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Sonntag, 18. Dezember 2016

Tipps vom 12.12. - 18.12.2016

Lebe Lieser,
es dauert nicht mehr lange und Weihnachten steht vor der Tür wie eine unbekannte Dame mit Hund, die mitten in der Nacht anklingelt und mit in die Wohnung reinkommen will, weil ihr Mann eine einstweilige Verfügung gegen sie erwirkt hat. Ja, 2016 hat uns für wahr an Erfahrungen bereichert, die unsere Alltagswahrnehmung für immer veränderten, auf dass es nur allzu gut passt, schnurstracks in ein Fest der Liebe und Familie katapultiert zu werden, während Ungewissheiten, Tod, Krieg und politische Kernschmelzen ringsum irgendwie keine sichere Grundlage fürs kommende Jahr garantieren wollen – haltet mich auf, falls ich meinen postfaktischen Pessimismus übertreibe. Es kommt so oder so die Zeit, alles eben Genannte für eine Weile zu vergessen und da wird die Anpassung eine mentale Probe sondergleichen, die meiner Erfahrung nach im Geschenkekaufrausch und bierseligem Zusammensein unter Freunden und Kollegen noch am besten hinhaut. Das Haus nicht verlassen zu wollen, ist aber ebenso legitim, versteht sich, aber um in die richtige Feiertagslaune zu kommen, bedarf es ausgewählter Schätze der Filmwelt, die herzlichst um die Werte gegenseitiger Barmherzigkeit und Güte kämpfen, im Glück der Einigkeit aufgehen und Frohsinn verbreiten. In dieser Ausgabe des Blogs werden wir keinerlei solcher Werke kennenlernen, schließlich war schon „Ist das Leben nicht schön?“ ein Auslöser für Depressionen meinerseits und ein nachgeholter Klassiker wie Bob Clarks „Fröhliche Weihnachten“ fast schon langweilig in seinem Baby-Boomer-Retro-Kitsch, weshalb wir ausgerechnet in diesem Rahmen doch mal eher die Art von Weihnachtsstoff zurate ziehen, die nur vage oder gar konträr auf die Feiertage anspringt. Bevor ich versuche, mich da hineinzusteigern, sei noch darauf hingewiesen, dass die etwas größeren Kritiken wie „Rogue One“ oder „Hacksaw Ridge“ weiter unten auf euch warten, weil ich spaßeshalber nie mit dem Clickbait anfange und die Leser daran binden will, vorher noch kürzere Einschätzungen mitaufzunehmen, ob sie es nun wollen oder nicht. In diesem Sinne:




Etwas auf Sparflamme aufbereitet, allerdings gewissermaßen von Vornherein auf den Brexit kommentierend, erhebt sich das britische Genre-Unding „Der Weihnachtsstern“ von Richard Elson aus dem DVD-Grabbeltisch und versucht, die Probleme der Menschen anhand der heiligen Telekinese eines kleinen Mädchens namens Noelle zu lösen, welches nach einem stark offensichtlichen Jesus-Gleichnis ins nordirische Fischerdorf Pottersglen hineingeboren wird und seit jeher streng harmlos sowie mit unterster Synchro die Gegend aufmischt. Im Laufe der Zeit schafft das Mädel mit seinem CGI-Tunnelblick den Frieden unter streitenden Parteien, als wäre sie eine vorteilhafte Neufassung vom „Dorf der Verdammten“, doch niemand glaubt an ihr zauberhaftes Talent, wie man ihr auch nicht die Skepsis über die sinestren Machenschaften von Pat McKerrod (Rob James-Collier, extra gemein am Chargieren) abnimmt, der als letzte Option noch die Schneekugel-Fabrik der Gegend zu retten imstande sein könnte. Ihr Vater Joe (Richard Clements) hat keine andere Wahl, ohnehin reichlich Beef mit dem „Selbstgebräunten“ (der so weiß wie alle anderen ausschaut), weil der ihm einst fast seine Frau ausspannte, doch was will man machen? Schließlich kurvt jener Pat, der Star der Show, im Auftrag von Mogul Mr. Shepherd (Pierce Brosnan, vom ersten Auftritt an in teils zweideutigem Körperrhythmus unterwegs) mit dem Nummernschild „The Boss“ durch die Gegend, schleppt ohne jeden Grund seinen angeberischen (sowie auf die Fußball spielenden Dorfkinder neidischen) Sohn Junior mit und verspricht mit fetten Schecks, die ortsansässige Industrie wieder groß zu machen, während der Verkauf an China im Hintergrund schon seine Blaupause erhält.


Noelle trägt auch nur bedingt zum Eindämmen dieses Plans ein, so wie sie bei einer hitzigen Stadtversammlung zum Thema jeden bürgerlichen Groll ausschaltet und Pat den Weg ebnet, ohne dass irgendjemand mal den von ihr verursachten psychischen Schaden spontaner Meinungswillkür hinterfragt. Aber fürs Feingefühl zwischenmenschlichen Umgangs hat der Film ohnehin nicht alle Sachen beisammen, wenn er Noelles kauziger Hebamme, welche die Familie beizeiten besucht, eine „Liebe ist“-Phrase nach der anderen in den Mund legt und das Vertrauen der Kid-Freunde Noelles (u.a. ein Kleinwüchsiger namens Spud-Bob) zudem wankelmütig wie dramatisch von Nichtigkeiten abhängig macht, während der örtliche Radiomoderator (Liam Neeson) als stimmungsmachender Voiceover durchweg nach Selbstmord klingt. Weil das Elternhaus da ebenso passiv auf bessere Zeiten hofft und Aktionen voller Kinderlogik nicht das erhoffte Aufwecken der Bevölkerung erwirken, bleibt dann nur noch der Mut zum Stehlen und zur aufgedeckten Wahrheit binnen des britischen Parlaments! Die Fantasie wirkt nicht unerheblich von Capra inspiriert, die Produktion ist dennoch kaum mit der Dynamik ausgestattet, die derart ans Herz gehen könnte, viel mehr kann man sich an der spontanen Natur ungeschickter Filmerzählung erfreuen, die Motorradüberfälle erst nach der Hälfte der Laufzeit wirklich aufklärt, die Motive der Bösen untereinander moralisch abkoppelt, damit (nicht nur) Brosnan seinen einen Drehtag im Büro geschmeidig erledigen kann, jede Einsicht vage hält und vom Wunder wahlloser Hilfsbereitschaft ausgeht, wenn die Engpässe der Abgehängten via Live-Schaltung zur Debatte stehen – „Money Monster“ lässt grüßen, nur dass sich dieser Film als Schnellschuss-Märchen entschuldigen und wenigstens eine herausragende Dialogzeile vorweisen kann: „Es gibt zwei Sorten von Menschen in dieser Welt, Junior. Und ich verabscheue beide.“ Was für ein Spruch, was für ein Arschloch, was für ein kurioser Kinderfilm!




Für wen auch immer gedacht, schaut Nora Ephron mit komödiantischem Zynismus hingegen auf die Empathie gegenüber Feiertagsdepressionen, sobald sich „Lifesavers – Die Lebensretter“ einschalten, den X-Mas-Suizid unter kalifornischer Sonne zu verhindern, während diese selbst mit Zahlungsunfähigkeiten, hohen Mieten und anderen Frustrationen zu kämpfen haben. Ob man nun im Aufzug feststeckt, bei der Rettung aus diesem von ignoranten (und folglich kurzzeitig gehörlosen) Frustschiebern zerquetscht zu werden droht, der Kunde im Transvestiten-Aufzug zum Tanz auffordert (die Beinahe-Gay-Panic-Szene schlechthin), Schwangerschaften, verkorkste Liebschaften und den Running Gag im gegenseitigen Schädelbumsen mit Türen durchstehen muss: Es soll irgendwo witzig sein, wenn auch die Pointen in ihrer schwachen Fallhöhe wie verdichteten Aneinanderreihung allenfalls auf die überspitzte Verzweiflung des jeweiligen Ensemble-Mitglieds hinweisen. Selbst unter dem Argument schwarze Komödie bleibt die Angelegenheit relativ flach und harmlos, eher wie vom Boulevardtheater ausgeliehen, was die Konzentration aufs Mietbüro und dessen Nachbarschaft innerhalb eines Tages betrifft, an dem ein Star-Aufgebot von Steve Martin über Rita Wilson bis hin zu Madeline Kahn, Juliette Lewis, Adam Sandler und Anthony LaPaglia auftritt sowie sich die Krätze an den Hals wünscht, wenn mal nicht die Versöhnung aus externer Enttäuschung probiert wird. Das Misslingen jeder Leichtigkeit im Grundton der Misanthropie ist da vorprogrammiert und zudem mit Längen der Gleichförmigkeit ausgestattet, aber beachtlich energisch in der Misere unterwegs, als könne man dem Alltag anhand dessen kollektiv eine Klatsche geben, im Publikum zur kathartischen Wiedererkennung aufrufen, nach dem Prinzip: „Soziale Verlierer halten in der Klassenkeile zusammen.“.


Dass Sex und Liebe hier ebenso Höchstziele ergeben, wird nur selbstverständlich, weil umso süßer im Absteigerdasein des weißen Mittelstandes, doch zuvor muss man mit Nachrichten vom Strandwürger vorlieb nehmen, dessen Methoden als Futter für Beleidigungen herumgereicht werden, teils grundlos an Personen gerichtet, die man vor knapp zwei Sekunden kennengelernt hat, so wie auch Rollerskater im Duo auf dem Beach-Bürgersteig Passanten mit ihrem Weihnachtsbaum umschmeißen, wenn sie nicht auf drei zur Seite springen. So hasserfüllt wie die Umwelt hier agiert, sind die weibliche Hysterie und männliche Überdosierung mit Tierarzneimitteln nicht weit, auch nicht das leichtfertige Spiel mit Revolvern, Drohungen und waschechten Impulsmorden, die per Anarcho-Naivität aufmuntern sollen, aber mindestens so unangenehm verlaufen wie manche Filme, die Kameramann Sven Nykvist zuvor belichtete. Von diesen leiht er sich zumindest einiges an fiebrigen Farbenspielen (mehr Schreie denn Flüstern) aus, die er in die vermeintliche Proll-Idylle binnen des L.A. zu Weihnachten mischt, doch viel mehr bleibt ihm via Ephrons Kalkül zu konstruierten Situationskomiken an Arschlöchern und Zerbrochenen nicht übrig, wenn ein Happy End in der Rechtfertigung eines Mordes aus Versehen evoziert wird und so heuchlerisch wie hoffnungslos zu Baby Jesus zurückfindet. Die innewohnende Härte der thematischen Grundlage beweist durchaus Mumm und eine im Ansatz effektive Gegenhaltung zum idealisierten Gift an ausblendenden Nettigkeiten zur Jahreszeit voller Licht und Schatten, doch im Endeffekt fehlt die Konsequenz zum klaren Biss, das Geschick einer wahren Satire, die Inspiration zum Angriff über urige Fummeleien, Appartementschrecks und lautmalerische Neurosen hinaus. Zumindest das Überangebot an Hunden macht einiges wieder wett.




Nicht minder unkonventionell und ebenso leicht im Tempo vergriffen, aber insgesamt weit gelungener in seiner Varianz überwältigenden Humors aufgehend (von der zeitgenössischen Kritik zudem übermäßig begraben), steigt „Surviving Christmas“ von Mike Mitchell ins Rennen, die Sentimentalität zum Heiligabend binnen einer Prämisse zu persiflieren, welche den Gedanken der Familie binnen der Bush-Administration von der eigenen Politik der Willkür kosten lässt – sozusagen eine coalition of the willing für die Empathie des Geldes wegen, mitten im Herzen Chicagos zwischen Penthouse und Suburbia. Mit der Vergänglichkeit der Werte spielt bereits das Intro Sequenzen an umgekehrten Leitbildern aus, welche die Plätzchen aus dem Ofen schieben und den Kopf daraufhin hineinstecken, um das Gas aufzudrehen. Im Folgenden versucht Multimillionär und vermeintlicher Vollwaise Drew Lathem (Ben Affleck, als grinsende Variante Bruce Waynes) dann auch eher, seine Verlobungsflamme aus gutem Hause, Missy (Jennifer Morrison), zur Reise auf die Fidschi-Inseln zu überreden, obgleich ihr die Familie wichtiger ist und er somit trotz einsamen Superloft (mit „Fenster zum Hof“-Überblick für Glücks-vergleichenden Kuleschow-Effekt) auf psychisches Nimmerland stößt - so geradewegs schlicht eingeschossen, dass die Lachglocken allein schon Afflecks Reaktionen wegen erklingen. Das Leiden übertüncht er im Eifer eines manisch-depressiven Stehaufmännchens, weshalb er seinen Psychiater stalkt und dieser ihm empfiehlt, das alte Familienhaus seiner Eltern zu besuchen, um dem Vergangenen eine befreiende Geste entgegenzubringen. Das meldet sich dann aber mit dem schroffen Wesen Tom Valcos (James Gandolfini) zurück, der dem ungewünschten Gast als gegenwärtiger Besitzer mit Familie die Rübe einzuschlagen droht, im Zuge der Nostalgie jedoch Drew dazu beflügelt, einen aberwitzigen Deal einzugehen.


Gegen Bares sollen die Valcos seine Ersatzfamilie spielen und mit ihm alle Stationen des amerikanischen Ideals durchnehmen, als wäre das Retro-Glück für die Wirklichkeit angepasst. Obwohl der Wahnsinn 5 vor 12 anschlägt, gehen die Valcos auf den heißen Preis ein, woran sich die Anpassungsschwierigkeiten von Oberhaupt Tom am Goldigsten zeigen, so subtil-angeschissen er jede überambitionierte Wunschweisung Drews über die Bühne bringt, dem Springteufel an Moneten am liebsten an die Gurgel will. Bitte die Mütze beim Einkaufen aufsetzen, bitte beim falschen Santa Claus ein hysterisches Gruppenbild schießen lassen, bitte so reden, bitte nicht an Scheidung denken, so war's damals nicht, etc., etc. Die disfunktionale Realität (der Valcos oder jeder Familie) wird unterbuttert wie es die Märchenerzähler des Konservativen haben wollen und bekommen dafür noch einen falschen Opa/Doo-Dah auf den Leim geschenkt, mit dem Bilderbuchtexte eingeübt werden. Doch so wie Regisseur Mitchell sein Ensemble durch den Ist-Zustand nach 9/11 jagt, so denkt er sich auch kontinuierlich in ein konstruktiv-tristes Treffen der Weltbilder hinein. Die Spannung zwischen Tom und Noch-Gattin Christine (Catherine O'Hara) ist unübersehbar; die sozialen Stärken von Sohnemann Brian (Josh Zuckerman) sind abseits des Computers kaum festzustellen; Drews Präsenz allein garantiert ein Aneinanderreiben der Americana, wie sie im Christmas-Zuckerguss nur noch ihre Hülle stemmen können. Erneut nach Formate Capras versucht Drew dann doch mehr und mehr in Geberlaune die Versöhnung und Einigung des Phantoms Familie, das er sich hier als Replikation ausgewählt hat, doch solch ein Unternehmen ist zum Scheitern verurteilt, selbst wenn seine motivierenden Ansätze Früchte des temporären Wandels tragen – siehe dazu auch die Annäherung zu Valco-Tochter/Scheinschwester Alicia (Christina Applegate) inklusive Widerwillen, ambivalenter Romantik und Überdruss, wenn er auch an ihr die Vergangenheit zu empathisieren versucht.


Die Eskalation folgt dann im Besuch seiner Missy und deren Eltern, dass die Checks für die Valcos durch die Decke gehen und ein fingierter Inzest Drews überambitionierte Seifenblase platzen lässt. Die Mischung aus Honk-Humor und leichtem Drama ist sich da letztendlich gewiss nicht für drollig-vergebende Plattitüden zu schade und dem Licht am prallen Weihnachtsbaum verpflichtet (Typisch Drew dazu: „Habe ich beinahe vergessen: Bitte nicht direkt ins Licht schauen!“), Nächstenliebe und Hoffnung zu finden. Die absurde Konstellation an grellen Visagen und Aufforderungen zur puren USA jedoch sind vordergründig der Hit jener nationalen Selbstentlarvung anno 2004, die den Kalten Krieg der Klassen unter dem Mistelzweig so greifbar macht, indem sie den Fanatismus der Erwartungen angreifbar macht und entgegen seiner Unschuld via Checkausstellung auf einen labilen Boden zurückbeordert, der keine stille Nacht hinnimmt, aber der Affäre untereinander nicht abgeneigt sein kann, solange er sich zeigen darf. Veränderung geschieht hier wohlgemerkt auch nur per Einigkeit, selbst über die Differenzen der Ausgangslage hinweg, wenn die Begegnung mit dem kleinen Mann per (Selbst-)Achtung vonstattengeht, die Traumata der jeweiligen Seiten die Aussprache erreichen und sich gegenseitig adaptieren, auch wenn der Prozess zwangsläufig ein perverser ist, somit urkomisch bleibt sowie auf Toleranz entgegen steinalter Ideale (siehe Mindys Vater) setzen kann. Und das von einem Film, dessen Entstehungsprozess wohl von permanenter Improvisation ohne fertiges Drehbuch gekennzeichnet war – beachtlich, auch wie leichtfüßíg das Ganze dann zu Überraschungen voll Kontext, Kontra und Liebe über die Parteilichkeit hinaus führt. Dass die spießigen Wurzeln des christlichen Abendlandes hierin trotzdem wie die Verfassung der USA verankert bleiben, ist natürlich unausweichlich. Gibt es ein konkretes Beispiel im Weihnachtsgenre, das die einende Urtümlichkeit des Festes mit Anlauf verstört? Und ich mein jetzt nicht die obligatorischen Horrorvarianten à la „Teuflische Weihnachten“ (1980).




Ab hier verlassen wir wieder kurzzeitig die Zwiespälte der Besinnlichkeit, denn Gerüchten zufolge lässt sich beinahe so etwas wie ein antiamerikanisches Manifest in Lars von Triers „Dogville“ antreffen, jenem experimentellen Melodram, das mit einer Überlänge und Dramatik wie geschaffen fürs epische Technicolor scheint, jedoch eventuell korrumpierende Anschlussflächen (oder Sentimentalitäten des nationalen Stolz) via Landschaft und Kulissen vom Schlage eines „Vom Winde verweht“ (steht noch auf meiner Watchlist) ausklammert und somit dem typischen Charakter eines US-Epos entsagt, um aus den Essenzen der Charakteranalyse zu schöpfen. Die Transparenz, mit welcher die physischen Mauern als psychische Mauern moralischer Abgrenzung umfunktioniert werden, bringt da schon eine so leichte wie geniale Wahrhaftigkeit mit sich, die in vorausbeschreibender Kapitelform am Kopfkino des Literarischen heranzutreten versucht und dieses mit der Adaption von Ansätzen modernen Theaters (Bezüge zu Brecht sind wohl ebenso gegeben) zum Fokus charakterliche Zweige verknüpft. Kurzweil wird innerhalb der knapp drei Stunden an Beobachtung nicht bloß eine Begleiterscheinung - meist aus der Hand digitalisiert oder in konkreter Vogelperspektive auf direkten Zugriff konzipiert, ist das Netz an einladenden Charakteristiken recht umtriebig aufs Amerika der Großen Depression zugeschnitten wie auch als Provinzmilieu binnen der Rocky Mountains von Außenseiterperspektiven (abgesehen von der unseren) abgeschnürt. Ob diese Position des isolierten Mikrokosmos den Gesamtkomplex fair repräsentiert, sei mal fürs Erste hingestellt, jedenfalls macht man sich mit einer Gesellschaft bekannt, die sich untereinander versteht, auf geregeltem Alltag baut, seine Menschenkenner, Philosophen, Farbigen, Arbeiter, Behinderten, Idealisten und Träumer mit lockerer Hand führt und behält – da muss der (historische, nationale) Kontext noch nicht mal entscheidend sein, solange das menschliche Wesen in seinen Formen und Wegen auf einen Nenner kommt, der jene minimalistische Expansion der (Um-)Wege etablierter, demokratischer Ethik festzustellen vermag.


Der erste zentrale Charakter im Sinne dieser Bewertung, Tom Edison (Paul Bettany), ist da auch nicht ganz fern von seinem Regisseur, wenn er als Schriftsteller die Veranschaulichung des Areals und seiner Mitmenschen zu fassen wie auch zu vermitteln versucht, doch anhand des objektiven Off-Erzählers bleibt dieser Ehrgeiz nicht von Dauer in Sachen moralischer Festigkeit. Die Probe ergibt sich nämlich im Auftauchen der von Gangstern gejagten Grace (Nicole Kidman), die Tom zu beschützen und mit der Volksgemeinschaft anzufreunden versucht, dass sie im Dorf als wertvolles Mitglied von außerhalb akzeptiert wird, unter deren Schutz friedvoll leben darf und Toms allmählich entpuppendem Wunschtraum einer großen Liebe entsprechen kann. So wie sich der Rausch im Reiz des Neuen anfangs noch ergiebig, sprich von seiner besten Seite zeigt sowie die Hilfsbereitschaft von Grace zu schätzen lernt, so sät die Zeit aber schon bald Abhängigkeiten - wie das Unterrichten von Veras (Patricia Clarkson) Kindern oder das Seitenumblättern für die Kirchenorgelbedienerin Martha (Siobhan Fallon) -, die bisher ungebrauchte Aufgaben des Alltags durch Grace als Gegebenheit erscheinen lassen, deren Ansprüche nie zu verwirken scheinen und sogar Hass erschaffen. Der Weg zur Ausbeutung und Willkür ist da absehbar, zu dem Zeitpunkt aber noch weniger extern, als durch die Persönlichkeiten ringsum definiert. Die Gewichtung an Regeln ist stets eingeschworen bis unbarmherzig abgestimmt, die persönliche Einmischung von Grace wird hingegen als Berechtigung aufgefasst, ihr näher zu kommen, auch mit dem Vordruck der Machtverhältnisse ein Recht zu motivieren, das sich bei der Schönheit der jungen Dame vor allem sexueller Aneignung erfreut, wenn die vom Leben enttäuschten sowie von Anfang an misstrauischen Zeitgenossen wie Chuck (Stellan Skarsgård) ihren Frust entladen. Deren Druckmittel, sie könnten sie beim Aufmucken an die Behörden verpetzen, hängt stets im Gewissen der unausweichlichen Seelenschlucht, doch Grace bleibt, ihrem äußerst platt wie filigran an Symbolik einlösenden Namen entsprechend, ohnehin von einer Vergebung gezeichnet, die ihre Schmerzen unter Protest entgegennimmt und doch nicht zu verurteilen gedenkt; höchstens die Flucht sucht, nachdem Tom sie ohnehin erst ihrer Bescheidenheit entgegen vom Bleiben überzeugen musste.


Guter bzw. gutgemeinter Rat ist eine harte, wankelmütige Währung in der Anpassung an Realitäten und Idealen, das wissen wir schon von „Surviving Christmas“, hier zudem in der Begegnung mit dem blinden Jack McKay (Ben Gazzara) und seinen energischen Erinnerungen ans Gesehene, doch wie sich die Verhältnisse fortan entwickeln, zeugt dann von der oft unterstellten Kritik ans Œuvre Von Triers, manipulative Gefühlsspektakel aufzuziehen. Nun ist der Herr nicht immer ein Paradebeispiel für Subtilität gewesen, doch seine Autorenschaft greift ab dem gewissen Punkt zerschmetterter Porzellanfiguren (eben solche mit persönlicher Relevanz) auf eine Argumentationsart zurück, die aus der Vorbereitung im Figurenspektrum eine Ansammlung an Strawmen erwirkt, welche nicht bloß in platter Offensichtlichkeit auf die von sich selbst aus natürlich kaum erkannten Widersprüche ihrer Worte, Werte und Taten hinweisen - als seien grundlos böse Stereotypen aus dem Stephen-King-Universum vor Ort -, sondern zudem ideologische Konsequenzen vorbereiten, die höchstens theoretisches Futter für eine Exploitation im intellektuellem Rahmen ergeben. So wie Von Trier seine Frauen liebt, so quält er sie auch, doch selten in solch einer hermetischen Gefühlskälte, die erklärt mehr vom Prozess als von der Emotion preiszugeben glaubt, sich aber dann um die wirklich schwierigen Passagen scheut, wenn Grace z.B. ihrer Versammlung an Peinigern die Wahrheit sagt und dabei vom Voiceover überfrachtet wird, an dem die Konfrontation von einer Entsprechung ersetzt wird, die als Veranschaulichung einige potenziell wirklich interessante Gedankengänge Richtung Schluss verdrängt. Gleiches gilt für den Wandel Toms, der so versimpelt wird wie er auch die Unfehlbarkeit des Intellektuellen deklassiert, zwar zum Teil eine Selbstkritik vonseiten Von Triers zeigt, den Rest des Films damit aber letztlich auch zu rein vagen Erkenntnissen verdammt, die mit der Drastik einer göttlichen Katharsis liebäugeln, sie als ambivalent empfunden sehen wollen, den Hang zur bemühten Provokation und zynischen Abhandlung bei allem vorgelebten Leiden aber nur bedingt verhehlen.


Die leider in Anteilen ungenutzte Fläche der Transparenz wird dann auch zum Schauplatz von Schauwerten, wenn sie ihre kognitiven Distanzen zudem dauernd überflüssig als Stilübung ausweist (siehe das Öffnen und Schließen von Türen; Hintergründe), sich in der geographischen Identifizierung via Abspann dann eben noch mehr vom universellen Blick zur human condition abbringt und ihn verstärkt an Amerika koppelt, was im Grunde eine spekulative Naivität der großen Botschaft ausdrückt. Ob gerade das als Schwäche gewertet werden soll, ist für mich als Außenstehender ein schwieriger Fall, weil es eigentlich absolut nicht hinhaut, für eine nationale Identität zu sprechen, der man noch nicht 1:1 begegnet ist. Das stellt natürlich unvermeidlich zur Frage, wie wir überhaupt Perspektiven von außerhalb bewerten können, egal zu welchen Medien, Nachrichten und Historischem; ob dieses Eindringen ins pauschalisierte Dogville nicht ohnehin bewusst reflektiert, wie man sich, als Einzelner auf das Image der USA projiziert, wie wahrhaftig oder unglaubwürdig es daran empfunden wird und welchen persönlichen Wert man daraus ableitet/wiedererkennt. Macht das die vorangegangenen Kritikpunkte obsolet? Wird man den Erwartungen wegen oder deren Erfüllung enttäuscht? Ist ein allumfassendes Epos zur Menschheit möglich oder nur eine Keimzelle des Unvermeidbaren? Hat Gott/der Hund Moses mit Absicht darauf gewartet, dass der Apfel/Knochen im Garten Eden gepflückt wird; sprich wann fangen sodann auch Schuld und Unschuld bei Grace, bei den Einwohnern, bei Tom oder bei Von Trier an? Wird eine Verschachtelung durch Ein-/Mehrdeutigkeiten im emotionalen Gelingen bereichert oder im Ausbreiten unreifer Theorien, wenn es ums Erleben eines Narrativs geht? Spreche ich Punkte an, die sowieso nicht schon seit 13 Jahren erläutert werden? Bei „Dogville“ versteckt sich eben unter aller Transparenz und Kapiteleinteilung eine Möbiusschleife des Daseins, die sich durchaus ihre Extreme reicht und mit Trivialitäten ärgert, aber gemäß des Prinzip Films auch back-to-back von vorne aufgezogen, als Abbild in den Raum geworfen, angenommen und abgestoßen werden kann, im Licht auf- und abtaucht, Schönheit empfängt und hasst, verzeiht und zerstört, an allen Enden voneinander abzuhängen scheint und dann wieder nicht – eben das Denkmal einer uralten, allzu menschlichen und tollen Illusion, man könne die Welt und das Leben bannen. Ich glaube trotzdem, dass der Film zu diesem Konzept noch besser sein könnte, so typisch töricht bestätigt sich „Dogville“ eben auch an mir, wohl bekomms! Nun aber auf zu anderen Galaxien:




ROGUE ONE: A STAR WARS STORY - "[...] Setzt die Gefälle des Wesens Krieg [...] um, dass man für knapp 130 Minuten eine Liaison mit dem allzu gegenwärtigen Spektrum an Widerständen und Vertrauensfragen eingeht. [...] Der Fatalismus nimmt überhand [...] Edwards kommt zwar auch nicht vom Grundriss der Heldensage weg, doch selbst wenn der Wille zur Wiederwehr hochgeschaukelt wird, verkneift er sich naiven Pathos, lässt anstelle dessen die Verzweiflung aufschwellen, welche ihren Idealen nur schwer in die Augen sehen kann, während diese unbarmherzig getilgt werden. [...] Sich in der Waage um Aufgabe und Fortschritt zum Optimismus einzufinden, wird da sowohl der stärkste Antrieb als auch die konzeptionelle Schwäche des Films, wenn er seine Gewichte aufs Bewusstmachen brutaler Größenverhältnisse verlagert, die Erlösung aus deren Willkür im Verstecken bzw. als trojanische Pferde erwirkt und zu guter Letzt für die gute Sache sterben muss. [...] Bei Edwards wird der Furcht wegen nicht chargiert, beim Glauben an die Macht aber erst recht nicht via Nerd-Zynismus ironisiert, sondern (selbst in vermeintlich gedämpften Phasen) auf die Kadrierungen, rauen Flächen und Natürlichkeiten eines Krieges vor langer, langer Zeit in einer weit entfernen Galaxis konzentriert. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es bei den DREI MUSCHELN zu lesen.)


Bonus-Zeugs:





WITTE AM LABERN #9: SUNDAY HORSE AUDIOKOMMENTAR - Mein Geschenk zu meinem Geburtstag (war am 13.12.) an Euch: Obwohl ich es selber schon für enorm ausgelutscht halte, Filme zu riffen, ist es natürlich was anderes, wenn ich es selber mache - allen voran bei einem nicht gerade hochwertigen, christlichen Pferde-Propaganda-Biopic wie diesem von Vic Armstrong („Left Behind“). Ich versuche auch, den typischen Nerd-Wortschatz zu vermeiden, garantiere aber für nix, mache sowieso immer ein paar Pausen. Ach ja, wäre natürlich vorteilhaft, wenn ihr die deutsche Blu-Ray des Films zum Abspielen bereithaltet, ich gebe auch Anweisungen zum Syncen meines Kommentars im Video. Noch ne Anmerkung: Den Ton des Films gerne im Hintergrund laufen lassen, sonst fragt ihr euch, warum ich mich über manche Dialoge totlache. Ich wünsche jedenfalls viel Spaß mit meiner Beigabe an Sprüchen und Reaktionen, nüchtern würde ich den Film nicht empfehlen. Man hört sich!




HACKSAW RIDGE - "[...] Seit jeher geblieben sind bei (Gibson) nämlich vor allem der unverbesserliche Hang zum Pathos und zur katholischen Allegorie im Blutvergießen, gebettet in ein Weltbild vom Dasein im Schlachten, stets energisch zwischen Gut und Böse aufgeteilt, bei denen die vagen Grauzonen nur noch für extrem verzweifelte Apologeten Gewicht haben können, während mindestens eine Gesellschaftsgruppe wieder verprellt wird. [...] Er schwärmt vom Pazifismus und dem Gebot „Du sollst nicht töten“, scheint diese ethischen Grundpfeiler aber nur als Vorwand aufzuspannen, ehe er seine wahre Dynamik im aufgegeilten Gemetzel der Militärmaschinerie ausspielt. [...] Direkt auf den Grabstein des Heldenfriedhofs, wo Blut und Boden zum Veteranenschmerz gemoddet wird. [...] Besetzt mit einer Gegnerfront an Japanern, die im Kamikaze wie aus einem modernen Horrorfilm scheinen - einmal sind sie sogar regelrechtes Jumpscare-Futter. [...] Streitbarkeit an sich ist gewiss kein Widerspruch zu Qualität, zudem ist Gibsons Film beileibe auch kein Paradebeispiel für lückenlosen Jingoismus, doch eine sichere Bank ergibt sich daraus noch lange nicht. Außer offenbar in Venedig und im Herzen Amerikas."


(Die komplette Kritik gibt es bei den DREI MUSCHELN zu lesen.)

Montag, 12. September 2016

Tipps vom 05.09. - 11.09.2016 (Spektakel USA!)

Um sich vor Augen zu führen, wie man knapp innerhalb eines Tages den Querschnitt einer ganzen massiven Nation feststellen kann, bedarf es eigentlich gar nicht mal so vieler Mittel. Ok, bei der Wahl des Mediums ist dieser Blog hier schon vorbelastet, von daher sollte es den hiesigen Leser nicht überraschen, dass zum Film geblickt wird, ferner zur exemplarischen Auswahl aus Zufall und Planung, wenn das US-amerikanische Kino seine Aufwartung macht. Ohne den Begriff Mainstream aus der Hose holen zu müssen, boten sich uns also dieses Mal die Vereinigten Staaten in ihrem Facettenreichtum an, Wurzeln und Adern jener Weltmacht direkt oder indirekt binnen scheinbar unverbundener Werke kennenzulernen. Ein Filmtag unter Freunden schaffte insofern die Plattform, anhand derer sich zu Anfang schon alles von seiner besten Seite zeigte:




„Tage des Donners“ von Tony Scott, zweifellos die Art Don-Simpson/Jerry-Bruckheimer-Produktion, die spätestens ab den 90ern zum Markenzeichen des Leinwand-Bombasts avancierte. Die Ära wurde sodann mit diesem Schmuckstück an gewohnten Erfolgsformeln angegangen, da sich Tom Cruise nun aus der „Top Gun“ heraus als NASCAR-Fahrer beweisen wollte und dafür auch selbst an der Story des Bro-Epos Hand anlegte. Der adaptierende Part wurde von „Chinatown“-Veteran Robert Towne übernommen, doch der Umstand, dass offenbar viele Szenen erst am Drehtag geschrieben wurden, scheint qualitativ doch etwas auffällig durch, selbst obwohl sich Scott oftmals als Beobachter Amerikas via Sport bewähren konnte. Als ob man eine Audiodiskription für Blinde angeschaltet hätte, machen sich vielerlei Dialoge daran, zu erklären, was sich gerade abspielt, ganz gleich, ob im visuellen Spektrum oder in dem, was manch Charakter - hauptsächlich Cruise als Cole Trickle - tut. Es streckt die Laufzeit, insbesondere, wenn Mentor Harry Hogge (Robert Duvall) dem hübschen UND schlauen Love Interest Dr. Claire Lewicki (Nicole Kidman) manch burschenhafte Handlung Coles anhand einer vor wenigen Minuten geschehenen Anekdote erklären muss, doch mit dem ganzen Selbstbewusstsein in der Reiteration dürfte sich eh ein regelrechter Cartoon herauskristallisieren. Der Macho-Pathos ist eben drollig aufgegeilt unterwegs und gemäß des Milieus eine White-Trash-Fantasie der Coolness, in der die Mucker-Karren romantisiert, teilweise sogar erotisiert werden und im Zusammenhang mit schlicht allem stehen, weshalb Cole sie einfach fahren muss, obwohl er vom Getriebe und weiterer Mechanik keinen blassen Schimmer hat. Bei Frauen geht er nicht anders voran, doch Stück für Stück ist dem selbsternannten Fachidioten in beiden Gebieten der Erfolg gesichert, bis Kidmans Schenkel eben eine Rennstrecke für zwei Zuckerpackungen hergeben. Ohne die Ziffer Zwei geht allerdings auch wenig in diesem Jungskino der Abenteuer-Hormone, schließlich ist auch das Rennfahrer-Ambiente eins aus Gewinnern und Verlieren, Champions und Rookies, die sich gegenseitig an die Bande fahren, rivalisierend um Sponsoren hadern und hinter den Kulissen erst recht nicht im Schwanzvergleich bremsen.


Rowdy Burns (Michael Rooker mit famosen Rollennamen) erlaubt sich mit Cole selbst Duelle im Rollstuhl nach dem Horrorcrash bis hin zum spontanen Rennen Richtung gemeinsames Geschäftsmeeting, wenn's nun mal möglich ist. Im Grunde weiß er aber den würdigen Gegner zu schätzen und irgendwann heißt es dann auch einfach, dass sie beste Freunde seien, auf dass Cole auch den Schlitten von Burns in die Ziellinie scheppern darf, Ehre sei mit ihm. Der Kodex der Freundschaft hat sich vom Iceman auch hier rüber gerettet, weshalb der eigentliche Antagonist Wheeler (Cary Elwes) erst recht spät ins Feld zieht, doch ehe dem ist der Film auch einfach zu ergiebig mit seiner Aufbauphase voll endloser Etablierungen beschäftigt, welche die Jungs durch die Lande fetzen lässt, um Vergangenheit und Zukunft an den Scott'schen Jalousien zu träumen, während der rasante Sport im orangenen Gradient um die Wette zischt. Extra-Soundeffekte zum Schwenk bringen schon ins Training um die Pole Position Energie, Reifenwechsel mit Experten-Gespür die lauteste Aufregung, Ratschläge über Funk die Obi-Wan-Magie und Panoramas über die Felder von North Carolina den Stolz einer eventuellen Rente. Das heißt, wenn es bis zum Schluss klappt, schließlich sind Schädeltraumata nicht ausgeschlossen und der dramatische Knackpunkt für eine Stockcar-Bande, welche die maskuline Siegerstraße Daytona genauso begiert wie die wahre Liebe, die am liebsten gar nicht zuschauen wollen würde, wie gefährlich die Runden gedreht werden und Motor heißlaufen lassen. Das Risiko wird aber einkalkuliert, schließlich, so Cole, hätte man mehr Angst vor dem Nichts-Sein als vor einer Verletzung. Alles wie geschaffen für einen Hans-Zimmer-Soundtrack, dessen Sound offenbar erst durch solche Typen und ihre High-Concept-Pulp-Streifen zustande kam, jetzt Gewohnheit pur ist und an dieser Stelle natürlich zum unbedarften Mitsummen anregt, wo's beim thematisch ähnlichen, doch hoffnungslos überdramatisierten „Rush“ inzwischen nach verflachter Hektik klingt.




Solch ein Melodram des Testosterons hätte aber noch lange nicht die Stoßkraft eines Todd Solondz, der 1 „Life During Wartime“ um 2009 untersuchte. Die Fortsetzung seiner „Happiness“ im Rahmen einer vollständig neuen Besetzung fürs selbstständige Standbein knöpft sich den moralischen Zwiespalt in der George-W.-Bush-Ära vor, wie die Fassung der Zufriedenheit im überhöhten Bewusstsein eventueller Gefahren funktioniert und abstumpft. Die Angst vor dem Terror oder eher jene vor der Rückkehr von Schuld und Identität in der familiären Vergangenheit ist hier bewusst zum Déjà-Vu jener im Vorgänger erkundeten Gefühlskälte stilisiert, die Heuchelei und passiv-aggressive, in Komplimente wie Ratschläge verpackte Urteile bereits im Brutkasten heranzüchtet. Familien geben eben innerhalb ihrer selbst Werte an Generationen weiter, bei Solondz ergibt das ein Bündel an Lügen der Gefälligkeit wegen: So tun, als ob der pädophile Vater (Ciarán Hinds) tot wäre, zum Beispiel, schützt den Jüngsten Timmy (Dylan Riley Snyder) vor Ehrlichkeit und Wahrheit, für Freiheit und Demokratie, selbst wenn der angehende Schwiegerpapa Harvey (Michael Lerner) Bush aufgrund dessen Unterstützung für Israel gewählt hat. Was die Mutter Trish (Allison Janney) nicht von ihrem neuen Beau und dessen Normalität schwärmt, wie feucht sie durch eine einfache Berührung von ihm wird und das auch dem Sohnemann aus halbem Versehen mitteilt, so klar lässt sie dabei auch durchsickern, wie gerne sie aus dem vergänglichen Spießer-Elend Familie und Mutterschaft entkommen möchte. So ehrlich bleibt sie aber nur in der Ekstase des Egoismus, in der Doppelmoral und dem Umgang mit den schwierigen Fragen eines Kindes wird dieselbe Berührung sodann schon zum Missbrauchsfall, erst recht, wenn vorher schon die Indoktrination besteht, ja nicht schwul zu sein, während Timmy eben auch seine Bar Mitzvah Richtung Erwachsensein vorbereitet. Der Druck lastet auf allen Schultern, selbst wenn man von New Jersey runter nach Miami gezogen ist. Besseres Wetter und die Sorgen sind vergessen, nicht wahr? Tja, selbst die Dynamik unter den Schwestern Trish, Joy (Shirley Henderson) und Helen (Ally Sheedy) beweist das Gegenteil, wenn Joy in der Mitte offensichtlich die selbsterfüllende Prophezeiung des Neurotikers für ihre Geschwister hergibt, in stiller Unvereinbarkeit mit dem Verlust ihrer Beziehungen hadert und psychisch ebenso zerbröselt.


Das kollektive Leiden im Werke Solondz', das zieht sie an und doch ist eine gemeinsame Lösung offenbar nur im Ende zu treffen (siehe auch Jessica Hausners „Amour Fou“ zur weiteren satirischen Formulierung dieses Aspekts), so wenig Hoffnung und Missgunst in einer Welt herrscht, in der sich Helen zum Beispiel vom Großerfolg und Sex mit Keanu verrückt machen lässt. Maßlosigkeit und Perspektive bringen hier ein giftiges Missverständnis unter glühender Sonne, das mit der Oberfläche des Sozialen für Verständnis ausgegeben wird, gleichsam muss Bill, besagter just aus dem Knast entlassene Pedo-Dad, außen vor und in der Linie bleiben, zwanghaft vom Menschsein abgekoppelt bleiben. Gegen seine Verantwortung zu rebellieren, fällt ihm aber auch nicht ein, so wie er die Schuld und die Scham verinnerlicht und nur hoffen will, dass seine Kinder nicht wie er werden, während er sich durch das Abstellgleis entmenschlichter „Monster“ (Charlotte Rampling) ans Überleben hält - auch da hilft die Gemeinsamkeit im Verlust nicht weiter, aber mal ehrlich: als ob Solondz sich jemals in Lösungen bzw. behauptete Heilungen retten würde. Gleiches gilt für die Fragestellungen vom Vergeben und Vergessen, wie haltbar der Humanismus darin sein kann, wenn es individuelle Grenzen gibt, wann den Taten eines Menschen solche Gnade widerfahren darf. Parallel dazu gibt der Film binnen der Kargheit des mühsam aufrechterhaltenen Konsens stets Auskunft über die Motivation seiner Charaktere und straft keinen komplett in Gut und Böse ab, präsentiert eher die Stufen an Entwicklung, wie weit fortgeschritten der Zynismus in der Einzelperson angekommen ist oder wie sich das Gegenüber dadurch hat verletzen lassen. Im Endeffekt sind aber nur die wenigsten unter allen Parteien unschuldig, weshalb Solondz zwar ihre Verlorenheit unnachgiebig nachempfindet, aber auch nicht darum verlegen ist, einen Schnitt zum Nihilismus zu machen, die Garstigkeit entfernter Situationen als Pointe zu suggerieren und deren Verhältnisse als Vorstufe der Selbstzerstörung abzuzeichnen, was in der schlichten Stichfestigkeit seiner Filmsprache an Härte nachwirkt sowie tieftraurige Bekenntnisse im Miteinander festigt. Die überbordernde Neigung zur Sadness verwirkt daran wohlgemerkt trotzdem nicht ihr komödiantisches Potenzial, auch wenn das Lachen bekanntermaßen gerne im Halsen stecken bleibt und daher nur wenig am Würgegriff des gehemmten Miteinanders löst, welcher jedem bestimmten Zeitgeist vorausgeht.




Man sieht, so einfach wie bei Simpson und Bruckheimer läuft es eigentlich nicht, so auch im Bewusstsein festgefahrener Geschlechterrollen und entmündigter Sexualität, wie man jene Erkenntnisse sodann aus „China Blue bei Tag und Nacht“ ziehen kann. Regisseur Ken Russell besitzt dafür natürlich mehr einen Blick von außen, so wie er als Brite seinem ebenso von der Insel importierten Kollegen Tony Scott insofern entspricht, ein unbefangeneres Konstrukt aus den Verhaltensweisen der Amerikaner zu schöpfen - hier wohlgemerkt in eine Erfassung der Schlafzimmerliason geformt, die ein jeder gerne eingehen möchte und doch nicht kriegt. Der Griff zur Alternative ist dann aber auch der provokante Reiz, den Russell seit jeher gerne ins Auge fasst, so wie er schamlos auf die Verknüpfung von Befriedigung und Religion hinweist, wahre Barmherzigkeit auf Erden feststellt, wenn 50-Dollar-Hure China Blue (Kathleen Turner) in jede gewünschte Rolle ihrer Kunden schlüpfen kann und der scheinbar geistliche Psychopath Shayne (Anthony Perkins) an dieser Frevelei um Verführung und Verstümmelung der Sünde buhlt. Sein schneidender Dildo Superman in der Tasche ist schon der astreine Kontrast, wie sich Lust und Schmerz in den verschiedensten Händen ergänzen, später wird Russell auch an einem willigen Polizisten die Sodomie per Knüppel üben. Die Zwischenwelt des bezahlten Ficks kennt ihre Macht, wird aber auch fürs Infame bemächtigt, das Geben und Nehmen in der Nacht hat da auf jeden Fall Leidenschaft in der Existenz, auch wenn Vergewaltigungen der Kundenzufriedenheit durchgespielt werden, jedes Kinkerlitzchen seine Bedürfnisse ausleben darf. In die Fenster leuchten dazu „Suspiria“-Farben hinein, so rhythmisch wie der phallische Stoß, doch gleichsam Signale des Domizils der China Blue, die sich keck in die Herzen schmuggelt, so wie sie das Konservative in einer Tour prellt, tagsüber nur bedingt als Designerin Joanna Crane vorhanden ist, die sich in ihrem offiziellen, weißen Schlösschen nicht ausgestellter unter die Gewohnheit mischen könnte. Letztere tut sich ohnehin schwer damit, die eigene Maske aufrecht zu erhalten, was sich in der langsamen, aber stetigen Einführung von Bobby Grady (John Laughlin) bemerkbar macht, der den Reagonomics entsprechend gute Berufungen darin findet, Sicherheitssysteme fürs Eigenheim zu verkaufen sowie potenzielle Petzer für Großunternehmen auszuspionieren. Im eigenen Haushalt ist jedoch der flaue Hahn am Krähen: Stilecht zwei Kinder vorm Fernseher und kaum noch Geld für Extrawürste in der Tasche, mangelt es ihm vor allem an Zuneigung, so wie seine Gattin Amy (Annie Potts) die Ehe anpackt, in grundloser Frustration nie eine Stimmung zum Glück erreicht und die Ambitionen ihres Gatten daher unterbindet - allerdings auch unabsichtlich, so verstockt Russell die Einöde einer ungefähren Zufriedenheit am Nervenkostüm zerren lässt.


Selbst in der Abwägung aller vom Manne vermuteten Faktoren (Menstruation, Atomkrieg, etc.) schlussfolgert er eher die Verständnislosigkeit zwischen gebundenen Partnern. Sobald Amy und Bobby dies einsehen, ist es dann auch zu spät und die Stilistik auch gnadenlos nüchtern im klärenden Gespräch vertieft, woran Russell sich aber nicht auf ewig einschießt und eher der Thematik gemäß Impulse bevorzugt. Die Normalo-Ehe kriegt da schon früh ein Musikvideo geliefert, das nach wenigen Sekunden die Leinwand beherrscht und wortwörtlich bis auf die Knochen vom gegenseitigen Eindreschen binnen des Eheglücks erzählt, rotzige Sangeskunst zum Rick-Wakeman-Synth-Opus inklusive. Russell beißt gerne zu bei Beziehungsmodellen, aber ausschließlich als Zyniker mag er nicht agieren, wenn er sich an Bobby heftet und in der Begegnung mit China Blue einen Halt findet, der ohne die Lasten der Vergangenheit mit neuen Erfahrungen beginnen mag und doch eher wie ein „Pfadfinder“ mit diesen umgeht. Es wird reichlich ordinär geschnauzt, Assi-Zaubershows à la Atze Schröder beim BBQ vorgeführt, doch die Zärtlichkeit schwingt im verruchten Saxophon eben auch mit, mal melancholisch unterfüttert, mal in der Fleischeslaune von alt-japanischen wie absurden Aktzeichnungen gegengeschnitten oder ab und an auch dem versteckten Guckloch sei dank vom frommen Wichser begafft. Das Heiligtum irdischer Wesen lockt nun mal vielerlei an, umso erbitterter fallen die Konfrontationen aus, die hysterisch um die Seele kämpfen, gemeinsames Glück forcieren wollen oder die Aktien abgleichen, wie dringend sich die Gesellschaft nach ihrem Bodensatz, den ursprünglichen Instinkten sehnt und diese zum höchsten Gut/größten Übel erklärt. Sexsucht, Frigidität, Fanatismus: Jeder kann auf seine Kosten kommen, so wie der Körper als Instrument des Willens auch über die Normen hinaus gehen kann, hier die Befriedigung im Geiste zu befähigen oder zu extremisieren imstande ist. Dementsprechend haltlos pendelt sich der Film auch zwischen den erogenen Zonen der Individuen aus, hält die Ungewissheiten dazwischen bis zum Schluss an, streitet sie ab und klatscht dennoch gegen Ziegelstein, Marmor sowie Blutlachen, sind ja eben dem Originaltitel gemäß „Crimes of Passion“ - demnach hat die Bestrafung des Natürlichen hier die kritische Spannung inne, bleibt insofern auch Jahrzehnte nach 1984 ein intensives Vergnügen der Triebhaftigkeit in all ihren Facetten. Das ist eben auch Amerika.




Einen etwas biedereren Blick auf die 80er erlaubt sich hingegen ein Nachzügler aus den späten 90ern, Risa Bramon Garcias „Eine Nacht in New York“. Unter dem MTV-Films-Banner produziert sowie von einem ansehnlichen Ensemble an DarstellerInnen besucht, das u.a. Ben und Casey Affleck, Paul Rudd, Christina Ricci, Courtney Love, Dave Chappelle sowie Jay Mohr und Kate Hudson beherbergt, entpuppt sich der reichlich Interpretationsraum anbietende Titel leider als einer dieser unsäglichen Silvesterfilme. Gemeint sind jene, in denen mehrere Episoden ein Netz an Figuren ergeben, das sich schlussendlich zum Happy End der Liebe vereinigen wird, ehedem dieses aber Beziehungsstress und andere Querelen zu überstehen hat. Die Darbietung des urtümlichen Konflikts gegen die Einsamkeit fixiert sich größtenteils darauf, den Abend über hoffentlich auf eine angeblich starke Party zu gelangen, an deren Ende schon neurotisch um das mangelnde Gästeerscheinen gemausert wird, während sich allesamt mit ihren Begleitungen rumstreiten, mit wem und warum man Schluss gemacht hat, wer (wenn überhaupt) als nächstes im Herzen landen könnte. Die Varianz dieser Fragen ist über die verschiedenen Szenarien binnen New York City nur bedingt gegeben, zumindest einigen sie sich oft auf das Nieten-Exemplar „Mann“, sprich schlappen Nudeln, Mehrfach-Fremdgängern, Sexisten und uncoolen Langweilern. Manch zärtlicher Punker, liebenswerter Chaot oder verkappter Romantiker versteckt sich natürlich auch in jenem Geschlecht und im weiblichen Gegenüber finden sich ebenso militante Feministen, naive Tolpatsche (Jungfrauen), Enthaltsamkeits-Sünder sowie Angsthasen, wenn man mal die Balance des Ganzen loben möchte. Alles wohlgemerkt no homo und schnurstracks in die brave Monogamie steuernd, wie ein Film aus solch sicherer Distanz eben nicht über die Oberfläche hinaus auf die Belange der Figuren zusteuert, in der Gefälligkeit auf hippen Jugendstil Richtung Kevin Smith schielt und einen bekannten Zeitgeist-Song nach den anderen reiht - schließlich muss MTV ja irgendwie seine Muskeln spielen lassen, Elvis-Costello-Cameo inklusive.


Der Strom an Mucke kann jedoch nur schwer darüber hinwegtäuschen, wie austauschbar jede der ineinander verwobenen Episoden auf denselben Sachverhalten hockt, beliebigste Streitigkeiten und Problembekundungen in (laut Originaltitel) 200 Zigaretten wegqualmt und die Laufzeit auch derartig streckt, dass im Mangel an Wesentlichkeiten sogar wesentliche Unterhaltungsmerkmale verschütt gehen. Vom Zeitkolorit hat man nur ein plakatives Abbild ohne wirklich genutzten gesellschaftlichen oder politischen Bezug (wahrscheinlich der universellen Nachvollziehbarkeit wegen), die Honk-Power Ben Afflecks bleibt in Mini-Momenten hinterm Tresen und die so dringlichst herbeigesehnte Party wird natürlich ausgeklammert, um daraufhin festzustellen, dass die ultimativen Paarungen nach dem Zufallsprinzip verlaufen sind, was die vorherige Etablierungsstrecke des Films im Nachhinein nochmals umso belangloser als zuvor erscheinen lässt. Nicht, dass in der vorherrschenden Harmlosigkeit überhaupt große Hoffnungen aufkommen würden, schließlich ist der hohle Durchzug für zwischendurch auch mal nötig, solange er mit seichtem Kurzweil um triviale Spritzer an Eifer- wie Sehnsucht kreist, auf die Selbstfindung per Liebe hofft und wenigstens den Versuch, an Spaß zu gelangen, unternimmt. Entbehrlich, aber auch keine technische Beleidigung, da ist man in Inszenierung sowie Schauspiel nett aufeinander und insgesamt so anarchisch wie eine Hüpfburg. Eine Handvoll tollen Slang und blödelige Aktionen bleiben da gewiss auch nicht aus, doch es bleibt hauptsächlich bei Nettigkeiten und angezogenen Bettgeschichten gängigster Art, weshalb diese Parade an Abziehbildern und Idealen nicht allzu lange im Denkapparat die Runde machen wird, auch wenn der Film eine exemplarische Deutung dahin ergibt, wie stark die 80er in der Popkultur seitdem romantisiert wurden. Nostalgie muss deswegen natürlich kein Schimpfwort sein, doch in Sachen reeller Härte dürfte Amerika doch nur schwer an sich selbst vorbeikommen.




Ganz extrem an jener emotionalen Schraube sitzt z.B. „Ausbruch zur Hölle“, indiziert und ehemaliger Video Nastie, welcher die bittere Allgegenwärtigkeit des Rassismus in der Geschichte und Gegenwart der USA für einen Rape-&-Revenge-Exploitationfilm nutzt, an dem das Wort Streitbarkeit Überstunden machen dürfte. Darin flüchten drei Gefangene - der weiße Mörder Jessie Lee Kane (William Sanderson), sein hispanischer Mitinsasse Chino (Daniel Faraldo) sowie der chinesische Soziopath Ling (Peter Yoshida) - mit blutiger Spur durch die Lande, stechen Tankstellenhüter und Spirituosenhändler ab, haben sodann auch keine Skrupel, einen Revolver an den Kopf eines Babys zu halten - abzudrücken sowieso, aber da erlaubt man sich einen Spaß, weil eh keine Kugeln mehr im Magazin sind. Der Reißer begibt sich sodann ebenso ohne Skrupel in die Urängste einer zivilisierten Gesellschaft, parallelisiert den Schrecken sodann nicht ohne Grund mit dem geregelten Wohlstand der Familie Turner, die sich als Pastorenfamilie mit afroamerikanischen Wurzeln bereits einen gewissen Status aufgebaut hat; Frieden, schlagkräftige Oma und die Frische der Jugend unterm Dach vereint und auch bodenständig an der Vergebung für ehemalige Traumata übt, selbst gegenüber der weißen Ex ihres Sohnes, welcher beim gemeinsamen Autounfall ums Leben kam. Vor der Einladung zum Essen kriegt jenes Mädel Karen (Bonnie Martin) auch einen romantischen Flashback spendiert, doch ihre Involvierung im Film hält nur von kurzer Dauer, so wie er auch gnadenlos zum nächsten Mord rüber schielt, der die flüchtige Bande alsbald ins Haus der Turners führt. Die Home Invasion ist angesagt, selbst für den kleinen Floyd (Reggie Rock Bythewood), der zuvor noch - wie eine entfernte Szene aus „Stranger Things“ - nach dem Kampieren im herbstlichen Walde Blutsbruderschaft mit Nachbarsjunge Joey (David Dewolow) schloss, nun aber zusammen mit dem Rest der Familie auf die Couch verwiesen wird. Kane kennt mit der Knarre im Anschlag und einem Seil als Gürtel keine Gnade mehr und hält seine verängstigten Opfer in Schacht, indem er ihnen einen rassistischen Kommentar nach dem anderen an den Kopf wirft - derartig auf Demütigung aus, dass es beachtlich scheint, wie diplomatisch Familienoberhaupt Ted (Robert Judd) der Sicherheit seiner Lieben wegen dem noch begegnen kann, obgleich die Situationen des Films den Schmerz immens ballen. Der Fokus lässt auch kaum locker vom Kammerstück des weißen Terrors, beleidigt in einer Tour mit fiesem Grinsen, rumgeworfenen Essen, Befehlen und Schimpfwörtern aus der Sklavenzeit, während die Klingen gewetzt werden und seine Mitstreiter in der Tortur dementsprechend hämisch mitwirken, selbst wenn Kane sie nicht weniger als ihre Stereotypen anspricht. Wer von außen an diesen überhöht konstruierten Konfliktherd herantritt, hat als potenzieller Zeuge sowieso ausgespielt und auch da schaut der Film offen in die Ausmaße der Grässlichkeit, längst über der Grenze des guten Geschmacks und auf die Empörung des Zuschauers setzend, der einige Unmengen nackter Haut und eingeschlagener Kindergesichter zum problematisch ausgetragenen Diskurs dazu geliefert bekommt - „The Purge“ lässt grüßen, nur dass die Provokation hier auch eine echte ist.


Auf der anderen Seite versammelt sich zudem der Ära gemäß wie unverzichtbar eine Polizei, die sich straffere Gesetze und direktere Zugriffe wünscht, deshalb auch meist nur viel zu spät am Tatort ankommt und mit stetiger Eskalation jene Katharsis aufbauscht, die nach der mehrfachen Vergewaltigung von Turner-Tochter Corrie (Yvonne Ross) reaktionär auf Bibel und primitive Urinstinkte pocht: An Eye for an Eye. In ihrer Chance verlieren die Turners alle Hemmungen, wehren sich mit Worten und Bluttaten bar jeder christlicher Nächstenliebe und geben sich der Polizei sogar noch weiterhin als Geiseln aus, damit sie noch mehr Zeit zum Rache üben schinden - soviel zum bereits in „Life During Wartime“ aufgegriffenen Thema Vergebung. Robert A. Endelsons Film bietet schon eine enorme Perfidie auf, mit welcher er das Gerechtigkeitsgefühl des Zuschauers auf die Probe stellt, anhand von Hauptfiesling Kane eine auch im Spiel brutalisierte Kaltschnäuzigkeit zum permanenten Angriff ansetzt und der Unschuld eine Galaxie an Gründen gibt, ihre Menschlichkeit zu vergessen, dafür sogar vom Gesetz unterstützt wird, während die Wurzel des Hasses am geringsten angepackt wird: Unsichere Männlichkeit und Penisneid sowie die Wut über eine Mutter, die einst mit einem Schwarzen durchgebrannt ist - Ende. Die Verachtung gegenüber dem familiären Idyll sowie die Frustration fehlender Liebe mögen daraus eine Rolle im Hang zur Bösartigkeit bilden, doch sie bleiben vom Film so unberührt, wie er zur Lösung ebenso schlicht Gewalt mit Gegengewalt quittieren lässt. Im Fahrwasser von „Ein Mann sieht rot“ und Co. ist nichts anderes zu erwarten, allzu stellvertretend präsentiert sich daran allerdings die amerikanische Mentalität zur Gewalt, in deren Wechselwirkung keiner die moralische Oberhand behalten kann, zum Schutz der Werte ultimativ jedes Mittel recht ist, wenn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten jedes Ego das Sagen über alle haben kann. Im Hinblick auf die Jahrhunderte lange Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung ist das hier aufgekochte Payback natürlich auch mehr symbolisch zu betrachten, in etwa so nachgeholt wie „Django Unchained“, ein typischer Topos der Blaxploitation und mit Distanz vielleicht auch einfacher zu reflektieren. „Fight For Your Life“ (so der Originaltitel) hat in seinem arg zentralen Spannungsfeld jedoch rein gar nichts an Aktualität verloren, greift realistisches Terrain auf und geifert geradezu nach den innewohnenden Schauwerten im Leiden, dass man schon eine filmgewordene Ekstase des Zynismus erlebt, wie sich selbst italienische Poliziotteschi jener Zeit selten so nah an die Zerbrechlichkeit der gesellschaftlichen Fassung ran trauten - jenseits von gut und böse, mehr als fragwürdig.




Letztendlich schloss sich der Kreis aber dann noch anhand von Andrew Bergmans „Striptease“, einem Projekt, wie es nur in den 90ern fruchten konnte, als Zeichen seiner Zeit zu einem Kuriosum avancierte, das sich reichlich Einflüssen des Mainstream-Kinos auf einmal bewusst war. Im Zuge einer Reihe erotischer Thriller, die wohl schon ein Jahrzehnt zuvor durch Adrian Lyne gepusht und mit Konsorten wie „Basic Instinct“, „Ein unmoralisches Angebot“, „Color of Night“ bis hin zu „Showgirls“ fortgesetzt wurde, verschlug es Demi Moore auch mal in eine prekäre Situation via „Enthüllung“, eine Bestsellerverfilmung nach Michael Crichton, in welcher der Skandal wie gehabt schon vorprogrammiert war - und in Amerika läuft selten etwas so sicher wie ein Skandal, erst recht im Zirkel an erotischen Abenteuern, in welchen sich manch Hausfrau gerne hinein leben würde und auf der anderen Seite puritanisches Entsetzen als rhetorische Gegenkraft fungiert. Mit der Einfuhr des Kabelfernsehens - sprich HBO, Showtime und Co. - brauchte das Kino (eigentlich noch immer) allerdings ebenso ein Gegenprogramm erweiterter Schauwerte und so kam es dann auch, dass besagter Bergman-Streifen eine strippende Frau Moore als Marketing-Aushängeschild nutzen konnte, wohlgemerkt zu einem Aufpreis von 12,5 Millionen Dollar Gage - durchaus mehr als die „2 Millionen Dollar Trinkgeld“ aus Bergmans vorherigen Film. Obwohl der Film aber pflichtbewusst die Schauwerte des Fleisches aufbietet und dafür auch andere Damen nackt an der Stange tanzen lässt, ist das Prozedere allerdings nur bedingt die typische Tour, zwar auch nach einem Erfolgsroman modelliert, doch kontinuierlich auf eine Verballhornung des Genres zusteuernd. Umso besser fügt sich später noch Armand Assante ein, der - als nur in wenigen Szenen nicht Zigarren rauchender Detective - bereits in Carl Reiners Parodie „Crazy Instinct“ jenen Weg einschlug. Um der Weisung aber auf die Schliche zu kommen, lässt sich der Film im Vornherein noch eine gute Menge Zeit, obgleich sein Figurenkreis an Plakativität um die Wette trivialisiert, bald aber einen Haufen unvergleichbarer Merkmale aufführt. Kostproben gefällig? Ex-FBI-Agentin Erin Grant (Moore) verdient sich eben einige Kröten im Nackedei-Betrieb, um für das Sorgerecht ihrer Tochter (Rumer Willis, Moores Real-Life-Tochter) zu kämpfen, während der Vater Darrell (Robert Patrick) als Rollstuhl-klauender Oberräude einen noch schlechteren Umgang fürs Kind ergibt, die Männerwelt aber durchaus weit korrupter an den Start geht, wenn Kongressabgeordneter David Dilbeck (Burt Reynolds) seine Hoschi-Aktionen im Stripclub mit mörderischer Urigkeit vertuschen lassen will und nur noch Security-Berg Shad (Ving Rhames) den einzig ordentlichen Schwanzbesitzer darzustellen scheint. Letzterer hat wohlgemerkt auch ein kleines Äffchen auf der Schulter und wird stinksauer, wenn die „Free Willy“-VHS noch immer ausgeliehen ist; gleichsam plant er, eine Jogurt-Firma zu verklagen, indem er einen dicken Käfer in einen Becher pflanzt.


Damit hören die obskuren Eigenarten im Charakterkreis aber nicht auf, so sehr Robert Patrick den Redneck-Bastard deluxe raushängen lässt und Reynolds mit strahlend weißen Haaren, Zähnen und Horrorteint chargiert, als träume er von Donald Trump und Rip Taylor zugleich. Mitten drin wiegt das Anliegen Erin Grants als ernstgemeinte Sorge einer Mutter zwar angemessen in der Luft, so wie sie noch per White-Trash-Methodik aus dem Trailer Park zu entkommen versucht, doch es wird immer mehr zu einer Art dramaturgischer Nulllinie, um die sich alle anderen Eindrücke weit präsenter ballen - von nerdigen Verehrern bis hin zu politischen Verschwörungen, wortwörtlichen Einschleimern in der Wählergunst unterschiedlichster Gruppen, zynischen Anwälten, trotteligen Handlangern sowie eine Vorliebe für die Musik von Annie Lennox. Frau Moore darf sich dank letzterem in einigen Sequenzen recht schön austoben, doch das Netz an Intrigen, polizeilicher Ermittlungen und Erpressungen im Einfluss oben genannter Faktoren buhlt ausgesprochen obskur ums Interesse der zwei Stunden Laufzeit. Wohl aber ist man als Zuschauer größtenteils der Verwunderung verfallen, als einer Kanonade an Lachsalven, so holprig sich die Topoi um die eigene Achse drehen und selbst lächerlich machen, Spannung mehr oder weniger bewusst im Absurden dahin plätschern lassen und in der dennoch befolgten Dramaturgie Längen erschaffen. Die Wonne zum Pulp bleibt jedoch ungebrochen, emotional hochstilisiert und dennoch sogar in Milieu-Zeichnungen ohne Zynismus unterwegs, selbst bei Antagonisten gerne auf Blickfang eingestellt, so wie das Verruchte nimmer an Liebe und Freundschaft zweifelt, selbst die Korrupten einer Leidenschaft nachgehen und in ihrer Fehlerhaftigkeit ein Treffen auf Augenhöhe ermöglichen, selbst wenn die Satire auf sie ansetzt. Satire muss man in diesem Fall aber so verstehen, als ob sie mit Buntstiften an die Wand gekritzelt wird, so daneben manche Pointe sitzt, vor allem im Finale für eine Auflösung à la Scooby-Doo sorgt, in welcher jeder gedankliche Fortschritt auch dank der Montage übertrieben stockt und genauso formuliert wird, während einstige Gefahren sturzbesoffen sind oder ums Verrecken nicht vom Flirten lassen können. Kann man dumm nennen, doch der darin ausgestellte Mangel an Anpassung birgt natürlich viel Sympathisches, so selbstverständlich dieses Stück Hollywood von der Plattform an Erwartungen aus ins verrückte Herz der unteren Mittelschicht springt sowie in nationalen Strukturen verrückt spielt, als sei es das unbedarfteste Vergnügen in der stets nachgejagten Freiheit des american dreams.

Ganz aufgeklärt wird einen dieser Film nicht hinterlassen, selbst im Zusammenschluss mit den sechs zuvor gesichteten Verwandten des Mediums, doch fürs Verständnis, wie die USA sich selbst sehen, sehen möchten oder auch nicht, ist jeder von ihnen für sich irgendwie die Reise wert. Wie Menschen zu ihren Ängsten, zu ihrer Leidenschaft, zu Güte und Hass, politischen Kacknasen, irdischen Heiligen sowie allem dazwischen stehen, bietet nun mal ein gigantisches Spektrum, aus dem sich stets aufs Neue Geschichten schöpfen lassen, verkünstelt und wahrhaftig zugleich eine Reflexion angestrebt werden kann, welche in dieser Aufnahmekunst selbst über mehrere Generationen hinweg ewig währen darf - ganz gleich, ob sich das wahre Leben daran bereichern lässt oder nicht; kann man eh nie relativieren. Dieser Querschnitt vom amerikanischen Kino macht zudem deutlich, dass er an Überraschungsarmut gewiss nicht leidet und die oft besungenen, unbegrenzten Möglichkeiten gerne ausnutzt - so sei nach dieser Berichterstattung vom thematisch äußerst stringenden Filmtag noch auf ein aktuelles Beispiel des US-Kintopps verweisen, das wie folgt von Zuständen, Fantasien und (Alb-)Träumen seiner Bevölkerung erzählt:




NERVE - "[...] Henry Joost und Ariel Schulman vermeiden den Widerspruch genutzter Technik und der unbedingten Dämonisierung dieser („Unfriend“), indem sie die Verantwortung des Users in den Vordergrund stellen, zwischen den Fronten vermitteln und Stück für Stück unterschiedlichste Genres anwenden. [...] Der Geltungsdrang, auf Platz eins zu landen, überführt hier manch Schwäche des Einzelnen, bringt aber eine visuelle Nähe auf dem Pfad zur knallbunten Ungewissheit, als hätte „Neon Demon“ zugeschlagen, obgleich sich die Spannung aus David Finchers „The Game“ zieht. Der Witz ist, dass „Nerve“ beide Filme jedoch in Ungezwungenheit und Freundschaft überbietet. Er stellt stimmige Charakterwerte über den Deutungstrieb, hat zwar die Realität der Smartphone-Vernetzung auf dem Kieker, ist sich aber nicht verlegen, das Freimütige und Romantische der menschlichen Begegnung zu fokussieren. Einzelne trivialere Motivationen können nicht darüber hinwegtäuschen, wie einladend sich jene Balance steigert und ulkige Eigenarten und Milieus kennenlernen lässt, in denen die Ethik auf den Prüfstand gerät und einen Kompromiss durch coole Hacker-Nerds und Mad-Max-Bros findet. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)