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Sonntag, 16. April 2017

Tipps vom 10.04. - 16.04.2017 (Ostern-2017-Edition)


Liebe Osterhasen,

ich hoffe, ihr hattet die Tage über eine angenehme Schonzeit via Eiersuche und Chillfaktor, ehe wir uns weiter damit beschäftigen müssen, welche Bomben und Raketen mütterlich einschlagen oder versagen. Weil medial vielerorts auch eher auf Automatiksteuerung geschaltet wurde, ist es hoffentlich eine nette Nachricht meinerseits für Euch, dass nach der letztwöchigen Junior-Ausgabe erneut ein etwas umfangreicherer Wind hier sein Wehen tätigt. Obgleich ich gesundheitlich etwas vom Rücken aus angeschlagen war (Hauptagitator meiner bereits erwähnten Handschmerzen übrigens) und mir mancherorts mehr Stress als nötig machte, ließen sich gute Mengen an Filmen wegschauen! Mittwoch hatte ich in dem Sinne wieder meine 12-Stunden/8-Filme-Initiative durchgezogen und Samstag gab es sogar einen goldigen Space-Abend mit Siegfried Bendix und Zelluloidraketen oben drauf (dazu eventuell mal mehr), von denen ich mich jetzt noch ausnüchtere. Puh, schade, dass ich in diesem Sinne nicht noch mehr davon berichten kann, was mir außerhalb der Medienlandschaft passiert ist - da war letzte Woche mehr los, allerdings auch nicht soviel an brancheninternen Nachrichten, die von Cannes über Star Wars mal wieder alle Extreme an Vorfreude abgreifen durften. Ich weiß nicht warum, aber bei aktuellen Filmen stehe ich im Augenblick etwas auf dem Schlauch, insbesondere, wenn sich zig Meinungen um eine Neuigkeit ballen und im Kanon unterzugehen drohen - hab ich jedenfalls so den Eindruck. Was soll's? Machen wir einfach noch weitere Erkundungen in den Wahnsinn der Vergangenheit und dessen schönen Gärten voll historischer Großwerke ringsum (inkl. zwei Generationen an Tschechowas!). Die bunten Klöten, äh, Eier, habe ich auch schon in den Korb gelegt, schaut mal rein:




Schon mal daran gedacht, „Die große Flatter“ zu machen? Der jugendliche Fluchtversuch aus den Untiefen der BRD ergab schon beim gleichnamigen Dreiteiler von Marianne Lüdcke die Sehnsucht schlechthin, doch die Sozialtristesse behielt auch dort letztendlich stets die Oberhand. Als mittelschwer kathartische Ergänzung dazu gab der WDR wiederum ein Jahr zuvor schon „Die Abfahrer“ aus – eine 16mm-Tour binnen wie außerhalb des Ruhrgebiets, mit der Adolf Winkelmann ganz dem Status seines Films als Debüt entsprechend den Startschuss zum Gesamtwerk interner und externer Entfesselung erhielt. Auch wenn er den Konflikt des Aufbegehrens gegen das Festgewachsene in „Super“ noch auf eine Endzeit polen würde, ist auch hier eher ein struktureller/markttechnischer denn ein persönlicher Antagonismus zugange, wenn unsere drei Arbeitslosen Atze (Detlev Quandt), Lutz (Ludger Schnieder) und Sulli (Anastasios Avgeris) tagein tagaus im Hinterhof abgammeln, Ersatzteile vom Schrottplatzhehler stibitzen, sich mit den jungen Kollegen vom Kohlenpott kabbeln und kaum noch darauf warten müssen, dass etwas passiert. Die innere Ruhe in der Handlungsunfähigkeit inmitten von Dortmund ist eben eine Haltung der Ungewissheit aus geographischen sowie psychologischen Druck, die man gerne auch vor der eigenen Mutti verheimlicht/umso prägnanter durchscheinen lässt („Was interessiert sich der Fortschritt für meine Lehre?“) – die Winkelmann aber auch keinen Anlass dazu gibt, seine naturalistische Leichtigkeit zu durchbrechen (ging bei „Tschik“ gehörig daneben), welche ihren Alltagsrundumschlag mit der Varianz wiedererkennbarer Provinzler füttert, die schiefen Lagen zum Handeln und Beurteilen als trockenes Laissez-faire evaluiert, in die Kneipe zum Fußballanfeuern auf kleinster Mattscheibe zusammenführt.


Dass sich unser Trio da nicht blicken lassen kann/will, ist dann schließlich unter Beihilfe der melancholischen Töne der Schmetterlinge (Methodik und Effektivität erinnern an „Das Brot des Bäckers“) der Auslöser fürs Einmal-um-den-Block-ne-Runde-drehen mit dem in der Einfahrt geparkten Möbeltransport-LKW, das genauso spontan an Fahrtrichtungen zunimmt wie die Jungs untereinander agieren. Winkelmann bleibt roh am Ball und dramaturgisch locker im Umgangston, doch extern steckt er den Zuschauer mit einem Traum der Befreiung an, der sich durch die Neonlichter der Nacht ins Unendliche wagt, Urlaubstramperin Svea (Beate Brockstedt) aufgabelt und weit weniger um ihre Gunst buhlen lässt, als dass sie gemeinsam eine Menge Unsinn unter Wurstschnitten oder Fichten verbreiten, alle mal den Sattelschlepper antesten (Svea gibt Gas!). Alles Teil der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, mit der (vermeintlich) ursprünglichen Route als Etappensieg im Auge und einer zu lockeren Handbremse in Gefahrenzonen eines „Lohn der Angst“ steuernd, wenn diese auch eher solche eines „Quo vadis?“ im Nachhinein darstellen, welches man sich zudem mit dem Stellenabbau gen Heimat teilt. Wird schon irgendwie, sagt man sich da, ob nun mit Arm-auf-Kissen am Fensterbrett, im REWE-Tratsch oder beim Feierabendbier im gelockerten Bangen um Möbel, die nach Lübeck umziehen sollen. Die Autobahnen sind ja seit jeher offen, „Die Abfahrer“ ergreifen lediglich die Initiative und man blickt mit ihnen zusammen voraus bzw. im Gespräch mit dem Rücken zur Fahrtrichtung auf dem Armaturenbrett, kecke Schnauze und die selbstverständliche Spannung des „Wir schaffen das, aber es eilt nicht“ mit inbegriffen - minus den Realitätsverlust daran, wohlgemerkt.




Bei Joe D’Amato bin ich immerzu leicht hin- und hergerissen, ob er sich nach Altherrenmanier am Schauwert des Obszönen aufgeilt oder ob er den genuin sanften Höhenflug im Hedonismus aufsucht. Dass er zwischen diesen Welten pendelt, macht allerdings seine schönsten Werte aus und ich möchte meinen, dass „In der Gewalt der Zombies“ jenen glücklichen Zwiespalt an der Spitze trifft. Wahlweise als Horror- oder Hardcore-Variante anschaubar, machen sich die Inselriten so oder so gehörig nackig, dem Trend der damaligen Untotenwelle um 1980 per Mash-Up nachzukommen (siehe auch „Zombies unter Kannibalen“ sowie D’Amatos „Nackt unter Kannibalen“). Genre-Exzesse sind meistens eben lieb aufeinander und im Zentrum dessen weiß Seemann Larry (George Eastman) als souveräner Genießer mit Pflichtbewusstsein zum Schunkeln und Abhärten zugleich zu überzeugen. Als Alter Ego D’Amatos oder als fortgeschritten liberales Ideal eines Leinwandabenteurers ist er sodann auch kaum an einer Herrenmenschenkonstellation interessiert (bei dem Ambiente leider öfters der Fall); Frauengeschichten seinerseits kommen auch erst verstärkt auf Wunsch der Damen zustande.


Der Mann kennt seine Grenzen, auch wenn er mal eine Verheiratete in seine Kajüte einlädt und ein andermal respektiert, dass eine kesse Biene des Geldes wegen jemand anderem versprochen ist – zumindest bis zu dem Punkt, an dem Fiona (Dirce Funari) Interesse und mehr zeigt. Unter der glühenden Urlaubssonne ist eben High-Life angesagt, doch die Moral zeigt Bedenken, sobald der Amerikaner John Wilson (Mark Shannon) mit Moneten angeben will, das sagenumwobene Eiland der Katzeninsel  in ein Hotelreservat zu verwandeln und die verbliebenen Einwohner aus der Gegend zu kicken. Der Kerl ist dennoch kein Superarschloch und erst recht der Urheber für den Hauptanteil an Porno-Segmenten der Verwöhnung – aber so sehr man sich mit ihm auch in Hotelzimmer, Schaumduschen, Art-Deco-Bettzeugs und Vaginalsaft einkuschelt, macht der Film klar, dass es mit seiner Ankunft ringsum merkwürdig, ja sogar sehr merkwürdig wird (die Dialoge beherzigen oftmals derartige Wortwahl). Nicht, dass die Vermengung aus Horror und Sex enorm verdichtet vorangetrieben wird, dafür ist D’Amato schlicht zu lässig im Sleaze eingelebt – so begibt man sich also trotz abergläubischer Warnung recht locker verkumpelt auf die hohe See, selbst wenn sich passivaggressive Tendenzen der Begattungshingabe einschleichen. Warnung vor dem Ami, ne.


Gleichsam nett und frustriert geht man auch mit dem letzten Großvater auf der Insel um, der die ungebetenen Gäste forthaben und auch kein Geld annehmen will, was John genauso wenig annimmt wie die Abfuhr durch dessen Enkelin Luna (Laura Gemser) – erst recht aufgrund des Geheimnisses, warum sie auf keiner seiner Vermessungsfotos zu sehen ist und sich für den Zuschauer ersichtlich dauernd in eine niedliche schwarze Katze verwandelt. Man ahnt: Irgendwann kommen die Zombies aus ihren Gräbern hervor, doch bis dahin darf es jeder mal mit jedem versuchen, wobei Larry natürlich am besten abstaubt: Der bekommt einen Fetisch zum Schutz und badet unter heißen Stößen mit Luna zusammen im blauen Mondlicht – passend zu seinen dauernassen Jeans. Zuvor durfte er auch schon den Tanz einer Korken verschlingenden Schönheit als Privatvorstellung erleben, anhand derselben entschleunigten Hypnose wird er auch mit dem Ensemble an Untoten konfrontiert. Dieses verteidigt Grund und Boden eher im Schleichtempo der „Rückkehr der Zombies“, wird aber beinahe so ruppig wie bei Fulci zerteilt, ehe mit fataler Fellatio gekontert wird. Am Ende wachen eh alle voller Sand in den Hosen an derselben Strandbucht unter Palmen auf. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen da aber am Schärfsten, bis dass der Wahnsinn die Enthemmung fördert und selbst in der Klapse ein Happy-End hinterlässt, solange die filmische Nutzung von Fleisch in jene Extreme schippern darf, welche D’Amato hier als Lust- und Muntermacher für Kolportage-Freunde fetischisiert hat.




Wow, was für ein hinreißender Titel, „Blood Mania“! Ich sträube mich ein bisschen davor, die deutsche Verleihtaufe „Porno Mania“ zu verwenden, da sie falsche Erwartungen schüren dürfte, aber im Grunde trifft das auch auf das originale Pendant zu, so lange man auf die Hysterie im Blutrausch warten darf. Der Film von Robert Vincent O’Neill („Angel“) ist aber auch per Selbstdefinition weniger einer, in dem viel passiert, wo es zudem nicht zu straff wiegt, wie alles daran vor sich geht. Er ist hingegen ein Kapitel US-amerikanischer Sexploitation, das sich mit innerfamiliären Intrigen ausstattet, aus denen sich „Dallas“ bzw. „Denver-Klan“-Episoden bilden ließen. Gerade dieses infame Melodram binnen höherer Gesellschaft und niederträchtiger Skrupel hält die 80 Minuten Laufzeit aber wacker zusammen – und die Genre-Zutaten dazwischen lassen so froh und angeregt aufglucksen, dass es nicht bloß auf die weiblichen Schauwerte zurückfällt. Ach, wen will ich auf den Arm nehmen?  Von Anfang an gibt’s Brüste und durchsichtige Babydolls in die Linse, aber immerhin in einer dieser von klaustrophober Finsternis benebelten Umnachtungen, wie sie anno 1970  gang und gäbe waren, hier eine Verfolgungsfantasie inne haben, die sich der schwerreiche Ridgeley Waterman (Eric Allison) zusammenträumt, während er seines schwachen Herzens wegen ans Bett gebunden ist.


Der Frust und seine psychischen Ventile sind derart klischeearistokratisch, dass sie auf den Zynismus von Tochter Victoria (Maria de Aragon) abfärben und vorwegnehmen, dass ein kollektives Trauma an Missgunst, Männerhass und Gier in der Sippe schlummert – was allerdings nicht exklusiv an ihnen verbleibt. So gerät Waterman-Kollege Dr. Craig Cooper (Peter Carpenter – das Missing-Link zwischen Tony Curtis und Ryan Gosling) als verdeckter Liebhaber Victorias in die Bredouille, zum Abbezahlen seiner Schulden bei einem alten Freund Moneten heranschaffen zu müssen, welche die Dame des Hauses ihm verspricht, wenn er bei der Beschaffung der hochdotierten Erbschaft mithilft. Oy, das klingt gerissen, doch er hat kaum eine andere Wahl – und das, obwohl seine treu ergebene, rothaarige und vollbusige Schönheit Cheryl (Reagan Wilson) zuhause auf ihn wartet, ihn zu Beginn schon per Schaumbad aus der Morgenmuffeligkeit erweckt und eine von vier sehr vergnügten Frauen in diesem Reißer ohne großartige Mengen an Reißertum darstellt. An zweiter Stelle stellt sich Krankenschwester Turner (Leslie Simms) vor, die selbst ihr Pleitekonto (auch bei den Männern) mit Humor nimmt und nur die besten Absichten in der Villa vorlebt; ab der zweiten Hälfte gesellen sich noch die alles durchschauende Kate (Jacqueline Dayla) und Unschuldsengel Gail Waterman (Vicki Peters) dazu, wobei letztere als Schwester Victorias flugs zur Konkurrenz wird.


Das rührt daher, dass Craig der femme fatale nach einem psychedelischen Techtelmechtel einige Aufputschmittel überlässt, die sie unter des verhassten Vaters Nase hält. Mit dem folgenden Exitus fühlt sich Craig jedoch umso mehr in der Schlinge, dass er allmählich mehr Gefallen an Gail findet, mit der er einige wirklich schöne Stunden am Strand (inkl. Dogge) verbringt. Bis dahin füttern jedoch vielerlei widersprüchliche Eindrücke die Ambivalenz zu solchen Szenen. Man bedenke allein, wie sich Cheryl für ihren Beau aufopfert, sich dessen Erpresser hingibt, dass keine Schulden mehr über bleiben. Oder dass er überhaupt erpresst wird, da er einst illegal bei Abtreibungen mitgeholfen hatte und nun seine Lizenz verlieren könnte – spielt dieser Film im Jahre 2017? Victoria kann man ebenso nur bedingt böse sein, so tolle Jenseitsgemälder sie gestalten kann und sich mit einem erzgrantigen Papa abmühen muss, der im Blitz der Erinnerungen seiner Töchter wohl noch mehr Unheil auf dem Kerbholz hatte (O’Neill hält das aber vage genug – es bleibt spannend!). Das alles führt schließlich zu tödlichen Impulsen, die sich jedoch so pointiert auf den Wahnsinn konzentrieren, dass sie die Wartezeit deutlich Wert waren – erst recht, da jene Überbrückungsphase sinnliche Kontraste vergänglichen Bürgertums lieferte, die in ihren konkreten Launen ein Schauspiel voller Spaß am Ekel und Legeren in den Marmor meißelte.



Ein-Satz-Kritiken für zwischendurch:

Sasori - Scorpion - Ich habe mich davor gesträubt, eine weitere Lobeshymne zu diesem allseits bekannten Knastreißer beizutragen, obgleich ich Shun'ya Itô schon bei seinem Curse of the Dog“ schwer zu schätzen wusste, der hier ebenso reichlich Expressionismus in das Milieu gebeutelter Weiblichkeit und Vertrauensvergänglichkeit infusiert, audiovisuell hypergeschickte Überraschungen anhand eines nihilistischen Infernos an Sadismus und Überschwang zum Hochgenuss der Rachekunst Meiko Kajis verdichtet, das Leiden und die Korruption an der Landesflagge gleich mitsymbolisiert, aber eben auch schon so bekannt ist, dass ich mir die größeren Brocken an Kritik eventuell eher für die Fortsetzungen aufheben möchte, welche ich natürlich kaum erwarten kann.

Macabro - Die Küsse der Jane Baxter - Wer die letzten Jahre zufälligerweise nicht von Lamberto Bava und einigen hiesigen Retrospektiven zu seinem Werk gehört hat (schaut einfach mal auf die Ausgabe, die letztes Jahr am 17.04. rauskam - doller Zufall, wa?), muss ich in dem Fall leider auch um Verständnis bitten, wenn ich auch hier nicht die Absicht habe, auf den fahrenden Zug ausführlicher Reiteration über dessen Qualitäten aufzuspringen, zu alledem nicht die Besonderheit in der Handhabe dieses psychologischen Thrillers verraten möchte, mit welcher so viel Ambivalenz und Charaktertiefe gefördert wird, dass der makabre Sleaze-Faktor von naturalistischer Sehnsucht zeugt, wenn Blindheit und Verzweiflung binnen der Straßen wie Villen New Orleans in eine Schicksalschronik eskalierender Heimlichkeiten münden.

Zûmu appu: bôkô genba aka Zoom Up: Rape Site - Die Reihe hatte ich schon einige Male hier in die Höchstklasse an Besprechungen gepusht und obwohl jenes Segment aus der Nikkatsu-Schmiede noch immer einen tollen bizarren Voyeurismus an den brachialsten Untaten der von den eigenen Geschlechterrollen und Fantasien frustrierten Gesellschaft Japans festmacht, gehen die Qualitäten etwas plumper von dannen/auf die Schauwerte zu, welche Mord und Sex innerhalb ihres Charakterspektrums als Ansteckungsgefahr psychologisieren, sich in der Autopsie der Perversion jedoch schneller als gewünscht auserzählen, bei knapp über einer Stunde Laufzeit aber noch die schärfste wie widerwärtigste Form der Pinku-Eiga-Sozialkritik schlechthin markieren.

Jack Reacher: Kein Weg zurück - Von den Grundzügen her müssten dieselben zielsicher analytischen Qualitäten des Ex-Militärs Reacher (Tom Cruise) hier noch aus Teil 1 vorhanden sein und kräftig über alle Regierungs- wie Staatsgewalten hinweg zuschlagen können, ohnehin eine tolle ebenbürtige Partnerin in Cobie Smulders (auf obigen Banner wie bei meinem Beitrag zu Results mit Mütze abgebildet) inne haben, doch was Edward Zwick als Regisseur und Ko-Autor dann allerdings etwas doll abhanden geht, ist einerseits die Stringenz der Titelfigur in Relation zum hiesigen Verschwörungsplot nach Schema F (inklusive Bösewicht-Blassbacke deluxe) und andererseits die emotionale Bindung in Gestalt der angeblichen Tochter Reachers, deren Involvierung auf solch forcierte Signale des Älterwerdens setzt, dass es beinahe schon einen provisorischen Charakter im Sinne von 'Das ist der letzte Teil, lassen wir's gemächlich ausklingen, wir lernen jetzt, eine Familie zu sein' besitzt.

The Light Between Oceans - Zugegebenermaßen lasse ich mich gerne von der Ära unabhängig in Melodramen zur See hineinziehen, die ihre Schicksalswendungen so offen austragen, dass man einen Höhenkoller der Gefühlsduselei erleiden müsste, doch Derek Cianfrances Variante des Kontinuums Trauma-Unzugänglichkeit-Hoffnung-Geheimnis-Pseudoglück-Schuld-Gewissen-Offenbarung-Trauma-Patchworkfamilie (der letzte Punkt ist speziell sein Ding, schon klar) macht sich oftmals mit solch beliebigen bis theatralischen Phrasen und Stilisierungen Luft, dass man ihm auch angesichts der effektiveren zweiten Hälfte eine Ungeniertheit zum Kitsch à la Nicholas Sparks wünschen möchte, während per Alexandre Desplats Geklimper und verkrampften Dringlichkeiten zum Qualitätskino hin durch die Bank weg jedoch ein Lebenswerk suggeriert werden soll, dem zum Atmen schon von Vornherein jede Geduld fehlt.

So, jetzt geht's weiter im Text!




Ins nächste feindselige Interieur geht es sodann „Hinter Klostermauern“, ein Film, der zig Flaschen an Essig geschluckt zu haben scheint, ohne dass man als Zuschauer einen Brechreiz daran empfinden müsste – und das obwohl er von Harald Reinl stammt! Ich möchte nicht unnötig streng gegen den Mann wettern, doch bisher schien mir sein Beuteschema an Stoffen eher nach Staubmenge und Auftragsentgelt ausgerichtet, als dass distinktives Verlangen aufkommen könnte, dass über die Toleranz für seine „Winnetou“-Stoffe hinausgeht. Vielleicht hab ich ihn auch in einen Topf mit Wolfgang Liebeneiner geworfen, aber gemessen an diesem Frühwerk werde ich meine Haltung natürlich überdenken, selbst wenn man merkt, auf welche moralischen Themengebiete er in Zukunft zurückgreifen würde (siehe „…und die Bibel hat doch recht“). Ehedem jedoch der Fall ist, wird man von der groben Kelle des jüngst aus dem Knast entlassenen Thomas Holinka (Philip Dorn alias Frits van Dongen) überwältigt, vielmehr aber noch von der pechschwarzen Ungnade der Nachkriegszeit, die reichlich Eskalationen bietet wo alles andere kaum noch gedeiht – keine Jobs, keine Behausungen, keine Zwischenmenschlichkeit; dafür Alk, gezinkte Karten, falsche Freunde und Familienleben ohne feste Zukunft. Was man sich da um die Ohren schnauzt und fetzt gewinnt zudem an Deftigkeit, wie erdrückend Optik und Ton kooperieren, Ödland am Tiefpunkt zu extremisieren, was vielleicht auch deshalb so schauerlich scheint, da allesamt nachsynchronisiert sind - besonders an der Statur Holinkas gilt es sich zu messen, der einen stets wie „Tarantula“ auf dem Kieker hat.


Wie gefährlich der Typ doch wirkt, obgleich der angefahrene Hund in ihm um die Straßen und Kneipen kreuzt, nichts für Freundin Kathrin (Katharina Mayberg) und den gemeinsamen Sohn Peter (Peter Fischer) tun kann, als sich Schulden bei Kumpel Joschi Panek (Harald Holberg) anzusaufen. Die umherirrende Räude findet allerdings doch noch unter Einsatz von Faust und Scherben einen Unterschlupf jenseits der Behörden im verlassenen Kloster, lädt sich seine Liebsten gleich mit ein und lässt wundern, wie man in solch Gemäuern direkt aus „Das Schöne und das Ungeheuer“ nur wohnen wollen würde. Kein Geschmack, wohl eher aber keine Wahl in der desaströsen Stimmung – aber pass mal auf, sobald die Nonnen unter Oberpriorin Olga Tschechowa in ihr Hab und Gut zurückgeführt werden sollen: Da will die Staatsgewalt Besetzer Holinka mit allen Mitteln rausreißen, doch die Geistlichkeit bringt eine Wende ins Geschehen, so wie der Film auch nicht die politischen Anspielungen darin verhehlt, den Wiederaufbau per CDU gegen die (explizit erwähnte) KPD und Sozialschmarotzertum auszuspielen. Genauso konservativ lässt sich der kommende Handlungsverlauf begreifen, da Holinka bleiben darf und eine Anpassung zur charakterlichen Besserung erfährt, allerdings fährt er bis dahin durchweg einen solchen Konfrontationskurs, dass es eine helle Freude ist, mitanzusehen, wie angsteinflößend sich unbedingte Barmherzigkeit und Faustrecht auf den heiligen Fluren gegenüberstehen.


Bei den Bemühungen trifft man sich insofern eher unfreiwillig, wenn der kleine Peter z.B. in die Küche läuft und fortan immer ein kleines Stück Kuchen abkriegt, was ihm der Paps sofort verbietet, da er aus Stolz und Nihilismus keinerlei Hilfe und Bekehrung von den Pinguinen annehmen will – doch sobald es darum geht, was man alles im Krieg gesehen und was Gott zugelassen hat, ist der Abstand zwischen den Welten gar nicht mehr so weit. Das heißt, wenn man übersehen kann, wie brünstig das monochrome Gift die Führung in den Abgrund strafft, wie unwirklich die Elemente darin aufflackern und ihre Symboliken an den wolkenschweren Horizont zimmern, wie restriktiv das menschliche Wesen unter jener Kutte das Sprechen in eremythischer Verschwörung lernt, eben auch wie die Unterwelt via Joschi einem Tumor ähnlich im Gewissen anwächst. Da sind die bloßen Hausbesuche bald wieder Suffekstasen, die sich die Pfoten aufschlitzen und jeden Pfennig abschwatzen lassen, während der Lernprozess bei den Holinkas kontinuierlich unter Proto-Winnetou-Tönen ankommt und doch keinen Schwung an Spannung verliert, wenn die kirchliche Oberleitung am Zweck des rehabilitierenden Gärtners in Thomas zweifelt und Joschi (wahrscheinlich auch aus Neid) die Begleichung herbei manipuliert. Wie kann das nur ausgehen, wie wird Kathrin die zweite Schwangerschaft überstehen, wie finster wird die sakrale Moral und ihr Gesellschaftsbild in Erinnerung bleiben und wie toll wird man diesen Horror an verschleppter Wiedergeburt empfehlen können? Alle Antworten führen zu Höchststufen, soviel sei gesagt.




So, jetzt lassen wir die frommen Brüder und Schwestern mal dort, wo sie sind und widmen uns im Folgenden den „Sisters in Leather“ sowie ihren heißen Öfen. Zoltan G. Spencers Nachfolgewerk zu „The Satanist“ mausert sich erneut zum Nudie-Cutie promiskuitiver Beischlafsdrolligkeiten inmitten abwegiger Milieus und stockspießiger Mittelklasse-Erzähler, wobei letztere erneut für keinen Moment ihres Handelns unterschlagen können, wie dürftig sie ihre Hemmschwellen einhalten. Opportunismus und Voyeurismus schlagen also erneut zu, wenn sich Mustergatte Joe (der passgenau unsichere Tony-Lo-Bianco-Imitator Dick Osmun) auf einen Quickie mit Dolly (Karen Thomas) im Cabriolet einlässt, dafür auf eine Kiesgrube fährt und beim Auspacken feststellen muss, dass die feministisch-lesbisch-teilweise-bisexuelle Bikergang unter Herrschaft von Butch (Bambi Allen) Fotos von seiner Tat geschossen hat und ihn damit erpresst. Man liegt richtig, wenn man Dolly als Teil des Plans vermutet, umso weniger ist Joe im Folgenden nicht in der Stimmung, sich mit seiner Frau Mary (Kathy Williams) aufs Zwerchfell zu legen. Kerl, die gute Dame ist dauernd im Negligé zuhause, hübsch und willig auf der Matte, wie es beim Eheduo im „Satanist“ schon zuging, doch bei der selbst eingebrockten Suppe Joes ist ihre Ansage nur recht: Entsage der Liebe deiner Frau und du brauchst kein Mitgefühl von ihr zu erwarten.


Das gilt vor allem dann, wenn er sich per Voiceover zu erklären versucht, dass er beim Wiedersehen mit Dolly zur Geldabnahme erst wieder heiße Eisen schmieden wollte. Gut für ihn, dass sie ja auch angeturnt ist, doch beim nächsten unvermeidlichen coitus interruptus gerät die Sache für ihn eben noch ärger aus dem Ruder. Ärger wird es für den Zuschauer allerdings kaum, schließlich überzeugen die Schwestern seine Frau davon, was für ein Betrüger er doch sei und laden sie zu einem Picknick unter der Sonne L.A.‘s ein, bei dem die Hüllen so schnell fallen, wie man auch gemeinsam den Körperkult per Fotosession, Sonnenöl und kreisrunden Motorradspuren im Sand feiert. In solchen Szenarien weiß Spencer Kamera und Jazz wie gehabt zu baden, wie es kaum entspannter mit der Schönheit der Weiblichkeit und der Freiheit des Zeitgeists zugehen könnte – insgesamt verdichtet er den Plot aber um viele Ebenen mehr als in seinem letzten Werk an (auf die Bescheidenheit des Seins konzentrierten) Ausschweifungen, da Joe nach Hilfe sucht und prompt einigen Biker-Herren mit demselben Blitzemblem wie dem der Asphaltmädels in die pappigste Bar aller Zeiten folgt. In jener gemütlichen Ausstaffierung eines Containers braucht er zunächst noch Ewigkeiten, um den Wiedererkennungswert an jenen Herren zu überprüfen bzw. um mit anzusehen, wie sich allesamt von einer Stripperin aus verwandtem Milieu (Pat Barrington) den Kopf verdrehen lassen.


Daraufhin unterbreitet er dem Anführer Mike (Larry Martinelli) das Angebot, Mary aus den Klauen der Schwesternschaft zu befreien, wobei er hauptsächlich darauf setzt, dass sich der Biker wie er im männlichen Stolz verletzt fühlt, da sie sich dasselbe Logo teilen. Klingt auch so, als ob die Jungs auf Krawall scharf sind, aber natürlich versteht Joe deren Welt genauso wenig, wie käsig er auch die letztendliche Lösung zwischen den Parteien einschätzt. In der Hinsicht offenbart sich auch, wie verbohrt Mary mit dem Wandel zwischen gegebenen und neuen Verhältnissen umgeht, dass sie es vor allem vor ihrem Mann nicht zugeben kann, wie erregt sie das Liebkosen im Initiationsritus unter Frauen genossen hat. Stattdessen verlässt sie zusammen mit Retter Joe flugs die Wohnung, während sich die Biker-Truppen untereinander spielerisch necken und auf Tuchfühlung gehen – natürlich in solch einer Laufzeit, die sich unter Rockabilly-Bässen vollends den sinnlichen Nebensächlichkeiten hingibt, auch wenn Butch mehrmals das Leder des lachenden Mike anzuschlitzen versucht. Ich kann gar nicht mal sagen, ob es überhaupt derart viele versöhnliche Biker-Streifen wie diesen gibt oder auch solche, die so wenig auf eine Dämonisierung jener Mannen/Damen setzen, während sich das Spießertum innerhalb seiner eigenen Perspektive als verklemmte Witzfiguren vorführt. Zoltan weiß, wie man mich glücklich stimmt und mit welcher üppigen Menschlichkeit man knapp über eine Stunde Laufzeit verbringen kann, dass es wie ein sonnenreifer Nachmittagsausflug besonders lange in Erinnerung bleibt.




Vadim Glowna hängt sich wie eine Klette an Hamburg und fördert anhand seiner „Desperado City“ darin wahrhaftigere Einblicke heraus, als man es über Jahrzehnte hinweg von Romantisierungen und Verhärtungen des Kiez via St. Pauli und Co. zu kennen glaubte. Das Regie- und Autorendebüt des gestandenen Darstellers (siehe u.a. „Ediths Tagebuch“, den Mann hatte ich schon mehrmals im Blog) schaffte es sogar bis nach Cannes, doch warum über Erfolge reden bei einem Film, der die Fluchtmaßnahmen aus dem permanenten Niedergang zwar über seine Charakteren leicht verträumt ausdenken lässt, die Wirklichkeit fragmentarischer Baustellen in der Persönlichkeitsfeststellung jedoch omnipräsent verdichtet? Die Blues-Balladen von Stanley Walden, als er selbst ebenso in der Kneipe Cotton Club hier anzutreffen, sind da noch die zugänglichsten Brücken zu einem Figurenfeld an scheiternden Existenzen, die bittersüß um ihre Entwurzelung hoffen, sich gegenseitig mit Druck, Erwartungen und Ängsten um nächtliche Schluchten jagen. Da brennt die Luft vor Kühle, für einen Alptraum ist das alles schon zu echt. Deswegen ergeben sich auch mehrere Lager und verkreuzte Verhältnisse, Fürsorge und Gefahr bereits in der Frage, wer einem als Fahrer im Taxi sitzt. Hilke (Vera Tschechowa) hat dieses Mal, am ersten Tag von der externen Erzählung des Films her, Glück, denn vor ihr sitzt Skoda (Siemen Rühaak), ein junger Kerl, der immer weit ab und zugleich sehr intensiv von seinem aktuellen Dasein nährt.


Später erfährt man zudem, dass er Bankierssohn ist und da von Natur aus quasi die Faxen dicke hat, doch solche Werte entschlüsselt der Film eher beiläufig als dass er auf den dramaturgischen Effekt eingestellt wäre. Mit der Spontanität erleben wir und er allerdings auch die Furcht Hilkes, die aus ihrem Nachtclubjob auszusteigen droht, da die Taxigewerkschaft vor Ort scheinbar aus sehr vage gehaltenen Gründen brutalen Zorres macht und sie in permanente Panik/Konfrontation versetzt. Das Warum ist eben auch nicht so wichtig, solange das daraus geschlossene Sein die Folgen dessen zeigt, genauso lacht Hilke aber auch darüber, wenn Skoda zum Spaß ein Pärchen auf dem Bürgersteig einkreist. Solche Situationen wirken alles andere als filmtypisch, an der Dynamik an Ambivalenz zieht sich das Prozedere dann auch mehrmals auf, ohne mit der Wimper zu zucken. Schlag auf Schlag geht man dann auch Friseusenazubi Liane (Beate Finkh) auf den Grund, die mit den geistlosen Anforderungen der Arbeit genauso wenig anfangen kann wie mit dem Stresslevel der Frau Mutter, die ihren wackeligen Boden an limitierten Ressourcen anhand der Kontaktaufnahme zum Exmann kaschieren will. Das Ehemalige zu reintegrieren, ist bei allen hiesigen Wunden meist vergebene Mühe, auch bei Skodas Chefin Eva (Karin Baal), die ihn bei sich hausen lässt und in der Entblößung versteckter Hoffnungen eine verheerende Eifersucht aufspielt, sobald er dort Liane im Bett hat.


Den wird das deutsche Kino wohl nicht mehr so schnell los, den Alles-ist-verbunden-Faktor, doch Glowna weiß die Zufälligkeiten an Begegnungen in solch einer Stadt nicht noch extra zu kommentieren oder zu stilisieren. Skoda z.B. denkt ja eh schon weiter als alle anderen, zieht die Leute mit seinen Leinwandreminiszenzen und Träumen Richtung Amerika an, nimmt sich solange, was er braucht, bis es in der inzestuös konspirativen (heißt eben auch dem Zuschauer verheimlichenden) Vernetzung an Bekanntschaften wie Vermutungen (unschuldigerweise) seinetwegen heftig kriselt – die Herausforderung nimmt er gerne an! Es wird kriminell, es kommen aber auch Kindersärge in den Treppenflur, an denen Onkel Paul (Glowna selbst) vorbeigeht, um einen unverhofften Blowjob abzuholen – später raubt Joe eine Bank aus, bucht Tickets für den Abflug und legt Leichen seine eigenen Geldscheine in die Hand, wenn da ein gewisses Schuldgefühl besteht – andere kriegen wiederum Rasiermesserstriche im Gesicht ab, homoerotische Begegnungen im Aerobictanzclub, Liane hingegen Touren über den Hafen durch den Tunnel hinauf aufs Dach, ohne jemals irgendwo anzukommen. Von wegen leicht durchschaubar, diese Filmerfahrung, insgesamt aber auch so einfühlsam im Sozialunmut unterwegs, wie es im „Kiez – Aufstieg und Fall eines Luden“ noch einem (tollen) Cartoon ähnlich sah, hier beim Aufheben der Glassplitter die Finger zerschneidet und äußerst wilde Pflaster dafür findet, wenn die Staatsgewalt der Enttäuschung/Verzweiflung immer wieder auf die schwungvolle Verarbeitung via Stanley Walden trifft. Ein schnörkelloses Sittenbild mit Rotzjargon aus allen Ecken, nur für echte Desperados!




Passen die Kinderschuhe noch? Die sollte man nämlich in seinem Inventar parat haben, wenn „Gang Wars“ alias „Devil’s Express“ auf dem Sichtungsplan steht. Dabei sind alle Versatzstücke in dieser Genre-Mixtur schwarz auf weiß zunächst mal Erwachsenenkram, wie man ihn sich in aller Jugend nur allzu idealistisch vorstellen kann: Ein urbanes Blaxploitation-Vehikel, das sich um eine Parade an Martial Arts und fernöstlichen Mythen tummelt, bis ein Monster in den U-Bahn-Schächten NYCs aufkreuzt. Der Herausforderer gegen jene Kreatur ist zudem niemand Geringeres als Warhawk Tansenia – ein Name, der jede Hintergrundrecherche zur Person völlig ergebnislos und überflüssig macht, insbesondere, wenn man seine Leistung zu Gesicht bekommt, wie er dem Unheil Einhalt gebietet, vorher sowieso jedes Viertel mit seiner schlagkräftigen Posse aufräumt. Ehedem geht es jedoch 200 Jahre vor Christus zurück in die Zeit gen China (= ein Park in Brooklyn), wo eine Samurai-Variante und seine Mönche eine geheimnisvolle Schachtel in eine Höhle verbannen, dass sie nie jemand finden würde – weshalb sie sich allesamt auch die Köpfe absäbeln. Kann dieser blutige Frieden jedoch erhalten bleiben? 1976 jedenfalls sind Luke (oben genannter Warhawk) und sein Straßenbruder (Achtung:) Rodan (Wilfredo Roldan) drauf und dran, von Harlem nach Hongkong zu reisen, um die totale Erleuchtung zu erlangen – d.h. vor allem Sifu Luke, Rodan fungiert eher als Anhängsel.


Sei’s drum, der Film verbringt ausgiebig viel Zeit damit, zu demonstrieren, wie sich ihre (etwas steifen) Kampfkünste bewähren; auch wie forciert ihnen die jeweiligen Black-Panther-Ansagen zu Körper und Geist, brothas und the man über die Lippen gehen – also nichts, was sonderlich an Unterhaltung mangelt, selbst wenn der Film seine produktionstechnisch limitierte Reiselust auf gewisse Längen der Offenbarung einstellen muss. Wenn es aber rund geht, dann gleich doppelt, denn Rodan findet nicht nur besagte Schachtel inklusive anreizenden Talisman in der Höhle, er schafft es beinahe aus Versehen auch, dass Luke in seiner wichtigen Meditation von einer Cobra gebissen wird! Aber wir reden hier eben von Luke, klar soweit? Es geht leicht verärgert zurück in die Staaten, doch das Böse aus Übersee folgt hinterher und übt die Gedankenkontrolle an einem unbedarften Chinesen, der fortan mit blinden (?) Monsterglubschern in die U-Bahn-Tunnel der Stadt stakst. Selbst solche am helllichten Tage inmitten der City gedrehten Szenen besitzen ein meditatives Tempo (und interessante Reaktionen/Kopfkino von ringsum), lassen an Faszination jedenfalls nicht locker, so wie man auch erst dann ungefähr per Montage mitkriegt, welchen Stellenwert Luke in seiner Nachbarschaft einnimmt - ergo mit welcher Lady er eine Wohnung teilt, mit welchen Kids er Baseball spielt und in welcher Kneipe man sich so kennt. Die wortlose Erzählung daran ist so basisch wie exemplarisch, dass der Film umso kuriosere Ausmaße unternimmt, um jede weitere Erwartung im Vornherein wegzuspülen - gerne auch mit einer dement nörgelnden Oma im Wagon.


So erlebt man wie folgt parallel die per Talisman verstärkten Rivalitäten zwischen Rodan und den asiatischen Gangs vor Ort um Preis wie Menge an Drogen, während das Ungeheuer im Untergrund aus seinem menschlichen Wirt platzt und Szene um Szene neue Opfer vom innerstädtischen Querschnitt her anlockt, Bulle Cris (Larry Fleischman) indes die Ermittlungen dazu aufnehmen sowie die Theorien über mutierte Kanalisationsamphibien (Vorschau auf die Turtles?) seines neuen Partners Sam (Stephen DeFazio) herunterspielen muss, sobald die Presse zuhört. Reichen knappe 80 Minuten an Laufzeit aus, um diese Eindrücke unter einen Hut zu kriegen? Regisseur und Ko-Autor Barry Rosen findet einen Weg, der sich nicht nur mit Verfolgungsjagden, deftigen Verhören und übertrieben blutigen Straßenkämpfen über Wasser hält, ehe das heiß erwartete Creature-Kostüm überhaupt mit der Kamera angerissen werden muss. Vieles hängt auch von dieser ureigenen grundsympathischen Unbeholfenheit in der Interaktion der Beteiligten ab, die sich wiederum nicht mit Scham bekleckert, stattdessen bedingungslos allen wunderbar absurden Impulsen im Topoi-Team-Up folgt, die Szenerien durcheinander würfelt und ankaut, bis schließlich die Frage erfüllt wird, wie „C.H.U.D.“ wohl ausgefallen wäre, wenn man eine menschliche Großtat wie Warhawk Tansania auf jenen Horror losgelassen hätte. Ich sag nur so viel: Man sitzt fassungslos da, in welches Delirium sich der Herr begibt, wie er vorher auch an die Mittel dazu kommt, alle Spezialeffekte innerhalb jener Entwicklungen ausfallen, die Ambivalenz zu toten und lebendigen Freunden seinerseits und die drollige Nachvollziehbarkeit des Grundguten dazu ausfällt… Es ist alles nur selbstverständlich für einen Film, der seine Schlusspointe mit einer durch Sam erkannten Zufallszitation von Cole Porter unterstreicht.

Sonntag, 22. Januar 2017

Tipps vom 16.01. - 22.01.2017


Biele Seler,

wo ist die Zeit geblieben? Es ist schon wieder eine Woche rum und was haben wir nicht alles erlebt, sowohl auf persönlicher als auch auf globaler Ebene, ne? Meiner einer zum Beispiel hat sofortamente nach der xXx-Pressevorstellung am Dienstag bei einem Zwei-Stunden-Transport von 30 Umzugskartons mitgeholfen, am selben Tag/Abend war dann wieder der Filmclub zugegen und ich danach knapp eine Stunde lang auf dem Heimweg quer durch Hamburg, dann gab's die Tage drum herum wieder einiges an Schnittarbeit, einige gute Filme und am Donnerstag schon einen janz jeheimen Kinobesuch mit anschließendem Minifilmabend, wobei ich im Anschluss daran fürs Wochenende nach Bremen fuhr und seit meiner Rückkehr am Sonntag am obigen Banner gearbeitet sowie eine Ausgabe des britischen 'Dark-Side'-Filmmagazins erstanden habe (3,99 Pfund Sterling = 10,50 €?). Was für eine Ladung an Aktivitäten! Ob's im Weißen Haus genauso flott abgeht? Ich hoffe ja und mindestens auch so brutal, dass die Denkmäler der Schande Trump und Co. vielleicht mal einen kollektiven Herzinfarkt erwischen. Dann bleibt unter Umständen auch mehr Zeit zum Durchatmen für folks like us, die neue und eigentlich null neue Logan- wie Power-Rangers-Trailer abkriegen, so oder so auf jeden Fall mehr mit der bunten Welt des Films beschäftigt sind, auch wie doof Scorsese inzwischen geworden ist. Bevor ich mir jetzt aber noch mehr einfallsloses Zeugs aus den Fingern sauge, um hier immerhin einige Zeilen stehen zu haben, verweise ich daher gerne auf jene drei Top-Streifen unter hiesigem Abschnitt, welche diese Woche spruchreif zur Besprechung gekommen sind. Vorbildlich, damit kann ich arbeiten!




Wieso ich die Kontinuität mancher Filmreihen nur bedingt berücksichtige, weiß ich auch nicht so genau, allerdings scheint es den jeweiligen Sichtungen bisher nicht geschadet zu haben – so auch geschehen bei „Onna hissatsu ken: kiki ippatsu“, in westlichen Gefilden eher als „Sister Street Fighter: Hanging by a Thread“ bekannt. Jenes Fräulein der Straßenkeile absolviert dort ihren zweiten, wenn auch von der Kontinuität her lockeren Teil einer Reihe, die ohnehin schon als Schwesterherz zu Sonny Chibas Kampfsportfurie fungierte, ihren Härtegrad aber weniger auf der Brachialgewalt des Helden als auf externer Räude gründet. Mitverantwortlich für das gehobene Maß an Exploitation lässt sich Ko-Autor Norifumi Suzuki benennen, der sein Gesamtwerk hindurch mit leinwandtauglichen Foltermethoden, hautengen Perversionen und einem Humor für Obskuritäten aufwarten konnte. Dessen Grand Guignol voller „Sex and Fury“, wie so oft auch von Kollege Masahiro Kakefuda ergänzt, muss man nicht liebhaben, doch er verdichtet dort den Unterhaltungswert, wo solche Filmreihen im Serienformat zwangsläufig auf bestimmte Muster im Narrativ zurückgreifen müssen. Den Kritikpunkt einer Austauschbarkeit möchte ich dennoch nicht anbringen, dafür ist Kazuhiko Yamaguchis Film doch zu verrückt ausgefallen sowie im Wirbelwind der Stimmungen aufgeblüht. Der erste Ansatz für ein Gros an Kontrastion bietet sich mit Heldin Li Koryu (Etsuko Shihomi) an, die sich in ihren Zöpfen und bunten Klamotten chinesischer Tradition auf einem Image der Unschuld bewegt, das sich zeitweise auch in ein Rotkäppchen-Kostüm kleidet, während delirierende Strips und krumme Geschäfte im Hintergrund jede Scham vergessen, die Ironie der Verschmelzung extremisieren.


Natürlich erfüllen die Karatekünste Koryus dann mindestens einen Schauwert des 70's Eskapismus, der keinen Sprung über die simple pleasures der zeitgenössischen Leinwand auslässt, doch ihr Drumherum an Bewährungsproben und Offenbarungen lehnt sich mit seinen Eindrücken wie eine Atombombe aus dem Fenster, Schocks und Irritationen abzuballern. Der Überraschungsfaktor wartet permanent in kurzen Abständen darauf, von seinen Zuschauern gefunden zu werden, deswegen möchte ich nur einige Szenarien der mentalen Vorbereitung behilflich vorstellen: Geschieht in den Straßen Hongkongs der Überfall inklusive Gassenmord, sind ausgestochene Augen und Klingen in der Stirn blutige Gewissheit. Reist Koryu zur Aufklärung dessen nach Tokyo, schießen schon die Gitterstäbe im Taxi runter, ehe von Zug zu Zug gesprungen wird, um einem Arsenal an fremden Widersachern und Ninjas die Meinung zu treten. Springt ein neuer Herausforderer in die Handlung hinein, frieren Bild und Geschrei ein, um den Kampfstil des jeweiligen Mordsmenschen zu benennen. Mit solchen Faktoren und noch vielen mehr sind die ersten zehn Minuten gewiss schnell rum und überwältigend, genauso urig weiß die Logik an Handlungsabläufen, wie sie einen mehrmals ins kalte Wasser werfen kann. Wo sonst gerät der Heldin ein Glasauge in die Hände, das einen Mikrofilm beinhaltet, auf dem sie ihre Schulfreundin Oh Birei (Hisako Tanaka) wiedererkennt und im Verlauf erfährt, dass dieser Blutdiamanten in die Pobacken implantiert werden? Ja, das Sitzfleisch hat hier in Gemäuern der Unterwelt zu leiden, wird dem Milieu gerecht genauso durchoperiert wie Prostitution, Erpressung, Kinderpornographie und sicherlich auch böses Rauschgift.


Interessant, wie verkommen sich die Nation Nippons hier via des einheimischen Studios Toei selbst bewertet und mit kritischem Sleaze eine Freundschaft zu Hongkong, eigentlich ein Sammelplatz japanophober Kung-Fu-Klopper, sucht (zeitweise sogar chinesisch zu stammeln versucht), welche sich auch in der Verknüpfung an Kampfschulen niederschlägt und Universelles betont, wo der Mensch offenbar schon längst am Ende jeder Moral angekommen ist. Das zeigt sich selbst bei der Übergabe der Wohnung, die sich Koryu zeitweise von ihrer ortsansässigen Schwester Li Hakuran (Tamayo Mitsukawa) ausleiht und dabei von einen Magenschlag des Nachbarjungen begrüßt wird. War ja nur ein Streich, dem sie kollegial entgegen lächelt, dennoch findet die Bedrängung von allen Seiten quasi schon als Einzugsgeschenk statt, wenn die Killer vom Honiden-Trio permanent zu Duellen im Regen bitten (eine Hinterhofvariante vom Finale in „Der Wildeste von allen“), Freunde und Familie verstümmeln sowie mit scharfen Klingensounds die Sinne täuschen. Auftragskiller Inoichiro Honiden (Masashi Ishibashi, schon aus Chiba-Tagen als Scherge bekannt) vervielfacht sich da vor bloßem Auge, wie auch sonst Sadistisches mit Surrealistischem gekreuzt, der rote Rausch der Rache als Tunnelblick manifestiert wird und sich Figurenkonstellationen so zufällig wie perplex ergeben, dass Impulse wie die Bereitschaft zur Mithilfe durch Shunsuke Tsubaki (Yasuaki Kurata, irgendwie Blacky Fuchsberger nachempfunden) vor Spontanität überquellen – von irre verkreuzten Verwandtschaftsverhältnissen, diffusen Allianzen mit Obermotz Osone (Hideo Murota) und krassen Attentaten auf die Weiblichkeit ganz zu schweigen. Apropos: Weiß jemand, was es mit dieser Ochsenkopf(?)-Szene auf sich hat?


Ich bin immer wieder hin und weg, wie die japanische Filmindustrie so ziemlich vom Fließband derart aufregende und fantasievolle Schönheiten an Brutalität und erquickender Gerechtigkeitsdynamiken aufziehen konnte, die sich eben auch zum Finale hin in einen zappligen Wutwanst schreien, dass die Luft kein Hindernis mehr ergibt, sich im Nachhinein aber noch von den Erinnerungsstücken der Vergangenheit rein tränt, welche als Ballade der Güte herzlich naiv am Aderlass ernährt wird. Genialst selbstverständlich ballen sich da auch die stets reizvollen Kadrierungen im Breitwandformat (Mensch → Kampf → Stadt) zum Bilderrausch voller Zoom und Groove zusammen, wo die Ode an psychedelische Gefühlsbonbons und Schattenspiele auch dann nicht gebrochen wird, wenn Bunsenbrenner Knieschenkel ansenken. Der Zynismus zum Fleisch geht in der Drastik eben auch irgendwo nahe, wohl aber vor allem deshalb, da ich bei der Sister und ihrer idealisierten Menschlichkeit im Fokus (für die sich Geschwister hier trotz geleisteter Fehler nimmer Urteile anhören müssen) eine Aufhebung meines Einzelkindstatus in Erwägung ziehen würde, selbst wenn die meisten nach der Bekanntschaft mit dieser flott das Zeitliche segnen. Bis dahin nimmt man immerhin noch an einer Verstrahlung teil, die in giftigen Knalleffekten abstößt und streng kawaii auf die Qualitäten der Einigkeit acht nimmt – so leichtfüßig und gewaltsam zugleich im Gehirn unterwegs, dass ich diesen Text fast 1:1 nachschreiben konnte, nachdem mein erster Entwurf der Schusseligkeit wegen gelöscht wurde. Manche blood diamonds sind eben forever.



Ein-Satz-Kritiken für zwischendurch!

„Super“ - Adolf Winkelmanns abgeklärte Postapokalypse aus der Western-Romantik an Baugruben schmelzt einen lässigen wie nassen Naturalismus unter Liebenden, Gierigen und Sehnsüchtigen in Gold ein, bei dem ich mich schon ins Sprudeln des grünen Wasserbehälters verlor; anhand der Beziehungsdifferenzierungen zwischen Motel und Tankstelle bis ins nächtlich-explosive Augenzwinkern hinein glitt; Demirkan und Lindenberg als Einzelgänger kecker Gefasstheit feierte.

„Liebe auf den ersten Schlag“ - Thomas Cailleys nach Chlor und nassen Klamotten riechende Coming-of-Age-Romanze von der verwischten Camouflage der Geschlechterrollen lässt Frettchen retten, Füchse fressen sowie die feiste Liebe zur wahren Kernigkeit binnen des absurden Pragmatismus an Militär-Machtspielen finden, ehe die ruhenden Küsten sich und ihren Holzpreisen einen Neuanfang im Waldbrand der Zuneigungskeile verpassen.

„Die Nacht ist jung“ - Léos Carax weiß die Hitze von Bowies Modern Love wie jene des Halleyschen Kometen auf die Straßen zu strahlen, die Ohnmacht im Fallschirm mit der Unerreichbarkeit der Liebe binnen omnipräsenten AIDS-Äquivalents zu kreuzen, nicht aber unbedingt manche Gleichförmigkeiten seiner Melville-via-Resnais-Hommage anzufechten, obwohl die krude Nachtlust ihre Gefühlsakrobaten durchweg bittersüß im Leiden kadriert, im Schnitt abschnürt.

„Silence“ - Ehe Martin Scorsese alle großen Bilder zur katholischen Passion auf die Tränensäcke westlicher Bedeutungsschwere zentralisiert, lässt sich Masahiro Shinodas schlichtes Panoptikum forcierter Religionsentsagung als Zustandsevaluierung voller Verkühlungen und entmenschlichter Formalitäten entkleiden, in denen Zwang, Abhängigkeit und Verwahrlosung mehr vom Willen des Einzelnen als von der Allgemeingültigkeit jedweder Theologie herrühren.

„Jahrmarkt“ - Gary Busey sitzt als Harlekin im Wasserkäfig, bohrt sich so schmierig in die schmierige Außenwelt an Sensationslust und Machismus ein, dass sich Jodie Foster als loses Mädel ohne Perspektiven mit dran hängt, in der schwülen Dehnung des Milieus am Reiz der Gefahr teilnimmt, sexuelle Frustrationen sowie die Katharsis des Außenseiters anwendet, um ein Finale brachialer Täuschungen in der Schaubudenkutsche zu empathisieren.

„Hairbrained“ - Inmitten des Indie-Komödien-Konsens für die amerikanische College-Tristesse trocknet Alex Wolff Klischees und Pointen zugleich mit seinem unantastbaren Wuschelkopf ab, kommt im Blitz-Quiz mit schnittigen Wissenssalven und ebenbürtig eindrücklichen Damenbekanntschaften zurecht, ehe noch das Küssen, das Verlieren sowie die Heilung zerrütteter Familienverhältnisse angelernt werden, sich dafür via Brendan Fraser ein Trio an Kondompackungen in den Korb schmeißen.

„Der Sturm – Life on the Line“ - Wenn John Travolta seinen bizarr à la Seagal verzopften Bart durch Jahrzehnte und Rückblenden trägt, den Pathos im Lineman-Job unter dem Oberbegriff „Armageddon“ nachliest und provinziell platte Melodramen der Eifersucht, Schwangerschaften, Traumata, Rabenmutter-Sharon-Stones sowie sehnsüchtig erwarteter Spießigkeit den Sturm heraufbeschwören, ist der Käse unter Stereotypen entsprechend doof konstruiert, aber noch in dauererregter Unbeholfenheit anzutreffen.

„Dog Eat Dog“ - Über „Dying of the Light“ kann man sagen, was man will, doch Paul Schraders Vision hängt sich nun in aller Freiheit nur mäßig involviert in eine Gangsterposse rein, die ihre Schnacker aus den 90ern auf stumpfe wie beliebige Stories zurück kurbelt, welche die Beobachtungen zum entlarvten Kultobjekt Männlichkeit im Blei versinken lassen, bevor der Showdown noch auf den letzten Drücker Inspirationen an Farben sowie den zeitlosen Reißwolf an Autoritäten und kapitalen Egos belegt.

So, jetzt geht's weiter im Text: 




XXX: DIE RÜCKKEHR DES XANDER CAGE - "[...] Soviel Taurin wie nötig kriegt man aber kaum runter bei den Mengen an „Boah, ey“, die D.J. Caruso von einem abverlangt, wenn seine Superagenten voll mit Red Bull extrem die Welt retten, poppig ums Poppen herum mit Vehikeln und Muskeln gegen jede Physik posieren. [...] Der Story-Konsens an Geheimdienstmachenschaften, Intrigen, Doppelspielen und globalem Antiterror-Bumm-Bumm geht einem ohnehin mehr bleiern auf den Senkel, ehe es die vielen kecken Einzelmomente vom Glück der Secret-Honks wieder ungeniert eskapistisch ausgleichen. [...] Äußert sich natürlich noch mit gleichsam oberschlauen wie superblöden Phrasen, doch jenen Reiz an Naivität und Trivialität wünscht man sich ja schon, sobald man ein Ticket für diesen Film löst und weiß Gott keinen weiteren „Spectre“ geliefert bekommen will. [...] Die Typen springen ja auch wie Flummis mehrmals um die eigene Achse und bringen genauso chronisch ihre individuellen Slogans zu Wort, um eine durchgedachte Handlung zu suggerieren. [...] Superdoof zu sein ist auch ein bisschen superdope, [...] ein Quell kindlichen Enthusiasmus, der einst im Bahnhofskino rauf und runter lief, nun größer als groß in 3D vom Tagtraum des Jungskinos berichtet, der sogar seinen verstärkten Hang zur Inklusion noch hauptsächlich auf pubertären Sexappeal gründet. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es bei den DREI MUSCHELN zu lesen.) 




Eine der schönsten Begegnungen dieser Woche gehörte auch zu den kürzesten, denn Zoltan G. Spencers Regiedebüt „The Satanist“ läuft nur an die knapp 64 Minuten. Man kann allerdings von Glück reden, dass man dieses seltene Vergnügen hat, schließlich wurde vor der Restauration um 2014 herum stets spekuliert, dass jener Film von 1968 seit jeher verschollen sei. „Willst du gelten, mach dich selten“ - hatte dann auch funktioniert, bislang war ich nicht unbedingt auf der Suche nach derart minimalistischen Frühwerken des Nudie-Cuties (ein Traumbegriff) doch mit jenem Autorenfilmer Spencer könnte es was werden, wenn seine Vorgehensweise in der Erzählung so erfrischend bescheiden und seine Darsteller/innen entsprechend drollig bleiben. Nichts währt so ewig wie Jugend und Schönheit im Korn des Zelluloids, deswegen teilt Maestro Zoltan seine Geschichte auch in einer Szenenmenge auf, die man mit anderthalber Hand abzählen kann sowie das Ensemble an weiblichen Formen zum Hauptmotiv erklärt. Der Softsex schleppt sich dafür ins Fingerspitzengefühl hinein und auch wenn das Dralle am Cast teilweise etwas grob zusammengesucht scheint, sind da durchweg zärtliche Gesichter für formatfüllendes Vergnügen zugegen, die aus ihrer Gewöhnlichkeit Kapital schlagen, zwischen Unbedarftheit und Ungewissheit pendeln, aber in ihrer Präsenz ausnahmslos unantastbar bleiben. Das möchte man auch meinen bei einem Protagonisten wie Joe, welcher sich als Autor mit Brille und Schnurrbart vorstellt – ein Musterbeispiel an zurechtgebogener Harmlosigkeit, das man sich nicht unbedingt als erste Wahl ins Schlafzimmer stellen würde, aber einen herrlichen Spießbürger abgibt. Der fordert uns von seinem Rollstuhl aus dazu auf, festzustellen, ob der folgende Blick in die Vergangenheit seinerseits Traum oder Wirklichkeit gewesen sei – ein einladendes Konzept, das mit seiner neugierigen Schwarz-Weiß-Optik voller Schatten und greller Kontraste eine (auch darüber hinaus gehende) Kuppelei mit den „Meshes of the Afternoon“ eingehen will, genauso stumm vor sich her spricht.


Wir sehen zwar Gespräche, deren Inhalte werden jedoch vom Autor im Voiceover wiedergegeben, der pflichtbewusst auf sein interpretatives Geschick hinweist und zurückgreift, um die Geschehnisse des Zwischenmenschlichen bis ins (nur bedingt erwiesene) Übernatürliche Revue passieren zu lassen. Klingt leicht eitel, ist es auch – Joes eigene Methodik weiß ihn im Verlauf aber auch keck zu verballhornen. Bis hierhin beteuert er nämlich, dass er als bodenständiger Lebemann ausschließlich vom Stress geplagt und der Anweisung seines Hausarztes nach einen Ausflug in die kalifornischen Suburbs unternommen hat - das kaum abgewartete Auspacken seiner Schreibmaschine im Einheitsambiente erzählt da was anderes, doch seine tolldreiste City-Frau Mary (in etwa einer jungen Iris Berben ähnlich) überredet ihn noch flotter zum Urlaubstechtelmechtel auf Triple-Betten (mit den Laken kannste den Bundestag verhüllen), bei dem die BHs nie spitzer und die Verzahnung an Körpern kaum ungelenker ausschauen könnten. Gibt auch keinen Grund, sich diese unbescholtenen Privatleute anders vorzustellen, wenn sich die Matratzenbelagerung knapp auf die mutigsten Anlaufstellen des Pettings einigt, Entkleidungen Richtung Totalverdunklungsgardine sowie Oralverkehr mit äußerster Vorsicht genossen werden. Die Rahmenbedingungen an Behütung sind beiden anzusehen, da aber eben trotzdem ein liebevolles Schauspiel, das sich gegenseitig zugrinst und gerade im verhaltenen Herantasten eine Intimität erwirkt, mit der man warm werden kann, aber noch ein Stück weit von feuchten Hosen entfernt ist. Den Eindruck vom Blümchensex (der Mann schläft mit Socken!) versucht man zeitgleich mit dem gefühlt krautigsten Grundgerüst des Psychedelic Rock entgegen zu wirken, welches vom Soundtrack zum Dauerbetrieb beansprucht wird, so wie sich ohnehin jedes Liebesspiel auf längere Zeit verausgabt. Die Schnittstelle für diese Stimmungen verharrt aber kaum in weiter Ferne, schließlich schaut Shandra von draußen zu, mit strengen Augen aus den Tiefen einer Romero-würdigen Nacht geborgen, dass auch Joe schon ankündigen muss, inwiefern die Geschichte ab jetzt von ihr gegeißelt wird. 


In Shandra kann man sich nur verlieben: Die brünette Teufelsanbeterin (gefühlt ein mütterlicheres Lichtdouble für Barbara Steele) machte schon zum enigmatischen Intro hin Straßenlampen sowie Teens im Rücksitz unsicher, dass man ihr in okkulte Wesenszustände folgte - mit beschwingter Gastfreundlichkeit lädt sie dann aber noch Joe und dessen Frau zu sich nach Hause ein, die Materie zumindest mal als Schmöker für zwischendurch anzutesten. Der Spiegel im Hause Shandras ist unserem Joe schon so suspekt, dass er diesem mehrmals chargierend zuzwinkern muss, ob sich da denn nun wirklich ein noch dralleres Wesen vom Satanskult befände, aber schwamm drüber, die Anleitungen zur schwarzen Magie sind ihm lesenswerter als gedacht! Kein Wunder bei einem Film, der sich für längere Zeit in seine Umwelt vergucken kann, den Pflanzen und Möbeln des Mittelstandes im Auge der Sonne frönt, ebenso die schönsten Details mit Tapetenmustern aus der „Bettwurst“ koppelt – größtenteils zu Totalen, die einem beim Selber-Einrichten enorm behilflich sein dürften, fern jeder Schäbigkeit rangieren. Da muss der Herr Gatte schon absichtsvoll die Opa-Pfeife paffen, Mary im strategisch durchsichtigen Nachthemd schlummern lassen und derweil ebenso den Voyeur geben, wenn er bei Shandra vom Hofe aus ins Schlafgemach glotzt und beschreibt, welch faszinierend schreckliche Rituale er da zu Gesicht bekommt. In Wirklichkeit verbringt die Begaffte traute Zweisamkeit mit ihrem Sukkubus (Helga Anders trifft Brigitte Bardot), cremt das gut bestückte Mädel ein und verwandelt sich per Stopptrick in einen Adonis mit markanter Kinnlade, der bei Bergman hätte anheuern können. Der Cunnilingus für die Frau ist da nur recht, der Wechsel an Beglückung ist der Kamera dementsprechend Sinnespflicht, zudem von höchster Entspannung noch in Joes Träumen unterwegs, dass er den Morgen danach keine Brille mehr braucht. Mary erscheint das rätselhaft und führt sie scheu wie ein Rehlein angetrabt in Shandras Hinterhof, wo sich der Sukkubus (mal unter blonder o. schwarzer Perücke) via Salz und Kerzen eine ganz dufte Zaubereinlage kredenzt, wie die Bäume drum herum über dem Erdboden thront und dafür der Ehrfurcht halber alle Natürlichkeiten auspackt. 


Solche Mächte sind zu viel des Guten, deshalb sind sich die bürgerlichen Spanner einig: Möglichst rasch die Fliege machen! Blöd nur, dass Shandra sie vorher noch zu einer schwarzen Messe eingeladen hatte – der Höflichkeit halber lässt sich das ja wohl kaum ausschlagen! Und so nimmt das seinen Lauf mit der finsteren Fete, welche für ihre Gäste immerhin Klappstühle in den hinteren Reihen aufgestellt hat und zu denen sich Shandra mit nackter Brust ganz casual dazu setzt, während vorne jeder seinen Eigensaft in Krügen abnuckelt. Es macht keinen Sinn, hier jetzt alle Kleinigkeiten zu verraten, mit denen kontinuierlich die Teufelslaune steigt – ich behaupte mal, es ist für jeden was dabei; zwar nicht unbedingt viel freimütiger auf Tuchfühlung eingestellt als in der vorhin beschriebenen Erstlingsszene an GV, aber durchaus noch eine anregende Projektionsfläche, die höchstens beim Aufsetzen der kollektiven Ziegenmaske abbaut. Ganz und gar attraktiv habe ich hingegen das Gesamtpaket liebenswerter Schaffenslaune empfunden, das sich unter Freunden sowie augenscheinlich in Privatwohnungen zum Inszenieren bar vieler Mittel traf und zu Zwischenwelten aus Kerzenschein, Feuer und schwarzen Roben vordrang, ohne dabei das Lachen oder gar seine niedlichen Speckröllchen zu verlieren. Shandra würdigt man in dem Zustand zudem mit vielen Nahaufnahmen ihrer Frohnatur, während Joe auf der Tonspur nicht mal ansatzweise ein überzeugender moralischer Zeigefinger über die Lippen geht. Wäre ja auch totaler Quatsch, so wie man sich hier mit Ketten, Samt, Masken und elastischen Schlüpfern bettet, per Zauberstab Wunder aus dem Nichts erschafft und dabei am Bass zupft, bis jeder Zuschauer als berauschter Sklave der Lust entlassen wird. Ich bin gespannt, was die weiteren Werke Zoltans danach noch mit einem machen konnten.