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Sonntag, 13. November 2016

Tipps vom 07.11. - 13.11.2016 (DIE 200. AUSGABE!)

Liebe Leser,
ich möchte Euch hiermit zur 200. Ausgabe meiner wöchentlichen Tipps einladen! Ganz recht, auch wenn das vierjährige Jubiläum zum Bestehen des Blogs erst im Januar vollzogen wird (sogar einige Wochen vor der Amtseinführung von Präsident...Trump...), möchte ich diesen Meilenstein gerne festhalten und mich bei Euch allen bedanken, die sich bis hierhin jeden Sonntag aufs Neue die Zeit zum Anklicken nehmen, Filmempfehlungen wie Verrisse meinerseits nachlesen, gegebenenfalls Feedback geben und mich anhand dessen unterstützen, meine Fähigkeiten weiter auszubauen bzw. zu entdecken. Schließlich gehe ich nicht davon aus, einen Abschluss im Lernprozess zu erreichen, zudem sehe ich ohnehin keine Tendenz zur Routine, da es andauernd Herausforderungen und Transformationen im Schaffen sowie keinerlei absoluten Wahrheiten zu jedem Sachverhalt gibt – also fetzt es umso mehr, wenn wir weiterhin gemeinsam in sowie zwischen den Zeilen unterwegs sind, um stets den Fortschritt zu probieren. Den Erfolg dessen sehe ich allein darin, wie sich mein Schreibstil und Anspruch seit Anfang 2013 verändert haben, falls sich diese anhand der ersten Einträge überhaupt nachweisen lassen, im direkten Vergleich mit vielerlei Kollegen aus demselben Sektor natürlich so oder so noch auf Hobby-Level arbeiten dürften. Manchmal kann man Vorteile daraus schöpfen, schließlich ist das seit jeher nicht meine berufliche Bestimmung und mehr ein Labor of Love, das sich mitteilen sowie in erster Linie Film verstehen will. Auch wenn ich externen Abnehmern manch Textgut anbiete - ohne die lieben Leute von CEREALITY.NET und DIE DREI MUSCHELN wäre ich nie so weit gekommen! -, liegt ein Zwang an dieser Stelle demnach höchstens bei mir selbst, welche Inhalte Interesse und Besprechungspotenzial erwecken (deshalb die Filmauswahl zum heutigen Male), wie lang ich die jeweiligen Texte dazu ausführen will/kann und wie einfallsreich mein Gehirn arbeitet, um die resultierenden Zeilen lesenswert zu machen. Ein sicheres Konzept ist bis heute nicht zustande gekommen, was auch daran liegt, dass es bei mir wie bei wahrscheinlich jedem Autoren eine Schere gibt, inwiefern man sich mit der reellen Stimme face-to-face oder mit der virtuellen Stimme schwarz-auf-weiß ausdrückt, wie man einen Film bei Erstsichtung empfindet oder im Nachhinein durchkaut. Manchmal werde ich deswegen selber nicht das Gefühl los, dass zwei Menschen einen Witte ausmachen und dessen Schädel auf beiden Pfaden um Worte ringen lassen. Schwierig, aber immens wertvoll für die Selbsterkenntnis. Der Blog ist daher einer meiner größten Motivatoren, das Hirn stets auf potenzielle Höchstwerte hinzuweisen, auch wenn manch einer die Inhalte letztendlich für pseudo-intellektuell halten mag. Finde ich legitim, schließlich habe ich erst als Quereinsteiger wirklich zum Schreiben gefunden, vieles von bewundernswerten Kollegen emuliert und autodidaktisch weiterverarbeitet, bis ich zumindest aus eigenem Elan etwas schreiben konnte, was ich zumindest selber gerne lesen würde. Deshalb habe ich die Ehrfurcht bis heute nicht abgelegt, möchte aber zumindest ab diesem Tage stolz darauf sein, auf dieser Plattform inzwischen 200 Ausgaben inklusive Besprechungen zu bestimmt über 1000 Filmen aus eigener Keyboard-Tätigkeit verzeichnet zu haben. Feiern möchte ich das wie gehabt mit dem Material, was ihr von mir erwartet: Filmkritiken! Und die gibt es auch sofort, betone im Vornherein jedoch gerne noch obligatorisch tagesaktuell, dass die kommende Ära des binnen dieser Woche gewählten US-Präsidenten eine mittelschwere Beleidigung für meinen Glauben an Demokratie wie Menschenrechte darstellt. Aber allmählich muss allen (mich eingeschlossen) klar sein: Raus aus der Filterbubble, damit uns weitere böse Überraschungen wie diese erspart bleiben – insbesondere in einer Gesellschaft, die sich bei „Terror – Ihr Urteil“ per Mehrheit für Freispruch entscheidet. Apropos, zurück zum Eskapismus:




Könnte jedermann so drollig sein wie Hong Sang-soo, hätte dieser Globus tatsächlich eine Chance, bis ins nächste Jahrhundert zu überleben. Nun gut, Filme wie „In einem fremden Land“ präsentieren fürs Erste zumindest eine ideelle Insel an menschlichem Süßstoff, auf die man sich binnen Tagen wie diesen retten will. Insel wäre dann aber doch der falsche Begriff, so toll wie sich hier die südkoreanische Küstenstadt Mohang fürs charakterliche Hin und Her anbietet, dass alle essenziellen Telefonnummern schon auf den Ortsschildern abgebildet sind. Das lädt zum Durchwählen ein und englisch beherrscht da offenbar ohnehin fast jeder, was den Kontakt mit der dreifachen Protagonistin Anne (Isabelle Huppert) angeht. Ehe der Umstand klar wird, erbaut sich der Film allerdings noch einen zweiten fiktionalen Rahmen innerhalb seiner künstlerischen Fassung, sobald die junge Won-joo (Jung Yu-Mi) mit ihrer Mutter (Youn Yuh-jung) auf der Flucht vor Gläubigern direkt vor Ort ankommt und dort ein Drehbuch über eben genanntes Paradies schreibt. Hört der Leser da schon die Worte „metakontextuelle Selbstreflexion zum Medium Film“ und deren Arsenal potenziell sperriger Theorie antraben? Ich kann dich beruhigen, mon ami, bei Hong Sang-soo ist solch Methodik eher schlicht in der Praxis ihrer selbst präsent, als dass sie dem Ego wegen zur verkopften Entschlüsselung auffordern muss – ganz so wie die Präsenz Mohangs an sich selbstverständlich Charakter hat. Zudem ist unser Autorenfilmer hinter all dem ein Freund der Alltagskomiken und kommunikativen Verzweigungen, weshalb das Film-im-Film-Prinzip von seinen Figuren selbst angeeignet scheint, mehr von der Perspektive Won-joos aus Szenarien entwirft beziehungsweise aus ihrem Erfahrungskreis die inneren Charakterkonstellationen bildet, Sie binnen der Wechselwirkung der Ideale sodann selbst auftreten lässt. Und so trifft man innerhalb ihrer drei Geschichten Variationen und Dialoge gemeinsamer Themen wie Beziehungen, Affären, Grillkohle, kaltes Meerwasser, Zelte und vor allem notgeile Regisseure wieder, die sich allesamt um oben besagte Anne kreisen. Natürlich sind viele davon trotzdem noch Markenzeichen des Gesamtwerks Hong Sang-soos, der in dem Konstrukt wie gehabt ohne verkappten Pathos an der Selbstironie kurbelt und bei dem quasi jeder Film schon aus derselben Gestaltungsader zwischen Romantik und Selbstentlarvung des Miteinanders zitiert. Das sind aber natürlich nicht gerade ausschließlich Mittel zum Zweck, eben eher Projektionsflächen für Wundertüten der Natürlichkeit, wenn sich die von Huppert verkörperten Touristinnen aus Frankreich mit der Stadt treffen, nicht mal diese typische Feelgood-Kulturbegegnung bemühen müssen sowie ohnehin schon auf verstecktem Liebeskurs mit den sich um Kopf und Kragen redenden Kerlen vertraut sind.


Im Mikrokosmos ergeben sich daher reichlich Stimmigkeiten jenseits der Kontinuität, so wie die menschliche Erfahrung hier mehr oder weniger aus einem Guss kommt, Fixpunkte wie Ebbe und Flut, Leuchttürme, heimelige Pensionen sowie Täler ringsum reiteriert und diese (Achtung, das ist entscheidend) genießt. Wo sich bei derartigen Zyklen sonst gerne mal der Zerfall interpretieren lässt, wird jenen abgebrühten Dramaturgien hier stattdessen abgeschworen, der größte Spaß sowie die kompliziertesten Spannungen meistens allein aus gebrochenem Englisch geschöpft – Globalisierung, basically. Für Liebe, Manieren und genuine Kindness müht sich hier jeder gerne einen ab, in der jeweiligen Muttersprache wird gefeixt, gezankt (siehe die schwangere Geum-hee, gespielt von Moon So-ri), aber auch der Schönheit des Ganzen gefrönt, was keiner so gewinnend konzentriert wie der rote Faden im Rettungsschwimmer (Yoo Jun-Sang). Gleichsam gewitzt, dusselig, unbeholfen und obercool schafft er im Handumdrehen Lachsalven aus Abstechern in der Kommunikation, die in ihrer Spontanität eigentlich am Gewöhnlichsten wiedererkennbar sein sollten, doch bei einem Hong Sang-soo erst recht lebhaft empfunden werden, ohne dass sich dessen Stil daran erst aufzwingen muss. Ferner noch sind andere Verehrer wie Jong-soo (Kwon Hae-hyo) oder Moon-soo (Moon Sung-keun) abseits der Untreue ja auch keine rein miesen Säcke - in der zweiten Episode ist Anne zudem die mit dem Ehebruch - und nehmen sie in Schutz, agieren aber ebenso als Tolpatsche der Intelligenzija mit Hang zum Narzissmus, welcher selbst seine Paranoia extra-umständlich inszeniert und doch aufs Dümmste ins Fettnäpfchen tritt. Ein Klassenkampf findet allerdings nicht statt und von Geschlechterschelte will der Film auch nichts wissen, überreicht er Anne doch mit die beste Pointe, wenn sie Schafe imitiert, denen erst gar nicht einfällt, zurückzumähen – wieder eine Situation so bekannt wie eh und je, allerdings erst in den minimalistischen Zooms und Kamerabewegungen zur Großtat des reellen Humors geformt. Kleinigkeiten machen im hiesigen Dreiergespann ohnehin alles aus, wenn auch das gegenseitig austauschende Dasein im Mittelpunkt schon kernig genug am Gemüt schraubt, dementsprechend standhaft im Fokus bestehen kann, obwohl kaum mal eine Tiefenschärfe (auch der tollen Umwelt wegen) auszumachen ist. Soviel Transparenz (plus hochprozentiger Soju) schafft Leichtigkeit en masse, selbst wenn Anne schlussendlich den Weg ins Unbekannte geht, mit dem Regenschirm durch die Straßen schlendert, welchen sie vorher auch schon zufällig synchron mit dem von Won-joo aufgespannt hatte. Nach jedem Bye ein Hi, ne. Da schließen sich eben viele Kreise so rund wie der Erdball, hätte dieser vielleicht mal mehr als solche Inseln der Unschuld parat.




Wenn das Leben einem manchmal zu lang vorkommt, ist eine kleine Billy-Crystal-Retrospektive binnen des Heimkinos letztendlich dann doch keine allzu unwahrscheinliche Wendung. Seit wann hat meiner Einer das Bedürfnis, mich mit dem Herren zu beschäftigen? Nun, wie so oft war der Mann von der Pike auf ein Begriff, den man am ehesten per von ihn moderierten Oscar-Verleihungen auf den Weg mitbekam, wenn man mal von ikonischeren Ausnahmen wie eine Handvoll „City Slickers“-TV-Sichtungen sowie den obligatorischen „Harry und Sally“ absieht. Viele Jahre später kann es aber eben durchaus passieren, dass unversehens Domino-Steine der Neugier aufs Haupt niederprasseln, wenn das Schreiberteam hinter „Eine Wahnsinnsfamilie“ zufällig quasi als Stammautoren fürs Œuvre Mr. Crystals zuständig scheinen. Innerhalb jener Filme, die sich aus dieser Konstellation ergeben, findet allerdings eine interessantere, wenn auch nicht rein positive Entwicklung statt, die dem Berufskomiker sein Image perfektionieren und gleichzeitig in befremdliche Beliebigkeiten gleiten ließ. Nun werde ich innerhalb dieses Blogs nicht den Anspruch erheben wollen, eine vollständige Reflexion zum Werk genannten Billy Boys anbieten zu können, stattdessen werde ich spekulativ Verbindungen und Querweise innerhalb der singulären Erfahrungspunkte aufstellen, aus denen niemand schlauer werden dürfte – es sei denn natürlich, jemand unter den Lesern hat zufällig ebenso reges Interesse am brandaktuellen Thema Billy Crystal. Ich könnte es niemandem verübeln, denn der Komiker aus russisch-österreichisch-jüdischem Hause ist eben konsistent exzellent in dem Handwerk, das in letzter Zeit Überstunden machen muss, um einem die Angst zu nehmen: Humor (bitte übermäßig dramatisch lesen). Klingt pathetisch?


Nun, dann ist das eine stimmige Einleitung zu seiner ersten Regiearbeit „Der letzte Komödiant – Mr. Saturday Night“ (1992), die wie oben erwähnt in Zusammenarbeit mit Babaloo Mandel und Lowell Ganz entstand sowie als Biopic-Fiction eines alternden Late-Night-Comedy-Urgesteins mit jiddischem Background schon reichlich Auskunft darüber gibt, wie Crystal sein eigenes Wirken entfernt autobiographisch reflektiert und mit welchen Zutaten jedes seiner Narrative fortan ausgestattet wurde. Das fängt schon beim Rollennamen an, Buddy Young. Ich schwöre, man wird selten einen Charakter seinerseits ohne Spitznamenformat vorfinden, denn warum Distanz schaffen, wo der kleine Mann seines Rollentypus ohnehin schon jede Distanz trotz offensive jokes zu vermeiden versucht? Man bemerke allein in diesem Film, auf welch verlorenen Posten sein Buddy um die Zukunft in Beruf und Ehe hadert, die existenzielle Krisis an der Vergangenheit festmacht, nostalgisch auf Tuchfühlung mit dem Elternhaus bleibt und dementsprechend am energischsten im Thema Frauen unterwegs sein will. Can a brother relate? Das komplette Paket bietet speziell der Film noch anhand seiner Flashback-Struktur, da Buddy zudem den Kontakt zum eigenen Kind aus vielerlei Gründen nicht aufrechterhalten kann (siehe auch „Steve Jobs“), zudem ihm nahe Protegés und Bruder/Manager Stan (David Paymer) anmault, weil liebevolle Verbindungen in der human condition so rar scheinen wie der Erfolg jenseits ewiger Enttäuschungen. Die Umstände sind natürlich der ideelle Nährboden für Sarkasmus, Galgenhumor, respektlose Pointen und schlicht beobachtendes Feingefühl fürs Grobschlächtige, sprich ständige Begleiter in Crystals Wesen, die er an dieser Stelle aber über weite Passagen ins Lager des Dominanten bugsiert, welcher in objektiver Perspektive der Mitmenschen Gutes will, einen aber so exploitativ mitschleppt, solange man im Schlagabtausch zum Anderen Witze schöpfen kann. Ein Schutzmechanismus vonseiten Buddys flackert da erst recht auf. Kalauer sind in Crystal Melange aus Selbstkritik und Selbstinszenierung alles andere als Mangelware, doch jenes innere Zerwürfnis der Identität spaltet den Film doch irgendwann in wackelige Perspektiven vom Überleben im Business, die sich im Schlussschlagloch wiedergutmachender Selbsterkenntnisse mit Sentimentalität und Rückblicksfrust eindecken müssen, um eine Zielgerade zu fingieren. Die Ambition zum Gleichgewicht ist es durchaus wert, ungewisse Zukunft und verpatzte Chancen als Versagensängste des einsamen Schenkelklopfers zu ballen, doch hierfür bieten sich viel zu oft lediglich massive Ausformulierungen im Dialog, Bad-Grandpa-Make-Up sowie Stativaufnahmen als Aufhänger dessen an, die hoffen lassen, dass Crystal nach seinem Regiedebüt auch irgendwann mal einen Film in Angriff nehmen würde. Klingt harsch, hat sich aber zumindest auch so zugetragen.


Forget Paris“ (1995) heißt sodann der zweite Streich vom Schlage B.C., virtuoser (wieder mal) zwischen den Zeiten pendelnd und nicht aufs eigene Milieu beschränkt, so dass die Bahn frei wird für eine Beziehungskomödie, die alles tut, um vielleicht auch nur einen Moment lang „Harry und Sally“ zu sein. Der abgeklärten Weitsicht eines Rob Reiners kann er gewiss nur bedingt nachkommen, so wie sich sein Drehbuch inklusive Mandel-und-Ganz-Input wie schon im Film zuvor auf manch Allgemeinplätze pflanzt. Und ach ja, der Rollenname? Mickey Gordon, jetzt gleicht sich schon die Anzahl der Silben zum Darsteller! Eine Leidenschaft kommt jedoch addierend ins Spiel, die man ebenso symptomatisch fürs Gesamtwerk bezeichnen darf: Der Sport! Als ob Crystal nicht genug amerikanische Traditionen ins Feld führen könnte, gibt es in diesem Fall Basketball oben drauf und ihn als Schiedsrichter mitten drin. So ein Kleiner Mann und die Größen der NBA? Das muss man nicht mal gesehen haben, um den Witz zu verstehen! Man, ist der ein Kerl vom alten Schlage, so eine stets im Vornherein mit dem liberalem Hollywood verbundene Identifikationsfigur und so komisch, wenn er in seiner Wut vier Zentner wiegt, Jahrtausende des Leidens im jüdischen Volk lakonisch in First-World-Problems fortsetzt. Nicht falsch verstehen: Ich lass mich gerne auf charmante Bros ein, doch wie sich sicherlich schon heraus liest, arbeitet er auch mehr nach bestimmten Zutaten und Typecastings seiner selbst, was nicht nur innerhalb der 90er ohnehin Pflicht war für Leinwandwiederkehrer. Interessant wird es erst, wenn er in Paris per Zufall auf Ellen (Debra Winger) trifft und Stück für Stück die Liebe anbricht, dass das Happy-End in nächster Nähe scheint. Binnen der Rahmenhandlung, die sich aus mehreren Erzählern zur Rekonstruktion der Ereignisse heran traut, wird dann auch mit diesen Erwartungen gespielt, doch im flotten Tempo weiter drauf addiert, wenn sich die komplizierten Realitäten einer Ehe in die Ideale der Individuen mischen. Kompromisse zu finden, ist für diesen Film sodann mal mehr, mal weniger konstruiert ein Problem, obgleich Dialoge und Regiedynamik stets geschmeidig umeinander tänzeln, Klarinetten-Jazz als Surrogat ihrer selbst noch dazu rufen, wenn sie die Unmöglichkeit/Unbedingtheit von Mann/Frau diskutieren. Aus welchen Gründen allerdings? Naja, er ist seines Jobs wegen für längere Zeit weg und das hält sie nicht aus – wenn er sich wiederum an ihre Wünsche anpasst, ist er allerdings unglücklich. Jenes Wechselspiel ergibt im komödiantischen Aufwind der Mandel-Ganz-Manier durchaus eine gut balancierte Partie, natürlich wie alles an Crystals Methodik zudem ausgerechnet von den Erinnerungen ans Glück in Paris gequält, dem keiner gerecht werden kann. Interessanterweise wird sich das Paar später entschließen, sich mit Blick voraus davon abzulösen, doch merkt es der Leser schon? Das klassische Happy-End ist gleich unter mehreren Paaren ausgebrochen, alle Kreise schließen sich. Billy, man muss ihn einfach lieben, aber der geschulte Blick muss langsam damit klar kommen, dass das konservativere Americana ein festerer Bestandteil des Multitalents ist, als ich zuvor vermutete. Ja, zwanzig Jahre alte Filme sind nicht auf Zeitlosigkeit abonniert und als Vorschau darf ich auch verraten, dass der spätere Crystal zumindest die Annäherung auf neue Jahrzehnte versuchte (alter rustikaler/armseliger Mann als Fish-out-of-Water = witzig!), aber wie bei seinem Buddy Young hatte man schon Ende der 90er den Eindruck, dass er aus der Zeit gefallen wäre.


Das lässt sich vielleicht an seinem Status als mehrfacher Oscar-Moderator feststellen, aber wie daneben ist denn z.B. schon Ivan Reitmans „Ein Vater zuviel“? Übrigens wieder von Mandel und Ganz geschrieben, allerdings 14 Jahre nach dem Original „Zwei irre Spaßvögel“ (1983) neuverfilmt, wirkt die Prämisse allein zu hanebüchen für die billigsten Witze (Nastassja Kinski lügt Crystal und Robin Williams vor, sie wären jeweils der Vater ihres weggelaufenen und um unglaubliche 5000 Dollar verschuldeten Sohnes, den sie unabhängig voneinander, dann aber doch zusammen finden sollen), aber noch kurios genug für eine inzwischen irreparable Zeitkapsel. Mel Gibson in einem Cameo ist da vielleicht noch so unschuldig zu bewerten wie alle Schwärmereien zu seiner Person vom Ensemble der „Tiny Toons“ und „Animaniacs!“ aus, doch wenn Robin Williams als suizidgefährdet, manisch depressiv sowie mit Revolver im Mund eingeführt wird, versinkt der Film unfreiwillig im Boden. Schlimmer noch ist die Imitationsroutine, die er sodann am Wohnungsspiegel vollführt, ob er denn als Abziehbild eines Wiggas, Gurus oder Hippies besser beim Sohnemann ankommen würde. Man merkt: Der Film ist so energisch um den Zeitgeist bemüht, dass er sogar „The Impression That I Get“ von The Mighty Mighty Bosstones auflädt – mehrmals, wohlgemerkt! Überflüssig zu erwähnen, dass das Unterfangen sich selbst den Draht zerschneidet. Und wer ist mitten drin am verzweifelten Anbiedern? Billy Crystal, entgegen aller Tradition mit dem Namen Jack Lawrence aufgeführt, immerhin mit langjährigem Sparring Partner der Lacher, Williams, gepaart, was als Nukleus noch einen tolerablen Roadtrip aus der Sache schlägt, in allen Belangen aber weiter zurückliegt als das Entstehungsjahr 1997. So ist er ein Anwalt, der zu viel um die Ohren hat, mehrmals geschieden ist und in der frischen Liebe zu Julia Louis-Dreyfus trotz ewigem Kinderwunsch mehr als nachlässig wirkt. Der Film kommt da ganz nach ihm und kann so rein gar nichts mit ihr anfangen, wie dieser auch Frau Kinski als frustrierendes Plot-Vehikel im Irrationalen verharren lässt, während die Männer die ganze Arbeit auf sich nehmen müssen, aber auch zu blöd sind, um mit der noch so beknackten Wahrheit rauszurücken. Die schlimmste Situationskomik ist doch immer die, wenn beim Gegenüber im Telefongespräch Missverständnisse zustande kommen, nicht wahr? Ist es dann noch dümmer, wenn ein Gay-Panic-Gag draus gebastelt wird? Ohne als SJW dastehen zu wollen, möchte ich das einfach mal bejahen, aber nicht zu sehr auf die große Waage legen, weil: damals und so, jojo, inzwischen dürfte sich ja selbst ein Billy Crystal dazu gelockert haben, nich'? Oh. Naja, wie dem auch sei, kommt zwischendurch zumindest Jared Harris vorbei und bedroht den stets flüchtenden Sohnemann mit Original-Akzent, während Bruce Greenwood als leiblicher Vater ebenfalls auf der Suche nach diesem irgendwo im mittleren Westen hängenbleibt, da ein Abschleppwagen das Dixi-Klo mit ihm drin umgeschmissen hat. Pseudo-Farrelly-Brüder zu sein, ist für 1 Ivan Reitman 1 Armutszeugnis, aber auch k1e Vollkatastrophe. Selbst wenn Crystal und Williams im irrealen Konzept herumturnen, ist der Frust zu echt, um langweilig zu sein und je mehr Kopfnüsse die Spießer austeilen, desto besser. Aber mit welcher verballerten Soße sich Mann und Frau an allen Fronten wieder vertragen, hätte sich Crystal als Regisseur selbst nicht mal erlaubt.


Das überließ er jemandem wie Michael Lehmann, den ich für gewöhnlich als interessanten Regisseur besprochen habe, doch bei „My Giant – Zwei auf großem Fuß“ wirkt „Heathers“ ehrlich gesagt wie Lichtjahre entfernt. So blödelig wie bei „Airheads“ denkt er sich wiederum nicht in seine Prämisse, doch als ob ein PR-Team ohne jede Filmerfahrung Mr. Crystal vollends als Produktmarke verkaufen wollte, ist dessen Verkörperung des erfolglosen, geschiedenen und um eine Bindung mit dem Sohnemann bemühten Hollywood-Agenten Sammy Kanin so formelhaft ausgefallen, dass selbst seine schlechteren Witze à la Fips-Asmussen-Niveau eliminiert scheinen. Klar, der Voiceover mit neurotischer Schicksalsverdrossenheit und die Klarinetten-Soli schauen noch immer gen Himmel zum existenzialistischen Schmerz, aber oi vey, der Film versucht hauptsächlich das Herz zu rühren, familientauglich moralische Dilemma der gut gemeinten Notlügen und verzweifelten Versprechungen zu entwerfen. Wie schon zuvor in diesem Kapitel erwähnt, keine schlechte Angewohnheit an sich, das als Filmemacher zu wollen, doch ein fataler Fehler lässt die gesamte Maschine defekt zurück. Das Ding ist, Sammy ist in Rumänien unterwegs, wird vom verwöhnten Filmstar-Gör entlassen, nach einem Autounfall jedoch von Max (Gheorghe Muresan der Washington Bullets, New Jersey Nets und Maryland Nighthawks) gerettet, der mit seinen 2,31 Metern den großen Durchbruch aus der permanenten Geldnot für die laue Karriere Kanins bedeuten würde. Jener gütige Naivling will jedoch nur zu seiner alten Flamme Lilliana zurück, was Sammy insofern ausnutzt, dass er ihn mit nach Amerika zu ihr bringt, wenn er sich für Filme und weiteres zur Verfügung stellt. Soweit, so konfliktbeladen. Ehe der Film an sich aber eine genuine Herzlichkeit an Max erfahren will, steuert er seinen Fokus immer wieder auf Sammy zurück, dass die Suche nach Lilliana schließlich wortwörtlich seine Suche zur Ehefrau bedeutet. Der Schlussakkord dazu wäre sogar fast schon ein Cronenberg'sches Delirium der Identitäten und Voyeurismen, in dem Kontext allerdings hat der Film einen Hang zum Ego an sich, als ob man Crystal zur Selbsterkenntnis genauso gut ein Meta-Gleichnis vom Schlage Magic Negro zur Seite hätte stellen können, so sehr er auch für die Wünsche seines Freundes einstehen will und doch allein von der Körpergröße her schon halb am Riesen vorbei konzipiert ist – soll ja auch ein bisschen witzig sein. Die unstimmigen Sentimentalitäten werden zu alledem noch von niemand geringerem als Putin-Staatsbürger Steven Seagal ergänzt, der sich selbst spielt und wie oben Gibson schon als guter Tough Guy mit semi-asiatischem Karma idealisiert wird. Da muss sich „Ein Vater zuviel“ geschlagen geben, da Lehmanns Film immerhin Potenzial zum Verschenken hat, doch solch ein Lob macht eher mutlos als zufrieden zu stellen.


Nun, da die problematischen Reibungspunkte ausgearbeitet sind, lässt sich zumindest ein Erfolg verbuchen, da „Reine Nervensache“ daraufhin aus der Hüfte weg bessere Zahlen und Lacher bar jeder aufgezwungenen Sentimentalität für sich einsacken konnte. Der Film von Harold Ramis schaffte es dabei, erstmals den Kontrast zwischen dem milden Temperament Crystals und der Mafioso-Rolle Robert De Niros einzusetzen, was letzterer in folgenden Jahren noch mehrmals zum halbgaren Einstieg ins Comedy-Fach variieren würde. Hier jedoch geht die Rechnung noch so weit auf, dass keine typischen Situationskomiken aufeinander prallender Welten vorherrschen und zudem nicht von Vornherein verniedlicht werden, wenn sich die Gewalt und Einschüchterung des Unterweltapparates zur Therapie einberufen lässt, hin und her pendelt, wie viel Boden sie dem gewaltlosen Gegenüber zur Problembewältigung preis gibt. Die Pointen sind dann auch meistens versteckt im Prozedere der Angstzustände wirkend, die ein Paul Vitti (De Niro) lösen lassen will sowie Dr. Ben Sobel (Crystal) wiederum um die professionelle Fassung bringen. Das funktioniert vor allem deswegen, da weder Crystal noch De Niro wirklich die Idealisierung ihrer Milieus erfahren können, der Film den Fokus im Schlagabtausch der Gewohnheiten von Positionierungen frei macht. Klar, Sobel ist ständig um die perfekte Eheschließung zu seiner Zukünftigen Laura (Lisa Kudrow) bemüht, doch ehe ein anbiedernder Schmalz draus gerät, schlägt die Rücksichtslosigkeit Vittis zu, für die sich sein Seelenklempner schnellere Methodiken überlegen muss und trotz aller Widerstände nicht umhin kommt, dem Mann helfen zu wollen. Vielleicht eine konstruktivere Variante von „Was ist mit Bob?“? Gemeinsamkeiten sind ja trotz konträren Umgangston allmählich zu finden, wenn es um die Rolle der Väter und das hemmende Gerecht-Werden derer geht, an denen man aber reellere Bezugspunkte stilisiert als die Spielbergisierung von Mandel und Ganz jemals imstande zu wäre. Beinahe zeitgleich mit den „Sopranos“ gestartet, erfordert der Zeitgeist auch einfach abgeklärtere Handhabung mit dem Status des Kriminellen binnen der USA, weshalb die Daseins-Schocks Sobels des Öfteren alles auf sich zukommen lassen und ums Verrecken beruflich zu verarbeiten versuchen, was umso tollere Früchte trägt, wenn der Mafia-Hüne zur schlichten Schlussfolgerung in Tränen ausbricht. Die drollige Verletzlichkeit darin, selbst gegenüber kitschigen Werbespots, macht erst den Menschen hinter dem Arsenal garstigen Killer-Lingos aus, gleichwohl ein Hindernis für Sobel, der immer tiefer in die Machenschaften seines Patienten gerät, moralisch am Scheideweg steht und dort den Kugeln ausweichen muss. Ramis' Inszenierung verschreibt sich dann auch eher kernigen Eindrücken mit zackigen Shootouts, Blutbeuteln und Draufsichten ohne Überzeichnung, die mehr Bedrohung wie Erdung als für eine Komödie gewohnt zulassen, dennoch engagiert auf die Steigerung der Absurditäten zusteuern, inwiefern Vitti den Doc beanspruchen kann. Es kann sich zeitloser behaupten als oben genannte Beispiele der 90er Jahre, geht im letzten Drittel aber gleichsam auf eine Erschöpfung der Prämisse zu, die sich zwar weiterhin von Emotionalisierungen fern hält, auf neutralem Boden aber auch keine Happy-End-taugliche Heilung inklusive einiger Klischees auslässt. Das ist aber so oder so um ein Vielfaches besser als die Fortsetzung „Reine Nervensache 2“, die ungefähr dasselbe versucht, an der eigenen Existenz jedoch zusehends den Faden verliert, schwache Einzelmomente im Eiltempo ballt und in beliebigen Reiterationen der längst erreichten Substanz abflettert. Immerhin darf Crystal da eine eigene Katharsis im Anger Management finden, doch die Wege dahin geraten so vage, absurd und ohne Ziel verworren, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann er wieder zu alteingesessenen Idealen zurückkehren würde.


Auftritt für „Die Bestimmer – Kinder haften für ihre Eltern“, ein Andy-Fickman-Film für die ganze Familie, der um 2012 herum die schleichende Antithese für den familiär entschiedenen Neoliberalismus politischer Korrektheiten unter Obama darstellt. Böswillig wird hier nur bedingt auf die antiautoritäre und pro-tolerante Handhabung der Elternschaft aktueller Generationen geschaut, doch das altmodische Verständnis eines Billy Crystals wird die Wogen schon glätten, wenn es vom Narrativ her heißen soll: Make families great again. Und da werden wahrlich alle Register gezogen, um die Charakteristika am Crystal-Konsens so vertraut wie möglich aufzutischen, so wie er als Baseballmoderator Artie Decker nach Jahren der Treue zum ortsansässigen Team seiner mangelnden Social-Media-Präsenz wegen gefeuert wird (!) und kurz vor der seligen Rente mit Ehefrau Diane (Bette Midler) noch daran nagt, mit Tochter Alice (Marisa Tomei) und wiederum ihrer Brut ins Reine zu kommen. Durch eine von vielen aufgesetzten Plot-Konstruktionen geraten allesamt jedoch unter die Aufsicht des hilflosen Opas, der im Herbst des Lebens nochmal den Stress der Veränderungen durchmachen muss, gleichzeitig die Bindung im Zauber der Vergangenheit findet. Berufliches Chaos in der Verzweiflung des Abgehängten; turbulente Anpassungsschwierigkeiten mit neuer Technik; High-Stress-Kids mit Violinenunterricht, Sprachstörungen und geduldet eingebildeten Freunden; Baseballspiele mit unendlich vielen Strikes sowie ohne Punktanzeige, um ja kein Konkurrenzdenken zu fördern: Es ist unfassbar, wie hoch der Film trotz seiner dusseligen Formelhaftigkeit inklusive radikalen Skateboardszenen und Zuckerbomben mit Ideologie angefüttert ist, was ihn trotz aller beliebiger Gestaltungsparameter schon wieder interessant macht, insbesondere wie er die Empathie zur Gegenseite zu finden versucht. Die verbrüdert sich nicht unerheblich mit der Freiheitssehnsucht der Eltern auf der Karriereleiter (Kapitalismus muss sein!) und lässt zudem vielerlei Fehler im Urteilsvermögen Artie Deckers geschehen, der unter Vorbehalt verspricht, alles unter einem Hut zu kriegen und doch scheitert, selbst wenn er noch so viele Zingers (nicht die von KFC) aus dem Ärmel schüttelt. Blut ist ohnehin dicker als Wasser und sucht daher Kompromisse der gegenseitigen Ergänzung, Anteilnahme und Verteidigung, weshalb mal sentimental von ewiger Verbundenheit geschwärmt und mal um die Verantwortung der Millenials diskutiert wird, wie viel Behütung und Autorität man durchgehen lassen soll. Alles pendelt sich mehr oder weniger dennoch ins Konservative ein, so wie es amerikanische Komödien selten vermeiden können und zur Frage stellen, ob es einen Unterschied macht, welche festen Regeln Familienmodelle für sich installieren oder ob sie in ihrer Grundform so oder so aufs Bewährte angewiesen sind. Dass der Film dafür einige äußerst ausgelutschte Klischees anwendet und trotz aller ausformulierter Familienbande wie vom Reißbrett amerikanischer Ideale wirkt, lässt jedenfalls auf eine möglichst baldige Dekonstruktion hoffen, doch so wie sich die USA in Kürze vermutlich gestalten, ist das Gegenteil wohl eher der Fall und Crystal mit diesem Film voller spezifischer Retro-Topoi seinerseits mitten drin.

Sonntag, 30. August 2015

Tipps vom 24.08. - 30.08.2015

Zunächst geht es natürlich mit der Hans W. Geißendörfer-Retro auf CEREALITY weiter und da kommen wir bei seiner LOBSTER-Serie an, die ich an dieser Stelle schon mal besprochen habe. Nun aber in kompakter und verbesserter Form ohne extensive Story-Ausschlachtung:




EPISODE 1: DER EINARMIGE - "[...] Interessanterweise löst Geißendörfer seinen Showdown allerdings wie schon in „Perahim“ nicht reißerisch auf, sondern erzählt mit nüchterner Zielstrebigkeit das Nötigste. Er bleibt gefasst und bodenständig, wie es zum Fall und zur Person des Lobsters an sich passt. Dabei schafft er es zudem, stilsicher mit den Formeln und Protagonisten des Genres sowie einem Gespür für das Menschliche, dessen alltäglichen Schicksalen, Motivationen und Sorgen zu jonglieren. Das erfüllt sich in jener konzentrierten Größenordnung mit einer emotionalen Wirkung, wie es nur wenige Serien in ihren ersten Lebensstunden schaffen. [...]"

EPISODE 2: ZWEI FLIEGEN - "[...] Passend zum Verweis auf seine eigene Stilistik zeigt Geißendörfer eine Affinität zum Genre der Privatdetektivserie, deren Formeln er in der ersten Folge eigensinnig umstellte, hier nun effektiv aufblühen lässt und sogar typische Romantisierungen des Berufs anwendet, inklusive Explosionen, Schusswechseln und Verhören. Doch auch hier dreht er den Spieß um und lässt durchscheinen, dass jene Handlungen zum Leiden des Gatten und anderer beigetragen haben dürften. Lobster hat es immerhin noch mit echten Menschen zu tun, inmitten eines trostlosen und visuell zynischen Herbsts. Und da liegt es der Serie schlussendlich eindeutig fern, jenem selbstgefälligen Fantasie-Ethos des etablierten Sendungsformats die Bühne zu überlassen."

EPISODE 3: STIRB - "[...] Die Liebe zu Tochter Tessa ist ohnehin ein ausschlaggebender Faktor zur minutiös offenbarten Nachvollziehbarkeit seiner Entscheidungen und reflektiert die harmonische Beziehung zwischen Lobster und seiner Tochter, die bereits in vorhergehenden (und kommenden) Folgen Probleme zu meistern hatten. Es ist für Geißendörfer zwar gen Ende klar, welche familiäre Einheit im Duell die Oberhand behalten wird – doch für ein Urteil nimmt er seinem Helden doch noch spielerisch den Wind aus den Segeln, während die Verlierer mit ihrer unausgegorenen Ideologie als Menschen jenseits ihrer Kontrolle das Verständnis des Zuschauers gewinnen [...]"

(Die kompletten Kritiken gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)


EPISODE 4: HANDSCHELLEN - "[...] Nähert sich voller Kompromisslosigkeit den finsteren Implikationen des Krimis und erschafft in knapp einstündiger Laufzeit eine zwar handwerklich unaufdringliche, aber unheilvolle Spannung auf demselben Fleckchen Erde, auf dem sonst Humanismus versucht wird. Dieser wird hier auf eine sadistische, schmerzvolle Probe gestellt und muss dabei auf verzweifelte bis clevere Verteidigungsmaßnahmen zurückgreifen. Schlussendlich siegt die Menschlichkeit, da Lobster alle seine Fähigkeiten bis zur Selbstaufgabe einsetzt, um sein höchstes Gut, das Leben seiner Tochter, zu retten. Ein intensives Kammerstück, das die Sicherheit seiner Charaktere außerhalb der seriellen Erwartung unterwandert und die familiäre Sorge dabei weiterhin entschieden in den Fokus stellt."

EPISODE 5: BLUT - "[...] Lobster stieg der Alkohol vom Anfang wohl zu Kopf und legte sich wie ein Schleier über das Handeln des Privatdetektivs, der nur noch bedingt Rücksicht nimmt auf die verängstigten Gefühle der Mutter. Er weiß sofort, dass etwas Perfides im Argen liegt, und gibt sich im Folgenden so ordinär, dass sich die Folge dem anpasst und die Mutter auch kaltschnäuzige Phrasen hinrotzen lässt, welche mit lautstarken Anschuldigungen quittiert werden. Das Verständnis bleibt da verständlicherweise auf der Strecke und verwandelt diese Geschichte in weit hergeholte, aber dennoch kurzweilige Reißerware."

EPISODE 6: DAS KIND - "[...] Geißendörfer geht erneut mit einem audiovisuellen Verständnis heran, das sich ebenso effektiv in der Charakterzeichnung seiner gebrochenen Figuren widerspiegelt, wobei Lobster hier so stark wie noch nie an die ethischen Grenzen seines (nur bedingt Genrekonventionen erfüllenden) Berufes gerät und deren bittere Konsequenzen erleben muss. Solange der soziale Wille jede Herausforderung zu bewältigen versucht, lässt es sich eben leben. Die dunklen Seiten jenes Lebens mögen zwar an jeder Ecke lauern – aber es gilt, sie nicht bloß mit der Kelle zu vertreiben, sondern mit einem Sinn für Gerechtigkeit auf allen Seiten zu konfrontieren. [...]"

(Die kompletten Kritiken gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




DER BUNKER - [...] Wie der Student ist man als Zuschauer dazu gezwungen, zu beobachten und mitzumachen, ganz gleich, was geschieht und wie lange der Anstand es noch zulässt. Gewiss zeichnet sich hier ein unterhaltsames Spektrum ab, das die Strukturen familiärer wie gesellschaftlicher Ideale ad absurdum führt und die Angst vor der Außen- und Innenwelt konfrontiert. Es betrügt jedoch nie seine Wurzeln, auch, weil sich diese nie entblößen, sondern höchstens die (soweit möglich) logischen Ausmaße präsentieren; unter anderem anhand von ödipalen Komplexen und der Ermöglichung dieser durch die Mutter. Fakt ist, dass „Der Bunker“ als Film zwar den Reiz jener Ungewissheit erforscht, doch diesen nicht in türmende Eskalationen sprengt. [...]



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JOY STICK HEROES - Bei Kinderfilmen muss man scheinbar immer ein Auge zudrücken, wenn es um Glaubwürdigkeit, reelle Logik oder überhaupt cineastische Qualitäten geht. Wenn all diese Faktoren allerdings in der Wende von den 80ern zu den 90er Jahren mit Familiendrama, komödiantischem Jugendabenteuer, Underdog-Heldensage und Videospiel-Werbung verbunden werden, ist die Kernschmelze garantiert. In Regisseur Todd Hollands Bemühung, jene narrativen Stichworte miteinander zu versöhnen, geht es nämlich drunter und drüber - angefangen bei haltlosen Charakter-Klischees des amerikanischen Mittelstands, hin zur spekulativen Darstellung eines Traumas/Autismus (?) und infantilen Widersachern in Form von Gamer-Profis-mit-Sonnenbrillen-namens-Lucas und pseudo-seriösen Kinderfängern (ein gängiges Problem der Ära?).


Beim darauf erbauten Roadtrip wird zudem zeitweise auf verbindende Mittel der Verständlichkeit verzichtet, während der Honkfaktor im Drehbuch gar nicht mal so stark auf Naivität aufbauen könnte, wo er doch Kindesmissbrauch für Gags benutzt und Kindtod sowie Traumata in emotionaler Aufarbeitung anwendet. Doch ehe man sich versieht, reiht sich eine Unfassbarkeit an die nächste - vor allem in der deutschen Synchro kommt der Quatsch zur Ekstase und drückt unentwegt dort aufs Gaspedal, wo das befremdliche Weltbild schon seine unbeholfensten Situationen als alltägliche Grundierung verkauft. Das geht dann am unglaublichsten in die Hose, sobald die Nintendo-Werbemaschinerie fast aus dem Nichts in den Film suppt und im Verlauf allentscheidend für die Bewältigung psychischer Unzugänglichkeiten wird. Es wirkt folglich so unnatürlich wie auch das Spektrum an kindlichem Slang heutzutage eine unfreiwillige Pointenfülle bereitstellt. "Du bist echt ein funny boy!"


Und ganz abgesehen davon kommt man aus dem Lachen nicht heraus, für welche liebens- und schämenswerten Leistungen sich Recken wie Beau Bridges, Christian Slater sowie die spätere Rilo-Kiley-Sängerin Jenny Lewis, Tobey Maguire und King Kong hergeben. Das liegt aber auch an den Filmemachern an sich, die ausgerechnet ihren Fokus auf Videospiele in den Details so vergeigen, dass selbst Laien der Materie erkennen, wie wenig Ahnung hier an den Tag gelegt wurde. In diesem Sinne gewinnt der Film mächtig an Unterhaltung, versagt und verwundert gleichermaßen und bleibt dabei stets in poppiger Bewegung, hin- und hergerissen zwischen plakativer Sentimentalität, alles andere als zeitloser Musik und Technik, beknacktem Slapstick sowie exzessivem Product Placement im Herzen eines noch etwas unschuldigeren Amerikas. Muss man gesehen haben!




APPLEJUICE - Michael Lehmann schafft hier, einmalig als Regisseur und Autor in Personalunion, einen bissigen Blickwinkel auf das kontemporäre Amerika seiner Zeit, gebraucht aber einige Umwege, um dies zu offenbaren. Zunächst wirkt "Applejuice", oder im Original "Meet the Applegates", wie ein provinzielles Einwegmärchen der Marke "Coneheads" - unterhaltsam in seiner sozialen Beobachtung, aber etwas naiv und platt in der Gestaltung des suburbanen Ensembles, das nun von verrückten Käfer-Viechern/Ausserirdischen/humanoiden Mutanten heimgesucht wird. Gepaart mit der zu Beginn schon angesetzten Öko-Kritik, bereitet man sich auf ein gut gemeintes, doch gefälliges Lustspiel vor. Doch obwohl die Applegate-Heuschrecken in ihrer Verkleidung der idealen amerikanischen Familie starten, wird dieses friedliche Bild in der bloßen Interaktion mit der wirklichen Welt stetig korrumpiert und allmählich auf den Ekel reduziert, der tatsächlich im Zeitgeist schlummert.


Das Ungeziefer in zweiter Haut ist nämlich nichts gegen das Ungeziefer der Selbstsucht und Perfidie in den modernen USA zwischen High School, Kirche, Shopping Mall und Atomkraftwerk in der Nachbarschaft. Bei der erforderten Anpassung kommen demnach auch Drogen, Gewalt, Kaufrausch, Sex, Vergewaltigung, Misstrauen und zuguterletzt die Lynchjustiz nicht zu kurz. Ein genüsslich hundsgemeines Abbild der Zustände, dem die vermeintlichen Applegates mit geheimen Verpuppungen entgegenkommen; sprich, ihre Probleme unter dem Teppich kehren oder im Keller verstecken, wie es im biederen Einfamilienhaushalt gang und gäbe ist. Doch auch hier suppt der Einfluss der Aussenwelt auf die ungewöhnliche Familie hinein und verformt sie zum verdorbenen Extrem/Konsens, bei dem Lehmann reichlich kompromissloses Gift sowie Horror verspritzen darf.


Er behält sich dabei stets eine ulkige Perspektive vor und agiert gerne auch hyperaktiv und cartoonhaft, obgleich im Bunten pechschwarzer Hass verpackt ist. Das satirische Potenzial muss also ein Stück weit entpackt werden und geht dementsprechend nicht immer in jenem Einschlag auf, den es als Überraschungseffekt haben könnte. Die Lösung aller Probleme durchläuft sodann auch harmlosere Wege; vermischt Cleveres mit Albernem und füttert die Gefälligkeit zwar mit subversiver Kritik, wirkt in seiner Gesamtheit aber manchmal dann doch zu forciert komödiantisch - auch in seiner gesellschaftlichen Häme. Dennoch bleibt eine Erfahrung, die sich kontinuierlich als gehaltvolleres Werk entpuppt, als es in seinen Anfangsmomenten zu werden scheint und beweist, dass Michael Lehmann vielleicht einer der unterschätztesten Filmsatiriker seiner Ära war.




WE ARE YOUR FRIENDS - [...] Joseph überrascht zudem mit ungehemmten Stilistiken der Pop Art und knackt filmisches Regelwerk, indem er kurzweilig kreative Gedankengänge vermittelt. Das bedeutet vor allem reichlich irre Texttafeln und Schnittbilder innerhalb des Wesens unseres Discjockeys. Übertreibung ist da zu erwarten und wird gerne aufreizend entgegengenommen. Auf die ganze Romantisierung folgt aber auch die Pflichterfüllung [...] All dies schleppt sich ein wenig zu sehr am Bekannten entlang, versucht sich mit musikalischen Montagen voranzutreiben und beweist zumindest einen gewissen Respekt vor den Figuren, macht sie aber nie ganz dreidimensional. [...]



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Sonntag, 10. Mai 2015

Tipps vom 04.05. - 10.05.2015



ICH SEH, ICH SEH - Ein konzentriertes Kraftbündel vom Horror, die eigene Mutter nicht mehr wieder zu erkennen. Dabei lockt einen der Film von Veronika Franz und Severin Fiala per meisterhafter Suggestion gerne auf die falsche Fährte; konstruiert in ländlicher Lage bewusst ein Designer-Eigenheim der Klaustrophobie, in dessen Dunkelheit sich so manche Geheimnisse lagern lassen - bis sie dann doch im reißenden Licht der Furcht entdeckt werden. Die Erlösung in Maisfeldern, Hagelkörnern und Trampolinen währt dabei auch nur von kurzer Haltbarkeit, da hierin ebenso mentale wie auch physische Mauern aufgebaut werden. Das fängt mit kleinen abwegigen Anzeichen an und verstärkt sich zu arretierenden Eskalationen, welche die Zelle der Familie in den Schlund der Vermutung, Kontrolle und Frustration hinein wirft.


Ein wahr gewordener Alptraum zieht auf, wie auch die soziale Verklärung keine Gegenwehr anbieten möchte - sind ja schließlich noch Kinder, die sich in die von außen hin abstruse Angst hineinsteigern. Es trifft den Zuschauer aber hart im Herzen und im Gewissen, wenn die Normalität der Fürsorge unberechenbare Tiefen einzugehen droht. Doch was sich zunächst im Kopfkino ausbreitet und nach Entlastung sehnt, wird in der schlussendlichen Heimzahlung der Wahrheitsfindung noch verstörender und grausamer - wohlgemerkt mit kleinen und unscheinbaren Elementen des Haushalts, wie auch schon die Provinz des Umfeldes schlicht mit schweigsamem Druck den Atem anhalten lässt. Die dazugehörigen Bilder und Stimmungen schneiden sich dabei wie die ebenfalls präsente Zahnseide konkret und dominant ins Fleisch, jedoch auch nur deshalb, weil sich das kleine Ensemble wahrhaftig gegenseitig erledigt.


Ohne zuviel verraten zu wollen, sei gewiss, dass sich die Mutter und ihre Kinder hier mächtig kaputtmachen können - bis hin zum eruptivsten Schrei, vor dem man sich seit Langem mal wieder im Kino fürchten darf. Beim kontinuierlich beengenden Psychogramm des Films kommt man eben ins Schlottern, ohne den künstlichen Schreck zu erfahren. Urängste mütterlicher Abhängigkeit und kindlicher Unschuld reiben hier unnachgiebig aneinander; sind zwar bestimmten Genre-Tropes nicht abgeneigt, legen aber einen fesselnd finsteren Impuls frei, der trotz aller Kompromisslosigkeit noch die Hoffnung in der Flucht des Geistes sieht. Dafür muss erst alles brennen, doch in der darauffolgenden Dunkelheit lässt sich auch alles wiederfinden. Kein Happy-End natürlich, aber insgesamt eine spannende Schock-Spezialität aus österreichischen Landen.




DAS FEST - Thomas Vinterbergs Pionierwerk der Dogma-95-Bewegung bringt schon gut auf den Punkt, was sich alles Hassenswerte und Unangenehme im Konzept der Familienfeier abspielt - die Eruption dessen hat dementsprechend knackig den Hau weg und geht zudem auf Hardcore-Tuchfühlung. Stilistisch unmittelbar per losgelöster Handkamera und ruppiger O-Tonkulisse in allzu vertrauten Home-Video-Signalen eingefangen, verdreht er sein Ensemble von der gemütlichen Verklärung in die eingerissene Fassade des bürgerlichen Wohlstands hinein, auf dass schon eine gewisse Katharsis der Wahrheit einkehrt, aber auch ausweglose Spannung.


Bei diesem ungehaltenen Sturm der Gefühle steckt der Horror in der Maßregelung der familiären Einheit, doch der Zusammenhalt der Opfer bündelt noch ein neues Herz zusammen. Es braucht dafür u.a. Hass, Schuld und Offenbarungen, um das Fest der Befreiung entfachen zu lassen - und das, während das Gros der Gäste trotz der Enttarnung die feierfreudigen Scheuklappen aufsetzt. Hier erlebt man also einen durchweg starken und urigen Tobak im Ausbruch aus patriarchalischen Würgegriffen. Ein Grund zum Feiern!




HEATHERS - Eine schonungslosere Satire auf die asozialen Mechanismen des US-amerikanischen Schulalltags dürfte es vor Todd Solondz nicht gegeben haben - und auch sonst ist Michael Lehmanns sowohl spritzig-zeitgenössischer wie auch komplexer Teenie-Albtraum ein schwarzer Schocker, der zeitlos den Arm des Konsens zwiebelt. Dabei werden schon gezielt Stereotypen der schulischen Gesellschaft mit zynischer Abgeklärtheit angepackt, doch im Humor dessen sind Unschuld und Naivität weiterhin nicht ausgeschlossen.


Deshalb jagt der Film an sich auch keinem vollen Realitätsverständnis hinterher, sondern überspitzt nur allzu gerne seinen Zucker, stellt diesem das Morbide entgegen und bringt sowohl Vergebung als auch furchtsame Ermattung fürs Radikale auf. Faszination und Verständnis für Aussenseiter sind da sowieso gegeben, aber ebenso nicht vor giftig-genüsslicher Kritik sicher. Kein Wunder, dass Drehbuchautor Daniel Waters danach für "Batmans Rückkehr" ein ähnlich cleveres Kabarett der Kontraste aufzog.




THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE 2 - "[...] Hoopers Film glorifiziert den Schrecken nicht, sondern veräußerlicht die brodelnde Gewalt eines Landes, das seine Faszination zum Bösen nicht verarbeiten möchte. Kein Wunder also, dass die Sawyers nun unter einem verlassenen Ferienpark hausen, der die Schlacht um Alamo und andere historische Gewaltmomente zum Vergnügen aufbereitet. So stößt Lefty einmal hinter eine Wand, auf der eine Illustration von gegeneinander kämpfenden Indianern und Konföderierten verzeichnet ist, und schon rotzen reichlich Gedärme heraus. Der Abstieg ins finstere Metzellager der Sawyers gleicht so einem Einblick in die Hölle (mit jenen schrillen Bewohnern als entweidende Verwandte der Drei Stooges), zeigt aber auch das wahre Gesicht eines amerikanischen Ideals, das sich allmählich selbst zerfleischt. [...]"



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LIFEFORCE - "[...] Genauso haltlos wie das brennende Verlangen nach Sex läuft der Film also seiner hormonell anregenden und ebenso von Lebenssaft abhängigen Vampirfrau hinterher. Er rast mit Vollgas dem Blut, dem Wahn und urbaner Zerstörung entgegen, während sich das Raumschiff anhand eines Laserstrahls am Himmelszelt daran wie mit einem Strohhalm ergötzt und ständig mehr verlangt. [...] Selbst wenn das Böse mit dem Schwert bezwungen wird, spritzen die Seelen atemlos ins Mutterschiff, das sodann zum nächsten Planeten vorantreibt und kein abgeschlossenes Ende bereithält. Tobe Hooper und Co. frönen in ihrem Gesamtkonzept eben der unbedingten Geilheit. Und da ist jedes Mittel recht, um den Reizen des fantastischen Invasions-Horrors ohne Rücksicht auf Verluste oder Sachschäden zu folgen. [...]"



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ESCOBAR - PARADISE LOST - "[...] Der Freiraum wird so klein, dass im Versteck nur noch ein Loch fürs Auge oder fürs Ohr am Telefonhörer übrig bleibt, an dem man machtlos die Konsequenzen der Naivität vorbeiziehen sehen und hören muss. Schließlich öffnet sich doch noch die Gelegenheit für eine Genre-gerechte Katharsis im Rückschlag, doch ist diese nur von kurzer Dauer. Stattdessen bleibt Nick der Spielball einer selbst ernannten Gottheit, deren Wege abgesehen vom Selbstschutz unergründlich, doch grausam sind. Alle Wege enden entweder im Blut oder in der Gefangenschaft – das Paradies ist verloren [...]"



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PITCH PERFECT 2 - Nach zwei Pressevorstellungen in den letzten zwei Monaten, jeweils einmal im starken O-Ton und einmal (nicht ganz so stark) synchronisiert, darf ich nun auch offiziell verkünden, dass mir die Fortsetzung der etwas unebenen A-capella-Komödie von 2012 im Vergleich mal echt gefällt. Zum einen liegt das unter Anderem am optimierten Gag-Gehalt, der nun am laufenden Band sympathische Pointen austeilt (und dieses Mal mit weniger unbeholfenen Lesbierinnen-Gags aufwartet); zum anderen am erhöhten und schmissiger geschnittenen Gesangsfaktor, der in seiner Kurzweiligkeit stets für dufte Laune und einige feuchte Augen sorgt.


Klingt belanglos? Ist es auch mit frecher Entschiedenheit, aber sei es drum: Als eskapistisches College-Character-Piece besitzt der Film genau die Freimütigkeit, die liebenswert zum Fun einlädt sowie jenen ambitionierten Zusammenhaltsfaktor unter Mädels, der im ersten Teil noch eher dem Konkurrenzdenken weichen musste. Stattdessen ist das freudige Wiedersehen angesagt sowie die gemeinsame Bezwingung der deutschen Supergruppe "Das Sound Machine", obwohl deren Performances die offensichtlichen Highlights des Films darstellen. Da wird selbst Anna Kendrick ganz wuschig.


Doch was wäre all der Spaß ohne die emotionale Umschließung des Ganzen, in der sich unsere Acabitches einen Kopf drum machen müssen, was sie mit ihrer Zukunft anstellen, obwohl sie das Wirken und die Freundschaft im Chorus am Liebsten für immer und ewig durchziehen möchten. Sie müssen eben ihre eigene Stimme und die Liebe wie ein Licht in der Nacht noch finden. Damit kann sich so manch Heranwachsender identifizieren - auch dank der krassen Auswahl an 90's Jamz, bei denen gerne der ganze Körper mitschwingt, während die Lachmuskeln noch am Arbeiten sind. Eine filmische Ertüchtigung also, bei der man sich gerne öfter als zweimal effektiv beglücken lässt - ganz goldiges Langfilmregiedebüt von Elizabeth Banks.




SUPERGIRL - Zu meiner eigenen Überraschung musste ich jetzt doch feststellen, wie niedlich ich diesen Film fand - insbesondere wohl wegen der goldigen Helen Slater als Titelheldin. Aber auch so verkörpert ihr Charakter eine ungeniert gutmütige Naivität, die nicht nur mit großen Augen, breitem Lächeln sowie toll wechselnden Haaren und Klamotten glänzt. Komisch nur, dass aus jenem Umstand (Sie kommt aus dem All in unsere Welt) kein pointiertes Fish-Out-Of-Water-Narrativ entwickelt wurde - und das obwohl sie ja tatsächlich mit komplettem, Boobs betonendem Kostüm aus dem Wasser in unsere Wälder geschossen kommt; wie ein Kind Flora und Fauna bewundert und darin unbedarft schwebt.


Schon kurz darauf legt sie sich nämlich mit potenziellen Vergewaltigern an und geht danach aus einer reinen Laune (oder der Lust nach Zusammengehörigkeit) heraus ganz unschuldig aufs Internat. Eine Phase, die insofern zur Charakterentwicklung genutzt wird, dass sie ein paar Mädels (allen voran Maureen Teefy als Lucy Lane) kennenlernt, ein paar Streiche und außerirdische Kräfte vereitelt sowie einige drollige Anpassungen an das Mädchendasein vollführt - BH-Ausstopfen und Kussübungen vor dem Spiegel inklusive.


Das intergalaktische Coming-of-Age verschiebt sich schlussendlich eher auf die Prüfung gegen einige der obskursten Bösewichte der Comicfilm-Geschichte: Die pure Faye Dunaway als Provinzhexe Selena und ihre planlose Klatschgenossin Bianca (Brenda Vaccaro), die aus irgendeinem Grund in einer Geisterbahn hausen und auf Black-Magic-Männerfang gehen, wenn sie mal keinen ironischen Smalltalk halten. Ein wunderbar abwegiges Gespann, wie auch der Film an sich irgendwie nicht weiß, worauf er hinaus will, außer vielleicht in die Quelle des beglückenden Eskapismus.


Gewiss gelingt ihm das mit toughen Girls, obskuren Setdesigns (Hurra für die Phantomzone - sogar mit vertrocknetem Leichnam à la "Man of Steel") und einer guten Menge dusseliger Romantik - ob nun jene aus Pseudo-Hypnose erwachten Liebe zwischen Supergirl und Ethan (Hart Bochner) oder die geradezu selbstverständliche Zuneigung zwischen Lucy Lane und Jimmy Olsen (Marc McClure). Mit ähnlicher Selbstverständlichkeit überrascht der Film ohnehin den erfahrensten Genre-Kenner; entwickelt humorvolle Unsinnigkeiten wie die plötzliche Diktatur Selenas anhand eines riesigen Berges oder Peter O'Tooles Drang zum "Squirten".


Man könnte meinen, John Boorman hätte zeitweilig den Regiestuhl übernommen; dazu passt auch das metaphysische Riesenmonster aus Selenas magischer Kugel, mit der sie sich auch quasi in der ganzen Welt umschauen kann - weil sie es nun mal kann. Und weil Dunaway hier offenbar spielen kann, wie sie wollte, bietet sich hier ein Camp-Traum vom feinsten an! Wem das jetzt alles zu weit vom Superman-Mythos entfernt klingt, sollte sich zumindest noch damit begnügen können, dass Supergirl ein pflichtbewusstes und freundliches Ideal repräsentiert, das sich neben der Sehnsucht zur Rettung von Welt und Mitmenschen zudem ohne Hindernisse die Freiheit nimmt, mit netten Typen zu knutschen, die ohnehin voll begeistert davon sind, dass sie fliegen kann. Mal ehrlich: Wer wäre das nicht?




CRAZY LOVE - LIEBE SCHWARZ AUF WEISS - Mit gut abgeglichenen Teenie-Komödien aus den 1980ern kann man nicht viel falsch machen - so ist auch hier der pubertäre Drang nach Liebe und Sex der Entscheidungsfaktor der paarfixierten Persönlichkeitsbildung, wobei das Konzept jenes gängige Wer-mit-Wem insoweit umspielt, dass jene einzig Richtige für Protagonist Michael (C. Thomas Howell), Toni (Lori Loughlin, "RAD"), anhand von poetischem Briefverkehr freiwillig aber frustriert die Mittlerin zwischen ihm und der heißesten Braut der Schule, Debby (Kelly Preston), wird. Wie gehabt geht die Dramaturgie natürlich darauf hinaus, dass er erst relativ spät erkennt, was wahre Liebe bedeutet; erfüllend wirkt es trotzdem.


Liegt womöglich an der kurzweiligen Ensemble-Arbeit des recht naiven Films, der sich neben den Allgemeinplätzen des High-School-Lebens zudem erlaubt, jene romantisch ausgeschmückten Briefe Tonis noch zu einem Subplot weiterzuentwickeln, bei dem die jeweiligen Eltern glauben, dass ihr Partner eine Affäre mit jemandem hätte. So kommt es dann immer zum Wechselspiel zwischen dem komplizierten Paarungsverhalten der halbstarken Teens und dem Verhängnis der Erziehungsberechtigten, wenn sie ihren angeblichen Verehrern nachstellen und sich so auch vor ihren Kids verstecken müssen. Weiß Gott nicht die hohe Schule der Komödie und teilweise entschieden honkig, aber allein durch die umschmückenden Eckdaten eine genüssliche Zeitkapsel.


Jan Hammer am Score lässt es nämlich Synth-gerecht krachen, Fred Ward gibt den wütenden Dad, alle Frat Boys sprechen in Neon-Clubs und Frittenbuden vom Fuck-around-the-clock, ein paar schöne Brüste werden ebenso ausgepackt und dennoch haben alle eine altersgerechte Unschuld inne - das Stichwort dafür schlechthin: Lori Loughlin. Insgesamt ist der Film ein ganz bescheidenes und stimmiges Liebeskarussell aus einem Jahrzehnt voller ähnlich gelagerter und auch noch weit besserer Filme, aber wer dem Genre was abgewinnen kann, dürfte hier eine ganz sympathische Wahl treffen. Und wer noch mit der Entscheidung hadert, sich nach diesem Film umzuschauen, darf seine Öhrchen mal für diesen feschen Titelsong aufstellen:






DUFF - HAST DU KEINE, BIST DU EINE - Ein Film, aus dem man einfach nicht enttäuscht hinausgehen kann, da er von außen genau das repräsentiert, was er auch liefert: Die gängige Teenie-Komödie voller Genre-Konventionen sowie dem ewig gleichen Narrativ des "hässlichen Entleins", das sich zur Ballschönheit mausert und den liebsten Kerl abkriegt. Daran ist natürlich alles in Ordnung und manchmal ist das Erleben jener Wunschfantasien ohnehin Balsam für die Seele. Wenn dann aber wie hier noch ein knackiger Wortwitz mit einigen abwegigen Pointen am Start ist, hängt man sich umso lieber rein - auch wenn gewisse Längen nicht zu verleugnen sind. Ebenso unbeholfen, aber von Connaisseusen der Materie mehr als erwünscht: Die Einarbeitung von Social Media zur Zeichnung des Zeitgeistes - allerdings nicht so planlos-erklärwütig wie z.B. in "Kiss the Cook".


Die Ära der Cyberbullys bietet sich nun mal nicht zur Zeitlosigkeit an, wohingegen die Rollenmodelle der High-School-Comedy hier mit entschiedener Selbstverständlichkeit zur Handlungsentwicklung aufgewendet werden. Die clevere und satirische Keule fortschrittlicherer Varianten aus bereits vergangenen Tagen darf sich zwar nur im Ansatz blicken lassen, doch dafür entschädigt die sympathische Figur Mae Whitmans als titelgebende "DUFF" (Designated Ugly Fat Friend - keine Ahnung, wie die deutsche Synchro das handhabt), Bianca Pepper. Sobald sie nämlich im Intro als Kultfilmfan offenbart wird und Poster von "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies" und "Maniac" an der Wand hängen hat sowie mit sarkastischer Schüchternheit im drolligen Casual Look abhängt, kann man sich (subjektiv gesehen) nur verlieben.


Obwohl, man wird sich mitunter eher mit ihr identifizieren, denn solch liebenswerten Idealfällen begegnet man nun wirklich nicht jeden Tag. Die unsichere Aussenseiterin sehnt sich aber wie immer in derartigen Filmen nach Akzeptanz und am besten auch der Liebe - erst recht, sobald sie Stück für Stück vom Schulalltag, sozialen Schemata und Viral Videos in die unwürdige Enge getrieben wird. Ihr netter, doch zackiger und populärer Nachbar Wesley (Robbie Amell) will ihr da ein bisschen auf die Sprünge helfen. Das lässt allmählich und relativ natürlich eine süße Liebe zwischen dem ungleichen Paar entstehen, doch Handykameras folgen ihnen auf Schritt und Tritt. Die Öffentlichkeit kennt dafür nur Häme.


Hier wird die Agonie der permanenten medialen Erfassung illustriert, die nun allzu stimmig in die Mechanismen des Schulalltags einfließen, wie es abermals heimliche Nachrichten, Tagebucheinträge und schlichte Gerüchte schafften. Es hat sich nicht viel geändert, in Sachen Stil und Storytelling erst recht nicht, bringt aber weiterhin die erwartete Erleichterung, sobald die designierte Verstoßene mit individuellem Selbstbewusstsein aus sich herauskommt und die Blicke hinter sich zieht. Wobei Frau Whitman nun absolut keine schicken Klamotten braucht - attraktiv ist sie schon von Anfang an. Eben ganz nett wie der Film an sich.




FREISTATT - "[...] So handelt es sich entgegen der historischen Hintergründe seines Titel gebenden Ambientes um einen lupenreinen Genrefilm, wie es ihn zuletzt vielleicht mit Manfred Purzers „Randale – Junge Mädchen hinter Gittern“ (1983) gab. Regisseur und Koautor Marc Brummund legt nämlich eine Sause hin, die trotz ihrer technischen Ernsthaftigkeit als klassischer Exploitation-Reißer durchgeht. [...] Der große Spaß in diesem Abenteuer kommt aber daher, dass es einem nicht mehr vorgaukeln möchte, als es verspricht. So wird jede Handlungsentwicklung und jeder Satz zur Pointe, während der Grundgedanke die Empathie am Laufen hält und gleichsam auf den Magen schlagende Spannung erzeugt. [...]"



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PAYCHECK - DIE ABRECHNUNG - Nein, was habe ich mich gefreut. John Woos letztes Hurrah für Hollywood ist, mit heutigen Augen gesehen, ein spekulatives Spaßbündel und schlicht verballertes High-Concept-Kino vom Feinsten. Alles an Charakteraufbau und Storytelling ist (bewusst?) von so weit hergeholt, dass die Unfassbarkeit nimmer stoppt - jedes Element findet auf die urigste Weise zu seiner Drehbuch-Einmaleins-Designation, die so phantastisch durchgeplant ist, dass man rein gar nichts daran ernst nehmen kann. Tiefere Gefühlswelten werden deshalb zugunsten knackig-dämlicher Oneliner und Etablierungs-Overkills für Dummies eingetauscht.


Dafür herrscht natürlich ein ausgelassener Schwachsinn, der sich dementsprechend mit Woo's visueller Verspieltheit deckt. Interessant ist dabei zwar der sporadische Einsatz der Kamera als unterstützende Perspektive für Afflecks Charakter, die somit gerne auch mal seine Desorientierung visualisiert; ansonsten poppt die bunte Montage reichlich wilde Klischees und die obligatorische weiße Taube ins Auge, auf dass der Film selbst für 2003 unglaublich overstated und grell daherkommt. So legt er aber auch einen aberwitzigen Fokus auf eigentlich belanglose Gesten wie ein Händeschütteln oder Afflecks variierende "Helden"grimassen, als wäre man in einem unbeholfenen B-Movie gelandet.


So fühlt sich der unwürdig auf Philip K. Dick basierende Zukunftsthriller wie die ähnlich realitätsfernen Eurospy-Eskapaden der 1960er Jahre an - stilecht mit einem Gadget-Helden, gegen den von allen Seiten intrigiert wird, der dufte kombinieren und fighten kann, sein Herz allerdings nur für eine Special Lady offen hat sowie explosive Sachschäden mit (teils per Steinzeit-CGI gelöster) Hau-Drauf-Raffinesse und einem verschmitzten Grinsen übersteht. Honk-Coolness in naiver Reinkultur inklusive esoterischem Bullshit - so lässt sich dieses gewollte und herrlich verbockte Blockbuster-Allerlei des infantil-futuristischen Sci-Fi-Stumpfsinns ausgezeichnet empfehlen.




DAS VERSPRECHEN EINES LEBENS - "[...] Dort am Strand kreuzen sich die Wege der Väter und Söhne dieser Welt und betreten die Ruinen des Schlachtfelds, welche auf beiden Seiten noch immer Wunden einreißen können. So schreckt Regisseur Crowe auch nicht davor zurück, die Gewalt des Konflikts niederschmetternd und direkt Revue passieren zu lassen. Der Verzicht auf Rührseligkeit und oberflächliche Musik-Emotionalisierung wirkt hier derart treffend nach, dass Crowes scheinbare Mühelosigkeit in der Inszenierung nur zu bewundern ist. Seine einfachen Gesten der Menschlichkeit müssen sich jedoch ab der zweiten Hälfte stetig verkomplizieren, lenken vom Weg Joshuas ab und legen das Schicksal der gesamten Türkei in seine Hand. [...]"



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BONUS-ZEUGS:




ABOUT A GIRL - "[...] Alles zu bezeichnend für einen Film, der sein Taktgefühl zugunsten sonniger Einwegbilder eintauscht, die für alle Phasen im Leben eine möglichst einfache Lösung finden und meinen, dafür nicht einmal die Beweggründe des menschlichen Problems verstehen zu müssen. Hauptsache, man darf sich über die leicht verdauliche Trivialisierung morbider Neigungen sowie der Suizidproblematik amüsieren, solange dabei ja nicht allzu provokante oder gar neue Ideen zur Umsetzung angewendet und die Sicherheit eines Happy End versprochen werden. Kein Wunder, dass gerade so was mit Fördergeldern und dem Prädikat „Besonders wertvoll“ belohnt wird."



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