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Samstag, 9. September 2017

Geschichten aus dem Sommerloch



Liebe Leser,

Lange Zeit war's relativ still an hiesiger Stelle. Ich kann auch nicht versprechen, dass sich der Zustand demnächst verbessern würde, doch ich wollte zumindest nicht so tun, als ob die letzten (über) 4 Monate rein gar nichts an Schreibkraft meinerseits zustande kam. Nicht, dass ich mich anhand akademischen Prädikats wirklich als kompetenter Schreiber bestätigen könnte, aber wie gehabt eh wurscht. Das Sommerloch mag jedenfalls einiges an Aushöhlung hinterlassen haben, doch der eine oder andere Film, beziehungsweise eine ganz tolle Serie, waren mir bei der gelegentlichen Auffüllung behilflich. Ich war sogar derart kreativ, innerhalb jener Texte zweimal „Synecdoche, New York“ als Referenz zu erwähnen. Jawoll, diese Trauben lassen glauben! Ohne weitere Umstände, Leute, packt mit den Händen an und zieht euch fürs Erste folgende Buchstabensuppen ausm Hole, du Mole:




TWIN PEAKS : THE RETURN - Interessant war ja, festzustellen, wie die allgemeine Vorstellung vom „Twin Peaks“-Revival im Vornherein davon gebannt zu sein schien, dass die Heimkehr den zentralen Appeal des Ganzen ausmachen würde. Ist ja nichts Neues beim Retrorausch jedweder Fangemeinden und Massenmedien in der Wiederholungsschleife, doch nach Jahrzehnten der Enthaltsamkeit vom Americana-Derwisch blieb im Mainstream wohl schon nach der ersten Folge die laute Verwunderung „Wasn das?“. Keine Ahnung, wen David Lynch und Mark Frost damit genau verprellt haben, waren Serie und Film doch schon längst Antithesen ihrer jeweiligen Medien; auch in der thematischen Ausgangslage kaum das, was man für gewöhnlich mit Nostalgie adeln würde. Sie rissen anhand des Mordes an Laura Palmer indirekt eine Angriffsfläche im Gewissen der Moderne auf, die allerdings zeitgleich von einem Höchstmaß an urigen Absurditäten gekittet wurde - das war im Kontrast wohl Entlastung genug, das man sich bei Querköpfen wie Andy, Lucy, Dr. Jacoby, Nadine und Co. geborgen fühlen konnte. Die Rückkehr um 2017 schließt die traumatischen Umstände von einst aber keineswegs aus, weshalb da der Hund begraben liegen könnte, dass Regisseur Lynch mit Staffel 3 nun wie anno „Fire walk with me“ etwas verstoßen neben der Spur läuft, wenn er anderes als die bloße Führung ins eingemachte Nest leistet. Klar, das Antanzen einer gewissen Nostalgie bleibt auch ihm nicht fremd (sein Gesamtwerk ist da schon Hinweis genug), doch sein Weg nach Hause (à la „The Straight Story“) ist nicht von ungefähr über mehrere Ecken gedacht und beschwert: Hässliches schlummert wie eh und je im mythischen Idyll der Naivität, Schmerzen binnen Erinnerungen zeigen sich sogar mehrmals als offene Strudel, hinein in Zwischenwelten, -zeiten und -personifikationen, dass man es mit der Angst zu tun bekommt.


In der Konstellation jenes Epizentrums USA (hier zeitweise als „dark age“ definiert) setzt sich aber dann doch allen voran der Wehmut durch, unvermeidlich angesichts des Spektrums an Gefühlen, dem hier im Eigenantrieb zugesehen wird – beiläufige Hyperpointen und Alltagssubversionen mit Lachkrampfgefahr finden ihren Platz, gleich im nächsten Moment womöglich schon Impulse an Phantomschmerzen, Morden, Schuldgeständnissen und Bescheidenheiten der Unschuld (ohnehin sind manche Episoden vollständig davon beherrscht, Ambivalenzen und Nuancen, Liebe und Gewalt mehrerer Frau-Mann/Mann-Frau-Beziehungen zu vergleichen). Alles besitzt Gewicht, nicht unbedingt solches narrativer Konsequenz, aber jenes an Lebenserfahrung, wie man diese innerhalb von knapp 18 Stunden Laufzeit auch recht umfangreich schildern kann, bis auch die unwahrscheinlichsten/unscheinbarsten Parteien dafür sorgen können, dass es den Mitmenschen und ihnen selbst besser geht. So weitläufig „The Return“ dann auch über die Grenzen der titelgebenden Kleinstadt hinweg erzählt, sich gegebenenfalls verläuft, so intim wirkt das Gesamtbild dann schließlich doch: Rund, berauschend und gefährlich wie die vielen goldenen bis Bob-reichen Kugeln oder eben zärtlichst befremdlich wie das bezeichnende „The world spins“ auf dem Soundtrack. Gerade dann wirkt es doppelt schwer, die Saga bis hierhin als abgeschlossen betrachten zu können, da Lynch im Runden die Unendlichkeit auffädelt, Transformationen von Zeit und Identität (eben auch die Definition des zurzeit weltweit grassierenden Heimatgedankens) als Spannungsbarometer einsetzt, ehe er sich anfangs überhaupt mit dem Pathos einer Wiederbegegnung/-vereinigung brüsten würde/könnte. Lässt sich im Nachhinein auch bestimmt nicht so leicht wenden, wenn eine gute Handvoll der an der Serie Beteiligten vorher, kurz nach oder schon während der Dreharbeiten verstorben ist.


Recht stimmig also, dass der Pathos, wenn er denn eintritt, meistens über mehrere externe Etappen, in schmerzhafter Distanz/Sehnsucht kommuniziert wird – ob nun am Telefon, als Botschaft aus dem Jenseits, als Fotografie und Tagebucheintrag, als Tunnel in die Vergangenheit, sowieso oft anhand musikalischer Führung Badalamentis/The Platters‘ und vieler weiterer gefeaturerter Acts (deren Auftritt immer irgendwie traurig stimmt, da er meist das Ende einer Folge signalisiert). Dieselben Mittel (inkl. SMS) werden gleichsam von der Finsterworld des bösen Cooper und Co. genutzt, welche insbesondere den elektronischen Dimensionenspiegel beherrschen und in Kooperation mit vielerlei Lost Highways umso stärker ausdrücken, was in weiter Ferne alles so nahe liegt. Komischerweise schwingt da ebenso was Versöhnliches mit, letztendlich ist es eben auch Lynchs Anliegen, Traum wie Albtraum der menschlichen Existenz darin abzugleichen, dass es kein Entkommen gibt, wie die Fehlerhaftigkeiten/das Einmischen wiederum freudigste Heimeligkeiten und Shellshocks deluxe draus erschaffen. Solche Zwischentöne der Irritation sind für wahr ein Segen in der Hinhaltetaktik hiesiger Seriendynamik, aber keineswegs bloße Fuck-You-Attitüde gegenüber dem Publikum oder gar eine prätentiöse Leere – dafür fördert Lynch z.B. einfach zu viel Aufregung für eine Lucy, die das Prinzip Handy noch immer nicht versteht, aber wohl gewählte Möbel online bestellt; dafür spielt und trumpft er zu gerne mit den ansteigenden Zufällen der Langeweile auf wie sein großes (in Sachen Dougie doll spürbares) Vorbild Tati; dafür verdichtet er zu geschickt die Erwartung und Furcht vor dem Ungewissen und Unberechenbaren. Sein Fokus auf retardierende Momente offenbart ohnehin Schichten an Einsamkeit, die sich in ihrer Präservation der jeweils eigenen Funktion auszeichnen (siehe Big Ed und seine Tankstelle, Bushnell an der Spitze der Versicherungsfirma mit Poster des Vergangenen im Rücken), im Gegenzug Extreme soziopatischer Eigenbrötlerei in die Welt setzen (z.B. Richard Horne, Sarah Palmer, Dr. Amp).


Kyle MacLachlan gibt sodann stets an erster Stelle jedes Abspanns den präsentesten Mittler jener Pole, wider aller Fan-Fiction in den Gezeiten von Gut und Böse treibend, lethargisch und empathisch zugleich, dann wieder skrupellos und mörderisch auf einer Apokalypse in spe operierend. Wolf im Schafspelz und umgekehrt, so läuft das halt mit Doppelgängern, in ihren Fähigkeiten als Weltenwanderer sowohl unsterblich als auch höchst vergänglich, irgendwie via Schicksal ablaufend und doch stets vom eigenen Willen (oder jenem des Gegenübers?) aufgeweckt. Diese Qualitäten sind dem gesamten Konzept von „Twin Peaks“ inhärent, jenem großen Blick mit der Lupe auf die kuriosesten Spontanitäten im Machtspiel menschlicher Natur. In dieser nun erlebten und wahrscheinlich einmaligen Phase durften Lynch und Frost jedoch am meisten experimentieren bzw. rumsauen, von Zeit und Raum unabhängig in die DNA des universellen Zwiespalts einsteigen, dann aber mindestens genauso verwundert wie der Zuschauer vor dem Spektakel verharren und fragen lassen, was jenseits dessen am Trigger sitzt (was man mit teils kruden Effekten zu fassen versucht und gerade dann umso schicklicher ins Unterbewusstsein buxiert wird). Es bleiben offene Wunden und lichte Mirakel, Anfänge und Enden inklusive bzw. fern der Hoffnung, am laufenden Band der post-industriellen Möbiusschleife zwischen Körper, Geist und Strom. Ich vermisse dieses ‚Serien-Phänomen‘ voll entrücktem Rhythmus jetzt schon mit einem schweren Kloß im Hals - diese Erinnerung an einen versiegenden, tollen Nicht-Sommer, der jeden Montag Kaffee und eine jeweils neue Folge springen ließ. Press replay wäre da eigentlich die einfachste Lösung, aber auch Futter für die Depression. Bipolar, depressiv, up and down and sideways, alles nur ein Traum, bis ins Mark emotionale Tretmine. „Twin Peaks“ weiß eben die Angst vorm Glück und das Glück der Angst zu ballen - ein Unikat der TV-Landschaft, established 1990.




FIRE SYNDROME - Habe dem Tobe zuliebe nochmal reingeschaut, da geb ich dann jetzt auch kurz was durch: Es liegt ja durchweg ein strahlender, fies qualmender bis lodernder Grad an Verstörung in der Luft, der sich wie gehabt bei Hooper auf ein delirierend ausgespieltes Fiebertraumszenario einschneidet. Infernalisch reichhaltige Perspektiven der Paranoia sind da wie eh und je im Strudel narrativer Paniksteigerung vertreten, passend dazu umgibt sich das Ganze mit Irrationalitäten, wirren Charakteristika auf der Flucht, während die Angst vor der Bombe die Angst vor einem selbst wird: Idealbesetzung Brad Dourif! Das vererbte Atom-Trauma vom 06. August 1945 *feiert* da mehrmals seinen Geburtstag, hinterm Geschenkpaket warten der Supergau sowie die Desillusionierung des Lebensgerüsts, wo hingegen schon ganz casual paranormale DJs angerufen werden, der Liebhaber der Ex weiterhin Hausarzt bleibt und einen fortan im Verlauf via radioaktiver Tor-Tour jagt. Das Gift des hier brachial aufgeschwommenen Unterbewusstseins glüht in fiesen Spritzen, aber auch schon im Neon-Licht-Telefon wie ohnehin das Feuer aus Löchern im Arm binnen todschickem Deco-Loft. Wasser und Feuerlöscher drauf peitschen die Sache erst recht an, mit der Wut klatschen die Flammen sodann dauernd an die Scheibe, hinüber in den Frust gegenüber anderen. Was nicht alles los ist bei den lebenden Fackeln inkl. nicht unsatirischem 50's-Flashback - voll urigem Gehalt, dass man endfix aus der Puste kommt und trotzdem verwundert abgewürgt zurückbleibt. Jenes finstere Abenteuer lungert wie so vieles von Hooper noch im unterschätzten Niemandsland, lasst euch dahin also gerne mal rüberhypen!




VALERIAN - DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN - Das geht an keinem vorbei, dass hier ein „alter Mann“ (so wie es Jean Reno in Godzilla zu sagen pflegte), eben ein Old-School-Europäer am Werk war und trotzdem hatten es im Publikum so einige nicht gerafft, warum da so viele Franzosen im Abspann standen. Ja gut, mächtig viele Signale des Films arbeiten auf die Post-Avatar-Blockbusternote hin, aber Bessons Action-Ästhetik/Phantastik/Romantik ist nochmal ein anderer Schnack, was den emotionalen Gehalt zwischen Effekt und Kino am Menschen/Alien angeht. Da wirkt „Das Fünfte Element“ allerdings auch trotz 20 Jahren Altersunterschied gar nicht so lange her, wie sich der enthusiastische Schwall desselben Machers an der Melange vollster Stimmungen ergötzt und dennoch dem klassischen Abenteuerfilm folgt - so eigen, dass es Millennials bis in die Knochen irritieren könnte. Als globale Groß-Ko-Produktion (vorerst auch die teuerste aus Europa) dirigiert Besson einen mittelschweren Cineastentraum, bei den Rahmenbedingungen - Comicverfilmung, Star-Wars-Hommage und Culture-Clash-Sentiment in einer Tour -, ergibt die abstrahierte Substanz des Ganzen trotzdem mehr Event, idealerweise einen flotten Spaß für Jung und Alt, maximiert drollig.


Ein Erlebnispark tut sich auf, recht zentral im Narrativ, zugleich der Natur der Attraktion entsprechend mit Stereotypen, verfremdeten Klischees und Ressentiments angereichert, welche in dieser Zukunftsvision von der Erde rübergerettet wurden. Da sieht man exotische Genre-Topoi wieder, die einst bestimmt auch gut mit einer Note Protofaschismus der Vorlage einhergingen - und der olle Luc muss sich dann auch selbst immer wieder ermahnen, da die schiere Autorenfilmer-Lust entgegenzusetzen. In den ersten zwei Dritteln schafft er das mit futuristischen Gadgets, der glückspendenen Neuerfindung der Dimensionen, die sich als „Lucy“-Sequel fein herausputzt. In der Schlussphase spricht er hingegen allzu deutlich, aber gewiss nicht ohne ehrliches Anliegen den europäischen Grundschmerz an, den Holocaust via 6 Millionen ausgelöschter Pearls stellvertretend, gegen das Vergessen. Der friedfertige Exodus, die Vergebung aus tiefster Liebe (wieder die Essenz des Universums) steht in Aussicht, die Demagogen der Regierung und deren Putschroboter auf der Gegenseite. Es endet weniger spektakulär und melodramatisch, als es das US-Genrekino derzeitig lösen würde, das liegt auch am zentralen Pärchen - in der Erscheinung wohl bewusst fast noch Kids, als techtelmechtelnde Haudegen die Galaxie durchkreuzend.


Laureline/Delevingne ist beim femifetischisierenden Besson absehbar aktiver in der defensiven Kloppe zugegen, hilft Dane-in-Distress De Haan/Valerian vergleichsweise öfter aus der Patsche; dieser bleibt dennoch der verschmitzte Sunnyboy, ein Frauenheld ohne die Absicht dessen, wie seine Partnerin auch durchweg irgendwie als Püppie ins Geschehen geschmissen scheint. Die Zwei teilen sich eine schmale Dramaturgie Richtung Ehe (ich meinte das halt nicht zum Scherz mit dem Altmodischen), daneben aber auch eine überbordende Naivität, die selbst eine noch so überflüssige Militärblässe im Sci-Fi-Worldbuilding auszublenden weiß. Beziehungsweise: Als Zuschauer gehen einem solche Phasen von Natur aus eher am Arsch vorbei, solange die den Schub an Unterwegs stören. Besson legt seinen Fokus trotzdem mitnichten auf bloße, entmenschlichte Kinetik an, dafür ist er zu farbenfroh, dem Zauber von Ausstattung und Illusion, Schicht für Schicht verfallen - gerade am Anfang genießt er die impressionistischen Sprünge darin, jenes Mitschwingen zu weit entfernten Welten, was er später sowieso von Cara bis Rihanna körperbetont inszeniert, gefolgt von intersexuellen Transformationen in Körper und Geist, selbst bei den kuriosesten Fabelwesen.


Das Licht- und Laserspektakel wird da auch teilweise extra ulkig, in krassem Slapstick aufgelöst, wie es anno 2017 kaum fremdartiger wirken könnte - die auf Honkpointen zusteuernden Screwball-Zankereien zwischen Frau/Mann sowieso. Trivialer Käse ist in Sichtweite, natürlich umso greller in 3D, aber da auch als Unterhaltung mit offenen Karten spielend - solche, die sich zur Sinnlichkeit des Verwandeln, Verstecken und Aufdecken hin einen Ruck geben, selbst wenn sie manchmal arg plump aus den Wolken fallen. Mit der Atemlosigkeit ist das eben so eine Sache, dass sie selten 2 1/2 Stunden durchhält, Besson schreibt sich da ohnehin einige klaffende Holprigkeiten zurecht, welche die Brücke zwischen Eskapismus und Humanität auf die Schnelle schlagen wollen - letztendlich lässt sich mit seiner Haltung als Künstler eher empathisieren als mit dem Ensemble an sich, aber jene Qualität ist nicht minder schätzenswert. Umso stimmiger versteht er es, einen bauchigen Pathos seinerseits darin zu infusieren, der dem Überangebot an Effektoptionen ebenbürtig Tribut zollt wie der Sehnsucht zur Verbrüderung im Kleinen/Großen, der Unionsutopie demokratischer Konstitution. Zweifellos entsteht indes ein kauziges Taktgefühl, aber der brummige Herzschlag dessen gibt uns diesen Sommer wenigstens noch ein Unikat auf den Weg.




TRANSFORMERS: THE LAST KNIGHT - Die Überforderung des Sommers an sich, von Hitze auf Gewitterkrawall und zurück binnen weniger Minuten umschlagend, war beim Kinobesuch zu Bays Neuestem on- und offscreen so stichfest wie schon lange nicht mehr zu erleben. Dementsprechend fetzte sich dann auch eine Sternstunde abstrakter Filmerzählung zusammen, wenn es knapp 150 Minuten an Zerstörungsstoff eiliger denn je hatten. Profunde dramaturgische Ansätze verebben hier meist im Strom an Aufregung, zwischen den USA, Kuba, dem UK, der Armee und dem All pendelnd - dass extreme Zeitsprünge von 1600 Jahren ebenso angesagt sind, ist dann sogar eher zweitrangig irritierend, da sich innerhalb dieser Szenarien zudem mehrere Tonarten auf einmal ballen. Und dann erwische mal eine Vorführung, welche die IMAX-Fassung voll wechselnder Bildformate zeigt! Beachtlich, dass ein Haudegen wie Cade Yeager da den Überblick behält, während von allen Seiten Scheiße gelabert wird, der von ihm beaufsichtigte Schrottplatz konstant in die Luft fliegt, dass er die Flammen im Wohnwagen noch für ganz niedlich hält – „Synecdoche, New York“ lässt grüßen.


Das bleibt aber auch das einzige Anzeichen an Gewöhnungssache bei Bay - seine visuelle und emotionale Choreographie ist wie auf Schlachtung eingestellt, darin wiederum enorm abenteuerlich im Sinne der Rücksichtslosigkeit einer Menschenzunft, die sich im mehr oder weniger geerdeten Bullshitting trifft. Schlechtes Flirten, schlechte Witze, ganz viel eskalierendes Zanken, tolldreiste Kids und keifende Nerds - nur die explizitesten Dialogzeilen an Etablierung und Was-gerade-geschieht-aber-auch-so-ersichtlich-ist hemmen vielleicht das juckelnde Drauf-Geschissen, wie man es u.a. von einem Klaus Lemke kennt. Wahlberg ist auch so eine Type, ey - und dann folgt ihm Sir Anthony Hopkins inkl. Butlerbot Cogman allzu willig hinterher, Leck-Mich-Attitüden an jeder Ecke (auch gegenüber epischen Filmemachens) hinzupissen, während sich die digitale Gewalt rundherum ohne Jux zum Soziopathen erklärt.


Bei deren Fieber zwischen kindlicher Spektakelgeilheit und industrieller Wut ist der Film mehrmals in Begriff, sich selbst zu zerfasern, dann lässt er sich jedoch immer neue Stilbrüche und Honk-Situationskomiken einfallen, dass jegliche Langeweile ein Unding wird. Keine Zeit, sich zu gewöhnen - und dann hat ein Autobot sogar nen breiten, französischen Akzent! Ein naives Minenfeld jagt das nächste und nicht zu vergessen: Da besteht durchweg Gegendruck vonseiten xenophober Regierungssöldner, später fliegt ein ganzer Planet auf die Erde zu, sowieso hat alles im Ritterorden um König Artus und Saufnase Merlin seinen Ursprung, aus dem der Film sowohl Zweikampf als auch Versöhnung zweier Welten zu schöpfen versucht. Zweiteres lässt sich in der haptischen Belagerung an Bildern etwas schleifen - sobald jedoch Primes Stunde geschlagen hat, wird The Last Knight sogar von einer sehnsüchtigen Tränendrüse in der eigenen Ekstase an durchgeschüttelten Helden ergriffen.


Da kommt Romantik aus dem Bauch gestrahlt, nebenbei und überakzentuiert zugleich im Wirbelwind der Elemente, Metalle und endlosen Rutschen - nach oben/in den Abgrund/zur Patchwork-Familie. Ich kann mich nicht erinnern, ob sich Bay jemals so entschieden vom Zynismus (abgesehen von dem gegenüber neunmalklugen Experten) verabschiedet hat - würde mich nicht wundern, wenn ihm allmählich auch der gegenwärtige Weltschmerz auf den Schultern hockt. Nicht falsch verstehen: Sein intensiver Klimax versteht es auch, die durchweg bestehende Konfusion - sowieso ein Schlagabtausch mit der Finsternis des Mittelalters - per Pathos-Ausrufezeichen zu entspinnen, dass man sich dieses sicherlich auch für die gesamte Laufzeit gewünscht hätte. Berechenbarkeit wird jedoch auf längere Dauer ohnehin der Tod des Kinos, von daher ist die Enthemmung im Chaos beim Last Knight gar nicht mal so verkehrt angesetzt, im Surrealismus umgeschriebener Weltgeschichte ohnehin ein irres Vieh.




WILLKOMMEN BEI ALICE - Fixe Einschätzung für jenen fixen Film: Vom Konzept her die Las-Vegas-Varietäten-Variante von „Synecdoche, New York“ (auch durch Jennifer Jason Leigh verbunden), auf medialen Ausmaßen/Wechselwirksamkeiten der Bipolarität erbaut - teilweise auch ebenbürtig radikal, mit (mitunter mehr) prägnanten Bildern den Konfliktstrudel der Selbstdarstellung verbrühend. Bei der Umsetzung wiederum geht das inhaltliche Gros daran nur im Ansatz auf: Inneres bleibt verplumpt als munter montierte Oberfläche im Auge und gibt größtenteils den zynischen Random-Gag-Spender à la „Haha, Borderliner, guck mal, wie MERKWÜRDIG die sind!“. Passt sich allerdings insofern der Umgebung und der manisch-depressiven Selbstreflexion der Show-im-Film-Prämisse an, kommt aber nie vollständig in die Nähe, irgendeine Perspektive im positiven wie negativen Sinne per Vorführeffekt zu entlarven. Stattdessen kommen der sozial dysfunktionalen Alice nach der turbulent (man kann auch sagen: spekulativ skurril) empfangenen Katharsis des Geldsegens auch noch Vorwürfe entgegen, eben gen dem typischen „I want my friend back“ via Best-Friend Gina, weil der Topos von der Vergänglichkeit des Ruhms ebenso nicht ausbleibt. Das schlägt nur noch mehr das Pendel aus, wie auch die normative Außenwelt auf das Showkonzept des „Welcome to me“ reagiert: Mal als Identifikationskult Marke „Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?“, mal mit kollektivem Entsetzen inkl. Einsatz von „Where is my mind?“ der Pixies. Dafür kann man den Film manchmal ganz schön hassen, aber ihm lässt sich dann auch reichlich zutrauen, selbst wenn es letztendlich aufs quirligste aller Genre-Selbstfindungstrips hinausläuft. Eine Satire des amerikanischen public eye arbeitet innerhalb dessen dennoch eher im Verborgenen, streckt seine Fühler anhand der ständigen Nähe zu Kristen Wiig jedoch noch so weit aus, dass eine wilde und zugleich (zwanghaft) selbst sterilisierende Bestandsaufnahme der USA, dem Geltungsdrang und der externen/internen Perversion dessen über bleibt.




ALIEN: COVENANT - Auch wenn sich Scott der ambivalenten Ehrenrettung vom Gesamteindruck her doch recht generisch und auf Abruf gewidmet hat, voll inszenatorischer Gleichgültigkeit gerade dann an der Immersion und Intimität vorbeidreht, wenn die Retro-Roots abgearbeitet werden müssen: Alle Szenen mit dem perversen Mengelandroiden David sind „Rheingold“ für wahrscheinlich jedes Rabbit-Hole, in das eine Serienmarke von dem Format noch springen kann und gleich so biblisch groß, dass Sir Ridley die Essenz seines „Exodus“ nachzuholen scheint; sowieso sein Publikum damit vor den Kopf stößt, wenn er es sich mal selbst erlaubt. Ein toller morbider Zirkus, der sich da des bloßen Erwartungsmandats eines (insbesondere optisch) blassen Space-Slashers wegen hinten anstellen muss. Immerhin lässt sich dessen Prämisse von der kontemporären Oberfläche her als abschreckende Parabel übers Anpacken gefühlter Wahrheiten (sowohl bei Mensch, als auch Maschine) bis hin in die tiefsten Zweifel christlicher Zweisamkeit lesen. Alle technischen Zeichen des Zeitgeists arbeiten dann aber gegen den Strom eigentlicher Geilheit, wenn sich solch ein Honk-Schnitt mit unfertigen Effekten koppelt, das eigentliche Ballerensemble per Hetzerei abstraft und knüppeldickdoofe Feel-This-Now-Mucke unter allem legt, was man von Katherine Waterstons oder Billy Crudups Spiel auch so ablesen könnte.


Es reicht ja sogar der Ausdruck in deren Einsatzklamotten, welche ich in ihrer praktikablen Drolligkeit so sehr mochte wie die erste Beschnupperung des neuen Planeten. Das Abenteuer daran lässt sich allerdings vom Fan-Service stören, bringt zwar einen schmissigen Eimer Splatstick & raw terror mit, welcher sich zum Ende hin aber ebenso straff absehbar eingearbeitet hatte. Eben ausgerechnet der Mittelteil zieht da am meisten mit und wie soll das gehen, wenn's dem Gros aller Filme selten gelingt? Nun, hier lässt sich eine verkreuzte Schöpfungs-/Holocaust-Geschichte bitten, dass man wieder beim nach allen unmöglichen Ecken greifenden Prometheus-Existentialismus andocken darf, ehe einen die ältesten Spielereien wieder in die Hyperschlafkammer eindrücken. Warum wir nicht sofort zur Feier anhand aller Räudenembryonen Wagner hören sowie beste Kosmetikprodukte à la „Joan Lui“ herstellen können, wird man sich wohl bis zum Fassbender-Hattrick fragen müssen, dann wirds aber auch höchste Zeit!

PS: Vor und nach der Vorstellung kam mein Handy mit dem eigenen Aus-Knopf nicht mehr klar, interpretiert jeden Daumendruck gar nicht, falsch oder erst viel zu spät - des Menschen Schöpfung ist eben niemals fertig, weiß auch Simply Rid'!

Sonntag, 25. Dezember 2016

Tipps vom 19.12. - 25.12.2016 (X-Mas-Break '16)

Lieb Lese,
es lässt sich traditionell wieder feststellen, dass die Feiertage unter der heiligen Rute des Weihnachtsmannes bei mir erneut geringen Arbeitseifer Richtung Blog in sich vorlebten - auch deshalb, weil Muttis PC für just genannten Zweck eine mittelschwere Plage darstellt. Es ist ja ohnehin genug Bewegung und Gewissen im Umlauf, dass man sich allerlei Geld aus den Socken leiert, um anderen eine Freude zu machen bzw. jene zu teilen, was dieser Tage gewiss nicht das Verkehrteste ist und zumindest eine Ahnung an Katharsis für dieses oftmals furchtbare sowie bald beendete Jahr 2016 liefert. Wie man dann noch das Thema Filme ansprechen kann und will, ist insofern eher wieder von Belangen, sobald ich mich aus der Zeit der Erholung heraus im urbanen Alltag wiederfinde, bis dahin versuche ich noch das zu verinnerlichen, was ich mir ansonsten sowieso mehr für besondere Gelegenheiten aufhebe: Innige Treffen mit der Familie; den Blick zurück zur Geburtsstätte Osten, so trist es dort auch gerade ausschaut; das willige Schwelgen in Erinnerungen und eingemotteter Nostalgie; der Versuch musikalischen Talents am Synthesizer; das Spielen mit NES/SNES/Plüschtieren; das Einverleiben mehrerer Sorten vom Bier der Marke Hitachino Nest; die Delikatessen Döner-mit-Mais, Frikadellenbrötchen, Milchkartoffeln, Nudelauflauf mit Schinken-Gratin; mehrere Runden Mensch-ärgere-dich-nicht sowie Mau-Mau; Spaziergänge im Räudenwetter; Autofahrten bei Nacht; das Schlürfen an Glastassen mit lecker Tee drin; die ambitionsbefreite Ermattung vorm Aufkommen jeder politischen Diskussion; das Anschauen von alten Familienfotos; die tägliche Benutzung der Badewanne; das Anhören von Dorf-Horror-Stories; etc., etc. Junge Junge, was gibt man sich da heimatverbunden mit jener gefühlten Wahrheit der Liebe! Könnte man sich fast dran gewöhnen, wenn man es nicht schon Jahrzehnte lang so durchgezogen hätte und jeder Schritt nach außen erst richtigen Wachstum brachte/bringt. Merkt man ja schon, wie oft man zwischendurch zum On-Life rüberwechselt, wenn die individuelle Tagesrhythmen zwangsläufig andere Stationen abgreifen (= gegen 6 Uhr morgens Mariah Carey vom Nebenzimmer aus hören, während man noch das Einschlafen probiert). Doch ist beim aktuellen Fest eine emotionale Steigerung im Vergleich zum letzten Jahr zu verspüren oder ist man im Umkreis von Stress, Weltgeschehen und Wiedersehen noch so geblendet, dass man von einer spirituellen Balance der Perspektiven glaubt, denen man verstärkt selbstbewusst zu begegnen meint? Die Zukunft weist uns da noch den Weg, normalerweise reflektiert sich das auch in den Tipps der Woche, aber wie schon erwähnt, ist es innerhalb der ganzen Eindrücke um meine Schreibkraft doch etwas unweigerlich geschehen. Nichtsdestotrotz gibt es einige Überläufer zu bewundern, die an diesem 1. Weihnachtstag noch etwas aufs nächste Füllhorn an Meinungen vertrösten sollen. In diesem Sinne: Ich wünsche euch lieben Seelen am sowie jenseits vom Bildschirm ein frohes Fest und vermehrt positive Erfahrungswerte, es folgt ein kleiner Wink meinerseits vom fliegenden X-Mas-Schlitten aus in eure Richtung:


Zunächst mal ein kleines Schmankerl für alle lieben Filmfreunde, die immer am frühesten auf dem Laufenden gehalten werden wollen: Im Zuge der Jahresvorschau 2017 der 20th Century Fox durfte ich einen enorm werbewirksamen Artikel darüber verfassen, welche ersten Eindrücke ich von „A Cure For Wellness“, „Planet der Affen: Survival“ und „Alien: Covenant“ wegnahm, von denen wir Presseleute vorab jeweils mehrere Blöcke an Footage präsentiert bekamen.


Ein Mindestmaß an aus dem Fenster lehnender Interpretation erlaube ich mir ebenso, was sich u.a. an folgender Schlussfolgerung ablesen lässt: "Die Nostalgie lädt ein, die Konfrontation zum desolaten Echo unserer selbst in einer anbahnenden Kultur der Regression zu suchen, mit verwurzelten Werten anzuknüpfen, doch Feinden aus den eigenen Reihen oder unbekannten Dimensionen zu begegnen. Da lautet das übergreifende Narrativ: Bitte an alles erinnern und mit den brutalsten Waffen ausstatten, bevor alles unvermeidlich endet. Alle Welten sind hier schon Albträume, ihre Protagonisten und Antagonisten zum Durchsetzen eines höchst vagen Ziels auf Kriegsfuß mit humanistischer Moral und doch so in Furcht gebettet, dass sie einem Leid tun, auch wenn sie in ihrer beinahe nur noch diplomatischen Pflicht zur Hoffnung mit den Tränen kämpfen.".

Wird 2017 ein derbst brutales Jahr für die Leinwand? Erfahren kann man das alles unter http://diedreimuscheln.blogspot.com/2016/12/20th-century-fox-hat-uns-erste.html - ich garantiere ein reichlich vages und spekulatives Pulverfass zur Zukunft des Kinos! Apropos Fox:




ASSASSIN'S CREED - "Wer für einen Film von Justin Kurzel bezahlt, bekommt auch einen Film von Justin Kurzel geliefert [...], welcher einen anhand seiner „Morde von Snowtown“ in den Schlund der Gewalt trieb und unterkühlte Analysen dessen mit Charakteren versuchte, die weniger Sympathieträger als menschliche Monster waren, schlicht gefangen im Zyklus eines von außerhalb vergessenen Daseins, der gegenseitigen Zerfleischung überlassen. Genau die Art emotionale Zermürbung, mit Höchstwerten im befremdlich schön-hässlichen Stilexzess, ist nun also auch in seiner Interpretation des oben genannten Ubisoft-Franchise omnipräsent [...] Nun klingt das schon an sich trist und grimmig genug, doch das Prozedere geht dafür noch mit einem Druck voran, den man sich wie eine morbide Variante der „Fury Road“ vorstellen muss, nur dass Kurzel noch weit chaotischer mit Actionszenen hantiert. [...] In den besten Momenten jener Probe/Psychose der (Seelen-)Gefangenschaft entsteht daraus eine intime Pein, die wirklicher nachhallt, als es eine Videospielverfilmung von dem Format normalerweise verdient hätte. Gleichsam wenig bleibt von den sonstigen Werten des Menschsein hängen [...] Schließlich kommt jene Machtfantasie mit einer Drastik zum Ausbruch, die Helden und Bösewichte gleichermaßen brachial erscheinen lässt, dem Protagonisten die Worte „Nicht jeder verdient es, zu leben.“ in den Mund legt [...]"


(Die komplette Kritik gibt es bei den DREI MUSCHELN zu lesen.)


Bonus-Zeugs:




PASSENGERS - "[...] Der Hansdampf in allen Gassen will dabei ein Rundumpaket des Eskapismus ergeben, das sich als Herkules an Topoi schon mit allen Signalen des Science-Fiction-Konsens umgibt und somit natürlich fern jeglicher wissenschaftlicher Impulse aufs Spektakel der big emotions schielt. [...] Da herrscht allerdings ein grundlegendes Desinteresse am Intellekt des Zuschauers, den man gerne auch via reiner Beobachtung zu den Belangen von Ensemble und Geschehen leiten darf, in diesem Fall allerdings mit Behauptungen, konstruierten Symbolen und Etablierungsphrasen abgefertigt wird. [...] (Da) sind auf den letzten Drücker Aufopferung, Manuelle Reparaturen, 1-Einzelschicksal-für-alle, Liebe über alle Unmöglichkeiten hinweg, „Sunshine“, „Gravity“ und Konventionen en masse angesagt, wenn die Zielgerade so energisch Genre-Pflichten abarbeitet, dass die Inszenierung selber keine Lust mehr dafür aufzubringen versucht, was jetzt eigentlich die Ursache all dessen war. [...] Das bleiben aber eben die wenigen Diskussionsgrundlagen für einen Film, der sich auf Irrationalitäten aufbaut und jede mehr oder weniger sinnige Verknüpfung per gefühlsheuchelnder Anbiederung ausklammert, mit vereinfachten Genre-Gesten jegliches Herzblut, sogar irgendeine Distinktion in der Regie umkurvt. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es bei den DREI MUSCHELN zu lesen.)

Sonntag, 25. Oktober 2015

Tipps vom 19.10. - 25.10.2015

 

NEONSTADT - "Was ich haben will, das krieg ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht". Ungestüm kommt der Zeitgeist der Jugend um die Phase zwischen Punk und NDW herum hier in fünf Episoden daher, die sich im faustdicken Eigensinn zu Liebe und Selbstbewusstsein äußern und dabei dennoch saukomisch, tragisch, impulsiv und frech zugleich auftreten. Nicht, dass dafür in allen Fällen überhaupt Genremuster oder spekulatives Drei(t)akten zur Anwendung kommen - der urbane Umgang ist hier stattdessen bereits von der ersten Episode an ("Verliebt, verlobt, BRD-igt" von Gisela Weilemann) ein abgeklärtes Spiel im Milieu, das seine Sehnsüchte von Mann und Frau spielerisch ausspäht sowie in bunten Lichtern illustriert. Genauso knackig die Klamotten, Frisuren, der Slang, die Akzente und der ungezwungene Bezug zum Sex - irgendwie doch ganz drollig, voller Unschuld und so frei wie rotzig im Umgang, dass sich die Dramaturgie auch je nach Belieben, aber weiterhin stimmig, die ganze Nacht hinweg umorientieren kann. Botschaft oder Moral müssen nicht dahergeführt werden, da der Zustand des Zeitgenössischen schon entschieden für sich spricht.


In der zweiten Episode, "Star" von Helmer von Lützelburg, folgt sodann der Drang, darin aufzugehen, etwas darzustellen und dem Mief sowie U-Bahnen des Alltags zu entkommen, obgleich das Innere nicht wirklich mitgehen kann zu dem, was mit dem Äußeren dargestellt werden soll. Wie findet sich da zwischen den Zeilen, im Mantel der Schönheit, das Glück unter jenem Sonnenuntergang, der von dunklen Türmen umkreist scheint? Imagepflege ist eben heute wie damals eine schwierige Frage des Selbstbewusstseins. Die dritte Episode hingegen, "Running Blue" von Dominik Graf, koppelt sich in ihrem Selbstbewusstsein ein Stück weit vom dargestellten Gesamtkomplex ab und stellt sich einen Waffenschieber-Gangsterpathos mit kahler Stirn und Coolness vor, der Mechanismen der Übermächte in einen kontemporären Rahmen setzt, darin die Strenge in der Existenz per Unterwelt abwickelt und mit Aussichten auf die lieben Kleinigkeiten auflockert. Letztendlich endet es da aber so, wie derartige Geschichten immer Sch(l)usspunkte setzen und wirkt daher (auch handlungstechnisch) quasi wie eine vereinfachte Variation von "Eine Rose für Jane".


Die vierte Episode, "Panter Neuss" von Hans Schmid, geht dafür aber wieder in die Vollen und fungiert als Highlight mit einzigartiger Charakterstudie, die ein kaputtes Wesen mit einer gleichgültigen Gesellschaft fusioniert und dieses darin auf umso schönere Wege des Unkalkulierbaren geraten lässt, ohne Wahrhaftigkeit aufzugeben oder zu forcieren. Der kapitalistische Wunschtraum hat eben keine Chance gegen das Individuum, dass so herzensgut und doch unbeholfen abfetzt, bis die Anziehungskräfte das Zelluloid zerreißen. Also geht es zur fünften Episode nicht nur vom Titel her in die "Disco Satanica" von Wolfgang Büld, der jenen Nachtzirkus mit entsprechenden Hits unter der Lichterkugel füttert und Hormone gegenseitig anbaggern lässt, bis die provinzielle Schnauze überfahren wird und zum Killer mit Travolta-Maske mutiert. Der Beischlaf wird dabei natürlich nur bedingt eingedämmt und spritzt Blusen voll, solange das Wochenende ansteht - Vorsicht allerdings vor der Eifersucht, die hat Schaum aus dem Feuerlöscher vorm Mund! Sowas Wildes und Rohes, schlicht Unmittelbares an Film ist aus deutschen Landen vielleicht nicht mehr ganz so gängig zu sehen, was schade, aber umso sehenswerter ist. Hoffen wir zumindest auf eine baldige Verewigung im Heimkino, damit die "Neonstadt" immer wieder besucht werden kann.




SCHOOL OF THE HOLY BEAST - Einerseits ist es schon komisch, wie solch japanische Exploitation stets mit visueller Brillanz auftreten und in ihrem Exzess mit Leichtigkeit treffende Pointen des Zeitgeists (siehe bereits die Montage des Intros dieses Films) und der Kritik einbauen kann. Andererseits sind die Geschichten darum stets so einfach, dass sich die Balance zwischen Reißertum und Melodram nicht immer glaubwürdig halten lässt. In solchen Fällen heißt es ohnehin: Man wird wahrscheinlich schon von Vornherein wissen, auf welch spezielle Genrefaktoren man sich einlässt und gerade, was japanisches Kino betrifft, sollte man dessen kulturellen Eigensinn berücksichtigen, der weißgott nicht mit dem allgemeinen Konsens und abendländischer Moral vereinbar ist.


Umso hemmungsloser kommt dann allerdings Norifumi Suzukis Zeugnis der Erotomanie daher, welches geistliche Symbole keck umspielt und für einen Thriller einsetzt, der spielerisch die Doppelmoral des Klerikus entlarvt und dabei gegen den guten Geschmack verstößt, ohne jedoch haltlose Beleidigungen am laufenden Band zu äußern. Viel mehr wird die Selbstgefälligkeit der religiösen Geheimgesellschaft ins Visier genommen sowie die Abschottung vor der Welt, dem Menschlichen und speziell dem Bewusstsein zum eigenen Körper - zwar überspitzt in genussvollen Extremen, aber eher frech als karikaturenhaft. Auf der storytechnischen Ebene kulminiert jenes Konzept zudem in der Erforschung zur Vergangenheit der Protagonistin Maya Takigawa (Yumi Takigawa), deren Existenz aus dem Leiden innerhalb der Klostermauern erst erschaffen wurde und im Ursprung so verklärt wird, dass ihr weiteres Leiden im Bewusstsein der Wahrheit angetan wird.


Zudem aber sind ihre Antagonisten nicht gerade grundlos so wie sie sind, ebenso von der Geschichte gebrandmarkt und in einen Glauben hineingestiegen, dessen Widersprüche zum mentalen Selbstbetrug führen, wie es jüngst auch in "El Club" (2015) nur die Eskalation hervorbringen konnte. Die hat es dann aber auch in sich, schreitet zur Entschlossenheit individueller Selbstbestimmung UND explodiert in einem blutigen wie nackten Bilderrausch, der gleichsam ins Übernatürliche und Hymnische mündet - und das gar nicht mal so verrückt oder zynisch, dass der charakterliche Rahmen darunter leiden muss. Eine schöne Symbiose aus konfrontierender Glaubensfrage und bildhübscher Drastik, Ken Russell und Marquis de Sade würden ihre helle Freude daran haben.




DIE MELODIE DES MEERES - Sich rein visuell von diesem Werk einnehmen zu lassen, ist gar nicht mal zu schwierig und erst recht nicht unfair gegenüber dem restlichen Inhalt des Films, welcher die Schönheit von Mythen und Zauberei in die Wirklichkeit überträgt und ein spannendes wie herzliches Narrativ daraus entwickelt. Das Abenteuer um zwei Geschwister, die im Verlauf von allem entrissen werden, was sie ausmacht, dabei aber auch erst zusammenfinden, sehnt sich nach Heimat sowie der Wahrhaftigkeit und Hingabe der Gefühle, wie es einerseits der kindlichen Zielgruppe gerecht werden dürfte, aber sich dafür auch nicht an diese anbiedern muss. Sehr löblich ist auch der runtergeschaltene Gang in Sachen (ich nenne es einfach mal so) "Blödi-Humor", der sonst die Spannweite der Themen und Emotionen mit brachialer Komik niederschmettern würde.


Nicht, dass "Die Melodie des Meeres" komplett ohne Humor auskommen würde, im Gegenteil, doch der Spaß macht weder einen Witz aus sich selbst noch aus seinen Charakteren. Die sind nämlich in zweierlei Hinsicht so liebevoll gezeichnet, dass sie nicht bloß funktionär für simples Tearjerking oder Comic Relief herhalten oder im Gegenzug übererklärt werden. Die Schicksale besitzen bereits im visuellen Rahmen emotionale Resonanz (toll, das verstärkt über die Bilder allein erzählt wird), werden aber auch zugleich über die farbige Ortssprache zum Leben erweckt und vermeiden zudem im Endeffekt komplett die Aufteilung in Gut und Böse. Dabei gelingt in einfacher Dramaturgie mit durchgängiger Leichtfüßigkeit reichlich Kreativität, die zudem mehrere kleinere Figuren und Geschichten als Teil des Ganzen miteinander verknüpfen kann, ohne überladen zu wirken. Ohnehin blüht darin eine Euphorie für Fantasie auf, die noch von einem dringlichen Gefühl der Wiedererlangung unterfüttert wird.


Die Spannung basiert sodann erneut auf Muster eines Rettungsplans, eines Countdowns sowie einer Art Prophezeiung, wie sie im modernen Kino nicht mehr wegzudenken sind. Vielleicht schöpft sich die Geschichte da zum Ende hin etwas aus, wenn sich Erwartungen erfüllen, die den eigenständigen Mythos in eine gängige Erzählform bugsieren und sich da in die Länge strecken. Andererseits entschädigt der Film dann wieder mit dem Abschluss einer tragisch schönen Reise, die eine Einigung der Welten zum Tränenfluss einer bittersüßen Katharsis avancieren lässt. Im Klartext: Es war einfach nur sehr schön, eigenständig und aufrichtig, sowohl in der liebevollen Optik als auch im liebevollen Plot. Eine klare Empfehlung für klein und groß zum stilechten Starttermin um Weihnachten herum.




MACBETH - Die nachfolgende Kritik wurde von Stefanie Schneider und mir zusammen verfasst - kleiner Hinweis: ich hab mehr über die positiveren Aspekte des Films herausgekitzelt ;)

"[...] Es folgt ein Delirium in eine kaum entlastende Heimkehr, die im Morast versinkt, da die Macht mit sauberen Händen über allem ruht. Kurzel reflektiert die kontemporäre Politik wie Polanski – aber wo seine Adaption darauf aus war, die Tyrannen, gleich welcher Herkunft, ausbluten zu lassen, spürt das modernere Pendant der Qual seiner Hauptfigur als Übertragungskette des Grauens nach. [...] Kurzel weiß dieses Schicksal in einen Rausch aus Erschöpfung und Schock zu verwandeln. Daher zieht sein zweiter Spielfilm zwar große Stücke auf, legt seinen Fokus jedoch auf ein menschliches Martyrium im tief versumpften Mittelalter, statt ein Historienepos aufzufahren. Er tritt mit seinem Bruder Jed ans Schlagzeug und rumst ins Fieber eines Vergifteten, das Chance, Schuld und Sühne zu einem Stimmungsstück der Verlorenen ballt. [...]"



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IRRATIONAL MAN - "[...] Regisseur und Autor Allen setzt diese Konflikte wie gewohnt in einen leichtfüßigen Rahmen mit Jazz der Marke Easy Listening, kreiert stilsichere Konversationen mit neurotischem Flair, welche sich im oberen Mittelstand mit Beobachtungen und Einsilbern über Dostojewski („He got it!“) bis Heidegger und dem Faschismus begnügen [...] Dennoch verlässt man den Film mit einem Gefühl der Teilnahmslosigkeit, da das Menschliche eher im Rechtfertigungszwang aufgeht und sich für einen gehobenen Umgangston vom Praktischen abkoppelt, das sträflich unterrepräsentiert scheint [...]"



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Bonus-Zeugs:




ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN - "[...] Im Grunde der Geschichte schlummert das Psychogramm eines Egomanen, der sich nur durch andere definieren kann – seien es Filme oder Menschen. [...] Dieser filmische Poser verpasst sich zudem noch selbst Zynismus, als Greg Rachel in seinem Voice-over zum Spielball des Publikums umfunktioniert, ob sie überleben wird oder nicht. Die Zuckerglasur des Ganzen legt sich natürlich ins Zeug, ein Trostpflaster zu spenden, indem sie nicht nur durch eine Anekdote von Gregs Lehrer McCarthy (Jon Bernthal) ankündigt, dass ein Mensch nie stirbt, weil im Nachhinein immer wieder etwas Neues an ihm zu finden sein wird. [...] Zudem ist ein ehrlicher Umgangston zeitweise ebenso anzutreffen [...] Vieles davon kennt man aber schon anhand anderer Genrebeispiele – jetzt eben mit dem anbiedernden Gimmick der Weltkinoreferenzen und dem Tearjerker Krebs. Laut diesem Film schafft Film alles, doch der Film an sich schafft zu wenig, obwohl er meint, das Herz am rechten Fleck zu haben."



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THE LAST WITCH HUNTER - "[...] Vielleicht liegt dies an seinem Schauspiel, das ausgerechnet unter der Ägide von Breck Eisner (dessen Remake von „The Crazies“ für effektives Horrorkino sorgte) zum nuschelnden Expositionsanrufbeantworter verkommt und in den Kampfszenen reichlich amüsante Grimassen von ihm abverlangt. Trotz der gelegentlich reichhaltigen Ausstattung schafft es aber keiner der Herren, Tempo aufrechtzuerhalten, da sich der Großteil des Films durch Erklärungen über Hexen, Geheimkonsulate, deren Sentinel-Monster und ach so wichtige MacGuffins definiert. [...] Ein weiteres Symptom für einen Film, der niemals in die Gänge kommt und stattdessen Standardbilder von Rückblenden, Schwertkämpfen mit CGI-Monstern in dunklen Höhlen sowie dem nahenden Ende der Welt bemüht. [...]"



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A PERFECT DAY - "[...] Das Szenario um eine Gruppe von fünf Helfern ohne Grenzen zur Zeit des Bosnienkrieges rattert witz- und stillos durch ein Arsenal an forcierten Schlagfertigkeiten, das alle zwei Szenen entweder auf Ü-40-Coolness pocht oder oberflächliche Betroffenheit übt. Genauso anbiedernd pendelt der permanent angeschaltete Soundtrack von Classic Rock über Marilyn Mansons „Sweet Dreams“ zu austauschbaren Synthesizerflächen, damit jede Stimmung genauso eindeutig bleibt, wie es die Charaktere sind. [...] Wer neu ist, braucht vielleicht noch Eingewöhnung, aber es dauert nur die gesamte Laufzeit, um im gleichen Atemzug Fairness gegenüber der Bevölkerung zu verlangen und eine dicke Leiche als „Fat Fuck“ abzutun. [...]"



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