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Sonntag, 2. Oktober 2016

Tipps vom 26.09. - 02.10.2016

Liebe Leserüben,
diese Woche übe ich mich wieder in der Art Vorsorge, deren Ausgang man sich auch von der Rente erhoffen möchte, wenn diese denn mal nicht kontinuierlich auf höhere Altersgrenzen sowie sinkende Prozente gepusht würde. Old Man Witte weiß, wovon er spricht, so wie er schon knapp vier Jahre lang in diesem Ausgabenformat die Rädchen dreht, deshalb werden jene Zeilen hier schon zur Mitte der Woche geschrieben, um hoffentlich eine Fülle an bewundernswerten Texten bzw. Filmempfehlungen anbieten zu können - und das, obwohl ich nicht mal an arg lästige Werbeträger gebunden bin, die mich bezahlen würden! Der einfache Grund für diese Maßnahme rührt daher, dass das Filmfest Hamburg begonnen hat und ich als Euer werter Schreiberling die Tage über verstärkt vor Leinwänden sitzen oder vor diesen auch mal ausschlafen werde. Sollten die Ansprüche regulärer Berichterstattung an hiesiger Stelle dieses und nächstes Mal also nicht erfüllt sein, bitte ich dies zu entschuldigen. Als Ausgleich dazu legen wir zumindest noch einige extern via Cereality.net veröffentlichte Artikel oben drauf, zu deren beinhalteten Filmen auch einige gehören, die auf dem Festival laufen. An oberster Stelle gibt es daher schon mal folgendes Highlight hiesiger Saison zu bewundern, ehe der weitere Ertrag der Woche zu Felde rückt:




DIE HÄNDE MEINER MUTTER - "[...] Die Zeilen zwischen den potenziellen Urteilen sind dann aber erst recht Anlass für Eichinger, die Ambivalenzen im Selbstverständnis und Bruch des elterlichen Vertrauens zu untersuchen, Traumata offen zu rekreieren, ohne als Voyeur dessen zu agieren oder die Gegenwart dazu als funktionelles Trauertal zu stilisieren. [...] Insofern ist der Diskurs in der Gegenwart auch weniger triebgesteuert, als dass die zeitliche Probe der Ungewissheit ihre Aufwartung macht [...] Wut und Trauer werden impulsive Begleiter in jenen Geständnissen vom und im Intimen, doch Eichinger bleibt nichtsdestotrotz eher subtil in der Fütterung einer eventuellen Katharsis. Klärung ist schließlich das Ziel, auf dass die Leidenden hinführen wollen, anstelle einer ohnehin zwecklosen Strafanzeige oder einer kaum weniger möglichen Entfremdung. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)
  



Dem deutschen Verleih war der kurze Titel von Tsui Harks Regie-Erstling „Dip Bin“ einst wohl etwas mager, so wie er seitdem als „Die Todesgrotten der Shaolin“ mit lautmalerischer Intonation für Aufmerksamkeit zu sorgen versucht. Obgleich sich vom Titel her eine Standardplatte von Eastern anbieten könnte, ist der Film schon ein früher Vorreiter jener obskuren Mordwerkzeuge, die Hark in seinen Filmen seit jeher gerne zentral als Signal surrealer Qualitäten verwendet: Waren es in „Knock Off“ z.B. Nanobomben in Jeans, bringen hier ausgerechnet Schmetterlinge den Tod. Das Prozedere um diese Idee verläuft insofern ebenso eher ungewöhnlich, wenn Topoi und Typen der Shaolin-Sparte in ein Whodunit? binnen verlassener Festungsmauern geführt werden. Die unerklärlichen Massaker türmen Leichen auf, die vielleicht von historischer Distanz her noch nicht so verstörend wirken, wie es sich in einem kontemporären Narrativ à la „Söldner kennen keine Gnade“ empfinden ließe, doch das Ausmaß menschlicher Korruption und verlorener Moral geht hier bis zum Finale hin durchaus in die Vollen. Ehemalige Mitstreiter werden des Erbes wegen verraten, Kämpfe aufs Überleben des Egos ausgetragen, selbst wenn sogenannte „Weisen“ (u.a. Eddy Ko und Chiang Wang) hinzugezogen werden: Warum nicht über Leichen gehen und jedes Ideal ad absurdum führen, wenn die Güter locken? Kein Wunder also, dass sich Harks Ambiente in einer Verwahrlosung zeigt, die kaum Platz hat für prunkvolle Dekors der Marke Shaw Brothers, auch wenn seine Figuren durchaus über die Bescheidenheit reeller Vorgaben reichen. Visuell ergiebig gestaltet er daher u.a. solch einen Umhang wehenden Deadpan-Helden wie Tian Feng (Shu Tong Wong), der mit mysteriösem Charme Operettenhaftes vermittelt, während eine kecke Seilzauberin wie Grüner Schatten (Michelle Mee) aus jeder Ecke ins Bild zu hüpfen imstande ist. Diese Energien bahnen sich ihren Weg durch Phasen, die ansonsten im Überfluss an Exposition versinken würden, gleichsam erzählt sich seine Variante der Postapokalypse verstärkt durch ihre Perspektiven.


Kamera und Soundtrack als mitreißendes Ausdrucksmittel sind in jenem Umfeld keine Selbstverständlichkeit, weshalb Hark in seinen Perspektiven noch stets viele kleine Ideen versteckt, die zeitweise ins Morbide überlaufen. Da landet man auch wieder bei den Schmetterlingen, teilweise in extremen Nahaufnahmen oder in Massen zum Flug bewegt, an Gläser und blutige Körper beklebt, dass sich der Giallo ins alte China einmischt. Wie es zu solch einer Hysterie gekommen ist, wird dann meist ein Fall für Rückblenden als Verstärkung des Gefühls verlorener Menschlichkeit, parallel dazu gelangt das Ensemble des Öfteren in die titelgebenden Grotten voller versteinerter Finsternis, in deren Ecken stets die nächste Überraschung lauert. Was hat es dann noch mit dem schweigenden Mädchen oder dem Autor auf sich, dessen gefälschte Schriften wohl ebenso zum Ausbruch des Bösen beigetragen haben? Nichts und niemand ist folglich sicher, weshalb die mörderischen Verzweigungen zunehmen, Geheimnisse sich mit dem Tod verteidigen, bis die massive eiserne Klaue inklusive Rüstung zuschlägt. Jener brachiale Stoßhammer bewegt die letzten Akte dann auch allmählich zur kunstvollen Action hin, die Hark in Zukunft noch weiter ins Phantastische ausbauen würde, allerdings ist die Eskalation des Todes hier eben auf ein bitteres Klimax ausgerichtet, nicht fern vom Nihilismus später Spaghetti-Western an Parteien gegenseitiger Verrohung aufgestockt, in denen jede Offenbarung das Falsche am Menschen aufdeckt. Freundschaft ist letzten Endes auch ein wankelmütiger Begriff, aber zwischen den Zeilen präsent wie auch die Unschuld der Schmetterlinge erst vom Menschen zum Todesinstrument umfunktioniert wird - das übrigens in einer Sequenz, welche die Schönheit zerebraler Umnachtung im Tiere schöpft, während der Täter dazu auf frischer Tat ertappt nicht mal die Flucht ergreift, in der Abgeklärtheit des Ausweglosen auch nicht gefasst wird. Grausig und verrückt verdichtet sich das Ganze selbst im Angesicht einiger Längen, die Harks wilde Impulse noch in gewöhnlichen Signalen der damaligen Filmlandschaft zu verschlüsseln versuchten, doch die Grundlagen des Hongkong New Wave Cinemas sind in der Atmosphäre schon so fest verankert, dass der Lebenssaft nur zu gütig auf die Bilder nieder fließt.




Zurückblicken möchte ich sodann auch auf das Debüt von Don Coscarelli, der inzwischen ja wieder in aller Munde ist dank der Rehabilitation seines „Das Böse“, in „Kenny and Company“ aber ebenso schon einige Vorzeichen dazu geliefert hat - und das wohlgemerkt in einem Kinderfilm. Die Vorstellung mag heutzutage angesichts der Genre-Affinität Coscarellis widersinnig wirken, doch die aufziehbaren Parallelen zum Nachfolger „Phantasm“ fangen nicht erst bei den gemeinsamen Darstellern A. Michael Baldwin und Reggie Bannister an. Obwohl dieser Film nämlich insgesamt einen episodenhaften Blick auf die Welt des jungen Teenagers Kenny (Dan McCann) wirft und dessen Mikrokosmos an suburbanen Konventionen, Freundschaften, Feindschaften, Familie, Liebe, Schule, Sommer und Halloween entfaltet, sind die Fragen um die menschliche Vergänglichkeit, um Leben und Tod ständige Begleiter im Querschnitt jenes Alltags. Die Ungewissheit in der Begegnung mit solchen Schwerpunkten ohne eindeutige irdische Lösung geht auch hier dem Trauma eines eventuellen Verlusts voraus, das sich im Wachstum des Bewusstseins selbst neben aller Unbedarftheit in der Kindheit schlicht ankündigen muss. Und da setzt Coscarelli so universell an, wie es jedes Kind treffen kann: Im Haustier, dem alten müden Hund, der eingeschläfert werden muss. Schon diese kleine selbstverständliche Einheit an Zuneigung erhält und erfüllt hier das dramaturgische Gewicht mehrerer Melodramen auf einmal, wird dabei in beachtlich konkreten und dennoch aufrichtigen Bildern vermittelt, dass es nicht nur bei der Zielgruppe als Tearjerker funktioniert, gleichsam aber auch keine Plattitüden dafür anleiern muss. Auch wenn nicht jeder dazu aufgewendete Diskurs durchweg in darstellerischer Glanzleistung verewigt bleibt (manche Dialoge stolpern dementsprechend von Vornherein schon auf halbem Wege), setzt sich jene Herangehensweise auch in der Darstellung aller Gefühlslagen durch. Kids fluchen, kriegen Stielaugen bei Pin-Up-Girls, schlagen und verarschen sich, sind bei der ersten Liebe aber schon im siebten Himmel, wenn Händchen gehalten werden und der große Nachbarjunge einen mal nicht aufgrund mangelhaften „Schutzgeldes“ vermöbelt - klingt inzwischen nach Allgemeinplätzen, doch in der US-amerikanischen Idealisierung der Familienbilder jener Ära (darauffolgende nicht ausgeschlossene) scheinen selbst Kids machtlos ihrem Schicksal ergeben, weshalb die kleinen Unterschiede hier folglich den Großteil des Vergnügens ausmachen. Manche sind dann auch so spezifisch geraten, dass sie aus Coscarellis eigenem Erfahrungsschatz münden dürften, was er umso enthusiastischer in Einzelsequenzen ballt, selbst wenn denen stets das Makabere anhaftet. Siehe z.B. die Streiche von Kenny und Doug (Baldwin), wenn sie ihre kleine Nervensäge von Kumpel, Sherman (Jeff Roth), in eine Mausefalle greifen lassen oder wenn sie eine ausgestopfte Puppe (die wie der Tall Man höchstpersönlich ausschaut) auf die Straße legen, um die Reaktionen anhaltender Autofahrer zu erhaschen.


Durchaus gewitzte Ablenkungen der Freiheit, die der Langeweile der Schule entkommen dürfen, wenn mal nicht der coolste Lehrer von allen, Mr. Donovan (Bannister), selbst die hoffnungslosesten Fälle zu motivieren imstande ist. Ansonsten bleibt da nämlich nicht viel mehr übrig als das Provinz-Chaos an Pee-Wee-Football-Turnieren, bei denen Kenny auch ab und an mal aufs Eigentor zuzulaufen droht oder eben das Tricksen mit Skateboards - und das vor den Neunzigern! Dazu gesellen sich natürlich noch einige rockende Grooves sowie eine Kamera, die sich die Linsen wohl auch mit Adrian Lyne teilen dürfte. Der audiovisuelle Fun daran übertrumpft sogar manch Ungeschicktheit in der Handhabung Coscarellis, der hier durchaus vom Home-Made-Charme profitiert (obgleich Kennys Abenteuer einst sogar von 20th Century Fox vertrieben wurden). Das reicht sogar bis zur Besetzung von Kennys Mutter, die (gar nicht) zufällig auch Coscarellis eigene ist, obgleich die elterlichen Rollen in diesem Kontext gewiss keine Idealisierung erfahren. Je mehr Facetten an Leben und Tod sich Kenny öffnen, desto weniger scheinen seine Eltern ihm dies verständlich machen zu können, was sich insbesondere am Vater (James E. dePriest) bemerkbar macht. Die Ungewissheit übernimmt alle Generationen, bei der die Hoffnung aufs Himmelreich als Ausweichpunkt am ergiebigsten gilt, der alte Nachbar hingegen an ein vollständiges Ende glaubt, nach dem die hinterlassenen Kinder für einen weiterleben. Schwieriges Terrain, das für junge Zuschauer übrigens auch nicht verwässert wird und im Verlauf für Begegnungen sorgt, die in blutigen Autounfällen („Moritz, lieber Moritz“ lässt grüßen) Machtlosigkeit demonstrieren, in Richtung Halloween jedoch die Übernahme des Individuums über das Mysterium Tod erlauben. Jener Prozess der Verarbeitung lässt dann auch das entscheidende Segment des Films auftreten, in dem Kenny und Co. Süßes oder Saures einfordern, in spukende Garagen vordringen, in Häusern alter Frauen auf Tuchfühlung mit Urnenasche gehen, Luftgewehre und echte Bleigeschosse zugleich um die Ohren geworfen kriegen. Aus dem Abenteuer ergeben sich noch einige Tricks, wie man den Oberraudi der Schule dingfest machen kann, vorher aber schon gibt Dougs Vater Big Doug (Ralph Richmond) als klamaukiger Kommissar Freifahrtscheine für gepflegten Schabernack. Erwachsene wie Kids machen hier eben ein starkes Spektrum an Sympathien aus, an dem Coscarelli sowieso eine grandiose Leichtfüßigkeit beweist, ein möglichst komplettes Abbild eines Lebenszustandes fern der Behütung und Ausbeutung zu zeichnen. Spaß, Herzschmerz, Angst und diese süßen Portionen an Katharsis ergeben hierin schon durchaus ein verwöhnendes Lunchpaket an Coming-Of-Age-Filmerfahrung, wie es im ohnehin frei schwimmenden Narrativ an Lebhaftigkeit wohl noch länger haltbar bleibt.




Ob es für die Menschheit jedoch noch Hoffnung gibt, stellt sich bei der Sichtung von Carlo Lizzanis „San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen“ infrage. Der semi-dokumentarische Spielfilm von 1976 befasst sich wie der im selben Jahr erschienene „Kenny and Company“ mit der Erfassung einer Jugend, die sich nicht unbedingt in einen Spannungsbogen einzwängen lässt und dennoch kontinuierlich mit der Vergänglichkeit ihrer selbst konfrontiert wird, ob sie nun will oder nicht. Massive Unterschiede klaffen jedoch in Sachen Milieu und Sympathie auf, da Lizzani den Tagesablauf junger Faschos italienischer Coleur ins Auge fasst, der garantiert in mörderischen Widerlichkeiten enden wird. Bis dahin ist das Portrait des enthumanisierten Hasses dementsprechend unangenehm, allerdings noch lange kein Konglomerat aus exploitativen Eindrücken und Anbiederungen zum ideologischen Urteil. Die Räudensprache der Jungs im straffen Leder-Style unterbietet natürlich jeden im italienischen Genre-Kino gebildeten Mangel an Empathie und lässt am zynischen bis rassistischen Wortschatz teilhaben, wie es schon beim „Ausbruch zur Hölle“ Methode war, doch die Aufarbeitung kollektiven Zorns sowie frustrierter Cliquenhierarchien geht eher in die Gefilde der Objektivität, obgleich durchweg gemäßigte Kolportage-Topoi die Richtung bestimmen. Man denkt u.a. an „Kidnapping - Ein Tag der Gewalt“, wenn die verwöhnten Mordskerle aus gutem Hause stammen, dort aber bereits unter Erziehungsberechtigten Unverständnis und Strenge vorherrschen, an denen sich Widerstand und Machtfantasien heranzüchten, auf dass der Hass auf andere oder in hedonistisches Gammeln umgesetzt wird - wer aus ärmlichen Verhältnissen kommt, lässt sich ebenso anziehen, wenn die Struktur untereinander zum dubiosen Weiterbestehen anheizt/zwingt. Impotenz und Rape Culture arten sodann gleichermaßen aus, gleich zu Anfang auf die Figur von Brigitte Skay, die in punkto weibliche Charaktereigenschaften nun alles andere als repräsentativ vorgehalten werden dürfte, mit ihrer ultranaiven Denke aber letztendlich zum Verhängnis der Kerle beitragen wird (Spielhallen-Verrohung à la „Zombie“ inklusive). Bis dahin ist sie aber auch gewissermaßen symptomatisch für die regressive Haltung, mit welcher die Bevölkerung Mailands auf dieses politisch-soziale Phänomen reagiert, nämlich mit beinahe völliger Ignoranz oder gaffendem Nichteingreifen. Besonders effektiv ballt Lizzani diese Lethargie einerseits schon im Umstand, dass er seine Laiendarsteller an Originalschauplätzen zur Rekreation aufspielen lässt (mehrere Einzelfälle wurden für die Filmhandlung in einen Tagesablauf konzentriert), andererseits fokussiert die Kamera auch die Reaktionen der Anwohner (mindestens ein Greis darunter hebt den rechten Arm gleich mit), wenn ein spontaner Nazimarsch über der Piazza San Babila vollzogen wird oder das Quintett an rechten Narzissten Dildos im öffentlichen Park vorführt. Die Präsenz der Provokationen geht erst recht ins Mark, da es dieser Tage wieder vielerorts ein allzu gewöhnliches Bild geworden ist, auch dass die Polizei auf Befehl von oben kaum einzugreifen wagt, wenn wieder mal ein kommunistischer Anhänger von einer ganzen Truppe mit Klappmesser und Stahlketten traktiert wird.


Wie gesagt, ein Stück Poliziotteschi schwimmt in jenen Eindrücken ebenso mit, doch aus Erfahrung weiß man inzwischen sowieso, dass eine Überhöhung nicht unbedingt gegeben ist. Parallel dazu verständigt sich die Ideologie der Rechten hier zudem mit intellektuellem Chic, reizvoll als existenzialistische Radikale der freien Meinungsäußerung ausgestellt (eine Vorschau auf die Rhetorik der Alt-Right), die Ordnung als Wehrmaßnahme zu forcieren meinen und dafür rücksichtslose Treibjagden zum Vergnügen aufpeitschen, Läden mit Hakenkreuzen beschmieren und Eisenkugeln per Steinschleuder in Kniekehlen schießen - die dunkle Seite einer ungebremsten Jugend ohne Zukunft, mit J&B auf dem Weg zum Bombenanschlag bei Roten. Lizzani wahrt dabei in allen Fällen die Distanz zu seinen stilisierten Subjekten zeitgenössischer Umstände, lässt höchstens mit Ennio Morricones minimalistisch-urigen Märschen nochmal eine Extraportion Ambivalenz durchsickern, die der offenen und doch kritischen Ader des Films vollends gerecht wird. Das Gesamtbild lässt ihn auch dem Zwang entweichen, eine Eindeutigkeit auf diese Umstände zu münzen, Gegenmaßnahmen vorzuschlagen oder den Zuschauer gar mit irgendeinem Charakter binnen jener Anti-Protagonisten sympathisieren zu lassen (via dem Rollenmodel eines Aussteigers z.B., Feiglinge gibt’s trotzdem). Letzteres fällt höchstens auf das Paar zurück, das im dritten Akt als Opfer einer Mutprobe vom Fascho-Mob verfolgt und gnadenlos niedergestochen wird, so wie junge Extremisten ihren (angeblich von weiten schon erkennbaren) Feinden/Andersdenkenden nur auf die Art zu begegnen fähig sind, wenn die verbale Selbstgefälligkeit nicht mehr Antrieb genug ist. Natürlich positioniert sich der Film da entschieden gegen solche Unmenschlichkeiten, so kalt und grausam sie per Inszenierung dargeboten werden und der potenziellen, metropolitanen Unbekümmertheit der Gegenseite gewiss nichts an Attraktivität abnehmen. Da ist die Balance nicht minder wertend wie der angeblich objektive „American Sniper“, wenn hier allerdings auch nachvollziehbarer an die menschliche Fassung appelliert und zum Schluss zudem die Mamasöhnchen mit Angst vor dem Knast aufgeboten werden - was zeitweise zur Spekulation überzuschwappen droht, selbst wenn man die Hassliebe der Jugendlichen zu ihrem Umfeld des Aufwachsens hinzuzieht. Die Passivität der unpolitischen Bevölkerung bleibt zwischen den Fronten dennoch am ehesten der am offensivsten moralisierte Gegenstand, der zudem nur im Off willens ist, auf einen Wandel hinauslaufen. Da dürfte man auch wie an einigen anderen Stellen des Films Konstruktion feststellen, aber eben auch eine, die zum Handeln oder Reflektieren anregt, ohne auf plakative Manipulation setzen zu müssen. Man muss sich eben nur darauf einlassen können, über 100 Minuten lang allzu wahren Kotzbrocken zuzuschauen.




Herrje, bei soviel aktueller politischer Relevanz ist daraufhin vielleicht wieder eine Rückkehr in unbelastetere Gefilde angesagt, möchte man von Vornherein beim kostengünstigen Direct-to-Video-Film „Die Rächer hetzen die Meute“ meinen. Jenes Werk fängt ja auch schon so an, dass man ein geballtes Vergnügen an Cheapo-Actionfilm zu erleben glaubt, wie es Amir Shervan quasi posthum mit unbeholfenen Schönheiten wie „Samurai Cop“ und „California Cops“ kultivierte. Über seinen Landsmann Jamshid Sheibani, der hier wiederum als Regisseur fungierte, ist gleichsam wenig Biographisches bekannt, höchstens wie im Falle Shervans Geburts- und Todesdatum, wobei sich in der Hinsicht einiges durchaus auch aus dem Film schöpfen lässt. Ohne viel vorwegnehmen zu wollen, porträtiert er im Zentrum seiner Geschichte die Perspektive einer persischen Immigrantenfamilie inmitten einer kalifornischen Kleinstadt nahe der Grenze zu Mexiko. Der Fakt, dass Sheibani 2009 in Los Angeles verstarb, reflektiert dann erst recht den aufrichtigen Einwanderer, dessen Kultur selbst in diesem eher trivialen Film um Integration bemüht ist sowie gegen Widerstände anzukämpfen hat. Die dramaturgische Goldader dazu bleibt zwar über weite Strecken eher versteckt, so wie der Semi-Dilettantismus der Produktion eben reichlich unsauberes Stückwerk hinterlässt, der Klimax dazu könnte in dem Rahmen aber kaum effektivere Symbole an Toleranz und Miteinander aufbereiten (hab übrigens vorhin ganz vergessen zu erwähnen, dass „Kenny and Company“ dafür ebenso einen Subplot mit einem mexikanischen Schulkameraden bereithält). Aber schau an, ich nehme wieder zu viel vorweg, dabei ist ja der eigenwillige Weg, den der Film in Richtung jener Schlussfolgerungen einnimmt, schon eine kleine Sensation. Nachdem der Vorspann mit Credits wie „Screenplay by: Shield“ schon urige Vorbereitungen trifft, setzt ein Voiceover ein, der - dem „Perser und die Schwedin“ nicht unähnlich - über die Nr. 1 unter den todsicheren Todesarten informiert: Drogen! Insofern wird das anklagende Entsetzen des Sprechers über den Einfluss auf nationaler Ebene sowie der Gefahr für Gemeinden und Kinder auch visuell begleitet: Dubiose Handlanger in 80er-Jahre-Vollmontur heben unscheinbare Kisten aus Booten, ein Haudegen kommt per Archivmaterial eines Zuges mit Koks im Gepäck an, mehrere Uni-Studenten setzen sich unauffällig zu einem Brillenträger, der bei helllichtem Tage Weißes gegen Bares anbietet. Dieses zehnminütige Segment erklärt die kriminellen Mechanismen selbst mit Fliegen auf der Linse, mag sie sodann aber eben am handlungsübergreifenden Beispiel näher erläutern. Ab hier verschwindet auch der Sprecher und macht die Bahn frei für ein geradliniges Szenario finsterer Machenschaften eines gewissen Mr. Macintosh, der Drogen in besagtes verschlafenes Nest schmuggelt und dafür reichlich Leichen in Kauf nimmt. Der letzte Kurier Curtis z.B. kriegt nach versagter Lieferung schon die Rache des Bosses zu spüren und kann nur knapp mit Schusswunde entkommen, der Zuschauer erhält hingegen (im Originalton schon) ein Inferno platt synchronisierter Kintopp-Dialoge, das genauso spekulativ agiert wie die Milieuzeichnung voller Sparmaßnahmen und Merkwürdigkeiten (allein die Geldscheine!) an goldigem Irrsinn und Schießereien im Waldstück nebenan aufstockt.


Zeitgleich heuert Macintosh den Bruder von Steve (Rand Martin) für weitere Aufträge an und bringt jenen naiven Arbeitssuchenden namens George in Teufels Küche, als die Polizei dem Ganzen auf den Fersen ist und der nicht ganz saubere Deputy ihn sodann erschießt. Steve will der Sache nach der Beerdigung auf den Grund gehen, doch sein Familienleben mit der Iranerin Mina (Fattaneh), welche zusammen mit weiteren Verwandten ein Restaurant in der Stadt leitet, hat Priorität. Das schlägt sich auch im Sohnemann Jeremy nieder, welcher mit dem der Familie Macintosh befreundet ist, wobei jener Patriarch seine bulligen Schläger bald zur Einschüchterung aufs Restaurant ansetzt. Es gibt reichlich Prügeleien, einige stumpfe Gags mit Kochmütze und wütende Sprüche von allen Seiten - nebenbei kommt Curtis auf der Farm der aufreizenden Nancy zur Genesung und hat sie alsbald geschwängert, doch als sein Kumpel Steve ihn wegen Macintosh zur Rede stellen will, reiteriert der in ansteigender Verzweiflung immer wieder nur „You don't unterstand!“. Doch Steve versteht es, ihn dennoch zum Handeln zu überzeugen, indem er an seine Verantwortung als werdender Vater appelliert, eine bessere Welt fürs Kind zu hinterlassen. Man sieht, der Ausdruck an Emotionen und dessen Figurennetz macht schon gehörigen Wirbel im abwegig vermittelten Americana, doch der wahre Clou folgt erst noch. So reagiert unser Ensemble plötzlich auf die Nachrichtenlage zur Islamischen Revolution in Iran um 1979, bei der amerikanische Botschafter als Geisel genommen wurden (siehe auch „Argo“) - was zuvor nach Reagan-Ära aussah, ist nun auf einmal ein Period-Piece. Das echte Nachrichtenfootage kursiert nun innerhalb des Films, zeigt ebenso Anfeindungen gegen iranische Immigranten in den USA, bringt Macintosh und seine Leute sodann dazu, explizit patriotische/fremdenfeindliche Pläne gegen Steves Familie zu schmieden, bis hin zur Aufforderung an den eigenen Sohn, sich nicht mehr mit Jeremy abzugeben. Solche Umstände ergeben die Geheimwaffe des Films, der anhand dessen pointierte Stationen der Angst sowie soziale Missverständnisse angeht, schon die Härte rassistischer Anfeindungen auf dem Schulhof zeigt sowie die Rücksichtslosigkeit der Ressentiments bei den Erwachsenen fortsetzt. Aufrichtige Existenzgründer iranischer Herkunft werden in deren Augen nämlich ebenso gleich Geiselnehmer - ein Shervan hätte meines Wissens nach nie derartig auf jene bitteren Erfahrungen aufmerksam gemacht, die Ausländern im Angesicht kollektiver Vorurteile widerfahren. Schließlich reißt Steve über gleichsam emotional motivierte Umwege allmählich der Faden und so verbündet er sich mit Curtis, Macintosh endgültig das Handwerk zu legen, während dieser dem potenziellen Familienglück von Curtis jedoch einen Strich durch die Rechnung macht und sich das Melodram entkoppelter Zukunft auf alle Parteien ausweitet - sogar auf die von Macintosh! Wer sich an meine Einleitung zum Film erinnert, wird das versteckte Happy End darin sicherlich noch nicht vergessen haben, doch angesichts aller Signale, die den Film zuvor in belanglos amateurhafte (darin natürlich auch charmante) Video-Action-Jagdgründe zu wiesen schienen, kommt das tragische Gewicht doch überraschend stark zur Geltung - selbst wenn ein Hühne wie Steve die Arme zum Neuanfang ausbreitet und im versynthten Pathos noch kräftig am Zeitgeist feilt.




Mensch ey, selbst in der Quote sinnbefreiter Unterhaltung scheint kein Kandidat dieser Woche ohne ein Mindestmaß thematisches Gewicht auskommen zu wollen - ist es denn zu viel verlangt, bei Sinnen betäubt zu werden und nach Art des Hauses „Beavis and Butt-Head“ Richtung Bildschirm kichern zu können? Nun, kurz vor Redaktionsschluss hatte ich doch noch das Glück mit unserem alten Kameraden Arizal, dessen „Strike Commando“ meinen Ansprüchen vollends gerecht wurde. Auf der Grundlage eines übersimplifizierten Rachethrillers setzt der Vietnam-Veteran Richard Brown (Christopher Mitchum) alles daran, seine Familie zu rächen, nachdem diese vom skrupellosen Drogenbaron Hawk (Mike Abbott, muskeldick wie nie) und seinen Handlangern ausgerechnet zum Geburtstag des kleinen Bobby überfallen sowie erschossen wurde. Nun ist Arizal als Regisseur ja nicht nur vom ersten Akt an ein Stück weit hölzern unterwegs, die Gefühlslage jener Ereignisse zu vermitteln, zu denen sich u.a. ein Vorspann à la „Die Rächer hetzen die Meute“ gesellen, das exploitative Prozedere an Vergewaltigungen und Ballereien schnell an der Selbstjustiz-Skala dreht, während eine Portion platten Melodrams ebenso über die Bühne geht. Das ist aber nur die Vorstufe für ein Spektakel an Scheiß-Egal-Mentalität, wie sie im indonesischen Action-Kanon jener Zeit für reichlich delirierende Haltlosigkeiten sorgte. Sobald Brown nämlich einen Killer nach dem anderen hinterherjagt und folglich von der Liste streicht, wird zwischendurch dafür gesorgt, dass jeder niedergeschossen und wirklich alles in die Luft gejagt wird. Die Lust an Schauwerten führt hier regelrecht erst zur Erfüllung der Mindestlänge eines Spielfilms, weshalb selbst Rückblenden Richtung Vietnam gleichsam explodierende Hütten und abgeknallte Bösewichte bereithalten. Die Musik von Billy J. Budiarjo könnte da nicht eintöniger vor sich her dudeln, während visuell die große Sause an Tod und Zerstörung rein von Mitchums zuckendem Auge herrührt, dieser dafür sogar eine Handvoll schlimmer Wortspiele auspackt und generell so talentfrei auf den Rachefeldzug geht, dass Distanz in Übermengen vorherrscht.


Zum Charme ergänzt wird diese Unbeholfenheit dann anhand absurder Ideen im zwischenmenschlichen Umgang, eben à la Scheiß-Egal mehrere Szenarien hintereinander mit Blei zu füllen, jeden Angreifer ohne große Aufregung zu erledigen und mittelschwere Mitstreiter des Verbrechens mehr oder weniger bewusst in den Tod zu schicken, wenn mal nicht die abwegigsten Impulse der Rache auf den Plan treten. Wird Brown da mal mit einem Brandeisen gefoltert, kriegt es ein anderer wenige Minuten später eben in den Allerwertesten geschoben, um mal ein Beispiel zu nennen. Bald kann sich der Film aber auch nicht mehr vor Überfällen retten, wie er sie innerhalb zahlreicher örtlicher Lokalitäten ballt und diese scheinbar ausnahmslos zerstört. Verfolgungsjagden reißen Stände um, lassen die Karren stets explodierend vom Weg abkommen und fahren den einen oder anderen Fiesling auch mal allzu echt um, wenn mal nicht der durch die Frontscheibe eingeschossene Holzstamm fingiert wird. Da helfen auch keine Trillerpfeifen, wenn ein ganzer Bahnhof vom Jäger sowie Gejagten heimgesucht wird, bis diese sich an den Schienen abquälen und so undynamisch wie auch im Gegenverkehr ungesicherter Straßen rattern, dass es umso pointierter kommt, wenn jeder Zusammenstoß Feuerbälle der Extraklasse hervorruft. Infolgedessen verpasst Hawk jedem seiner Kollegen am Versammlungstisch nach und nach ebenso eine Kugel in den Kopf, weil nichts in Sachen Brown läuft, was aber auch daran liegen könnte, dass Mitarbeiterin Julia (Ida Iasha) doppelt gemoppelt under cover dort arbeitet und dem Brownen des Öfteren zur Hilfe kommt. Das geht soweit, dass er sich in sie verliebt und einen Neuanfang planen könnte, während er sich über sein Motorrad mit Raketen und Uzi am Steuer amüsiert. Doch ob die Beziehung bis zum Schluss durchhält, ist in dem Genre eher zweifelhaft. Als Gegenmaßnahme bleibt jedenfalls immer noch der Griff zur nächsten Granate, wenn die Hauptbösen denn nicht mal an den Stuhl gefesselt mit Bomben Bekanntschaft machen und Brown stets sogar mit angeklebten Koteletten verschwinden kann. Zum Schluss geht es allmählich auch zu Felde, wo die Drogenfestungen Hawks kontinuierlich dem Boden gleichgemacht werden und jeder Sprung mit dem Motorrad Brown auf die Füße fallen lässt, bis er Hawk im mehr als antiklimatischen Kampf konfrontiert und dafür auch einen Freifahrtschein von der Polizei erhält. „I was just settling the scores.“ oder so ähnlich, darauf ein Handschlag mit dem Commissioner - eben eine saubere Leistung, dieser grandiose Saftladen an Kintopp-Rücksichtslosigkeit.




FINDET DORIE - "[...] Der Film versucht, sich ihrem Charakter anzupassen, doch seine Verbundenheit zur Vergangenheit hemmt jene Verselbstständigung, wenn Schauwerte und Storyelemente sowohl zum Einstieg einladen, als auch anhand von Subplots und Gastauftritten gehetzt Erwartungen abarbeiten, die sich eher forciert mit Dories Pfad kreuzen. So wie jene Meeresbewohnerin jedenfalls impulsiv vorgeht und aus Geistesblitzen ihr Handeln ableitet, ist die Not zur Selbstfindung zwar motiviert, doch vielerlei erste Schritte dorthin wirken eben Punkt für Punkt wie bereits vor dreizehn Jahren eingetreten. [...] Einiges an Standardisierung wurde dafür in Kauf genommen – sobald man sich aber von all den Zwängen löst, steht das Potenzial für eine herzliche Geschichte über die Hoffnung des Eigenen, des Bestehens von Herausforderungen, dem Ehrgeiz über den Status des Problemkindes hinaus. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)


Bonus-Zeugs:




BAD MOMS - "[...] Eine Geschichte, in der das Spektrum charakterlichen Wandels zeitweise von Pegeln der Zufriedenheit abweicht, um letztendlich in genau dem spießigen Frieden zu landen, in dem man sich zuvor schon befand. [...] Hat man als Zuschauer den Anspruch, dem Kalkulierbaren ausgeliefert nicht der Langeweile zu verfallen? (Muss) jeder für sich beantworten [...], genauso wie die Fragen, ob auf technische Distinktion Wert gelegt oder wie hoch die eigene Humortoleranz eingeschätzt wird, die hier mit dem Üblichen Vorlieb nehmen muss: karikaturenhafte Stereotypen für jedes Geschlecht, mehrmals hinfallende Frauen, abgedroschene Wortgefechte, genitaler Wortschatz, alkoholisierte Zeitlupenexzesse zum Sound der (nicht mehr) aktuellen Hits – alles drin und mindestens so zündend wie eine neue „Simpsons“-Folge. [...] Letztendlich hält der Film in seinen versöhnlicheren Noten einige Überraschungen offen, die dem Leiden der Weiblichkeit einen Vorteil gegenüber einfältigeren Männerfantasien verschafft. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




AMERIKANISCHES IDYLL - "[...] So unschuldig die Prämisse auch klingt, ist McGregors Umsetzung ein Bündel fragwürdiger Charakterzeichnung und erzkonservativer Ideologien, das im pathetischen Drama auf Extreme der Plakativität setzt [...] Immer nur wenige Schritte vor der Initiierung des Charles-Bronson-Modus, ehe der Vater die Spur aufnimmt, ab und an im Thrillerterrain landet und bald ein Milieu totaler Verwahrlosung vorfindet. Letzteres ist als Stellvertretung linker Tendenzen natürlich zur Apokalypse der Indoktrination geschlussfolgert, dem Anliegen wegen frei von jeder Persönlichkeit, die das familiäre Bilderbuchprinzip dem Kind von vornherein schon nicht zugelassen hat, jetzt aber an verrotteten Zähnen und Gettozugehörigkeit leidet. [...] Die überdramatisierten wie simplistischen Konflikte reißen nimmer ab, als sei der Film so energisch mit der Naivität seines Protagonisten verbandelt, dass nur dessen Perspektive die richtige wäre. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)

Sonntag, 3. April 2016

Tipps vom 28.03. - 03.04.2016

Neue Woche, neues Glück. Richtung April war die Ausbeute in dem Sinne vielleicht nicht ganz so beachtlich, mal abgesehen von den Kinobesuchen, zu denen demnächst noch Texte folgen werden (es handelt sich um „The Whispering Star“ und „Wild“, soviel schon mal als Vorschau), doch über manche will ich trotzdem das ein oder andere Wort verlieren. Vorerst aber möchte ich auf meine Hauptarbeit der Woche hinweisen, in welche ich rund 9500 Wörter/13-DIN-A4-Seiten investiert und dank praktischer Aufnahmetechnik ins Audiowiedergabeformat gewandelt habe. Es handelt sich dabei um eine hoffentlich unterhaltsame Batman-gegen-Superman-Geschichte, bei der ich mir so einiges an Spaß mit etablierten Charakteren erlaubt habe - Dramatische Vorlesung meinerseits und schnieke Musikuntermalung inklusive. Wer 70 Minuten Zeit hat und/oder was zum Nebenbeihören braucht, kann sich also gerne mit der DC-Show begnügen - ich bin stets gespannt, wie es ankommt.


Zurück vom kreativen Schreiben lässt sich sodann erneut feststellen, dass ich nicht sehr oft aus dem Haus gehe. Zumindest am Freitag ging es wieder in die Bücherhalle und dort habe ich mir erneut zehn Filme ausgeliehen, die in den nächsten Wochen bestimmt an dieser Stelle Erwähnung finden. Gute Freunde, Milchkaffee und Bockwurst mit Brot und Senf waren ebenso zugegen. Vom Start der Woche aus hinüber zum Wochenende lassen sich aber noch über folgende Filme berichten:

 
„Contaminator - Die Mordmaschine aus der Zukunft“ habe ich mir nicht zum ersten Mal einverleibt, doch im Bruno-Mattei-Gesamtwerk hat das in einer Bierbrauerei und ab und an in Venedig gedrehte „Aliens“-Plagiat arge Probleme, einen einvernehmenden Ansporn im Zuschauer zu mobilisieren, so blass sich das Handlungsprozedere durch kaum auseinanderhaltbare Korridore läuft; mit Schablonencharakteren auch nicht mehr macht, als die videotaugliche Action hergibt. Löbliche Ausnahmen sind da ein blonder Surfer-Hühne im Soldatenformat mit Hoschi-Sprüchen sowie die Präsenz von urigen Ungeheuern, die in einem Luigi-Cozzi-Film zur Hauptattraktion erhoben worden wären. Stattdessen bleiben sie vom Narrativ her trotz Bedrohungsfaktor derartig lose im Raum zwischen den Anspielungen auf kaum variierte Vorbilder hängen, dass schließlich noch ein Terminator auftaucht und es bei aller wunderlicher Idiosynkrasie dennoch ebenso schwer hat, in der beliebigen Bilder- & Handlungssuppe hervorzustechen. Eben ein Low-Budget-Abenteuer, das sich aufs Äußerste in seiner Action streckt, ohne eine halbwegs fordernde Grundlage zur Involvierung bereitzustellen. Enttäuschend, selbst für die gewohnten Verhältnisse italienischen Trivialkinos. Lediglich die halbgare Öko-Message weist noch auf die altbekannt tollen Intentionen von Drehbuchautor Claudio Fragasso hin, doch Saft und Kraft sind ihm hier deutlich entglitten.


Etwas besser gestaltete sich sodann das Doppelpacket an Unterwasser-Horror-Thrillern aus dem Jahre 1989, die durchaus im Fahrwasser von „The Abyss“ (ebenso von James Cameron) erschienen. „Leviathan“ und „Deep Star Six“ sind dabei relativ ähnlich geraten und beidesamt Musterbeispiele für sorgfältig konventionelle Drehbucharbeit, besonders inwiefern die jeweiligen Ensembles mit möglichst natürlichen Alltagspersönlichkeiten gezeichnet werden und Motivationen/Zukunftsaussichten im Kontext ihrer Lage darlegen. Beide Filme besitzen auch so ziemlich denselben Schlusspunkt, hinein in die Liebe und weg vom infernalischen Zwang des Kapitalismus, wie dieser binnen der Reagan-Ära Humanes sowie Ethisches gegen Profitabilität einzutauschen versuchte. „Leviathan“ ist da expliziter in seinen Mechanismen der corporate identity verankert sowie in einer aus „Alien“ und „Das Ding aus einer anderen Welt“ zusammengebastelten Plattform an Filmerfahrung. Sean S. Cunninghams „Deep Star Six“ hat in seiner Vermittlung des Creature-Horrors sodann weniger Lust auf die Darlegung direkter Inspirationsquellen und entwirft eher die Spannung einer unbekannten Katastrophe, die sich zudem eher in den menschlichen Konflikten an Bord widerspiegelt, bei denen das Rücksichtslose mit seinen Impulsen des Vorstoßens immer größere Spalten schürft. Fehlgeleiteter Ehrgeiz bestimmt hier die interne Auseinandersetzung, bei „Leviathan“ wäre man hingegen mit der Rückkehr nach oben schon allgemein zufrieden, doch ein Bündel an schleimig heimtückischen Sci-Fi-Transformationen gilt es als Herausforderung oder eben als Ersatz für Charakterentwicklungen zu bezwingen. Das Misstrauen eines „The Thing“ hält sich da z.B. in Grenzen, eher wirkt ein Troubleshooting unter Kollegen nach, wie es als Gleichnis des Arbeitsalltags unter reißerischem Imperialismus nur allzu eindeutig auf den kleinen Mann im Zuschauersessel zukommen will. Jener Film von George Pan Cosmatos wie auch „Deep Star Six“ kriegen gemessen an ihrem konzentrierten Ensemble aber im Verlauf nicht genügend Luft, um sich abseits ihrer schemenhaften Drehbücher zu bewähren, so wenig auch der Terror des Ausweglosen vom Gefühl her akzentuiert wird, stattdessen ein High-Concept zur Erfüllung seiner selbst im Vordergrund steht. Es bleiben gefällige Abenteuer, welche ihre 90 Minuten praktisch durchhalten, in der Theorie allerdings auch zu lange im Kalkulierbaren herumtreiben, ehe die bekannten Muster vom Wer-stirbt-als-nächstes am Meeresspiegel hochsteigen.


Weiter in ähnlichen Genre-Gefilden geht es wieder zurück nach Italien, diesmal zu „Alien - Die Saat des Grauens kehrt zurück“, der sich nicht entschiedener als Rip-Off ausgeben könnte. Seine archaische Umsetzung birgt aber noch einige interessante Beobachtungen, die bei einem „Contaminator“ binnen gelangweilter Optiken verlaufen wären. Dabei scheint das Budget hier noch kleiner ausstaffiert zu sein, so wie sich Cast und Crew zunächst an Astronauten-Archivmaterial orientieren, bald jedoch garantiert ohne Drehgenehmigungen Los Angeles einnehmen, also als Mini-Filmapparat im Geheimen mitten drin ein Figurennetz aufspannen. Jenes besticht nicht unbedingt durch dramaturgische Spitzen und Tiefen, eher aber besitzt das Grüppchen an Höhlenforschern eine kollegiale Leichtfüßigkeit, in die man sich als Zuschauer ebenso gerne hinein verliert, sobald der Roadtrip in die herzliche Belanglosigkeit sowie zu den netten Bekanntschaften unterwegs begibt, die von der Inszenierung gleichsam schludrig abseits von Deutungsabsichten wirken. Einige Aspekte kündigen dabei aber schon die kommende Spannung an, obgleich die plumpe Handhabung ebenso mit einer drolligen Grundnaivität arbeitet, die mit ihren blutigen Schocks und Mysterien vor allem als jugendliches Gemüt Vergnügen bereitet. Protagonistin Thelma (Belinda Mayne) zum Beispiel wird von Visionen und telepathischen Fähigkeiten geplagt, der spärliche Einsatz dessen bringt sie aber nur bedingt weiter, auch im späteren Kampf gegen die außerirdische Bedrohung, während sie im Rahmen der Exploitation auch nackt im Zelt schlafen darf. Zur Ripley gerät sie da nicht, doch nach dem lässigen Arsenal an Zeitkolorit und Hörspiel-artigen Hau-Drauf-Dialogen im Berliner Format erhöht sich das Kinematische am Film durchaus im Betreten der Tropfsteinhöhlen, in deren Dunkelheit die Lichter unserer Recken wie Sterne fallen und Ridley Scotts Version vom unbekannten Terrain effektiv emulieren. Ganz langsam geht es sodann auf die zentralen Gore-Effekte des außerirdischen Grauens zu und tatsächlich wird da auch schon auf eine Körperübernahme mit brachialen Entlarvungen hingearbeitet, wie sie John Carpenter einige Jahre später mit dem „Thing“ perfektionierte. In den Gängen dazwischen bietet sich hingegen reichlich Leerlauf an, der sich offensichtlich auf legitime Spielfilmlänge quält, ehe einen seine Pointen des Schreckens wieder mit hervorspringenden Effekten abholen. Deren direkt in die Kamera fliegenden Charakter sowie die Perspektiven in finstere wie obskure Steinformationen hinein könnten sich dabei auch als 3D-Variante mausern, in etwa wie Werner Herzogs „Höhle der vergessenen Träume“. Abseits dessen ist die Suggestion auswegloser Leere darin gar nicht mal abzustreiten, insbesondere sobald Thelma in den finalen Minuten noch durch ein menschenleeres L.A. läuft, obgleich die Drehumstände frühmorgendlicher Aufnahmen kein großes Geheimnis um die Erzielung dieses Effekts machen. Ciro Ippolitos & Biagio Proiettis Film ist eben ein Werk der Sparsamkeit, der Score von Guido und Maurizio de Angelis spiegelt das Minimale ebenso wieder, und das macht das Gesamtprodukt sympathisch, inwiefern es sich allzu locker mit Potenzial und Inhalten durchschlägt. Einiges an Aufwand, insbesondere in den Effekten, ist da durchaus vorhanden, doch im Grunde macht es aufstrebenden Filmemachern Mut, mit wenigen Ressourcen ein schlichtes Werk auf die Beine stellen zu können, obgleich es mit ein wenig mehr Sorgfalt schönen Boden für Charakterwerte und Einfälle binnen des Gewöhnlichen aufbieten könnte. Kein Brecher unter den Rip-Offs, aber noch lange kein Brechmittel, so naiv das Werk durch simpel definierte Selbstverständlichkeiten wandert.


Den Kurzbericht dieser Woche möchte ich dann auch mit einem weiteren Vertreter des italienischen Films abschließen, ebenso meine Einführung in die streitbaren Leistungen von Regisseur Mario Siciliano, dessen „Der Tag des Söldners“ in den letzten Tagen binnen Schnittberichte.com die Runde machte und zudem die Rede davon war, dass sich seine vorangegangen Filme durchaus an Räudigkeit ergänzen. Obgleich ich eigentlich mit „Häutet sie lebend - Unternehmen Wildgänse“ einsteigen wollte, kam ich zunächst nur an „Stacco“ von 1977 ran, der als asozialer Reißer aber schon einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Lee van Cleef ist darin der Protagonist eines zynischen Weltbilds, innerhalb dessen er nach wenigen Minuten schon von seiner Herzensdame verraten wird und einem missglückten Rennbahnüberfall zufolge einige Jahre lang im Knast einsitzen muss. Daraufhin wird er jedoch von einem Hippie-artigen Mafia-Boss beauftragt, weiter zu töten, was Regisseur Siciliano in ausgesprochen deftiger Montage schon so zeigt, dass Van Cleef mit seinem Scharfschützengewehr und Stelvio Ciprianis Grooves jemanden abknallt, woraufhin ein Flugzeug hochfliegt/landet und sich jene Wiederholungen der Prozedur für den Zuschauer an beiden Händen abzählen lassen. Der letzte Auftrag gilt jedoch einem von Van Cleefs alten Freunden und da lässt er von ab, weil ein Altherren-Ehrgefühl äußerst männlicher Schule noch in seinem Nihilismus vergangener Jahre überlebt hat. Doch die neue Generation an Killern, sprich Robert Widmark aka „ein blondes Arschloch“, ballert alles und jeden mit fiesem Grinsen ab, weshalb auch Van Cleef allmählich grundlos ins Kreuzfeuer der Auftraggeber gerät. Seinen Widersacher spielt er dabei immer wieder clever und kaltschnäuzig aus, doch die Konsequenzen der Anarchie türmen sich ebenso im Wechselspiel der europäischen Arschloch-Haltung. Sleaze ist dabei das Streckenpferd von Sicilianos Thriller, also lässt er die Angelegenheit in finster spekulierte Milieus münden, welche ihren frühen Höhepunkt in einer Transvestiten-Bar finden, wo Van Cleef noch abgeklärt Aufträge empfängt, seinen Verfolger Widmark aber in eine Hütte schmeißt, in welcher dieser sodann von den Männern in Frauenkleidern vergewaltigt und angeschlitzt werden soll. Die Konfrontation dessen fällt dementsprechend grenzwertig aus und wird symptomatisch für dieses dirty picture, bei dem sich die inhärente Coolness im Charakterdarsteller Van Cleef allmählich auch mehr mit ruppigen Impulsen in die Hässlichkeit bugsiert. Schließlich erfolgt dann auch die Begegnung mit seiner alten Flamme, die ihn einst aufs Kreuz legte und sich nun noch weniger an emotionale Bindungen denn an den Opportunismus des Überlebens hält. Wahre Freundschaft gibt es da für Van Cleef nur noch bei Ausweisfälscher, Vogelliebhaber, Barbesitzer und Kriegskamerad Benny (John Ireland), der aber ebenso vom gnadenlosen Widmark der Zerstörung überlassen wird. Um Van Cleef herum können sich nur Leichen versammeln, auch wenn er als Marmorstatue der Y-Chromosome unverhofft Diana Polakov (aus „Supersonic Man“) anlockt und zumindest eine gewisse Hoffnung im Hedonismus anklingen lässt, obgleich Siciliano diese selige Naivität an Freiheit und Lust bald ebenso unter heißer Sonne absterben lässt. Der Krimi-Plot drum herum befähigt sich dann auch eher schleppender Groschenroman-Dramaturgie um Verrat, Zwietracht und Mordkomplotten, ehe die Konsequenz des Ganzen nochmals mit desillusionierter Wut Kugeln hageln lässt sowie mit Easy-Listening globales Übel hinnimmt. Ein Räudenfilm, wie er im Buche steht - ich bin gespannt, wie weit es Siciliano noch trieb.

Bis dahin sind die Nebenerscheinungen der Woche somit abgedeckt, im Folgenden kommen sodann vier Werke zu Wort, die ich grundsätzlich und formvollendet besprochen zur Sichtung empfehlen möchte. Nach den ganzen Alien-Rip-Offs und Italo-Reißern geht es nämlich übergreifend ums Coming-of-Age sowie um Querelen/Gleichnissen menschlichen Miteinanders in:




HÄSCHEN IN DER GRUBE - (Gesichtet im Rahmen des BIZARRE CINEMAS im Metropolis Kino Hamburg, 35mm, besonders rotstichig)

Unmoralische Auswüchse zu vergeben!“ Roger Fritz erzählt von der Perversion der Unschuld, die von ihrer Korrumpierung binnen jugendlicher Naivität zunächst nichts wirklich zu wissen scheint. Leslie (Helga Anders) ist in dem Sinne auch keine Lolita, sprich eine bewusste Spielerin der Verführung, sondern ein Kind auf dem Pfad zur Adoleszenz, dessen oberflächliches Erwachsensein von der Außenwelt sexualisiert und ausgenutzt wird. Schon früh gibt ihr Stiefvater Maurice (Anthony Steel) dem Zuschauer eben solche Anzeichen der Zuneigung durch, welche Mutter Francine (Françoise Prévost) mit subtilem Frust zu übersehen scheint. Regisseur Fritz setzt dabei aber nicht auf einen expliziten Reißer zum Sachverhalt, dafür ist er grundsätzlich eher dem Zeitgeist zugetan, welcher mit der Hippie-Welle ein neues Verhältnis zu Liebe, Natur und Sozialstatus probierte, ohne jedoch die Moral des Einzelnen entwerten zu wollen. Den Idealen der Ära entsprechend bewegt sich die inszenatorische Beobachtung also zunächst ebenso drollig durchs sonnige Italien, in Zufriedenheit der Bevölkerung entlang, ob nun an der Gemüsehändlerin oder lachenden Kindern vorbei, hinein ins Engagement der Kunst, Oper und Ballett. Sobald Leslie jedoch von jenen durch ihre Eltern entschiedenen Pfade abdriftet, bricht Fritz seine Suggestionen stetig mehr in Eindeutigkeiten auf.


Seine Gestaltung konzentriert sich da zunächst vor allem auf den Sound, der im Intro bereits Autogeräusche durch merkwürdiges Surren ersetzt und die Ungewissheit mit Uli Rövers träumerischer Musik umso stärker fördert. So ist Leslies Spaß im Umgang mit ihrer Umwelt und den Avancen des jungen Kommunen-Schönlings Brian (Ray Lovelock), inklusive kleinem Karnickel im Korb, zwar hervorstechend für eine sinnliche Aura der Gemütlichkeit und Freiheit – die gleichsam stechend kontrollierenden Augen von Maurice halten die Laune jedoch an der Leine. Was zunächst als väterliche Fürsorge nach konservativem Format ausschaut, äußert sich allmählich als drakonischer Missbrauch, der im Verlauf auch zur Kritik an der heuchlerischen Fassade der höheren Gesellschaft beiträgt, so wie diese in ihrer Ideologie die Unterwerfung verlangt, um sich dem Eigennutz hingeben zu können. Die politische Ader von Fritz spricht da durchaus entschiedene Töne, statt Didaktik lässt sie aber eindringliche Bilder und Charakternähe vorantreiben, wenn die Kontrolle des Mannes über der Weiblichkeit wie schon bei „Mädchen: Mit Gewalt“ zum Diskurs steht. Diese trifft sowohl auf Maurice als auch auf Brian zu, obgleich letzterer natürlich eher vom Frust der forcierten Verweigerung her energisch ausartet, während Maurice stets den Willen seiner Tochter maßregelt und gleichsam ihre Mutter mit der Einwilligung dazu emotional erpresst, da er diese sonst verlassen würde. Von Francine wird da also ein Kompromiss eingegangen, der ihre gesellschaftlichen Vorteile inklusive Butler beibehält, ihre Moral jedoch bis zum Äußersten verzerrt, solange sie (schon viel zu lange) die Schmierigkeiten ihres Ehegatten duldet. Da muss sich was ändern!


Wider besseren Wissens macht auch Leslie noch das Spiel des Altbewährten mit, doch mit der Aussicht auf neue Perspektiven und Reaktionen erhält ihr Charakter subtile Signale zur Wandlung, die Fritz innerhalb der glühend schönen Sonne mit durchgängiger Natürlichkeit der Hormone einbaut. Das Drama kommt hier also nicht mit Anlauf auf einen zu, Fritz' Methodik geht aber wie gehabt aufrichtig auf Eskalationen zu, die in kurzer, aber einwirksamer Wucht die Reflexion der Verhältnisse erwirkt - weniger ein Urteil an Einzelpersonen, da diese ohnehin eine Einsicht erfahren. Da bewährt sich Helga Anders zentral genauso stark und verletztlich zwischen Anthony Steel und Ray Lovelock, wie es ihr an Klaus Löwitsch und Arthur Brauss widerfuhr. Hier nimmt sie sich jedoch durchaus ihre Zeit, bis sie sich der Schwere ihrer Lage bewusst werden kann, was aber nun mal an der hier extremisierten Autorität der Erziehung liegt, die ihr Coming-of-Age ausschließlich für sich beanspruchen will und damit fast durchkommt, wenn letztendlich nicht doch noch das menschliche Gewissen zur Selbstbestimmung (auch im Weltgeschehen nebenan) obsiegen würde. Wider der Anpassung, aber hin zur Empathie schafft das „Häschen in der Grube“ also seine dramatische Fesselung mit beachtlicher Leichtigkeit und natürlich einigen zeitbedingten Schrulligkeiten (man beachte auch Ray Lovelocks Songeinlage) sowie einer galanten, teils pointiert drastischen Beobachtung am Zusammenspiel, Höhen und Tiefen von Lokalität, Jugend, Masse und Individuum. Ein weiterer Kandidat zur filmhistorischen Wiederentdeckung.




THE JUNGLE BOOK - "[...] Gewalt gegen Gewalt, das ist natürlich auch hier keine Lösung – oder zumindest erst dann, wenn es darum geht, das funktionell zubereitete Böse zu bezwingen. [...] Berechenbar, wenn auch effektiv, geht die Geschichte vonstatten, die man nun als „Dschungel-Action-Abenteuer“ betiteln könnte, so wie das Tempo vor allem im ersten Akt mehr an einer Parade der Schauwerte als an einer behutsamen Figurenentwicklung gemessen wird. Doch obwohl die in Los Angeles über digitale Mimikry entstandene Dschungelgeschichte ein potenzielles Desaster entsafteter Totkalkulation ergeben könnte, lockert sich das Geschehen zu einer Energie auf, die Jung und Alt gleichermaßen angemessen „frisch“ mit dem alten Stoff bekannt macht. Die Kompetenz Favreaus setzt in der audiovisuellen Ebene vor allem auf kohärente und farbenfrohe Unterhaltung, vielmehr besticht jedoch sein Umgang mit den Darstellern (ob nun mit oder ohne Binärfell), der einen natürlichen Dialog voranstellt, gerne aber auch einige kollegiale oder hippe Floskeln benutzt, den Zuschauer jedenfalls grundsätzlich glaubwürdig im Spiel einnehmen kann. [...] Die Moral von der Geschicht’ bindet sodann auch das Selbstverständnis vielfältiger Kulturen und deren Einflüsse in eine Persönlichkeit, die fernab der Kategorisierung in Spezies einen Frieden finden kann und nicht bloß das Feuer des Hasses schürt. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




UNRUHIGE TÖCHTER - In seiner Gefühlswelt drastisch, wenn auch dramaturgisch konsequent setzt dieser Film von Hansjörg Amon auf einem Pfad zwischen Exploitation und Drama Aspekte der Emanzipation um. Direkt aus dem Jahr 1968 basiert dieses Spiel aus Intrigen und der Schere zwischen freier und fester Liebe binnen Bern auf einem waschechten Kolportageroman aus der „Quick“ von Ilse Collignon, dementsprechend sprunghaft hat man es trotz geradlinigem Narrativ mit einem Episoden-Ensemble an Gehörnten zu tun, welche der freimütigen Susanne auf den Leim gehen. Ihre Jugend ist ihr Kapital zum Vorankommen ihrer Persönlichkeit, im Vergleich dazu werden die konservativen Pfade des Coming-of-Age kontinuierlich ausgehebelt, obgleich Sue in ihrer Abgeklärtheit das nötige Verständnis für jedermann in wirksamen Portionen abliefert. Auch wenn sie ganz frech einen Button mit dem Slogan „J'aime les hommes“ im Klassenzimmer trägt, geniert sie sich auch nicht vor dem gleichen Geschlecht, im Gegenteil. Nur Abenteuer mit Jungs ihres Alters werden bewusst, auch vom Film, ausgeklammert. Der älteren Generation spendiert sie demnach Frische, eben eine Abwechslung, mit der sie laut eigener Aussage aufzeige will, dass es auch anders geht als mit den etablierten Modellen des Lebens. Das Treffen mit einem solchen Freigeist erweckt jedoch erst recht die Sehnsucht in ihren verdrossenen Teilzeitliebhabern, doch einem darin unvermeidlichen Weg in die erneute Bindung verweigert sie sich entschieden, was durchaus zur Tragik der von ihr Verbliebenen führt.


In erster Linie nutzt sie den jugendlichen Leichtsinn darin gewiss zur Förderung der Karriere, sogar hinein ins Filmgeschäft sowie anderen Vorteilen in jener Ausnutzung der versteckten, doch mit Anlauf ausgeführten Amoral ihrer Herrenbekanntschaften. Dass der Film aber natürlich auch aufzuzeigen versucht, wo die Grenzen von Modern und Altbacken liegen, wie angeblich ethisch unvereinbar sie letztlich davon treiben, ist nicht ganz unproblematisch. So erleben wir ihren Lateinlehrer (Jöns Andersson) zunächst als Verteidiger der Ideale, der sich dem liberalen Lehransatz verschreibt und dennoch treu auf seinen Haushalt schwört, bis er Sues Verführung zur Freiheit wahrnimmt und der Hormone wegen selbst im Angesicht der potenziellen Konsequenzen jede Verpflichtung des Lehrkörpers sowie der Ehe über Bord wirft. Den Vollzug zum Geschlechtsverkehr traut er sich nicht zu, damit geht Sue ebenso d'accord und hakt die Sache als Abenteuer ab. Erwin jedoch verliebt sich in sie, was er zu reinforcieren versucht, bis ihm der Skandal in der Beziehung zu Halse steigt und nochmals jede Konsequenz aufgeben lässt. Sue hätte mitgemacht, sie kümmert das öffentliche Bild nicht, sie bleibt so oder so für sich frei und bar jeder Herzensverpflichtung. Die Härte kriegen auch andere Herren zu spüren, die sie simultan um ihre Gunst versammelt, wenn diese sie nun mal als sexuelle Eroberung per Pelzmantel erreichen wollen.


Beim ihr schon länger vertrauten Gönner Pit (Eduard Küber) ist der sexuelle Profit der Beziehung offenbar so einvernehmend abgeklärt, dass er dem Ende dieser kaum hinterher trauert und mit ihrer Entscheidung einverstanden scheint, während einer wie der aufdringliche Regisseur Rex Bingen (Ruedi Walter) - bei dem Pit zudem als Kuppler fungiert hat - seine gehegten Aussichten mit ihr wehmütig in Scherben zerschellen sieht. Die Balance des Einfinden in der Jet Generation hat hier nun mal, einigermaßen im Realismus geerdet, lichte wie dunkle Seiten, die Inszenierung des Ganzen feiert den Sex und beobachtet das Missverständnis an Gefühlen sodann mit ein und demselben musikalischen Leitmotiv von Walter Baumgartner. Die Leichtigkeit dessen unterstreicht mit seinen Orgeln und treibenden Beats anfangs noch das Chillen am See mit Speedboat und die luftigen Autofahrten durchs nächtliche Bern, später akzentuiert es dann noch die Euphorie des Sex und schlussendlich die Reise im Fortschritt eines Individuums, von dessen vermeintliche Liebe sich andere unter Tränen verabschieden müssen. Gleichsam stellt der Film das Gift in solchen heraus, die ihre Missgunst gegenüber dem Fortschritt in Hass und Erpressung münden lassen (siehe den nerdigen Schüler Harry) oder mit puritanischer Enthaltsamkeit über das Schicksal misslicher Lagen zu urteilen glauben, die in ihrer Ideologie nur eine strenge Lösung kennen lernen dürften. Zeitweilige Nutznießer teilen hier in ihrer Doppelmoral ohnehin auch gerne schlechte Noten aus.


Sues sonntägliche Schülerinnenrunde (die Authentizität dessen sei mal dahingestellt) offenbart da einiges, vor allem im Bezug zur Geschichte der Mitschülerin Monika, die zwischen Abtreibung und gekaufter Heirat steht sowie hinsichtlich Ruth, die für Sue schwärmt, auch traumatische Schmerzen aufnimmt und von ihr liebevoll aufgelesen wird, obgleich diese sich nicht viel draus macht. Im Nachhinein versucht sie sie sogar mit einem tendenziell homosexuellen Jungen zu verkuppeln, woran der Film zwar keine grenzwertig naive Lösung letztendlich gefundener Liebe versucht, in seinem Gesellschaftsmodell aber durchaus nicht frei von Plakativität und Klischees vom Merkwürdigen ist. Die Konstruktion um solche Stereotypen unterminiert die Wahrhaftigkeit im Gesamteindruck, mit den Ansätzen der Leichtigkeit im Verständnis von Selbstbestimmung und Sex wird diese Trivialproduktion von Erwin C. Dietrich, auch mithilfe des charmanten Zeitkolorits, aber ebenso gehaltvoll wie auch anhand der Ambivalenz zur Reflexion der Gefühle der Zweisamkeit, an der zudem die Sympathie mit Sue stets zwischen den Stühlen steht. Viele Ideale werden daran kranken, bestätigt oder entgegen der heutigen politischen Korrektheit kritisch hinterfragt - das ideologische Spektrum positioniert sich weder ausschließlich zur verblendeten Fantasie, noch zur spaßbefreiten Verklemmtheit. Ein ziemlich diskutables Wesen, welches dieser Film aus der Mitte ausstrahlt, aber zumindest etwas, was ihn aus dem fix verdaulichen Standard heraushebt.




HIGH-RISE - "[...] Die Perversion des Komplexes folgt der Beibehaltung von Establishment und Arbeiterklasse, selbstverständlich mit geringen Aufstiegschancen, und ist demnach auf Konfrontation aus. [...] Missgunst macht sich breit und verschärft sich selbst in trivialen Treffpunkten wie Kindergeburtstagen und Supermarktbesuchen, bis die Herausforderung, wer die besseren Partys schmeißt, das Übel aller weckt. Die Blindheit vor dem Wesentlichen schafft umso energischer die Abgrenzung von Idealen und Empathie. [...] Solche Sachverhalte fängt Wheatley effektiv in audiovisuellen Collagen ein, die manchmal die übergreifende Bewandtnis des Ganzen und deren Abläufe abstrahieren und mit schwarzem Humor voll verziertem Horror auftrumpfen. Der Style des nahenden Untergangs muss sich manchmal aber mit allzu eindeutigen Phrasen arrangieren, die den Inhalt der zwischenmenschlichen Beziehungen und anderer Subtexte in selbsterfüllender Prophezeiung zusammenfassen. [...] Ben Wheatleys Betrachtung des menschlichen Wahns, die er schon mit „Sightseers“ und „A Field in England“ ansetzte, schafft auch hier [...] die Stärke vom (im filmtauglichen Sinne) kohärenten Aufbau in soziologische Tiefen. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)