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Sonntag, 22. April 2018

SIGGIS CHOICE - Filmabend April 2018, No. 1 (Tipps vom 16.04. - 22.04.2018)

Dagmar Lassander, Raimund Harmstorf, Sibylle Rauch

Liebe Leser,

nun sehen wir uns doch ein bisschen früher wieder, als es in den letzten Wochen der Regelfall war! Das Ding ist nämlich, dass wir vom Zeitplan her gerade zwischen zwei dicken Filmabenden stecken – würde ich die Verarbeitung des ersten auf die nächste Woche verschieben, wäre ich selber zu verwirrt und würde mir zu viel Druck, quasi mehr und mehr Filme auf einmal aufdrücken. Noch ein Einblick in meine Logik: Wenn ich von einer Woche noch Movies zum Schreiben über habe, die ich besprechen will, schaue ich in der neuen automatisch weniger Filme – Arbeit und schönes Wanderwetter kommen da natürlich auch auf die Rechnung (und da war gerade letzteres nun absolut Bombe!), aber ich will mich so oder so nicht unbedingt aushungern, was den Streifenkonsum angeht. Deshalb rekapituliere ich heute in erster Linie alles, was mir Siegfried Bendix innerhalb eines regulären Filmabends und Mini-Filmabends servierte. Wunderbare Sache, das, Keule - es war eine tolle Mischung, das kann ich mit Fug und Recht behaupten! Der einzige Ausreißer in der ersten Runde am Samstag war höchstens „Ritter Jamal – Eine schwarze Komödie“. Das einzig Aufregende an dem Film war höchstens, auf die Pizza bzw. den Burger zu warten, den wir vorher bestellt hatten. Ansonsten kann ich mich nicht dran erinnern, dass Martin Lawrence mal so eine hyperdröge Pseudo-Kiddie-Gag-Reihenfolge abliefern durfte - und das, obwohl sich ihm als schwarzer Yankee am Hofe des König Artus zumindest genug Raum für einen Ulk der Kontraste bot. Da hatte selbst die „House Party“ mehr Pfiff - und die war schon voll hemdsärmeligster Aufmucker-Sabbelei. Als besserer Funnyman konnte sich daraufhin Rob Schneider bewähren, nach den „Surf Ninjas“ wieder mal im Filmabend unter der Ägide von „Judge Dredd“ zugegen! Da mir dieser schon seit der Kindheit bekannt ist, will ich hier nicht den Topfilm unter dem Einfluss der rosaroten Brille ankündigen. Er ist aber durchaus noch eine kuriose Übergangslösung zwischen 80er Bullen-Selbstjustiz-Pathos, 90er Sci-Fi-Action à la Carolco und Men-In-Black-artiger Persiflage. Allemal witzig anzusehen, wie Stallone versucht, sich da zu positionieren - ein gelungeneres Experiment seinerseits im Vergleich zu „Oscar – Vom Regen in die Traufe“, aber irgendwo auch ein bemühter Nachklapp vom „Demolition Man“. 

Martin Lawrence, Sylvester Stallone, Rob Schneider
Die berühmte "Zwei-Wort-Titel"-Reihe

Ein Film, der noch am Filmabend lief, aber nicht bei den Empfehlungen auftaucht, heißt „Blood Freak“. Der ist sogar ziemlich aufreibend, aber hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt, wie viele Filme aus der Sparte Something Weird eben überzeugen: Als Nirwana des Unvermögens, in der alles sehr langsam, enorm urig und technisch katastrophal auf den Nervenkitzel des Horrors aus ist. Allerdings geht es hier auch um einen mordenden Truthahnmann, der grundsätzlich des Marihuanas wegen zu jener Transformation gelangte und nur durch Jesus‘ Liebe gerettet wird. Filmemacher anno 2018 würden aus der Prämisse eine absichtlich miese und weit beschissenere Komödie erschaffen als das, was sich hier so angenehm ins blutige Durcheinander der Hippie-Moralkeule treibt. Allein der Besuch des angehenden Freaks auf der Truthahnfarm mit anschließender Verköstigung in Rekordlänge lässt Freude schöpfen, doch wir waren zu dem Zeitpunkt schon etwas hinter dem Horizont der Nüchternheit, also kann ich gerade nicht auf noch mehr stichhaltige Qualitäten zurückgreifen. Soll euch aber nicht von der Sichtung abhalten! 

Nicolas Cage, Joey King, Ryan Phillippe

Zwei kleinere Tipps noch vom bereits am Montag erfolgten Mini-Filmabend, wobei diese ihre Vorzüge noch sparsamer einsetzen: „The Humanity Bureau – Flucht aus New America“ muss es sich als Nicolas-Cage-Vehikel tatsächlich gefallen lassen, dass jemand anderes ihm die Show stiehlt: Jungdarsteller Lucas Weller, dem das Drehbuch (und die wie immer kostengünstige NEW-KSM-Synchro) so viele Trottelsätze und Fehltritte auf den Leib schreibt, dass er natürlich den Sohn von Cage gibt. Ups, Spoiler, egal! Es ist ja nicht so, als ob dieses dystopische Drama wirklich mehr aufbieten kann als eine lasche Melange aus „Looper“, „Soylent Green“ und „Logan“. Die einzelnen dramaturgischen Entscheidungen dazwischen hauen aber auch teilweise Abstruses raus, da stört es gar nicht mal mehr so sehr, dass das Narrativ nie so richtig aus der Exposition in die Progression umsteigen kann. Das Problem haftet zeitweise übrigens auch John R. Leonettis „Wish Upon“ an, aber ist nur das geringste Übel, das dort auffällt. Es wurde schon vielerorts darüber berichtet, wie daneben der Wünschelhorror am Teenie-Zeitgeist entlang schrammt und auch sonst mit Menschenkenntnis sowie seiner Genresprache an sich auf Kriegsfuß steht. Ich glaube nicht, dass ich da noch was Neues hinzufügen kann, außer, dass der erzählerische Flow gleichzeitig unfassbar vage, sperrig und peinlichst-auf-Kalkül-produziert ins Spektrum belehrender Spukgeschichten wandert. Solch eine abgewichste Merkwürdigkeit kann ich natürlich nur empfehlen, auch weil die Studiomasche selten so offen und taktlos ihr Baukastenprinzip offenbart. Perfekt erquickender Frust! Aber gut, dem Rest an jüngsten Sichtungen konnte ich überzeugendere Argumente abgewinnen und ich hoffe, dass ihr diese auch erkennen könnt bzw. wollt. Lest’s jetzt, schaut’s im Nachhinein, der nächste Filmabend und der Blog dazu werden bald bei euch sein!


Feel the motion, Sissy Kelling, Ingolf Lück


DER FORMEL EINS FILM (Wolfgang Büld, 1985) – Mit der Liebe lässt sich so manche Hitparade erstürmen, deswegen klinkt sie sich auch hier umso leichter in die Zeitgeist-Blödelei musikalischer Späße ein. Basierend auf der gleichnamigen TV-Sendung der Dritten bitten die berüchtigten Achtziger Jahre zum Eskapismus binnen schrillen Studiobetriebs und Stars zur Revue (u.a. Filmabend-Stammgäste Meat Loaf, Pia Zadora, The Flirts) als Grundlage fürs BRD-Teen-Abenteuer - gespickt mit Insider-Gags und Branchenklischees gleichermaßen, um welche sich die angehende Newcomerin und gegenwärtige Automechanikerin („Flashdance“ lässt grüßen) Tina Lehman (Nena-Zwilling Sissy Kelling) bewirbt und ständig abschmiert, da ihr Demo in allerlei Situationskomiken verschütt geht. Ihre Odyssee wird solch ein Ende nehmen, wie man es sich vorstellt - da macht sich Regisseur und Ko-Autor Wolfgang Büld keine Illusionen, obgleich sein romantischer Pop voll von denen ist, selbst die Persiflage der Szene und ihren mehr als zwielichtigen Managern eher auf irre Streiche und Eifersüchteleien polt. Dies turbulente Treiben funzt dennoch oder gerade dann als Zeitkapsel kunterbunter Unbedarftheit, wenn Büld so ziemlich „A Hard Day’s Night“, Jugendspekulation der LISA-Film und ein bisschen Punk koppelt, um so schier überzeichnet auf zig Anlaufstellen der Selbstfindung anno Kalter/Kult-Krieg zu kommen: 

Campino, Sissy Kelling, Ingolf Lück, Limahl, Pia Zadora, Falco, Meat Loaf

Karrierechancen und –knicke, Musterung und Praktikantinnenausbeute, die Ambivalenz des Groupie-Daseins und die hektische Kurzsichtigkeit Ingolf Lücks. Dazwischen melden sich die zur Amour verquickten Missverständnisse Stevies (Frank Meyer-Brockmann) hinsichtlich Tina, wiederum ihr Familienleben um die Neuentdeckung PC sowie die Toten Hosen auf Imagesuche. Campino und Co. betreiben dabei übrigens derart viel Faschingsrassismus, dass sie ihren Echo zurückgeben müssten. Im kritischen Rückblick bieten sich zudem die Überpräsenz von Super Dickmann’s und die Frage, ob Falco - dem ulkigsten Gastauftritt als Bindeglied zwischen Monaco Franze und Tom Cruise - jemals eine Hauptrolle angeboten wurde. Das Ganze bleibt eben mehr Show als Film, man wünscht sich mehr aufrichtige Aufmüpfigkeit und freche Schnauzen, bekommt stattdessen aber mehrmals die voll ausgespielte Musikvideo-Ästhetik. Allerdings: Wer manchmal alles aus dem Kessel Buntes springt, dürfte selbst strengsten Autorenfilm-Verköstigern imponieren und der Charme der garantiert nicht mundfaulen teen romance inkl. Verfolgungsjagden sowie schrottreifen Karren gen Finale sprudelt sich eh in Unmengen zusammen. Eine winning formula, trotz Limahl, der als Person wie immer alles Negative an seiner Ära vereint.


Xin shu shan jian xia


ZU WARRIORS FROM THE MAGIC MOUNTAIN (Tsui Hark, 1983) – Das Verhältnis von Form und Inhalt ist bei Tsui Hark schon eine sehr eigene Sache, das ist dem Leser dieses Blogs sicherlich schon einigermaßen bekannt. Da überrascht es also auch nicht, wie er die Fantasy-Folklore in diesem Fall wiederum auf den Höchstlevel allgemeiner Verunsicherung treibt. Das Chaos hat sich eingelebt: Ein Spektakel der Spezialeffekte rangelt sich um den ewigen Kampf von Gut und Böse, während die Überwältigung meist irgendwie im Auge des Hurrikans stattfindet. Alles ist stets spontan und grandios groß am Wegfetzen, während die permanente Exposition (inkl. Untertitelmassaker) um Dik Ming-kei (Yuen Biao) überhastig aus dem mythischen Nähkästchen plaudert, sich im gleichen Moment umsetzt. Dementsprechend flott erfährt dieser seine Begegnungen mit Berggeistern, übernatürlichen Meistern und Schutzherrinnen der Sterblichkeit, ehe er der unverhoffte Schüler von Ding Yan (Adam Cheng) wird, des Nächtens wie allesamt in den Flugmodus des Wire-Fu‘s umschaltet. Überirdische wie höllische Magien wirbeln den Schlagabtausch dabei so virtuos auf, dass jedwede externe Dramatik des Überblicks halber kaum probiert wird – obgleich es hier bestimmt nicht an Schicksal und Aufopferung mangelt, entgeht Hark dem Melodram weitgehend in der Gegenüberstellung mit dem nächsten surrealen Effekt.



Die Supermänner im Strudel elementarer Herausforderungen bewandern ohnehin die Grenzen von Dies- und Jenseits, der Film leistet dem Folge und stülpt seine Szenarien mit fliegenden Flammen, Portalen, geißelnden Barthaaren, Erdbeben und Doppelgängern um, dass einem knapp 100 Minuten lang die Kinnlade runtersteht. Die Frage nach dem eigentlichen Inhalt wird da Stück für Stück vergebens, was sich zwischen den Extremen an Shaw-Bros.-Wuxia und „Ashes of Time“ tatsächlich ziemlich gut verleben lässt, sowieso am ehesten damit begeistert, welche fantastischen Visionen und Nachtmahre hier vor der Linse produziert werden können, während Harks Kamera- und Schnittdynamik wie eh und je an ihren jeweiligen Grenzen wackelt. In dem Sinne gigantisch, aber eben kein episches Erzählkino (wir sind ja hier noch nicht bei „Once upon a time in China“ angekommen). Seinerseits sicher zu durchschauen ist, dass Generationen/Nationen/Geschlechter an Kämpfern ihren Frieden untereinander finden sollen, um das Gleichgewicht im Erdkern an sich halten zu können. Natürlich steht das im Widerspruch zum Augenmerk des Ausschweifens in Harks Werk, aber mit den Kontrasten geht man bei dem Herren dauernd gerne auf Tuchfühlung.


Sex Maniac


MANIAC aka SEX MANIAC (Dwain Esper, 1934) – Aus einem der frühsten Lager amerikanischer Exploitation grüßt das Panorama an Geisteskrankheit aus dem Keller/Studio und scheint sich in einem Madman (Bill Woods als Don Maxwell) zu bündeln, der sogar die Rolle seines Mad-Scientist-Lehrmeisters (Horace B. Carpenter als Dr. Meirschultz) mit Brille und Bart übernimmt, ehe er die zerfressende Schuld à la Edgar Allan Poe in sich als Gipfel einer vollends entrückten Welt rauslässt – so als wäre er den brachial reingeschnittenen Texttafeln an Psychose-Definitionstexten erlegen, krasse Konkurrenz für Moses und seine 10 Gebote! Knapp 50 Minuten lang unterwandern Prä-Sleaze-Unternehmer Dwain Esper und seine Ehefrau/Drehbuchautorin Hildegarde Stadie somit vielerlei moralische Konstanten ihrer Roadshow-Zielgruppe, machen aus Sex und Gewalt keinen Hehl, wie der Ton untereinander ebenso im moralischen Bodensatz an Verschwörung, Blutdurst, Spekulation und Hysterie angesiedelt bleibt. Die Akteure dazu bewegen sich meist wie angewurzelt im Kosmos des Spartanischen, schwadronieren aber mit dem Größenwahn, obgleich Katzen und Ratten beinahe auf Augenhöhe mit ihnen untereinander kämpfen. Alle sind eben schon ganz unten angekommen, doch selbst als Leiche hat man da keine Ruhe: 


Die Experimente mit dem Nachleben sollen wahr werden, bleiben natürlich ein Hirngespinst der Fledderei wie jene Urheber dessen auch allzu falsch in die Rolle des Psychiaters schlüpfen. Viel lieber erwarten diese aber ihre Rollenverteilung als Täter und Opfer, weshalb der Revolver schon griffbereit neben dem Einmachglas mit Hirn im Labor verstaut liegt. Solch ein Grad an paranoider Planung geht dementsprechend im Wahnsinn auf, parallel dazu ist die Unbeholfenheit der Regieführung ein absoluter Glücksgriff: Alles schleppt sich in die Ekstase niederer Impulse, die Gewalt ist so karg wie ungelenk von physischen wie psychischen Wänden eingekesselt und dann tummeln sich noch Ausschnitte aus europäischen Höllenvisionen der Stummfilmzeit zum Kopfkino der Manie zusammen. Der ständigen banalen Verbalisierung wegen bleibt keine Deutung dazu offen, umso offener blickt der Film auf Frauen in Unterwäsche und bald danach auch auf Frauen im Faustkampf mit ihren Mordsplänen, wohlgemerkt nachdem das Katzenauge von Maxwell aus der Höhle gedrückt und verspeist wurde – er hat gut lachen, selbst, sobald ihn die Bullen in flagranti stellen. Eine reichlich abgeräudete Parade der Untiefen.




DAS WUNDER (Eckhart Schmidt, 1985) – Wo der deutsche Film an sich ja schon ein netter Geselle ist, erlebt man ihn nicht selten anstrengend, ganz gleich, ob man ihn der E- oder U-Kunst zuordnen mag. Erst letztens re-störten mich Grönings „Die Terroristen“ und Kraumes „Dunckel“ mit ihrer jeweils selbstgefälligen und stumpfen Haltung ins Belanglose hinein und auch wenn dies symptomatisch für die deutsche Kultur allgemein stehen kann, bliebe was Lebhaftes abseits der Genre-Signale dann doch eher hängen. Ein hingegen gelingender Blick zurück ins Glück bietet da Schmidts Wunderwerk, obgleich der Mann sonst nun wirklich kaum was an Anstrengung ausspart. Man erwartet z.B. auch hier von Anfang an, dass Sal Paradise mit einem Track die Gesamtbeschallung stellt, doch selbst da bieten sich einfach mehr Nuancen, mehr Fallhöhen in einem waschechten Familienmelodram an. Jenes buhlt um die religiöse Wende, malt aber Kontraste in der Dissonanz laut, die vom denkbar grellen Export-Trio Raimund Harmstorf, Dagmar Lassander und Anja Schüte ins gesamte Spektrum an Liebe/Hass getragen wird. Letztere, als Tochter Raphaela, hadert nämlich mit ihrer Blindheit, findet durch Zimmermädchen Maria (Anouschka Renzi) jedoch verstärkt zum Glauben/zur Verzweiflung, alsbald in ein echtes Leben zu entkommen. 

Anja Schüte, Dagmar Lassander, Raimund Harmstorf, Anouschka Renzi

Dies ruft die Eifersucht der Mutter (Lassander) auf den Plan, während sie der Untreue des Vaters (Harmstorf) wegen schon mit Antipathie in den Tag hinein lebt. Die giften sich an, nur gehen ihre Entscheidungen öfters in die Defensive – Harmstorf spielt das am schönsten als cholerisches Muskelpaket mit Hang zur stillen Vorsicht, sobald es um die Tochter geht, welche wiederum ihre besten emotionalen Kernsätze im Stil der Stille findet. Dennoch sind alle stets geladen, kurz vor dem Suizid und sowieso beziehungsunfähig, zusammen einsam. Schmidt kurvt da mit scharfen Perspektiven in den Luxus und dessen wechselwürgende Hilflosigkeit, dass die Rettung im Sakralen im Gegenzug nicht unbedingt heimisch daherkommt, eher noch als absurderes Delirium - wenn auch gewiss nicht ohne empathischen Effekt und, noch besser, vom Reiz zeitloser Spurensuche ins Übernatürliche nährend. Für manchen Zuschauer eventuell ein bissl zuviel Märchen, aber wie auch immer die Fügung verläuft: Bei Schmidts Verhältnissen muss man halt festhalten, wenn überhaupt mal dramaturgische Entwicklungen stattfinden (und dennoch Spontanitäten wie die Story um Raphaelas Ex-Boyfriend einbaut) – und in diesem Fall geraten sie zu einer deftigen Passion gegen die/mitten in der Entfremdung. Klingt ein bisschen nach Tsui Hark.


Jason Bateman


TEEN WOLF 2 (Christopher Leitch, 1987) – Wo wir gerade beim Thema sind: „Wunderbare Sache, das!”, ist einer der wiederholten Sprüche im Rahmen der deutschen Synchro (womöglich von Dr. Michael Nowak?), welche diese Fortsetzung der Michael J. Fox-Wolfskanone veredelt (Das Lexikon des Internationalen Films meint hingegen, dass diese den Film erst recht ungenießbar macht - drollig). Jason Bateman ist nämlich als Ersatz dessen zugegen und erlebt so ziemlich dieselbe Storyline vom Cousin, wobei er bereits vom lykanthropischen Schicksal seinerseits weiß und trotzdem mit guten Noten allein durchs College wuseln will – nur dass ihn der unvermeidlich haarige Ausbruch an inneren Werten letztendlich nicht zum Basketball, sondern in den Boxring führen. Selbst die moralische Reagonomie, sich im Ehrgeiz nicht nur auf die naheliegende (athletische) Kurzfristigkeit und Popularität zu verlassen, sondern auch wirklich was für sein Umfeld zu leisten; Disziplin, Wissen und natürlich Menschlichkeit zu beweisen: Altbekannt und -backen. Und davon gab es noch eine TV-Serie? Wie dem auch sei, wegen der internen Wiederholung kommt hiesiger Teil scheinbar nie gut weg und obwohl man durchaus argumentieren kann, dass der Vorgänger zudem mehr Schauwerte und (streitbar) Verquickungen anbot, lief der zweite Wolf dann doch noch mehr zur spaßtreibenden Hochform auf. 


Das liegt einerseits an der inhärenten Honkigkeit der ewigen Spackenvisage Jason Batemans, andererseits an der vollen Blödelladung im verbalen Umgang binnen der Jungs und Mädels, die solche Laberschöpfungen wie „Saudische Kurzsocke, ein sehr seltener Fuppe“, „Wenn der seinen Büffel parkt, staubt’s“ und „Kröte am Mitttag, Pech am Dritttag“ beinahe im Sekundentakt liefert. Macht umso stärker Bock, da allesamt auch als Pointen frischer Frechheit gegenüber den fiesen Dekan, den Raudis und verwirrten Hormonen hinhauen, also muss man hier keinen Brunnemann-Overkill erwarten. Dennoch empfiehlt es sich, die eine oder andere Flasche Promilleverstärker mitzunehmen – insbesondere, wenn es auf das letzte entscheidende Match zugeht, das vermutlich ein Drittel des gesamten Films einnimmt. Vorher gibt’s jedoch eine Montage mit „Send me an Angel“ von Real Life – eine schicke Überraschung und Rückblende zur Filmabend-Legende „Rad“! Sind solche externen Faktoren (sowie der ohnehin bewährte, hier zeitweise recht abwegige College-Schabernack) dafür zuständig, dass der zwote Wolfsbursche bei uns so wirksam glückte? Mag sein, aber man erinnere sich: Alkohol konnte z.B. „Nukie“ jüngst nicht retten – jeder Fall ist anders und dieser hier feuert gehörig Juxpower ins Freundschaftsband.

Sonntag, 4. Februar 2018

Wittes FilmBlaBlabenD - Januar 2018 (Tipps vom 29.01. - 04.02.2018)


Liebe Leser,

heute konvertiere ich euch kurzerhand zu Hörern - ihr habt da keine andere Wahl, wenn ihr erfahren wollt, was und warum ich dies empfehle. Und da gibt es diesmal auch keine Bonussektion zum Ausweichen: Ich hab mich so erschlagen lassen an Qualität anhand des jüngsten von mir veranstalteten Filmabends, dass ich die Woche über kaum was anderes in die Glubscher antingeln konnte (außer mittelschweren Oberrotz wie „Back for Good“). Die Ehrfurcht war einfach zu groß im Mark verteilt, dass ich mir sogar sehr uneinig war, wie ich euch diese gesammelten 8 Topfilme vermitteln sollte (allesamt übrigens sehr pärchenlastig, außer beim 4. und letzten – da werden die umgebracht). Wieder die Handschrift bemühen wollte sich - einem „Stephen Kings Stark“ ähnlich - nicht so recht ergeben und das von früher bekannte Schribbeln am PC kam mir ebenfalls etwas anstrengend vor. Meine Vorurteile, zack! Weil ich diesmal mehr zum Quasseln aufgelegt war, gab es also eine Aufnahmesession im Freiflug! Über 2 Stunden hatte ich mich durchgequält, mich mit nem unsichtbarem Publikum zu unterhalten und das war so schick unangenehm und banal und zudem vom schlimmsten Schlafrhythmus aller Zeiten angeschissen, dass das Material im Endschnitt schließlich nur zu 38 Minuten überleben durfte! So viel Lebenszeit raube ich euch also nicht, na wie ist denn das? Lasst meine Goldstimme bei euch im Hause erklingen, Freunde, beim nächsten Mal ist es vielleicht schon wieder alles ganz anders!



Übrigens, ich habe gelogen, was die Bonussektion angeht! Es gibt sie, aber ohne Filme – man will ja präsentieren und teilen (mehr Klicks erhaschen), was man in seiner Freizeit inzwischen noch so alles geleistet hat. In diesem Fall kam ich auf den Trichter, mich nach all der langen Zeit beim Videospielen zu filmen. Tja, ich rücke euch heute lautstark auf die Pelle und da könnt ihr nix gegen tun, so spielt das Leben! Bzw. so spielt meine Wenigkeit COOL BOARDERS 2+4 für die Playstation One (alias 1 oder auch X), eurer Zeit und Sympathie zuliebe auf nicht mal 12 Minuten runtermontiert! Ihr müsst diese Woche also insgesamt nicht mal ne Stunde mit mir hier verbringen – mindestens erträglicher als „Baby Driver“, mein neuer „La La Land“!



PS:

PPS: 
R.I.P. Rolf Zacher (28.03.1941 - 03.02.2018)

(Rolf Zacher und Heinz Bennent in „Eine Rose für Jane“, Hans W. Geißendörfer, 1970)

Sonntag, 23. Oktober 2016

Tipps vom 17.10. - 23.10.2016

Lybe Leser,
wo wart ihr letzte Woche? Ich will jetzt keine konkreten Zahlen nennen, da diese bei Blogs wie diesem ausnahmslos armselig ausfallen, aber bei der zweiten Ausgabe des SPEKTAKEL USA! haben so wenige geklickt, wie das letzte Mal so niedrig bei der großen DC-Berichterstattung im August. Erinnert ihr euch noch alle an diese magische Zeit? Offensichtlich nicht bei der nachweisbaren Abwesenheit. Hat der Filmfreund dieser Tage etwa die Schnauze voll vom guten alten ehrlichen und verzweifelt abgeranzten Amerika, das sich in den Facetten jener Zelluloidwerke zeigt? Dabei war dieser Tage doch die dritte Debatte zur Präsidentschaftskatastrophe in Aussicht, also kann von irrelevanter Berichterstattung eigentlich kaum die Rede sein – what's going on?! Natürlich kann ich mir vorstellen, woran sich die starken Gefälle in manchen Wochen erklären lassen, wenn ich mir so die Statistiken und Suchbegriffe angucke, anhand derer auch viele Italiener, Amerikaner, etc. zuschalten, während die Deutschen vor allem nach den perversesten Begriffen schlechthin suchen und hier mehr oder weniger fündig werden. „Devote Haltung“, „Coming of Age Filme mit Jungs Masturbation“, „Bruce Lee Todesfoto“ - das sind nur einige sexy Beispiele an Google-Eingaben, welche hier die Klicks bringen und verstärkt nahe legen, dass der Großteil der Leserschaft wegen der schönen bunten Bilder, weniger wegen meiner inhaltlich brisant-geilen Schreibkünste an Ort und Stelle aufläuft. Ich kann es keinem verübeln, aber was soll ich aus diesem Feedback herleiten? Und vor allem: Warum bin ich noch immer so furchtbar dumm, kein Geld aus meinen Ressourcen zu schöpfen? Tja, da ich nicht rein auf Porno umsteigen möchte und trotz meiner unverkennbaren Affäre mit den USA nicht alles auf englisch niederschreiben will, wird die Entscheidung schwierig, ob eine Neuerfindung stattfinden muss oder mir schlicht egal sein kann, was ich dem Leser vorsetze. Ich denke, eine gesunde Kombination aus beidem dürfte die Lösung bringen – auf den Punkt genau, damit sich auch niemand um seine kostbare Zeit geprellt fühlen muss. Ich versuche mich mal ans Umstellen, in der Zwischenzeit könnt ihr ja in Martin Hentschels neues Buch zur Eis-Am-Stiel-Reihe, „Zitroneneis, Sex und Rock 'N Roll“, rein lesen, das vor kurzem auf Amazon erschienen ist.


Kostet € 19,99, ist 382 Seiten dick und bietet eine unvergleichlich umfassende Chronik zu jenen deutsch-israelischen Produktionen, die von den Siebzigern an bis zu den späten Neunzigern für frivolen Coming-Of-Age-Spaß mit sexgeilen (vielleicht sogar masturbierenden) Jungs gesorgt hat. Biografien, Interviews, Infos zu Trittbrettfahrern, zahlreiche Behind-The-Scenes-Unglaublichkeiten und seltene Abbildungen vervollständigen das Bild für jeden Fan, der die ganze nackte Wahrheit auch vertragen kann. Wer im Jahre 2016 lebt, hat manchmal eben keine andere Wahl.




Aber keine Sorge, manch Jahr wie z.B. 2001 war auch nicht gerade die Krönung der Leichtigkeit, so wie einige Krisen aus jener Zeit bis heute noch nicht überwunden wurden. Ganz recht, ich rede von Jon Favreaus erster Regiearbeit fürs Kino, „Made“. Letzte Woche schon nach meiner Sichtung von „Swingers“ befürchtete ich die Begegnung mit einem weiteren kultverdächtig dialoggeladenen Ableger der Scorsese/Tarantino-Tradition, der sich seinem Infantilismus nicht ansatzweise so bewusst ist wie z.B. Eli Roths Kurzer „Restaurant Dogs“ (1994) – und, wer hätte es geahnt, Favreau war wieder mal ganz er selbst. Dabei mangelt es ihm gar nicht mal an Vorteilen, so wie sich sein Narrativ - um zwei in den Mechanismen der Unterwelt herumgereichten Boxern voller Geldsorgen - von der Hommage abgrenzt und scheinbar weniger behauptet vom Lauf der Welt phibrosophiert, stattdessen aber nun belanglos in der Faszination zum gefährlichen Gangster-Gestus herumeiert. Buddy Vince Vaughn vermasselt ihm mit großer Fresse wie gehabt oftmals die Tour, aus der Dynamik entwickelt sich für den mitgehangenen wie mitgefangenen Zuschauer sodann die Art turbulente Nacht, bei der so unbeholfen oft der harte Macker markiert wird, dass der Film sich im Kern eben immer wieder von vorne aufdreht und daraus schlussendlich einen moralischen Kodex unter wachsenden Kerlen zu destillieren glaubt. Wenn man mit P. Diddy durch Clubs marschiert, mehrmals die ganzen „Faggots“ von sich abgrenzt und untereinander wie die gesamte Kundschaft einer Bostoner Bar kabbelt, ist's doch noch etwas weit bis zum liebenswerten Charakterbezug, doch wenigstens bleibt noch soviel Selbstreflexion, dass Vaughn als vermeintlicher Womanizer stets die Arschkarte zugereicht bekommt und sich allesamt letzten Endes auf das Erziehen eines kleinen Mädchens konzentrieren – inklusive drolligen Malkursen und Umarmungen. Seitdem ist Favreau auch mehr der Kinderfreund unter seiner Generation an Kollegen geworden, schließlich kann man von diesen mehr lernen, als von der hier geballten Versager-Macho-Attitüde, die u.a. Famke Janssen als zentrale Frau zur Stripperin und somit schlechten Mutter stilisiert. Ganz schön kapital versumpft.




Erheblich aufregendere Minuten verbringt man hingegen mit Shun'ya Itôs „Curse of the Dog God“ aka „Inugami no tatari“ von 1977. Die japanische Gruselgeschichte voll moralischer Bange ist vielfach auf den Hund gekommen und allein deshalb schon sehenswert, bietet aber auch kulturbedingt überschäumende Wellen der Gnadenlosigkeit, sobald drei rücksichtslose Uran-Kapitalisten den kleinen Akita eines noch kleineren Jungen überfahren und nacheinander vom titelgebenden Fluch heimgesucht werden. Neben der Belagerung durch zig Schäferhunde ist oftmals Seppuku angesagt, nachdem jeder spontan der Unterlicht-Seuche verfällt, die mit ein bisschen Make-Up, Schatten und Farbtemperatur filmtaugliche Krankhaftigkeiten stilisieren kann, in jener „Exorzist“-geschwängerten Ära der Besessenheit aber alsbald auch von ihren Herzdamen übernommen wird, deren Opferbereitschaft sich zudem gerne von der Dorfgemeinschaft betatschen lässt. Itô-san, Regisseur der „Sasori“-Reihe, macht in der sozialen Gefangenschaft der Frau schließlich keinen Halt vor exploitativen Eindrücken, holt Brüste raus und fährt maskierte Räudenbiker zur Drangsalierung zwischen Fluss und Klippe auf, anhand dessen natürlich bewusst wenig Ehre fürs männliche Geschlecht übrig bleibt. 


Jenes hat ja auch schon Natur, Religion und Hochzeitsriten beleidigt sowie Familienbanden getrennt, kriegt dafür explosive Unfälle zu spüren, schlägt im Gegenzug aber mit abergläubischen Racheaktionen zurück, die allerdings noch üblere Geister aus dem Wind des Waldes heraufbeschwören. Die Effekte steigern sich Richtung Finale sodann mit unglaublichen Eindrücken, fliegenden Hundeköpfen und bisher verheimlichten Familienmitgliedern ins melodramatische Schauerstück, bis das kleinste Mädel der Familie mit roter Robe durch die Nacht springt, grell attackiert sowie mit übler Zunge spricht, ehe der Antiheld ganz nach dem Formate Vater Karras' die Schuld auf sich nimmt. Das Feuer unterm Arsch hört danach aber gewiss nicht auf, weiß man ja schon aus „Jigoku“ - an dessen Tempo, Stilsicherheit und Zeremonien der Doppelmoral erinnert der Film hier sowieso, obgleich der Faktor des Umgangs mit der Atomkraft hier einen Zusatz kritischer Belehrung darstellt, genauso einige Bremsschwellen im Spannungsbogen hinterlässt, wenn Itô-san manchmal zu konventionell Schuld und Sühne abarbeitet. Doch wenn er mal entschlossen im Blut herumstochert, ist der rote Geysir mit voller mystischer Pumpkraft in die kalte Schnauze des Zynismus gerichtet.




Bleiben wir asiatisch, aber etwas problematisch, um mal wieder bei Tsui Hark vorstellig zu werden, dessen erste drei Teile der „Once Upon a Time in China“-Reihe wirklich eine Probe der Ambivalenz darstellen, erst recht wie ihr Regisseur politisch steht. Klar, man muss wirklich nicht alles am Kino politisieren, aber in diesem Fall wird es schon trotz aller kultureller Schönheit nach wenigen Minuten unumgänglich. Chinesische Filme, insbesondere solche Action-orientierten im historischen Rahmen, haben irgendwie immer etwas Nationalistisches und Xenophobes an sich, wenn dann auch noch von ikonischen Helden wie Ip-Man und Co. die Rede ist – man braucht seine Fühler auch gar nicht mal so weit ausstrecken, um jene Tendenzen bei Werken von Jackie Chan, Wang Yu oder gar Bruce Lee festzustellen, wo vor allem Japaner dem zweiten Weltkrieg wegen allerorts zum Abschuss freigegeben werden. Dennoch sind die Plattitüden jener Ideologien im ersten Teil der von Jet Li verkörperten Wong-Fei-Hung-Abenteuer expliziter als der gewöhnliche Antagonismus zum Westen sowie eine gesteigerte Liga der Widersprüche, wenn sich Harks Regie mit enorm visueller Aufregung dem Zuschauer von außerhalb öffnet, in der Anwendung internationaler Techniken jedoch schamlose Propaganda austeilt (immerhin um ein Vielfaches stimmiger und beherzter als „Die letzte Schlacht am Tigerberg“). Plumpe Gwailo-Stereotypen, konstruierte Horror-Szenarien und gleichsam deftige Entmystifizierungen der pazifischen Nachbarn als Hort der Folter lassen sich keineswegs einfacher entschuldigen, wenn man auch vom reellen Rassismus und Kolonialismus der Besatzer weiß – so sehr treibt Hark den Hass auf die Spitze, dass er die Melodramatik der Heimatehre noch freiwillig dazu addiert und stets betonen lässt, wie der Verlust der eigenen Sprache und Kultur schon von Vornherein bejammert, insofern auch bekämpft werden muss. 

 
Die ideologische Schiene ist eben zu hardcore auf rechte Anbiederung und manipulatives Kalkül aus, geradezu kongruent energisch zum visuellen Ereignisreichtum aufwendigster Sorte - ein großzügiges Budget vonseiten Golden Harvests weiß sich zu nutzen. Jackie Cheung z.B. kehrt zwar mit dem perfekten Umgang der englischen Sprache zurück, stottert seine Muttersprache aber nur schwer an der cartoonhaften Trottelfigur vorbei, was Wong Fei Hung wenigstens noch als verbesserungsfähig toleriert und gegenüber absoluten Räuden verteidigt. Tante Yee (Rosamund Kwan) wird das Leben ihrer Kamera sodann wichtiger im Angesicht eines Großbrands als der traditionelle Fächer, der abgefackelt als Symbol brachliegen muss, um Jet Lis Charakter auch endlich mal zu einem Ausbruch gesteigerter Wut zu verhelfen, obwohl sie eigentlich in ihn verschossen ist. Seine Darbietung ist leider größtenteils eher stoisch in der selbstverständlichen Weisheit denn wirklich dreidimensional definiert, lebt wie vieles am Film erst in der Akrobatik des Lokalkolorits auf und hat daher narrativ enorme Schwierigkeiten, einen neben der beeindruckenden Kampffähigkeiten am Ball zu halten. Kurioserweise scheint er zur zweiten Hälfte hin sowieso mehr nur im Geiste anwesend zu sein, sobald Verräter unter den Weißen und Kollaborateure aus einheimischen Schutzgelderpressern eine Massenverschleppung von Frauen zur Zwangsarbeit nach Amerika konzipieren, vorher schon die vermeintlich gefährliche Bevölkerung dezimieren und dabei noch von einem scheinbar unzerstörbaren Kung-Fu-Meister angeleitet werden. Irgendwie gerät der Film eben so episch bei all diesen Strängen, dass er zeitweise seinen roten Pfaden verliert, verwirrt um die nationale Identität wettert, dann aber wieder einen gütigen Priester von außerhalb präsentiert, mit westlichen Klamotten kokettiert und schließlich in seinen besten Szenen noch als aufreizendes Wirework-Showcase herausstechen kann. Davon mal ab ist das Titelthema ein regelrechtes Ohrwürmchen im Chorus unentschlossener Signale.




Wie wankelmütig sich Hark auch wandeln kann, beweist der Nachfolger, in dem Wong Fei Hung ausgerechnet die Weißen, nun Kollegen seiner medizinischen Ambitionen, vor den rechtsextremistischen Anschlägen der „Weißer-Lotus“-Sekte beschützt. Wie aufrichtig Hark diese Gegenthese nun meinte (wirklich echt lässt sich keine Begegnung mit Vertretern von außerhalb empfinden) oder das unvermeidliche Arrangement mit kulturellen Einflüssen anhand einer Serienstruktur motivieren wollte, sei mal dahingestellt – auf jeden Fall erlaubt es einen, unbelasteter an eine stringendere Geschichte heranzutreten, in der sich Tante Yees Liebe zu Wong Fei Hung mit festen Schritten weiterentwickelt und konzentrierte Szenarien der Belagerung einen sympathischen Beschützer aller aus eben diesem Herren machen. Für Hark bietet sich zudem manch Projektionsfläche für morbide Eindrücke, die am frühesten Anfang seiner Karriere noch omnipräsent waren, hier Häute abziehen, in der Rücksichtslosigkeit der Sekte Kinder durch die Helden umbringen lassen oder auch mal Hunde zu Menschenfutter verarbeiten. Donnie Yen ist als verräterischer Kommandant ebenso vor Ort, bedingt dann auch Angriffsflächen für luftige Kampfsequenzen, die höchstens noch von sporadischen Honk-Momenten übertroffen werden („Ihr seid alles Flaschen!“). Nichtsdestotrotz bleibt der Eindruck, dass Teil Eins trotz aller Hässlichkeit nicht ganz so blass war wie sein Nachfolger, zumindest wilder auf Eigensinn pochte als dieser Kompromiss einer Annäherung durch Akupunktur und Kampfgeist. Der dritte Teil hingegen begibt sich von den Feindbildern und nationalen Empfindungen her wieder mehr ins Territorium des Erstlings, beschränkt sich dabei aber hauptsächlich auf interne Intrigen und Kampfschulenrivalitäten, weniger auf Generalisierungen ganzer Kontinente anhand plumper Propagandaphrasen. 


Wesentliche Variationen von Altbekanntem bleiben aber ebenso aus – Tante Yee und Wong Fei Hung reden zwar inzwischen schon von Heirat, bleiben im Endeffekt aber immer kurz davor; ihre Kamera nimmt sie noch immer enorm wichtig, inzwischen wird das Medium Film aber auch gerne zur Verewigung der Kampfkünste und stichfester Beweise genutzt, damit Hark nicht ganz der Hypokrisie beschuldigt werden kann. Tolle Löwentänze lassen sich neben all dem noch als Highlights der gewohnten Schauwerte feststellen, doch bei einem Film, der wie alle Teile an die zwei Stunden Laufzeit innehat, verlaufen sich die Zwischenräume dazu immer wieder in konventionelle Bahnen, die den gesamten Streifen letztlich als Lückenfüller erscheinen lassen. Zwar ein solider Lückenfüller, aber keiner, nachdem man noch mehr von Wong Fei Hung sehen zu müssen glaubt - zwei weitere Filme und einige Trittbrettfahrer sollten dennoch folgen. Kurios ist die Reihe an sich allerdings durchaus und bestimmt nicht ohne einige Höchstwerte des Charmes umgesetzt, auch wenn sie mir hauptsächlich eine stärkere kritische Distanz zu Tsui Hark beigebracht hat. Niemand bleibt unschuldig in dieser Welt, aber so ein wechselhafter Bezug zum Werk eines Regisseurs ist nicht die schlechteste Sache. Mehr über die Gründe für solch ein Hin und Her bei gerade diesem Mann lese ich wahrscheinlich demnächst eh im von Esther Yau herausgegebenen Sammelband analytischer Essays zur Hongkonger New Wave nach - „At Full Speed“, so der Titel. Was ich der Vorschau da an lesenswertem Potenzial entnahm, würde ich Euch da draußen ebenso gerne ans Herz legen.




Danach versuchte ich mich jedenfalls wieder ein Stück weit mit Guy Maddin zu versöhnen, dessen „My Winnipeg“ sich vom stilistischen Ansatz her dermaßen schnell totreiten ließ, dass die inhaltliche Ebene, so sehr ich mich auch für diese interessieren wollte, geradezu ersoffen war im Arsenal verquaster Sperrigkeiten und narrativer Abzweigungen. Immerhin kamen dann auch Pferdeköpfe vor, die aus dem ganzen gefrorenen Fluss herausragten - in jedem Übermaß lässt sich eben doch noch was finden, was bei einem hängen bleibt. Mit ähnlichen Problemen hat sodann auch „The Saddest Music in the World“ zu hadern, die geradliniger auf den melancholischen Irrwitz Winnipegs zusteuert, mitunter aber weiterhin an der Hektik ihres Autoren scheitert. Maddin wechselt die Formate wie ein waschechter Oliver Stone, will sich aber in einer Variation des Screwballs à la Old Hollywood wiederfinden, der er ein wildes Schnittgewitter aus statischen und entfesselten Kamerabewegungen aneignen möchte, beinahe gleichsam überladen auf der Audioebene mitgestaltet, während die optischen Filter schlicht keine Ruhe finden. Diese grundlegende Dissonanz des Äußeren zum Inneren ist auf die Dauer natürlich anstrengend, bis dahin kommt aber durchaus so manch genialer Witz aus der Mischung des Naiven mit dem Profanen heraus, wie absurd die Ära der großen Depression in einen Wettbewerb um das traurigste Lied der Welt verwandelt wird, zu dem sich alle Nationen des Globus am Gipfel des schlichten Leidens, Winnipeg, antreffen.


Im charakterlichen Ensemble sind die vergänglichen Beziehungskreise zwischen Chester Kent (Mark McKinney), seinem Vater Fyodor (David Fox), Bruder Roderick (Ross McMillan) sowie den Frauen derer aller Leben, Lady Helen Port-Huntley (Isabella Rossellini) und Narcissa (Maria de Medeiros), ohnehin tolle Spannungspunkte für den Flirt mit der Tristesse und der Verklärung wahnsinniger Einsamkeit bis hin zur Musicalnummer der Todessehnsucht mit einer ordentlichen Portion Pazzaz - gerade mal etwas über dem Status einer Karikatur hinaus und doch so gepeinigt vom Schmerz des Planeten, dass dem Kurzweil ständig zugespielt wird und gleichsam keine Zeit zum Atmen bleibt. Manchmal eine echt tolle Sache und innerhalb der großen Kulissen mit Stock-Footage-Vermengungsflair als Bündel an hysterisch schönen Einfällen aus dem Stand heraus ein Knallbonbon, teilweise aber auch bis zur Redundanz hektisch überdreht bzw. am Zuschauer vorbei inszeniert. Was hätte Maddin denn zu verlieren, wenn er sich ein bisschen mehr Erdung und Sinnlichkeit erlaubt, um sein surreales Großwerk greifbarer, gar pointiert durchscheinen zu lassen, als dass er es immer wieder in der Überhöhung des Überhöhten zu verschleiern versucht? An jenem Rätsel verfremdeter Schönheiten wird der Widerspruch von Showfaktor und Misere vielleicht gänzlich vervollständigt, kann und soll sodann ja nicht weniger als delirierend-frustrierend wirken. Auf jeden Fall eine gute Erinnerung daran, dass der Winter kommt und sicherlich keinerlei Übel der Welt verstecken können wird.




Zurück zu Jet Li und dem Jahr 2001, schließlich verschlägt es den guten Mann zu mehreren Welten, da James Wongs „The One“ zur Jagd durchs Multiversum ansetzt. Als Superverbrecher Yulaw entledigt er sich dabei Stück für Stück seiner parallelen Pendants, um die durch alle alternativen Fassungen seiner selbst aufgeteilten Kräfte in sich zu vereinen. Er ist quasi der Kurgan, wenn dieser jedes Mal sich selbst enthaupten würde – übrigens auch eine tolle Gelegenheit für Li, sich in dutzende dumme Posen einzuleben und generell engagierter als ein Wong Fei Hung aufzuspielen. Gejagt wird er dabei von seinen ehemaligen Kollegen des MBI (Multiverse Bureau of Investigation), Roedecker (Delroy Lindo) und Funsch (Jason Statham mit bereits schütterem Haupthaar), die Yulaw davor aufhalten wollen, auch seine letzte Gegenvariante zu vernichten, da dies ungeahnte Folgen für die Galaxis bedeuten könnte. Doch wie das High-Concept so will, entkommt er und bedrängt nun den ausgerechnet enorm gesetzestreuen Polizisten Gabe Yu Law im Los Angeles unserer Erde, welcher außerdem ebenso unglaublich starke Kräfte besitzt, sich aber keinen Reim darauf machen kann. Die actionreiche Konfrontation der Beiden ist unausweichlich, für eine Spielfilmdauer von unter 90 Minuten recht optimal ausgefüllt und voller Missverständnisse, bei denen die Polizeikollegen und Freundin T.K. (Carla Gugino) erst recht nicht wissen, wie ihnen da zumute sein soll. Solch einer Prämisse nicht total unterhaltungsorientiert zu begegnen, wäre James Wong jedenfalls nimmer eingefallen, weshalb man sich mit der Transparenz des Ganzen recht schnell verstehen kann, nicht unbedingt anfreunden muss. Sein Film ist zudem recht jugendlich getrimmt, stets auf Schauwerte zusteuernd sowie die inzwischen typischsten Nu-Metal-Anlaufstellen auf dem Soundtrack vertretend, was ihn zum Relikt seiner Zeit, aber auch ein gutes Stück unbedarft macht. Einige Merkmale sind rückblickend dennoch leicht bemerkenswert, wenn man sie Witte-mäßig aufbauscht: In jedem Universum, ob es nun von Al Gore oder George W. Bush als Präsidenten der USA geführt wird, setzt Wongs Perspektive zur Etablierung stets auf die jeweiligen Gefängnisse an, in denen Fernseher mit den jeweiligen Staatsoberhäuptern laufen. Das Problem der Mass Incarceration, das sich hier schon prophetisch abzeichnet, ist inzwischen ein hitziges Wahlkampfthema angekommen, hier zudem von einer durchgängigen Gewalt gegen Autoritäten unterstrichen, bei denen der Status der Uniform in Fakern wie Yulaw ohnehin ambivalent aufgefasst werden kann. 


Was für ein düsteres Gesellschaftsbild, das hier jeweils zugrunde liegt, selbst im comichaften Ausbau des suburbanen Normalolebens nie vollständig aufgehoben wird. „The One“ mag in dem Gefühlsarrangement zwar auch nur ein Produkt seiner zeitgeistlichen Symptome sein, Ästhetik und Milieu irgendwo zufällig zwischen Rodney King und „Matrix“ gefunden haben, aber es wirkt jedenfalls nicht vollkommen abwegig, dass der PG-13-Film von der FSK weiterhin erst ab 18 freigegeben ist – die damalige Begründung stützte sich angeblich auf das Echo zu den Amokläufen in Erfurt und Columbine, irgendwie verliert der Film diese Bezüge auch dann nicht, wenn die Versionen Jet Lis - ob gut oder böse stets obercool - hier manch physikalischen Wahnwitz abziehen. Multischläge im Speedrausch, Supersprünge, mit Leichtigkeit metallbiegende Tritte oder auch das Zerquetschen des Gegners mit zwei Motorrädern in den Händen – bei der Bandbreite an Manövern dürfte Terence Hills „Supercop“ bestimmt ebenso der letzte seiner Art im Multiversum sein. Gleichsam schnippisch arbeitet sich der Film durch sein Sci-Fi-Action-Prozedere, wie es ein ähnlich konstillierter „Demolition Man“ noch satirisch gefüttert hätte, hier stattdessen mit einer Naivität funktioniert, die in ihrem Jungskino auch soweit ist, keine Aufmerksamkeit auf Gabe Yu Laws asiatische Herkunft lenken zu müssen oder gar Rassismus zu thematisieren, da die multikulturelle Kollegenschaft sowie Freundin T.K. wie selbstverständlich eher vom gegenwärtigen Fall der Identitätskanonade eingenommen werden. Vielleicht spielt der Film doch in einem vorteilhafteren Paralleluniversum zu unserem eigenen, höchstwahrscheinlich Kino genannt. Okay, ich spare mir jetzt noch weiteren schnulzigen Pathos zum Medium, schließlich muss man nicht mehr als nötig aus einem eskapistischen Reißer wie diesem rausholen. Aber man darf schon zugeben, dass die Actionszenen - vor allem im Duell Li gegen Li - in ihrer eleganten Klarheit weiterhin frisch mitziehen lassen, das Narrativ voller Klischees und Grellheiten ohne jeden prätentiösen Ernst launig zur Tat schreitet, allerdings auch den Spagat zwischen Unschuld und reeller Zwiespälte repräsentiert, wie er ab 2001 immer präsenter, gar aufgehoben wurde. Oder könnte man sich nach z.B. „The Dark Knight“ noch einen solchen Film wie „The One“ vorstellen? Gut, beide besitzen eine hohe Anzahl an Hunden (siehe „Der Hund im Film“, Achtung Eigenwerbung).




Apropos, wie unmöglich wäre inzwischen eine Verfilmung wie jene von Kenneth Branagh zu „Mary Shelley's Frankenstein“? Im Zuge von „Bram Stoker's Dracula“ produzierte Francis Ford Coppolas American Zoetrope auch diese Adaption als eine Operette für die Leinwand, bei der von Vorlagentreue nur oberflächlich die Rede sein kann, während im Innern pausenlos das Herz der um Aufregung bemühten Neunziger pocht. Branagh erlaubt sich vielleicht weniger expressionistische Spielereien und Effekte als Kollege Francis Ford, doch die Unmengen an Zoom und Bang, die in seiner Interpretation vorherrschen, definieren Horror auf eine Art, wie er seitdem nimmer mehr so romantisiert und brutalisiert zugleich auf den Mainstream losgelassen wurde. Nun sollte man nicht soweit gehen, das Ganze in „Meat Loaf's Frankenstein“ umzubenennen, schließlich ist das Monster (Robert De Niro) zwischen allen Ambitionen des selbst inmitten der Cholera flamboyant besessenen Viktor Frankenstein (Branagh selbst, dauernd mit nacktem Oberkörper unterwegs) für ein relativ zärtliches Portrait des vom Halbgott verstoßenen Menschenwesen gut, das vielleicht einen bedachteren Film erfordert hätte. Der Brite Branagh agiert in seiner Führung allerdings so amerikanisch, dass er sich nicht schneller an die Kreation des Unmenschen machen könnte, obgleich die Rahmenbedingungen entschieden vom Gros an Adaptionen abweichen, vermeintlich introspektiv bei der Kindheit Frankensteins ansetzen, seine erste Begegnung mit Adoptivschwester/zukünftige Ehefrau Elizabeth (Helena Bonham Carter) sowie den Tod der Mutter knapp 20 Jahre später aufzeichnen, an deren Grab er schon explizit proklamiert, dass er nach einem Ende des Todes suchen wird. Solche plakativen Kernsätze wie später auch „I will have my revenge, Frankenstein!“ ergänzen sich mit Szenen, in denen er anhand einer einzelnen blitzenden Wolke (witziger Effekt, ne) seinen Bezug zur Elektrizität herstellt, während sich die Kamera schon schwindelig dreht, um die Fassung der Charaktere darin zu begreifen. Das hört auch dann nicht auf, wenn der gute Viktor aus der Schweiz zum Studium nach Ingolstadt zieht und dort solange von den Professoren zum Thema Leben und Tod ignoriert wird, dass er sich an den leicht abtrünnigen Dr. Waldeman (ein unerkennbarer John Cleese) hängt und dessen Experimente mit dem Nachleben zu beerben gedenkt. 


Doch hätte er mal auf die Vorzeichen des Films gehört, die eine elektrisch wiederbelebte Affenklaue zum Knochenbrecher machen und eine gleichsam reanimierte Kröte mit Glas-sprengenden Kicks ausstatten, dass man schon die Ninja Turtles erwartet. Das audiovisuelle Konzept platzt ohnehin fast aus allen Nähten, so kinetisch und detailreich Branagh die Gotik als Abenteuer streift, Blut sowie Fruchtwasser spritzen lässt und Patrick Doyles Musik einen rührseligen Bombast in Richtung altdeutscher Dramatik à la Wagner thematisiert; in all dem Trubel aber fast schon vergisst, welch philosophische Kernspaltung in Shelleys Stoff gebettet ist. Wenn er selbst als Schauspieler involviert ist, versucht er dieser zwar in ausgewählten Szenen mit theatralischer Routine entgegenzukommen, doch die Motivation zu Manie und späteren moralischen Zwiespälten kann sich schon vom gehetzten Drehbuch nimmer glaubwürdig gewichten, höchstens nach CliffsNotes-Manier kohärent/spontan zusammenfassen, was ihn zum Zerstückeln von Gliedmaßen gebracht hat und vor allem mit was für einer unerklärlichen Apparatur er die Wiederbelebung ausführt. Zwischen den Zeilen ist insofern nicht viel zu holen, packend kommt das trotzdem halbwegs auf den Punkt, dass da ein Halbgott dem Tod trotzen will, dem profunden Grauen seines Handelns aber erst in dessen allzu menschliches Gesicht blicken muss, um seiner Verantwortung dafür aus dem Weg gehen zu wollen, nachdem er sich allen anderen verschlossen hatte. So hilflos der Mensch eben in die Welt geboren wird, ist auch das Monster nun verloren zwischen Leben und Tod, seinem Aussehen nach von allen verjagt und zwischen den Leichenbergen der Cholera versteckt, ohne Sprache, nur mit „The One“-artigen Kräften binnen der Verwahrlosung ausgestattet, wie Branagh das frühe 19. Jahrhundert eben auch in der extremsten Kluft zwischen Arm und Reich stilisiert, Frankenstein selbst quasi zum Bösewicht/Feigling der Vernachlässigung formt. Später wird sein Monster ihm auch klar machen, wie sehr es zwischen unbändigem Zorn und unendlicher Liebe pendelt, vom Vater eine Weisung braucht, ihn für seine Existenz hasst und doch ergeben um ihn trauern wird. 


Das Monster als empathisch-humaner Kern, abgekoppelt vom künstlichen Nabel eines Göttergleichnis, funktioniert eben auch, weil es als einer der wenigen Faktoren des Films langsam ist, Zeit zum Wachstum erhält, sich von Grund auf gut für eine armselige Familie im Wald einsetzt, die Belohnung einer kleinen Rose im Ärmel pflegt und dann doch von deren Reaktion auf seine Erscheinung enttäuscht wird. Klar kann man da amerikanisiert heraus lesen: „Anders sein tut weh.“, doch das Verständnis für den Außenseiter - auch anhand eines blinden Mannes, der sein Mitleid in der Abtastung des Gesichts ausspricht - kauft man noch am Ehesten ab, ehe Elizabeth ihrer Sehnsucht für Viktor nach zur Hochzeit bewegen will (klingt nach „Immensee“, ebenso voll mit Tänzen, Erinnerungen und rahmenbildenden Flashbacks im Schnee) und ansonsten nicht damit leben könnte, was er vor ihr verheimlicht. Die anschließende Hochzeitsnacht inklusive Coitus interruptus ist durchaus wieder Meat-Loaf-verdächtig auf den Spuren anderer Romanverfilmungen nach Movie-of-the-Week-Prinzip unterwegs, demnach der kitschige Kontrast zu Begegnungen im Eis, die Frankenstein mit seinem verlorenen und wütenden Monster eingeht, um weitere Todesfälle (nach Viktors kleinem Bruder und einer Bediensteten) im Nachspiel seiner Verantwortung zu vermeiden. Wie in Coppolas Dracularama ergibt sich eine Dreiecksbeziehung zwischen Mann, Frau und Monster, was die Angelegenheit für Frankenstein selbst noch mal pointierter ins Herz schneiden lässt, aber eben wieder auch auf Branaghs operettenhafte Attitüde zurückweist - allein diese riesige Treppe und manch ausgeschrieenes „No!“ inklusive Kamerafahrt in die Lüfte. Die Vermengung dieses brachial zelebrierten Körpers mit der durchaus präsenten Gehirnmasse an existenziellen Dilemmata scheint nicht durchweg reißfest, enthusiastisch und doch verhalten, manchmal sogar passiv am Dasein seiner Kreaturen interessiert. Es mangelt an Intimität, doch genau die sticht im Kanon des Expressiven am Gelungensten heraus, bis die Schlussminuten beides konträr wie stimmig als Klimax leidenschaftlicher Gewalten vereinen. Ganz nach Art des Monsters: Durchaus optimierbar, als Imperfektion dennoch sehenswert.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Tipps vom 26.09. - 02.10.2016

Liebe Leserüben,
diese Woche übe ich mich wieder in der Art Vorsorge, deren Ausgang man sich auch von der Rente erhoffen möchte, wenn diese denn mal nicht kontinuierlich auf höhere Altersgrenzen sowie sinkende Prozente gepusht würde. Old Man Witte weiß, wovon er spricht, so wie er schon knapp vier Jahre lang in diesem Ausgabenformat die Rädchen dreht, deshalb werden jene Zeilen hier schon zur Mitte der Woche geschrieben, um hoffentlich eine Fülle an bewundernswerten Texten bzw. Filmempfehlungen anbieten zu können - und das, obwohl ich nicht mal an arg lästige Werbeträger gebunden bin, die mich bezahlen würden! Der einfache Grund für diese Maßnahme rührt daher, dass das Filmfest Hamburg begonnen hat und ich als Euer werter Schreiberling die Tage über verstärkt vor Leinwänden sitzen oder vor diesen auch mal ausschlafen werde. Sollten die Ansprüche regulärer Berichterstattung an hiesiger Stelle dieses und nächstes Mal also nicht erfüllt sein, bitte ich dies zu entschuldigen. Als Ausgleich dazu legen wir zumindest noch einige extern via Cereality.net veröffentlichte Artikel oben drauf, zu deren beinhalteten Filmen auch einige gehören, die auf dem Festival laufen. An oberster Stelle gibt es daher schon mal folgendes Highlight hiesiger Saison zu bewundern, ehe der weitere Ertrag der Woche zu Felde rückt:




DIE HÄNDE MEINER MUTTER - "[...] Die Zeilen zwischen den potenziellen Urteilen sind dann aber erst recht Anlass für Eichinger, die Ambivalenzen im Selbstverständnis und Bruch des elterlichen Vertrauens zu untersuchen, Traumata offen zu rekreieren, ohne als Voyeur dessen zu agieren oder die Gegenwart dazu als funktionelles Trauertal zu stilisieren. [...] Insofern ist der Diskurs in der Gegenwart auch weniger triebgesteuert, als dass die zeitliche Probe der Ungewissheit ihre Aufwartung macht [...] Wut und Trauer werden impulsive Begleiter in jenen Geständnissen vom und im Intimen, doch Eichinger bleibt nichtsdestotrotz eher subtil in der Fütterung einer eventuellen Katharsis. Klärung ist schließlich das Ziel, auf dass die Leidenden hinführen wollen, anstelle einer ohnehin zwecklosen Strafanzeige oder einer kaum weniger möglichen Entfremdung. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)
  



Dem deutschen Verleih war der kurze Titel von Tsui Harks Regie-Erstling „Dip Bin“ einst wohl etwas mager, so wie er seitdem als „Die Todesgrotten der Shaolin“ mit lautmalerischer Intonation für Aufmerksamkeit zu sorgen versucht. Obgleich sich vom Titel her eine Standardplatte von Eastern anbieten könnte, ist der Film schon ein früher Vorreiter jener obskuren Mordwerkzeuge, die Hark in seinen Filmen seit jeher gerne zentral als Signal surrealer Qualitäten verwendet: Waren es in „Knock Off“ z.B. Nanobomben in Jeans, bringen hier ausgerechnet Schmetterlinge den Tod. Das Prozedere um diese Idee verläuft insofern ebenso eher ungewöhnlich, wenn Topoi und Typen der Shaolin-Sparte in ein Whodunit? binnen verlassener Festungsmauern geführt werden. Die unerklärlichen Massaker türmen Leichen auf, die vielleicht von historischer Distanz her noch nicht so verstörend wirken, wie es sich in einem kontemporären Narrativ à la „Söldner kennen keine Gnade“ empfinden ließe, doch das Ausmaß menschlicher Korruption und verlorener Moral geht hier bis zum Finale hin durchaus in die Vollen. Ehemalige Mitstreiter werden des Erbes wegen verraten, Kämpfe aufs Überleben des Egos ausgetragen, selbst wenn sogenannte „Weisen“ (u.a. Eddy Ko und Chiang Wang) hinzugezogen werden: Warum nicht über Leichen gehen und jedes Ideal ad absurdum führen, wenn die Güter locken? Kein Wunder also, dass sich Harks Ambiente in einer Verwahrlosung zeigt, die kaum Platz hat für prunkvolle Dekors der Marke Shaw Brothers, auch wenn seine Figuren durchaus über die Bescheidenheit reeller Vorgaben reichen. Visuell ergiebig gestaltet er daher u.a. solch einen Umhang wehenden Deadpan-Helden wie Tian Feng (Shu Tong Wong), der mit mysteriösem Charme Operettenhaftes vermittelt, während eine kecke Seilzauberin wie Grüner Schatten (Michelle Mee) aus jeder Ecke ins Bild zu hüpfen imstande ist. Diese Energien bahnen sich ihren Weg durch Phasen, die ansonsten im Überfluss an Exposition versinken würden, gleichsam erzählt sich seine Variante der Postapokalypse verstärkt durch ihre Perspektiven.


Kamera und Soundtrack als mitreißendes Ausdrucksmittel sind in jenem Umfeld keine Selbstverständlichkeit, weshalb Hark in seinen Perspektiven noch stets viele kleine Ideen versteckt, die zeitweise ins Morbide überlaufen. Da landet man auch wieder bei den Schmetterlingen, teilweise in extremen Nahaufnahmen oder in Massen zum Flug bewegt, an Gläser und blutige Körper beklebt, dass sich der Giallo ins alte China einmischt. Wie es zu solch einer Hysterie gekommen ist, wird dann meist ein Fall für Rückblenden als Verstärkung des Gefühls verlorener Menschlichkeit, parallel dazu gelangt das Ensemble des Öfteren in die titelgebenden Grotten voller versteinerter Finsternis, in deren Ecken stets die nächste Überraschung lauert. Was hat es dann noch mit dem schweigenden Mädchen oder dem Autor auf sich, dessen gefälschte Schriften wohl ebenso zum Ausbruch des Bösen beigetragen haben? Nichts und niemand ist folglich sicher, weshalb die mörderischen Verzweigungen zunehmen, Geheimnisse sich mit dem Tod verteidigen, bis die massive eiserne Klaue inklusive Rüstung zuschlägt. Jener brachiale Stoßhammer bewegt die letzten Akte dann auch allmählich zur kunstvollen Action hin, die Hark in Zukunft noch weiter ins Phantastische ausbauen würde, allerdings ist die Eskalation des Todes hier eben auf ein bitteres Klimax ausgerichtet, nicht fern vom Nihilismus später Spaghetti-Western an Parteien gegenseitiger Verrohung aufgestockt, in denen jede Offenbarung das Falsche am Menschen aufdeckt. Freundschaft ist letzten Endes auch ein wankelmütiger Begriff, aber zwischen den Zeilen präsent wie auch die Unschuld der Schmetterlinge erst vom Menschen zum Todesinstrument umfunktioniert wird - das übrigens in einer Sequenz, welche die Schönheit zerebraler Umnachtung im Tiere schöpft, während der Täter dazu auf frischer Tat ertappt nicht mal die Flucht ergreift, in der Abgeklärtheit des Ausweglosen auch nicht gefasst wird. Grausig und verrückt verdichtet sich das Ganze selbst im Angesicht einiger Längen, die Harks wilde Impulse noch in gewöhnlichen Signalen der damaligen Filmlandschaft zu verschlüsseln versuchten, doch die Grundlagen des Hongkong New Wave Cinemas sind in der Atmosphäre schon so fest verankert, dass der Lebenssaft nur zu gütig auf die Bilder nieder fließt.




Zurückblicken möchte ich sodann auch auf das Debüt von Don Coscarelli, der inzwischen ja wieder in aller Munde ist dank der Rehabilitation seines „Das Böse“, in „Kenny and Company“ aber ebenso schon einige Vorzeichen dazu geliefert hat - und das wohlgemerkt in einem Kinderfilm. Die Vorstellung mag heutzutage angesichts der Genre-Affinität Coscarellis widersinnig wirken, doch die aufziehbaren Parallelen zum Nachfolger „Phantasm“ fangen nicht erst bei den gemeinsamen Darstellern A. Michael Baldwin und Reggie Bannister an. Obwohl dieser Film nämlich insgesamt einen episodenhaften Blick auf die Welt des jungen Teenagers Kenny (Dan McCann) wirft und dessen Mikrokosmos an suburbanen Konventionen, Freundschaften, Feindschaften, Familie, Liebe, Schule, Sommer und Halloween entfaltet, sind die Fragen um die menschliche Vergänglichkeit, um Leben und Tod ständige Begleiter im Querschnitt jenes Alltags. Die Ungewissheit in der Begegnung mit solchen Schwerpunkten ohne eindeutige irdische Lösung geht auch hier dem Trauma eines eventuellen Verlusts voraus, das sich im Wachstum des Bewusstseins selbst neben aller Unbedarftheit in der Kindheit schlicht ankündigen muss. Und da setzt Coscarelli so universell an, wie es jedes Kind treffen kann: Im Haustier, dem alten müden Hund, der eingeschläfert werden muss. Schon diese kleine selbstverständliche Einheit an Zuneigung erhält und erfüllt hier das dramaturgische Gewicht mehrerer Melodramen auf einmal, wird dabei in beachtlich konkreten und dennoch aufrichtigen Bildern vermittelt, dass es nicht nur bei der Zielgruppe als Tearjerker funktioniert, gleichsam aber auch keine Plattitüden dafür anleiern muss. Auch wenn nicht jeder dazu aufgewendete Diskurs durchweg in darstellerischer Glanzleistung verewigt bleibt (manche Dialoge stolpern dementsprechend von Vornherein schon auf halbem Wege), setzt sich jene Herangehensweise auch in der Darstellung aller Gefühlslagen durch. Kids fluchen, kriegen Stielaugen bei Pin-Up-Girls, schlagen und verarschen sich, sind bei der ersten Liebe aber schon im siebten Himmel, wenn Händchen gehalten werden und der große Nachbarjunge einen mal nicht aufgrund mangelhaften „Schutzgeldes“ vermöbelt - klingt inzwischen nach Allgemeinplätzen, doch in der US-amerikanischen Idealisierung der Familienbilder jener Ära (darauffolgende nicht ausgeschlossene) scheinen selbst Kids machtlos ihrem Schicksal ergeben, weshalb die kleinen Unterschiede hier folglich den Großteil des Vergnügens ausmachen. Manche sind dann auch so spezifisch geraten, dass sie aus Coscarellis eigenem Erfahrungsschatz münden dürften, was er umso enthusiastischer in Einzelsequenzen ballt, selbst wenn denen stets das Makabere anhaftet. Siehe z.B. die Streiche von Kenny und Doug (Baldwin), wenn sie ihre kleine Nervensäge von Kumpel, Sherman (Jeff Roth), in eine Mausefalle greifen lassen oder wenn sie eine ausgestopfte Puppe (die wie der Tall Man höchstpersönlich ausschaut) auf die Straße legen, um die Reaktionen anhaltender Autofahrer zu erhaschen.


Durchaus gewitzte Ablenkungen der Freiheit, die der Langeweile der Schule entkommen dürfen, wenn mal nicht der coolste Lehrer von allen, Mr. Donovan (Bannister), selbst die hoffnungslosesten Fälle zu motivieren imstande ist. Ansonsten bleibt da nämlich nicht viel mehr übrig als das Provinz-Chaos an Pee-Wee-Football-Turnieren, bei denen Kenny auch ab und an mal aufs Eigentor zuzulaufen droht oder eben das Tricksen mit Skateboards - und das vor den Neunzigern! Dazu gesellen sich natürlich noch einige rockende Grooves sowie eine Kamera, die sich die Linsen wohl auch mit Adrian Lyne teilen dürfte. Der audiovisuelle Fun daran übertrumpft sogar manch Ungeschicktheit in der Handhabung Coscarellis, der hier durchaus vom Home-Made-Charme profitiert (obgleich Kennys Abenteuer einst sogar von 20th Century Fox vertrieben wurden). Das reicht sogar bis zur Besetzung von Kennys Mutter, die (gar nicht) zufällig auch Coscarellis eigene ist, obgleich die elterlichen Rollen in diesem Kontext gewiss keine Idealisierung erfahren. Je mehr Facetten an Leben und Tod sich Kenny öffnen, desto weniger scheinen seine Eltern ihm dies verständlich machen zu können, was sich insbesondere am Vater (James E. dePriest) bemerkbar macht. Die Ungewissheit übernimmt alle Generationen, bei der die Hoffnung aufs Himmelreich als Ausweichpunkt am ergiebigsten gilt, der alte Nachbar hingegen an ein vollständiges Ende glaubt, nach dem die hinterlassenen Kinder für einen weiterleben. Schwieriges Terrain, das für junge Zuschauer übrigens auch nicht verwässert wird und im Verlauf für Begegnungen sorgt, die in blutigen Autounfällen („Moritz, lieber Moritz“ lässt grüßen) Machtlosigkeit demonstrieren, in Richtung Halloween jedoch die Übernahme des Individuums über das Mysterium Tod erlauben. Jener Prozess der Verarbeitung lässt dann auch das entscheidende Segment des Films auftreten, in dem Kenny und Co. Süßes oder Saures einfordern, in spukende Garagen vordringen, in Häusern alter Frauen auf Tuchfühlung mit Urnenasche gehen, Luftgewehre und echte Bleigeschosse zugleich um die Ohren geworfen kriegen. Aus dem Abenteuer ergeben sich noch einige Tricks, wie man den Oberraudi der Schule dingfest machen kann, vorher aber schon gibt Dougs Vater Big Doug (Ralph Richmond) als klamaukiger Kommissar Freifahrtscheine für gepflegten Schabernack. Erwachsene wie Kids machen hier eben ein starkes Spektrum an Sympathien aus, an dem Coscarelli sowieso eine grandiose Leichtfüßigkeit beweist, ein möglichst komplettes Abbild eines Lebenszustandes fern der Behütung und Ausbeutung zu zeichnen. Spaß, Herzschmerz, Angst und diese süßen Portionen an Katharsis ergeben hierin schon durchaus ein verwöhnendes Lunchpaket an Coming-Of-Age-Filmerfahrung, wie es im ohnehin frei schwimmenden Narrativ an Lebhaftigkeit wohl noch länger haltbar bleibt.




Ob es für die Menschheit jedoch noch Hoffnung gibt, stellt sich bei der Sichtung von Carlo Lizzanis „San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen“ infrage. Der semi-dokumentarische Spielfilm von 1976 befasst sich wie der im selben Jahr erschienene „Kenny and Company“ mit der Erfassung einer Jugend, die sich nicht unbedingt in einen Spannungsbogen einzwängen lässt und dennoch kontinuierlich mit der Vergänglichkeit ihrer selbst konfrontiert wird, ob sie nun will oder nicht. Massive Unterschiede klaffen jedoch in Sachen Milieu und Sympathie auf, da Lizzani den Tagesablauf junger Faschos italienischer Coleur ins Auge fasst, der garantiert in mörderischen Widerlichkeiten enden wird. Bis dahin ist das Portrait des enthumanisierten Hasses dementsprechend unangenehm, allerdings noch lange kein Konglomerat aus exploitativen Eindrücken und Anbiederungen zum ideologischen Urteil. Die Räudensprache der Jungs im straffen Leder-Style unterbietet natürlich jeden im italienischen Genre-Kino gebildeten Mangel an Empathie und lässt am zynischen bis rassistischen Wortschatz teilhaben, wie es schon beim „Ausbruch zur Hölle“ Methode war, doch die Aufarbeitung kollektiven Zorns sowie frustrierter Cliquenhierarchien geht eher in die Gefilde der Objektivität, obgleich durchweg gemäßigte Kolportage-Topoi die Richtung bestimmen. Man denkt u.a. an „Kidnapping - Ein Tag der Gewalt“, wenn die verwöhnten Mordskerle aus gutem Hause stammen, dort aber bereits unter Erziehungsberechtigten Unverständnis und Strenge vorherrschen, an denen sich Widerstand und Machtfantasien heranzüchten, auf dass der Hass auf andere oder in hedonistisches Gammeln umgesetzt wird - wer aus ärmlichen Verhältnissen kommt, lässt sich ebenso anziehen, wenn die Struktur untereinander zum dubiosen Weiterbestehen anheizt/zwingt. Impotenz und Rape Culture arten sodann gleichermaßen aus, gleich zu Anfang auf die Figur von Brigitte Skay, die in punkto weibliche Charaktereigenschaften nun alles andere als repräsentativ vorgehalten werden dürfte, mit ihrer ultranaiven Denke aber letztendlich zum Verhängnis der Kerle beitragen wird (Spielhallen-Verrohung à la „Zombie“ inklusive). Bis dahin ist sie aber auch gewissermaßen symptomatisch für die regressive Haltung, mit welcher die Bevölkerung Mailands auf dieses politisch-soziale Phänomen reagiert, nämlich mit beinahe völliger Ignoranz oder gaffendem Nichteingreifen. Besonders effektiv ballt Lizzani diese Lethargie einerseits schon im Umstand, dass er seine Laiendarsteller an Originalschauplätzen zur Rekreation aufspielen lässt (mehrere Einzelfälle wurden für die Filmhandlung in einen Tagesablauf konzentriert), andererseits fokussiert die Kamera auch die Reaktionen der Anwohner (mindestens ein Greis darunter hebt den rechten Arm gleich mit), wenn ein spontaner Nazimarsch über der Piazza San Babila vollzogen wird oder das Quintett an rechten Narzissten Dildos im öffentlichen Park vorführt. Die Präsenz der Provokationen geht erst recht ins Mark, da es dieser Tage wieder vielerorts ein allzu gewöhnliches Bild geworden ist, auch dass die Polizei auf Befehl von oben kaum einzugreifen wagt, wenn wieder mal ein kommunistischer Anhänger von einer ganzen Truppe mit Klappmesser und Stahlketten traktiert wird.


Wie gesagt, ein Stück Poliziotteschi schwimmt in jenen Eindrücken ebenso mit, doch aus Erfahrung weiß man inzwischen sowieso, dass eine Überhöhung nicht unbedingt gegeben ist. Parallel dazu verständigt sich die Ideologie der Rechten hier zudem mit intellektuellem Chic, reizvoll als existenzialistische Radikale der freien Meinungsäußerung ausgestellt (eine Vorschau auf die Rhetorik der Alt-Right), die Ordnung als Wehrmaßnahme zu forcieren meinen und dafür rücksichtslose Treibjagden zum Vergnügen aufpeitschen, Läden mit Hakenkreuzen beschmieren und Eisenkugeln per Steinschleuder in Kniekehlen schießen - die dunkle Seite einer ungebremsten Jugend ohne Zukunft, mit J&B auf dem Weg zum Bombenanschlag bei Roten. Lizzani wahrt dabei in allen Fällen die Distanz zu seinen stilisierten Subjekten zeitgenössischer Umstände, lässt höchstens mit Ennio Morricones minimalistisch-urigen Märschen nochmal eine Extraportion Ambivalenz durchsickern, die der offenen und doch kritischen Ader des Films vollends gerecht wird. Das Gesamtbild lässt ihn auch dem Zwang entweichen, eine Eindeutigkeit auf diese Umstände zu münzen, Gegenmaßnahmen vorzuschlagen oder den Zuschauer gar mit irgendeinem Charakter binnen jener Anti-Protagonisten sympathisieren zu lassen (via dem Rollenmodel eines Aussteigers z.B., Feiglinge gibt’s trotzdem). Letzteres fällt höchstens auf das Paar zurück, das im dritten Akt als Opfer einer Mutprobe vom Fascho-Mob verfolgt und gnadenlos niedergestochen wird, so wie junge Extremisten ihren (angeblich von weiten schon erkennbaren) Feinden/Andersdenkenden nur auf die Art zu begegnen fähig sind, wenn die verbale Selbstgefälligkeit nicht mehr Antrieb genug ist. Natürlich positioniert sich der Film da entschieden gegen solche Unmenschlichkeiten, so kalt und grausam sie per Inszenierung dargeboten werden und der potenziellen, metropolitanen Unbekümmertheit der Gegenseite gewiss nichts an Attraktivität abnehmen. Da ist die Balance nicht minder wertend wie der angeblich objektive „American Sniper“, wenn hier allerdings auch nachvollziehbarer an die menschliche Fassung appelliert und zum Schluss zudem die Mamasöhnchen mit Angst vor dem Knast aufgeboten werden - was zeitweise zur Spekulation überzuschwappen droht, selbst wenn man die Hassliebe der Jugendlichen zu ihrem Umfeld des Aufwachsens hinzuzieht. Die Passivität der unpolitischen Bevölkerung bleibt zwischen den Fronten dennoch am ehesten der am offensivsten moralisierte Gegenstand, der zudem nur im Off willens ist, auf einen Wandel hinauslaufen. Da dürfte man auch wie an einigen anderen Stellen des Films Konstruktion feststellen, aber eben auch eine, die zum Handeln oder Reflektieren anregt, ohne auf plakative Manipulation setzen zu müssen. Man muss sich eben nur darauf einlassen können, über 100 Minuten lang allzu wahren Kotzbrocken zuzuschauen.




Herrje, bei soviel aktueller politischer Relevanz ist daraufhin vielleicht wieder eine Rückkehr in unbelastetere Gefilde angesagt, möchte man von Vornherein beim kostengünstigen Direct-to-Video-Film „Die Rächer hetzen die Meute“ meinen. Jenes Werk fängt ja auch schon so an, dass man ein geballtes Vergnügen an Cheapo-Actionfilm zu erleben glaubt, wie es Amir Shervan quasi posthum mit unbeholfenen Schönheiten wie „Samurai Cop“ und „California Cops“ kultivierte. Über seinen Landsmann Jamshid Sheibani, der hier wiederum als Regisseur fungierte, ist gleichsam wenig Biographisches bekannt, höchstens wie im Falle Shervans Geburts- und Todesdatum, wobei sich in der Hinsicht einiges durchaus auch aus dem Film schöpfen lässt. Ohne viel vorwegnehmen zu wollen, porträtiert er im Zentrum seiner Geschichte die Perspektive einer persischen Immigrantenfamilie inmitten einer kalifornischen Kleinstadt nahe der Grenze zu Mexiko. Der Fakt, dass Sheibani 2009 in Los Angeles verstarb, reflektiert dann erst recht den aufrichtigen Einwanderer, dessen Kultur selbst in diesem eher trivialen Film um Integration bemüht ist sowie gegen Widerstände anzukämpfen hat. Die dramaturgische Goldader dazu bleibt zwar über weite Strecken eher versteckt, so wie der Semi-Dilettantismus der Produktion eben reichlich unsauberes Stückwerk hinterlässt, der Klimax dazu könnte in dem Rahmen aber kaum effektivere Symbole an Toleranz und Miteinander aufbereiten (hab übrigens vorhin ganz vergessen zu erwähnen, dass „Kenny and Company“ dafür ebenso einen Subplot mit einem mexikanischen Schulkameraden bereithält). Aber schau an, ich nehme wieder zu viel vorweg, dabei ist ja der eigenwillige Weg, den der Film in Richtung jener Schlussfolgerungen einnimmt, schon eine kleine Sensation. Nachdem der Vorspann mit Credits wie „Screenplay by: Shield“ schon urige Vorbereitungen trifft, setzt ein Voiceover ein, der - dem „Perser und die Schwedin“ nicht unähnlich - über die Nr. 1 unter den todsicheren Todesarten informiert: Drogen! Insofern wird das anklagende Entsetzen des Sprechers über den Einfluss auf nationaler Ebene sowie der Gefahr für Gemeinden und Kinder auch visuell begleitet: Dubiose Handlanger in 80er-Jahre-Vollmontur heben unscheinbare Kisten aus Booten, ein Haudegen kommt per Archivmaterial eines Zuges mit Koks im Gepäck an, mehrere Uni-Studenten setzen sich unauffällig zu einem Brillenträger, der bei helllichtem Tage Weißes gegen Bares anbietet. Dieses zehnminütige Segment erklärt die kriminellen Mechanismen selbst mit Fliegen auf der Linse, mag sie sodann aber eben am handlungsübergreifenden Beispiel näher erläutern. Ab hier verschwindet auch der Sprecher und macht die Bahn frei für ein geradliniges Szenario finsterer Machenschaften eines gewissen Mr. Macintosh, der Drogen in besagtes verschlafenes Nest schmuggelt und dafür reichlich Leichen in Kauf nimmt. Der letzte Kurier Curtis z.B. kriegt nach versagter Lieferung schon die Rache des Bosses zu spüren und kann nur knapp mit Schusswunde entkommen, der Zuschauer erhält hingegen (im Originalton schon) ein Inferno platt synchronisierter Kintopp-Dialoge, das genauso spekulativ agiert wie die Milieuzeichnung voller Sparmaßnahmen und Merkwürdigkeiten (allein die Geldscheine!) an goldigem Irrsinn und Schießereien im Waldstück nebenan aufstockt.


Zeitgleich heuert Macintosh den Bruder von Steve (Rand Martin) für weitere Aufträge an und bringt jenen naiven Arbeitssuchenden namens George in Teufels Küche, als die Polizei dem Ganzen auf den Fersen ist und der nicht ganz saubere Deputy ihn sodann erschießt. Steve will der Sache nach der Beerdigung auf den Grund gehen, doch sein Familienleben mit der Iranerin Mina (Fattaneh), welche zusammen mit weiteren Verwandten ein Restaurant in der Stadt leitet, hat Priorität. Das schlägt sich auch im Sohnemann Jeremy nieder, welcher mit dem der Familie Macintosh befreundet ist, wobei jener Patriarch seine bulligen Schläger bald zur Einschüchterung aufs Restaurant ansetzt. Es gibt reichlich Prügeleien, einige stumpfe Gags mit Kochmütze und wütende Sprüche von allen Seiten - nebenbei kommt Curtis auf der Farm der aufreizenden Nancy zur Genesung und hat sie alsbald geschwängert, doch als sein Kumpel Steve ihn wegen Macintosh zur Rede stellen will, reiteriert der in ansteigender Verzweiflung immer wieder nur „You don't unterstand!“. Doch Steve versteht es, ihn dennoch zum Handeln zu überzeugen, indem er an seine Verantwortung als werdender Vater appelliert, eine bessere Welt fürs Kind zu hinterlassen. Man sieht, der Ausdruck an Emotionen und dessen Figurennetz macht schon gehörigen Wirbel im abwegig vermittelten Americana, doch der wahre Clou folgt erst noch. So reagiert unser Ensemble plötzlich auf die Nachrichtenlage zur Islamischen Revolution in Iran um 1979, bei der amerikanische Botschafter als Geisel genommen wurden (siehe auch „Argo“) - was zuvor nach Reagan-Ära aussah, ist nun auf einmal ein Period-Piece. Das echte Nachrichtenfootage kursiert nun innerhalb des Films, zeigt ebenso Anfeindungen gegen iranische Immigranten in den USA, bringt Macintosh und seine Leute sodann dazu, explizit patriotische/fremdenfeindliche Pläne gegen Steves Familie zu schmieden, bis hin zur Aufforderung an den eigenen Sohn, sich nicht mehr mit Jeremy abzugeben. Solche Umstände ergeben die Geheimwaffe des Films, der anhand dessen pointierte Stationen der Angst sowie soziale Missverständnisse angeht, schon die Härte rassistischer Anfeindungen auf dem Schulhof zeigt sowie die Rücksichtslosigkeit der Ressentiments bei den Erwachsenen fortsetzt. Aufrichtige Existenzgründer iranischer Herkunft werden in deren Augen nämlich ebenso gleich Geiselnehmer - ein Shervan hätte meines Wissens nach nie derartig auf jene bitteren Erfahrungen aufmerksam gemacht, die Ausländern im Angesicht kollektiver Vorurteile widerfahren. Schließlich reißt Steve über gleichsam emotional motivierte Umwege allmählich der Faden und so verbündet er sich mit Curtis, Macintosh endgültig das Handwerk zu legen, während dieser dem potenziellen Familienglück von Curtis jedoch einen Strich durch die Rechnung macht und sich das Melodram entkoppelter Zukunft auf alle Parteien ausweitet - sogar auf die von Macintosh! Wer sich an meine Einleitung zum Film erinnert, wird das versteckte Happy End darin sicherlich noch nicht vergessen haben, doch angesichts aller Signale, die den Film zuvor in belanglos amateurhafte (darin natürlich auch charmante) Video-Action-Jagdgründe zu wiesen schienen, kommt das tragische Gewicht doch überraschend stark zur Geltung - selbst wenn ein Hühne wie Steve die Arme zum Neuanfang ausbreitet und im versynthten Pathos noch kräftig am Zeitgeist feilt.




Mensch ey, selbst in der Quote sinnbefreiter Unterhaltung scheint kein Kandidat dieser Woche ohne ein Mindestmaß thematisches Gewicht auskommen zu wollen - ist es denn zu viel verlangt, bei Sinnen betäubt zu werden und nach Art des Hauses „Beavis and Butt-Head“ Richtung Bildschirm kichern zu können? Nun, kurz vor Redaktionsschluss hatte ich doch noch das Glück mit unserem alten Kameraden Arizal, dessen „Strike Commando“ meinen Ansprüchen vollends gerecht wurde. Auf der Grundlage eines übersimplifizierten Rachethrillers setzt der Vietnam-Veteran Richard Brown (Christopher Mitchum) alles daran, seine Familie zu rächen, nachdem diese vom skrupellosen Drogenbaron Hawk (Mike Abbott, muskeldick wie nie) und seinen Handlangern ausgerechnet zum Geburtstag des kleinen Bobby überfallen sowie erschossen wurde. Nun ist Arizal als Regisseur ja nicht nur vom ersten Akt an ein Stück weit hölzern unterwegs, die Gefühlslage jener Ereignisse zu vermitteln, zu denen sich u.a. ein Vorspann à la „Die Rächer hetzen die Meute“ gesellen, das exploitative Prozedere an Vergewaltigungen und Ballereien schnell an der Selbstjustiz-Skala dreht, während eine Portion platten Melodrams ebenso über die Bühne geht. Das ist aber nur die Vorstufe für ein Spektakel an Scheiß-Egal-Mentalität, wie sie im indonesischen Action-Kanon jener Zeit für reichlich delirierende Haltlosigkeiten sorgte. Sobald Brown nämlich einen Killer nach dem anderen hinterherjagt und folglich von der Liste streicht, wird zwischendurch dafür gesorgt, dass jeder niedergeschossen und wirklich alles in die Luft gejagt wird. Die Lust an Schauwerten führt hier regelrecht erst zur Erfüllung der Mindestlänge eines Spielfilms, weshalb selbst Rückblenden Richtung Vietnam gleichsam explodierende Hütten und abgeknallte Bösewichte bereithalten. Die Musik von Billy J. Budiarjo könnte da nicht eintöniger vor sich her dudeln, während visuell die große Sause an Tod und Zerstörung rein von Mitchums zuckendem Auge herrührt, dieser dafür sogar eine Handvoll schlimmer Wortspiele auspackt und generell so talentfrei auf den Rachefeldzug geht, dass Distanz in Übermengen vorherrscht.


Zum Charme ergänzt wird diese Unbeholfenheit dann anhand absurder Ideen im zwischenmenschlichen Umgang, eben à la Scheiß-Egal mehrere Szenarien hintereinander mit Blei zu füllen, jeden Angreifer ohne große Aufregung zu erledigen und mittelschwere Mitstreiter des Verbrechens mehr oder weniger bewusst in den Tod zu schicken, wenn mal nicht die abwegigsten Impulse der Rache auf den Plan treten. Wird Brown da mal mit einem Brandeisen gefoltert, kriegt es ein anderer wenige Minuten später eben in den Allerwertesten geschoben, um mal ein Beispiel zu nennen. Bald kann sich der Film aber auch nicht mehr vor Überfällen retten, wie er sie innerhalb zahlreicher örtlicher Lokalitäten ballt und diese scheinbar ausnahmslos zerstört. Verfolgungsjagden reißen Stände um, lassen die Karren stets explodierend vom Weg abkommen und fahren den einen oder anderen Fiesling auch mal allzu echt um, wenn mal nicht der durch die Frontscheibe eingeschossene Holzstamm fingiert wird. Da helfen auch keine Trillerpfeifen, wenn ein ganzer Bahnhof vom Jäger sowie Gejagten heimgesucht wird, bis diese sich an den Schienen abquälen und so undynamisch wie auch im Gegenverkehr ungesicherter Straßen rattern, dass es umso pointierter kommt, wenn jeder Zusammenstoß Feuerbälle der Extraklasse hervorruft. Infolgedessen verpasst Hawk jedem seiner Kollegen am Versammlungstisch nach und nach ebenso eine Kugel in den Kopf, weil nichts in Sachen Brown läuft, was aber auch daran liegen könnte, dass Mitarbeiterin Julia (Ida Iasha) doppelt gemoppelt under cover dort arbeitet und dem Brownen des Öfteren zur Hilfe kommt. Das geht soweit, dass er sich in sie verliebt und einen Neuanfang planen könnte, während er sich über sein Motorrad mit Raketen und Uzi am Steuer amüsiert. Doch ob die Beziehung bis zum Schluss durchhält, ist in dem Genre eher zweifelhaft. Als Gegenmaßnahme bleibt jedenfalls immer noch der Griff zur nächsten Granate, wenn die Hauptbösen denn nicht mal an den Stuhl gefesselt mit Bomben Bekanntschaft machen und Brown stets sogar mit angeklebten Koteletten verschwinden kann. Zum Schluss geht es allmählich auch zu Felde, wo die Drogenfestungen Hawks kontinuierlich dem Boden gleichgemacht werden und jeder Sprung mit dem Motorrad Brown auf die Füße fallen lässt, bis er Hawk im mehr als antiklimatischen Kampf konfrontiert und dafür auch einen Freifahrtschein von der Polizei erhält. „I was just settling the scores.“ oder so ähnlich, darauf ein Handschlag mit dem Commissioner - eben eine saubere Leistung, dieser grandiose Saftladen an Kintopp-Rücksichtslosigkeit.




FINDET DORIE - "[...] Der Film versucht, sich ihrem Charakter anzupassen, doch seine Verbundenheit zur Vergangenheit hemmt jene Verselbstständigung, wenn Schauwerte und Storyelemente sowohl zum Einstieg einladen, als auch anhand von Subplots und Gastauftritten gehetzt Erwartungen abarbeiten, die sich eher forciert mit Dories Pfad kreuzen. So wie jene Meeresbewohnerin jedenfalls impulsiv vorgeht und aus Geistesblitzen ihr Handeln ableitet, ist die Not zur Selbstfindung zwar motiviert, doch vielerlei erste Schritte dorthin wirken eben Punkt für Punkt wie bereits vor dreizehn Jahren eingetreten. [...] Einiges an Standardisierung wurde dafür in Kauf genommen – sobald man sich aber von all den Zwängen löst, steht das Potenzial für eine herzliche Geschichte über die Hoffnung des Eigenen, des Bestehens von Herausforderungen, dem Ehrgeiz über den Status des Problemkindes hinaus. [...]"



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Bonus-Zeugs:




BAD MOMS - "[...] Eine Geschichte, in der das Spektrum charakterlichen Wandels zeitweise von Pegeln der Zufriedenheit abweicht, um letztendlich in genau dem spießigen Frieden zu landen, in dem man sich zuvor schon befand. [...] Hat man als Zuschauer den Anspruch, dem Kalkulierbaren ausgeliefert nicht der Langeweile zu verfallen? (Muss) jeder für sich beantworten [...], genauso wie die Fragen, ob auf technische Distinktion Wert gelegt oder wie hoch die eigene Humortoleranz eingeschätzt wird, die hier mit dem Üblichen Vorlieb nehmen muss: karikaturenhafte Stereotypen für jedes Geschlecht, mehrmals hinfallende Frauen, abgedroschene Wortgefechte, genitaler Wortschatz, alkoholisierte Zeitlupenexzesse zum Sound der (nicht mehr) aktuellen Hits – alles drin und mindestens so zündend wie eine neue „Simpsons“-Folge. [...] Letztendlich hält der Film in seinen versöhnlicheren Noten einige Überraschungen offen, die dem Leiden der Weiblichkeit einen Vorteil gegenüber einfältigeren Männerfantasien verschafft. [...]"



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AMERIKANISCHES IDYLL - "[...] So unschuldig die Prämisse auch klingt, ist McGregors Umsetzung ein Bündel fragwürdiger Charakterzeichnung und erzkonservativer Ideologien, das im pathetischen Drama auf Extreme der Plakativität setzt [...] Immer nur wenige Schritte vor der Initiierung des Charles-Bronson-Modus, ehe der Vater die Spur aufnimmt, ab und an im Thrillerterrain landet und bald ein Milieu totaler Verwahrlosung vorfindet. Letzteres ist als Stellvertretung linker Tendenzen natürlich zur Apokalypse der Indoktrination geschlussfolgert, dem Anliegen wegen frei von jeder Persönlichkeit, die das familiäre Bilderbuchprinzip dem Kind von vornherein schon nicht zugelassen hat, jetzt aber an verrotteten Zähnen und Gettozugehörigkeit leidet. [...] Die überdramatisierten wie simplistischen Konflikte reißen nimmer ab, als sei der Film so energisch mit der Naivität seines Protagonisten verbandelt, dass nur dessen Perspektive die richtige wäre. [...]"



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