Biele Seler,
wo ist die Zeit geblieben? Es ist schon wieder eine Woche rum und was haben wir nicht alles erlebt, sowohl auf persönlicher als auch auf globaler Ebene, ne? Meiner einer zum Beispiel hat sofortamente nach der
xXx-Pressevorstellung am Dienstag bei einem Zwei-Stunden-Transport von 30 Umzugskartons mitgeholfen, am selben Tag/Abend war dann wieder der Filmclub zugegen und ich danach knapp eine Stunde lang auf dem Heimweg quer durch Hamburg, dann gab's die Tage drum herum wieder einiges an Schnittarbeit, einige gute Filme und am Donnerstag schon einen janz jeheimen Kinobesuch mit anschließendem Minifilmabend, wobei ich im Anschluss daran fürs Wochenende nach Bremen fuhr und seit meiner Rückkehr am Sonntag am obigen Banner gearbeitet sowie eine Ausgabe des britischen '
Dark-Side'-Filmmagazins erstanden habe (3,99 Pfund Sterling = 10,50 €?). Was für eine Ladung an Aktivitäten! Ob's im Weißen Haus genauso flott abgeht? Ich hoffe ja und mindestens auch so brutal, dass die
Denkmäler der Schande Trump und Co. vielleicht mal einen kollektiven Herzinfarkt erwischen. Dann bleibt unter Umständen auch mehr Zeit zum Durchatmen für
folks like us, die neue und eigentlich null neue Logan- wie Power-Rangers-Trailer abkriegen, so oder so auf jeden Fall mehr mit der bunten Welt des Films beschäftigt sind, auch wie doof Scorsese inzwischen geworden ist. Bevor ich mir jetzt aber noch mehr einfallsloses Zeugs aus den Fingern sauge, um hier immerhin einige Zeilen stehen zu haben, verweise ich daher gerne auf jene drei Top-Streifen unter hiesigem Abschnitt, welche diese Woche spruchreif zur Besprechung gekommen sind. Vorbildlich, damit kann ich arbeiten!
Wieso ich die Kontinuität mancher
Filmreihen nur bedingt berücksichtige, weiß ich auch nicht so
genau, allerdings scheint es den jeweiligen Sichtungen bisher nicht
geschadet zu haben – so auch geschehen bei „
Onna hissatsu ken:
kiki ippatsu“, in westlichen Gefilden eher als
„Sister
Street Fighter: Hanging by a Thread“ bekannt. Jenes Fräulein
der Straßenkeile absolviert dort ihren zweiten, wenn auch von der
Kontinuität her lockeren Teil einer Reihe, die ohnehin schon als
Schwesterherz zu Sonny Chibas Kampfsportfurie fungierte, ihren
Härtegrad aber weniger auf der Brachialgewalt des Helden als auf
externer Räude gründet. Mitverantwortlich für das gehobene Maß an
Exploitation lässt sich Ko-Autor Norifumi Suzuki benennen,
der sein Gesamtwerk hindurch mit leinwandtauglichen Foltermethoden,
hautengen Perversionen und einem Humor für Obskuritäten aufwarten
konnte. Dessen
Grand Guignol voller „
Sex and Fury“,
wie so oft auch von Kollege Masahiro Kakefuda ergänzt, muss man
nicht liebhaben, doch er verdichtet dort den Unterhaltungswert, wo
solche Filmreihen im Serienformat zwangsläufig auf bestimmte Muster
im Narrativ zurückgreifen müssen. Den Kritikpunkt einer
Austauschbarkeit möchte ich dennoch nicht anbringen, dafür ist
Kazuhiko Yamaguchis Film doch zu verrückt ausgefallen sowie im
Wirbelwind der Stimmungen aufgeblüht. Der erste Ansatz für ein Gros
an Kontrastion bietet sich mit Heldin Li Koryu (Etsuko Shihomi) an,
die sich in ihren Zöpfen und bunten Klamotten chinesischer Tradition
auf einem Image der Unschuld bewegt, das sich zeitweise auch in ein
Rotkäppchen-Kostüm kleidet, während delirierende Strips und krumme
Geschäfte im Hintergrund jede Scham vergessen, die Ironie der
Verschmelzung extremisieren.
Natürlich erfüllen die Karatekünste
Koryus dann mindestens einen Schauwert des 70's Eskapismus, der
keinen Sprung über die simple pleasures der zeitgenössischen
Leinwand auslässt, doch ihr Drumherum an Bewährungsproben und
Offenbarungen lehnt sich mit seinen Eindrücken wie eine Atombombe
aus dem Fenster, Schocks und Irritationen abzuballern. Der
Überraschungsfaktor wartet permanent in kurzen Abständen darauf,
von seinen Zuschauern gefunden zu werden, deswegen möchte ich nur
einige Szenarien der mentalen Vorbereitung behilflich vorstellen:
Geschieht in den Straßen Hongkongs der Überfall inklusive
Gassenmord, sind ausgestochene Augen und Klingen in der Stirn blutige
Gewissheit. Reist Koryu zur Aufklärung dessen nach Tokyo, schießen
schon die Gitterstäbe im Taxi runter, ehe von Zug zu Zug gesprungen
wird, um einem Arsenal an fremden Widersachern und Ninjas die Meinung
zu treten. Springt ein neuer Herausforderer in die Handlung hinein,
frieren Bild und Geschrei ein, um den Kampfstil des jeweiligen
Mordsmenschen zu benennen. Mit solchen Faktoren und noch vielen mehr
sind die ersten zehn Minuten gewiss schnell rum und überwältigend,
genauso urig weiß die Logik an Handlungsabläufen, wie sie einen
mehrmals ins kalte Wasser werfen kann. Wo sonst gerät der Heldin ein
Glasauge in die Hände, das einen Mikrofilm beinhaltet, auf dem sie
ihre Schulfreundin Oh Birei (Hisako Tanaka) wiedererkennt und im
Verlauf erfährt, dass dieser Blutdiamanten in die Pobacken
implantiert werden? Ja, das Sitzfleisch hat hier in Gemäuern der
Unterwelt zu leiden, wird dem Milieu gerecht genauso durchoperiert
wie Prostitution, Erpressung, Kinderpornographie und sicherlich auch
böses Rauschgift.
Interessant, wie verkommen sich die
Nation Nippons hier via des einheimischen Studios Toei selbst
bewertet und mit kritischem Sleaze eine Freundschaft zu
Hongkong, eigentlich ein Sammelplatz japanophober Kung-Fu-Klopper,
sucht (zeitweise sogar chinesisch zu stammeln versucht), welche sich auch in der Verknüpfung an Kampfschulen
niederschlägt und Universelles betont, wo der Mensch offenbar schon
längst am Ende jeder Moral angekommen ist. Das zeigt sich selbst bei
der Übergabe der Wohnung, die sich Koryu zeitweise von ihrer
ortsansässigen Schwester Li Hakuran (Tamayo Mitsukawa) ausleiht und
dabei von einen Magenschlag des Nachbarjungen begrüßt wird. War ja
nur ein Streich, dem sie kollegial entgegen lächelt, dennoch findet
die Bedrängung von allen Seiten quasi schon als Einzugsgeschenk
statt, wenn die Killer vom Honiden-Trio permanent zu Duellen im
Regen bitten (eine Hinterhofvariante vom Finale in „Der Wildeste
von allen“), Freunde und Familie verstümmeln sowie mit
scharfen Klingensounds die Sinne täuschen. Auftragskiller Inoichiro
Honiden (Masashi Ishibashi, schon aus Chiba-Tagen als Scherge
bekannt) vervielfacht sich da vor bloßem Auge, wie auch sonst
Sadistisches mit Surrealistischem gekreuzt, der rote Rausch der Rache
als Tunnelblick manifestiert wird und sich Figurenkonstellationen so
zufällig wie perplex ergeben, dass Impulse wie die Bereitschaft zur
Mithilfe durch Shunsuke Tsubaki (Yasuaki Kurata, irgendwie Blacky
Fuchsberger nachempfunden) vor Spontanität überquellen – von irre
verkreuzten Verwandtschaftsverhältnissen, diffusen Allianzen mit
Obermotz Osone (Hideo Murota) und krassen Attentaten auf die
Weiblichkeit ganz zu schweigen. Apropos: Weiß jemand, was es mit dieser Ochsenkopf(?)-Szene auf sich hat?
Ich bin immer wieder hin und weg, wie
die japanische Filmindustrie so ziemlich vom Fließband derart
aufregende und fantasievolle Schönheiten an Brutalität und
erquickender Gerechtigkeitsdynamiken aufziehen konnte, die sich eben
auch zum Finale hin in einen zappligen Wutwanst schreien, dass die
Luft kein Hindernis mehr ergibt, sich im Nachhinein aber noch von den
Erinnerungsstücken der Vergangenheit rein tränt, welche als
Ballade der Güte herzlich naiv am Aderlass ernährt wird. Genialst
selbstverständlich ballen sich da auch die stets reizvollen
Kadrierungen im Breitwandformat (Mensch → Kampf → Stadt) zum
Bilderrausch voller Zoom und Groove zusammen, wo die Ode an
psychedelische Gefühlsbonbons und Schattenspiele auch dann nicht
gebrochen wird, wenn Bunsenbrenner Knieschenkel ansenken. Der
Zynismus zum Fleisch geht in der Drastik eben auch irgendwo nahe,
wohl aber vor allem deshalb, da ich bei der Sister und ihrer
idealisierten Menschlichkeit im Fokus (für die sich Geschwister hier
trotz geleisteter Fehler nimmer Urteile anhören müssen) eine
Aufhebung meines Einzelkindstatus in Erwägung ziehen würde, selbst
wenn die meisten nach der Bekanntschaft mit dieser flott das
Zeitliche segnen. Bis dahin nimmt man immerhin noch an einer
Verstrahlung teil, die in giftigen Knalleffekten abstößt und streng
kawaii auf die Qualitäten der Einigkeit acht nimmt – so
leichtfüßig und gewaltsam zugleich im Gehirn unterwegs, dass ich
diesen Text fast 1:1 nachschreiben konnte, nachdem mein erster
Entwurf der Schusseligkeit wegen gelöscht wurde. Manche blood
diamonds sind eben forever.
Ein-Satz-Kritiken für zwischendurch!
„Super“ - Adolf Winkelmanns
abgeklärte Postapokalypse aus der Western-Romantik
an Baugruben schmelzt einen lässigen wie nassen Naturalismus unter
Liebenden, Gierigen und Sehnsüchtigen in Gold ein, bei dem ich mich
schon ins Sprudeln des grünen Wasserbehälters verlor; anhand der
Beziehungsdifferenzierungen zwischen Motel und Tankstelle bis ins
nächtlich-explosive Augenzwinkern hinein glitt; Demirkan und
Lindenberg als Einzelgänger kecker Gefasstheit feierte.
„Liebe auf den ersten Schlag“ -
Thomas Cailleys nach Chlor und nassen Klamotten riechende
Coming-of-Age-Romanze von der verwischten Camouflage der
Geschlechterrollen lässt Frettchen retten, Füchse fressen sowie die
feiste Liebe zur wahren Kernigkeit binnen des absurden Pragmatismus
an Militär-Machtspielen finden, ehe die ruhenden Küsten sich und
ihren Holzpreisen einen Neuanfang im Waldbrand der Zuneigungskeile
verpassen.
„Die Nacht ist jung“ - Léos Carax
weiß die Hitze von Bowies Modern Love wie jene des
Halleyschen Kometen auf die Straßen zu strahlen, die Ohnmacht im
Fallschirm mit der Unerreichbarkeit der Liebe binnen omnipräsenten
AIDS-Äquivalents zu kreuzen, nicht aber unbedingt manche
Gleichförmigkeiten seiner Melville-via-Resnais-Hommage anzufechten,
obwohl die krude Nachtlust ihre Gefühlsakrobaten durchweg bittersüß
im Leiden kadriert, im Schnitt abschnürt.
„Silence“ - Ehe Martin Scorsese
alle großen Bilder zur katholischen Passion auf die Tränensäcke
westlicher Bedeutungsschwere zentralisiert, lässt sich Masahiro
Shinodas schlichtes Panoptikum forcierter Religionsentsagung als
Zustandsevaluierung voller Verkühlungen und entmenschlichter
Formalitäten entkleiden, in denen Zwang, Abhängigkeit und
Verwahrlosung mehr vom Willen des Einzelnen als von der
Allgemeingültigkeit jedweder Theologie herrühren.
„Jahrmarkt“ - Gary Busey sitzt als
Harlekin im Wasserkäfig, bohrt sich so schmierig in die schmierige
Außenwelt an Sensationslust und Machismus ein, dass sich Jodie
Foster als loses Mädel ohne Perspektiven mit dran hängt, in der
schwülen Dehnung des Milieus am Reiz der Gefahr teilnimmt, sexuelle
Frustrationen sowie die Katharsis des Außenseiters anwendet, um ein
Finale brachialer Täuschungen in der Schaubudenkutsche zu
empathisieren.
„Hairbrained“ - Inmitten des
Indie-Komödien-Konsens für die amerikanische College-Tristesse
trocknet Alex Wolff Klischees und Pointen zugleich mit seinem
unantastbaren Wuschelkopf ab, kommt im Blitz-Quiz mit schnittigen
Wissenssalven und ebenbürtig eindrücklichen Damenbekanntschaften
zurecht, ehe noch das Küssen, das Verlieren sowie die Heilung
zerrütteter Familienverhältnisse angelernt werden, sich dafür via
Brendan Fraser ein Trio an Kondompackungen in den Korb schmeißen.
„Der Sturm – Life on the Line“ -
Wenn John Travolta seinen bizarr à la Seagal verzopften Bart durch
Jahrzehnte und Rückblenden trägt, den Pathos im Lineman-Job unter
dem Oberbegriff „Armageddon“ nachliest und provinziell
platte Melodramen der Eifersucht, Schwangerschaften, Traumata,
Rabenmutter-Sharon-Stones sowie sehnsüchtig erwarteter Spießigkeit
den Sturm heraufbeschwören, ist der Käse unter Stereotypen
entsprechend doof konstruiert, aber noch in dauererregter
Unbeholfenheit anzutreffen.
„Dog Eat Dog“ - Über „Dying
of the Light“ kann man sagen, was man will, doch Paul Schraders
Vision hängt sich nun in aller Freiheit nur mäßig involviert in
eine Gangsterposse rein, die ihre Schnacker aus den 90ern auf stumpfe
wie beliebige Stories zurück kurbelt, welche die Beobachtungen zum
entlarvten Kultobjekt Männlichkeit im Blei versinken lassen, bevor
der Showdown noch auf den letzten Drücker Inspirationen an Farben
sowie den zeitlosen Reißwolf an Autoritäten und kapitalen Egos
belegt.
So, jetzt geht's weiter im Text:

XXX: DIE RÜCKKEHR DES XANDER CAGE - "[...] Soviel Taurin wie nötig kriegt man aber kaum runter bei den Mengen an „Boah, ey“, die D.J. Caruso von einem abverlangt, wenn seine Superagenten voll mit Red Bull extrem die Welt retten, poppig ums Poppen herum mit Vehikeln und Muskeln gegen jede Physik posieren. [...] Der Story-Konsens an Geheimdienstmachenschaften, Intrigen, Doppelspielen und globalem Antiterror-Bumm-Bumm geht einem ohnehin mehr bleiern auf den Senkel, ehe es die vielen kecken Einzelmomente vom Glück der Secret-Honks wieder ungeniert eskapistisch ausgleichen. [...] Äußert sich natürlich noch mit gleichsam oberschlauen wie superblöden Phrasen, doch jenen Reiz an Naivität und Trivialität wünscht man sich ja schon, sobald man ein Ticket für diesen Film löst und weiß Gott keinen weiteren „Spectre“ geliefert bekommen will. [...] Die Typen springen ja auch wie Flummis mehrmals um die eigene Achse und bringen genauso chronisch ihre individuellen Slogans zu Wort, um eine durchgedachte Handlung zu suggerieren. [...] Superdoof zu sein ist auch ein bisschen superdope, [...] ein Quell kindlichen Enthusiasmus, der einst im Bahnhofskino rauf und runter lief, nun größer als groß in 3D vom Tagtraum des Jungskinos berichtet, der sogar seinen verstärkten Hang zur Inklusion noch hauptsächlich auf pubertären Sexappeal gründet. [...]"
(Die komplette Kritik gibt es bei den DREI MUSCHELN zu lesen.)
Eine der schönsten Begegnungen dieser
Woche gehörte auch zu den kürzesten, denn Zoltan G. Spencers
Regiedebüt
„The Satanist“ läuft nur an die knapp 64
Minuten. Man kann allerdings von Glück reden, dass man dieses
seltene Vergnügen hat, schließlich wurde vor der Restauration um
2014 herum stets spekuliert, dass jener Film von 1968 seit jeher
verschollen sei. „
Willst du gelten, mach dich selten“ -
hatte dann auch funktioniert, bislang war ich nicht unbedingt auf der
Suche nach derart minimalistischen Frühwerken des
Nudie-Cuties
(ein Traumbegriff) doch mit jenem Autorenfilmer Spencer könnte es
was werden, wenn seine Vorgehensweise in der Erzählung so
erfrischend bescheiden und seine Darsteller/innen entsprechend
drollig bleiben. Nichts währt so ewig wie Jugend und Schönheit im
Korn des Zelluloids, deswegen teilt Maestro Zoltan seine Geschichte
auch in einer Szenenmenge auf, die man mit anderthalber Hand abzählen
kann sowie das Ensemble an weiblichen Formen zum Hauptmotiv erklärt.
Der Softsex schleppt sich dafür ins Fingerspitzengefühl hinein und
auch wenn das Dralle am Cast teilweise etwas grob zusammengesucht
scheint, sind da durchweg zärtliche Gesichter für formatfüllendes
Vergnügen zugegen, die aus ihrer
Gewöhnlichkeit Kapital
schlagen, zwischen Unbedarftheit und Ungewissheit pendeln, aber in
ihrer Präsenz ausnahmslos unantastbar bleiben. Das möchte man auch
meinen bei einem Protagonisten wie Joe, welcher sich als Autor mit
Brille und Schnurrbart vorstellt – ein Musterbeispiel an
zurechtgebogener Harmlosigkeit, das man sich nicht unbedingt als
erste Wahl ins Schlafzimmer stellen würde, aber einen herrlichen
Spießbürger abgibt. Der fordert uns von seinem Rollstuhl aus dazu
auf, festzustellen, ob der folgende Blick in die Vergangenheit
seinerseits Traum oder Wirklichkeit gewesen sei – ein einladendes
Konzept, das mit seiner neugierigen Schwarz-Weiß-Optik voller
Schatten und greller Kontraste eine (auch darüber hinaus gehende)
Kuppelei mit den „
Meshes of the Afternoon“ eingehen will,
genauso stumm vor sich her spricht.
Wir sehen zwar Gespräche, deren
Inhalte werden jedoch vom Autor im Voiceover wiedergegeben,
der pflichtbewusst auf sein interpretatives Geschick hinweist und
zurückgreift, um die Geschehnisse des Zwischenmenschlichen bis ins
(nur bedingt erwiesene) Übernatürliche Revue passieren zu lassen.
Klingt leicht eitel, ist es auch – Joes eigene Methodik weiß ihn
im Verlauf aber auch keck zu verballhornen. Bis hierhin beteuert er
nämlich, dass er als bodenständiger Lebemann ausschließlich vom
Stress geplagt und der Anweisung seines Hausarztes nach einen Ausflug
in die kalifornischen Suburbs unternommen hat - das kaum abgewartete
Auspacken seiner Schreibmaschine im Einheitsambiente erzählt da was
anderes, doch seine tolldreiste City-Frau Mary (in etwa einer jungen
Iris Berben ähnlich) überredet ihn noch flotter zum
Urlaubstechtelmechtel auf Triple-Betten (mit den Laken kannste den
Bundestag verhüllen), bei dem die BHs nie spitzer und die Verzahnung
an Körpern kaum ungelenker ausschauen könnten. Gibt auch keinen
Grund, sich diese unbescholtenen Privatleute anders vorzustellen,
wenn sich die Matratzenbelagerung knapp auf die mutigsten
Anlaufstellen des Pettings einigt, Entkleidungen Richtung
Totalverdunklungsgardine sowie Oralverkehr mit äußerster Vorsicht
genossen werden. Die Rahmenbedingungen an Behütung sind beiden
anzusehen, da aber eben trotzdem ein liebevolles Schauspiel, das sich
gegenseitig zugrinst und gerade im verhaltenen Herantasten eine
Intimität erwirkt, mit der man warm werden kann, aber noch ein Stück
weit von feuchten Hosen entfernt ist. Den Eindruck vom Blümchensex
(der Mann schläft mit Socken!) versucht man zeitgleich mit dem
gefühlt krautigsten Grundgerüst des Psychedelic Rock entgegen zu
wirken, welches vom Soundtrack zum Dauerbetrieb beansprucht wird, so
wie sich ohnehin jedes Liebesspiel auf längere Zeit verausgabt. Die Schnittstelle für diese Stimmungen
verharrt aber kaum in weiter Ferne, schließlich schaut Shandra von
draußen zu, mit strengen Augen aus den Tiefen einer Romero-würdigen
Nacht geborgen, dass auch Joe schon ankündigen muss, inwiefern die
Geschichte ab jetzt von ihr gegeißelt wird.
In Shandra kann man sich
nur verlieben: Die brünette Teufelsanbeterin (gefühlt ein
mütterlicheres Lichtdouble für Barbara Steele) machte schon
zum enigmatischen Intro hin Straßenlampen sowie Teens im Rücksitz
unsicher, dass man ihr in okkulte Wesenszustände folgte - mit
beschwingter Gastfreundlichkeit lädt sie dann aber noch Joe und
dessen Frau zu sich nach Hause ein, die Materie zumindest mal als
Schmöker für zwischendurch anzutesten. Der Spiegel im Hause
Shandras ist unserem Joe schon so suspekt, dass er diesem mehrmals
chargierend zuzwinkern muss, ob sich da denn nun wirklich ein noch
dralleres Wesen vom Satanskult befände, aber schwamm drüber, die
Anleitungen zur schwarzen Magie sind ihm lesenswerter als gedacht!
Kein Wunder bei einem Film, der sich für längere Zeit in seine
Umwelt vergucken kann, den Pflanzen und Möbeln des Mittelstandes im
Auge der Sonne frönt, ebenso die schönsten Details mit
Tapetenmustern aus der „
Bettwurst“
koppelt – größtenteils zu Totalen, die einem beim
Selber-Einrichten enorm behilflich sein dürften, fern jeder
Schäbigkeit rangieren. Da muss der Herr Gatte schon absichtsvoll die
Opa-Pfeife paffen, Mary im strategisch durchsichtigen Nachthemd
schlummern lassen und derweil ebenso den Voyeur geben, wenn er bei
Shandra vom Hofe aus ins Schlafgemach glotzt und beschreibt, welch
faszinierend schreckliche Rituale er da zu Gesicht bekommt. In
Wirklichkeit verbringt die Begaffte traute Zweisamkeit mit ihrem
Sukkubus (Helga Anders trifft Brigitte Bardot), cremt das gut
bestückte Mädel ein und verwandelt sich per Stopptrick in einen
Adonis mit markanter Kinnlade, der bei Bergman hätte anheuern
können. Der Cunnilingus für die Frau ist da nur recht, der Wechsel
an Beglückung ist der Kamera dementsprechend Sinnespflicht, zudem
von höchster Entspannung noch in Joes Träumen unterwegs, dass er
den Morgen danach keine Brille mehr braucht. Mary erscheint das rätselhaft und
führt sie scheu wie ein Rehlein angetrabt in Shandras Hinterhof, wo
sich der Sukkubus (mal unter blonder o. schwarzer Perücke) via Salz
und Kerzen eine ganz dufte Zaubereinlage kredenzt, wie die Bäume
drum herum über dem Erdboden thront und dafür der Ehrfurcht halber
alle Natürlichkeiten auspackt.
Solche Mächte sind zu viel des
Guten, deshalb sind sich die bürgerlichen Spanner einig: Möglichst
rasch die Fliege machen! Blöd nur, dass Shandra sie vorher noch zu
einer schwarzen Messe eingeladen hatte – der Höflichkeit halber
lässt sich das ja wohl kaum ausschlagen! Und so nimmt das seinen
Lauf mit der finsteren Fete, welche für ihre Gäste immerhin
Klappstühle in den hinteren Reihen aufgestellt hat und zu denen sich
Shandra mit nackter Brust ganz casual dazu setzt, während
vorne jeder seinen Eigensaft in Krügen abnuckelt. Es macht keinen
Sinn, hier jetzt alle Kleinigkeiten zu verraten, mit denen
kontinuierlich die Teufelslaune steigt – ich behaupte mal, es ist
für jeden was dabei; zwar nicht unbedingt viel freimütiger auf
Tuchfühlung eingestellt als in der vorhin beschriebenen
Erstlingsszene an GV, aber durchaus noch eine anregende
Projektionsfläche, die höchstens beim Aufsetzen der kollektiven
Ziegenmaske abbaut. Ganz und gar attraktiv habe ich hingegen das
Gesamtpaket liebenswerter Schaffenslaune empfunden, das sich unter
Freunden sowie augenscheinlich in Privatwohnungen zum Inszenieren bar
vieler Mittel traf und zu Zwischenwelten aus Kerzenschein, Feuer und
schwarzen Roben vordrang, ohne dabei das Lachen oder gar seine
niedlichen Speckröllchen zu verlieren. Shandra würdigt man in dem
Zustand zudem mit vielen Nahaufnahmen ihrer Frohnatur, während Joe
auf der Tonspur nicht mal ansatzweise ein überzeugender moralischer
Zeigefinger über die Lippen geht. Wäre ja auch totaler Quatsch, so
wie man sich hier mit Ketten, Samt, Masken und elastischen Schlüpfern
bettet, per Zauberstab Wunder aus dem Nichts erschafft und dabei am
Bass zupft, bis jeder Zuschauer als berauschter Sklave der Lust
entlassen wird. Ich bin gespannt, was die weiteren Werke Zoltans danach noch mit
einem machen konnten.