Sonntag, 9. April 2017

Tipps vom 03.04. - 09.04.2017 (Junior-Ausgabe)


Liebe Laser 
(seit jeher meine Lieblingsvariante dieser Anrede),

wir leben in einer Zeit der Krisen, Kriege, Ängste, schlechten Witze und sensiblen Grauzonen. Also konzentrieren wir uns mal aufs Trivialste am Weltgeschehen: Pepsi muss sich für die Kontroverse einer verpeilten, doch eher belanglosen Protest-Kommerzialisierung verantworten und „Ghost in the Shell“ floppt natürlich deswegen an den Kassen, weil's Whitewashing das Massenpublikum abschreckt. Lol, haha. Ich für meinen Teil konnte diese Woche tatsächlich einige Glücksgefühle mehr als sonst verbuchen, bei all dem, was auch außerhalb des hier angesprochenen Themas Film geschehen ist – selbst wenn es kaum jemanden außer mich selbst und den engeren Freundeskreis interessiert hat. Ich konnte im Job einen weiteren Schnittauftrag fertig stellen und Rechnungen schreiben, ich habe mich seit langem mal wieder an die Kamera getraut und ein knackiges Video über meine Pannen bei „Super Mario 64“ draus geborgen, ich bin meinen zweiten verfaulten Weisheitszahn endlich losgeworden und habe am selben Abend beim allwöchentlichen Filmclub unter Freunden teilgenommen, hatte daraufhin einen schönen Tag mit 12 Stunden Filme am Stück verbracht, den Tag danach für mich neue Ecken Hamburgs erkundet, darin einen McChicken Classic gemampft, obskure Importdosen eingesackt, alle Ausgaben des Kinemalismus geordert und zudem ein Gratisbuch abgestaubt, das ich gleich an prominenter Stelle (U Alsterdorf) abknipsen musste:

Ich durfte auch den Eppendorfer Moor in meinem Leben willkommen heißen, wo ich zum ersten Mal seit langem keinen Menschen im Umkreis von 100 Metern um mich hatte – nur einige Enten. Natürlich soll das hier nicht als Schelte gegenüber meinen Mitmenschen stehen bleiben, ich war am Freitag schon wieder im Kino (auch wenn „Song to Song“ lief – dazu irgendwann mehr). Womit ich jetzt allerdings wieder enorm haderte, war der Umstand, wie ich mich in Blogform zu den gesichteten Empfehlungen in Sachen Film äußern sollte. Weil die Woche so prall gefüllt war mit anderweitigen Abenteuern (Samstag war ich auch gut mit den Bros am Abhängen, Schnacken und Snacken) will ich mal konsequent sein und mir ein Beispiel am Geiste meiner jüngsten Erfahrungen nehmen, in diesem Sinne: Die wöchentlichen Tipps sind dieses Mal der Umstände halber nun wirklich kurz und bündig als Express-Fassung unterwegs. Klar, Ostern steht vor der Tür und der Arbeitselan wird von Natur aus immer bleierner, aber ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich bereits am Freitag wieder für eine Schreibblockade, schiere Angst sogar davor hatte, nicht liefern zu können. Doch ausgerechnet aus der beklopptesten Maßnahme des Tages hatte sich sodann eine Lust im Turborausch ergeben: Tatsächlich wollte ich Mini-Kritiken in mein Notizbuch reinschreiben, diese abscannen und als Bilder präsentieren, bei denen jeder sofort daran scheitern würde, meine Sauklaue zu entziffern, siehe Beispiel:

Weil ich aber auf einmal wieder das Gefühl hatte, freie Hand zu haben, sind mir in einem Zug kurios und furios vier Filme wie ein Stein vom Herzen gefallen. Ein revolutionärer Prozess, nicht wahr? Klar, wer jetzt die üblichen Dimensionen meines Schreibens erwartet, darf über meine Wenigkeit ruhig in etwa urteilen: passiert, blasiert, so eine faule Sau! Das Beschränken auf A5-Seiten hatte trotzdem etwas Belebendes an sich und ich hoffe, dies kommt im Folgenden auch so rüber. Früher oder später haue ich eh wieder die Mammutzeilen raus, bis dahin sollten diese Kettensätze schon ihren Zweck erfüllen:


DAS BADEHAUS ZU DEN 7 GLÜCKSELIGKEITEN - Gemessen am Titel spaziert man gerne herein, doch Obacht, ihr Spitzbuben: Innerhalb solcher Tokugawa-Sauereien aus dem Hause Nikkatsu ist stets mit reichlich Rape und Sadismus zu rechnen. Und für wahr: Es hausen so ziemlich keinerlei angenehme Sexszenen im '69er Historienreißer von Motamu Ida, trotzdem heißt es Glubscher auf für ein Füllhorn an Cinemascope-Voyeurismus, das sich insbesondere im bronzenen VHS-Gewand von seiner Würde der Altertümlichkeit aus Immunität verspricht. Lässt sich ja auch von Anfang an den Herren der Schöpfung ansehen, die hier ihren Safe Space politischer Meinungen und Geschlechterschrankenlosigkeit verleben, eher aber aufs nackte Fleisch anspringen. Entsprechend idealistisch dazu handelt das Drama binnen der Lusthüttchen von zwei rechtschaffenen Landsmännern im legeren Kimono, die als Repräsentanten der Ära-bedingten Unterschicht über die hohen Tiere meckern und aus der Ortschaft entführte Damen retten, selbst wenn diese nach melodramatischer Entehrung im Mädchenhandel den Freitod herbeisehnen. Für lesbische Nonnen, Schwangere und frustrierte Gatten sind es ebenso zermürbende Zeiten; die Verschwörung jener durch fiese Samurai wie Shôgunate forcierten Korruption tut da ihr Übriges zur Unterdrückung erotomaner Stielaugen, doch Ver- wie Enthüllung bedienen als kecke Audiovisualität durchaus eine Empörung voller Sinnlichkeit, teilweise im Delirium des Blumenschnupperns auf einen famos pendelnden Klimax hinsteuernd. Dem Zuschauer kommt die Farce des Körperkults entgegen, dem Ensemble eine mittelschwere Ernüchterung im Auge handlungsunfähiger Beamter - auf dass die Schwerter länger wetzen, der Geist per Ninjarauchbomben und Glasscheiben zur geheimen Buseninspektion benebelt bleibt.


KEINE GNADE FÜR VERRÄTER/DIE TODESMINEN VON CANYON CITY - Bei dem Film von Alfonso Balcázar wird mir vor allem in Erinnerung bleiben, wie er Leute in die Luft sprengt - und das nicht zu knapp. Ebenso, wie Fernando Sancho seine Revolution so anleitet, als sei der Zirkus des Abschlachtens in besagte Stadt eingezogen. Kann unter anderem an solchen Szenen liegen, in denen ein Honkbube nach dem anderen aus der Latrine springt und sofort Blei frisst. Am schönsten verweilt allerdings der Gedanke, wie dicke Sancho mit seinem Kumpel Luis Davila Räudenaktionen ausheckt und im Zuge vieler zufälliger (Wieder-)Begegnungen (à la Zwei Idioten, ein Gedanke) zusammen permanent Scheiße labert. Da hauen sie mit korrumpierter Asche um sich werfende Ausbeuter im Klassenkampf zwischen den USA und Mexiko in die Pfanne, wandeln sich aus der„Flucht in Ketten“ zu (einigermaßen unfreiwilligen) Robin Hoods proletenfeister Lässigkeit, wobei Luis Peitschenhiebe und Intrigen per „Für eine Handvoll Dollar“-Nummer in die Wüste schickt. Da passiert soviel im Rahmen der Stiefelfetzen zu Pferde, im Heu und Fäustemäulern; zu alledem ist deren Tempo bestialisch hochgeknüppelt, trotz B-Budgetierung als spanischer Ableger des Spaghettiwesterns ein Pulverfass an Kiesgruben, einfallenden Minen, staubigen Saloons und Schergen, deren Kragen, Lederriemen, Bärte und Hüte vom Kindergeburtstag abkommandiert scheinen und allesamt im Dynamit abrauschen - dem Colt sei dank, Macheten und Überfallkommandos ebenso. Viva Carrancho lautet das Motto in diesem vergnügt beknackten Ritt durch brennende Dörfer, dufte Köchinnen und andampfende Loks aus Pappe - den Frauen gebührt zudem das letzte Wort der Rache!


Erkenntnisse aus meiner Twitter-Timeline für zwischendurch:
So, jetzt geht's weiter im Text:


WER EINMAL IN DAS POSTHORN STÖSST - Häng mal im Frühling in Hamburg ab, sieht dort genauso nach Happy Weekend aus wie im Berufsalltag des hier geschilderten „Briefträger-Reports“ von Gerd Hartig, der sich galant selbst in der Rolle des Gehörnten über die Hanseaten-Metropole hinweg abranzt und dessen Werk hoffen lässt, dass es inzwischen nicht mehr so ganz nach Kasperletheater-Manier abgehen sollte, wie der Mensch zur Vielfalt der Enthemmung steht - aber wer weiß? Schließlich bringt sein Film ja weiterhin einen Charme absurder Alltagsbegegnungen mit sich, die in jedem Berufszweig und innerhalb der vielerorts schön-tristen Privatwohnungen Perversionen und andere Späße im Trimm-dich-Elan vorfinden. Die Schwelle zwischen blumiger Unschuld und deftiger Angraberei wird des Öfteren überschritten („'Ficken' ist ja heute Kindergartendeutsch“), allen voran dank des sich in jene Situationen hinein inszenierenden Regisseurs, welcher zudem das Abziehbild einer asiatischen Gattin zuhause mit Klempnern, Staubsaugervertretern, Abo-Drückerkolonnen und Gender-fluiden Schlawinern schlafen lässt. Dolle Streiche, surreale Prügel unterm Zorromantel und Seitenhiebe auf das zeitgenössische Kunstgewerbe (Heiner Tonnenhalter) kommen da im gedrosselten Barny-Bornhauser-Stil ebenfalls zur Geltung, dazu Meetups voller Niedlichkeitsfaktor, wie jene mit dem Indoor-Medley der Uwe-Borns-Singers, deren trällernden Windhunden sowie mit Helga Feddersen als Marlon-Brando-Groupie. Die Frau gibt den notgeilen Zahn wie alle Kollegen und Gastarbeiter in diesem Klamauk-Querschnitt auf ambitionierter Sparflamme, für dessen Flachköpper via ethnischer Klischees öfters die Fremdscham angedackelt kommt, der Pfiff zur Leichtigkeit trotzdem ansteckend vom Vollbildvideoband tönt.


MAXIMUM RISK - Der einzig wahre (auch hier per Subtilität allesamt an die Wand spielende) Zwillingsdarsteller Jean-Claude Van Damme begibt sich erneut auf die Spurensuche seiner selbst und schafft die Assimilation zweier getrennter Seelen, sobald er - der französische Supercop Alain - in der New Yorker Russenmafia vorstellig wird, um posthum eine Wiedervereinigung mit dem Wesen des Bruders Mikhail zu konstruieren bzw. emulieren, welchen er nur im Tode kennenlernen durfte. Ein Trauerflor an Schlagkraft und Trittfreiheit benetzt sein Spiel mit der gespiegelten Identität - so trifft sich auch die Kanonade an Action-Schauwerten nach Hongkong-Exzess-Manier des Regisseurs Ringo Lam mit der Melancholie kollektiver Vergänglichkeit, in welcher Schmerz und Sterben mit dem Auf-/Entdecken des Ich einhergeht - unter Mitmenschen sowie Konkurrenten und Liebhabern wie der zwischen den Moralitäten stehenden Alex (Natasha Henstridge). Unter jenen Umständen entsteht allerdings auch ein Handeln vereinter Belange aus zweierlei Leben, worin sich die global verknüpfte Varianz der Dramaturgie Saunakeilereien („Eastern Promises“ verneigt sich vor diesen hier), U-Bahn-Kletteraktionen, Bundespolizeiagenten mit der Lizenz zum Megadiebstahl sowie vergebungsvolle Syndikatbosse im Hierarchienclinch erlaubt, ehe das Finale schlicht alles Kinomögliche vereint. Die Ermattung konzentrierter Menschlichkeit via Van Damme führt es hier über die Vergangenheits- zur Gegenwarts-Bewältigung in Körper und Geist, woran er Geiselnahmen an seinem Freundeskreis entgegen in ein Bombast-Heldentum mit Dopplereffekt ausbricht, das sich seinen Weg aus der Enge von Glas und Feuer bahnt, mit der Physis über dem turbulenten Vehikelverschleiß steht und letztendlich der Kettensäge ausweichen muss, Schweinshaxen vom Haken weg abschießt. Der Abschluss dieser Zwitterselbsterkenntnis ist ein Energiestrom auftürmender Größe, inszenatorisch ein Furiosum und womöglich die Kulmination im Schaffen der Muscles from Brussels.


MANTA MANTA - JCVD grüßt uns auch von zwei Postern aus dem Kinderzimmer Berties - einen chargierenden Manta-Proll in Form von Til Schweiger, der hier und eigentlich heute noch jenen Action-Heroes hinterhereifert, sich und seinen Schlitten jedoch als fahrende Villa Kunterbunt verkleidet; immer aufpasst, dass seine Eltern nicht mitkriegen, wie er mit den Mädels dort nicht bloß knuddelt. Regisseur Wolfgang Büld findet wie gehabt aber auch echten Gefallen an solchen Kindsköpfen jungbleibender Zeitgeister, die mit (mehr oder weniger) Massen an PS durch die Altstadt Hagens driften (ja, die Fast and Furious-Referenz ist mächtig gewaltig angebracht), das Industriegebiet mit Classic Rock und Techno beschallen, nur für Wetten im Wert von 5000 Mark und die Herzen zahlloser schnieker Küken abbremsen, wenn sich mal nicht darum geärgert wird, dass Radio 88 vor Ort hauptsächlich Anti-Manta-Witze in den Äther programmiert. Ach ja, wer Abitur macht, ist schon vom Prinzip her so ziemlich unten durch und wenn Knete wie Ibiza durch Uwe Fellensieks Westside-Disco Berties Uschi (Tina Ruland) umschwärmen, ist auch reichlich Eifersucht im Spiel. Die hadert allerdings auch mit Friseusenbuddy Sabine (Beatrice Manowski) um den Ausgang eines Schwangerschaftstests - Erwachsenwerden ist ein schweres Los, selbst mit Fuchsschwanz als Glücksbringer an der Antenne. Umso fesselnder hängt man dann auch an der Entwicklung von Kumpel Klausi (Michael Kessler): Weg vom Vollhoschi hin zum versteckten Hauptprotagonisten, der sogar „True Romance“ vorwegnehmen darf. Liegt natürlich auch am Nitro-Boost von Neubekanntschaft Angie (Nadja Naidenow), die jeden Spaß so mitnimmt, wie er passiert - bis in den Baggersee hinein! Da qualmen die Reifen dann auch vor Charme sowie per Ernst-Reimann-Stunts hin zum Duell gegen Mercedes-Bonzen Axel (Martin Armknecht), dass sich Provinzprotze und Honk-Situationskomiken trotzdem nicht im Zynismus verirren müssen, Kid Knutschbacke binnen der inklusiven Outlaw-Clique bleiben und sich am Wind of Change zur Romanze der Wiedervereinigung enthemmen. Das bedeutet zwar: Für jeden Topf ein Deckel, für jeden Manta aber auch die Ja-Silbe hinterher.


Übrigens, weil ich ja am Mittwoch diesen ominösen Filmtag hatte und einige der dort gesichteten Werke hier besprochen habe, möchte ich es auch diesmal nicht versäumen, zum Schluss meine Strichliste aufzuführen, was es alles an gemeinsamen Themen, insbesondere in welcher Menge, gab. Unter 8 Filmen stachen also heraus:

Hunde: 6
Neckende Duos: 6 Briefe/Telegramme: 5
POV: 5
Pranks: 5
Rassismus: 5
Sauftourismus: 5
Amerikanische Korruption: 4
Brüste und das ausgesprochene Verlangen danach: 4
Tod im Intro: 4
Unheimliche alte Männer: 4
Wasser ins Gesicht spritzen: 4
Widerwillige Rollenspiele: 4
Züge Richtung Kamera fahrend: 4
Autoprobleme: 3
Fingierte Heilung: 3
In die Kamera gucken: 3
Musikperformer als sie selbst: 3
Nachrichten aus dem Totenreich: 3
Scheißkinder mit Unfallgefahr: 3
Hotelnummer 30X: 2
Romanrecherche: 2
Selbstmord: 2
Tiere des Waldes: 2
Traumabewältigung: 2
Kondombedarf: 1


Was lernen wir daraus? Deutschland ist oversexed und underfucked!

Sonntag, 2. April 2017

Tipps vom 27.03. - 02.04.2017


Lebie Lerse,

diese Woche war ich an zweierlei Stellen zutiefst schockiert: Zum einen musste ich Montag nachts feststellen, dass mein Laptop nicht mehr anspringen wollte - Grund hierfür war eine defekte Grafikkarte, wie ich beim Fachmann vor Ort feststellen musste -, zum anderen hatte ich am Freitag kurz vor dem Filmabend bei Siegfried Bendix einen Mini-Hörsturz erlitten, als ich nach dem Waschen meines rechtes Ohrs via Duschkopf ein ungutes Taubheitsgefühl (ca. eine Oktave vermissend) empfand. Tja, irgendwas tut von Tag zu Tag ja immer weh. Keine Sorge, letztere Sache hatte sich nur wenige Stunden danach als kleines Wasserproblem aufgeklärt, ich kann insofern weiterhin so gut wie zuvor hören - wohlgemerkt aber noch immer mit jenem Tinnitus, den ich seit Anfang des Jahres inne habe. Aber jo, mein bereits sechs Jahre lang im Einsatz bewährte Laptop will erstmal nicht mehr funktionieren (Sad!), infolgedessen habe ich meine Daten und Tätigkeiten also nun auf Tower und Tablet übertragen, dementsprechend auch das Schreiben hiesigen Blogs. Ich sage mal so: Gerätschaft Numero 2 eignet sich eher bedingt für den intuitiven Schreibfluss, selbst nach einigen kurzen Experimenten mit der Spracherkennungsfunktion (kommt auch davon, dass ich allgemein besser schreibe als spreche). Im Vergleich dazu ist es mir im Sessel noch immer etwas unbequem, mehrere Stunden lang als Verfasser zu verweilen, doch irgendwann geht das sicherlich auch vollends ins Mark über - Bock auf Verspannung habe ich so oder so noch immer nicht. Was macht der Witte dann also zur Entspannung? Ach, die Frage würde bei mir nur eine langweilige Antwort ergeben, zumindest finde ich es schön, dass die Sonne inzwischen wieder raus kommt - umso sinniger also, dass ich wie letzte Woche einen Filmmarathon am Mittwoch veranstaltet habe! Voraussetzung war natürlich, dass ich nicht nochmal 24 Stunden am Stück durchziehen würde, also beließ ich es bei (höchstens) 12, ergo 8 Filmen in Reihenfolge. Nicht jeden Kandidaten aus dem Umfeld habe ich sodann im heutigen Blog verewigt - man muss sich ja nicht unbedingt noch einen Burnout herbeisehnen -, aber falls die Schließung letzter Lücken individuell erforderlich ist, empfehle ich einen Abstecher auf meine Twitter-Timeline. Ach ja, den Filmabend am Freitag gab es ja sowieso auch noch und da hatte Herr Bendix eine sehr interessante Auswahl zusammengestellt, der es neben der Verspeisung toller Pizzen (ich hatte eine mit Hähnchenkebap, Tsatsiki, Tomaten und Zwiebeln) an schreibwürdigen Höhen nicht mangelte, genauso wenig an totalen Absackern für die Hirnrinde wie „Reise zurück in der Zeit“ und „Doggie Boogie - Disco-Fieber auf vier Pfoten“. Die Erschöpfung hinsichtlich jenes Duos rührt dann aber bestimmt auch von der Frühjahrsmüdigkeit, die mit meinem ohnehin irregulären Schlafrhythmus Schindluder treibt, trotzdem habe ich es in diesen Tagen erneut geschafft, was zu Digi-Papier zu bringen - hauptsächlich dem Wandel ins Schwüle entsprechend mit Werken der Reize ausgestattet, die mindestens von Dreiecksbeziehungen träumen und von dort aus mehr oder weniger auf die Pauke hauen, wie abenteuerlich die Gedanken in neue, gar gefährliche Sphären vordringen. In diesem Sinne wünsche ich also viel Spaß mit dem folgenden Ensemble - inklusive der Rückkehr an Ein-Satz-Kritiken (mehrmals im Zeichen amerikanisch-asiatischer Freundschaft) -, das ich aus meinen, von den letzten Wochen noch immer etwas überarbeiteten Händen eingetippt bekommen habe:




Das Gesamtwerk von Ein-Mann-Verstrahlungseinheit Victor Luminera lässt sich gleichsam singulär auf „Psyched by the 4D Witch (A Tale of Demonology)“ beschränken, doch eher bricht jener Film einem alle Schranken, wie haltlos vor Freude glucksend man ins Spektrum der vierten Dimension transzendiert, als dass man jene Erfahrung in einer Textform bar ausufernder Polemik fassen kann. Das Bombardement an Farben, Effekten, geisterhafter Paranoia und Ehrfurcht binnen Zwischenwelten schäumt sich da - als 16mm-Hochphase eines San-Francisco-Deliriums anno 1973 - in 80 Minuten Länge vor einem auf, macht unsichtbare Flammen sichtbar und lässt Spukvisagen an Astralkörpern um den menschlichen Verstand sausen. Im Gegenzug wird uns jene Begegnung von Kosmos und Unterbewusstsein anhand der naiven Birne von Jungfrau Cindy verinnerlicht, die mit ihrer inneren Stimme (sowieso im Dialog mit herrlich Verpeilten) mehrmals aufs Zwerchfell einschlägt. Im Schauspiel bleibt der Film ohnehin pantomimisch, auf der Tonspur hingegen wird die Bemächtigung des allumfassenden Geistes vom Journal der sexuellen Sehnsucht aus in ein Kreuzfeuer psychotronischer Mächte umgeleitet, das sich so oft wie möglich „Let’s fantasy fuck now!“ wünscht, via Titelhexe mentalintim auf Projektionen entfesselter Lust reitet und damit die Jungfräulichkeit, jedoch keineswegs die Unschuld aufrechterhält. Zeitlupen, wild verfremdete Impressionen und Musikmontagen (tolles Titelsongkraut!) aus einer anderen Welt zerebraler Euphorie wissen da erst recht den Würgegriff der Verwunderung am Zuschauer anzuwenden, welcher zudem Vampiren, rastlosen Spaziergängen durch Chinatown und Sonnenfluten dies- wie jenseits bekannter Realitätsebenen begegnet, wenn man mal nicht lässig mit Hunden im Park abhängt, im Hinterhof-Waldrausch die Verführung des homosexuellen Nachbars Mr. Jones anleiert sowie dem Schlangentanz an Masken und Brüsten gegenüber Tiefen des per Pappbühne eingenebelten Universums beiwohnt. Von Praunheim, Harlan, Schlingensief: Selbst als kombiniertes Trio wären sie nur in Anteilen zu solch einer Zelluloid-Kernschmelze der Synapsen fähig, wie es Luminera mit unnachgiebiger Umnachtung treibt, obgleich die chargierende Haltung des Casts stets von frivoler Lockerheit zeugt, selbst wenn das Inferno schwarzer Magie jede Dramaturgie aufs Wesentliche runter telepathisiert, nah an der Erschöpfung kognitiver Erkundung rumort. Jener Sog der Leichtigkeit zwischen Dilettantentum und Genie, mit welcher der Einschnitt in unser Universum unternommen wird, sucht seinesgleichen – ein okkulter Trip, den ich jedem gleichgesinnt entrückten Filmnarr wärmstens empfehlen will. Wer vielleicht noch etwas weniger Heikles zur Eingewöhnung braucht, kann sich natürlich auch „Sexualrausch“ von Ronald Victor Garcia einverleiben - der schließt sich binnen seiner Orgie der freien Liebe in ein mörderisches Spukschloss ein, das zum Abhängigkeitsverhältnis der Moneten und Geschlechter eine surreale Paralyse neuer Götzen beimischt.




In Sachen Stephanie Rothman hingegen hat man noch mehr zum Vergleich parat, was den Output an Filmen angeht – und weil dieser in jüngster Zeit wieder ein angesagtes Thema geworden ist, war es kaum zu vermeiden, dass ihr „The Velvet Vampire” schließlich ebenso in den Filmabend hinein programmiert werden würde. Regisseurinnen waren doch etwas rar gesät im US-amerikanischen Exploitation-Markt der 70er Jahre – umso schöner, wenn sich dann doch ein Genuss an Topoi und Schauwerten des jeweiligen Genres ergeben darf, sobald Rothman hier die Farben der Verführung in die Sonne rückt, den Reiz von heißem Sand, Samt und Blut in einer ménage à trois binnen kalifornischer Wüste zum Spektakel der Sinnlichkeit ballt. Ja, man kann sich gegebenenfalls auch den Kanon via Jess Franco und Jean Rollin dazu in Erinnerung rufen, um die Knüpfung mit Rothmans Äußerung des übernatürlichen Mythos voranzutreiben, doch die Tragik des Vampirdaseins hat hier so oder so einen Luxus an kaschierten Wunden inne, wie man ihn selten derart lässig als Dynamik sehnlichster Erhaltung begreifen darf. Der Wunsch nach Errungenschaften des Ichs, nach Verwandlungen des Lebendigen ins Tote hungernd (hatte ich diese Woche auch im Nekrophilie-Indie „Kissed - Todeskuss” variiert gesehen), die ihr plaisir nach Begegnungen als Liebesbeweis zur ausgehöhlten Beute transformieren – das muss für wahr keine triste Affäre ergeben! Insofern lässt Rothman ihre Diane LeFanu (Celeste Yarnall) initiativ voll rotem Bombast in die Nacht knallen, Klingen und Augenpartien hantierend, dass man sie im Schlepptau mit dem ausgesuchten Opferpärchen Lee (Michael Blodgett) und Susan Ritter (Sherry E. DeBoer) nur gern haben kann. Das spontane Kennenlernen hat dann auch schnellste Handlungsgriffe für eine Einladung in die Wüste zur abgeschotteten Edelkaserne parat; schmissig aufs ungenierte Machen gepolt, selbst wenn Susan als Skeptiker aus unerfahrener Vorsicht vor dem Unbekannten schier hilflos banal und knuffig zugleich wirkt. Lee dagegen kommt verstärkt selbstbewusster rüber, mit einer (Richard-Lynch-artigen) Durchtriebenheit im Auge als Charmeur des Zeitgeists angesetzt, dass er sich umso entschiedener auf die kaum verhaltenen Zweideutigkeiten Dianes einlässt. Susan kriegt jede noch so offensichtliche Anmache scheinbar nur aus der Ferne mit, doch jeder Lächerlichkeit entgegen rechnet Rothman die Verhältnisse des Dreiergespanns eben einer kollektiven Neigung zur Provokation/Enthemmung zu, die mal fröhlich im Dune Buggy an Kakteen vorbei kurvt, mal müde in der Sonne badet und sich gegenseitig Schlangen vom Hals hält, um infolgedessen den Lebenssaft zum Glücke aller tropfen zu lassen.


Raus mit dem Gift, Hunger stillen, reguläre Bindungen verwischen! Klar steckt da auch ein Spannungsfeld des Sadomasochismus drin - in der Montage des Easy Ridings ohnehin mit dem Fokus zur Laune unter einer Decke -, eher aber noch eine Schönheit im Miteinander, die sich zudem im Traum begegnet, die Angst vor dem Wegnehmen zu einer Hoffnung des Behaltens untereinander hin suggerieren lässt. Das unvermeidlich Parasitäre am Sukkubus ruft dann trotzdem noch den Fluchtgedanken sozialer Modelle/Menschenkenntnis auf den Plan, doch da lässt sich die Ambivalenz in jeder Konstellation schon längst von den Signalfarben an wechselwirksamer Energie triggern, wenn Diane noch vor jeder glückbringenden Entblößung das Vertrauen per Pink, Weiß und Rot stimuliert – und auch verdient, sofern man ihre Variante entgegengebrachter Leidenschaft als solche versteht, selbst wenn diese in destruktiver Unersättlichkeit fungiert. Diane verbirgt sich dazu eben auch als Voyeur hinterm Spiegel, aber wie oft man als Freund der Leinwand einen ebenbürtigen Status einnimmt, muss ich wohl nicht nochmal erklären. Alle Parteien sind mehr oder weniger Eindringlinge, gemessen am Wollen auch notorische Lügner, da nimmt man’s folglich locker mit dem Flirten, mit dem Ausrücken ins nächste Zimmer oder zum Sarg des verstorbenen Geliebten, wenn die Nacht alle Spuren verwischt. Na gut, das Blut bleibt öfter als Hinweis über, macht Zweifel und Schuld als Genre-Spannung ausgehfertig, doch die Schmerzen, ob nun solche aus der Vergangenheit oder Gegenwart, beruhen auf Gegenseitigkeit, weshalb die schwüle Luft (der Dramaturgie) eben auch nur wenig Luft abwürgen muss, um für den Wachstum hin zum Zerfall aufzuwärmen. Alles passiert, wie es (sich) jeweils gefällt und den Frust des Unlösbaren bis zu einer gewissen Grenze der Beziehungsunfähigkeit in einem Ausweg temporärer Selbsterfüllung entgeht. Die Schlussklammer dazu, nach der Trinklaune an entfesselten Geheimnissen zwischen Laissez-faire und Sandsturm die surreale Verfolgungsjagd vom „Blutgericht in Texas” vorwegnehmend, reißt sodann Dianes Wunden darin wieder auf, bleibt mehr oder weniger noch der Sonne verträglich, entlarvt aber auch das Fass ohne Boden in der Liebe - eine verheißungsvolle Fallhöhe mit Verschleißspuren; nicht auszutreiben, selbst wenn die Sucht zum Tode dem Sterben erliegt. Bei solchen Zyklen bin ich gespannt, noch mehr von Frau Rothman kennenzulernen, sprich immer wieder aufs Neue von ihr zu lernen.



Ein-Satz-Kritiken für zwischendurch:

„Jade“ – William Friedkins Erotikthriller musste sich aufgrund der Autorenschaft Joe Eszterhas‘ vielerlei Vergleiche mit „Basic Instinct“ gefallen lassen, erfüllt sowieso mehrere Anlaufstellen und Milieu-Kolportage des damaligen Trends, doch die Inszenierung sticht als Seeleninneres eines Ensembles heraus, das sich vor allem via Außenimage definiert, wie ein Chamäleon Kulturen assimiliert, Bilder des Eigenen/Eigenen im Hintergrund anpeilt und Wahrheiten schluckt, während die Erwartungen an die designierte femme fatale deren zerrüttete Suche raus aus der Jagd und dem Missbrauch der Projektion offenbaren, welche Friedkins Drastik und Konstante des allgegenwärtigen Bösen/Teufels weiterhin nicht vollständig auszutreiben imstande ist.

„Monster aus dem All” – Kinji Fukasakus Bindeglied zwischen amerikanischem Sci-Fi-B-plus-Movie und auf Eigendynamik kadrierten Toei-Effekthallen gibt (wie typisch für diese Woche) eine Dreiecksbeziehung aus, die hauptsächlich funktionell, doch symbolisch als Vergangenheitsbewältigung ehemaliger Rivalen zu den Sternen fliegt, um eine utopische Erde vereinter Nationen vor einem Prä-„Armageddon“-Kometen zu retten, aus dem allerdings auch Prototypen des „Alien“-Narrativs mutieren, denen mit normaler Ballerpower nicht beizukommen ist, was bei der Drolligkeit jener interstellarer Zyklopen umso beglückender auffällt (schönes Kopfkino, sich vorzustellen, wie die Kinder in den Kostümen auf die vor Furcht fuchtelnden, erwachsenen Helden zustampfen), so wie sie sich fast schon nach Yôkai-Manier ballen und insofern Folk-Mythen kontemplativen Tempos in die Space-Sause suggerieren.

„The Hideous Sun Demon” – Das Drive-In-Spektakel eines radioaktiven Monsters in Mannsgröße ist im Grunde nur die nebensächlichste Attraktion in einem als Creature-Feature getarnten Drama der Alkoholsucht, das die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Bindung im Banne einer Abhängigkeit/Entsagung repräsentiert, sobald ein Atomwissenschaftler seines Betriebsunfalls wegen der Sonne fernbleiben muss, den Suizid in Betracht zieht und höchstens noch eine Entlastung darin findet, die Sängerin eines Nachtclubs vom fiesen Mob-Beau ihrerseits fernzuhalten, Zweisamkeiten am Strand mit ihr zu teilen und doch hintergangen zu werden, so wie sich der Zwang der Horrormanie zurückmeldet, ein ziellos mordendes Ende findet.

„Ghost in the Shell” - Als audiovisueller Erzähler sehe ich Rupert Sanders in Zukunft noch einiges an Potenzial einsacken, so wie er den futuristischen Cyber-Welten Mamoru Oshiis eine Verwirklichung zukommen lässt, die sich gerne um die bunten Kulissen verlinkter Menschmaschinen und Metallorgane schleicht, auch oft die Gewaltästhetik des PG13-Konsens fetischisiert, aber inhaltlich leider dadurch verflacht, dass die technogeile/technophobe Selbstfindung des Majors (Scarlett Johansson) auf Offenbarungsmuster zurückgreift, die ganz der Vorlage gemäß ein Zyklus an Derivaten vorschickt, „Blade Runner”, „Robocop” (Original wie Remake) und Co. zu emulieren (sogar explizite „Her”-Verweise zu verteilen), hier jedoch auf eine Verständlichkeit für Mainstream-Laien runterrechnet, als müsste man es mit der sehr ähnlichen Aeon-Flux-Verfilmung oder anderen Red-Pill-Filmen der Bush-Ära wie „Equilibrium” aufnehmen, obgleich der Familienfaktor zur Menschwerdung hin hier dann doch mehr emotionale Involvierung bewirkt als es im '95er Anime geschah.


„Pizza Pizza – Ein Stück vom Himmel” – 90er-Jahre-Blödelchamp Donald Petrie versucht sich in seinem Debüt an einer Romanzendramödie an Hoffnungen, die sich drei Mädels (u.a. Julia Roberts und Lily Taylor) binnen des Fischerkaffs Mystic anhand von Sternschnuppen und Blicken aufs Meer machen, während man sie hauptsächlich am Bechdel-Test versagend darin kennenlernt, welche Kerle sie abbekommen wollen, (nicht) standesgemäß heiraten, von wem sie sich belogen/betrogen fühlen und wer schlicht nie erreicht werden kann, wobei der Heißhunger des Films eher im Sprüchelager der Mädels liegt, genauso in ihrer Stellung als Pizzeria-Azubis, gefolgt von Douglas-Sirk-Gedächtnis-Farbdramaturgien und dem Auftritt eines jungen Matt Damon, der aber nur wenig an dieser weit über die Ära hinaus altbackenen Coming-of-Age-Dreifaltigkeit aus den 80ern rumoren darf.

„Berlin Dance Battle – A Streetdance Story” – Ein etwas über Amateurfilmniveau gesteuerter Tanzstreifen inmitten beliebiger Berlin-Vororte, Turnhallen, Halbruinen, Ribnitz-mäßiger Kitas sowie öffentlicher Plätze um den Postdamer Platz herum, der sich beinahe so frech und konsequent an einer Dramaturgie vorbeischmuggelt wie einst „Himmelskörper“, aber weit mehr Strecken redundanter Auffüllungen bemüht, bei der zentralen Love-Story (mit Cinderella-Einschlag) vom semi-charmanten Talentmangel seines Casts abhängig ist, aber umso sympathischere Gags der Verpeilung evoziert, den größten Unterhaltungswert wiederum aufgrund der Statisten im Hintergrund einsackt, sich jedoch in eine mühsam abgespulte Endphase hinein verliert, welche sich wie die meisten eJay-Loops auf dem Soundtrack in zermürbender Repetition übt, trotzdem Mut macht, dass man mit dem eigenen Zeugs ja eigentlich selbstverständlich einen Vertrieb finden müsste, wenn es Robert Franke hiermit auch geschafft hatte.

So, jetzt geht's weiter im Text!




Mit Extremen der Passion, mit der Luminanz der fünf Elemente, sprich der schweren Blüte des Wollens, beschäftigt sich auch „Fuego”, wiederum meine erste Begegnung mit dem Werk Armando Bos. Niemand geringeres als John Waters legt für den Mann seine Hand ins Feuer, also wollte ich nicht lange damit fackeln, herauszufinden, inwiefern die Reizüberflutung in Person, Isabel Sarli, solch ein Hypermelodram von brennender Leidenschaft bekleidet. Mit der Nutzung jener Begrifflichkeit muss man eben auch erwähnen, wie stark sich der Film den Gefühlen hingibt, sich um den Menschen und die Liebe reißt, dass es die Existenz des jeweiligen Subjekts der Zuneigung überhaupt erst möglich, jede Trennlinie von wegen Kitsch oder Sexploitation obsolet macht, da Bo die Veräußerlichung des Daseins im Schmachten, in der Reibung der Körper und des unabdingbaren Zusammenseins zu einem Bolero urtümlicher Erotik, gleichsam tragischer Ergiebigkeit konzentriert. Love is a drug und bei derer Abhängigkeit, diesem Fieber zur Urquelle allen Lebens, inszeniert sich Bo auch selbst als Industrielebemann Carlos im dritten Frühling, der zwischen den Tälern Argentiniens sowie auf hohem Ross die dralle brünette Perle Laura (Sarli) vorfindet, wie sie ganz als Maximum der Schöpfung Gottes aus den tobenden Flüssen steigt, den eigenen Körper im Dauerklimax liebkost, ehe ihre vertraute Bedienstete Andrea (Alba Múgica) ebenso kaum der Versuchung widerstehen kann. Die Begierde ergreift jedermann und so ist es auch in Sekundeneile um Carlos geschehen, der sich fortan kein Leben mehr ohne diese Frau vorstellen will – und er hat Glück, denn ganz nach „Barbara“ kommend strebt Laura einer Konstante im Leben hinterher, die sie festhält und in ewiger Erfüllung bannt. „Fuego!“ tönt es sodann auch im für immer währenden Rhythmus vom Soundtrack, wenn - nach den Blickverkehr-Annäherungsversuchen mit nur einem möglichen Ausgang - keine Sekunde ungenutzt bleibt, sich zu vereinen, manische Küsse auszuteilen, selbst im Schnee die Nacktheit beben zu lassen, als könne sich das frisch vermählte Duo gemeinsam in den Boden schmelzen.


Sobald Carlos am Tage jedoch notgedrungen zur Arbeit verschwinden muss, flacht das Thermometer der Lust in Laura keineswegs ab – ihre Flucht in die Untreue setzt alles aufs Spiel und für Carlos gestaltet sich das als vergängliche Jagd nach ihrem Herzen! Passend dazu setzt der Film mit seinen Facetten hormoneller Tobsucht auf eine Verzweiflung gegenüber der Brandmarke des „Unnatürlichen“ – eine Reflexion auf den kulturellen Status Quo der Ära, die hier an ihrem Wendepunkt um 1969 als Übersteuerung des Triebgesteuerten dargestellt schon keinen konservativen Kompromiss mehr zu erreichen imstande ist. Siehe allein, wie Carlos Andrea anzuklagen versucht, aus dem Zwang männlicher Ehre die Homophobie ausspricht, gleichsam aber weiß, dass er untypisch brutale Worte aus sich rausquält und seine Liebe Laura mit einer Eifersucht/Entsagung straft, die per Gewalt versucht, ihrem nymphomanen Zustand Einhalt zu gebieten. Er nimmt ohnehin zig Optionen und Expertenmeinungen durch, um dem Feuer standhalten zu können, sie bleibt trotz seiner Bemühungen aber machtlos gegenüber dem Verlangen - selbst beim Gynäkologen in der Praxis, mit den Tränen im Anschlag, zuvor auch schon unterwegs in der Stadt jedem Mann die Brust entgegenstreckend, der potenziell auf sie anspringen könnte. Natürlich kokettiert der Film dann auch enorm bereitwillig mit der Unersättlichkeit flammender Herzen, akzentuiert er die Wollust doch als Strom an Orgasmen im aufgeregten Leinwandlicht, der zur obszönen und grellen Pracht des Heimatfilmambientes noch Buenos Aires und New York addiert, auf den Tränen des Gehörnten und seiner Frau zudem den Tod in Aussicht stellt – und das natürlich in solch einem Wahn, dass die Poesie des Trivialen in gröbster Größe strahlt. Die Markenzeichen eines Melodrams scheinen da eben weniger rührselig, als dass sie permanent auf dem eigenen Gipfel vibrieren, angesichts ihrer Reaktionen jeden Moment aus der Haut zu fahren drohen oder sich an diese eben wie an einem Rettungsring schnallen. Pro-Tip: Mit der überbordenden Druckwelle an Hüftstößen und lippenfetzender Atemnot sollte zu jeder Sichtung ein Wasserwerfer gebucht werden!




Stuart Whitman räumt auf dem Asphalt und in der Vielfalt der Metropole Montreal auf – mit der Prämisse könnte Alberto De Martinos „Feuerstoß” einen feuchten Traum für Selbstjustiz-Fetischisten ergeben, wie es in der Ära circa 1976 auch den Geldbeutel Charles Bronsons erklingen ließ. Ein Bulle sieht rot, ist da natürlich die reißerische Devise binnen der Ermittlerkreise Tony Saittas (Whitman), der den vermeintlichen Schwächetod seiner Schwester Louise (Carole Laure) aufzuklären versucht, da ein Giallo-Whodunit? der Mordsverschwörung stimmigere Steilvorlagen für Schlägereien, Schießereien und Verfolgungsjagden liefert, als dass eine schlichte Abgeklärtheit davon Kenntnis nehmen würde, wie man sich im vertrauten Charakter eines Menschen täuschen kann. Genug Verdächtige sind ohnehin zur Stelle mit Dreck am Stecken, anhand welcher Untreue sie die Frustration ihrer Lebensumstände umgehen, geheime Partnerschaften unterhalten und die verbliebenen Einzelpersonen in der Finsternis offener Geheimnisse über lassen. Der unglücklich verheiratete Uni-Professor Dr. George Tracer (Martin Landau) gerät als unmittelbarste Affäre Louises als erstes ins Visier Tonys und dessen Partners Ned (John Saxon); promiskuitive Lehrkörper wie Margie Cohn (Gayle Hunnicutt) müssen als Zeugen aushelfen, während sie nach dem Beischlaf mit dem neuesten Toyboy im Negligé stehen; die dicke Luft der Frustration mehrerer Ex-Boyfriends geht genauso wenig an einem vorbei wie die Einsamkeit angesichts verlorener Freundschaften bei der blinden Julie (Tisa Ferrow). Das ermittelnde Prozedere innerhalb solcher Tristesse kann da manchmal nur steif ins Wanken kommen und über lasche Gesetzte stänkern - die Katharsis in der Eskalation hebt man sich dann jedoch für die Zwischenphasen der Informationsbeschaffung auf, wo De Martino quasi für die kleinsten Fische im Falle jenes Falles die aufwendigsten Schauwerte auspackt. So schlägt sich Saitta mit Transvestiten herum, jagt den Schweden mit bestialischem Karrenverschleiß durchs Straßennetz und springt Schwulen mit Halbglatze auf die U-Bahn-Toilette hinterher, tritt dort Türen wie ein Berserker ein, auch wenn sich der Gejagte im Nachhinein als der falsche herausstellt. Jene Plakativität, inklusive Topleitthema von Armando Trovajoli, hat die reaktionäre Räude inne, sticht jedoch umso selbstreflexiver in jenem Kontrast heraus, was sich allmählich aus der Rekonstruktion der Person Louises ergibt, den grauen Schläfen Saittas Grauzonen entlockt, aber trotzdem dafür sorgt, dass er als Eskapist à la Dirty Harry die besonders spekulative Befriedigung im Abschuss eines Helikopters via Magnum hinkriegt. Eine Krönung mit Knalleffekt, bis dahin aber auch schon entschieden ruppig, teilweise als klaustrophobes Spannungsstück sowie mit Monsterstunts über die Laufzeit verteilt!

Sonntag, 26. März 2017

Tipps vom 20.03. - 26.03.2017


Liebr Lesee,

erinnert ihr euch noch an das Intro von letzter Woche? Tja, im Grunde habe ich die dort erwähnte Herangehensweise ans Texten nun tatsächlich so weit wie möglich umgesetzt und jeden Film mit maximal 350 Wörtern an Besprechung beehrt. Ich möchte aber trotzdem mal meinen, dass euch Lesern da letzten Endes nicht viel an Lesestoff fehlen wird, denn das Programm beläuft sich tatsächlich auf 15 ausführlich mit Meinungen ausgestattete Titel! In dem Fall ist es also unter Umständen noch ganz angenehm, so kompakt in die Empfehlungen schielen zu können, auch wenn ich bei längerem Freiraum Richtung WochenENDE sicherlich noch detaillierteren Stoff hätte liefern können. Zum einen gab es allerdings diese problematische Umstellung auf die Sommerzeit, zum anderen war ich bis Samstag Abend noch mit einem Workload am Schnittpult beschäftigt, der zurecht nicht auf sich warten lassen konnte. Dennoch hielt sich die Ambition des Wittes binnen der Woche wacker, denn was sonst wäre so spontan und gemeingefährlich zu bewerkstelligen wie der Plan, einen 24-Stunden-Marathon von Mittwoch auf Donnerstag im Eigenheim zu veranstalten? Ganz recht, die Mammutmenge an Sichtungen, die hier nun per Schreibkraft reflektiert wird, entstammt jener Herausforderung hinsichtlich Schlafentzug, Auffassungsgabe und Durchhaltevermögen – und ich kann stolz sein, zu verkünden, dass es eigentlich recht gut geklappt hat; auch dank Kaffee, Cola, Fleisch, Pizza und moralischen Support meiner Freunde und Bewunderer, hihi. Gut, einen Film habe ich mit nur einem Satz bedacht, aber der Rest sollte nicht ohne seine verdiente Erwähnung wie Eindrucksschilderung auskommen – so ist es dann auch geschehen! Ich weiß jedenfalls nicht, ob ich demnächst noch solche Großprojekte aufziehe, da nach dem Zehnerpack der letzten Ausgabe auch mal Schluss sein muss, sich so zu verausgaben. Echt mal, ich habe schon Muskelkater in den allmählichen lahmgewordenen Pfoten, aber: Selbst Schuld, ne? Von daher möchte ich (mich) nicht länger aufhalten und auch diesen Text bei unter 350 Wörtern belassen – ein Hinweis noch: Der erste Film war außerhalb der Aktion auf der Mattscheibe, danach kommt aber das zentrale Pensum meiner cineastischen Völlerei zu Wort. Auf auf!




Was beim Bruceploiter „Der größte Schlag der Todeskralle“ jetzt inhaltlich von Belangen sein sollte, war mir nach der Sichtung längst entfallen und sollte im Kontext des Films auch nicht wirklich verinnerlicht werden. Hauptsächlich ging es um krumme Geschäfte, um Heroin/Koks und die Frage, warum Bruce Lee (Bruce Li, auch mit einem Plakat von „Abschied von der Todeskralle“ vertreten) vor Ort ist, um den Superboss Paul (Paul L. Smith) der Rache wegen zu ruinieren. Das war alles so basisch ausgehöhlt und mit redundanter Kolportage im Dialog ausgestattet, dass alsbald wiederum klar wurde, wo es im taiwanesischen Martial-Arts-Kintopp hinzuschauen gilt. Regisseur Jimmy Shaw hat zum einen nen Mordsständer fürs Panoramaformat und zum anderen das Realitätsverständnis eines Kindes. Wie Spielzeug dürfen hier alle ausgerechnet im kernigen Klima der Kriminalität durch die Luft springen, sich zu Gruppen oder am Lenkrad in Containern verstecken, eben von dort aus für den Effekt herausjumpen sowie eine Motorrad-Stuntshow umsetzen, die in ihrer Menge höchstens von derer an Zooms unterminiert wird. Geistloses Dahinschludern kann man jenem Ensemble des Eskapismus allerdings nicht vorwerfen, schließlich inszeniert sich stets eine Ehrfurcht fürs Gewicht durch, die im Blick zu besagten Containern einen bannenden Monolithen erspäht, ohnehin mit Antagonist Smith ein Bud-Spencer-Imitat auffährt, das sowohl sein Vorbild emuliert als auch einem Kaiju ähnlich die Gesetze der Physik aushebelt. Zuvor rückt Shaw aber noch eine zierliche Pflanze in die Mitte des Bildes, während links und rechts die Konversation zum Konflikt betrieben wird. Letzterer wird allgemein äußerst hinausgezögert, vor allem binnen der Anfangsphase mit ellenlangen Kampfsport-Demonstrationen gefüttert, ehe ein erneuter Nachtclubbesuch mit asynchron funkenden Soul-Men von statten geht. Solch ein Mindestmaß an Unterhaltungswerten macht einen hingegen bei der Gegend voll gedimmt keimiger Sporthallen, Banner und trister Wohnungseinrichtungen locker, färbt auf das Figurenensemble und deren spekulative Handlungen ab. Schließlich kann es irgendwann niemand mehr aushalten, Mentos mit Cola Light zu mischen, sprich seine Energien zu verschütten (obgleich Lee-Mithelferin Angela Mao von Anfang an überdreht) und auf schnellstem Wege Pappkameraden wie -häuser einzureisen. „Zazie“ wäre stolz und ich noch froher, wenn jener Klimax auf Spielfilmlänge konzentriert wäre.




Wie lassen sich 24 Stunden an Filmen fröhlicher anfangen, als mit einem Fest der Gigabrüste via Russ Meyer? Auf Geheiß der „Megavixens“ gilt es also, die Enthemmung zu fördern, insbesondere im Amerika zu Beginn der 70er Jahre Freigeistig- oder Feistigkeit zu markieren, wozu sich natürlich auch die üblen Wurzeln menschlicher Schöpfung anmelden, ehe man die Ernte an Hasch und Haut einfährt. Im höchsten Maße konfliktgeil steuert da Sheriff Harry (Charles Napier) der wüsten Wüste entgegen, mit permanent rotem Schädel und Grinsen auf Korruption eingestellt, Fremdenhass und Leibesvisitation im satirischen Wahn des Hardboiled-Kollers zu verknüpfen, während der Geist der Nation in Gestalt draller Nacktheit (Uschi Digard) an Schrecken staunt oder die Subversion per Frivolität montiert. Die harten Typen kriegen indirekt ihr Fett weg, werden vom Groove der Lust wie jeder andere auch auf die Triebe hin ausgepellt, weshalb das von Harry umschwärmte Pendel zwischen Cherry (Linda Ashton) und Raquel (Larissa Ely) nicht ausbleibt, im Endeffekt aber ohne ihn zur Beglückung auf Augenhöhe gelangen kann. Voraussetzung dafür ist sein Buckeln vor dem bettlägrigen Mr. Franklin (Frank Bolger), einem Verbrecherguru mit ebenbürtiger Promiskuität, der die Invasoren an Mexikanern und Indianern loswerden will, damit der gemeinsame Schmuggel von Marihuana verhüllt bleibt. Die Vergänglichkeit solch böswilliger Widersprüche hallt bis heute nach, passend dazu wird das kriminelle Element Droge von Meyer wie gehabt eher als ironischer Aufhänger an Moral verwendet, um die Exploitation daran ballen zu lassen. Da hat sich seit den „Satansweibern von Tittfield“ nichts geändert, höchstens eine Erhöhung der Dosis Delirium, inwiefern der Rahmen der Reportage mit seiner Ära spielt, am Narrativ vorbei frohlockt, Sprachen mischt und anhand der Frauenflowerpower ohnehin jedes Ei weichkocht. Das Macho-Kompendium kommt dennoch wie aus der Kanone geschossen, weil das Leben ohne nur halb so aufregend wäre – mit dem Herzblut bei der Sache zu sein, heißt auch, dass es herauszuballern geht und da spart der Film kein Räudentum aus, um manch zynische Schnauze tönen zu lassen. Doch wenn deren Dödel frei durch die Prärie schwingt und die Fantasie vom Nippelnuckeln aus dem Sand buddelt, zeugt das Gegeneinander beinahe schon von utopischer Harmonie.




Dreht man daraufhin am Schwarzweiß-„Color Wheel“ Alex Ross Perrys, hat sich in Sachen Enthemmung wiederum gar wenig bewegt – und das mit über 40 Jahren Fortschritt im land of the free. Perry zeichnet seine Generation und folgerichtig sich selbst binnen einer der Hauptrollen für die Ironisierung einer emotionalen Distanz zugänglich, der es an kollektiver Beziehungsunfähigkeit krankt, eine Vielfalt der Degradierung in der Bekenntnis zueinander vor sich hin murmelt. In dem Fall ist es natürlich auch Familiensache sowie an einem Roadtrip exemplifiziert, der den Griswolds ähnlich auf die Dynamik des Dysfunktionellen angewiesen ist, um der Ungerechtigkeit des Seins entgegenzutreten. Lässt sich daran etwas ausrichten, wenn die Katharsis in beiden Varianten letztendlich zur temporär befriedigenden Verstörung sozialer Norm führt? Bei Perry äußert sie sich noch selbstbewusster als Anarcho-Geistesblitz aus Verzweiflung, innerhalb der College-Geschwister Colin (Perry) und JR (Carlen Altman, auch Ko-Autorin) auf einem Pfad des Meh-to-the-Future, bei welchem der Zerfall der Sicherheit durchweg eine inzestuöse Anziehungskraft/-neckerei verströmt. Perry macht eine Pointe der Eitelkeit draus, als dass er der Empathie darin nachspürt, aber sei's drum – diese Figuren sind bewusst eher anstrengend in ihrer Fassung, auf einen Geräuschpegel der Konfrontation eingestellt, der sich im Vornherein mit der Drahtbürste abtrocknet. Selbst die garantierte Sympathie in der Zerstreuung religiöser Dogmen binnen der Unterkunft im Christenhotel wirkt bei den beiden ganz gemein, so wie Colin den Anlass mit Kotze eindeckt, JR den Sex anderer nebenan der Soundkulisse wegen persifliert. Ist dann nur recht, wenn die Reise dahin führen soll, ihre letzten Sachen aus der Wohnung des Ex abzuholen, der von jener Frau schon nichts mehr wissen will. Beinahe schon selbstverständlich addiert sich dazu der Umstand, dass es sich dabei um ihren Uni-Professor handelt, so wie sich der Intellekt ebenso in Perrys Nachfolgewerken als potenzielle Komplementärfarbe des Zynismus addiert. In der Mumblecore-Attitüde aller schwingen trotzdem zig brillante Dialoge mit, denen man bei aller Ballung und Natürlichkeit stets nur zu wenig Anerkennung zu schenken vermag – beim latenten Rassismus Colins wundert es aber kaum, dass man ihm Wein in die Hemdtasche schüttet; dass die im Verlauf spontane Erotik eher als Impuls des Selbsthass wirkt.




Blickt man noch weiter zurück, liegen die Wurzeln dafür auch in Filmen wie „Gangster in Key Largo“ bereit, jenem Spannungsstück John Hustons, das in der Nachlese des Zweiten Weltkriegs zur bestehenden Amoral der menschlichen Natur Stellung nahm, ohne den reinen Antagonismus daran festzustellen. Die Gefahr ist dennoch ein ständiger Begleiter für Major Frank McCloud (Humphrey Bogart), selbst wenn er das Hotel seines alten Freundes James Temple (Lionel Barrymore, „Ist das Leben nicht schön?“) binnen der Key-Largo-Insel gen Florida besucht; zwar die Risiken eines wiederkehrenden Hurrikans in Kauf nehmen kann, aber nur bedingt die Belagerung durch skrupellose Verbrecher unter Führung der berüchtigten Milieugröße Johnny Rocco (Edward G. Robinson). Der und seine Schergen sind zwar selbst nur Überbleibsel einer vergangenen Ära, doch weiterhin Urheber eines langsam anpirschenden Terrors, der dabei zwangsläufig Zyklen der Selbstzerstörung eingeht und willens ist, alle mit sich herunterzuziehen. Die klassischen Signale der Edelmut können da nur wie bestellt und nicht abgeholt dreinschauen, doch sie spielen ihre Fassungslosigkeit zunehmend als Verhandlungsbasis aus, so wie sich die Gleichung von Gut und Böse scheinbar immer mehr von externen Faktoren abhängig macht. Bogarts Positionierung im Kammerspiel der Bedrohung mahnt nicht von ungefähr an den „Versteinerten Wald“, wenn die Natur ebenso Boten vorausschickt, Traumata und Schuld an/wegzuschwemmen, die sich seitdem als verstärkte Faktoren binnen Realität wie Leinwand kristallisiert haben, von der Größe vergangener Zeiten sprechen und trotzdem nur eine Hinterlassenschaft der Schmerzen nachweisen können. Eine neue Generation via Temple-Tochter Nora (Lauren Bacall), Migranten und Ureinwohnern versucht die Knüpfung eines Neuanfangs, begegnet jedoch verschlossenen Türen, Gesetzeshütern trivialer Auffassungsgabe, eben einer Machtlosigkeit gegenüber dem Status von Geld und Waffe, vor dem alle auf einmal kuschen müssen und Huston umso dringlicher die Klaustrophobie einer Gefangenschaft zeichnet – vor allem, wenn sie keiner Partei die Flucht einheimsen kann. Alle stehen unter Zugzwang, auch sich selbst gegenüber in einem Set, das sogar die natürlichste Oase an versprochenem Frieden nur als Konstruktion gepachtet hat, auf den Schreckmoment genau von Blitzen, Sturmregen, Nacht und Nebel umringt wird. Der Sog daran ist allerdings durchweg echt geblieben, quasi als Zerreißprobe gegen alle Zerreißproben.




Komisch ist, dass ich bei Hong Sang-soo selten Überraschungen, sprich eine Abwandlung seiner Stilistik erwarte, so wie mir seine Markenzeichen und Themengebiete inzwischen ans Herz gewachsen sind; gleichsam auf eine Vielfalt der Liebenswürdigkeiten sowie des Humors hoffe, wie es einen z.B. bei „Right Now, Wrong Then“ erwischte. Viellicht liegt es auch nur daran, dass ich in der Woche schon „Haewon und die Männer“ von ihm gesichtet hatte, auf jeden Fall war ich kurz darauf nicht allzu gebannt von „Ha Ha Ha – Das Leben ist ein Witz“ eingenommen, der sich in knapp zwei Stunden Laufzeit (ungewöhnlich lang für den Mann) erneut darauf berief, wie variabel die Funktion des Geschichtenerzählens auf dessen Protagonisten abfärbt, wie sich deren Erfahrungen kreuzen und die Balance des jeweiligen Herzens in eine Falle der Sehnsucht schleusen, wenn sich auch jedermann irgendwann im Zweierprofil zwischen reihenweise Soju-Flaschen wiederfindet. Interessant bleibt, wie allumfassend die Bindung zu Traditionen, inner- wie außerfamiliären Beziehungen auf die Gezeiten geprägt wird, allen voran im männlichen Spektrum auf die Untragbarkeit jener etablierter Ideale (auch jene der Künste) hinsteuert und die Gnade darin findet, dass kein Mensch unfehlbar mit beiden Beinen im Leben stehen kann. Verehrter Hong, das ging trotzdem schon mal effizienter durch deine Hand in den Verstand, im Grunde auch ohne diesen Hang zur Romantisierung, den du dir normalerweise für Traumsequenzen aufhebst und jene umso stärker wirken lässt, wenn man sie genauso gut untrennbar mit dem sonstigen Geschehen der Leinwand, sprich dem Wunschwesen der Charaktere verstehen kann. Ich gebe zu, das ist alles noch fernab von „Alles-ist-verbunden“-Allgemeinplätzen, die sich seit „Traffic“ ins Weltkino eingenistet haben und inzwischen furchtbar verkitscht daherkommen – aber im Grunde lässt sich jede Formel eventuell überholen, auch wenn die Details darin weiterhin voll wahrhaftig Bittersüßen aufs Glück (zu zweit) hoffen. Die Pillensucht gegen die Depression ringt hier ums Lachen, das Lachen neben Wohnung und Job um die Gunst einer unnahbar temperamentvollen Schönheit von nebenan, jene Frau um eine Würde nach Format des Admirals Yi Sun-sin. Bei den Konstellationen im Zeitgeist-Querschnitt kann ja nur mehrmals geweint werden – oder man säuft sich Mut an.




Ob sich etwas Schönes aus Propaganda schöpfen lässt, wollte ich mit der nötigen Vorsicht erneut feststellen, als es darum ging, den allerersten Anime in Spielfilmlänge, „Momotarô: Umi no shinpei“, zu sichten. Könnte man den Film von Mitsuyo Seo auf seine historische Kunstfertigkeit reduzieren, wäre man bei einem verspielten Traumtänzeln zugange, das der Bewältigung der Furcht eine Einigkeit voll malerischer Grenzenlosigkeit verinnerlichen konnte. Der Surrealismus binnen der Glorifizierung und Verharmlosung des Kriegstreibens anno 1945 ist jedoch nicht bloß eine trügerische Angelegenheit voller Widersprüche zwischen Kunst und Funktion, sondern angesichts der Konsequenzen im Nachhinein auch eine voller Tragik und Fahrlässigkeit, wie überzogen sich die Überzeugung hier selbst besingt und nur schwer vorstellen wollte, dass ein verhängnisvolles Ende dessen möglich war. Anhand einer anthropomorphen Tierwelt, die trotzdem von einigen menschlichen Würdenträgern und Witzfiguren an Alliierten bevölkert ist, zeichnet man den Ruhm der japanischen Fliegerstaffel vor, die in ihrer Heimat ein hohes, nationalistisch-jingoistisches Ansehen bekleidet, stolz und demütig zugleich vor Tälern, Feldern und der Sonne steht; sicher stellt, dass Tapferkeit und innere Führung selbst bei kleineren wie größeren Krisen den Tag retten können. In jener Anfangsphase äußert sich die Ideologie vielleicht noch weniger bestimmt als filigrane Sage der Gemeinschaft, verlässt sich ohnehin mehr auf eine Erzählung ohne Dialoge, zu welcher sich eine aus den Kinderschuhen entwachsene Faszination zur Lebendigkeit via Animation erahnen lässt. Einige frühe Tricks mit der Ebenenschärfe sowie die Behutsamkeit zur Atmosphäre/Verknüpfung mit der Natur kommen ebenso als Herzenssache an, doch spätestens sobald der martialische Schaffensdrang auf pazifischen Inseln die Stimmung einnimmt, ist jede Unschuld ausradiert bzw. zweckentfremdet. Die Überlegenheit des Waffenapparates ist hier als Bildungsauftrag und Futterfest im Musicalformat aufgelöst, dramaturgisch erst recht auf ein selbstgenügsames Nichts reduziert, das seine niedlichen Fabelwesen auf Slapstick eicht, ehe die Zeichen der Zerstörung im Gewissen ankommen sollen. Von der Gegnerseite her sieht man zwar stille Nachspiele, jedoch solche ohne Opfer, bis dann schließlich der Rückschlag in reißerischen Kontrasten (inkl. On-Screen-Bodycount) stattfindet - gefolgt von einer US-Kapitulation, die in ihrer Lächerlichkeit nicht mal einen Stereotyp, nur die Schwäche des Gegenübers feststellen will. Bei allen Tiervergleichen eine unmenschliche und fatale Naivität.




Einen gewissen moralischen Kompass muss man in Sachen Film ja vertreten können, bei „Draculas Hexenjagd“ wird allerdings mit zweierlei Maß gemessen, bis letzten Endes doch die mittelschwer konservativste Lösung in die gotische Phantastik einkehrt. Die Hammer-Studios waren sich bei Einzug der 70er Jahre nicht sicher, ob ihr dazumal schon klassischer Horror noch eine Chance in der internationalen Eskalation an Schauwerten haben könne, von daher sollte die Rekrutierung der Playmate-Sisters Madeleine und Mary Collinson einen Sexappeal signalisieren, der sich gleichsam vor keiner Blutschröpfung scheuen würde. So ganz der Exploitation anvertrauen wollte man sich dann doch nicht, im Gegenteil: Anhand von Hexenjäger Gustav Weil (Peter Cushing) hegt der Film sogar ambivalente Gefühle, ob der Prozess der Hexenverbrennung nicht sogar seine Berechtigung hatte, indem er dem Aberglauben insofern Recht gibt, dass die Frauen unter der Obhut des vom Satan angebissenen Graf Karnstein (Damien Thomas) - inkl. rassistisch stilisiertem Sidekick Joachim (Roy Stewart) - absolut zu vernichten seien. Der erzkatholische wet dream wird insofern noch hinterfragt, dass Cembalo-Lehrer Anton Hoffer (David Warbeck) die reaktionäre Willkür von Weil eines Besseren belehrt; als Sprachrohr des Zuschauers ohnehin zu Protokoll gibt, wie unbeliebt die Truppe der Rächer im Dorf ankommt. Doch selbst wenn man die Abneigung gegen den Mob projiziert bekommen soll: Ein Cushing wird bei Hammer nie zum totalen Ekel, parallel dazu züchtigt man dann auch der Würde halber die Ausgabe an nacktem Fleisch auf zurückhaltende Dekolletés und Satansriten, ehe ein magic moment vonseiten der Collinsons im dritten Akt ausgepackt wird. Less is more am Arsch. Weil ich aber nicht bloß als notgeil verbleiben will, möchte ich die durchweg stringende Immersion in jene tristbigotte Dorffolklore loben, die unseren (eher funktionell spielenden) Zwillingen Frieda und Maria nur bedingt zusagt, ehe Frieda nachts das Weite sucht und bei besagtem Agent Provokateur mit Kaiserschein Karnstein als williges Beißergirl vorstellig wird. Maria kann diese Aktionen nicht allzu lange decken, vom Misstrauen aus gibt’s bald Tote und einen Story-Konsens, wie man ihn seiner drakonischen Spitzen wegen ausschließlich in der Menge an Spezialeffekten messen soll. Also nichts gegen Routine, aber bei den Mädels ist die hiesige Verzögerungstaktik eine offensichtlich verklemmte Ausrede.




Ich genieße das Glück, in eine echte Diktatur hineingeboren zu sein, doch noch froher bin ich, seinerzeit kaum etwas davon mitbekommen zu haben. Ein weiteres Zeugnis von der erschlagenden Tristesse der DDR habe ich mir wiederum via „Heute abend und morgen früh“ zu Gemüte geführt und obwohl das Ganze unter einer Stunde Laufzeit verbleibt, ist dessen Querschnitt vom Alltag ein Hilfeschrei sondergleichen. Regisseur Dietmar Hochmuth hatte in seinem späteren Werk nicht grundlos Kritik am Prozess des regimefreundlichen Filmemachens genommen, in dieser seiner Abschlussarbeit entwickelt man jedoch schon einen paranoiden Krampf, wie viel Zufriedenheit der vermeintlich attraktiven Lebensqualität entgegengebracht wird. Die Idealisierung bietet für die namenlose Stomatologin (Christine Schorn) binnen Ost-Berlin eben ein Kessel Buntes in Schwarz-Weiß; Backstein-Bruchbruden, die Kino, Kunst, Welthandel und ein Bündel an frohen wie kuriosen Bekanntschaften bereithalten, ehe der Tag voller Versöhnlichkeit für die jungen Leute im Reihenhaus endet/anfängt, um das Kind für die Schule bereit zu machen, mit dem Gatten (Rolf Hoppe) in aller Kleine-Leute-Gemütlichkeit zu legieren. Wie so oft im Kino der DDR mangelt es dem Image wegen an genuinem Konfliktpotenzial, doch der Anspruch einer Wahrhaftigkeit binnen der Gestaltung wäre noch weit perfider, würde Hochmuth nicht seine mehr oder weniger subversiven Signale des Dissens austrahlen. Da wäre zum einen der Soundtrack Günther Fischers, der genauso gut dem Abspann eines Lucio-Fulci-Films entstammen könnte; passend dazu eine verfolgende Steadicam, um welche man keine Absperrung oder Statistenanweisung bemüht hat, weshalb jeder zweite Fußgänger in die Linse schaut, teilweise Massen an Schaulustigen um eine Szene versammelt. Umso verstörender lässt sich das mit der lockeren Haltung der Protagonistin vereinbaren, die Flirts von vorbeifahrenden Sowjetkarren empfängt, nachsynchronisierten Small Talk am Bahnhofskiosk betreibt und auch nur wenig Bedenken bekundet, wenn der Kommissar im Alleingang bei der Kundenschlange im Tante-Emma-Laden um eine vermisste Person nachfragt. Diese Episoden versprechen eine Verbundenheit des Miteinanders, den man im Sozialstaat eben nur oberflächlich empfangen konnte, zeigen mit der Kamera aber auch auf Polizisten nahe einer Kirche, von denen ich sofort überzeugt war, dass sie gleich jemanden erschießen würden. Unser von oben zuschauendes Ehepaar begnügt sich stattdessen mit dem Frühstück, der gewitzten Moderne inklusive zerdeppertem Gartenzwerg.




Im Kino Hongkongs vor 1997 waren die wildesten Genre-Verknüpfungen vertreten, um sich die Schauwerte des Westens via der eigenen Filmindustrie ab Shaw Brothers und Co. derart eigen zu machen, dass man heute noch dumm aus der Wäsche schaut, wenn man deren Variante einer Actionkomödie wie „The Last Blood“ zu Gesicht bekommt. Tempo und Ressourcenaufgebot hatte ich ja schon hinsichtlich Tsui Hark des Öfteren hervorgehoben, womöglich aber noch nicht das Wechselbad an Stimmungen, das mit den meist überbordenden Plots einhergeht – Autorenfilmer Jing Wong demonstriert hier insofern eine Melange aus Heroic-Bloodshed-Intrigen, Verfolgungsjagden und Bleientscheidungen in Sekundenbruchteilen, turbulenter Buddy-Comedy und spontanen Religions-/Weltpolitik-/Extremismus-Überhöhungen, wie sie nur zu gerne zwischen blutigem Terror-Knalleffekt und spritziger Gesellschaftsverballhornung pendelt. Den Startschuss dafür gibt der Bösewicht (Ho Chin) via der Roten Armee Japans ab, welcher mit einer Manie um sich reißt, die alsbald den Daka Lama als nächste Zielscheibe auserwählt. Kommissar Lui Tai (Alan Tam) hält jedoch clever und smart per trockenem Brillengestell dagegen und führt einen Straight-Man-Kontrast gegenüber allen Verrücktheiten zur Blüte, während endlos viele Kugeln und Körper um ihn und Partner Stone (Ka-Yan Leung, hier als schwangerschaftsfokussierter Vater von sieben Mädels) herum fliegen, an jeder öffentlichen Biegung eine explosive Wende nach der anderen reihen. Diese ortsansässigen „Tango and Cash“ werden auch damit beauftragt, den Lama zu beschützen, doch die Mörder stehen schon auf der Rolltreppe und treffen ebenso die mit seinem Schicksal verbundene Freundin von Kleinspurganove Bee (Andy Lau), weshalb nun beide als Träger der seltensten Blutgruppe überhaupt auf einen Spender angewiesen sind (weil alle anderen vorzeitig abgemurkst wurden): Fatty (Eric Tsang), seines Titels gemäß ein pummeliger Schwerenöter, der fortan stets auf der Flucht vor Cops und Gangstern in jedes noch so kuriose Actionszenario stolpert, bis ein dramatisches Massaker unter Unschuldigen nicht bloß einige Western-Topoi inklusive falscher Fluppe auffrischt, sondern auch die Krankenhausvisite von „Hard-Boiled“ vorwegnimmt, ohnehin als Krachklamaukvariante von „Lethal Warrior“ verstanden werden kann. Pyrotechnisch und vehikelschrottend ist man hier also auf Eskalationskurs eingestellt, im Dialog umso hysterischer am Bashen, wovon auch die weisesten Religionsoberhäupter nicht verschont bleiben – nur die Spitze des Eisbergs binnen der Übersteuerung des drollig zerfetzenden HK-Kochkessels.




Robert Altman, das ist jemand, den ich bisher am ehesten mit seinem „Popeye“ in Verbindung bringen konnte – das darauf erfolgte „Komm' zurück, Jimmy Dean“ hat nun jedoch die besseren Chancen, einen Status als Qualitätswerk auf Lebenszeit inne zu haben. Jene Erkenntnis verschleiert natürlich nicht, wie ähnlich sich die Arbeiten manchmal sind, mit dem jeweils an Lebhaftigkeit aufgestockten Ensemble durch frei formbare Kulissen schlendern, kreuz und quer kommunizieren, dass es Ambition wie Konstruktion daran locker/minimalistisch macht, neben musikalischem Esprit und interpersonellen Eigenarten aus jahrzehntelanger Bindung schließlich ein Wiedersehen mit den Geistern der Familie als Konfrontation der Herzen aufbietet. Das beinahe ausschließlich auf Frauen konzentrierte Kammerspiel um den einigenden Kult der Legende James Dean verabredet sich zudem zu einer Abrechnung, was die Haltbarkeit einer Nostalgie angeht, die an der eigenen Vergänglichkeit vorbei argumentiert, Schmerz als 50's-Americana dekoriert. Das Arsenal an zuckersüßen Erinnerungen sucht sein Spiegelbild in der konstanten Auf- und Abblende zur Theke des Kiosk Juanitas (Sudie Bond), einer streng gläubigen Christin unter Provinzmädels mit dem Banner der „Disciples of James Dean“ im Jubiläumstaumel. Das reiterierte Aufleben im mehr oder weniger verklärten Ableben jener Ikone stellt dann auch die persönlichen Bezüge an Existenzen vor, die sich und ihre Vergangenheit bis aufs Weitere daran definieren, allen voran Mona (Sandy Dennis), die seit jeher von ihrer Liebesnacht mit dem Hollywoodhünen überzeugt ist und den gemeinsamen Sohn nach ihm getauft hat. Dass man diesen nie sieht, ihm aber ständig nachgerufen wird, erzählt schon reichlich von der verkopften Kuppel des bannenden Traumas aller, das in seiner Stille ringsum mehrmals die Jukebox anschmeißt, die ehemalige Unbekümmertheit als Grabrede zur Brust nimmt und in derer Reanimation umso verzweifelter zum Gift der Ideale greift, wenn der eigentliche Charakter der Vergangenheit das mental image verzerrt. Cher, Kathy Bates und Marta Heflin sind da ebenso an der Anpassung gegenüber Joanne (Karen Black) beteiligt, während Altman die Wechselwirkung der Wachstumsschmerzen vom ehemaligen Bühnenformat weg in der individuellen Psyche/Trivialität/Wut zu Gewohnheit und Vorurteil verinnerlicht, sich vielleicht auf vielerlei Geständnisse in Folge stützt, aber durchweg die Natürlichkeit im Clinch mit der Wahrheit im Einzelnen und Gemeinsamen für sich wirken lässt.




Der schwedische Regisseur Hasse Ekman war seinerzeit zwar eng mit Ingmar Bergman verbandelt, aber nur bedingt auf dessen Stufe angesehen, was man sich beim „Mädchen mit den Hyazinthen“ zumindest soweit denken kann, dass er via Genre auf die Spurensuche vom Leben verunglückter Seelen ging. Er gibt sich vielleicht auch etwas ungeschickt darin, schon zu Beginn den expliziten Hinweis zu hinterlassen, dass es um die Liebe von Frau zu Frau geht, weshalb insbesondere der Schluss in seiner Redundanz abfällt, dennoch nicht die Brisanz unterminiert, mit der sich bis heute noch nicht jeder auseinanderzusetzen vermag (gilt übrigens auch für „Jimmy Dean“). Im Zentrum dessen steht die junge Dagmar Brink (Eva Henning), deren jüngster Lebensweg nach dem narrativen Formate „Citizen Kanes“ aufgelöst wird, allerdings weitaus finsterer den Strudel der Einsamkeit rekonstruiert, der sie schließlich zum Selbstmord zwang. Und mit finster mein ich das auch so, wie sich die Kulissen in Schwarz und Regen verschließen, ausgeleerte Flaschen im Übermaß an Verdrängung stehen lassen, sich den bisher unbekannten Nachbarn anvertrauen, um via Schlaftablette ins Land der Träume geleitet werden zu können. Anders (Ulf Palme) und Britt Wikner (Birgit Tengroth) ersuchen nämlich die Gründe der an sie gerichteten Erbschaft nach dem Ableben Dagmars, finden sich fortan in einer Gesellschaft an emotional bis materiell gescheiterten Existenzen wieder, die stets andere Erwartungen an Dagmar hegte, welche sie (auch aus Bescheidenheit) entweder nicht durchscheinen lassen konnte oder gar zu Missbrauch wie Vernachlässigung ihrer Person führte. Die gedämpfte Stilisierung jener Prozesse schürt wie in „Key Largo“ einen belasteten Menschenschlag nach Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen; der Zukunft und Gnade zur unerfüllten Sehnsucht des Einzelnen ungewiss, wobei alle Entsagungen und Enttäuschungen hier auch eine Schönheit im Leiden, eine Kunst des Verlorenen erwirken und aneinander abprallen. Ekman betreibt trotzdem keine ausschließliche/glorifizierte Misere, tatsächlich sogar eine respektvoll aufeinander bauende Balance binnen Anders und Britt in der ungewohnten Chance, Zugang zum Leben eines anderen zu erhalten, es auf dessen Wunsch nachvollziehen zu können und das auch zu wollen. Wie tief sich die menschliche Dissonanz jedoch verdunkeln kann, ist hier als Melodram ohne Melodramatik schon zum Unikat gereift.




Nun denn, es ward schon sehr fortgeschritten in meinem 24-Stunden-Abenteuer, da sollte zur Erquickung wieder ein Einstünder ins Land ziehen, von dem ich mir im Vornherein schon eher weniger erhofft hatte und der selbst das noch dem ersten Eindruck nach zu unterbieten schien: Ted V. Mikels „Dr. Sex“, den ich hier vor allem aufgrund seines drolligen Posters noch aufzählen wollte. Ansonsten ist die schnell zusammengeschusterte Sexploitation innen drin immerhin noch auf eine sympathische Schamlosigkeit reduziert, wie offensichtlich der wissenschaftliche Anspruch vonseiten der Titelfigur (Victor Izay) zu einem Quartett an Exempeln gestreckt wird, das sich mit dem schäbigen und doch recht harmlosen Voyeurismus gegenüber strippenden Damen in jeweils vier Wänden stets entschiedener Kargheit begnügt. Die sexuellen Eigenarten an sich sind dann auch eher parodistischer Natur, vom Intromonolog à la Russ Meyer als Maßnahme zur Toleranz des Bizarren und Lachqualität gegenüber gesellschaftlicher Unsicherheiten geeicht: Der eine denkt, er sei ein Pudel fürs mehrmals Nachtnegligé tauschende Frauchen; der andere kann sich Frauen und seiner Geschlechtsreife nur in der Form lebendig gewordener Mannequins öffnen; eine Dame weiß nicht wohin mit ihrem Exhibitionismus und landet nach lüstern talentlosen Künstlern im Stripschuppen (wo gefühlt jeder Gast - auch Mikels selbst - Augenklappe und Pfeife mitbringt); letzterem Patienten spuken dralle Geister das Ideal der Hausfrau in die Bude – doch bei denen gilt: Nur (ultrahoschig) gucken, nicht anfassen! Das findet der Doc so toll, dass er das Domizil aus berufsbedingtem Enthusiasmus gleich gekauft hat und mithilfe der Assistenz von Dr. Lovejoy (Julia Calda - anfangs streng und doch eine fesche Maus) eine feuchtfröhliche Party veranstaltet, zu der sich zudem oben genannter Pudel wieder aus manchem Manne bildet, wenn diesem nicht vorher schon erneut dank Looney-Tunes-Soundkulisse, Stopptricküberschuss und Scherzartikelbudget die Augen aus den Höhlen fallen. Nackte Tatsachen machen aus manchen Leuten eben Idioten, aus (dem leider 2016 verstorbenen) Mikels in dem Fall weiterhin keinen berauschenden Filmemacher via seiner Ressourcen. Aber gemessen am Titel und dem hochprozentigen Ulk innerhalb jener schleppenden Seelenklempnerkomik habe ich dann doch öfter vor Freude und Zermürbung gegluckst, als ich erwartet hätte.




Von der Nikkatsu darf man sich ja des Öfteren überzeugen, wie lustvoll deren Katalog mit jedem Titel auf eine Sinnlichkeit stürmischer Dickköpfe zusteuert; vielleicht nicht immer die leichteste Route binnen Nippon in Angriff nimmt, um den Drang nach Sex seines Amtes walten zu lassen, aber bei einem Beispiel wie „Horny Diver: Tight Shellfish“ aka „Zetsurin ama: Shimari-gai“ noch nach ironischer joie de vivre fischt. Um 1985 herum war das Format aber schon eher in der Richtung zusammengestaucht, wie man es vom gegenwärtigen Pinky-Angebot kennt, weshalb sich Atsushi Fujiuras Film vor allem deshalb eher mittelmäßig einen von der Palme wedelt, da das narrative Konstrukt auf Stichwörter eines Seifenoper-Konsens reduziert bleibt und einer jeweils kurzen Einordnung jeder Szene schon per Garantie ins nächste Betthüpferln übergeht. Dass man sich solche Streifen hauptsächlich deswegen anschaut: Geschenkt! Trotzdem kommt man um einen gewissen Grad der Ernüchterung nicht umhin, weshalb man vorsichtshalber auch auf einen weiblichen Cast zurückgegriffen hat, der sich seiner aufreizenden Schönheit zum Wohle gepflegt durch mehrere Stellungen der Küstenregion kullern lässt und trotz aller Zankereien im (zur Abwechslung mal nicht sexuell konnotierten) Muscheltauchen den Großkapitalistencoup eines fiesen Immobilienmaklers zu verhindern versucht. Zentral dafür darf sich Yumi (Megumi Kiyosato) bewähren, deren Charakter keine unscheinbare Wandlung durchmacht, anfangs noch bockig mit der Halbschwester sowie der Applikation zu höherer Bildung hadert (= Bücherverbrennen), ohnehin allen Männern den Kopf verdreht, aus deren triebgesteuerter Frustration Intrigen wie Kapital schlägt; am Ende aber doch die richtige Einstellung zu ihren Mitmenschen findet, anstatt der Schuldentilgung per Hochzeit zum Ekel zuzusagen. Bis dahin darf man sich als Zuschauer an einer Vielzahl nasser T-Shirts erfreuen, zusätzlich an Nachtclubbesuchen mit vaginalen Trinkspielen und Entladungen/Besteigungen in sonnigem Stillstand, wie es nur mit einem herzlichen Winkeabschied am Hafen enden kann, sobald die wahre Liebe obsiegt und das Banjo erneut zu „She'll be coming round the mountain“ erklingt. Auf jeden Fall ist man damit besser bedient, als mit der laut meinem Sichtungsplan danach erfolgten „Separation“ von Jack Bond, die als Godard-Suggorat mit einer Überzahl experimenteller Allegorien eher zur Langeweile anregte – und das trotz der Notwendigkeit zur Emanzipation auf dem Ärmel!



 
So, zum Endspurt fassen wir nochmals zwei Filme zusammen, weil mein Erinnerungsvermögen zu der Zeit, mit knapp 21 Stunden Wachzustand und 13 Filmen im Vornherein, nicht mehr vollkommen helle war, trotzdem ersehen konnte, dass die D.H.-Lawrence-Verfilmung „The Fox“ nicht so verdichtet als Psychogramm einer Gefühlsinvasion wie angedacht wirken konnte, da der Anlass dazu, Keir Dulleas Fuchs im Hühnerstall Paul, eher als Urheber einer basischen Genre-Intriganz genutzt wurde. Warum da also mit Schauwerten und Binsenweisheiten vom Status der Männlichkeit gearbeitet wird, um zu erklären, weshalb sich Hühnerfarmbesitzerin Ellen March (Anne Heywood) seiner wegen ergibt, obgleich sie eine Zuneigung zu Mitbetreiberin Jill (Sandy Dennis) hegt und deswegen sogar eifersüchtig wird, erschließt sich mir nur insofern, dass anno 1967 wohl eine Baukastenspannung vonnöten war, anstatt die hitzige Dynamik zwischen Ellen und Jill für sich stehen zu lassen. Dem Topos solch früher Herangehensweise zur Homosexualität nach muss natürlich auch einer der beiden sterben, wenn die Norm das Herz betrügt – wäre als Film auch nicht so schlimm, wenn man die Kohärenz dazu nicht auf zwei Stunden und x Tiervergleiche per Leone-Augenpartien forciert hätte. Der gelungenere Abschluss erfolgte hingegen mit der „Modern Romance – Muss denn Liebe Alptraum sein?“ von Albert Brooks, der sich erneut selbst zum Zentrum einer desaströsen Herangehensweise in Sachen Beziehungen einschreibt, wie man diese am besten auch aus eigener Erfahrung kennt: Voller Unsicherheit zu überstürzten Vermutungen und Ansagen neigend; am Vertrauen zum Partner der eigenen Minderwertigkeitskomplexe wegen zweifelnd; in der Trennung dann enorm überkompensierend, wenn aus dem Zwang zum Vergessen (k)ein flotter Ersatz, eigentlich die nächstbeste Versöhnung umarmt wird, als sei man alles andere als nachtragend. In dem On/Off-Rahmen wird man jedoch nicht mit Zynismen bombardiert, wenn der persönliche Anspruch Robert Coles (Brooks) jene Passion/Kompromisslast/Durchsetzungskraft auch im Schneideraum umzusetzen hat. Da findet Brooks eher seinen liebenswerten Versager binnen der Bestätigung des Egos inmitten des 80er Kapitalismus, doch der Kontrollanruf bei seiner starken Karrieredame Mary (Kathryn Harrold) folgt auf rasantem Fuße hinterher. Die Verlustangst ist eben in allen Bereichen des Seins zu groß gelagert, in jedem Penthouse mit Quaaludes und Koks ausgestattet, dass sich selbst George Kennedy am Set verirrt.

Da habt ihr's! Und weil eine solche Reihung an Werken nicht ohne eine Statistik im Rückspiegel der Erfahrung auskommen kann, habe ich noch folgendes in petto: Der Witz (und ein wichtiger Wachhalter) an der Sache war, dass ich eine Strichliste geführt hatte, welche Themen zwischen den jeweiligen Filmen immer und immer wieder auftauchten. Es war eine Heidenüberraschung, soviel mag ich garantieren! Ohne die Werke und deren Inhalte anhand dessen zu entlarven, hier nun also die Liste mit jenen Zutaten, die in einer Auswahl von 15 Werken und wahrscheinlich allen anderen Erfolgsgaranten darüber hinaus besonders präsent waren:

(Legende: „Thema: Anzahl Filme“)

Familie/Beziehungen: 13

Lügen/Korruption: 13

Sex/Geschlechtsmerkmale: 12

Action/Prügel/Blut: 12

Rassismus/Sexismus: 12

Saufen/Rauchen/Andere Drogen: 12

Ärzte: 9

Singen/Tanzen: 9

Religion/Tradition: 9

Regen: 8

Schwarz-Weiß-Kamera: 7

Hunde: 6

Dichter/Pianospieler/Künstler: 6

Propaganda/Nationalismus: 6

Depression/Selbstmord: 6

Filmemachen: 5

Spiegel-Effekte: 5

Schwangerschaft: 4

Promi-Namedropping: 4

Zweiter Weltkrieg: 4

Kotzen: 3

Motorräder: 3

Rasur: 3

„Danke an den Koch“: 2

Sandy Dennis: 2

Sandy Dennis fragt, was denn so lustig sei: 2

Denkt mal drüber nach!