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Sonntag, 2. Oktober 2016

Tipps vom 26.09. - 02.10.2016

Liebe Leserüben,
diese Woche übe ich mich wieder in der Art Vorsorge, deren Ausgang man sich auch von der Rente erhoffen möchte, wenn diese denn mal nicht kontinuierlich auf höhere Altersgrenzen sowie sinkende Prozente gepusht würde. Old Man Witte weiß, wovon er spricht, so wie er schon knapp vier Jahre lang in diesem Ausgabenformat die Rädchen dreht, deshalb werden jene Zeilen hier schon zur Mitte der Woche geschrieben, um hoffentlich eine Fülle an bewundernswerten Texten bzw. Filmempfehlungen anbieten zu können - und das, obwohl ich nicht mal an arg lästige Werbeträger gebunden bin, die mich bezahlen würden! Der einfache Grund für diese Maßnahme rührt daher, dass das Filmfest Hamburg begonnen hat und ich als Euer werter Schreiberling die Tage über verstärkt vor Leinwänden sitzen oder vor diesen auch mal ausschlafen werde. Sollten die Ansprüche regulärer Berichterstattung an hiesiger Stelle dieses und nächstes Mal also nicht erfüllt sein, bitte ich dies zu entschuldigen. Als Ausgleich dazu legen wir zumindest noch einige extern via Cereality.net veröffentlichte Artikel oben drauf, zu deren beinhalteten Filmen auch einige gehören, die auf dem Festival laufen. An oberster Stelle gibt es daher schon mal folgendes Highlight hiesiger Saison zu bewundern, ehe der weitere Ertrag der Woche zu Felde rückt:




DIE HÄNDE MEINER MUTTER - "[...] Die Zeilen zwischen den potenziellen Urteilen sind dann aber erst recht Anlass für Eichinger, die Ambivalenzen im Selbstverständnis und Bruch des elterlichen Vertrauens zu untersuchen, Traumata offen zu rekreieren, ohne als Voyeur dessen zu agieren oder die Gegenwart dazu als funktionelles Trauertal zu stilisieren. [...] Insofern ist der Diskurs in der Gegenwart auch weniger triebgesteuert, als dass die zeitliche Probe der Ungewissheit ihre Aufwartung macht [...] Wut und Trauer werden impulsive Begleiter in jenen Geständnissen vom und im Intimen, doch Eichinger bleibt nichtsdestotrotz eher subtil in der Fütterung einer eventuellen Katharsis. Klärung ist schließlich das Ziel, auf dass die Leidenden hinführen wollen, anstelle einer ohnehin zwecklosen Strafanzeige oder einer kaum weniger möglichen Entfremdung. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)
  



Dem deutschen Verleih war der kurze Titel von Tsui Harks Regie-Erstling „Dip Bin“ einst wohl etwas mager, so wie er seitdem als „Die Todesgrotten der Shaolin“ mit lautmalerischer Intonation für Aufmerksamkeit zu sorgen versucht. Obgleich sich vom Titel her eine Standardplatte von Eastern anbieten könnte, ist der Film schon ein früher Vorreiter jener obskuren Mordwerkzeuge, die Hark in seinen Filmen seit jeher gerne zentral als Signal surrealer Qualitäten verwendet: Waren es in „Knock Off“ z.B. Nanobomben in Jeans, bringen hier ausgerechnet Schmetterlinge den Tod. Das Prozedere um diese Idee verläuft insofern ebenso eher ungewöhnlich, wenn Topoi und Typen der Shaolin-Sparte in ein Whodunit? binnen verlassener Festungsmauern geführt werden. Die unerklärlichen Massaker türmen Leichen auf, die vielleicht von historischer Distanz her noch nicht so verstörend wirken, wie es sich in einem kontemporären Narrativ à la „Söldner kennen keine Gnade“ empfinden ließe, doch das Ausmaß menschlicher Korruption und verlorener Moral geht hier bis zum Finale hin durchaus in die Vollen. Ehemalige Mitstreiter werden des Erbes wegen verraten, Kämpfe aufs Überleben des Egos ausgetragen, selbst wenn sogenannte „Weisen“ (u.a. Eddy Ko und Chiang Wang) hinzugezogen werden: Warum nicht über Leichen gehen und jedes Ideal ad absurdum führen, wenn die Güter locken? Kein Wunder also, dass sich Harks Ambiente in einer Verwahrlosung zeigt, die kaum Platz hat für prunkvolle Dekors der Marke Shaw Brothers, auch wenn seine Figuren durchaus über die Bescheidenheit reeller Vorgaben reichen. Visuell ergiebig gestaltet er daher u.a. solch einen Umhang wehenden Deadpan-Helden wie Tian Feng (Shu Tong Wong), der mit mysteriösem Charme Operettenhaftes vermittelt, während eine kecke Seilzauberin wie Grüner Schatten (Michelle Mee) aus jeder Ecke ins Bild zu hüpfen imstande ist. Diese Energien bahnen sich ihren Weg durch Phasen, die ansonsten im Überfluss an Exposition versinken würden, gleichsam erzählt sich seine Variante der Postapokalypse verstärkt durch ihre Perspektiven.


Kamera und Soundtrack als mitreißendes Ausdrucksmittel sind in jenem Umfeld keine Selbstverständlichkeit, weshalb Hark in seinen Perspektiven noch stets viele kleine Ideen versteckt, die zeitweise ins Morbide überlaufen. Da landet man auch wieder bei den Schmetterlingen, teilweise in extremen Nahaufnahmen oder in Massen zum Flug bewegt, an Gläser und blutige Körper beklebt, dass sich der Giallo ins alte China einmischt. Wie es zu solch einer Hysterie gekommen ist, wird dann meist ein Fall für Rückblenden als Verstärkung des Gefühls verlorener Menschlichkeit, parallel dazu gelangt das Ensemble des Öfteren in die titelgebenden Grotten voller versteinerter Finsternis, in deren Ecken stets die nächste Überraschung lauert. Was hat es dann noch mit dem schweigenden Mädchen oder dem Autor auf sich, dessen gefälschte Schriften wohl ebenso zum Ausbruch des Bösen beigetragen haben? Nichts und niemand ist folglich sicher, weshalb die mörderischen Verzweigungen zunehmen, Geheimnisse sich mit dem Tod verteidigen, bis die massive eiserne Klaue inklusive Rüstung zuschlägt. Jener brachiale Stoßhammer bewegt die letzten Akte dann auch allmählich zur kunstvollen Action hin, die Hark in Zukunft noch weiter ins Phantastische ausbauen würde, allerdings ist die Eskalation des Todes hier eben auf ein bitteres Klimax ausgerichtet, nicht fern vom Nihilismus später Spaghetti-Western an Parteien gegenseitiger Verrohung aufgestockt, in denen jede Offenbarung das Falsche am Menschen aufdeckt. Freundschaft ist letzten Endes auch ein wankelmütiger Begriff, aber zwischen den Zeilen präsent wie auch die Unschuld der Schmetterlinge erst vom Menschen zum Todesinstrument umfunktioniert wird - das übrigens in einer Sequenz, welche die Schönheit zerebraler Umnachtung im Tiere schöpft, während der Täter dazu auf frischer Tat ertappt nicht mal die Flucht ergreift, in der Abgeklärtheit des Ausweglosen auch nicht gefasst wird. Grausig und verrückt verdichtet sich das Ganze selbst im Angesicht einiger Längen, die Harks wilde Impulse noch in gewöhnlichen Signalen der damaligen Filmlandschaft zu verschlüsseln versuchten, doch die Grundlagen des Hongkong New Wave Cinemas sind in der Atmosphäre schon so fest verankert, dass der Lebenssaft nur zu gütig auf die Bilder nieder fließt.




Zurückblicken möchte ich sodann auch auf das Debüt von Don Coscarelli, der inzwischen ja wieder in aller Munde ist dank der Rehabilitation seines „Das Böse“, in „Kenny and Company“ aber ebenso schon einige Vorzeichen dazu geliefert hat - und das wohlgemerkt in einem Kinderfilm. Die Vorstellung mag heutzutage angesichts der Genre-Affinität Coscarellis widersinnig wirken, doch die aufziehbaren Parallelen zum Nachfolger „Phantasm“ fangen nicht erst bei den gemeinsamen Darstellern A. Michael Baldwin und Reggie Bannister an. Obwohl dieser Film nämlich insgesamt einen episodenhaften Blick auf die Welt des jungen Teenagers Kenny (Dan McCann) wirft und dessen Mikrokosmos an suburbanen Konventionen, Freundschaften, Feindschaften, Familie, Liebe, Schule, Sommer und Halloween entfaltet, sind die Fragen um die menschliche Vergänglichkeit, um Leben und Tod ständige Begleiter im Querschnitt jenes Alltags. Die Ungewissheit in der Begegnung mit solchen Schwerpunkten ohne eindeutige irdische Lösung geht auch hier dem Trauma eines eventuellen Verlusts voraus, das sich im Wachstum des Bewusstseins selbst neben aller Unbedarftheit in der Kindheit schlicht ankündigen muss. Und da setzt Coscarelli so universell an, wie es jedes Kind treffen kann: Im Haustier, dem alten müden Hund, der eingeschläfert werden muss. Schon diese kleine selbstverständliche Einheit an Zuneigung erhält und erfüllt hier das dramaturgische Gewicht mehrerer Melodramen auf einmal, wird dabei in beachtlich konkreten und dennoch aufrichtigen Bildern vermittelt, dass es nicht nur bei der Zielgruppe als Tearjerker funktioniert, gleichsam aber auch keine Plattitüden dafür anleiern muss. Auch wenn nicht jeder dazu aufgewendete Diskurs durchweg in darstellerischer Glanzleistung verewigt bleibt (manche Dialoge stolpern dementsprechend von Vornherein schon auf halbem Wege), setzt sich jene Herangehensweise auch in der Darstellung aller Gefühlslagen durch. Kids fluchen, kriegen Stielaugen bei Pin-Up-Girls, schlagen und verarschen sich, sind bei der ersten Liebe aber schon im siebten Himmel, wenn Händchen gehalten werden und der große Nachbarjunge einen mal nicht aufgrund mangelhaften „Schutzgeldes“ vermöbelt - klingt inzwischen nach Allgemeinplätzen, doch in der US-amerikanischen Idealisierung der Familienbilder jener Ära (darauffolgende nicht ausgeschlossene) scheinen selbst Kids machtlos ihrem Schicksal ergeben, weshalb die kleinen Unterschiede hier folglich den Großteil des Vergnügens ausmachen. Manche sind dann auch so spezifisch geraten, dass sie aus Coscarellis eigenem Erfahrungsschatz münden dürften, was er umso enthusiastischer in Einzelsequenzen ballt, selbst wenn denen stets das Makabere anhaftet. Siehe z.B. die Streiche von Kenny und Doug (Baldwin), wenn sie ihre kleine Nervensäge von Kumpel, Sherman (Jeff Roth), in eine Mausefalle greifen lassen oder wenn sie eine ausgestopfte Puppe (die wie der Tall Man höchstpersönlich ausschaut) auf die Straße legen, um die Reaktionen anhaltender Autofahrer zu erhaschen.


Durchaus gewitzte Ablenkungen der Freiheit, die der Langeweile der Schule entkommen dürfen, wenn mal nicht der coolste Lehrer von allen, Mr. Donovan (Bannister), selbst die hoffnungslosesten Fälle zu motivieren imstande ist. Ansonsten bleibt da nämlich nicht viel mehr übrig als das Provinz-Chaos an Pee-Wee-Football-Turnieren, bei denen Kenny auch ab und an mal aufs Eigentor zuzulaufen droht oder eben das Tricksen mit Skateboards - und das vor den Neunzigern! Dazu gesellen sich natürlich noch einige rockende Grooves sowie eine Kamera, die sich die Linsen wohl auch mit Adrian Lyne teilen dürfte. Der audiovisuelle Fun daran übertrumpft sogar manch Ungeschicktheit in der Handhabung Coscarellis, der hier durchaus vom Home-Made-Charme profitiert (obgleich Kennys Abenteuer einst sogar von 20th Century Fox vertrieben wurden). Das reicht sogar bis zur Besetzung von Kennys Mutter, die (gar nicht) zufällig auch Coscarellis eigene ist, obgleich die elterlichen Rollen in diesem Kontext gewiss keine Idealisierung erfahren. Je mehr Facetten an Leben und Tod sich Kenny öffnen, desto weniger scheinen seine Eltern ihm dies verständlich machen zu können, was sich insbesondere am Vater (James E. dePriest) bemerkbar macht. Die Ungewissheit übernimmt alle Generationen, bei der die Hoffnung aufs Himmelreich als Ausweichpunkt am ergiebigsten gilt, der alte Nachbar hingegen an ein vollständiges Ende glaubt, nach dem die hinterlassenen Kinder für einen weiterleben. Schwieriges Terrain, das für junge Zuschauer übrigens auch nicht verwässert wird und im Verlauf für Begegnungen sorgt, die in blutigen Autounfällen („Moritz, lieber Moritz“ lässt grüßen) Machtlosigkeit demonstrieren, in Richtung Halloween jedoch die Übernahme des Individuums über das Mysterium Tod erlauben. Jener Prozess der Verarbeitung lässt dann auch das entscheidende Segment des Films auftreten, in dem Kenny und Co. Süßes oder Saures einfordern, in spukende Garagen vordringen, in Häusern alter Frauen auf Tuchfühlung mit Urnenasche gehen, Luftgewehre und echte Bleigeschosse zugleich um die Ohren geworfen kriegen. Aus dem Abenteuer ergeben sich noch einige Tricks, wie man den Oberraudi der Schule dingfest machen kann, vorher aber schon gibt Dougs Vater Big Doug (Ralph Richmond) als klamaukiger Kommissar Freifahrtscheine für gepflegten Schabernack. Erwachsene wie Kids machen hier eben ein starkes Spektrum an Sympathien aus, an dem Coscarelli sowieso eine grandiose Leichtfüßigkeit beweist, ein möglichst komplettes Abbild eines Lebenszustandes fern der Behütung und Ausbeutung zu zeichnen. Spaß, Herzschmerz, Angst und diese süßen Portionen an Katharsis ergeben hierin schon durchaus ein verwöhnendes Lunchpaket an Coming-Of-Age-Filmerfahrung, wie es im ohnehin frei schwimmenden Narrativ an Lebhaftigkeit wohl noch länger haltbar bleibt.




Ob es für die Menschheit jedoch noch Hoffnung gibt, stellt sich bei der Sichtung von Carlo Lizzanis „San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen“ infrage. Der semi-dokumentarische Spielfilm von 1976 befasst sich wie der im selben Jahr erschienene „Kenny and Company“ mit der Erfassung einer Jugend, die sich nicht unbedingt in einen Spannungsbogen einzwängen lässt und dennoch kontinuierlich mit der Vergänglichkeit ihrer selbst konfrontiert wird, ob sie nun will oder nicht. Massive Unterschiede klaffen jedoch in Sachen Milieu und Sympathie auf, da Lizzani den Tagesablauf junger Faschos italienischer Coleur ins Auge fasst, der garantiert in mörderischen Widerlichkeiten enden wird. Bis dahin ist das Portrait des enthumanisierten Hasses dementsprechend unangenehm, allerdings noch lange kein Konglomerat aus exploitativen Eindrücken und Anbiederungen zum ideologischen Urteil. Die Räudensprache der Jungs im straffen Leder-Style unterbietet natürlich jeden im italienischen Genre-Kino gebildeten Mangel an Empathie und lässt am zynischen bis rassistischen Wortschatz teilhaben, wie es schon beim „Ausbruch zur Hölle“ Methode war, doch die Aufarbeitung kollektiven Zorns sowie frustrierter Cliquenhierarchien geht eher in die Gefilde der Objektivität, obgleich durchweg gemäßigte Kolportage-Topoi die Richtung bestimmen. Man denkt u.a. an „Kidnapping - Ein Tag der Gewalt“, wenn die verwöhnten Mordskerle aus gutem Hause stammen, dort aber bereits unter Erziehungsberechtigten Unverständnis und Strenge vorherrschen, an denen sich Widerstand und Machtfantasien heranzüchten, auf dass der Hass auf andere oder in hedonistisches Gammeln umgesetzt wird - wer aus ärmlichen Verhältnissen kommt, lässt sich ebenso anziehen, wenn die Struktur untereinander zum dubiosen Weiterbestehen anheizt/zwingt. Impotenz und Rape Culture arten sodann gleichermaßen aus, gleich zu Anfang auf die Figur von Brigitte Skay, die in punkto weibliche Charaktereigenschaften nun alles andere als repräsentativ vorgehalten werden dürfte, mit ihrer ultranaiven Denke aber letztendlich zum Verhängnis der Kerle beitragen wird (Spielhallen-Verrohung à la „Zombie“ inklusive). Bis dahin ist sie aber auch gewissermaßen symptomatisch für die regressive Haltung, mit welcher die Bevölkerung Mailands auf dieses politisch-soziale Phänomen reagiert, nämlich mit beinahe völliger Ignoranz oder gaffendem Nichteingreifen. Besonders effektiv ballt Lizzani diese Lethargie einerseits schon im Umstand, dass er seine Laiendarsteller an Originalschauplätzen zur Rekreation aufspielen lässt (mehrere Einzelfälle wurden für die Filmhandlung in einen Tagesablauf konzentriert), andererseits fokussiert die Kamera auch die Reaktionen der Anwohner (mindestens ein Greis darunter hebt den rechten Arm gleich mit), wenn ein spontaner Nazimarsch über der Piazza San Babila vollzogen wird oder das Quintett an rechten Narzissten Dildos im öffentlichen Park vorführt. Die Präsenz der Provokationen geht erst recht ins Mark, da es dieser Tage wieder vielerorts ein allzu gewöhnliches Bild geworden ist, auch dass die Polizei auf Befehl von oben kaum einzugreifen wagt, wenn wieder mal ein kommunistischer Anhänger von einer ganzen Truppe mit Klappmesser und Stahlketten traktiert wird.


Wie gesagt, ein Stück Poliziotteschi schwimmt in jenen Eindrücken ebenso mit, doch aus Erfahrung weiß man inzwischen sowieso, dass eine Überhöhung nicht unbedingt gegeben ist. Parallel dazu verständigt sich die Ideologie der Rechten hier zudem mit intellektuellem Chic, reizvoll als existenzialistische Radikale der freien Meinungsäußerung ausgestellt (eine Vorschau auf die Rhetorik der Alt-Right), die Ordnung als Wehrmaßnahme zu forcieren meinen und dafür rücksichtslose Treibjagden zum Vergnügen aufpeitschen, Läden mit Hakenkreuzen beschmieren und Eisenkugeln per Steinschleuder in Kniekehlen schießen - die dunkle Seite einer ungebremsten Jugend ohne Zukunft, mit J&B auf dem Weg zum Bombenanschlag bei Roten. Lizzani wahrt dabei in allen Fällen die Distanz zu seinen stilisierten Subjekten zeitgenössischer Umstände, lässt höchstens mit Ennio Morricones minimalistisch-urigen Märschen nochmal eine Extraportion Ambivalenz durchsickern, die der offenen und doch kritischen Ader des Films vollends gerecht wird. Das Gesamtbild lässt ihn auch dem Zwang entweichen, eine Eindeutigkeit auf diese Umstände zu münzen, Gegenmaßnahmen vorzuschlagen oder den Zuschauer gar mit irgendeinem Charakter binnen jener Anti-Protagonisten sympathisieren zu lassen (via dem Rollenmodel eines Aussteigers z.B., Feiglinge gibt’s trotzdem). Letzteres fällt höchstens auf das Paar zurück, das im dritten Akt als Opfer einer Mutprobe vom Fascho-Mob verfolgt und gnadenlos niedergestochen wird, so wie junge Extremisten ihren (angeblich von weiten schon erkennbaren) Feinden/Andersdenkenden nur auf die Art zu begegnen fähig sind, wenn die verbale Selbstgefälligkeit nicht mehr Antrieb genug ist. Natürlich positioniert sich der Film da entschieden gegen solche Unmenschlichkeiten, so kalt und grausam sie per Inszenierung dargeboten werden und der potenziellen, metropolitanen Unbekümmertheit der Gegenseite gewiss nichts an Attraktivität abnehmen. Da ist die Balance nicht minder wertend wie der angeblich objektive „American Sniper“, wenn hier allerdings auch nachvollziehbarer an die menschliche Fassung appelliert und zum Schluss zudem die Mamasöhnchen mit Angst vor dem Knast aufgeboten werden - was zeitweise zur Spekulation überzuschwappen droht, selbst wenn man die Hassliebe der Jugendlichen zu ihrem Umfeld des Aufwachsens hinzuzieht. Die Passivität der unpolitischen Bevölkerung bleibt zwischen den Fronten dennoch am ehesten der am offensivsten moralisierte Gegenstand, der zudem nur im Off willens ist, auf einen Wandel hinauslaufen. Da dürfte man auch wie an einigen anderen Stellen des Films Konstruktion feststellen, aber eben auch eine, die zum Handeln oder Reflektieren anregt, ohne auf plakative Manipulation setzen zu müssen. Man muss sich eben nur darauf einlassen können, über 100 Minuten lang allzu wahren Kotzbrocken zuzuschauen.




Herrje, bei soviel aktueller politischer Relevanz ist daraufhin vielleicht wieder eine Rückkehr in unbelastetere Gefilde angesagt, möchte man von Vornherein beim kostengünstigen Direct-to-Video-Film „Die Rächer hetzen die Meute“ meinen. Jenes Werk fängt ja auch schon so an, dass man ein geballtes Vergnügen an Cheapo-Actionfilm zu erleben glaubt, wie es Amir Shervan quasi posthum mit unbeholfenen Schönheiten wie „Samurai Cop“ und „California Cops“ kultivierte. Über seinen Landsmann Jamshid Sheibani, der hier wiederum als Regisseur fungierte, ist gleichsam wenig Biographisches bekannt, höchstens wie im Falle Shervans Geburts- und Todesdatum, wobei sich in der Hinsicht einiges durchaus auch aus dem Film schöpfen lässt. Ohne viel vorwegnehmen zu wollen, porträtiert er im Zentrum seiner Geschichte die Perspektive einer persischen Immigrantenfamilie inmitten einer kalifornischen Kleinstadt nahe der Grenze zu Mexiko. Der Fakt, dass Sheibani 2009 in Los Angeles verstarb, reflektiert dann erst recht den aufrichtigen Einwanderer, dessen Kultur selbst in diesem eher trivialen Film um Integration bemüht ist sowie gegen Widerstände anzukämpfen hat. Die dramaturgische Goldader dazu bleibt zwar über weite Strecken eher versteckt, so wie der Semi-Dilettantismus der Produktion eben reichlich unsauberes Stückwerk hinterlässt, der Klimax dazu könnte in dem Rahmen aber kaum effektivere Symbole an Toleranz und Miteinander aufbereiten (hab übrigens vorhin ganz vergessen zu erwähnen, dass „Kenny and Company“ dafür ebenso einen Subplot mit einem mexikanischen Schulkameraden bereithält). Aber schau an, ich nehme wieder zu viel vorweg, dabei ist ja der eigenwillige Weg, den der Film in Richtung jener Schlussfolgerungen einnimmt, schon eine kleine Sensation. Nachdem der Vorspann mit Credits wie „Screenplay by: Shield“ schon urige Vorbereitungen trifft, setzt ein Voiceover ein, der - dem „Perser und die Schwedin“ nicht unähnlich - über die Nr. 1 unter den todsicheren Todesarten informiert: Drogen! Insofern wird das anklagende Entsetzen des Sprechers über den Einfluss auf nationaler Ebene sowie der Gefahr für Gemeinden und Kinder auch visuell begleitet: Dubiose Handlanger in 80er-Jahre-Vollmontur heben unscheinbare Kisten aus Booten, ein Haudegen kommt per Archivmaterial eines Zuges mit Koks im Gepäck an, mehrere Uni-Studenten setzen sich unauffällig zu einem Brillenträger, der bei helllichtem Tage Weißes gegen Bares anbietet. Dieses zehnminütige Segment erklärt die kriminellen Mechanismen selbst mit Fliegen auf der Linse, mag sie sodann aber eben am handlungsübergreifenden Beispiel näher erläutern. Ab hier verschwindet auch der Sprecher und macht die Bahn frei für ein geradliniges Szenario finsterer Machenschaften eines gewissen Mr. Macintosh, der Drogen in besagtes verschlafenes Nest schmuggelt und dafür reichlich Leichen in Kauf nimmt. Der letzte Kurier Curtis z.B. kriegt nach versagter Lieferung schon die Rache des Bosses zu spüren und kann nur knapp mit Schusswunde entkommen, der Zuschauer erhält hingegen (im Originalton schon) ein Inferno platt synchronisierter Kintopp-Dialoge, das genauso spekulativ agiert wie die Milieuzeichnung voller Sparmaßnahmen und Merkwürdigkeiten (allein die Geldscheine!) an goldigem Irrsinn und Schießereien im Waldstück nebenan aufstockt.


Zeitgleich heuert Macintosh den Bruder von Steve (Rand Martin) für weitere Aufträge an und bringt jenen naiven Arbeitssuchenden namens George in Teufels Küche, als die Polizei dem Ganzen auf den Fersen ist und der nicht ganz saubere Deputy ihn sodann erschießt. Steve will der Sache nach der Beerdigung auf den Grund gehen, doch sein Familienleben mit der Iranerin Mina (Fattaneh), welche zusammen mit weiteren Verwandten ein Restaurant in der Stadt leitet, hat Priorität. Das schlägt sich auch im Sohnemann Jeremy nieder, welcher mit dem der Familie Macintosh befreundet ist, wobei jener Patriarch seine bulligen Schläger bald zur Einschüchterung aufs Restaurant ansetzt. Es gibt reichlich Prügeleien, einige stumpfe Gags mit Kochmütze und wütende Sprüche von allen Seiten - nebenbei kommt Curtis auf der Farm der aufreizenden Nancy zur Genesung und hat sie alsbald geschwängert, doch als sein Kumpel Steve ihn wegen Macintosh zur Rede stellen will, reiteriert der in ansteigender Verzweiflung immer wieder nur „You don't unterstand!“. Doch Steve versteht es, ihn dennoch zum Handeln zu überzeugen, indem er an seine Verantwortung als werdender Vater appelliert, eine bessere Welt fürs Kind zu hinterlassen. Man sieht, der Ausdruck an Emotionen und dessen Figurennetz macht schon gehörigen Wirbel im abwegig vermittelten Americana, doch der wahre Clou folgt erst noch. So reagiert unser Ensemble plötzlich auf die Nachrichtenlage zur Islamischen Revolution in Iran um 1979, bei der amerikanische Botschafter als Geisel genommen wurden (siehe auch „Argo“) - was zuvor nach Reagan-Ära aussah, ist nun auf einmal ein Period-Piece. Das echte Nachrichtenfootage kursiert nun innerhalb des Films, zeigt ebenso Anfeindungen gegen iranische Immigranten in den USA, bringt Macintosh und seine Leute sodann dazu, explizit patriotische/fremdenfeindliche Pläne gegen Steves Familie zu schmieden, bis hin zur Aufforderung an den eigenen Sohn, sich nicht mehr mit Jeremy abzugeben. Solche Umstände ergeben die Geheimwaffe des Films, der anhand dessen pointierte Stationen der Angst sowie soziale Missverständnisse angeht, schon die Härte rassistischer Anfeindungen auf dem Schulhof zeigt sowie die Rücksichtslosigkeit der Ressentiments bei den Erwachsenen fortsetzt. Aufrichtige Existenzgründer iranischer Herkunft werden in deren Augen nämlich ebenso gleich Geiselnehmer - ein Shervan hätte meines Wissens nach nie derartig auf jene bitteren Erfahrungen aufmerksam gemacht, die Ausländern im Angesicht kollektiver Vorurteile widerfahren. Schließlich reißt Steve über gleichsam emotional motivierte Umwege allmählich der Faden und so verbündet er sich mit Curtis, Macintosh endgültig das Handwerk zu legen, während dieser dem potenziellen Familienglück von Curtis jedoch einen Strich durch die Rechnung macht und sich das Melodram entkoppelter Zukunft auf alle Parteien ausweitet - sogar auf die von Macintosh! Wer sich an meine Einleitung zum Film erinnert, wird das versteckte Happy End darin sicherlich noch nicht vergessen haben, doch angesichts aller Signale, die den Film zuvor in belanglos amateurhafte (darin natürlich auch charmante) Video-Action-Jagdgründe zu wiesen schienen, kommt das tragische Gewicht doch überraschend stark zur Geltung - selbst wenn ein Hühne wie Steve die Arme zum Neuanfang ausbreitet und im versynthten Pathos noch kräftig am Zeitgeist feilt.




Mensch ey, selbst in der Quote sinnbefreiter Unterhaltung scheint kein Kandidat dieser Woche ohne ein Mindestmaß thematisches Gewicht auskommen zu wollen - ist es denn zu viel verlangt, bei Sinnen betäubt zu werden und nach Art des Hauses „Beavis and Butt-Head“ Richtung Bildschirm kichern zu können? Nun, kurz vor Redaktionsschluss hatte ich doch noch das Glück mit unserem alten Kameraden Arizal, dessen „Strike Commando“ meinen Ansprüchen vollends gerecht wurde. Auf der Grundlage eines übersimplifizierten Rachethrillers setzt der Vietnam-Veteran Richard Brown (Christopher Mitchum) alles daran, seine Familie zu rächen, nachdem diese vom skrupellosen Drogenbaron Hawk (Mike Abbott, muskeldick wie nie) und seinen Handlangern ausgerechnet zum Geburtstag des kleinen Bobby überfallen sowie erschossen wurde. Nun ist Arizal als Regisseur ja nicht nur vom ersten Akt an ein Stück weit hölzern unterwegs, die Gefühlslage jener Ereignisse zu vermitteln, zu denen sich u.a. ein Vorspann à la „Die Rächer hetzen die Meute“ gesellen, das exploitative Prozedere an Vergewaltigungen und Ballereien schnell an der Selbstjustiz-Skala dreht, während eine Portion platten Melodrams ebenso über die Bühne geht. Das ist aber nur die Vorstufe für ein Spektakel an Scheiß-Egal-Mentalität, wie sie im indonesischen Action-Kanon jener Zeit für reichlich delirierende Haltlosigkeiten sorgte. Sobald Brown nämlich einen Killer nach dem anderen hinterherjagt und folglich von der Liste streicht, wird zwischendurch dafür gesorgt, dass jeder niedergeschossen und wirklich alles in die Luft gejagt wird. Die Lust an Schauwerten führt hier regelrecht erst zur Erfüllung der Mindestlänge eines Spielfilms, weshalb selbst Rückblenden Richtung Vietnam gleichsam explodierende Hütten und abgeknallte Bösewichte bereithalten. Die Musik von Billy J. Budiarjo könnte da nicht eintöniger vor sich her dudeln, während visuell die große Sause an Tod und Zerstörung rein von Mitchums zuckendem Auge herrührt, dieser dafür sogar eine Handvoll schlimmer Wortspiele auspackt und generell so talentfrei auf den Rachefeldzug geht, dass Distanz in Übermengen vorherrscht.


Zum Charme ergänzt wird diese Unbeholfenheit dann anhand absurder Ideen im zwischenmenschlichen Umgang, eben à la Scheiß-Egal mehrere Szenarien hintereinander mit Blei zu füllen, jeden Angreifer ohne große Aufregung zu erledigen und mittelschwere Mitstreiter des Verbrechens mehr oder weniger bewusst in den Tod zu schicken, wenn mal nicht die abwegigsten Impulse der Rache auf den Plan treten. Wird Brown da mal mit einem Brandeisen gefoltert, kriegt es ein anderer wenige Minuten später eben in den Allerwertesten geschoben, um mal ein Beispiel zu nennen. Bald kann sich der Film aber auch nicht mehr vor Überfällen retten, wie er sie innerhalb zahlreicher örtlicher Lokalitäten ballt und diese scheinbar ausnahmslos zerstört. Verfolgungsjagden reißen Stände um, lassen die Karren stets explodierend vom Weg abkommen und fahren den einen oder anderen Fiesling auch mal allzu echt um, wenn mal nicht der durch die Frontscheibe eingeschossene Holzstamm fingiert wird. Da helfen auch keine Trillerpfeifen, wenn ein ganzer Bahnhof vom Jäger sowie Gejagten heimgesucht wird, bis diese sich an den Schienen abquälen und so undynamisch wie auch im Gegenverkehr ungesicherter Straßen rattern, dass es umso pointierter kommt, wenn jeder Zusammenstoß Feuerbälle der Extraklasse hervorruft. Infolgedessen verpasst Hawk jedem seiner Kollegen am Versammlungstisch nach und nach ebenso eine Kugel in den Kopf, weil nichts in Sachen Brown läuft, was aber auch daran liegen könnte, dass Mitarbeiterin Julia (Ida Iasha) doppelt gemoppelt under cover dort arbeitet und dem Brownen des Öfteren zur Hilfe kommt. Das geht soweit, dass er sich in sie verliebt und einen Neuanfang planen könnte, während er sich über sein Motorrad mit Raketen und Uzi am Steuer amüsiert. Doch ob die Beziehung bis zum Schluss durchhält, ist in dem Genre eher zweifelhaft. Als Gegenmaßnahme bleibt jedenfalls immer noch der Griff zur nächsten Granate, wenn die Hauptbösen denn nicht mal an den Stuhl gefesselt mit Bomben Bekanntschaft machen und Brown stets sogar mit angeklebten Koteletten verschwinden kann. Zum Schluss geht es allmählich auch zu Felde, wo die Drogenfestungen Hawks kontinuierlich dem Boden gleichgemacht werden und jeder Sprung mit dem Motorrad Brown auf die Füße fallen lässt, bis er Hawk im mehr als antiklimatischen Kampf konfrontiert und dafür auch einen Freifahrtschein von der Polizei erhält. „I was just settling the scores.“ oder so ähnlich, darauf ein Handschlag mit dem Commissioner - eben eine saubere Leistung, dieser grandiose Saftladen an Kintopp-Rücksichtslosigkeit.




FINDET DORIE - "[...] Der Film versucht, sich ihrem Charakter anzupassen, doch seine Verbundenheit zur Vergangenheit hemmt jene Verselbstständigung, wenn Schauwerte und Storyelemente sowohl zum Einstieg einladen, als auch anhand von Subplots und Gastauftritten gehetzt Erwartungen abarbeiten, die sich eher forciert mit Dories Pfad kreuzen. So wie jene Meeresbewohnerin jedenfalls impulsiv vorgeht und aus Geistesblitzen ihr Handeln ableitet, ist die Not zur Selbstfindung zwar motiviert, doch vielerlei erste Schritte dorthin wirken eben Punkt für Punkt wie bereits vor dreizehn Jahren eingetreten. [...] Einiges an Standardisierung wurde dafür in Kauf genommen – sobald man sich aber von all den Zwängen löst, steht das Potenzial für eine herzliche Geschichte über die Hoffnung des Eigenen, des Bestehens von Herausforderungen, dem Ehrgeiz über den Status des Problemkindes hinaus. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)


Bonus-Zeugs:




BAD MOMS - "[...] Eine Geschichte, in der das Spektrum charakterlichen Wandels zeitweise von Pegeln der Zufriedenheit abweicht, um letztendlich in genau dem spießigen Frieden zu landen, in dem man sich zuvor schon befand. [...] Hat man als Zuschauer den Anspruch, dem Kalkulierbaren ausgeliefert nicht der Langeweile zu verfallen? (Muss) jeder für sich beantworten [...], genauso wie die Fragen, ob auf technische Distinktion Wert gelegt oder wie hoch die eigene Humortoleranz eingeschätzt wird, die hier mit dem Üblichen Vorlieb nehmen muss: karikaturenhafte Stereotypen für jedes Geschlecht, mehrmals hinfallende Frauen, abgedroschene Wortgefechte, genitaler Wortschatz, alkoholisierte Zeitlupenexzesse zum Sound der (nicht mehr) aktuellen Hits – alles drin und mindestens so zündend wie eine neue „Simpsons“-Folge. [...] Letztendlich hält der Film in seinen versöhnlicheren Noten einige Überraschungen offen, die dem Leiden der Weiblichkeit einen Vorteil gegenüber einfältigeren Männerfantasien verschafft. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




AMERIKANISCHES IDYLL - "[...] So unschuldig die Prämisse auch klingt, ist McGregors Umsetzung ein Bündel fragwürdiger Charakterzeichnung und erzkonservativer Ideologien, das im pathetischen Drama auf Extreme der Plakativität setzt [...] Immer nur wenige Schritte vor der Initiierung des Charles-Bronson-Modus, ehe der Vater die Spur aufnimmt, ab und an im Thrillerterrain landet und bald ein Milieu totaler Verwahrlosung vorfindet. Letzteres ist als Stellvertretung linker Tendenzen natürlich zur Apokalypse der Indoktrination geschlussfolgert, dem Anliegen wegen frei von jeder Persönlichkeit, die das familiäre Bilderbuchprinzip dem Kind von vornherein schon nicht zugelassen hat, jetzt aber an verrotteten Zähnen und Gettozugehörigkeit leidet. [...] Die überdramatisierten wie simplistischen Konflikte reißen nimmer ab, als sei der Film so energisch mit der Naivität seines Protagonisten verbandelt, dass nur dessen Perspektive die richtige wäre. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)

Sonntag, 13. März 2016

Tipps vom 07.03. - 13.03.2016

Da ich ein bisschen Gefallen gefunden habe an der Struktur des Blogeintrags von letzter Woche und ohnehin schaffen will, auch wirklich alle Filme zu würdigen, die mir innerhalb jener Einheiten von jeweils sieben Tagen begegnen, ich aber zeitlich gesehen nicht für alle eine voll formulierte Kritik anbieten kann, versuche ich nun mal regelmäßig eine Art kleinen Rückblick innerhalb des größeren Rahmen des Wochenrückblicks. Umständlich genug? Aller Anfang ist eben schwer, zumindest sollen zeitweise auch einige persönliche Einblicke auf diesen Wegen zustande kommen, auch wenn diese Woche bei weitem nicht so dramatisch wie die letzte verlief. Dank meiner frischen Kundenkarte bei der Hamburger Bücherhalle bin ich allerdings in den Genuss einiger Klassiker gekommen, die sich merkwürdigerweise doch schon länger bei mir aufgeschoben hatten.


Die Nacht des Jägers“ von Charles Laughton zum Beispiel, frisch und zeitlos in seiner Verkettung an Stilistiken und Genres - ein American Gothic, das voller Noir-Power und einem diabolisch guten Robert Mitchum ins Abenteuer mit kindlicher Perspektive springt sowie märchenhaften Expressionismus zur Kritik an der Leichtgläubigkeit der Gesellschaft sowie ihrer Mob-Mentalität nutzt. Charakter-technisch erlebt man daher bis zum Schluss einen regelrechten Wirbelsturm der Emotionen - Katharsis und Schock gehen da Hand in Hand zur Fabel eines ungewissen Weltverständnis auf. Was für ein toller Start, dagegen konnten zwei von drei Kinovorstellungen diese Woche nur schwer gegen ankommen. Da dies Pressevorführungen waren, bewahre ich der Fairness halber noch die Identität der Filme, zumindest kommen in Zukunft noch Texte zu denen ans Licht. Ich habe also durchaus wieder mehr geschrieben, als man hier vertreten sehen wird, aber machen wir uns nichts vor, zu folgenden Werken müsste man ja eigentlich auch was sagen: 


Bumerang“, in dem Fall Elia Kazans Justizdrama von 1947, stellt quasi die Blaupause dessen Genres dar. Das heißt, dass man als Zuschauer knapp sieben Dekaden später mindestens schon tausend weitere Filme jener Art gesehen hat und ja, Kazans Prozedere ist als auf einem wahren Fall basierendes Spannungsstück schon ziemlich zäh in seinem Drang der Beweisführung, der zuvor von einer Tätersuche ohne große Charakterstärken erfüllt wird und gen Finale dementsprechend nur wenig Bindung zulässt. Interessant sind dabei die Ansätze zur Erkennung von Korruption, eine mehr oder weniger subtil aufgespannte Vermittlung des Sachverhalts sowie die Entwertung von Vorurteilen. Im filmhistorischen Sinne also gar nicht mal so verkehrt, aufgrund der nicht von der Hand zu weisenden Didaktik allerdings nicht allzu gut gealtert. 


Obwohl die Bildsprache in „Die Reise nach Tokio“ von Regisseur Yasujiro Ozu auch schon eher an Werke aus der Frühzeit des Kinos erinnert (natürlich auch mit tollem Feingefühl beobachtet), ist die menschliche Beobachtung hier hingegen nochmal empathischer ausgeprägt, inwiefern die Bindung der Familie auf verteilter Basis funktioniert und sich in individuellen Wegen nach Verständnis sehnt. Die 130 Minuten daran machen sich mitunter etwas stark bemerkbar, dafür umfasst das geduldige Drama aber auch Stationen an Güte, Entspannung, Liebe, Verantwortung und Leiden, die nicht im Affekt geschehen, sondern im Bewusstsein einer Alltagspoesie voll stiller Konflikte ankommen wollen. Die emotionalen Brennpunkte binnen überwiegender persönlicher Bescheidenheit verfehlen da garantiert nicht ihre Wirkung, doch obwohl Melodramatisches im hier wirkenden Quasi-Neorealismus vermieden wird, lässt sich die Sentimentalität all dessen nicht verleugnen. Wie man's nimmt.


Spielerischer um die Flucht aus den Strukturen bemüht sich sodann Jan Svankmajers „Alice“, frei nach Lewis Carroll als osteuropäischer Stop-Motion/Realfilm-Hybrid in der Fantasie der Titelheldin unterwegs, die aus den Mauern der Kinderstube eine Tour bizarrer Ausmaße macht. Die Zutaten des Alltags vermengen sich hier zu neuen, teils morbiden Wesen, die vor allem in ihrer Verletzbarkeit unberechenbar bleiben, auf jeden Fall ein Spiel mit dem Realitätsverständnis an sich eingehen und als Widerstand des kindlichen Geistes genauso eigen wirken, wie es den Ursprung im Vertrauten finden. Der Film geht in erzieherischem Sinne also durchaus gegen die Vereinheitlichung von Projektionsflächen der Vorstellungskraft an, letzten Endes lässt er sich auch aus erwachsener Perspektive umso schwerer fassen, was ihn in seiner Qualität wohl auch nochmal bestätigt. Der psychotronische Zauber bleibt dabei auch Herzensangelegenheit, geballtes Ungehorsam und Ekel zugleich, mit Eindeutigkeiten brüstet er sich aber für wahr nicht.


Etwas deutlicher im Herzen der Finsternis unterwegs, zeichnet sich „Augen der Angst“ sodann auch als Genrewerk aus, das mit seinen Perspektiven maßgebliche Einflüsse hervorbrachte, die Bestie Mensch mit einem komplexen Psychogramm zeichnet, das sich aus der Obsession von Medien mit Gewalt auf die Aufnahme von Gefühlen stürzt. Die Verquickung der Macht des Zelluloids mit der geistigen Inkompatibilität wurde zum jähen Karriereende von Regisseur Michael Powell, sagte man ihm hiermit doch Pornographie nach. Fernab zynischer Exploitation ist sein Täterprofil jedoch recht ambivalent zwischen dem Grauen der Erziehung und dem Grauen ihrer Folgen verortet, innerhalb derer Focus-Puller Mark Lewis nur beschwerlich soziale Kontakte knüpfen kann. Powells Farben probieren darin auch in filigraner Verzweiflung die Feier des Lebens, doch der Tanz in den Tod setzt da meist schon früh an, während das Verständnis zum Opfer sowie dem Killer mit seinem scharfen Stativ eine delikate Positionierung wagt. Die Tragik all dessen mündet schlussendlich auch in eine Zelebration der Furcht, da steht man als Connaisseur des Mediums zwischen den Stühlen und lernt die Angst sowie ihre Sehnsucht (anno 1960 sehr mutig) zu schätzen.


Die inneren Zerrungen der Furcht (auch dank Saul Bass' Intro) noch energischer stilisierend, hat John Frankenheimers „Der Mann, der zweimal lebte“ ein für seine Zeit ungewöhnlich experimentelles Wesen inne, das dem Science-Fiction-Thriller drum herum zugrunde liegt. Beinahe ausschließlich mit Bildern der Gewöhnlichkeit schafft er die Suggestion von Körperfeindlichkeit und Bedrängung von außen, ironischerweise mit entfesselten Kameras, die sich umso mutiger um nahe wie urige Perspektiven schlagen, während das Konzept der vertauschten Identitäten aus der so ziemlich indoktrinierten Bitterkeit der Existenz heraus kafkaeske Züge trägt. Die Entscheidung fürs neue Ich bringt eben auch Sanktionen mit sich und selbst wenn das verheißungsvolle Mittendrin mit neuen Reizen punktet (und innerhalb der Laufzeit auch am wenigsten fesselt), gibt es keinen Ausweg aus den Regeln des Lebens, höchstens die zu späte Erkenntnis des vergangenen Ichs. Wo ein „Self-Less“ daraufhin die Katharsis der Befreiung durchsetzen würde, geht Frankenheimer konsequent in das Grauen des Todes, welcher so sehr aufs Geschäft bedacht ausgeführt wird, wie das Dasein als Mensch hier ohnehin als Geißel höherer Mächte oder auch dem Kapital ins Extreme veräußerlicht wird. Paul Verhoevens „Robocop“ hat sich hiervon auch so einiges zu Herzen genommen.

Das ist doch mal eine Auswahl an starken Stücken, was? Schade, dass einem (ob nun aufgrund von Arbeit oder anderen Freizeitaktivitäten) nicht immer die Zeit bleibt, um Übermengen an formulierten Gedanken zu Papier zu bringen, ich hoffe zumindest, dass auf diesem Wege einiges zumindest in Kurzform hängengeblieben ist, im Folgenden gibt es jedenfalls noch drei Texte zu bewundern, die sich etwas detaillierter mit ihren jeweiligen Filmen befassen. Falls das manch einem Leser vielleicht doch alles etwas zu kurz geraten ist, habe ich zum Schluss noch drei Geheimtipps an Musik per Youtube aufgeführt, die hoffentlich genauso viel Freude bereiten wie mir, obgleich die Filmwelt dieses Mal wieder ordentlich in meinem Herzen zugeschlagen hat.

Also dann:




GESICHTER - Man, was sind wir Menschen impulsiv! Jene grundsätzliche Eigenschaft kann einem manchmal echt leicht aus der Wahrnehmung entwischen, so gut man sich insofern mit dem Alltag arrangiert, Menschenkenntnis im positiven wie negativen Sinne fürs Profiling anwendet und insbesondere in der Reflexion per Leinwand meist mit geordnet funktionellen Idealen oder Stereotypen begegnet wird. Geschichten wollen eben eine Perspektive haben, um sich selbst vermitteln zu können, so möchte man meinen. Ein Kerl wie John Cassavetes hatte es jedoch schon vor knapp fünfzig Jahren raus, dass allein diese Flächen der Emotionen, die wir Gesichter nennen, ein Bollwerk an Filmerfahrung ausmachen, vom Titel her bereits ikonisch einschlagen können. Gut, ein Wiedersehen mit später allzu bekannten Ensemble-Visagen seines Gesamtwerkes lädt hier ohnehin ein, von Gena Rowlands bis Seymour Cassel wird es schnell heimelig, nichtsdestotrotz lassen sich hier alle auf ihre Art liebgewinnen. Beinahe wie im trunkenen Taumel lässt Cassavetes diese in seiner Variante des Cinéma vérité ganz nahe beobachten, was an Persönlichkeit, Lebenslust sowie -frust in Augen, Mundwinkeln, Lachen und Tränen zu finden ist. Die Teilhabe am menschlichen Miteinander bannt dabei den Zuschauer, ohne mit voreingenommenen Erwartungen hinsichtlich Genre oder Figureneindeutigkeit anzubiedern oder gar Katharsis im Nachhinein einreichen zu müssen.


Bei solch einem eventuell blumigen Formalismus, den man aus jener Schilderung herleiten könnte, belässt er es aber auch nicht. Obwohl es ohnehin für den Großteil von Cassavetes' besten Arbeiten gilt, bilden Unbekümmertheit und Temperament hier schon mit großem Effekt die Grundessenz aus der Gestaltung heraus. Die Kamera nimmt sich mit krassem 16mm-Korn stets Freiheiten, ebenso befreit sich das Narrativ aus konkreter Emotionalisierung, u.a. mit einem Musikeinsatz, der hauptsächlich entweder on-screen ist, gar nicht existiert oder schlicht aus der Musikalität der Charaktere kommt. Deren Handeln ist nur sekundär mit einer leichten Dramaturgie verbandelt, nicht alle Motivationen lassen sich abseits oder gar binnen der Situationsabhängigheit dechiffrieren - Daumen hoch! Stattdessen tritt nämlich ein Leben zum Vorschein, bei dem Eigensinn um Eigensinn aufeinandertrifft, bar jeder Forcierung in Euphorie und Eskalationen kippen kann, aus anfänglichen Feindseligkeiten Busenkumpel kreieren lässt oder einen schönen Abend voll brüllendem Gelächter zu Offenbarungen innerer Verletztlichkeit verleitet. Und das beste daran: Alle Richtungen können sich stets der Interaktion geschuldet wieder umkehren und Sympathien verschieben, ohne dass auch nur an einer Figur ein Urteil erwirkt wird.


Die schlichte Äußerung des Pro und Kontra in jedermann durch Cassavetes birgt schon eine beachtliche Konzentration an Verständnis, komplettiert wird der Film dabei jedoch von der Sehnsucht nach Glück, Erfüllung und Verbundenheit, eben Liebe, die nie ganz ihr Ende finden kann. So erklärt sich natürlich auch das Erlebnis mit den Charakteren, wenn diese mit Einsatz in die Auflockerung stürmen und letztendlich doch ihren Schutzschild herunterfahren, mit wie viel Ungewissheit das Dasein angereichert ist. So wie sich angesichts dessen Humor, Wut, Zuneigung und Verzweiflung beinahe permanent kreuzen, wird man von der Turbulenz restlos mitgerissen, aber auch nicht in eine irreale Hysterie, sprich überfordernde Verkettung von Extremen hinein gerissen. Cassavetes begibt sich für wahr in destruktive wie auch intime Nächte, die Erdung in humaner Begegnung kommt ihm nimmer abhanden; der Drang zu bedingungsloser Empathie könnte ihn als naiv entlarven, wenn er denn nicht gleichsam den Schmerz im Zwiespalt jener Hoffnung verinnerlichen würde; eventuelle Aufdringlichkeiten in der Vermittlung der Kunst werden mit rohem Schnitttempo, schludriger Tonaufnahme und natürlich ungebremster Spielfreude unterlaufen.


Wie man's auch dreht: Solch eine Wahrhaftigkeit wird scheinbar nur selten im Medium erzeugt - dass sich da zum Schluss der über 130 Minuten an verweigerter Kategorisierung hin keinerlei Redundanz und Trivialität ergeben, ist umso verwunderlicher. Im Gegenteil: Da packt es einen erst recht, wenn sich urplötzlich ein Gesicht ohne Leben zeigt, ganz gleich mit welchen ausgesprochenen wie unausgesprochenen Wirrungen es zu hadern hatte. Die krasse Nähe des Ganzen schwellt auch dann nicht ab, wenn das Selbstverständnis der Liebe wütend und herzlich zur Wiederbelebung ansetzt, mit der Kippe im Mund einen Galgenhumor der gegenseitigen Empfindsamkeit zusichert. „Never felt like this before“ tönt es sodann im Abspann und man möchte es nur allzu getroffen glauben, obwohl das Ganze schlicht ein Wiedersehen ist, mit einem selbst und dem Menschen an sich.




PHENOMENA - Vorhang auf für die phantasmagorischen Märchen des Horrorfilms, an dieser Stelle kuratiert von Dario Argento, welcher die Unschuld erneut mit virtuosem Effekt gegen das allgegenwärtige Übel antreten lässt. Dabei repräsentieren sich beiderlei Parteien innerhalb derselben Gestalten: Mensch, Natur, Architektur, Metall, Jugend und Reife. Urängste haben ihren Ursprung eben auch im Vertrauten und dem, was dahinter schlummern könnte. Die Differenzierung erfolgt sodann initiativ binnen Schweizer Täler, so nüchtern wie atemberaubend eingefangen, dass die Stilisierung relativ zügig Gefahr und Faszination vermengt. Argentos Schauerstücke vom Reiz der Verletzbarkeit stellen dafür gerne junge Frauen in den Fokus, auch hier wird zu Anfang eine dänische Studentin alleine in ihr unbekannten Regionen zurück gelassen und muss nach Hilfe suchen, zwischen Neugier und Überwindung über sich hinauswachsen. Sie findet ein jähes Ende in dem Ambiente, das der Film mit ätherischer Aura zeichnet, durch einen brutalen Einschnitt mit zerschellendem Glas und blitzender Klinge, welche aber bewusst noch von einem unsichtbaren Täter, vielleicht der Natur selbst, herausgeschossen zu kommen scheint. Mit ein bisschen Sex in jener Bildsprache kurbelt vor allem der Soundtrack dabei allmählich die Perspektive der Jugend an.


Argentos Filme sind zum Teil eben auch Rockkonzerte, in diesem Fall folglich Identifikationsflächen für eine Leinwandgeneration, die sich als Teens in den Achtzigern verstärkt selbst reflektiert sehen wollte. „Phenomena“ wird im Verlauf auch ein Bindeglied zwischen Verweisstücken des Übernatürlichen, des bodenständigeren Slashers/Giallos sowie den tiefen Wurzeln von Geschichte und Geschichtenerzählung - ein Abenteuer also, das aus dem weltlichen Ursprung heraus durch mehrere Adern zugleich fließt. Der zentrale Auftritt dafür gebührt Protagonistin Jennifer (Jennifer Connelly), die im Züricher Mädcheninternat geißelndes Personal, Lästermäuler und mörderische Visionen im Schlafwandeln vorfindet; gleichsam Freundschaft schließt mit Zimmergenossin Sophie, dem zurückgezogen lebenden Professor McGregor (Donald Pleasence) sowie der kleinsten aller Tierwelten, den Insekten. Die starke Kombo dieser Außenseiter lässt sodann bezeichnenderweise auch die profunde Symbiose von Leben und Tod natürlich, liebevoll und hilfreich erscheinen. Doch der Kontrast des Schreckens anhand gleicher Komponenten macht sich ebenso bemerkbar. Der Film entwickelt daher auch ein sehr eigenes Tempo, das zudem von irren Eindrücken mitten drin und abseits vom Zeitgeist überfallen wird.


T-Shirts mit Barry-Gibb-Portraits und Sprüchen wie „86 % sind gegen die Atomkraft“ lassen sich also mit einer umtriebigen Schimpansendame namens Inga messen, die sich inmitten der telepathischen Verständigung von Mensch und Tier einfindet, während Jennifer im Traumzustand durch Lichter, Flure und Wälder flüchtet, um über den Dingen zu stehen, die sie festsetzen wollen. Der Frust der Bevormundung lauert ihr dabei geradezu omnipräsent auf in diesem „Schweizer Transsylvanien“, doch dessen mystifizierter Föhn bringt in vielerlei Sequenzen auch den Rausch der Schönheit mit sich. Den fühlt man sogar zeitgleich, wenn der Ekel am Rücken hoch schleicht - symbolhaft ergänzt im mikroskopischen Blick auf Käfer, Maden und die parallele Zärtlichkeit Jennifers, jener Königin der Fliegen, wie die Internatsleiterin sie als Beelzebub zu entlarven glaubt. Die Selbstverständlichkeit dessen lässt innerhalb der knapp zwei Stunden Laufzeit sodann auch Luft für ein eher konventionelleres Whodunit, welches aber bei weitem keine konventionellen Auflösungen einhält. Die Steadicam schwebt als Fliege Hinweisen nach; Hard Rock von Iron Maiden und Motörhead trifft auf Leichentransport und Eingeschlossenheit; Inga findet die Mordwaffe im Müll; Jennifer will der Offenbarung des Täters und der fiesen Erwachsenenwelt entfliehen, doch die halten sie als Mächte des Wahnsinns in ihrem Bann.


Letzterer Punkt beweist im Umkehrschluss übrigens die Angst des Bösen vor der Kraft des Guten, wie sie sich im Rahmen des Horrors doch so gerne gegenseitig zerstören. Fernab eines kathartischen Triumphs jedoch, findet die destruktive Poesie darin dementsprechend auch ein Finale, welches Feuer auf dem Wasser ausbreitet, Mutationen des Fleisches verschlingt und Güte brachial per Metall köpft, ehe die Empathie von Mensch und Tier in Verzweiflung, Wut sowie Liebe mündet. In diesem wunderbar anorganischen Organismus passiert einfach alles und da wird es umso beachtlicher, dass Argentos Regie dies grundsätzlich über schlichte Reize vermitteln kann, einen Publikums-tauglichen Reißer italienisch à la carte entwirft und mit Naivität ins Herz eines jungen Individuums blickt. Von erwachsener Qualität mag dabei vielleicht nicht alles an Darstellerleistungen und Dramaturgie betroffen sein, doch die Angst sowie die Bewältigung derer kennt nun mal kein Alter. Wohl deshalb hält Argentos Horrormärchen auch unabhängig vom Spaß an dessen Fantasie noch immer an.


Bonus-Zeugs:




LONDON HAS FALLEN - "[...] Die Fortsetzung vom „Stirb Langsam“-im-weißen-Haus-Kandidaten „Olympus Has Fallen“ versteht ihren Protagonisten noch weniger als zuvor als Charakter, so ist dieser nun schlicht zu einem Ventil geworden, das angesichts einer Welt voller Terror und dessen komplexen Hintergründen für mehr Überwachung, Drohneneingriffe und genüssliches Verstümmeln der Feinde bar jeder Diplomatie spekuliert. Gerard Butler gibt sich mit extra dicken Eiern die Ehre, die Donald Trumps und AfD-Wähler dieser Welt anzusprechen, wenn er als Übermensch der westlichen Welt mit jedem Schuss einen blutigen Treffer landet und seinen Angreifern zuschreit, sich zurück nach „Thefuckistan or wherever you came from“ zu begeben, während er ihnen zigmal die Klinge in den Rumpf rammt. [...] Er nimmt sich und seine Katharsis aber zu ernst, als dass er als Publikums entlarvende Parodie durchgehen könnte; gleichsam greift er zu gelassen auf aktuelle Ereignisse zurück, als dass er provokativ auffallen könnte. Dass er jenen Umstand letztendlich für eine einseitige Gewaltfantasie bar jeder Konsequenz nutzt, macht ihn wiederum äußerst bedenklich und setzt zu einem Rückschritt an, den das Kino (wie auch das Publikum) lieber nicht als Norm empfangen sollte [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)


Und nun wie versprochen, drei geheime Hits, allesamt aus der Zeit der NDW stammend und so obskur, dass ihre irre Schönheit, teilweise in Lo-Fi, umso stärker scheint.