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Sonntag, 22. Januar 2017

Tipps vom 16.01. - 22.01.2017


Biele Seler,

wo ist die Zeit geblieben? Es ist schon wieder eine Woche rum und was haben wir nicht alles erlebt, sowohl auf persönlicher als auch auf globaler Ebene, ne? Meiner einer zum Beispiel hat sofortamente nach der xXx-Pressevorstellung am Dienstag bei einem Zwei-Stunden-Transport von 30 Umzugskartons mitgeholfen, am selben Tag/Abend war dann wieder der Filmclub zugegen und ich danach knapp eine Stunde lang auf dem Heimweg quer durch Hamburg, dann gab's die Tage drum herum wieder einiges an Schnittarbeit, einige gute Filme und am Donnerstag schon einen janz jeheimen Kinobesuch mit anschließendem Minifilmabend, wobei ich im Anschluss daran fürs Wochenende nach Bremen fuhr und seit meiner Rückkehr am Sonntag am obigen Banner gearbeitet sowie eine Ausgabe des britischen 'Dark-Side'-Filmmagazins erstanden habe (3,99 Pfund Sterling = 10,50 €?). Was für eine Ladung an Aktivitäten! Ob's im Weißen Haus genauso flott abgeht? Ich hoffe ja und mindestens auch so brutal, dass die Denkmäler der Schande Trump und Co. vielleicht mal einen kollektiven Herzinfarkt erwischen. Dann bleibt unter Umständen auch mehr Zeit zum Durchatmen für folks like us, die neue und eigentlich null neue Logan- wie Power-Rangers-Trailer abkriegen, so oder so auf jeden Fall mehr mit der bunten Welt des Films beschäftigt sind, auch wie doof Scorsese inzwischen geworden ist. Bevor ich mir jetzt aber noch mehr einfallsloses Zeugs aus den Fingern sauge, um hier immerhin einige Zeilen stehen zu haben, verweise ich daher gerne auf jene drei Top-Streifen unter hiesigem Abschnitt, welche diese Woche spruchreif zur Besprechung gekommen sind. Vorbildlich, damit kann ich arbeiten!




Wieso ich die Kontinuität mancher Filmreihen nur bedingt berücksichtige, weiß ich auch nicht so genau, allerdings scheint es den jeweiligen Sichtungen bisher nicht geschadet zu haben – so auch geschehen bei „Onna hissatsu ken: kiki ippatsu“, in westlichen Gefilden eher als „Sister Street Fighter: Hanging by a Thread“ bekannt. Jenes Fräulein der Straßenkeile absolviert dort ihren zweiten, wenn auch von der Kontinuität her lockeren Teil einer Reihe, die ohnehin schon als Schwesterherz zu Sonny Chibas Kampfsportfurie fungierte, ihren Härtegrad aber weniger auf der Brachialgewalt des Helden als auf externer Räude gründet. Mitverantwortlich für das gehobene Maß an Exploitation lässt sich Ko-Autor Norifumi Suzuki benennen, der sein Gesamtwerk hindurch mit leinwandtauglichen Foltermethoden, hautengen Perversionen und einem Humor für Obskuritäten aufwarten konnte. Dessen Grand Guignol voller „Sex and Fury“, wie so oft auch von Kollege Masahiro Kakefuda ergänzt, muss man nicht liebhaben, doch er verdichtet dort den Unterhaltungswert, wo solche Filmreihen im Serienformat zwangsläufig auf bestimmte Muster im Narrativ zurückgreifen müssen. Den Kritikpunkt einer Austauschbarkeit möchte ich dennoch nicht anbringen, dafür ist Kazuhiko Yamaguchis Film doch zu verrückt ausgefallen sowie im Wirbelwind der Stimmungen aufgeblüht. Der erste Ansatz für ein Gros an Kontrastion bietet sich mit Heldin Li Koryu (Etsuko Shihomi) an, die sich in ihren Zöpfen und bunten Klamotten chinesischer Tradition auf einem Image der Unschuld bewegt, das sich zeitweise auch in ein Rotkäppchen-Kostüm kleidet, während delirierende Strips und krumme Geschäfte im Hintergrund jede Scham vergessen, die Ironie der Verschmelzung extremisieren.


Natürlich erfüllen die Karatekünste Koryus dann mindestens einen Schauwert des 70's Eskapismus, der keinen Sprung über die simple pleasures der zeitgenössischen Leinwand auslässt, doch ihr Drumherum an Bewährungsproben und Offenbarungen lehnt sich mit seinen Eindrücken wie eine Atombombe aus dem Fenster, Schocks und Irritationen abzuballern. Der Überraschungsfaktor wartet permanent in kurzen Abständen darauf, von seinen Zuschauern gefunden zu werden, deswegen möchte ich nur einige Szenarien der mentalen Vorbereitung behilflich vorstellen: Geschieht in den Straßen Hongkongs der Überfall inklusive Gassenmord, sind ausgestochene Augen und Klingen in der Stirn blutige Gewissheit. Reist Koryu zur Aufklärung dessen nach Tokyo, schießen schon die Gitterstäbe im Taxi runter, ehe von Zug zu Zug gesprungen wird, um einem Arsenal an fremden Widersachern und Ninjas die Meinung zu treten. Springt ein neuer Herausforderer in die Handlung hinein, frieren Bild und Geschrei ein, um den Kampfstil des jeweiligen Mordsmenschen zu benennen. Mit solchen Faktoren und noch vielen mehr sind die ersten zehn Minuten gewiss schnell rum und überwältigend, genauso urig weiß die Logik an Handlungsabläufen, wie sie einen mehrmals ins kalte Wasser werfen kann. Wo sonst gerät der Heldin ein Glasauge in die Hände, das einen Mikrofilm beinhaltet, auf dem sie ihre Schulfreundin Oh Birei (Hisako Tanaka) wiedererkennt und im Verlauf erfährt, dass dieser Blutdiamanten in die Pobacken implantiert werden? Ja, das Sitzfleisch hat hier in Gemäuern der Unterwelt zu leiden, wird dem Milieu gerecht genauso durchoperiert wie Prostitution, Erpressung, Kinderpornographie und sicherlich auch böses Rauschgift.


Interessant, wie verkommen sich die Nation Nippons hier via des einheimischen Studios Toei selbst bewertet und mit kritischem Sleaze eine Freundschaft zu Hongkong, eigentlich ein Sammelplatz japanophober Kung-Fu-Klopper, sucht (zeitweise sogar chinesisch zu stammeln versucht), welche sich auch in der Verknüpfung an Kampfschulen niederschlägt und Universelles betont, wo der Mensch offenbar schon längst am Ende jeder Moral angekommen ist. Das zeigt sich selbst bei der Übergabe der Wohnung, die sich Koryu zeitweise von ihrer ortsansässigen Schwester Li Hakuran (Tamayo Mitsukawa) ausleiht und dabei von einen Magenschlag des Nachbarjungen begrüßt wird. War ja nur ein Streich, dem sie kollegial entgegen lächelt, dennoch findet die Bedrängung von allen Seiten quasi schon als Einzugsgeschenk statt, wenn die Killer vom Honiden-Trio permanent zu Duellen im Regen bitten (eine Hinterhofvariante vom Finale in „Der Wildeste von allen“), Freunde und Familie verstümmeln sowie mit scharfen Klingensounds die Sinne täuschen. Auftragskiller Inoichiro Honiden (Masashi Ishibashi, schon aus Chiba-Tagen als Scherge bekannt) vervielfacht sich da vor bloßem Auge, wie auch sonst Sadistisches mit Surrealistischem gekreuzt, der rote Rausch der Rache als Tunnelblick manifestiert wird und sich Figurenkonstellationen so zufällig wie perplex ergeben, dass Impulse wie die Bereitschaft zur Mithilfe durch Shunsuke Tsubaki (Yasuaki Kurata, irgendwie Blacky Fuchsberger nachempfunden) vor Spontanität überquellen – von irre verkreuzten Verwandtschaftsverhältnissen, diffusen Allianzen mit Obermotz Osone (Hideo Murota) und krassen Attentaten auf die Weiblichkeit ganz zu schweigen. Apropos: Weiß jemand, was es mit dieser Ochsenkopf(?)-Szene auf sich hat?


Ich bin immer wieder hin und weg, wie die japanische Filmindustrie so ziemlich vom Fließband derart aufregende und fantasievolle Schönheiten an Brutalität und erquickender Gerechtigkeitsdynamiken aufziehen konnte, die sich eben auch zum Finale hin in einen zappligen Wutwanst schreien, dass die Luft kein Hindernis mehr ergibt, sich im Nachhinein aber noch von den Erinnerungsstücken der Vergangenheit rein tränt, welche als Ballade der Güte herzlich naiv am Aderlass ernährt wird. Genialst selbstverständlich ballen sich da auch die stets reizvollen Kadrierungen im Breitwandformat (Mensch → Kampf → Stadt) zum Bilderrausch voller Zoom und Groove zusammen, wo die Ode an psychedelische Gefühlsbonbons und Schattenspiele auch dann nicht gebrochen wird, wenn Bunsenbrenner Knieschenkel ansenken. Der Zynismus zum Fleisch geht in der Drastik eben auch irgendwo nahe, wohl aber vor allem deshalb, da ich bei der Sister und ihrer idealisierten Menschlichkeit im Fokus (für die sich Geschwister hier trotz geleisteter Fehler nimmer Urteile anhören müssen) eine Aufhebung meines Einzelkindstatus in Erwägung ziehen würde, selbst wenn die meisten nach der Bekanntschaft mit dieser flott das Zeitliche segnen. Bis dahin nimmt man immerhin noch an einer Verstrahlung teil, die in giftigen Knalleffekten abstößt und streng kawaii auf die Qualitäten der Einigkeit acht nimmt – so leichtfüßig und gewaltsam zugleich im Gehirn unterwegs, dass ich diesen Text fast 1:1 nachschreiben konnte, nachdem mein erster Entwurf der Schusseligkeit wegen gelöscht wurde. Manche blood diamonds sind eben forever.



Ein-Satz-Kritiken für zwischendurch!

„Super“ - Adolf Winkelmanns abgeklärte Postapokalypse aus der Western-Romantik an Baugruben schmelzt einen lässigen wie nassen Naturalismus unter Liebenden, Gierigen und Sehnsüchtigen in Gold ein, bei dem ich mich schon ins Sprudeln des grünen Wasserbehälters verlor; anhand der Beziehungsdifferenzierungen zwischen Motel und Tankstelle bis ins nächtlich-explosive Augenzwinkern hinein glitt; Demirkan und Lindenberg als Einzelgänger kecker Gefasstheit feierte.

„Liebe auf den ersten Schlag“ - Thomas Cailleys nach Chlor und nassen Klamotten riechende Coming-of-Age-Romanze von der verwischten Camouflage der Geschlechterrollen lässt Frettchen retten, Füchse fressen sowie die feiste Liebe zur wahren Kernigkeit binnen des absurden Pragmatismus an Militär-Machtspielen finden, ehe die ruhenden Küsten sich und ihren Holzpreisen einen Neuanfang im Waldbrand der Zuneigungskeile verpassen.

„Die Nacht ist jung“ - Léos Carax weiß die Hitze von Bowies Modern Love wie jene des Halleyschen Kometen auf die Straßen zu strahlen, die Ohnmacht im Fallschirm mit der Unerreichbarkeit der Liebe binnen omnipräsenten AIDS-Äquivalents zu kreuzen, nicht aber unbedingt manche Gleichförmigkeiten seiner Melville-via-Resnais-Hommage anzufechten, obwohl die krude Nachtlust ihre Gefühlsakrobaten durchweg bittersüß im Leiden kadriert, im Schnitt abschnürt.

„Silence“ - Ehe Martin Scorsese alle großen Bilder zur katholischen Passion auf die Tränensäcke westlicher Bedeutungsschwere zentralisiert, lässt sich Masahiro Shinodas schlichtes Panoptikum forcierter Religionsentsagung als Zustandsevaluierung voller Verkühlungen und entmenschlichter Formalitäten entkleiden, in denen Zwang, Abhängigkeit und Verwahrlosung mehr vom Willen des Einzelnen als von der Allgemeingültigkeit jedweder Theologie herrühren.

„Jahrmarkt“ - Gary Busey sitzt als Harlekin im Wasserkäfig, bohrt sich so schmierig in die schmierige Außenwelt an Sensationslust und Machismus ein, dass sich Jodie Foster als loses Mädel ohne Perspektiven mit dran hängt, in der schwülen Dehnung des Milieus am Reiz der Gefahr teilnimmt, sexuelle Frustrationen sowie die Katharsis des Außenseiters anwendet, um ein Finale brachialer Täuschungen in der Schaubudenkutsche zu empathisieren.

„Hairbrained“ - Inmitten des Indie-Komödien-Konsens für die amerikanische College-Tristesse trocknet Alex Wolff Klischees und Pointen zugleich mit seinem unantastbaren Wuschelkopf ab, kommt im Blitz-Quiz mit schnittigen Wissenssalven und ebenbürtig eindrücklichen Damenbekanntschaften zurecht, ehe noch das Küssen, das Verlieren sowie die Heilung zerrütteter Familienverhältnisse angelernt werden, sich dafür via Brendan Fraser ein Trio an Kondompackungen in den Korb schmeißen.

„Der Sturm – Life on the Line“ - Wenn John Travolta seinen bizarr à la Seagal verzopften Bart durch Jahrzehnte und Rückblenden trägt, den Pathos im Lineman-Job unter dem Oberbegriff „Armageddon“ nachliest und provinziell platte Melodramen der Eifersucht, Schwangerschaften, Traumata, Rabenmutter-Sharon-Stones sowie sehnsüchtig erwarteter Spießigkeit den Sturm heraufbeschwören, ist der Käse unter Stereotypen entsprechend doof konstruiert, aber noch in dauererregter Unbeholfenheit anzutreffen.

„Dog Eat Dog“ - Über „Dying of the Light“ kann man sagen, was man will, doch Paul Schraders Vision hängt sich nun in aller Freiheit nur mäßig involviert in eine Gangsterposse rein, die ihre Schnacker aus den 90ern auf stumpfe wie beliebige Stories zurück kurbelt, welche die Beobachtungen zum entlarvten Kultobjekt Männlichkeit im Blei versinken lassen, bevor der Showdown noch auf den letzten Drücker Inspirationen an Farben sowie den zeitlosen Reißwolf an Autoritäten und kapitalen Egos belegt.

So, jetzt geht's weiter im Text: 




XXX: DIE RÜCKKEHR DES XANDER CAGE - "[...] Soviel Taurin wie nötig kriegt man aber kaum runter bei den Mengen an „Boah, ey“, die D.J. Caruso von einem abverlangt, wenn seine Superagenten voll mit Red Bull extrem die Welt retten, poppig ums Poppen herum mit Vehikeln und Muskeln gegen jede Physik posieren. [...] Der Story-Konsens an Geheimdienstmachenschaften, Intrigen, Doppelspielen und globalem Antiterror-Bumm-Bumm geht einem ohnehin mehr bleiern auf den Senkel, ehe es die vielen kecken Einzelmomente vom Glück der Secret-Honks wieder ungeniert eskapistisch ausgleichen. [...] Äußert sich natürlich noch mit gleichsam oberschlauen wie superblöden Phrasen, doch jenen Reiz an Naivität und Trivialität wünscht man sich ja schon, sobald man ein Ticket für diesen Film löst und weiß Gott keinen weiteren „Spectre“ geliefert bekommen will. [...] Die Typen springen ja auch wie Flummis mehrmals um die eigene Achse und bringen genauso chronisch ihre individuellen Slogans zu Wort, um eine durchgedachte Handlung zu suggerieren. [...] Superdoof zu sein ist auch ein bisschen superdope, [...] ein Quell kindlichen Enthusiasmus, der einst im Bahnhofskino rauf und runter lief, nun größer als groß in 3D vom Tagtraum des Jungskinos berichtet, der sogar seinen verstärkten Hang zur Inklusion noch hauptsächlich auf pubertären Sexappeal gründet. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es bei den DREI MUSCHELN zu lesen.) 




Eine der schönsten Begegnungen dieser Woche gehörte auch zu den kürzesten, denn Zoltan G. Spencers Regiedebüt „The Satanist“ läuft nur an die knapp 64 Minuten. Man kann allerdings von Glück reden, dass man dieses seltene Vergnügen hat, schließlich wurde vor der Restauration um 2014 herum stets spekuliert, dass jener Film von 1968 seit jeher verschollen sei. „Willst du gelten, mach dich selten“ - hatte dann auch funktioniert, bislang war ich nicht unbedingt auf der Suche nach derart minimalistischen Frühwerken des Nudie-Cuties (ein Traumbegriff) doch mit jenem Autorenfilmer Spencer könnte es was werden, wenn seine Vorgehensweise in der Erzählung so erfrischend bescheiden und seine Darsteller/innen entsprechend drollig bleiben. Nichts währt so ewig wie Jugend und Schönheit im Korn des Zelluloids, deswegen teilt Maestro Zoltan seine Geschichte auch in einer Szenenmenge auf, die man mit anderthalber Hand abzählen kann sowie das Ensemble an weiblichen Formen zum Hauptmotiv erklärt. Der Softsex schleppt sich dafür ins Fingerspitzengefühl hinein und auch wenn das Dralle am Cast teilweise etwas grob zusammengesucht scheint, sind da durchweg zärtliche Gesichter für formatfüllendes Vergnügen zugegen, die aus ihrer Gewöhnlichkeit Kapital schlagen, zwischen Unbedarftheit und Ungewissheit pendeln, aber in ihrer Präsenz ausnahmslos unantastbar bleiben. Das möchte man auch meinen bei einem Protagonisten wie Joe, welcher sich als Autor mit Brille und Schnurrbart vorstellt – ein Musterbeispiel an zurechtgebogener Harmlosigkeit, das man sich nicht unbedingt als erste Wahl ins Schlafzimmer stellen würde, aber einen herrlichen Spießbürger abgibt. Der fordert uns von seinem Rollstuhl aus dazu auf, festzustellen, ob der folgende Blick in die Vergangenheit seinerseits Traum oder Wirklichkeit gewesen sei – ein einladendes Konzept, das mit seiner neugierigen Schwarz-Weiß-Optik voller Schatten und greller Kontraste eine (auch darüber hinaus gehende) Kuppelei mit den „Meshes of the Afternoon“ eingehen will, genauso stumm vor sich her spricht.


Wir sehen zwar Gespräche, deren Inhalte werden jedoch vom Autor im Voiceover wiedergegeben, der pflichtbewusst auf sein interpretatives Geschick hinweist und zurückgreift, um die Geschehnisse des Zwischenmenschlichen bis ins (nur bedingt erwiesene) Übernatürliche Revue passieren zu lassen. Klingt leicht eitel, ist es auch – Joes eigene Methodik weiß ihn im Verlauf aber auch keck zu verballhornen. Bis hierhin beteuert er nämlich, dass er als bodenständiger Lebemann ausschließlich vom Stress geplagt und der Anweisung seines Hausarztes nach einen Ausflug in die kalifornischen Suburbs unternommen hat - das kaum abgewartete Auspacken seiner Schreibmaschine im Einheitsambiente erzählt da was anderes, doch seine tolldreiste City-Frau Mary (in etwa einer jungen Iris Berben ähnlich) überredet ihn noch flotter zum Urlaubstechtelmechtel auf Triple-Betten (mit den Laken kannste den Bundestag verhüllen), bei dem die BHs nie spitzer und die Verzahnung an Körpern kaum ungelenker ausschauen könnten. Gibt auch keinen Grund, sich diese unbescholtenen Privatleute anders vorzustellen, wenn sich die Matratzenbelagerung knapp auf die mutigsten Anlaufstellen des Pettings einigt, Entkleidungen Richtung Totalverdunklungsgardine sowie Oralverkehr mit äußerster Vorsicht genossen werden. Die Rahmenbedingungen an Behütung sind beiden anzusehen, da aber eben trotzdem ein liebevolles Schauspiel, das sich gegenseitig zugrinst und gerade im verhaltenen Herantasten eine Intimität erwirkt, mit der man warm werden kann, aber noch ein Stück weit von feuchten Hosen entfernt ist. Den Eindruck vom Blümchensex (der Mann schläft mit Socken!) versucht man zeitgleich mit dem gefühlt krautigsten Grundgerüst des Psychedelic Rock entgegen zu wirken, welches vom Soundtrack zum Dauerbetrieb beansprucht wird, so wie sich ohnehin jedes Liebesspiel auf längere Zeit verausgabt. Die Schnittstelle für diese Stimmungen verharrt aber kaum in weiter Ferne, schließlich schaut Shandra von draußen zu, mit strengen Augen aus den Tiefen einer Romero-würdigen Nacht geborgen, dass auch Joe schon ankündigen muss, inwiefern die Geschichte ab jetzt von ihr gegeißelt wird. 


In Shandra kann man sich nur verlieben: Die brünette Teufelsanbeterin (gefühlt ein mütterlicheres Lichtdouble für Barbara Steele) machte schon zum enigmatischen Intro hin Straßenlampen sowie Teens im Rücksitz unsicher, dass man ihr in okkulte Wesenszustände folgte - mit beschwingter Gastfreundlichkeit lädt sie dann aber noch Joe und dessen Frau zu sich nach Hause ein, die Materie zumindest mal als Schmöker für zwischendurch anzutesten. Der Spiegel im Hause Shandras ist unserem Joe schon so suspekt, dass er diesem mehrmals chargierend zuzwinkern muss, ob sich da denn nun wirklich ein noch dralleres Wesen vom Satanskult befände, aber schwamm drüber, die Anleitungen zur schwarzen Magie sind ihm lesenswerter als gedacht! Kein Wunder bei einem Film, der sich für längere Zeit in seine Umwelt vergucken kann, den Pflanzen und Möbeln des Mittelstandes im Auge der Sonne frönt, ebenso die schönsten Details mit Tapetenmustern aus der „Bettwurst“ koppelt – größtenteils zu Totalen, die einem beim Selber-Einrichten enorm behilflich sein dürften, fern jeder Schäbigkeit rangieren. Da muss der Herr Gatte schon absichtsvoll die Opa-Pfeife paffen, Mary im strategisch durchsichtigen Nachthemd schlummern lassen und derweil ebenso den Voyeur geben, wenn er bei Shandra vom Hofe aus ins Schlafgemach glotzt und beschreibt, welch faszinierend schreckliche Rituale er da zu Gesicht bekommt. In Wirklichkeit verbringt die Begaffte traute Zweisamkeit mit ihrem Sukkubus (Helga Anders trifft Brigitte Bardot), cremt das gut bestückte Mädel ein und verwandelt sich per Stopptrick in einen Adonis mit markanter Kinnlade, der bei Bergman hätte anheuern können. Der Cunnilingus für die Frau ist da nur recht, der Wechsel an Beglückung ist der Kamera dementsprechend Sinnespflicht, zudem von höchster Entspannung noch in Joes Träumen unterwegs, dass er den Morgen danach keine Brille mehr braucht. Mary erscheint das rätselhaft und führt sie scheu wie ein Rehlein angetrabt in Shandras Hinterhof, wo sich der Sukkubus (mal unter blonder o. schwarzer Perücke) via Salz und Kerzen eine ganz dufte Zaubereinlage kredenzt, wie die Bäume drum herum über dem Erdboden thront und dafür der Ehrfurcht halber alle Natürlichkeiten auspackt. 


Solche Mächte sind zu viel des Guten, deshalb sind sich die bürgerlichen Spanner einig: Möglichst rasch die Fliege machen! Blöd nur, dass Shandra sie vorher noch zu einer schwarzen Messe eingeladen hatte – der Höflichkeit halber lässt sich das ja wohl kaum ausschlagen! Und so nimmt das seinen Lauf mit der finsteren Fete, welche für ihre Gäste immerhin Klappstühle in den hinteren Reihen aufgestellt hat und zu denen sich Shandra mit nackter Brust ganz casual dazu setzt, während vorne jeder seinen Eigensaft in Krügen abnuckelt. Es macht keinen Sinn, hier jetzt alle Kleinigkeiten zu verraten, mit denen kontinuierlich die Teufelslaune steigt – ich behaupte mal, es ist für jeden was dabei; zwar nicht unbedingt viel freimütiger auf Tuchfühlung eingestellt als in der vorhin beschriebenen Erstlingsszene an GV, aber durchaus noch eine anregende Projektionsfläche, die höchstens beim Aufsetzen der kollektiven Ziegenmaske abbaut. Ganz und gar attraktiv habe ich hingegen das Gesamtpaket liebenswerter Schaffenslaune empfunden, das sich unter Freunden sowie augenscheinlich in Privatwohnungen zum Inszenieren bar vieler Mittel traf und zu Zwischenwelten aus Kerzenschein, Feuer und schwarzen Roben vordrang, ohne dabei das Lachen oder gar seine niedlichen Speckröllchen zu verlieren. Shandra würdigt man in dem Zustand zudem mit vielen Nahaufnahmen ihrer Frohnatur, während Joe auf der Tonspur nicht mal ansatzweise ein überzeugender moralischer Zeigefinger über die Lippen geht. Wäre ja auch totaler Quatsch, so wie man sich hier mit Ketten, Samt, Masken und elastischen Schlüpfern bettet, per Zauberstab Wunder aus dem Nichts erschafft und dabei am Bass zupft, bis jeder Zuschauer als berauschter Sklave der Lust entlassen wird. Ich bin gespannt, was die weiteren Werke Zoltans danach noch mit einem machen konnten.

Sonntag, 24. August 2014

Tipps vom 11.08. - 24.08.2014

Ok, ich bin zurück aus dem Urlaub und ihr kennt mich ja: fast kein Tag vergeht, ohne mindestens einen Film gesehen zu haben. Deshalb habe ich in jener Zeit auch einige schöne Exemplare der cineastischen Vielfalt zu Gesicht bekommen, weiß aber nicht, ob ich für jeden die richtig großen Texte heranholen kann - man braucht eben immer eine Weile, um wieder in die Materie hineinzukommen, erst recht nachdem das neue Buch von Martin Hentschel über die Filme der Ruhrpott-Erotik-Reihe 'LASS JUCKEN KUMPEL!' mit einigen intensiven Texten von mir zu krassen Rip-Offs der Serie herausgekommen ist (welches man übrigens hier bestellen kann) und ich mich gleich darauf etwas weniger euphorisch um die Abhandlung zum dritten EXPENDABLES-Abenteuer kümmern musste, welche man auf CEREALITY.NET nachlesen kann. Nichtsdestotrotz möchte ich Euch, meine lieben Leser, nicht enttäuschen und hoffe, dass ich einige schöne Empfehlungen in Euer sehfreudiges Herz zielen kann.




MAGIC, MAGIC - Ich will nicht einmal anfangen, irgendwas an diesem Film zu rationalisieren - zu Beginn seiner Laufzeit hätte ich das unter Umständen noch probiert (erste Eindrücke: ausbaufähige, digitale Kamera; gewisse Genre-Tropes; Kompressionsfehler der Blu-Ray, etc.), aber zum Schluss hin hat mich sein Sog doch so verwegen hypnotisiert, wie es nicht mal der Amateur-Hypnotiseur Agustin bei Juno Temples Alicia versucht hatte. Ein kleiner Rekonstruktions-Versuch kann ja nicht schaden, auch wenn er im Vergleich zur filmischen Erfahrung doch simpler klingen könnte, als es in Wirklichkeit ist: oben genannte Alicia macht mit ihrer Cousine Sara (Emily Browning, wie immer eine gute Wahl) einen Ausflug nach Chile zu einigen ihr unbekannten Hipster-Freunden Saras (u.a.: Michael Cera am Hyper-Abräuden) - zusammen plant man die Tour zu einer Insel, auf dem Weg dorthin verlässt Sara aber kurzfristig die Truppe, um 'eine Klausur zu schreiben'.


Mit den Fremden allein gelassen, ist die schüchterne und innerlich offenbar sehr nervöse Alicia auf verlorenem Posten - in ihr türmen sich allmählich Stück für Stück Kleinigkeiten und Eindrücke auf, die in eine schwere Psychose münden, in der alle mit ihren kleinen unscheinbaren Sticheleien gegen sie zu sein scheinen. Geschickt vermittelt Regisseur Sebastián Silva eben jene winzigen Puzzleteile der aufgebauten Angst mit prägnanter Beiläufigkeit, so merkwürdig das auch klingen mag - die schleichende Suggestion dazu kommt dadurch eben zustande, dass er die Atmosphäre fast hauptsächlich aus Alicias sperriger, doch nachvollziehbar-furchtsamer Perspektive einfängt, die Natur des Ganzen teilweise in mystischer Zeitlupe auflöst, jedoch nicht darin schwelgt, sondern immer wieder eine unruhige Umkehrung darauf folgen lässt.


Diese Unsicherheit überträgt sich natürlich auf den Zuschauer, da der Film kein klares Ziel, stattdessen intensiv eine abstrakte Form von (auch sexueller) Bedrohung entwirft, allein auch anhand der abwegigen Darstellerleistungen. Man kann schlicht nicht voraussehen, was geschehen wird, der Handlungsraum nutzt auf jeden Fall die Gelegenheit, immer tiefer im siffigen, psychotischen Wahn zu versinken, ohne dass man wirklich irgendjemandem die genaue Schuld dafür zuweisen kann (na gut, Ceras Charakter trägt wahrscheinlich am Ehesten dazu bei) - es scheint, ob nun beweiskräftig oder nicht, eine Verschwörung gegen diesen einen Menschen stattzufinden, auch in sich selbst und da will das ungreifbare, aber aus Hilflosigkeit eingesetzte Übernatürliche keine Lösung zu Tage fördern = ewige Verlorenheit in der Nacht.


Mehr an 'MAGIC, MAGIC' erklären kann und will ich im Augenblick nicht, dafür weiß er ordentlich auf seine eigene Art zu verstören, eben immer Stück für Stück den Teppich unter den Füßen weg zu ziehen und dabei trotzdem noch in seinen nervösen Ekstasen aufregende Unterhaltung und langsam ins Rückenmark ziehenden Nervenkitzel der filmischen Zerstreuung anzubieten. Was man dabei in Reihenfolge sieht, mag an sich nicht so ungewöhnlich oder wirklich unerklärbar sein (Juno Temple nackt zu sehen, ist z.B. echt nichts Neues), doch bei so einer inszenatorischen Dringlichkeit und subversiven Verzerrung der gezeigten Eindrücke mit minimalsten Mitteln erlebt man dann doch wieder etwas äußerst Besonderes - was natürlich auch auf den individuellen Zuschauer ankommt, klar, aber ich bin drauf angesprungen, auf diese Hypnose. Den Silva muss ich auf jeden Fall wohl erstmal eine Weile im Auge behalten.




SUCKER PUNCH - Wird von Mal zu Mal besser - Snyders 'HEAVY METAL', so schön frei vom konventionell-logischen Kino, großspurig, intensiv und dennoch herzlich von Kopf bis (tanzenden) Fuß. Die REIZvollste und krasseste Visualisierung von Freiheitssucht, die Hollywood in den letzten Jahren erlaubte - "Extreme Cinema" in jeder Hinsicht, ekstatisch im Digitalen und Musikalischen, aber über allem steht die empathische und gerne auch schroffe Unschuld des weiblichen Geschlechts. Ein knalliges und fetischisiertes Musical - handwerklich, audiovisuell und schauspielerisch erhaben und so herrlich overpowered, sogar trotzdem noch immer pointiert. Und allein, wie Oscar Isaacs und Abbie Cornish hier abgehen - ganz zu schweigen von der Präsenz Emily Brownings, welche sie ja im Blockbuster-Rahmen schon ewig nicht mehr hervorbringen durfte (anders in MAGIC, MAGIC - siehe oben). Das alles und noch viel mehr liefert diese ausgezeichnete Wichsvorlage - wenn man Bock auf ekstatisches Kino hat. Bitte mehr davon wieder mal, ist schon eine Weile her.




DIE BMX-BANDE - Brian Trenchard-Smith hat es einfach drauf! Als kommerziell fokussierter Kinderfilm gedacht, verleiht er dem Abenteuer der titelgebenden Haudegen um BMX-Radler P.J., Goose und Judy (Nicole Kidman) - welche sich in den Sommerferien ein paar Kröten dazuverdienen wollen, um sich ihren langersehnten Traum einer eigenen Rennstrecke zu erfüllen - die von ihm gewohnte affenstarke Stunt- und Spektakel-Energie. Ganz fix ist das bunte, radlerische Treiben in der sonnigen australischen Strandstadt Manly (!) etabliert, in welchem einige ganz rabiate, aber chaotische Gangster einen Geldtransporter ausrauben wollen, ihre High-End-Walkie-Talkies jedoch an unsere pfiffigen Protagonisten verlieren. Ab da entwickelt sich der Film zu einer atemlos erfrischenden Non-Stop-Hatz fürs kindliche Gemüt - angefangen auf einem gruseligen Friedhof, wo die zwei größten, mit phantastischer Blödelsynchro (Tommi Piper und Oliver Grimm) ausgestatteten Räuber-Trottel Moustache und Whitey in Faschingsmasken dem BMX-Trio auflauern wollen, während dieses sich nicht nur äußerst authentisch schaurige Geschichten verschiedener Horrorfilme zuspricht, sondern auch gewisse Flirtversuche mit dem Mädel der Truppe unternommen werden, das zumindest behauptet, beide Jungs irgendwie zu mögen.


Später jedenfalls, als sie allesamt mit frischen Bikes, personalisierten Helmen und offiziellen BMX-BANDITS-T-Shirts (brauch ich auch) durch das flotte, Perspektiven-auslotende Schnittgewitter Trenchard-Smiths düsen, bringen ihre flexiblen Radelfähigkeiten äußerst euphorische Blicke und Zooms untereinander hervor - der jugendlich-groovige 80's Soundtrack pumpt da entsprechend mit ins glückselige Adrenalin. Nach einem missglückten Aushorchungsversuch der Fieslinge verlagert sich die Jagd hinter den Walkie-Talkies sodann in die Innenstadt, durch vollgepackte Supermärkte und Freizeitparks, in denen man mit dem Rad durch die Wasserrutsche schliddert - volles Rohr, da schreien die zuschauenden Massen ohne Unterlass: "BMX"! Schließlich mischt sich doch die Polizei noch mal ein und erklärt den Kids, dass man sich eine Menge Ärger hätte einhandeln können, aber wie es sich für einen unbedarften Superfilm von dieser Sorte gehört, nehmen die Leute von der Sitte die Sache nicht so ernst, schließlich sind unsere Helden (vollkommen unabhängig von den nicht präsenten Eltern offenbar) nun drauf und dran, die Bösen dingfest zu machen, versammeln dazu eine ganze Schar an Fahrrad-Bengels und -Mädels um sich, welche mit krassem Hurrah!-Elan eine Mehlschlacht gegen die Gangster entfesseln, welche schlussendlich im slapstickartigen Mega-Schaum endet.



Eine ganz simple Angelegenheit eigentlich, wie natürlich auch der Schlusspunkt mit dem Erhalt der fetzigen Rennbahn, unterlegt mit dem Titelsong der PAPERS. Aber so bleibt einem auch die pure Essenz genüsslichen Kinos, die sich hier einfach nur allzu gerne ins energetisch-eskapistische Getümmel hineinstürzt und konsequent die Power pusht - erst recht von audiovisueller Seite aus, die zudem stets der immer leicht abwegigen Urigkeit der australischen Filmsprache verpflichtet ist und besonders im extremen 80er-Jahre-Look bizarre Befremdlichkeit anbietet. Und dennoch steht über allem die jugendliche Naivität an vorderster Stelle, nicht gerade bösartig-anarchisch, aber schlagfertig, sympathisch und in unentwegt-knackiger Dynamik - so lebenslustig und akrobatisch wie in einem Hongkong-Stunt-Reißer jener Zeit, hier mindestens genauso ambitioniert im Umgang mit den versierten Gimmicks eingefangen. Da kommen insgesamt nicht nur viele rasante Manöver, sondern auch hochgradig-spaßige Laune zusammen - eben eine erneut grandios zusammengewickelte Ladung cineastische Zuckerwatte vom Altmeister des Outback-Entertainments, Brian Trenchard-Smith. Hier sollte man als interessierter Zuschauer unbedingt in die Pedale treten!




DROP ZONE - John Badham führt uns an die aufregende Welt des Skydivings anhand eines High-Concept-Actionthrillers klassischer 90er-Jahre-Schule mit Wesley Snipes als dringlichen Gesetzeshüter heran - was an sich schon urtümlich gut klingt, aber in der Umsetzung der Idee erst den besten Elan findet. Mit dem ekstatischen Antagonisten Gary Busey auf der Gegenseite muss sich Snipes nämlich überwinden, die riskanten Luft-Manöver des freien Falls zu verinnerlichen, um den Tod seines Bruders aufzuklären und auch dessen Namen reinzuwaschen, nachdem sie bei der Überführung eines Zeugen von einer angeblichen Terrorzelle im Flugzeug überwältigt und im Nachhinein dafür verantwortlich gemacht wurden, dass sie mit ihren Handlungen eine folgenschwere Explosion an Bord verursachten. Nun kommt er dafür unter die Fittiche von HARD-TARGET-Dame Yancy Butler, die im Vergleich zum John-Woo-Vehikel einerseits mehr reizende-Frau und andererseits auch weit taffer sein darf - gute Schlagabtausche mit dem zunächst etwas skeptischen Sympathen Snipes kommen da pointiert zustande, selbst ein Schlag ins Gesicht ist da in petto, je schneller sie sich gegenseitig gewitzt ins Risiko schmeißen.



So oder so entwickelt sich eine ehrenvolle und energiefreudige Kameradschaft, die auch davon profitiert, dass Snipes auch öfters hilfreich den rettenden Martial-Arts-Experten für seine Kollegen geben darf - auf jeden Fall ist er gerne dabei, so ausgelassen er im Verlauf des Films dem Glück des gelungenen Fluges hinterherfeiert, er ist eben auch ein wahrer Kumpelmensch. Bei Buseys Truppe sieht das Ganze nicht so rosig aus, klar sind eh alle etwas hämischer drauf, aber der Macker kennt auch kein Erbarmen, potenzielle Risiken in seinem Stab auszuschalten (wodurch auch Butlers Charakter noch ein Huhn mit den Baddies zu rupfen hat) oder diese ohnehin zu Extremen zu triezen - alles für den perfekten Einbruch zur Erbeutung von Drogen und korrumpierenden Daten. Dahingehend findet der Film allmählich seinen Klimax in einem Szenario, das verschiedene Stationen der STIRB-LANGSAM-Formel komprimiert und zu bombastisch-rockiger Hans-Zimmer-Musik (der in den euphorischen Flugszenen schon den Pathos seines MAN-OF-STEEL-Soundtracks vorgreift) Genre-gemäß pointiert, das Hauptaugenmerk aber vor allem auf die luftige Akrobatik des engagierten Stunt-Teams legt.


Da steckt reichlich Ehrfurcht und Respekt für das aerodynamische Kunstwerk, wird unter Umständen von den effekt-technisch, für die Entstehungszeit erwartbar sub-realen Zwischenschnitten auf die bodenständigen Hauptdarsteller vorm Greenscreen etwas abgelenkt - was aber insgesamt zum Film ziemlich homogen abläuft, da dieser stets eine etwas unwirklich-künstliche Beleuchtung inne hat. Abgesehen davon ist der Unterhaltungs-Faktor des souveränen Genre-Reißers nicht von der Hand zu weisen und auf narrativer Ebene zudem auf die Erfüllung von Gerechtigkeitsgefühlen und der Erbauung von eskapistischen Endorphinen ausgerichtet, mit durchgehend-kurzweiligem Spielspaß und Action-süchtiger Rasanz in der Vermittlung der sportlerischen Talente und Ekstasen ausgestattet.




I'M ALMOST NOT CRAZY: JOHN CASSAVETES - THE MAN AND HIS WORK - Auf der frisch bei CRITERION erschienenen und empfehlenswerten Region-A-Blu-Ray-Edition zum Film 'LOVE STREAMS' befindet sich diese knapp 1-stündige Dokumentation, welche anhand der Dreharbeiten zum besagten Film einen kleinen Einblick in die Schaffensart des Regisseurs John Cassavetes gewährt. Dabei wird er gerne seinem Credo gerecht, insbesondere auf den Aspekt des Lebens Liebe eingestellt zu sein, nicht unbedingt auf das formelhafte Handwerk des bloßen Filmemachens, das kann man ja schon von seinem Werk an sich erahnen. Nein, stattdessen porträtiert der Beobachter des Ganzen, Michael Ventura, hauptsächlich kreationale Charakterentwicklung im stets fließenden Einklang der brütenden und intensiven Macher in Sachen Cast & Crew - eine Transzendenz findet statt und das erklärt auf gar nicht mal so spektakuläre Weise (was auch gar nicht nötig wäre), warum seine Filme eine derartig ehrliche Kraft in sich haben.

In diesem Fall konnte Cassavetes schon von Glück und besonderer Unterstützung reden - dank der Zuspruchskraft des jüngst verstorbenen Kinomagiegläubigers Menahem Golan -, sich filmisch so ausdrücken zu können. Doch eine runde Sache wurde das erst durch den exemplarischen Katalysator der lebensliebenden Philosophie in Zelluloid, Gena Rowlands, weshalb der Film sich gleichsam-anteilig ihrem Approach und ihrer kreativen Leistungen widmet - immerhin steht sie ja als einvernehmende Präsenz der Cassavetes-Streifen meist schon allein für 'HIS WORK' oder besser gesagt 'THEIR WORK'. Da wird dann auch klar, wieviel Wert man als Regisseur aus seiner cineastischen Arbeit herausholen kann, wenn die menschliche Führung zum aufregenden Fokus gerät und da versteht man nochmals, warum Cassavetes in seinem Schaffen so eine rohe ungefilterte Filmsprache einsetzt, dafür ein großes Fass der wahrhaftigen Emotionen öffnen kann.

Erwarteter Weise lässt sich das eigenwillige Verrückte in dieser durchgehend auch hinter der Kamera praktizierten Methode nicht von der Hand weisen, dem Humor des Ganzen ist man sich dennoch bewusst, man lässt es eben sowieso geschehen, weil das Leben nun mal wilden Impulsen folgen, ausrasten will - es bleibt dabei nun mal trotzdem grundmenschlich und das in Filmform zu bannen, ist noch immer harte Arbeit, die es dann auch in kommerzieller Unterwerfung schwer hat, sich durchzusetzen, wovon Cassavetes ja ein Lied singen kann. Aber lieber aus dem letzten Loch pfeifen, um menschliche Erfahrungen und Liebe aufzusaugen und herauszusprühen, vor oder hinter der Leinwand, als gar nicht. Schon inspirierend - und auch schön temperamentvoll, wenn in privater Besprechung ein 'Fuck off with the camera!' entgegnet wird. Ehrlichkeit in der Kunst ist nun mal eine Tugend.




TAUSENDSCHÖNCHEN - Ausgelassener, formbrechender Dada-Slapstick und frivoler Vandalismus als genüsslich mädchenhafte Anarchie - als 60's-Pop-Art-Manifestation des rebellischen Zeitgeistes anhand eines neckischen Mädel-Duos in der damaligen Tschechoslowakei äußerst konsequent, fröhlich und visuell durchgehend kunterbunt. Mehr muss man dazu nicht sagen, denk ich mal.




CONEHEADS - Eines von Dan Aykroyds genüsslich merkwürdigen Passions-Projekten der 90er Jahre neben VALKENVANIA, basierend auf einem beliebten SNL-Sketch und randvoll mit jenen von dort stämmigen Cast-Mitgliedern besetzt - hat vielleicht nicht mehr die ganz großen Lacher auf seiner Seite, macht als absurde All-American-Familiengeschichte (inkl. Kontrast der Aliens und ihrer in der Menschenwelt aufgewachsenen Tochter) mit dem satirischen Hintergrund der US-Einwanderungspolitik eine noch immer gefällige Figur, welche von der souverän-pointierten und auch effekt-technisch geschulten Arbeiterhand des Regisseurs Steve Barron ('TURTLES', 'LIEBE AUF DEN ERSTEN BIT') ordentlich-quirlige Kurzweiligkeit verliehen bekommt, welche den Zuschauer anhand eines noch immer nachvollziehbaren Sozialfaktors gejagter und liebenswürdiger Minderheiten am Ball hält, auch wenn die wahre Herzensgüte des Kerns aufgrund der kompakten 90-Minuten-Laufzeit natürlich etwas kurz treten muss. In der deutschen Fassung gibt es dabei aber einen irre tollen Thomas Danneberg oben drauf, der die bizarre Einzigartigkeit des Konzeptes nochmals unterstreicht. Auf jeden Fall eine nette Wiederentdeckung wert.




2-HEADED SHARK ATTACK - Ich weiß, es ist inzwischen tristester Mainstream, die lieblosen Auswüchse des sogenannten Hai-Trashs zu unterstützen, doch im Falle dieses Films von Christopher Ray werde ich mal eine Ausnahme machen, da er ja verhältnismäßig wenig ironisch-gewollten Mickrigkeits-Humor einsetzt und allein durch seine schon so aufkeimende Unbeholfenheit glänzend unterhält. Hinzu kommt dabei aber immer noch der exploitative Genuss von schnieken Babes mit/ohne Bikini (= Carmen Electra) in selbstzweckhafter Fassung und der einigermaßen bemühte Versuch, eine Charakterentwicklung des Sich-der-Angst-Stellens anhand der Hauptdarstellerin Brooke Hogan zu skizzieren, was zumindest echte filmische Ambition erahnen lässt. Dass diese neben den abgesoffenen CGI-Effekten mit einem als rasant-gedachten, aber höchst plan- und orientierungslosen Schnittkonzept ausgestattet ist, gibt dem doppelköpfigen Hai-Schlemmer-Prozedere auf einer verlassenen, allmählich durch Seebeben untergehenden Insel aber erst den unterhaltsamen, faszinierend-perplexen Pfiff. Über allem steht aber die muskelbepackte Karikatur von Fratboy Cole, der ständig alle Chicks anmacht, nach Proteinen lechzt, selbstgefällige Fratzen schneidet und aus der ganzen Situation einen Witz macht, bis hin zum eigennützigen Verrat an seinen austauschbaren Teenie-Freunden. Natürlich ist er mein Favorit, allein auch daher, wie grenzgenial er von Geoff Ward aufgespielt wird. Abgesehen davon bleiben die Augen natürlich effektiv auf die großen Brüste, die blöden Biester-Effekte und das dringlich-tropische Blutgematsche fixiert - eben ein purer Spaß für den geneigten Tele5-Zuschauer, selbst wenn der Sender jetzt immer mehr in ekelerregenden Schubladen denkt (nach dem grundfalschen SchleFaZ-Konzept kommt jetzt auch die Kategorie AndersARTig für 'qualitativ hochwertigere Arthousefilme' = KOTZ!).




SPECIAL ID - Nicht wirklich der ruppig-straighte Intensiv-Martial-Arts-Thriller, den die ersten Trailer vermittelten, stattdessen eine geradezu kinderfreundliche, poppige (aber musikalisch ironischer Weise völlig billig-aufgesetzte) Variante eines geläufigen Undercover-Cop-Streifens, mit einem Donnie Yen, der ein flippiges, schon komödiantisches Image herausholt, wie er es seit den frühen 90ern nicht mehr benutzt hatte. Als vermeintlicher 'Hooligan' (Triaden werden der politischen Zensur wegen nie erwähnt) ist er aber zumindest ein netter Kerl, dessen höchstes Ziel neben der Wiedereinkehr in den normalen Polizeidienst der Schutz seiner eigenen Mutti ist, der er auch fröhlich lachend Bilder von der bildhübschen Skyline bei seinem Auftrag in Festland-China schickt. Dort muss er nämlich hin, um den Mord an einem anderen Gangster aufzuklären, hinter dem sein ehemaliger Schläger-Kollege Sunny steckt. Währenddessen streitet er sich aber auch mit seiner neuen Kollegin Amy rum, die weit effizienter und linientreuer als er arbeitet, ebenso ordentlich Arschtritte austeilen kann, aber auch von ihm einiges an Flexibilität und Tötungshärte lernen kann.


Eine Dynamik, die wie der gesamte Film an sich einen gewissen BEVERLY-HILLS-COP-Vibe ausstrahlt - allein der Wechsel von Hongkong in die Festland-Metropole Shenzhen (soweit ich mitgekriegt habe unter anderem Namen, um ja die Integrität der Stadt zu wahren, nehme ich mal an) kommt wie der Übergang von Detroit nach L.A. rüber, nur eben noch sauberer. Der großzügig von der Regierung gesponserte Streifen legt eben doch besonderen Wert darauf, dass ein gutes Bild vom kontemporären Wirtschaftszentrum China vermittelt wird: die City ist hochmodern und attraktiv, die gewissenhafte Polizei benutzt die neueste Supertechnik, die Autos für die Verfolgungsjagden haben benutzerfreundliche Sicherheitssysteme und alles, was mit der Unterwelt zu tun hat, fällt ausgesprochen verharmlost aus. Da der Film eh offensichtlich an ein jüngeres Publikum gerichtet ist, muss man solche Kompromisse wohl oder übel in Kauf nehmen, auch was die kalkulierbare Plattheit der Charakterzeichnung und den Mangel an fühlbarer Tension betrifft.


Abgesehen davon sind die verschiedenen Kampfszenen von Yen selbst ordentlich choreographiert und gekonnt bunt in Szene gesetzt, mit dem Vorteil, dass man sich in diesem Rahmen auch mal den ein oder anderen visuellen Witz erlauben kann à la Jackie Chan. Letztendlich arbeitet 'SPECIAL ID' passabel auf solche souverän-unterhaltsamen Qualitäten hin, geht aber zu sehr auf Nummer Sicher in der Anbiederung an 'ordentliches Entertainment' fürs Festland, obwohl die Liebe zur filmisch festgehaltenen Kampfkunst noch immer engagiert zur Geltung kommt, auch wenn die digitale Kameratechnik dafür alles einfach zu glatt ins Licht rückt. Eben voll und ganz ein glattes Donnie-Yen-Vehikel, demnach auch weit ab von der Rohheit eines KILLZONE SPL, um mal ein in jeder Hinsicht interessanteres Beispiel seiner Karriere zu nennen - trotzdem mal nett, den Mann wieder mal so quirlig (und braungebrannt!), wenn auch nicht ganz so frech, wie man's gerne hätte, zu erleben. Hauptsache, er geht nicht irgendwann so hart auf solch ernüchternd-patriotische Pfade wie es Chan und Chow Yun-Fat jüngst nicht lassen konnten.