telefongespräch Missverständnisse zustande kommen, nicht wahr? Ist es dann noch dümmer, wenn ein Gay-Panic-Gag draus gebastelt wird? Ohne als SJW dastehen zu wollen, möchte ich das einfach mal bejahen, aber nicht zu sehr auf die große Waage legen, weil: damals und so, jojo, inzwischen dürfte sich ja selbst ein Billy Crystal dazu gelockert haben, nich'? Oh. Naja, wie dem auch sei, kommt zwischendurch zumindest Jared Harris vorbei und bedroht den stets flüchtenden Sohnemann mit Original-Akzent, während Bruce Greenwood als leiblicher Vater ebenfalls auf der Suche nach diesem irgendwo im mittleren Westen hängenbleibt, da ein Abschleppwagen das Dixi-Klo mit ihm drin umgeschmissen hat. Pseudo-Farrelly-Brüder zu sein, ist für 1 Ivan Reitman 1 Armutszeugnis, aber auch k1e Vollkatastrophe. Selbst wenn Crystal und Williams im irrealen Konzept herumturnen, ist der Frust zu echt, um langweilig zu sein und je mehr Kopfnüsse die Spießer austeilen, desto besser. Aber mit welcher verballerten Soße sich Mann und Frau an allen Fronten wieder vertragen, hätte sich Crystal als Regisseur selbst nicht mal erlaubt.


Das überließ er jemandem wie Michael Lehmann, den ich für gewöhnlich als interessanten Regisseur besprochen habe, doch bei „My Giant – Zwei auf großem Fuß“ wirkt „Heathers“ ehrlich gesagt wie Lichtjahre entfernt. So blödelig wie bei „Airheads“ denkt er sich wiederum nicht in seine Prämisse, doch als ob ein PR-Team ohne jede Filmerfahrung Mr. Crystal vollends als Produktmarke verkaufen wollte, ist dessen Verkörperung des erfolglosen, geschiedenen und um eine Bindung mit dem Sohnemann bemühten Hollywood-Agenten Sammy Kanin so formelhaft ausgefallen, dass selbst seine schlechteren Witze à la Fips-Asmussen-Niveau eliminiert scheinen. Klar, der Voiceover mit neurotischer Schicksalsverdrossenheit und die Klarinetten-Soli schauen noch immer gen Himmel zum existenzialistischen Schmerz, aber oi vey, der Film versucht hauptsächlich das Herz zu rühren, familientauglich moralische Dilemma der gut gemeinten Notlügen und verzweifelten Versprechungen zu entwerfen. Wie schon zuvor in diesem Kapitel erwähnt, keine schlechte Angewohnheit an sich, das als Filmemacher zu wollen, doch ein fataler Fehler lässt die gesamte Maschine defekt zurück. Das Ding ist, Sammy ist in Rumänien unterwegs, wird vom verwöhnten Filmstar-Gör entlassen, nach einem Autounfall jedoch von Max (Gheorghe Muresan der Washington Bullets, New Jersey Nets und Maryland Nighthawks) gerettet, der mit seinen 2,31 Metern den großen Durchbruch aus der permanenten Geldnot für die laue Karriere Kanins bedeuten würde. Jener gütige Naivling will jedoch nur zu seiner alten Flamme Lilliana zurück, was Sammy insofern ausnutzt, dass er ihn mit nach Amerika zu ihr bringt, wenn er sich für Filme und weiteres zur Verfügung stellt. Soweit, so konfliktbeladen. Ehe der Film an sich aber eine genuine Herzlichkeit an Max erfahren will, steuert er seinen Fokus immer wieder auf Sammy zurück, dass die Suche nach Lilliana schließlich wortwörtlich seine Suche zur Ehefrau bedeutet. Der Schlussakkord dazu wäre sogar fast schon ein Cronenberg'sches Delirium der Identitäten und Voyeurismen, in dem Kontext allerdings hat der Film einen Hang zum Ego an sich, als ob man Crystal zur Selbsterkenntnis genauso gut ein Meta-Gleichnis vom Schlage Magic Negro zur Seite hätte stellen können, so sehr er auch für die Wünsche seines Freundes einstehen will und doch allein von der Körpergröße her schon halb am Riesen vorbei konzipiert ist – soll ja auch ein bisschen witzig sein. Die unstimmigen Sentimentalitäten werden zu alledem noch von niemand geringerem als Putin-Staatsbürger Steven Seagal ergänzt, der sich selbst spielt und wie oben Gibson schon als guter Tough Guy mit semi-asiatischem Karma idealisiert wird. Da muss sich „Ein Vater zuviel“ geschlagen geben, da Lehmanns Film immerhin Potenzial zum Verschenken hat, doch solch ein Lob macht eher mutlos als zufrieden zu stellen.


Nun, da die problematischen Reibungspunkte ausgearbeitet sind, lässt sich zumindest ein Erfolg verbuchen, da „Reine Nervensache“ daraufhin aus der Hüfte weg bessere Zahlen und Lacher bar jeder aufgezwungenen Sentimentalität für sich einsacken konnte. Der Film von Harold Ramis schaffte es dabei, erstmals den Kontrast zwischen dem milden Temperament Crystals und der Mafioso-Rolle Robert De Niros einzusetzen, was letzterer in folgenden Jahren noch mehrmals zum halbgaren Einstieg ins Comedy-Fach variieren würde. Hier jedoch geht die Rechnung noch so weit auf, dass keine typischen Situationskomiken aufeinander prallender Welten vorherrschen und zudem nicht von Vornherein verniedlicht werden, wenn sich die Gewalt und Einschüchterung des Unterweltapparates zur Therapie einberufen lässt, hin und her pendelt, wie viel Boden sie dem gewaltlosen Gegenüber zur Problembewältigung preis gibt. Die Pointen sind dann auch meistens versteckt im Prozedere der Angstzustände wirkend, die ein Paul Vitti (De Niro) lösen lassen will sowie Dr. Ben Sobel (Crystal) wiederum um die professionelle Fassung bringen. Das funktioniert vor allem deswegen, da weder Crystal noch De Niro wirklich die Idealisierung ihrer Milieus erfahren können, der Film den Fokus im Schlagabtausch der Gewohnheiten von Positionierungen frei macht. Klar, Sobel ist ständig um die perfekte Eheschließung zu seiner Zukünftigen Laura (Lisa Kudrow) bemüht, doch ehe ein anbiedernder Schmalz draus gerät, schlägt die Rücksichtslosigkeit Vittis zu, für die sich sein Seelenklempner schnellere Methodiken überlegen muss und trotz aller Widerstände nicht umhin kommt, dem Mann helfen zu wollen. Vielleicht eine konstruktivere Variante von „Was ist mit Bob?“? Gemeinsamkeiten sind ja trotz konträren Umgangston allmählich zu finden, wenn es um die Rolle der Väter und das hemmende Gerecht-Werden derer geht, an denen man aber reellere Bezugspunkte stilisiert als die Spielbergisierung von Mandel und Ganz jemals imstande zu wäre. Beinahe zeitgleich mit den „Sopranos“ gestartet, erfordert der Zeitgeist auch einfach abgeklärtere Handhabung mit dem Status des Kriminellen binnen der USA, weshalb die Daseins-Schocks Sobels des Öfteren alles auf sich zukommen lassen und ums Verrecken beruflich zu verarbeiten versuchen, was umso tollere Früchte trägt, wenn der Mafia-Hüne zur schlichten Schlussfolgerung in Tränen ausbricht. Die drollige Verletzlichkeit darin, selbst gegenüber kitschigen Werbespots, macht erst den Menschen hinter dem Arsenal garstigen Killer-Lingos aus, gleichwohl ein Hindernis für Sobel, der immer tiefer in die Machenschaften seines Patienten gerät, moralisch am Scheideweg steht und dort den Kugeln ausweichen muss. Ramis' Inszenierung verschreibt sich dann auch eher kernigen Eindrücken mit zackigen Shootouts, Blutbeuteln und Draufsichten ohne Überzeichnung, die mehr Bedrohung wie Erdung als für eine Komödie gewohnt zulassen, dennoch engagiert auf die Steigerung der Absurditäten zusteuern, inwiefern Vitti den Doc beanspruchen kann. Es kann sich zeitloser behaupten als oben genannte Beispiele der 90er Jahre, geht im letzten Drittel aber gleichsam auf eine Erschöpfung der Prämisse zu, die sich zwar weiterhin von Emotionalisierungen fern hält, auf neutralem Boden aber auch keine Happy-End-taugliche Heilung inklusive einiger Klischees auslässt. Das ist aber so oder so um ein Vielfaches besser als die Fortsetzung „Reine Nervensache 2“, die ungefähr dasselbe versucht, an der eigenen Existenz jedoch zusehends den Faden verliert, schwache Einzelmomente im Eiltempo ballt und in beliebigen Reiterationen der längst erreichten Substanz abflettert. Immerhin darf Crystal da eine eigene Katharsis im Anger Management finden, doch die Wege dahin geraten so vage, absurd und ohne Ziel verworren, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann er wieder zu alteingesessenen Idealen zurückkehren würde.


Auftritt für „Die Bestimmer – Kinder haften für ihre Eltern“, ein Andy-Fickman-Film für die ganze Familie, der um 2012 herum die schleichende Antithese für den familiär entschiedenen Neoliberalismus politischer Korrektheiten unter Obama darstellt. Böswillig wird hier nur bedingt auf die antiautoritäre und pro-tolerante Handhabung der Elternschaft aktueller Generationen geschaut, doch das altmodische Verständnis eines Billy Crystals wird die Wogen schon glätten, wenn es vom Narrativ her heißen soll: Make families great again. Und da werden wahrlich alle Register gezogen, um die Charakteristika am Crystal-Konsens so vertraut wie möglich aufzutischen, so wie er als Baseballmoderator Artie Decker nach Jahren der Treue zum ortsansässigen Team seiner mangelnden Social-Media-Präsenz wegen gefeuert wird (!) und kurz vor der seligen Rente mit Ehefrau Diane (Bette Midler) noch daran nagt, mit Tochter Alice (Marisa Tomei) und wiederum ihrer Brut ins Reine zu kommen. Durch eine von vielen aufgesetzten Plot-Konstruktionen geraten allesamt jedoch unter die Aufsicht des hilflosen Opas, der im Herbst des Lebens nochmal den Stress der Veränderungen durchmachen muss, gleichzeitig die Bindung im Zauber der Vergangenheit findet. Berufliches Chaos in der Verzweiflung des Abgehängten; turbulente Anpassungsschwierigkeiten mit neuer Technik; High-Stress-Kids mit Violinenunterricht, Sprachstörungen und geduldet eingebildeten Freunden; Baseballspiele mit unendlich vielen Strikes sowie ohne Punktanzeige, um ja kein Konkurrenzdenken zu fördern: Es ist unfassbar, wie hoch der Film trotz seiner dusseligen Formelhaftigkeit inklusive radikalen Skateboardszenen und Zuckerbomben mit Ideologie angefüttert ist, was ihn trotz aller beliebiger Gestaltungsparameter schon wieder interessant macht, insbesondere wie er die Empathie zur Gegenseite zu finden versucht. Die verbrüdert sich nicht unerheblich mit der Freiheitssehnsucht der Eltern auf der Karriereleiter (Kapitalismus muss sein!) und lässt zudem vielerlei Fehler im Urteilsvermögen Artie Deckers geschehen, der unter Vorbehalt verspricht, alles unter einem Hut zu kriegen und doch scheitert, selbst wenn er noch so viele Zingers (nicht die von KFC) aus dem Ärmel schüttelt. Blut ist ohnehin dicker als Wasser und sucht daher Kompromisse der gegenseitigen Ergänzung, Anteilnahme und Verteidigung, weshalb mal sentimental von ewiger Verbundenheit geschwärmt und mal um die Verantwortung der Millenials diskutiert wird, wie viel Behütung und Autorität man durchgehen lassen soll. Alles pendelt sich mehr oder weniger dennoch ins Konservative ein, so wie es amerikanische Komödien selten vermeiden können und zur Frage stellen, ob es einen Unterschied macht, welche festen Regeln Familienmodelle für sich installieren oder ob sie in ihrer Grundform so oder so aufs Bewährte angewiesen sind. Dass der Film dafür einige äußerst ausgelutschte Klischees anwendet und trotz aller ausformulierter Familienbande wie vom Reißbrett amerikanischer Ideale wirkt, lässt jedenfalls auf eine möglichst baldige Dekonstruktion hoffen, doch so wie sich die USA in Kürze vermutlich gestalten, ist das Gegenteil wohl eher der Fall und Crystal mit diesem Film voller spezifischer Retro-Topoi seinerseits mitten drin.

Sonntag, 9. Oktober 2016

Tipps vom 03.10.- 09.10.2016

Liebe Laser,
was ist diese Woche doch wieder schnell vergangen. Im Grunde habe ich sie als solche ja gar nicht empfunden, da das Filmfest Hamburg vielerlei Menschen und mich dazu in all seiner Blüte zu sich rief und permanent Eindrücke bereithielt, dass mir erst jetzt, am Ende des Regenbogens, bewusst wird, was ich noch alles zu schreiben habe (Tweets als Kritiken reichen eben noch nicht aus). Knapp 30 Filme habe ich in der Zeit geschafft, meine Favoriten auch schon via Textform abgearbeitet, aber in den nächsten Wochen geht die Nachbetrachtung erst recht in die Vollen, wenn bei einigen relevanten Vertretern versucht werden muss, das Gros an Arthouse-Topoi in der prall gefüllten Murmel auseinander zu halten. An gemeinsamen Kriterien in der künstlerischen Sprache des Weltkinos hat es gewiss nicht gemangelt, so wie die Langsamkeit zelebriert wurde, Nahaufnahmen ab und an behauptet Gefühle evozieren sollten, Handkameras Rücken verfolgten, Musik beinahe komplett verbannt und auch sonstige zwischenmenschliche Interaktionen auf ein Minimum reduziert wurden. Das kann am Ende des Tages (Akkreditierten- und Abendvorstellungen in geballter Union) enorm schlauchen, umso fantastischer ragen die Ausnahmen heraus, die dem Formalismus der Nüchternheit Alternativen mit Risikofaktor, Intelligenz, Charakterstärke, echten Szenen (!) und Vielschichtigkeit entgegentreten konnten. Zwischendurch dann aber nicht minder wichtig: Das Miteinander unter Freunden, Kollegen, wohlbekannten und neuen Gesichtern, zusammen im Festzelt am Grindelhof, wo es beheizt ist und (manchmal) volle Thermoskannen stehen, während die Temperaturen Richtung Oktober nun wieder kräftig sinken.

 
Verpflegung darf sodann ebenso nicht unterschätzt werden: Mindestens eine Dose Rockstar Energy pro Tag MUSS in den Körper fahren (generell zur Halbzeit am Tagespensum gesichteter Filme), eine ausgewählte Zwischenmahlzeit beim Backhus oder Abendbrote mit Döner und Falafel sowieso, zweimal McD für nen Royal mit Käse und stilechten Milchshakes (Kelly Reichardts „Certain Women“ hatte als Werbemaßnahme dazu verleitet) sowie ebenso zweimal Dunkin Donuts, um am Latte Macchiato mit Bananen-Sirup Gefallen zu finden. Das Lokalkolorit verdient bestimmt nicht schlecht in diesen Tagen, erst recht, wenn Ewan McGregor frühmorgens vorm Abaton seinen Kaffee trinkt, jedoch nicht in „Elle“ reingeht, wo sich eben tolle deutsche Untertitel wie „Tönt gut“ tummeln. Ist vielleicht auch nochmal reizvoller als ein roter Teppich, obgleich man dort zumindest Nasen wie Axel Ranisch und Peter Trabner live erwischen kann, wenn man im Kinosaal nicht gerade schleppende QandA's mitkriegt, bei denen von M.X. Oberg bis Ruby O. Fee und „Jesús“-Regisseur Fernando Guzzoni so einige feine Gestalten teilnahmen. Olivier Assayas, Andrea Arnold und Konsorten waren wohl ebenso zugegen, aber warum jeden von denen erwischen wollen, wenn man sowieso von einer Leinwand zur nächsten hopst, für eine Extra-Pressevorführung von „Personal Shopper“ auch mal einen genuinen Langweiler-Streifen zur Hälfte verlässt, später am Abend jedoch drei grauenvoll tranig substanzlose Wichtigtuer in scheinbar endloser Agonie absitzt. Da ist selbst ein Lav Diaz im Nachhinein kurzweiliger geraten als man zunächst angenommen hatte. Sind wir Festivalgänger Masochisten, vielleicht ohnehin geisteskrank bei jenen geballten Horror-Erfahrungen internationaler Filmkunst mit einigen Sahnehäubchen oben drauf? Zweifellos, doch zum Ausgleich bestehen immer noch genug Mittel, um sich ein bisschen von der Last des cinephilen Weltschmerzes zu lösen, z.B. wenn das Michel-Kinderfilmfest parallel Perlen der Doofheit wie „Allein gegen die Zeit“ anbietet oder Gameboy Color in der Tasche gegen Donkey Kong siegen lässt.


Zuhause aka Schlafplatz macht dann auch noch den Blick frei für die beachtlich zynischen Woody-Woodpecker-Cartoons, wenn man mal wieder zu früh aufgestanden ist, zwischendurch auch mal den Schnitt für tolle Dildo-Messen einplant und ab 8.30 Uhr Tickets für den nächsten Tag bucht. Aktivitäten, welche die geistige Fassung weitgehend ebenso stabil halten, während man einige kuriose Schlafrhythmen (wie 18.00 bis 23.00 Uhr) bewandert und von den Nachrichten in der Welt höchstens noch mitkriegt, was Trump wieder alles gesagt hat – und dann taucht der auch noch in „Weiner“ auf und nennt Anthony Weiner halt einfach mal pervers. Die fließenden Übergänge aus Realität und Fiktion waren im Filmprogramm ohnehin ein beliebtes Thema, genauso transgressiv gingen manche Meinungen in den Sitzen neben einen auseinander und fanden sich in genau den richtigen Momenten wieder – erst recht, wenn Hunde auf der Leinwand auftauchten. In der Hinsicht hat Siegfried Bendix diese Woche zu alledem noch ein Projekt auf Facebook gestartet, dass mit dem klangvollen Titel „Der Hund im Film“ selbsterklärend als Denkmal für jenes Tier gelten soll und kontinuierlich Eindrücke aus den verschiedensten Filmen mit dem besten Freund des Menschen einstellt. Jeder Like wird dankend angenommen, ich bin zudem als Admin dort aktiv. Gern gesehen war dann auch das Bier zum Abschlusstag nach dem letzten und schlimmsten Film des Fests, „Motel Mist“, doch im Grunde wäre nichts dagegen einzuwenden, würde solch eine Zeit wie jene, die von der Gesamtheit des Filmfests ausgeht, länger als nur an die 10 Tage andauern. Nächstes Jahr kann also nicht schnell genug kommen, Entzugserscheinungen wird aber insofern schon vorgebeugt, indem man wieder reichlich aus der Bücherhalle ausgeliehen hat. Sollte sich aus dem Bestand an Filmen was ergeben, wird das aber noch bis nächste Woche warten müssen, denn bis zum hiesigen Redaktionsschluss war einfach nicht mehr hinzukriegen, als die folgenden Empfehlungen im besten Kinoformat zu nennen. Meiner Meinung nach ein angemessener Trost, aber den eigenen Anspruch schmerzt es natürlich immer ein bisschen. Nichtsdestotrotz: Lesen wie die Weltmeister, Leute, macht ja auch klug und so, demnächst kommt eh wieder mehr!




ELLE - "[...] Verhoeven wandert zwischen den Individuen, wie sich zudem Nervenkitzel und Erdung im inszenatorischen Ballett abklatschen, speziell den Reiz des Eindringens auf privater wie intimer Ebene durch vielerlei Kontexte definieren. Für alle Fantasien und Wahrheiten finden sich hier gemeinsame Nenner, bis man die Furcht per Wink vom Fenster aus einlädt. Die Sterblichkeit wird zum Freund und das Leben zur Last, Wechselwirkungen und Widersprüche bestätigen die Regel. Doch Regeln und Rollen können in Verhoevens Film nicht weniger festgelegt sein, wie auch das angedeutete Spiel mit den Klischees zu Pointen transformiert wird, potenzielle Intentionen des Öfteren ins Gegenteil verkehrt werden, ohne dem Innern des Ensembles dafür die Spannung nehmen zu müssen. Der Menschenkenner am Enthemmen und Selbstbewusstsein des Schocks weiß um die Überflüssigkeit der Kompromisse, weshalb es an Direktheit selten mangelt, an der Erkenntnis kollektiver Geheimnisse aber auch zur Wahrheit ohne Eindeutigkeiten kommt. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




AMERICAN HONEY - "[...] Nun könnte sich der Zuschauer einige Szenarien denken, mit denen solch ein Milieu auf die Spitze getrieben wird – doch Frau Arnold vertraut seit jeher auf die Stilsicherheit nüchterner Beobachtung. Und so bleibt sie auch hier ökonomisch, um externe Eingriffe zu vermeiden und die innewohnenden Gefühle in figurenbezogenem Respekt aufzulösen. [...] Die Struktur der Ausbeutung ist hier eine recht besondere, als Teil eines Lebensstils, der in seiner Repetition des Feierns, Chillens und dennoch indoktrinierten Verkaufs ebenso genau die abstumpfende Maloche birgt, die jeder andere Job mit sich bringt. Die Deutung bekommt man zwar schneller mit, als Arnold sie in der nicht immer optimal genutzten Länge zu vermitteln versteht, doch sie ist nur ein Aspekt unter vielen, die diesen Querschnitt des amerikanischen Zustands ausmachen. [...] Wohlgemerkt ist die Sehnsucht bei Arnold kein Anlass zum Kitsch, und schon in der Kameraführung durch Robbie Ryan von dynamischem Wankelmut, in der das Format am Zwang vorbei auf den Menschen blickt, auf Momente reagiert, in ihnen lebt, dass sich auch reichlich Unvorhersehbares in den Filmverlauf mischt. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




WAR DOGS - "[...] Doch obwohl sich der dramaturgische Verlauf im Grunde an durchaus gängigen Strukturen abarbeitet, steckt der Teufel eben im Detail, in Figuren vom Schlage des Phillips’schen Schaffens, die ihren Status der Selbstverständlichkeit genüsslich rücksichtslos gegen die Wand fahren. Nach der „Hangover“-Trilogie nimmt der Humor im Angesicht globaler Mechanismen eine kleine Auszeit, zwingt aber dennoch die Art Typen auf, die mit selbstgefälligen Eiern den Amerikaner raushängen lassen und sich dort bereichern, wo am schnellsten Kohle zu machen ist. [...] Nach Vergangenheit sieht das nicht aus, am politischen Statement übt Phillips aber kaum enorm überhöhte Knalleffekte à la „Pain & Gain“, wie er am Beispiel Diverolis allein dessen Abgeklärtheit als kritischen Fokus anwendet, ein lupenreines Arschloch herauskristallisiert, wie es Darsteller Hill in seiner bisher fettigsten Form punktgenau durchsetzt. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




Hat Jim Jarmusch es wirklich noch nötig, auf die Schwingen des Pathos aufzuspringen, wenn er den Status des Künstlers nach über 30 Jahren des Schaffens als Autorenfilmer reflektiert? Seine Geschichte über „Paterson“, den Charakter (Adam Driver) und die gleichnamige Stadt binnen New Jersey, in welcher erstgenannter wohnt und wirkt, schrammt insofern brenzlig nah an der Prätention (inklusive ausgestellter literarischer Referenzen) entlang, sprich an einem Kitsch vom Formate „Stay“, jenem überbordenden Metaphernmelodram von Marc Forster anno 2005. So ergänzt sich leider einiges an konstruierter Bedeutungsschwere, wenn sich mehrmals Zwillinge im Hintergrund tummeln, die Mitmenschen und Vorbilder Patersons eindeutige Gemeinsamkeiten voll surrealer Zufälle teilen, bis sogar ein japanischer Tourist mit denselben Ambitionen der Poetik zur schicksalhaften Fügung des Glücks beiträgt, welche dem Künstler inmitten der Arbeiterklasse den Antrieb zum Weitermachen widerfährt. Addiert wird jene symbolische Romantik sodann von einer gestriegelten Milieuzeichnung, an der Jarmusch Lebhaftigkeit vorspielt, allein von Schnitt und Kamera her jedoch schon in einem Korsett künstlerischer Weisung angesiedelt bleibt, das allerdings genauso gut entschlüsseln lässt, wie stark der Film seinen Protagonisten verinnerlicht.


Allen sieben Tage der Woche widmet sich das Narrativ in einigermaßen kurzweiliger Variation, welches sodann die stille Alltäglichkeit Patersons mit seiner Aufnahme von Geschichten kontrastiert, welche seine Fahrgäste untereinander austauschen, während er das Leben in Paterson, also ihm und der Stadt - Trennung ausgeschlossen - in Gedichten zu reflektieren versucht, die gleichsam auf der Leinwand eingeblendet werden und ein vollständiges Portrait dieses Fleckchens Amerika versuchen, bis hin zum täglichen Feierabendbesuch in der Bar und Spaziergängen zum lokalen Staudamm. Mitinbegriffen blickt Paterson dabei auch auf seine Beziehung zu Künstlerin Laura (Golshifteh Farahani), die als Figur allerdings, mitunter bewusst, eine schwache Persönlichkeit abgibt und eher in den zu Lyrik verarbeiteten Anekdoten aufblüht: In ihrer Kunst stur auf Schwarz-Weiß-Kontraste fixiert und diese wahllos an Gardinen bis hin zu Cupcakes anwendend, gibt sie ihrem Beau gleichsam oberflächlich oft den Ratschlag, seine Gedichte für alle Welt per Copy-Shop zur Verfügung zu stellen (nach Ansicht des Films natürlich redundant, so wie jeder eins ist) und ihr eine Gitarre zur Karriere als Countrysängerin zu schenken. Dass sie den Tag über dauernd Klamotten vor dem Spiegel ausprobiert und auch nichts daran zu ändern versucht, dass lediglich Paterson stets den gemeinsamen Hund Marvin Gassi geht, hinterlässt insgesamt natürlich einen faden Beigeschmack.


An parallelen Beziehungskrisen mangelt der Film jedoch ebenso nicht, so wie das Thema der Paarung durchweg formuliert wird, selbst bis in eine Lokalberühmtheit wie Lou Costello hinein, der mit Partner Bud Abbott einst ein großes Comedy-Duo des 20. Jahrhunderts ergab, demnach eine Statur sowie einen nach ihm benannten Park in der Stadt vorweisen kann - Romeo & Julia dürfen da als Anspielung gewiss ebenso wenig fehlen. Die Wahrnehmung der Verbundenheit offenbart dann aber auch keinen himmelhohen Stolz, wie man es bei solchen Signalen vermuten würde, viel mehr äußert sich Paterson als Gesamtbild mit einer Bescheidenheit, die sich nicht übermäßig in Dramatisierung üben muss, selbst in vermuteten Momenten baldigen Geschehens nicht auf filmische Klischees eingeht. Stattdessen wird die zuvorkommende Beobachtung unter Menschen der Fokus, ein gemütlich umherwandernder, helfender und mit jedermann kommunizierender Paterson die Zentrale der Empathie, die sich neben ihrer Sanftheit auch durch ihre Schwächen auszeichnet. Ein Smartphone z.B. benutzt der Herr nicht, obgleich es ihm vieles vereinfachen würde, weshalb er sich in mindestens einer Notfallsituation auch eins ausleihen muss. Gleichsam ist die Niederschrift seiner Gedichte in einen gewöhnlichen Notizblock stets zur Vergänglichkeit verdammt, schließlich hält er sich ja auch ein den menschlichen Regeln unbewusstes Tier im Haus - wobei Hund Marvin mit seinen drolligen Reaktionen natürlich so ziemlich das Herzstück an Humor in diesem Film ausmacht.


Nicht, dass Paterson äußerlich einen großen Verlust suggerieren oder lamentieren will, wenn seine Werke verschüttgehen, doch in diesem der wenigen Extreme des Films offenbart sich zumindest dann doch noch einiges an greifbaren Gründen, warum er zu Laura steht, in welcher Güte sich jene Beziehung beweisen kann und wie Paterson und Paterson so oder so zusammenhalten. Trotz aller inszenatorischer Unaufgeregtheit, zarten Worten und ungefähr authentischer Menschlichkeit bewegt sich Jarmusch mit seiner aktuellen Arbeit dennoch eher auf oberflächlichem Terrain, insbesondere in der Austauschbarkeit des Scores vonseiten seiner Band Sqürl, der zusammen mit den repetitiven Tagesabläufen sicherlich den Alltagstrott exemplifiziert, von New-Age-Bullshit aber genauso gut nur schwer zu unterscheiden wäre. So schwingt auch das Pendel des gesamten Films eben zwischen Wahrhaftigkeit und verkappter Einfältigkeit, wenn der Stellenwert der Kunst auf den regionalen Querschnitt umgesetzt wird, selbst Hip-Hop als moderne Dichtungskunst die Plattform überlässt und im Grunde eine optimistische Variante Kafka light an der Erfassung des Menschseins übt. Es ist zumindest kein Fehler ohne Wiederkehr, einen derartig gemäßigten Pathos nachzufühlen, wenn der Film dazu auf die Güte, kreative Möglichkeiten und Kommunikation der Vergebung innerhalb der menschlichen Spezies hinweist, obgleich sich das Jahr 2016 noch kräftig am Gegenteil abarbeitet.

Sonntag, 7. August 2016

Tipps vom 01.08. - 07.08.2016



HEAVEN'S GATE - DAS TOR ZUM HIMMEL - Gesichtet im Metropolis Kino Hamburg von 35mm, projiziert zu Ehren des jüngst verstorbenen Regisseurs.

Michael Ciminos unverhoffte Bremse für seine eigene Karriere kam offenbar zur falschen Zeit und mit viel zu schlechter Presse an die Öffentlichkeit, berichtet jedoch von einem Kino, wie es in dieser Form seitdem leider kaum noch angetroffen wird: Ein Epos unkonventioneller Erzählart vorbei an der Sentimentalität und anderer Genre-Topoi-bedienender Gefälligkeiten, in Produktions-technischer Manier zudem so dick wie minutiös aufgetragen, dass die Nähe zum absoluten Realismus gar nicht mal mehr so fern scheint, während die Verinnerlichung jedes einzelnen Charakters an vorderster Stelle steht, ohne die Etablierungskeule in greller Stumpfheit schwingen zu müssen. Solch kostspieliges Experiment hat beinahe ein ganzes Studio gesprengt und quasi eigenhändig die Ära des Autorenfilmers im New Hollywood beendet - an mangelnder Qualität hat es jedoch keineswegs gelegen. Ciminos allumfassende Vision der Wurzeln Amerikas in all ihren perplexen und pervertierten Ambivalenzen erfordert nun mal außerordentlich viel Sitzfleisch mit knapp 219 Minuten Laufzeit (und wird nicht einfacher, falls man versucht, dies in einer Kritik zusammenzufassen) - was in hiesigen Zeiten des Binge-Watching wohl aber keine große Problematik mehr darstellt. An einer Überforderung per ausgewaltzer Belanglosigkeit hat er allerdings auch kein Interesse, dafür strahlt er eine Hingabe zum Komplex Szene aus, welche sich ihre Gefühle mit Geduld verdient und nicht durch stichpunktartige, externe Emotionalisierungen.


Es entstehen im Endeffekt gar nicht mal derartig viele Szenarien, an Kurzweil sparen sie aber ebenso wenig. Die Kohärenz dazu schöpft Cimino zudem nicht als Vielfraß an Dialogen, manchmal auch gar nicht aus dramaturgischen Funktionen; er pocht nicht auf formal-forcierte Gleichgültigkeit, sondern passt die Perspektiven seinen Figuren an, wird fiebriger, sobald sie vom Unausweichlichen eingeholt werden. Sein Augenmerk liegt auf dem, was Kino in seiner Kunst grundsätzlich seit jeher zu finden versucht, nämlich die Wahrheit - und diese lässt sich eben nicht aus Eindeutigkeiten destillieren. Es gehört dabei nicht nur zu Ciminos Film, dass sich hierin mehrere Individuen um ihre Ideale streiten, ungewiss am Tore zur Zukunft stehen, auf diesem Flecken Erde ihr Hab und Gut verteidigen, während sich daraus auch Bündnisse sowie Verschwörungen schöpfen. Dass letztere nicht ausschließlich der bösen Absicht entspringen, zeigt sich bereits am Prolog der enthusiastisch vorausschauenden Hoffnung mit Intellekt in der Tasche, welcher doch im besten Falle auf die gesamte Menschheit übertragen werden könnte. Der Missbrauch dessen im Kampf um die Oberhand des eigenen Glücks macht sich hier allerdings schon spielerisch unter Studenten bemerkbar, wird im Verlauf um 1890 sodann für eine Elite missbraucht, die das Gesetz auf ihrer Seite hat. Das Menschliche wird in der Regelmäßigkeit eines behaupteten sozialen Gleichgewichts mit den Füßen getreten, Migranten im Zwang des Verbrechens auf eine Todesliste gesetzt, die Dampflock pustet ihre Rauchschwaden direkt in die Gesichter hunderter auf dem Zugdach verharrender Leidender - das macht Ciminos Film nochmal aktueller, obgleich seine Bilder des Leidens wie allgegenwärtig in der Menschheitsgeschichte angesiedelt sind.


Zwischen den Welten agiert dabei James Averill (Kris Kristofferson) in der Wahrung jener Werte, die ihn vom humanistischen Studium aus auf den weiteren Weg vorbereitet haben und nun in der amerikanischen Wende der Zuwanderung schwer gegen die Verrohung anzukämpfen haben, obgleich er in Konflikten stets den kühlen Kopf und den gemeinsamen Frieden zu finden versucht, ohne an Kernigkeit zu verlieren. Ein bisschen vom Befreier-Märchen steckt schon in jener Figur, doch sie wird nur selten Gelegenheit haben, sich so zu entfalten. Denn trotz der unnachgiebigen Panorama-Tragweite Vilmos Zsigmonds - binnen des Pioniergeists unter Tälern und Pollen der Prärie voller Statisten - sowie den detailverliebten Setdesign-Nachbildungen vergangener Jahrhunderte ist die nüchterne Realität von Gefangenschaft und Verfolgung ein ständiger Begleiter zwischen eingepferchten Flüchtlingslagern und privilegierten Gewalttätern. Gegen das Blei ist die Natur machtlos, selbst innerhalb ehemaliger Einwanderer wie Nate Champion (Christopher Walken), die für ihre Chance auf die Ahnung vom amerikanischen Traum gleichsam Landmänner töten. Ciminos Darlegung und Motivation dieser Verhältnisse ist jedoch der Fokus seines Films, nicht die Exploitation an der Eskalation. Mitten drin steht eben noch die Hoffnung, u.a. anhand von Bordellchefin Ella Watson (Isabelle Huppert) - eine Unternehmerin der Natürlichkeiten, auf einem von Averill angekauften Stück Land neben der Gemeinde osteuropäischer Einwanderer beheimatet und selbst unter Androhung nie von dort weichend, in ihrer euphorischen Nacktheit (ein Geschenk Ciminos, diese Zeitkapsel der Schönheit) das Fleckchen Erde vertretend, nach dem sich sowohl Averill als auch Nate sehnen. Mit solch einer Romantik im Herzen werden die letzten Stunden vor dem Kriege nicht leichter, selbst wenn man den Rollschuhtanz zum Geigen-Beisammensein in seinen Sepia-Farben als letzte schöne Erinnerung verewigt (in Heimkino-Veröffentlichungen so wohl nicht mehr gefiltert) oder den Flachmann zum Diskurs auspackt.


Die Ermattung im letzten verzweifelten Strom an Zärtlichkeiten wird dem Kampf nicht entweichen können, gleichsam trifft Ella die Entscheidung, in welcher möglichen Zukunft weniger Risiko schlummert, obgleich alle Persönlichkeiten in ihrer Verletzlichkeit einig sind, sprachlos das Gegebene teilen und schweren Herzens nicht umhin kommen, jeden Einzelnen zu benennen, der auf der Liste steht, wie auch exklusiv in den höchsten Kreisen, Stimme für Stimme, solch ein blutiges Unterfangen entschieden wurde. Die Gewichtung des Einzelnen ist bei Cimino der Aufwand wert, genau dies per Kamera, Schnitt und Schauspiel so intensiv einzufangen sowie die Schönheit in den kleinen Gesten und Geschichten zu maximieren (z.B. wie Geoffrey Lewis einen Wolf bezwingt), bis das Ausmaß der Brutalität in all seiner persönlichen Angriffsfläche präsent wird, in Verzweiflung und Chaos - auch untereinander - mündet. Umso stärker schmerzen die Konsequenzen des legitimierten Tötens, wenn diese sich einen nach den anderen vorknöpfen, die Hölle mit Überschwang anliefern und in Ciminos direkter Drastik jeden Pathos zersieben. An dieser Schlacht zeigt sich kein Triumph, weder Gewinner noch Verlierer, sondern schlicht das menschliche Versagen in der Ballung ideologischer Intoleranz sowie des Fatalismus im Überlebenswillen - eben profunde Schwächen der Zivilisation. Der Wahnsinn wird erst in der Bürokratie gestoppt, statt an der Gerechtigkeit - jenes bittere Trauma klingt dem Zeitgeist gemäß nach Vietnam, doch darauf lässt sich der Film nicht reduzieren, so selbstsicher und eigenwillig sich Cimino nicht an der kalten Rationalität der Politik misst, sondern an der Sehnsucht des Herzens nach dem allzu vergänglichen Frieden, wie sich auch an Averills Umgang mit seiner Involvierung in dieses Stück Geschichte/Amerika/Seiner Selbst zeigt. Vielleicht wird es daher auch für manch einen Zuschauer Zeit, sich an diesem inneren Prozess zu beteiligen und Ciminos verstoßenens Werk schätzen zu lernen.




PAUL - Echte Anarchie im Medium Film zu erleben - das Eintreten jener Erfahrung kann man wahrscheinlich, wenn überhaupt, an einer halben Hand abzählen. Schließlich müssen in dem Fall gleichwohl die Regeln sonst wie konstruierter Erzählmuster ausgehebelt sowie den Charakteren in ihrer Eigenart das Feld überlassen werden, ohne dass die auktoriale Deutung als solche wiederum abschwächt. Wie eine Vermeidung dessen mit Regisseur, Laufzeit und Co. möglich ist, steht womöglich immer noch in den Sternen, so wie sich die Kunst höchstens als virtuelle Kapsel der Freiheit behaupten und zumindest in der Vermittlung des Gefühlsspektrums eine Entsprechung über die Form hinaus finden kann. Ein rares Beispiel dessen sowie der Konfliktbildung dazu findet sich in Klaus Lemkes Film von 1974, der sich erneut binnen Hamburg unter die Leute mischt, die Typen des Milieus aufspielen lässt und vom reinen Handlungsverlauf her zwar einen klassischen Weg des Gangsters zeichnen könnte, das Leben in den Zeilen dazwischen jedoch zum Vorherrschen freigibt. Der Ursprung des inneren Zwangs (auch zum Komplex Kino) klatscht allerdings sofort auf die Leinwand, sobald Paul (Paul Lys) aus dem Knast entlassen wird, mit nicht allzu erfreulicher Miene in eine Zukunft zweifelhafter Hoffnungen tritt. Der Empfang seiner alten Kumpels, Damen und Kollegen wie z.B. Jimmy Braker aus dem Umfeld der St. Pauli-Action probiert zwar die lockere Wiedererweckung anhand Schnack wie Trank, doch der sporadische Adrenalin-Tinitus auf der Tonspur bringt Paul ab und an schon beiläufig auf die Spur des Verrats, wenn er vergeblich seine Kohlen von einst einsammeln will, die Killer jedoch schon an der Hoteltür stehen.


Bei Lemke ist die Eskalation schon früh gegeben und in Sachen Genre-Brutalität ein gnadenloser Reißer, allerdings mehr durch die ungezähmte Wildheit Pauls, so farbig fordernd und handgreiflich in seiner allzu natürlichen Art keine Grenzen an Schroffheit mehr gegeben scheinen, wie er sich seinen Weg bahnt und die Kamera förmlich hinter sich her zieht. Wie hypnotisierend bringt er uns sodann im tosenden Sturm mit der Lidl-Tüte an der Elbe entlang zu einer Party innerhalb einer Villa, in deren Gesellschaft er mit seinem Arsenal an Konfrontationen eigentlich kaum reinpasst, nach einer Art belustigender Duldung vonseiten der Gäste aber schnell die Aufmerksamkeit auf sich selbst steuert, jenen Suff aber gleichsam nicht fürs Ausleben eines Klassenkampfs à la Al Pacino in „Scarface“ gebraucht. An Aggressivität büßt er gewiss nicht ein, dennoch verschieben sich die Verhältnisse des jeweiligen Gegenüber zum gemeinsamen Genuss via Gastgeber Herr Murnau (Friedhelm Lehmann, mit einem bezeichnenden Rollennamen zum delikaten Aufmischen von Opas Kino), bis der Anstand binnen mondäner Mauern endlich mal seinen Halt verliert und in einem Rausch an Freundschaft dem Wesen Pauls zugetan wird. Die eindeutigen Gesten bleiben dazu aber aus, wie Lemke auch kein Interesse an einer Klammer-auf-Klammer-zu-Charakterisierung hat und eben das Selbstverständnis echter Laien durch die Räume schweifen lässt, sich selbst auch zugesteht, die Kontrolle zu verlieren und von Paul anstoßen zu lassen, dass die beobachtende, nicht auffordernde Perspektive des Films konsequent durchgezogen wird.


Das verleiht dem Ganzen neben der Note des Exzess auch eine Leichtigkeit, die einen unglaublich witzigen Grundtenor zeichnet, inwiefern man alle Player als sich selbst definiert sehen und zuhören darf, wie diese rotzige Sprüche über den Knigge schmeißen und von flapsig-entschlossener Männlichkeit zeugen, gleichsam aber auch voller Schmutz in die Gartenbestuhlung rasseln oder verballert die Treppen zum zurrenden Neon-Chic hochsteigen. Folglich kann Paul auch nicht angewurzelt bleiben in diesem Wahnsinn der wohl vergänglichen Klassenkeile und nimmt das Interesse jener Frau (Sylvie Winter) des Gastgebers an ihm zum Anlass, ihn ins Gefängnis zurückzufahren. Da will man ihn aber nicht mehr haben, ist ja schließlich kein Obdachlosenheim, aber nach sieben Jahren Absitzen stellt Paul in seiner perplexen Verzweiflung schön bissig fest: „Das ist also der Dank dafür!“ Also geht’s wieder ab in den vertrauten Moloch, zu den Freunden des Kiez, am Kneipenhahn süppelnd und im Zauber des Striptease verlierend, obgleich sich die Gewalt weiterhin zur Wabbeligkeit der Umstände ergänzt und reizt. Das Beste kommt aber erst noch, wenn das Räuden-Ambiente im Verlauf nochmals von der Villa-Baggage besucht und sogar nach Hause eingeladen wird, die totale Entfaltung von leichten Mädchen und harten Kerlen heraufbeschwört, die beidesamt nicht auf den Mund gefallen sind und doch so wahrhaftig miteinander umgehen, wie auch der vermeintliche Adel auf sich selbst einwirkt, die gegebene Logik des Konzepts Film zu torpedieren.


Brüste und Musik, Backpfeifen und Schampus, Butler Winfried und die spontane Versöhnung - es geht drunter und drüber, jeder redet sich ins Wort und man hängt als Zuschauer so willig im Chaos mit, wie sich das Ordinäre auf Augenhöhe mit dem State-of-the-Art trifft, fern der Betroffen- wie Verquastheit schlicht die Fassung verlieren will. Für die jeweiligen Charakteristiken des Einzelnen gibt es dann auch nicht unbedingt Erklärungsbedarf, sie sind einfach schon da. Jemand wie Paul als Mittler scheint in seiner Position aber nicht zurechtzukommen, nagt weiterhin an der Enttäuschung und dem Mangel an Perspektive, der sich beim Taumel der Rationalität feststellen lassen könnte, eher allerdings die Impulsivität seinerseits ins Leere zu schießen droht, obgleich Lemke ihm auch reichlich bedrohliche Gänge Richtung Kamera überlässt. Also kommt unverhofft das Maschinengewehr ins Spiel, der Film kann da einfach nicht aufhören, mit direkten Signalen (sich selbst) zu begeistern und kernige Dialoge wahr werden zu lassen, auf dass die dramaturgisch unaufdringliche Dramaturgie ihr Fanal am hellichten Tage auf den Alkohol-Amok im Hans-Albers-Eck ansetzt, im Zwielicht verkorkster Ehre wohl kaum von Siegern und Verlierern sprechen will, stattdessen die Wahrheit im Uneindeutigen aufholt, bitter in der Natürlichkeit nimmer ultimativ umfassender Menschlichkeit aufschlägt.




NORDSEE IST MORDSEE - Ich erzähle niemandem etwas Neues, wenn ich Hark Bohms Film als aufregendes Zeitdokument unter Hamburger Jungs auszeichne, obwohl die dortige Ära an Kids jetzt nicht zum eigenen Erfahrungskreis zählt, so wie sich manch dargestellte Verhältnisse eben seitdem nicht unbedingt oder nur schwer änderten. Wenn die jungen Leute jedenfalls hier schon am Kräftemessen werkeln, Mutproben und Gewalt zum Selbstbeweis des Alltags gebrauchen müssen, um untereinander klar zu kommen, Macker wie Anführer wie potenzielle Herzblätter festzustellen oder dem Elternhaus so die Stirn bieten zu können, ist hier die Sozialreportage nicht weit und gewiss nicht um einen deftigen Wortschatz verlegen, welcher sich neben malerischem Slang-Schnack des Nordens auch dem rassistischen Kanon bedient. Anders sein ist hier sowohl Ausdruck des Aufsässigen, als auch Stigma binnen sozialer Ungerechtigkeit, die hier schon in Milieu wie Zeitgeist begründet wird, ehe die Tristesse des Arbeitsmarktes voll zur Geltung kommen muss, auch wenn er seine mangelnden Optionen in einmaligen Szenarien konzentriert. Bohm ist aber auch kein Uwe Frießner, wenn er zwar die Chancenlosigkeit im Angesicht eines Säuferdaddys (Marquard Bohm) per Kinnhaken austeilt, jedoch durchaus zur Differenzierung in spaßigere Gemütszustände hinein fähig ist, die sich aus der Abwechslung der Lebensbalance ergeben, das Mini-Rebellentum aus dem Klassenraum hinaus zum Knacken von Kneipenautomaten verleiten und auf die Fahrräder schwingen lassen, von denen man endlos viele rotzige Sprüche losfetzen kann.


Die Jeansjacken-Coolness jener kleinen Vorstadtrocker um Uwe (Uwe Bohm) macht da leider auch (zumindest vom Film nicht verharmlosten) Terror gegen den stillen Migranten-Sohn Dschingis (Dschingis Bowakow) und wird zudem handgreiflich im gleichsam unbedarften Ekel der Jugend, verletzlich und verletzend abseits der sozialen Norm bzw. etablierter Erwachsenheit, die innerhalb jener Plattenbausiedlung ebenso kaum angekommen ist. Dabei zeichnet Bohm von Vornherein (sogar anhand eines Posters zu „Die Bruce Lee Story“) parallel Gemeinsamkeiten des Leidens, naiver Sehnsüchte und Konflikte des Unverständnisses, denen die Außenwelt meistens nur restriktiv zu begegnen imstande ist. Wie gesagt ist der Zustand aber kein Anlass zum formellen Zwang der Gestaltung, die in diesem Fall erst recht zum Rocken bewegt wird, den frühen Udo Lindenberg vom Ausreißen singen und Autos klauen lässt, nachdem Uwes makelreicher Paps ihm auch mal das Kutschieren der Karre zum Spaß zugesteht, anhand der Stilisierung sodann von Bildern der Freiheit umgeben wird. Dschingis plant selbige im Bau seines chaotisch-funktionellen Bootes „Xanadu“, evoziert Erinnerungen an Karl May gleich am Deich neben dem Industriegebiet, die Uwe auch nicht entgehen und mit seiner Gang aufmischen lässt. Es kommt zur Konfrontation, nach den ersten kindlichen Kabbeleien auch zum regelrechten Karatekampf zwischen den beiden Welten, die binnen der Weltstadt Hamburg eigentlich eine starke Einheit ergeben müssten. Über Umwege und profund-triviale Rituale kerniger Erdung finden sie auch allmählich zueinander, wobei Bohm seinen Darstellern stets einen natürlichen Umgang miteinander erlaubt, dies auch glänzend in Einklang mit seinem dramaturgischen Kurzweil bringen kann, bei dem sich die Ausbruchsfantasien zu etwas Wahrhaftigem ballen, nachdem die sozialen Härten schon in ihrer bitteren Echtheit eingefangen wurden.


Sodann wird die Elbe angepeilt, deren Strom aber nur schwer aus der Stadt führt, zwar die Bindung vorantreibt, genauso aber von Vergänglichkeit zeugt. Im Glück der Naivität jedoch bleibt die Frische der Aufbruchstimmung erhalten, zwischen Jux und Hoffnung zudem spannend, wenn die Polizei ihnen auf den Fersen ist, so dass Entlastung, Abenteuer, Ungewissheit und Zukunftsängste nah beieinander bleiben, während die Freundschaft zur Selbstverständlichkeit aufblüht und ihr Anliegen zumindest so weit nach Impuls ausleben kann, ehe Bohm es als ultimative (Auf-)Lösung oder gar halbgare Desillusionierung nach Hollywood-Format mit Epilog und Co. versuchen würde. So erwachsen in der Vermittlung der Unangepasstheit und doch stets an den Charakteren orientiert, erschafft er jedenfalls eine Leichtigkeit, wie sie jede Altersklasse empfangen möchte, Kumpels in praktischer Zweisamkeit empathisiert sowie zu Selbstversorgung und gegenseitigem Respekt animiert, während das Zeitkolorit gewiss nicht an gegebener Unterdrückung spart, keiner jedoch im Sinne der Schuldigkeit aufeinander zeigt, so offen sich die moralischen Schlüsse auch aus dieser Geschichte ohne Ende ziehen lassen. Wenn sich aber zumindest anhand dessen zeigt, wie sich aus dem Bodensatz des Lebens Poesie schöpfen lässt, so wie Nordsee eben auch Mordsee ist, das von der Elbe umgebene Hamburg einen in seinem Konvolut an Kulturen und Möglichkeiten in Mauern drängen sowie ausbrechen lassen kann, kriegt man mit hohem Energie-Level Werte auf den Weg, die weder abgebrüht noch behauptet werden müssen, um die Gerechtigkeit der Gemeinsamkeit zu finden. Eben ein Film für Träumer und echte Kerle, die sich gewiss nicht gegenseitig ausschließen müssen.




AMORE - Diese Cleo Kretschmer hat es wohl faustdick hinter den Ohren! Zumindest versteckt sich hinter der etwas gewöhnlichen Erscheinung eine ganz liebenswert-schrullige Draufgängerin, wenn man ihren Charakter nach ihren Rollen beurteilt. Wenn sie denn schon für einen Klaus Lemke dreht, der dauernd nach Typen Ausschau hält, die was drauf haben, muss man eben von solch einer Realität ausgehen - nicht umsonst waren die Beiden einst ein Pärchen und obwohl der Laie in ihrem Spiel deutlich zum Vorschein kommt, ist manch freche Geste schon ein Aufreißer ganz natürlicher Fassung. Das mag aber schon am dargestellten Ambiente liegen, so wie ihr hiesiger Alltag als Einzelhändlerin vom Familienkiosk in München von leichtfüßiger Abgeklärtheit zeugt, im Auftrag des WDR ohnehin mit der kostengünstigen Nähe der 4:3-Optik binnen der späten 70er Jahre aufwartet und alsbald einige Rock'n'Roll-Oldies aus der Kiste aufspielt. Schon von der ersten Szene an wird dabei deutlich: Die lässt sich nichts von Kerlen erzählen, billig sexualisieren und anmachen, da übernimmt sie als Maria ohnehin schon genug an Arbeit von ihrem Herrn Vater (Peter Kienberger), den sie hingegen ohne sein Wissen demnächst zu verkuppeln versucht. Soll ja nicht immer alles an ihr hängen bleiben, bis dahin heißt's aber selbstverständlich um vier Uhr aufstehen, den Laden aufschließen und auf dem Großmarkt die Waren einkaufen. Irgendwie ein Dorn im Auge: Der stets flirtende Pietro (Pietro Giardini), an den auch bald die gute Freundin Bärbel (Brigitte Platzer) gerät, welche sich unverhofft einen guten Kasten Kummer auflädt, sobald sie von den ganzen Affären jenes Hallodris erfährt und doch irgendwie schwachen Willens bei ihm bleibt.


Da würde Maria ganz andere Saiten aufziehen und allmählich wird doch klar: Auf den Typen steht sie ein wenig, doch das Neckische an ihr will sich eben auch nicht verarschen lassen. Im Verlauf des Films entspinnen sich sodann Pläne in der Farce der Geschlechterrollen, auf Eifersucht gebaut und doch fern vom moralischen Fingerzeig frei nach dem Credo Femme Fatale (Kommentare zu ihrem potenziell tollen Hintern z.B. beeindrucken sie kaum) sowie den Destruktionen der Emotionen, wie sie sich ach so gern an solchen Ausgangslagen dramatisieren lassen. Hier braucht niemand, allen voran nicht Maria, vor der Kuppelei kapitulieren, ehedem bleibt sie ja ohnehin stets Mensch, wenn sie sich mit der Strafzettel-schnellen Politesse verbündet, um den Vater von Stammtisch und Kegelabend weg in Unternehmungen zu zweit zu überreden oder wenn sie die Bemühungen des schüchternen Kassernenheinis Franz (Wolfgang Fierek) schätzt, aber eben nicht von der echten Liebe ablassen kann. Jener Kerl ist aber an sich schon eine starke Portion von Männerbild: Ohnehin auch eher von Marias Vater dazu angestachelt, mit ihr zu zusseln, bringt er jedes Mal wie ein Kind Blumen mit und stapelt unsicher Sympathien auf, wenn er mit seinen Schützenfähigkeiten gerade so einen Teddy auf dem Kirmes erbeutet, im Oktoberfest-Zelt von Marias wilden Küssen übermannt wird, aber nicht mitkriegt, wie sie Pietro damit eins auswischen will. Sobald jenes Ziel erreicht ist und sie abdampft, ruft der Franz ihr sogar „Cleo!“ hinterher. Der Herr Fierek ist offensichtlich auf den Typ besetzt und ein ebenbürtiger Chaot zu seiner Rolle, in der Konsequenz können Film und Zuschauer ihn ebenso nur liebgewinnen, keineswegs zynisch abspeisen, sondern als etwas hoffnungslosen Fall an die nächste weitergeben - schließlich ist er doch noch immer in die Bärbel verschossen.


Im Endeffekt ist der ach so kecke Pietro ihm auch gar nicht mal so unähnlich, wenn er sich mit Maria einlässt, die ganz unverhohlen gegen ihn anstinkt und die Macho-Ehre demontiert, wenn sie den Casanova abblitzen lässt und über Umwege die Suggestion vorantreibt, wie reich und bequem ihr jemand anderes den Hof macht. Als Charakter mit südländischem Flair muss er sich jedoch auch nicht ständig als Witzfigur beweisen, schließlich bleibt Lemke auch ab und an bei ihm im Arbeiterzirkel hängen, bis dann ebenso ersichtlich wird, wie der Vater ihm im Nacken sitzt. Doch allem Trotz getrotzt geht Pietro die Frau nicht aus dem Kopf, die ihm sodann jenen verdreht und der Rom-Com ihr Genre-gemäßes Spiel treiben lässt, ohne jedoch per se auf ihre Verletzlichkeit als Frau hinzuweisen, auf der in biederen Kino-Kreisen andauernd die Hetero-Abhängigkeit gegründet wird. Kretschmer gibt daher den gewitzten Aggressor voll weiblichem Willen, der so schön im regionalen Dialekt der Sprunghaftigkeit aufgeht, wie ihn jeder im Ensemble lebhaft pflegt und natürliches Sein auf die Sperrspitze der Erfahrung setzt. Wie soll denn auch Tristesse aufkommen, wenn Lemke derartig temporeich mit den Blenden um konzentrierte Szenarien boxt, den Charme der reellen Gewöhnlichkeit unter 72 Minuten Laufzeit hält und sogar kurzfristig nach Venedig entführt, nachdem sich Maria durch die halbe Weltgeschichte fingiert sowie mit auftuschierten Weiblichkeiten zur Weißglut entzückt hat? Ein Heidenspaß halt, wie weit man mit ein bisschen frou-frou kommen kann, ohne ideologische Entrüstungen fürchten oder gar zu konstruiert auf die lieben Kleinigkeiten unter kleinen Leuten deuten zu müssen.




DER SCHATZ - "[...] Hält sich jedoch weder mit der existenziellen Last seiner Charaktere in Schulden und Hypotheken auf, noch stilisiert er das Männerunternehmen als erzwungene Farce mit Haudraufhumor. [...] Mit gemächlichen Alltagsschritten, motiviert durch fehlende finanzielle Flexibilität, gibt man sich dem Absurden hin, stellt logische Fragen und wartet die Eventualitäten eines kaum auf Filmlogik geeichten Narrativs ab, bis es doch zum (nicht eskalierenden) Streit kommt, ehe dieser in minimalistischer Haltung zum Ende kommt. Das Unaufgeregte an diesem Verlauf lädt trotz kontemporärer Tristesse mit Leichtigkeit zur Identifikation fern der Betroffenheit ein [...] hat seine Schlusspointe doch eine süße Empathie inne, um die sich manch anderer Film mit Sturm und Drang bemühen müsste. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)


Bonus-Zeugs:




JAMES WHITE - "[...] Von den Darstellern und dem Dialog wird alles mit einem (scheinbaren) Minimum Konstruktion ausgelöst, was durchaus Wahrhaftigkeit motivieren könnte, würde der Stil nicht seinen Voyeurismus mit Charakternähe verwechseln. [...] Jene Darstellung kann man mutig nennen, als direkten Draht zur Konfrontation mit Tod und Verderben im Medium Film. Bei allem Bezug zur seelischen Reportage verhindert „James White“ es aber, dass die Tragweite dieser Lage, ob nun in den Charakteren oder sich selbst, resonant erfasst werden kann. [...] Die einseitige Präsentation vom Innen- und Außenleben Whites sowie seiner Mitmenschen lässt jedenfalls nur wenige Deutungen zu, die über die Beschissenheit der Dinge und der Vergänglichkeit der Hoffnung hinausgehen, bei denen jeder auf sich allein gestellt sein muss. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES: OUT OF THE SHADOWS - "[...] Die Motivation zeigt sich allerdings so hohl, wie der Soundtrack Steve Jablonskys zu neunzig Prozent oberepischen Ernst vorspielt. Was als Herzstück unter muskelbepackten Turtle-Bros bleibt, pocht nur marginal, wenn die mutierten Jungs hadern, ob sie nicht bei Tageslicht an die frische Luft und somit ihren wohlverdienten Heldenstatus einnehmen sollten. [...] Es lässt sich von Glück reden, wenn manch menschliches Verhalten hier wie eine Karikatur wirkt, während reichlich Juxeinlagen stets auf die gleiche Art in Fremdscham versinken und somit lachhaft werden. [...] Bei jener Aufdringlichkeit, die jedes Dezibel auf einmal aufspielt, bleibt aber kein Grund mehr, warum diese Überforderung durch Nichtigkeiten noch von Belang ist, wenn sich alles nur dem Standard gemäß abspult, mit dem Willen zum Selbstbewusstsein zwar flirtet, aber keinerlei Augenkontakt (auch nicht mit dem Zuschauer) herstellt. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)