LEVIATHAN - Dokumente, die entfernt an unsere Welt erinnern.
Dank entschieden-eindringlichen Bildern aus jeder möglichen
Perspektive werden wir in einen verschrammt-rauschenden Kosmos des
allgegenwärtigen Sterbens hineingeworfen, mit dem keine erdenkliche
Dystopie mithalten kann. Und was noch nicht verstorben ist (bzw. seine
letzten Atemzüge erlebt), ist seiner transparenten Verlebtheit erlegen,
die man vom zerfressend-gammligen Rost der Umgebung bis hin zu den
tiefgreifenden Poren der dort rastlos arbeitenden Humanoiden erkennt.
Zudem erscheinen nachjagend-aufdringliche, gefiederte Wesen als
nihilistische Vertilger der Reste, getrieben vom Instinkt, wie alles an
dieser organometallischen, monströs-dröhnenden Maschinerie, die von
Anfang an aus kompletter Finsternis wie ein Urknall herausgeschossen,
ihre komplexen und groben Zahnräder in Bewegung setzt.
Ein wahrlich unheimlicher Ort, an den wir hier herangeführt werden,
unnachgiebig umschlingend in seiner Aura, unentzifferbar wie auch werte-
und hoffnungsfrei in seinem Ablauf. Und so wie wir urplötzlich durch
ihn hindurchgezogen werden, entschwindet er uns schließlich, dass wir
nur noch im Dunkeln, im Nichts zurückgelassen werden.
Wahrlich kraftvolles Mammutwerk! Seit dem 22.10. in den USA auf
DVD & BLU-RAY erhältlich.
L'ATALANTE - Wie eine Fortsetzung von
'UNTER DEN BRÜCKEN', nur mit viel mehr
Katzen! Oh, welch herzliche Reise über die Kanäle Frankreichs unsere
frisch-vermählte Juliette (Dita Parlo) hier erlebt, mit all dem
liebenswürdigen, kernigen Seemannsvolk an der Seite (allen voran das
alte, gewitzte Schlachtschiff Père Jules).
Eine musikalische und zauberhaft-leichtfüßige Kennenlernrunde mit der
greifbar-natürlichen Menschlichkeit des hier dokumentierten (beinahe
zeitlosen) 30er Jahre-Figurengefüges - vollkommen unabhängig davon, ob
es in der Realität tatsächlich so erwärmend zuging, wo hier höchstens
doch die Eifersucht den größten Spielverderber darstellt.
Schließlich führt diese auch dazu, dass man sich aus den Augen und
auf nebelverhangenen, finsteren Bahnhöfen zwischen Metropolen- und
Strandhorizont verliert. Doch man muss nur mit voller Sehnsucht auf den
Grund des Flusses schauen und schon sieht man sich wieder, dass einen
das Schicksal (=Père Jules) wieder zusammenführt - hach...
TELEFONI BIANCHI - Im Italien der 1930er Jahre wurden unter dem Regime des
Mussolini-Faschismus sogenannte 'Telefoni Bianchi'-Streifen gedreht -
imposante Nachahmungen von populären, amerikanischen Produktionen, die
mit konservativen Botschaften versehen wurden.
In diese Filmindustrie voller überheblicher Chaoten will das
quirlig-unbedarfte Zimmermädchen Marcella (Agostina Belli, ein Goldengel
allererster Güte) als Schauspielerin einbrechen, die sich für ihre
Karriere durch die Betten einflussreicher und taktlos-selbstsüchtiger
Politiker, Stars und Produzenten schläft, während ihr alter Verlobter
Roberto (Cochi Ponzoni) ihr immer wieder als beleidigte Leberwurst
auflauert und berechtigte Schuldgefühle einbläut.
Dabei gerät sie u.a. in ein prunkvoll-versautes Bordell für feine
Herren, wo sie durch einen Kunden & Komponisten (Lino Toffolo) zum
Schlagerstar wird. Lange aushalten kann sie das Muttersöhnchen jedoch
auch nicht und gerät sodann in die verführerisch-charmanten Fänge des
Star-Akteurs Franco Denza (Vittorio Gassman in einer verschmitzten
Meisterleistung) - zudem beginnt sie auch nach einer Begegnung mit dem
Duce selbst, für jenes diktatorische Staatsoberhaupt zu schwärmen, auch
wenn sie sich selbst eingestehen muss, noch immer was für Roberto zu
empfinden, der allerdings an die Front versetzt wird.
Schließlich schafft sie durch den Segen des Duce's den Sprung in den
Studiohimmel Cinecittàs, wo man aus ihr trotz mangelndem Talent an der
Seite Denza's - der dann auch ihr jahrelanger Liebhaber wird - einen
waschechten, nationalen Star unter dem Pseudonym Alba Doris macht. Doch
auch hier kriselt die Beziehung und Denza's Geisteszustand
schlussendlich unter dem Exzess der faschistisch-ordinären
Unbelehrbarkeit & Egomanie, während allmählich der zweite Weltkrieg
in die Wege geleitet wird.
Aufgrund der Koalition mit Deutschland gerät sie schließlich
irgendwann auch in deutsche Durchhaltestreifen und deren Produzenten,
weshalb ihr ewiger Verlobter Roberto ihr endgültig die Liebe kündigt.
Bonjour Tristesse, encore une fois, erst recht am Horizont des
Kriegsendes, wo sie im Lastwagen eines stehlenden, buckligen Vagabunden
landet, der sie aber schnell für eine Gruppe von flüchtenden Juden
ablädt (welche er aber dann doch an die Deutschen verrät).
Auf ihrer trübseligen Odyssee zurück nach Hause begegnet sie wieder
alten Weggefährten, die sich nun vor den Widerstandskämpfern
verantworten müssen. Mit kleinen Gesangsauftritten und einer Vermählung
mit William Berger kann Marcella sich dann doch noch bis nach dem Krieg
über Wasser halten. Doch auf einer Reise nach Russland dann...
In diesem turbulenten, liebevoll-ausgestatteten, wunderbar
anarchisch-gewitzten und über mehrere Jahre erzählten Lustspiel vergehen
die knapp 2 Stunden Laufzeit wie im Fluge. Faschistische Witzfiguren
übertreffen sich im karikierten Gesellschaftsbild jener Zeit an
perverser Verkommenheit, während die Lebensverhältnisse immer perfider
werden, den Krieg herausfordernd heraufbeschwören. Und dennoch kämpft
sich dabei durch die Jahrzehnte eine recht süße, leichtlebige
'Liebesgeschichte' durch, die schließlich durch die Wirren des Regimes
und des Krieges immer wieder chaotisch auseinanderbricht.
Wie eh und je liegt das aber auch im Grunde am verführerischen Glanz
& Glamour der Unterhaltungsindustrie, die einen mitreißen, aufsaugen
und zerbrechen kann, wie es ihr gefällt - wie auch hier in diesem
semi-fiktiven Biopic von Dino Risi, das sich mit dem morbiden Pomp der
30er Jahre schelmisch auseinandersetzt und unsere liebenswerten, wenn
auch fehlgeleiteten Protagonisten durch den Fleischwolf jagt.
Ein toller Film, leider nur schwer zu bekommen - ich hab ihn in
seiner exzellenten dt. Synchro gesichtet, die mir durch eine TV-Aufnahme
von 2005 auf VHS erhältlich gemacht wurde. So oder so, sei es euch
versichert: Wer
'Telefoni Bianchi' auftreiben kann, darf ihn nicht
verpassen!
LES RAISINS DE LA MORT - Leicht abstrakte und tragische Verarbeitung des 2. Weltkrieg-Nazi-Terrors in Frankreich als Horrorfilm-Odyssee.
Ähnlich wie auch im französischen Rachedrama
'ABSCHIED IN DER NACHT'
von Robert Enrico lässt Rollin seine Protagonisten noch im sicheren
Glauben, dass rein gar nichts Böses ihnen was anhaben kann, auch wenn es
bereits offensichtlich hervorbricht - bis dann auf einmal
schlussendlich der Schrecken über sie selbst herfällt, hier in Form
'zombifizierender', mörderischer Pestizide im weit und breit goutierten
Traubenwein. Sodann auf der Flucht vor diesem Grauen durch die
französische Province, auf der Suche nach Geborgenheit & Hilfe,
kommt nur wenig Hoffnung auf.
Ein infizierter Bauer z.B. sticht im Rausch seine eigene Frau und
Tochter ab, erschreckt sodann vor seinem eigenen Handeln und verlangt
von der schluchzenden Hilfesuchenden Élisabeth (Marie-Georges Pascal),
unsere Hauptprotagonistin die zuvor ihre beste Freundin durch eine
ähnliche Tat verloren hat, dass sie ihn erlöst. Sodann trifft sie auf
eine verlorenene Blinde, Lucie (Mirella Rancelot), die sie in Aussicht
auf ein befreiendes Telefon zur Aussenwelt in ihr Heimatdorf führt -
dort jedoch ist bereits alles verbrannt und zerstört, Leichen pflastern
das gespenstisch-hoffnungsfreie Szenario.
Lucie verlangt von Élisabeth zu erfahren, was sie denn sieht - sie
kann es ihr aber einfach nicht sagen, das unfassbare Grauen ist schlicht
zu überwältigend. Schließlich werden sie von den infizierten
Dorfbewohnern umkreist, Lucie glaubt sich sicher, wird aber von ihren
alten, nun zwanghaft-umgepolten Mitbewohnern getötet, auch wenn diese
sich mit Tränen innerlich darum wehren, in Erinnerung wer sie früher
einmal waren - das neue Regime aber kennt keine Gnade und zeigt seine
keifende, unmenschliche Fratze.
Élisabeth kommt bei einer Uninfizierten (Brigitte Lahaie) unter, doch
die entpuppt sich als Kollaborateurin und wirft sie den Monstren zum
Fraß vor, biedert sich sodann den eintreffenden Widerstandskämpfern an
(von denen einer schon im Krieg gekämpft hat), die aber den Braten
riechen - Élisabeth aus den Klauen der Dämonen befreien und in eine
offensichtlich schon lange von den Nazis zerbombte Burg fliehen.
Auf dem ausschlaggebenden Weingut schließlich angekommen, findet
Élisabeth ihren Verlobten auf dem Dachboden vor. Ihn hat die Infizierung
und sein Gewissen schon fast zerfressen (schließlich hat er die
todbringenden Pestizide entwickelt) - dennoch (und trotz
mahnend-tränenreichen Widerstand von seiner Seite aus) umarmt und küsst
sie ihn ein letztes Mal, bevor einer der Bauern ihn erschießt. Sodann
greift sie zum Gewehr und tötet die Widerstandskämpfer, lässt in den
letzten melancholischen Momenten des Films das Blut ihres Verlobten auf
ihre Lippen tropfen, womit sie sich infizieren lässt - es gibt für sie
nämlich nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt.
Ein bitterer Schlussstrich für diese durchaus harte Metapher Rollins
auf die Schrecken des zweiten Weltkriegs, adaptiert als Plädoyer für
einen gewissenhafteren Umgang mit der Natur. Lässt die alten Wunden
wieder aufreißen und macht die ländlichen Bewohner erneut zu
unfreiwilligen Sklaven des eingeschlichenen Terrors, der ihnen dennoch
ganz tief im Unterbewusstsein seit Generationen innewohnte.
Ein stimmungsvolles und recht tragisches (wenn auch nicht
aufdringlich-sentimentales) Horrordrama, das durch den deutschen
Verleihtitel allzu sehr ins Belanglose gezogen wurde. Gesichtet auf
Blu-Ray, vom US-Verleih
KINO LORBER, in Top-Qualität (auch wenn die
teilweise ungeschickten Schärfeverlagerungen dadurch umso ungünstiger
auffallen).
ALIEN - DIE WIEDERGEBURT - Eine weitere,
virtuos-skurrile Komödie (mit einigen traurig-stimmenden Szenen für die
gute, neugeborene Ripley) von Jean-Pierre Jeunet, frei nach einem
Drehbuch von Sci-Fi-Fantasy-Spaßautorenfilmer Joss Whedon, mit einem
Hang zum futuristisch-explosiven Ekel, welchen man auch Stuart Gordon
& Brian Yuzna oder dem Robert Rodriguez von
'FROM DUSK TILL DAWN'
zutrauen könnte.
Insofern nicht ganz so zuckersüß-drollig wie 'Amélie', im Gegenteil,
sogar recht tromatisch-grotesk und gewaltreich, aber mindestens ebenso
verschroben-poppig in seinen morbiden, meta-postapokalyptischen
Produktionsdesigns, Figuren (u.a. der glubschäugige Dan Hedaya mit
seiner Gorilla-artigen Schulterbehaarung) & Kameraspielereien wie in
seinen vorangegangenen Werken. Insgesamt eine recht spaßige und
knallige Angelegenheit, mit einer übermenschlich-starken und anfangs
unbekümmert-verschmitzten Ripley (Weaver hier erneut mindestens so
begehrenswert-sympathisch und schlagfertig wie Barbarella, wenn auch
weit emanzipierter = Whedon-Writing in Bechdel-Test-bestehender
Reinkultur) im funsplattrigen und teilweise sogar spannenden
Überlebenskampf gegen die Schleimviecher.
Zudem nimmt sie erneut wie in 'ALIENS' eine Mutterrolle ein, in
diesem Fall für Winona Ryder's *SPOILER* Androidenmädel *SPOILER ENDE*
Call, welches zusammen mit dem Machotrupp um Ron Perlman in die
klaustrophobische Raumstationsbelagerung hineingezogen wird. Zudem
verfolgt Ripley eine leicht-verhaltene Obsession mit den ausserirdischen
Invasoren, mit denen sie seit dem Klonungsprozess nach den Ereignissen
von ALIEN³ in der DNA verbunden ist - schmeißt sich hingebungsvoll in
den geschmeidig-feuchten Alien-Körper-Kompost, wie Isabelle Adjani in
Zulawski's 'Possession' und 'gebiert' daraus einen garstig-brachialen
Hybriden, der für seine menschliche Mom die Kreaturen-Leihmutter
zerhackt. Kein Wunder, dass David Cronenberg zu einem Zeitpunkt
ebenfalls für die Regie vorgesehen war.
Doch Ripley empfindet im Gegenzug eher Liebe für ihre
'Adoptivtochter' Call und kehrt zu ihr zurück, was das neue Baby
natürlich immens verärgert und nun um die Anerkennung seiner Mutter
'buhlen' lässt - sodann entbrennt ein irrwitziges Familiendrama inmitten
des letzten funktionstüchtigen und nun flüchtenden Weltraumgefährt. Und
schlussendlich, mit Tränen in den Augen, treibt Ripley ihr
unschuldiges, aber ultimativ-missanthropes Neugeborenes nachträglich ab -
fängt aber entschieden, die Vergangenheit hinter sich lassend, ein
neues Leben im komplett verwüsteten Paris mit Call an ihrer Seite an. Da
wird Jeunet dann doch wieder ein bisschen drollig, auch wenn der
Haunted-House-ähnliche Score Unheil über den Abspann vorausspricht.
Sei's drum, mir hat dieser Teil der originalen Alien-Quadrilogy sehr
gefallen, womöglich ist er nach dem Original und der James
Cameron-Fortsetzung der Drittbeste aus der Reihe. Echt gewitzter, süßer
Schleim...

HARD TO DIE - Mein Lieblings-B-Movie-Regisseur aus Corman's Schmiede, Jim Wynorski,
schickt in dieser seiner gagreichen Horrorkomödie 5 stramme &
hohlbirnige L.A. Bohème-Babes durch eine aberwitzige Horror-Nacht in
einem poppig-klobigen Dessousgeschäft namens
ACME LINGERIE (natürlich
eine niedliche Anspielung auf die
LOONEY TUNES, wie auch alle durchaus
plaktativen 'Gewaltszenen') und dessen schummrigen Keller - innerhalb
eines Wolkenkratzers, wo der stoisch-schmierige Hausmeister (vor dem
sich immer alle übertrieben erschrecken, während die Kamera per
Dollyfahrt ständig overstated inkl. Blitzgewitter in seine Fresse rast)
einige Schauergeschichten zu erzählen hat und Stock-Footage aus anderen
Filmen gewitzt-dusselig in den unterhaltsam-schrottigen Narrativ
eingebaut wird.
Unsere Protagonistinnen entfesseln beim Öffnen einer alten,
ägyptischen Kiste sodann einen bösen Geist, der eine nach der anderen
erledigt (= Schwenk auf leere Wand, Blut spritzt dagegen), doch viel
wichtiger wiegen zunächst mal Probleme wie: 'Gibt's was zu essen?' (der
Chef hat nur verschimmeltes Futter im Kühlschrank) und 'Ich werd jetzt
erst mal duschen gehen.', wodurch natürlich, in Abwechslung mit
reichlich bewusst-blödeligen Dialogen, einige grundlose Nacktszenen vor
die Linse treten, bevor die turbulente Flucht vor dem blutigen Schrecken
unternommen wird. Also, ich weiß, was ihr euch jetzt denkt: klingt
alles ziemlich sexistisch und chauvinistisch - und im Grunde wäre das
auch so, aber den Unterschied machen die durchgängige, leichtfüßige
Verspieltheit sowie die parodistisch-anarchische Grundhaltung, die sich
durch das Oeuvre Wynorski's seit jeher ziehen.
Und so ist Jim (der hier zudem ein schnippisches Cameo als
Porno-Regisseur vollführt) auch mit
HARD TO DIE ein durchweg
unterhaltsames und augenzwinkerndes Spaß-Filmchen gelungen, welches
durchaus mehr Dessous als normale Kleidung für den durchgeknallten
Überlebenskampf vorzuweisen hat, wozu sich allerdings auch automatische
Knarren und spitze Gegenstände zur Verteidigung gesellen. Somit wird das
(eher männliche) Eskapismus-Herz der jugendlichen bzw. junggebliebenen
Zielgruppe ganz effektiv mit frivoler Heiterkeit und Frohsinn erfüllt,
wo er doch in knapp 83 Minuten Laufzeit 3 ganz wichtige Knöpfe zur
Cine-Liebe drückt: Blödeleien, Blut & Boobs - frei von jeder Moral
und herrlich-naiv in seinem cartoonhaften Exzess auf sympathischer
Sparflamme.
ZUCKERBROT UND PEITSCHE - Ich erinnere mich noch an eine Zeit, ca. Ende der 90er und Anfang der
00er, in der VOX im Late-Night-Programm einige selbst bis heute noch recht
unbekannte Filme von schön verknarzten
'Direkt-von-der-Kinorolle'-MAZen
ausstrahlte, die im Dunkel der Nacht den Fernsehschirm meiner Eltern im
Wohnzimmer zur Leinwand machten (schließlich war das in dem Dorf, in dem
wir wohnten, das nächstbeste cineastische Erlebnis). In diesem Rahmen
sichtete ich u.a. einen meiner ewigen Lieblingsfilme,
'NUIT D'OR', der
bis heute auf eine ordentliche Heimkinoauswertung wartet.
In dieselbe Kategorie fällt dieser Film, den
ich jüngst als alte VOX-TV-Aufnahme erhielt (weil keine andere Version
davon derzeitig erhältlich ist) und nun im Nachtrausch meiner Hamburger
Wohnung sichtete.
Es geht um den frustrierten, lebensmüden Werbe-Dressman Roger, Star
einer Werbekampagne der Zigarettenmarke
'TOP TEN' - zur Abwechslung
beraubt er Banken und Juweliere, muss sich dabei auch mit alten Kumpanen
bleihaltig rumschlagen, die ihn tot sehen wollen und zieht zudem eine
süße Bekanntschaft vom letzten Raub, die vernachlässigte Frau eines
Galeristen, Helga, in die Sache rein, die trotz schweigsamer Empörung
über seine Taten schließlich mit Faszination sogar als interner
Zuschauer daran teilnimmt.
Der Reiz des kriminellen Lifestyles, gemäß dem wiederholten Mantra
des Films aus der inszenierten Zigarettenwerbung 'Französisch lieben -
Englisch rauchen', geht sodann soweit, dass sie im entfärbten
Betonlabyrinth für ein paar Klunker auf offener Straße Schädel
einkloppen und Schienenbeine zerballern (knalliges, beinahe-orangenes
Blut spritzt auf den Rinnstein) - man sich daraufhin im herbstlichen
Wald-Fort bei Sonnenuntergang vermeintlich romantisch trifft, alles
unter den beschwörenden Orgel-Drones des Soundtracks, von dem einzig und
allein einige unschuldige, über den ganzen Film verteilte, Schildkröten
und ein morbides Puppenspiel über Räuber & Gendarm verschont
bleiben.
Als Helga's Ehemann allerdings hinter die Sache kommt, weil er
sowieso ein Verhältnis zwischen den Beiden vermutet hat, geht er nicht
wie erwartet zur Polizei, sondern geilt sich daran auf, sobald er Helga
wieder im Haushalt unter seiner Fuchtel hat - infolgedessen plant sie
mit Roger die Ausraubung der bald anstehenden Galerieeröffnung ihres
Mannes - und zieht es durch, im zwielichtigen Schein der Straßenlaternen
jener tieffinsterer, umschließender Vorgarten-Alleen.
Der Coup gelingt, doch die anarchistische Sicherheit des
Outlaw-Daseins nimmt bald eine verhängnisvolle Wendung, der kurzfristige
Wunsch nach Ausbruch aus der haltlos-grauen Gesellschaft mit Gewalt ist
gerade durch sich selbst zum Scheitern verurteilt. Da bleibt Helga am
Ende nur der Gang zurück hinter die massiven Gitter ihres prunkvollen
Anwesens.
EINE FALSCHE BEWEGUNG - Wirklich souveräner und zeitweise haltlos-ruppiger, durchweg
bodenständig-greifbarer Thriller, welcher sich über das ländliche
Smalltown-Folk der USA entfaltet - mit starken und dennoch leichtfüßig
gezeichneten Figuren (Top-Script von Billy Bob Thornton, will ich da mal
hervorheben), geboren aus einem Ensemble on the top of their game.
Und Junge, Junge, wie sich erst so einige Schichten von Bill Paxton's
Charakter eröffnen und einen schönen, dramatischen Bogen um die gesamte
Geschichte ziehen...bis hin zum kalt in die Magengrube boxenden
Showdown.
Wer diese
'FALSCHE BEWEGUNG' noch nicht kennt, sollte durchaus mal
einen Blick riskieren, allein schon für die wirklich reizende Cynda
Williams als wohlverdienter Dreh- und Angelpunkt des gesamten Narrativs.
DIE SEVEN-UPS - Nice, der von mir gern gesehene Joe Spinell (R.I.P.) hat hier eine
feine Nebenrolle inne! Was es jedoch mehr über diesen Quasi-'French
Connection'-Spin-Off, basierend auf einem weiteren echten Fall der
Detectives Eddie Egan und Sonny Grosso, zu sagen gibt?
Nun, Roy Scheider spielt gewohnt solide den kernig-melancholischen
Bullen, die allgemeine Gestaltung sowie der Spannungsbogen des Films
sind ebenfalls von souveräner Erlesenheit. Regisseur D'Antoni kann
sogar, wie bei seinen vorherigen Produktionen (u.a.
BULLITT & FRENCH
CONNECTION), wieder mal eine aufregende, adrenalingeladene
Verfolgungsjagd im ungefähr gleichen Zeitfenster des Narrativs vorweisen
- dieses Mal sogar noch länger als im Friedkin-Meisterwerk, welchem er
sowieso in Sachen Stimmung und Plotstruktur Punkt für Punkt nacheifert.
Leider kann
SEVEN-UPS trotz einiger zynischer Ermittlungsmethoden
nicht denselben Grad an greifbar-dreckiger Authenzität, eindringlicher
Faszination & naturalistischer Ruppigkeit vorweisen - schaffte im
Vergleich zu seinem 'Vorgänger' sogar eine familienfreundliche
PG-Freigabe, was am insgesamt bieder-oberflächlichen Gesamteindruck der
recht beliebigen Krimihandlung leider doch allzu ernüchternd und zudem
forciert auffällt.
D'Antoni versucht mit vollem Ehrgeiz, die Magie seiner letzten
CONNECTION zu reproduzieren, doch leider versagt er dem Film die
'Connection' zur eigenen Stimme & Vision, macht sich seinen Inhalt
auf der Suche nach dem Stil im Endeffekt austauschbar und wirkt deshalb
umso belangloser. Schade drum, anschaulich gelungen ist er ja dennoch.
DAS KINDERMÄDCHEN - Wie kann diese
'GUARDIAN ANGEL'-Agentur überhaupt noch legal
bestehen, wenn ihre Angestellten immer Babies stehlen und von der
Polizei gesucht werden?
Ach egal, immerhin hatte Friedkin seinen exploitativen Spaß mit
dieser trivialen Auftragsarbeit, einem abstrusen Okkultthriller der
käsigsten Sorte - voll blödelig-blutigen Effekten, durchgeknallten
Schauspielerleistungen und Jahrmarkts-Jumpscares, bei denen er sich im
Regiestuhl wahrscheinlich totgelacht hat, so heftig-plump sie hier doch
aufspringen.
Ursprünglich sollte übrigens Sam Raimi hier Regie führen - man
merkt's, vorallem im Finale, in welchem ein lebender, mörderischer Baum
(
TREEVENGE lässt auch grüßen) dank dem Griff zur Kettensäge in
Blutfontänen explodiert.
Für den kleinen Schpläddä-Hunger zwischendurch.
DER ZERSTÖRER / JEDER VOGEL BRAUCHT EIN NEST -
'Ich hoffe sie sitzen gut und haben starke Nerven, denn was ich ihnen
jetzt zu berichten habe, könnte sie unter Umständen vom besagten Hocker
werfen.'
Wolltet ihr schon immer mal euren gewöhnlich-lahmen, ultrazynischen
Cheapo-Crime-Reißer aus dem unbeholfenen
Something-Weird-Video-Milieu
mit expliziten Hardcoremanövern in jeder Schlüsselszene versehen haben?
Vergewaltigung und derb-bekloppte Räudensynchro (die aber
unfassbarerweise Heinz Petruo verpflichten konnte) dürfen dabei auch
nicht fehlen, während ein alter Sack mit Verbindungen zur Regierung, der
'General', seinen Junior anbölkt, weil der Schulden beim Mob hat.
'- Mr. Mandano, bitte, ich will nicht sterben!
- Das Mädchen wollte auch nicht gefickt werden! Du kennst unser
Gesetz: auf Vergewaltigung steht der Tod! Aber du darfst gehen wie ein
Mann, mit Würde. Anstelle einer letzten Mahlzeit geben wir dir einen
letzten Fick.'
Innerhalb einiger feucht-fröhlicher Lesbenspielereien wird zudem ein
alter Vietnamveteran namens Joe Napoli (!) vom General für den Kampf
gegen die (hauptsächlich herumverkehrende) Mafia verpflichtet. Dort wird
gerade übrigens eines ihrer Mitglieder nach oben erwähntem, knapp
10-Minuten-langen Henkersbumms von einem Revolver, der stilecht aus dem
roten Vorhang hervorkommt, erschossen.
Joe Napoli entfesselt sodann seinen gewieften Masterplan, indem er
einigen Mobsters aus dem Gebüsch heraus auflauert und diese mit dem
Sturmgewehr in die ewigen Jagdgründe schickt. Der große Don Tony Mandano
erfährt davon, während er einen geblasen bekommt und setzt nun alles
daran, Mr. Napoli auszuschalten, der nun von Staat zu Staat reist, um
ganz profan wahllos Mitglieder der Cosa Nostra (u.a. den
'Chef der
Mafia', wie die Synchro behauptet) abzuschießen.
'Hallo Vermittlung, geben sie mir die verflixte Nummer von...ALSO ICH
HAB DOCH NICHT GESAGT: ICH WILL SIE FICKEN! ODER SIND SIE IM PUFF
AUFGEWACHSEN?!'
Schmatzende Schnurrbart-Küsse, extatische Schreihals-Rentner,
spartanische Budenzauber-Shootouts im blauen Dunst der
'amerikanischen
Nacht', eine uninspiriert-hingeschluderte Story mit reichlich Raum für
assiges Gemetzel und verzoomte Porno-Leckereien voller Haare - einfach
komplett widerlich als Gesamtwerk, diese ungeschönte, primitve
Darstellung der Unterwelt im hedonistisch-gammligen Sexrausch (und damit
höchstwahrscheinlich näher an der Realität als manch romantisierte
Gangsterepen).
So lässt man eine Woche ausklingen!