wir lassen uns das Tippen nicht verbieten! Warum denn auch,
hat ja keiner nach verlangt. Aber es steht fest: Ich habe wieder eine neue
Ausgabe für euch parat, was innerhalb letzter Woche so an schicken Movies
zusammenkam. Das beste von allem kam, wie das Sprichwort so schön sagt, eher
zum Schluss, aber auch Anfang der Woche ließ ein tolles Trio binnen des
Minifilmabends dazu bitten, aufmerksam hinzuschauen. Und zwei von jenen via
Siegfried Bendix ausgesuchten Filmen (allesamt anno 2017) hatten letztendlich
den Sprung ins Tipp-Terrain geschafft, aber: Der Einstieg mit „Spider-Man: Homecoming“ glich einer
mittelschweren Katastrophe. Selten hat sich ein Superheldeneintopf so egal vor
einem abgespielt, dass er genauso gut ab seiner Variante der berüchtigten „Fähren-Szene“ hätte anfangen und alles
erzählen können, was ihm eigentlich auf dem Herzen liegt – also knapp 40
Minuten vor Schluss (von über 130!). Und selbst das ist dann auch noch komplett
Banane und sogar weit hinter den Vorgängern in Sachen Charaktergehalt, schier überladen an Nichtigkeiten. Da
wünscht man sich gottlob die Marc-Webb-Bumsspektakel zurück – die hatten
immerhin eine Mindestmenge inszenatorischer Aufregung parat, die hier nun in
der offiziellen Marvel-Zwangsjacke
gänzlich fehlt, luschigsten Baby-Humor reiht und wohl Cosplay-Fetischisten
wegen konstant Spider-Mans Anzüge durcherklären muss, während sein Kumpel keine
Pause unternimmt, zu fragen, wie das Leben als Spider-Man so ist. Das wüsste der
selber gerne, schließlich weiß er sich fast ausschließlich darüber zu äußern,
wie hart er zu den Avengers gehören und sich Tony Stark beweisen will. Es hört
nicht auf, lobet die Anpassung! So redundant natürlich, dass ich auch beinahe
nur einen Gag für die Sichtung über hatte: „Guck
mal, das ist wie „Cop Car“, denn das spielt gerade in einem Auto.“ – ne,
die beiden Streifen sind schließlich von Jon Watts, aber nicht, dass man’s hier
wirklich merken würde. Ob er bei der kommenden Fortsetzung weniger
maximalmiserabel gestalten darf?
Schlimmer als meine Collagen?
Wie dem auch sei, das bessere an der Woche entschädigt für
solch einen Schmarrn, selbst für die Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen,
welche einen meiner persönlichen Favoriten vom letzten Jahr, „The Florida Project“, beinahe komplett
aus dem Wettbewerb verdrängten. Was ich wiederum beinahe verdrängt habe: Meine
Sichtung von „Batman: Gotham by Gaslight“.
Jener weitere Eintrag in die Animationsschiene an DC-Verfilmungen war sich
selbst zwar nicht ganz so egal wie Spider-Man, aber dass die reguläre
Bat-Masche ins viktorianische Zeitalter um Jack the Ripper verfrachtet wird,
klingt eben nicht mal auf dem Papier sonderlich originell. Visuell
unbeeindruckend ist das Ganze sowieso und der Schauplatz des Finales (das
Riesenrad einer Weltausstellung) wird einem schon binnen 10 Minuten Laufzeit
ausgewiesen – für den Endboss hat man sich zumindest etwas mehr einfallen
lassen, aber das reicht für eine Empfehlung gewiss nicht aus. Gutes könnte ich
hingegen noch über „Midnight Special“ sagen,
welcher nach einem etwas doll uninvolvierenden Start Stück für Stück zum
angenehm intimen Genrestück mausert. Mit den Topoi der Erlöserfantasie und
Telekinesis-Science-Fiction spricht man sogar (wenn auch etwas unausgegoren)
auf das Potenzial religiöser Wahrheit an - wohlgemerkt anhand des Individualismus
anstelle orthodoxen Gruppenzwangs. An der Tour und Jagd durch die USA erkennt
man zwar viele Signale von einst wie jüngst wieder, dass man das Konzept
relativ dünn und den charakterlichen Inhalt allenfalls funktionell bewerten
könnte, aber zumindest ich war recht überrascht, wie viel Kraft allesamt dann
doch summieren konnte – allen voran Regisseur Jeff Nichols in der Handhabe
sequenzieller Spannung, gekrönt von den Innereien der Mutterliebe Kirsten
Dunsts.
So, jetzt aber genug an Spider-Man zurückerinnert, wollen
wir zu den regulären Tipps kommen! In diesem Fall würde ich drei von denen
zumindest noch ankreiden, dass sie mit Einschränkungen empfehlenswert sind,
aber interessant waren sie allemal für den gegenwärtigen Schreibprozess. Seid
ihr mit dem eigentlich noch zufrieden oder soll es ab Februar wieder anders
laufen? Könnt ihr gerne beizeiten Bescheid geben, aber jetzt zöger ich’s erst mal
nicht weiter hinaus – Zieht euch die hier rein:
(Yasujirô Ozu, 1959)
(Hong Sang-soo, 2004)
(Andrew Jay Cohen, 2017)
(Noah Baumbach & Jake Paltrow, 2015)
(Richard Eichberg, 1930)
(Martin Guigui, 2017)
Und nun wie bei den letzten zwei Malen auch wieder die
Videovariante der Tipps, falls ihr meine Schreibe beim besten Willen nicht
entziffern könnt:
Alles klar, das war’s für die heutige Ausgabe! Auf eine
Bonussektion müsst ihr dieses Mal leider verzichten (quasi wie die Nasen im
Dschungelcamp grade auf Tabakentzug sind), da ich schon im Intro alle Filme
ausgeplaudert habe, die hier im Abseits noch gesichtet wurden - kommt davon, wenn man mal wieder mehr echte Arbeit zu erledigen hatte, gottseidank! Nicht traurig
sein, ne, denn es geht nächste Woche bestimmt wieder pralle weiter: Der 1.
Filmabend 2018 in meiner Bude findet nämlich statt und 8 Schmankerl stehen
dafür auf dem Speiseplan! Ich hoffe mal selbst, dass ich ausschließlich
Gewinner herangezüchtet habe – ich werde berichten! Bis dahin wünsche ich euch
allen noch eine schöne Zeit und freue mich sowieso auch selbst auf alles, was
da noch kommen mag – damit bin ich engagierter als „Spider-Man: Homecoming“, jo (die Eitelkeit hab ich mir von De Palma
abgeguckt, hihi)!
RÜCKFÄLLE - Der konsequente Abstieg eines Mannes im Wohlstand der BRD, aufgrund von Alkoholkrankheit, war sicherlich kein gern angesprochenes Thema - wie so vieles im Nachkriegsdeutschland bewusst verdrängt und/oder verharmlost wurde. Ohnehin scheint es fraglich, ob überhaupt der gegenwärtige Umgang mit Alkohol viel ernsthafter angegangen wird als es zu der Zeit gegeben war. Peter Beauvais' Film wirkt da von der thematischen Relevanz her nur bedingt in der Vergangenheit verordnet - wenn auch die Methoden der Therapie nicht unbedingt mehr heutigen Standards entsprechen dürften, ist das Verständnis Außenstehender für die Problematik des krankhaften Alkoholikers auch weiterhin nicht die Regel. Bei solch einer Einleitung könnte man jetzt vermuten, dass sich „Rückfälle“ unter Umständen als mahnendes Plädoyer verstehen müsste; vielleicht sogar als reißerisches Aufklärungs-Melodram, an dem spekulative Extreme unvermeidbar sind. Glücklicherweise ist dem nicht so. Die Inszenierung von Beauvais zeichnet mit behutsamer Beobachtung und gänzlich ohne stilisierendes Beiwerk ein geradliniges Alltagsbild, an dessen natürlichen Begebenheiten das eine zum anderen führt und sich bei Hauptcharakter Manfred (Günter Lamprecht) allmählich zum Rückfall in die Alkoholsucht manifestiert.
Anfangs legt er es noch darauf an, diese in der Vergangenheit zu belassen, doch die Vorsicht ist sein ständiger Begleiter wie auch der Reintegration in eine soziale Festigkeit mit Zerbrechlichkeit begegnet wird. Und während er seine bescheidene Fassung aufrecht zu erhalten versucht, pflegt jeder vor ihm (gar nicht mal böse gemeint) den normalen freimütigen Umgang mit Alkohol; redet seine Probleme im Vergleich mit der eigenen Erfahrung zum Spiritus klein und versucht Verständnis, ohne es eben wirklich versuchen zu können. Stützende Lebenspfeiler wie Job und Ehe sind ihm gegenüber dementsprechend ebenso brüchig. Vor allem Ehefrau Eva (Veronica Bayer) trägt merklich die Ungewissheit der Zukunft mit sich; im Verhältnis mit Manfred kommt es somit unausweichlich zu Konflikten wie er gleichsam in eine seelische Sackgasse gerät. Es ist nun mal schwierig, Mut zu fassen, wenn alles im Argen liegt; wenn man dem gängigsten Ventil zum Frustabbau entsagen muss, um sich selbst retten zu können, obwohl es von überall auf einen einschlägt. Beauvais muss gar nicht mal gesondert darauf hinweisen, wie die Zeichen der alkoholisierten Verlockung auftauchen - die hängen schlicht omnipräsent im Detail herum, gehören zum öffentlichen Bewusstsein wie Verkehrsschilder und sonstige Reglements des Alltags.
„Rückfälle“ legt es eben auch nicht darauf an, dass der Alkohol möglichst propagandistisch als Wurzel allen Übels erkannt und eliminiert wird. Abhängigkeit ist nun mal eine menschliche Eigenschaft, weshalb hier nah am Menschen gearbeitet und gezeigt wird, wie sich die unausweichliche Selbstdestruktion anbahnt; wie trotz Ansatz zur Hilfe nicht genug Entschlossenheit geübt wird, um eine Veränderung zu erwirken. Eine Lösung kann der Film in dem Sinne auch nicht anbieten, sondern schlicht zeigen, wie tief es geht und wie wenig man sich auf sich selbst und andere verlassen kann, dass alles irgendwann gut wird. Da kann man „Rückfälle“ unter Umständen Pessimismus ankreiden, nicht aber Voyeurismus. Er stellt nur genauso hilflos dar, wie seine Charaktere hilflos sind; verdeckt weder den Schmerz Manfreds noch jenen, den er seinen Mitmenschen antut. Beachtlich ist, dass die Regie dabei aber auch ohne Drastik oder Aufgeregtheit vorgeht. Günter Lamprecht ist es da zu verdanken, das seine Figur in keinen leichten moralischen Kästen identifizierbar wird; weder Märtyrer noch Testsubjekt darstellt. Sein Charakter sucht schlicht Anschluss und Hilfe, findet nur das Menschenmögliche und verliert allmählich den Halt zu sich selbst. Die Abhängigkeit hält ihn dabei eben gefangen, meldet sich wie ein Reflex zurück und zerstört psychisch wie physisch. Schuld und Willenskraft spielen da gewiss auch Rollen, doch unter den realistischen Bedingungen des Films bleibt der dramaturgisch absehbare Verlust derer glaubhaft und nicht einfach nur narratives Mittel zum Zweck.
Was vielleicht nicht vollständig überzeugt, ist der Gebrauch von Manfreds Filmrissen, bei denen er erst zum wiederholten Male im Nachhinein seine destruktive Seite erkennt und in passend konfrontierenden Momenten einen Schock über sich selbst erfährt, wie es eher dem berechenbaren Drama zuzuordnen ist. Abgesehen davon fesselt die TV-Produktion durchweg mit respektvoller Methodik und einer Empathie, die nicht anbiedern oder konstant im Elend betteln muss, um die brutale Lage der Hauptfigur vermitteln zu können. Dass zum Ende hin nochmal verstärkt gelitten wird, kratzt dann vielleicht doch etwas am größtenteils gemäßigten Ton. Gleichsam entgeht man aber auch einem Kompromiss, durch den der Ernst der Lage sonst nicht offen genug behandelt würde. Es macht den Film gewiss nicht einfacher zu verdauen; bemüht arbeitet er sich dadurch aber noch lange nicht ab. Wenn man will, kann man sich auch einfach im Zeitkolorit verlieren, das Ensemble kennen lernen und den Weg zur menschlichen Entgleisung umso stimmiger nachvollziehen - Genug Gelegenheit wird einem dafür ja geboten. Solange man als Zuschauer von der eigenen Welt und ihren Menschen einigermaßen Bescheid weiß, wird das Verständnis zum Film so oder so gelingen. Eine Überwältigung wird man vielleicht nicht erfahren, doch die strebt er auch gar nicht an, wie er auch weder etwas verspricht noch irgendetwas aufdeckt, was man nicht schon längst von selbst erkennen müsste. Gerade deshalb muss es ihn geben - auch, weil sein Abbild der Vergangenheit noch keineswegs gänzlich der Vergangenheit angehört.
THE NIGHTMARE - Rodney Ascher kehrt nach seinem
kontroversen Verschwörungs-Spaß „Room 237“ mit einer
Dokumentation über Schlafparalyse zurück, wie sie nur von ihm
kommen kann. Acht Opfer der Störung im Traum melden sich dabei zu
Wort, während Ascher die Eindrücke und Geschichten mit intensiven
Nachbildungen an den Zuschauer heranträgt. Der Horror der
Machtlosigkeit gegenüber Schatten, Formen und Geräuschen in jener
intimen Sphäre des Bettes, welches im Kopf zur unfreiwilligen Falle
wird, ist eben auch nicht nur ein gruseliger Gedanke, sondern auch
audiovisuell recht ergiebig. Die Spannung erbaut Ascher somit ganz
natürlich aus der stationären Beobachtung, welche in der steten
Erwartung des Unbekannten sowie immens real wirkender Traumgebilde
nimmer zur Ruhe kommt und sich den Schlafgestörten wie dem Zuschauer
bemächtigt.
An dem aufrichtigen Erfahrungsaustausch
der Befragten, zu denen Ascher ebenso als Leidtragender beitragen
kann, kommt sodann auch zum Vorschein, wie sich spezielle
Eigenschaften der mentalen Erscheinungen bei jedermann gleichen und
auch in so ziemlich jeder Kultur auftauchen. Sowieso bleibt die
Suggestion, das es jeden treffen und sich eben auch wie eine fixe
Idee bei solchen einnisten kann, denen man im Detail von dieser
Erfahrung berichtet: Eine vierte Dimension, aus der man teilweise
glaubt, nimmer erwachen zu können (Todesfälle sind nämlich auch
keine Seltenheit). Dieser angsteinflößenden Form des Kopfkinos
kommt Ascher gerne unterstützend nach und macht dabei allzu effektiv
darauf aufmerksam, wie ein derartiges Erlebnis verstören kann und
warum jene davon befallenen Individuen in der Hinsicht ernst genommen
und Hilfe erhalten müssen - ohne dabei nochmal gesondert anbiedernd
auf die Nötigkeit derer hinweisen zu müssen; der erhaltene Eindruck
sollte schon reichen. Denn die Selbsttherapie, wie sie ebenso
thematisiert wird, verstärkt den Impuls der Paralyse nur, da dieser
sich anpassen kann. Kein Wunder, wenn dies vom eigenen Hirn und dem
unweigerlich ständigen Gedanken daran in Gang gesetzt wird.
Nun ist Aschers Film aber weder
Plädoyer noch melodramatisches Rührwerk. Stattdessen erklärt er
den Horror eben auch mit dem (geschickt genutzten) Regelwerk des Horrorfilms, weil die
Befragten ebenso eine Verarbeitung und Verbundenheit im Horrorfilm
finden - ob nun bei „A Nightmare on Elm Street“, „Insidious“
oder sogar „Natural Born Killers“. In dem Sinne legt es Ascher
vor allem dementsprechend darauf an, den Schrecken in all seiner
Unschlüssigkeit und Härte zu veräußerlichen, teilweise mit
pointiert surrealen Sequenzen wie auch mit Jumpscares und
äußerst expliziten Schockmomenten - eben so, wie es erlebt und
nacherzählt wird. Wäre da eine subtilere Aufarbeitung nicht genauso
wirkungsvoll? Wahrscheinlich ja. In dieser mitreißenden und ganz
bestimmt auch bewusst reißerischen Form zieht die Erfassung des
Phänomens auf jeden Fall ihre schauderhaften Register auf und
hinterlässt auf jeden Fall reichlich Ermattung.
FLASHDANCE - Gib Adrian Lyne ein Tanzdrama und es
wird das erotisch aufgeladenste Genre-Werk seiner Ära. „Flashdance“
ist in dem Sinne schon ein optisch schwüler Genuss, an dem die
Ekstase der choreographierten Bewegung ihr Ventil findet. Dafür
steigen mehrere Variationen jener Kunst ins Blickfeld und reißen
sich mit einer Handvoll knackiger Hits um die Erfüllung der
individuellen Herzenssache. Zentral dafür versucht die
achtzehnjährige und immens sympathische Alex (Jennifer Beals) einen
Start aus der Nachtbar und dem Stahlwerk hinaus; kämpft aber auch
mit Selbstzweifeln und bürokratischen Hürden wie auch ihre
Freundinnen mit ähnlicher Begabung am Traum zerbrechen. Das Drehbuch
von Tom Hedley und Joe Eszterhas zeigt ein dementsprechend sleaziges
Milieu als Alternative wie auch das sonstige Ambiente in Pittsburgh
dem Zerfall entgegen läuft. Es geht unmissverständlich bitter zu,
doch ein Film namens „Flashdance“ strebt natürlich nicht
nach überbordender Traurigkeit, wie er auch kein Glück vorheuchelt.
Liebe lässt sich für Alex in
Vorarbeiter Nick (Michael Nouri) finden; ihr Loft in einer
verlassenen Fabrik ist geräumiger als meine Wohnung; Mentorin Hanna
(Lilia Skala) bekräftigt sie, das Tanzen weiter zu verfolgen und
zumindest die Annahme beim Konservatorium zu versuchen; Pitbull
„Alter“ hat für jede Situation die goldigsten Reaktionen
parat; Kollege Richie (Kyle T. Heffner) dafür richtig lumpige
Polenwitze. Die kann eine erstklassige Berliner Synchro noch retten
wie ohnehin ein ungezwungener Dialog zwischen allen Parteien zustande
kommt. Das erfrischt ganz nach der Methode einiger unbedarft
eingestreuter Breakdance-Sequenzen und Spiele mit Polizei-Lotsen;
zudem ist Alex nicht verlegen, ihre Hormone auszuleben. Regisseur
Lyne nimmt solche Avancen mit kecker Erotik wahr, wobei seine
Inszenierung durchweg mit Luftfeuchtigkeit punktet - ob nun anhand
von nassen Straßen, schwitzigen Gesichtern und Körpern oder
herunterstürzenden Wassereimern: Es geht heiß zur Sache und mit
rhythmischer Energie in das Lichtgewitter der achtziger Jahre.
An Strobo-Effekten und Nahaufnahmen in
der Hüft-Region wird dabei ganz nach Lyne's Art auch nicht gespart;
der Schauwert der Körperbeherrschung ist dennoch stets formvollendet
im Fokus, selbst wenn sich die Hoffnung in die Nacht entlässt. Dann
laufen die Tränen nämlich den Hals runter und dürfen sofort zarte
Hände des Verständnisses spüren. Solche einfachen und ehrlichen
Gesten sieht man gerne bei einem gleichsam einfachen und ehrlichen
Film, der Charaktere wie Stil liebevoll behandelt, ohne forcierte
Bemühung auszustrahlen (abgesehen von der Bemühung, die unsere
Protagonisten ansetzen). Manchmal lässt sich eben alles mit
bescheidener oder eben stilsicherer Größe sagen, da ist Lyne so
eigen wie aufregend und empathisch. Allzu bezeichnend reflektiert
sich das im Songtext zu Irene Caras „What a Feeling“: „First when there's nothing, but a slow glowing dream,
that your fear seems to hide, deep inside your mind - all alone, I
have cried, silent tears full of pride, in a world made of steel,
made of stone - well, I hear the music, close my eyes, feel the
rhythm, wrap around, take a hold of my heart.“
SINDBAD - HERR DER SIEBEN MEERE - Obwohl dieser Film nach einer verzwickten Vorproduktion in die
Hände von Regisseur Enzo G. Castellari gelangte, ist die
ursprüngliche Handschrift Luigi Cozzis durchweg zu spüren.
Schließlich ist sein Herkules-Darsteller Lou Ferrigno prominent als
Titelheld vertreten, während der Elan der eskapistischen
Grenzenlosigkeit zum beglückenden Abenteuer zwischen Fantasie und
Unvermögen einlädt. Der ungenierte Quatsch fängt da schon im Intro
an, das Edgar Allan Poe als Ideengeber des folgenden Narrativs
ausweist; führt sich sodann in einem milchigen Mädchenzimmer-Set
fort, wo eine Mutter ihrem Kind zum Einschlafen vom eineinhalb
Stunden langen Abenteuer des „Herrn der sieben Meere“
erzählt. Dieser kämpft fortan mit seinen plakativen wie vergnügten
Freunden um das Wohlergehen der ehemals glückseligen Stadt Basra,
die unter der magischen Fuchtel Jaffars (John Steiner) zum Trauertal
verkommen ist, wobei dieser zudem die Liebe zwischen Sindbads Freund
Prinz Ali und der Prinzessin Alina (zwei Namen wie zur Einigung
geschaffen) gefährdet. Um der Übermacht Jaffars Einhalt zu
gebieten, gilt es nun also vier magische Steine zu finden, die über
die Weltmeere verteilt sind und größtenteils von Untoten sowie
verzauberten Amazonen bewacht werden. Dabei geht es wohlgemerkt mit
ruppigem Gestus zu, weshalb Ferrigno Muskeln wie Mimik drollig
spielen lassen kann und vor allem im deutschsynchronisierten
Sprüchelager für unschuldigen Machismo-Charme sorgt.
Seiner Kraft sind dabei scheinbar keine Grenzen gesetzt, kann er
doch nicht nur Legionen von Zombies vermöbeln und selbstverständlich
Lasersteine bedienen, sondern ebenso Schlangen zureden, dass sie ihm
als Seilformation aus einer Höhle helfen. Da muss er es sich auch
nicht verkneifen, indiskret siegessicher in die Kamera zu schauen und
wie ein Wrestler seinem Rivalen Jaffar die Meinung zu geigen. Der
verlässt sich als Gegner nun mal hauptsächlich auf seine dusselige
Lache, Connections in der Unterwelt sowie schwarze Magie und
versucht es daher gar nicht erst, mit Persönlichkeit oder gar einer
nötigen Rasur zu punkten, so wie er das Herz von Alina erobern will.
Stattdessen gedenkt er eine obskure Apparatur gebrauchen, durch die
sie gefügig gemacht wird - doch wie alles an seinem Plan wird auch
das schief gehen. Cozzis Konstrukt des Sindbad-Märchens gibt nun mal
zu verstehen: Mit künstlicher Liebe zum Sujet bringt man es einfach
nicht. Herrlich charakteristisch für einen Film, der mit einem
frohlockend anpackenden Ensemble aufwarten kann, das sich durch
schmucke Kulissen und marode Schergen durchboxt, selbst wenn oder
gerade weil im Hintergrund anachronistische Kräne, Wolkenkratzer,
Etiketten auf Sanduhren und Autowagen vorzufinden sind - dem
exzellenten Blu-Ray-Bild sei dank.
Schließlich geht es um das Abenteuer an sich und das findet sich
gerne in der Naivität klassischer Ray-Harryhausen-Epik wieder, wie
auch überhaupt die Klammer der familiären Erzählung den Zauber des
fantasiefördernden Geschichtenerzählens verinnerlicht (und gerne
mal Charakterisierungen wie Handlungsentwicklungen beiläufig hinweg
erklärt). Ganz gleich, mit welchen Mitteln man da auskommen muss:
Der Enthusiasmus zur gutmütigen Heldenbildung behält seine
Gültigkeit und kann gerade in diesem Rahmen einer italienischen
B-Movie-Produktion goldig überzeugen. Und weil alles daran in
seiner exaltierten Mickrigkeit reichlich Muskeln aufpumpen kann, gibt
es zudem starke Synthie-Rhythmen wie schimmernde
Zeichentrick-Effekte dazu, bei denen das Herz eines jeden
Junggebliebenen aufgehen dürfte. Ferrigno hat dafür natürlich auch
ein keckes Lächeln parat, wobei er sich ebenso entschlossenen Mutes
in pappige Showdowns altertümlicher Mystik stürzt. Unter den
Bedingungen wird aber auch jeder aufgeregter Zugriff zur Pointe,
weshalb der Spaß eigentlich nur selten zum Halten kommt.
Für Cozzi-Verhältnisse könnte der unterhaltsame Wahn aber noch
weiter gehen und sollte im ursprünglichen Drehbuch sogar zum Mond
führen (landet hier ferner bei der eher mäßigen Liebesgeschichte mit Kyra und ihrem spackigen Heißluftballon-Dad). Unter den Sparmaßnahmen der Produzenten gibt es stattdessen
leicht repetitives Faustgemenge, wozu die bunte Mischung von Sindbads
Kollegium (u.a. ein Wikinger, ein Chinese und ein Zwerg) noch gewisse
abwechslungsreiche Dresch-Varianten beitragen kann. Gleiches gilt für
einige schleimige Monster und spekulativ vergrößerte Piranhas, wie
sie erst Ende der achtziger Jahre von der italienischen Filmindustrie
losgelassen wurden. Man merkt es auch am Gesamtfilm an sich, wie er
beinahe schon als letztes Überbleibsel einer Ära steht: Unbeholfene
wie ungenierte Genrekost für Liebhaber eskapistischer Sausen im
Plumpformat; für ein internationales Publikum mit Schauwerten der
dummdreisten Schaffensfreude ausgestattet, auf dass der Ernst
krepiert, der ehrliche Spaß jedoch mitten ins Herz trifft. Ging bei
Cozzis „Herkules“ aber noch stimmiger auf, da muss Castellari
noch einiges (bzw. seit „Zwiebel-Jack räumt auf“ eigentlich gar
nichts mehr) lernen.
P.S.: Diese Woche habe ich nochmal Luigi Cozzis „Astaron - Brut des Schreckens“ (1980) gesichtet, welcher in etwa dieselben eskapistischen Qualitäten eines jeden Cozzi-Werkes innehält und diese in ein angenehmes wie plakativ schockierendes Sci-Fi-Horror-Abenteuer zwischen New York und Kolumbien steckt. Längen werden dementsprechend mit Naivität erheitert und sorgen ansonsten im Trivial-Rock mit Wunder-Score von >>The Goblin<< für retroaktive Liebe. Mehr distinktives Schreibgut ist mir dazu jetzt nicht eingefallen, dennoch bleibt eine klare Empfehlung für diesen oft gesehenen Effektspaß der achtziger Jahre, nachdem man sich sagen wird: Das könnte ich auch! In diesem Fall möchte ich Euch zudem die alte Marketing-DVD ans Herz legen (ich bin selber recht schockiert!), welche die deutsche Kinofassung im schicken Transfer bereithält und in jener Fassung ein knackigeres Tempo verfolgt als das Original. Wie schön das Leben doch wäre, gäbe es jenes Master auf Blu-Ray. Dabei kommt der Film ohnehin demnächst als Import-HD, aber ohne die Synchro Harmut Neugebauers scheint es mir nur halb so schön. Aber erstmal genug davon, weiter zum nächsten Film.
ALLES STEHT KOPF - Ja, es ist wahr: Bei diesem offenbar allseits beliebten Neuling von Animations-Elite Pixar kann man irgendwie nur auf hohem Niveau meckern. Schließlich schafft der allgemein gehaltene Spaß für Jung und Alt in beachtlich fokussierter Effizienz genau das, was er durchweg mit respektvoller Note ansetzt und ausführt: Eine fantasievolle Visualisierung gedanklicher Prozesse als Abenteuer der Emotionen. Und was da alles für Gefühle reinpassen sowie im Wechselspiel clever abgestimmt und schlagfertig konfrontiert werden. Ohnehin: Was für ein kompaktes Drehbuch, an dem sich diese Umsetzung des ganzen Gedankensystems mit grenzgenialer Leichtigkeit vollzieht; wo die Stationen des Kindseins mit veständnisvoller Unterstützung aufgearbeitet werden. Insgesamt also eine geglückte Filmerfahrung, an dem die ganze Familie teilhaben kann. Doch an einigen Sachen hapert es ja immer irgendwo, selbst wenn die Oberleitung von Disney stets den Dreh raus hat, allgemein gelungen zu unterhalten. Wenn man aber als erwachsener Mensch über das Geschehen nachdenkt, kommt man nicht drum herum, einige mehr oder weniger subjektive Schwächen zu finden.
Jetzt kann man ja sagen: Ist eh ein Film für Kinder, nicht drüber nachdenken. Das Ding ist aber, dass „Alles steht Kopf“ mit seiner Verarbeitung des Ganzen und den Assoziationen, die man als Zuschauer im Umgang damit wiedererkennen soll, eben verstärkt Erwachsene anspricht. Da wird komplexe Psychologie in eine treffsichere Erklärung verpackt, die an Kindern allerdings eher vorbeigehen wird, weshalb denen schließlich nur das bunte Abenteuer bleibt. Und dieses vermittelt womöglich auch nicht die stimmigste Botschaft. Schließlich scheint es ja so, als ob man nach Theorie des Films nur bedingt die Kontrolle über seine Emotionen haben könnte; dass diese schlicht von fünf Wesen im Kopf gesteuert werden und sogar motorische Erinnerungen beeinflussen (und wo nur der erwachsene Zuschauer die metaphorische Funktion darin erkennt). Wobei nicht mal wirklich festlegbar ist, ob diese auf die selbstständigen Handlungen ihres Wirtskörpers reagieren oder dessen Reaktionen selbst auslösen. Da hat man es wieder: Ein Fantasy-Film, an dem man Logik überlegen will. Ich finde das ja an mir selber auch nervig und wünschte, ich könnte das Gezeigte einfach so akzeptieren - doch wenn es ein Film nun mal darauf anlegt, in unsere Köpfe zu steigen (nicht nur in den eines kleinen Mädchens) und das Abstrakte am menschlichen Gehirn derartig zu verallgemeinern, ist Wiederfindung unausweichlich.
Da merkt man auch, wie einfach es sich der Film macht, was am geradlinigen Konzept sicherlich noch die sicherste Variante ist, aber nun mal nicht die Schwelle zur Umkehrung der Erwartungen überschreitet. Hauptsächlich geht es nämlich darum, wie die anfangs entschieden plakativen Emotionswärter auf etwas reagieren, was sie sehen. Und da bleibt allein schon der Humor etwas zu sehr auf einer Pointe stecken, an der jeder nacheinander seinen kalkulierbaren Senf zu einer Situation abgeben darf. Humor ist natürlich subjektiv und wird hier im Rahmen des Handlungskonstrukts sowie seiner Möglichkeiten gut abgeglichen verarbeitet - doch das Arbeiten mit Grenzen ist nicht immer von Vorteil; speziell, wenn es noch darum geht, die Komplexitäten der Vorstellungskraft verständlich zu machen, was sie zwangsläufig einschränkt. Daraus wird dann auch wieder ein drolliger wie aufrichtiger Cartoon, der das Schwierige zum Einfachen transformiert. Doch irgendwann fragt man sich dann schon, ob das die richtige Methode ist; ob man nicht doch etwas daran offen lassen könnte, wie Menschen funktionieren und mit welcher Berechnung Gedanken wie Emotionen und Fantasien (und somit auch der Filmplot) zusammenkommen können.
Auf diesem Wege wäre es theoretisch auch gar nicht mal verkehrt, „Alles steht Kopf“ von Kindern fernzuhalten; allein daher, mit welcher Leichtigkeit er eigentlich jede Persönlichkeitsfindung pauschalisiert. Jedenfalls scheint das sein eingeschlagener Weg zu sein, der sicherlich gar nicht mal böse gemeint ist und trotz allem mit einem Gros an Kreativität ausgestattet ist. Der Film will nur helfen und vermitteln, warum das Leben angenehme wie unangenehme Gefühle braucht, um mit Eindrücken und Veränderungen zu wachsen. Wenn sich doch nur alles so einfach erklären ließe. Ist aber nun mal nicht so. Vielleicht erklärt das meine zwiegespaltene Haltung zu diesem wirklich mehr als souveränen Kunststück menschlicher Erfassung. Vielleicht versucht er auch einfach für meinen Geschmack zu sehr, ein Konzeptfilm zu sein, als wirklich etwas über seine Selbstdefinition der inneren Mechanismen hinaus erzählen zu wollen. Und gerade was er darin erzählt, sollte man nicht so einfach hinnehmen - bei aller Liebe zur wunderschönen Animationskunst. Mit diesen Gedanken im Sinn, möchte ich aber nicht von der Ansicht des Films entmutigen, selbst wenn ich meine Probleme damit hatte. Vielleicht hilft es, das Gesehene mit gleichgesinnter Leichtigkeit zu akzeptieren und einfach nicht genauer zu hinterfragen, was denn seine Absichten sind - wenn es denn geht.
P.S.: Wo wir schon bei überhypten "Meisterwerken" sind, muss ich mich leider auch dahin gehend outen, dass ich „Augen ohne Gesicht“ (Georges Franju, 1960) diese Woche gesichtet hatte und nicht allzu viel Zauber abbekam. Ich spür jetzt schon den Hass auf meine Filmkompetenz, aber wer den gesamten trockenen Leerlauf zwischen den wahrlich reizvollen Höhepunkten noch immer als atmosphärische Poesie bezeichnen will, der sollte sich doch lieber mal in die Wunderwelt Jean Rollins verlieren. Nicht, dass Franjus Film deswegen schlecht wäre oder als französischer Genrefilm nicht wegweisend wäre, doch einerseits verläuft er leider etwas doll saft- und kraftlos und lässt gerade die schönsten Sachen an sich vorläufig aus den Augen - siehe Christianne an sich sowie die Hunde im Keller -, um lediglich schleppendes Krimi-Prozedere aufzuzeichnen. Die Operationsszene hat natürlich noch immer Kraft, doch nach derartigen Ekstasen muss man hier schon betteln, trotz realtiv kurzer Laufzeit. Genug gemeckert, der nächste Film wartet schon:
BRADBURY UND DER FLUCH DER TODESHÖHLE - Ein italienischer
Indiana-Jones-Verschnitt, welcher allerdings im gehetzten
Unterhaltungspegel an fehlender Kohärenz und maximiertem Honk-Witz
kaum zu überbieten ist. Unnachgiebig ausgestattet mit einer
plakativen Bösewicht-Fraktion, einem haltlos naiven Weltbild der
Geschlechter im Reißwolf des Dschungels sowie kostengünstiger
Wahnsinns-Action, geht der Film aufs Ganze, ohne jemals einen Ruhepol
zum Einfinden anbieten zu können. Statt dessen türmen sich markige
Sprüche, Stimmungsschwankungen zwischen Abenteuer und Macho-Fantasie
bis hin zur psychotronischen Hysterie und Selbstverständlichkeit
erotischer Anziehungskraft sowie Gummi-Effekte am laufenden Band.
Regisseur Gianfranco Parolini gibt seinem Comic-Menschen namens
Clifton Bradbury III., auch bekannt als „Inka-Man“ (Luigi
Mezzanotte), schlicht die Bühne frei und inszeniert um ihn herum ein
haltloses Spektakel des spackigen Wahnsinns - Hauptdarstellerin Kelly
London hat es da im Vergleich als Partnerin Linda Logan eher schwer,
einen Eindruck jenseits ihrer erregenden Figur zu hinterlassen. In
der dringlich bewegten (und trotzdem einigermaßen unschuldigen)
Zusammenarbeit beider gilt aber auf jeden Fall: Je länger man mit
drin hängt, desto erschöpfter wird man; je weniger man versteht,
desto besser. Denn was dann an Lachern zusammenkommt, ist kaum zu
beschreiben - erst recht, wenn Alkohol mit im Spiel ist, ja sogar im
Spiel sein muss. Das einzige, was man in so einem Fall noch machen
kann, ohne den ganzen Reiz toterklären zu müssen, ist erneut der
Verweis auf den verdammt schönen Trailer, der hier in aller
eskapistischer Schrägheit begeistert:
TURM DER SCHREIENDEN FRAUEN - Wie schnell Bert I. Gordon doch zur
Sache kommt: Ehe eine stimmige Charaktereinführung von statten gehen
kann, entfesselt „Der Turm der schreienden Frauen“ seine
mörderischen Kräfte im reißerischen Schwarzweiß. Zumindest so
reißerisch, wie es die ausgesprochene B-Movie-Produktion des
Ganzen ermöglicht. Was dementsprechend an horriblen Effekten
quälender Geister zusammenkommt, ist schon einigermaßen lachhaft
wie beglückend charmant. Und weil jene Effekte befriedigend sowie
spärlich eingesetzt werden, liegt der Fokus zur Entzückung aller
auf Tom Stewart (Richard Carlson), welcher die Affäre mit der
heißblütigen Vi Mason (Juli Reding) anhand unterlassener
Hilfeleistung tödlich beendet und fortan von der Schuld sowie ihrem
intriganten Geist verfolgt wird. Ganze 75 Minuten dauert sodann die
spannende Verfolgung ums flache Strandgebiet, weshalb ein
außerordentlicher Kurzweil die psychologische Hysterie Toms
begleitet und mit plakativen, beinahe pointierten Dialogen aufwartet.
Dabei belässt es der gepeinigte wie schuldige Tom nicht nur bei der
spirituellen Vi, wenn es darum geht, der Weiblichkeit mit Schwäche,
Lüge und egoistischer Mordlüsternheit entgegen zu kommen. Allen
voran die Wahrung einer familiären Einheit mit seiner Verlobten Meg
(Lugene Sanders) und ihrer kleinen Schwester Sandy (Susan Gordon)
geht er so nervös und verdächtig an, dass selbst die blinde
Nachbarin Mrs. Ellis (Lillian Adams) ihm ansieht, wie wenig Kontrolle
er vorzeigen kann. Dieser kontinuierliche Zerfall moralischer
Festigkeit beim „besten Jazz-Pianisten der Welt“ unterhält
durchweg; findet eben auch seinen Spaß am Konzept ohne Ablenkung,
das zwischen Pulp, Piano und Paranormalität als mörderischer Reigen
filmischer Naivität bockt. Viel schöner als erklärende Worte zum
Film dürfte allerdings dessen Trailer wirken, weshalb er hier in
aller Schönheit präsentiert werden muss:
A DEADLY ADOPTION - Wirklich gelungene Parodien kommen
zusammen, wenn bei der Emulation des ursprünglichen Subjekts auf
Glaubwürdigkeit gesetzt wird - selbst wenn man dabei ein vollkommen
entbehrliches Spielfilmformat derartig stimmig repliziert, dass alle
dessen Schwächen mitgeliefert werden. In diesem Fall erlebt man also
auf dem Lifetime-Sender einen waschechten Lifetime-Film,
der aber von etablierten Komödianten erdacht und besetzt ist. Selbst
wenn man sich hierzulande nicht speziell mit der Marke Lifetime
beschäftigt, ist man mit derer Art von Output als erfahrener
TV-Zuschauer längst vertraut: Das routiniert heruntergekurbelte
Thriller-Prozedere, welches mit geringstem Widerstand auf den
anspruchslosen Nervenkitzel abzielt und dabei mit flach eindeutigen
Charakterisierungen wie Dialogen zum melodramatischen Klimax ansetzt
- audiovisuelle Zweckmäßigkeit und spekulative Psychologisierung
inklusive. „A Deadly Adoption“ ist sich dessen allzu sehr bewusst
und kann daher vielleicht nicht denselben Charme einer unfreiwilligen
Komik vorweisen. Doch anstatt dessen, dass der Film versucht, auf den
Humor der schlechten Qualität hinzuweisen oder auf absurde Spitzen
zu treiben, spielt er sich gnadenlos straight-faced durch.
Will Ferrell und Kristen Wiig arbeiten
sich in dem Sinne per gemäßigten Spiel an ein Drehbuch heran, das
bis zum Anschlag mit Klischees gefüllt ist wie es auch eine
Zwischenmenschlichkeit aufzeichnet, in der jeder Satz geradezu
ökonomisch zum nächsten Anhaltspunkt der dramaturgischen Relevanz
kommt. Doch selbst jene Dialoge legen sich in all ihrer
Unnatürlichkeit niemals als blanker Witz offen, wie auch die
Zuspitzung der Ereignisse zwar hanebüchen, aber niemals zu absurd
verläuft. Tatsächlich ist die innere Charakterentwicklung, mag sie
noch so trivial sein, sogar stimmig aufgebaut - eben objektiv ein
ganz legitimes Standardprodukt und kein gewollter
Schrott-mit-Ankündigung. Der Spaß entsteht eben dadurch, dass sich
Ferrell und Wiig dem Reigen der Einfältigkeit dermaßen anpassen,
dass der Zuschauer unweigerlich zum brüllend komischen Kopfkino
verleitet wird, inwiefern sich diese Epigonen der Komik
zusammenreißen mussten, um dieses höchst kalkulierende Einwegdrama
über die Bühne zu bringen. Ihr Schauspiel zu beobachten, ist dabei
ein Genuss, der wohl nur von der ausgelebten Ironie übertroffen
wird, mit welcher die Zwei ihre streng ironiefreien und somit umso
gestelzteren Figuren auftragen.
Das gilt natürlich ebenso für den
irrwitzig-konstruierten Kollegen voller Nettig- und Aufmerksamkeit,
Charlie (Bryan Safi), wie auch für die Darstellerin der mysteriösen
Leihmutter Bridget, Jessica Lowndes, welche ein ebenso glaubwürdiges
Bild zu einer stetig hysterischeren Femme Fatale abgibt. In
ihrer Qualität bestehen erst recht keine Unterschiede mehr zum real
thing, weshalb sie sogar eher ins Programm reinpassen würde, als
die bewusst absurde Note der Anwesenheit Ferrells und Wiigs. Wohl
auch deshalb kommt der Eindruck bei „A Deadly Adoption“ irgendwie
nie ganz soweit zustande, dass man ihn vom Restbestand der
Lifetime-Schmiede auseinanderhalten könnte. In gewissen
Zeitpunkten macht er eben auch dumpfe und lange Plätscher in
Richtung Spannung; die Emulation kann eben nur in ihrer
Vollständigkeit gelingen. Aber wenn sie gelingt, dann mit
schallendem Gelächter aufgrund der meisterhaften Entbehrung zur
Entbehrlichkeit. Und wenn das nicht reicht, beseitigt der
Happy-End-Dance alle Zweifel.
HAPPENING - Jemand muss mal die Musikauswahl der
Filme Alan Vydras zusammenfinden. So wie er hier nämlich schon
anfängt und seine Carolyn Grace im Neonlicht der urbanen Nacht nach
der Ekstase suchen lässt, hat schon etwas Beschwörendes, das durch
elektronische Impulse zur vereinnahmenden Sehnsucht wird. Dabei ist
dieses Intro auch die dringliche Fantasie unserer Hauptprotagonistin,
deren Ehe mit dem lyrischen, doch altertümlichen Gatten Paul stets
in sexueller Langeweile endet. So flüchtet die schüchterne, doch
unerfüllte brünette Schönheit in Eroberungsfantasien sowie
Tagträume mit Männern wie Frauen, oftmals auch mit ihren aktiveren
Freundinnen als Ersatzakteure ihrer insgeheimen Lust auf mehr. Vydras
Inszenierung und Drehbuch stellt die hin- und hergerissene
Verklemmtheit seiner Hauptdarstellerin angemessen dar und fällt in
seiner natürlichen Grundierung nicht in jene beliebte Genre-Fallen,
die jenseits der Charakterzeichnung auf plötzliche
Geilheitsausbrüche im Männerfang setzen, nur um weitere lüsterne
Szenarien aneinanderzureihen. Im Gegenteil: Sobald sich sogar
potenzielle Sexszenen mit anderen Charakteren ergeben könnten, an
denen Carolyns Figur nicht weiter teilnehmen wird, blendet der Film
respektvoll ab und behält ihre Geschichte weiter im Fokus.
Beispielhaft dafür sei jene Szene
genannt, in der eine ältere Freundin (mit recht verdorbenem
Mundwerk) ihr einen Klempner an den Hals schmeißt, der jedoch nicht
das Liebesspiel mit ihr vollziehen kann, da sie sich zu unerfahren im
Bett wälzt. So entzieht sie sich aus Scham, während sich die
Freundin an ihn ran macht, doch darauf wird dann nicht mehr weiter
eingegangen. Stattdessen zieht es sie auf den Dachboden, wo im
stimmungsvollen Lichteinfall eine Bedienstete ihres Mannes
masturbiert, was nach zartem Herantasten zum lesbischen Vergnügen
führt. Und auch dort sind Montage sowie Musik von aufgeregter
Schönheit gezeichnet und treiben sich wie die Darstellerinnen in
ätherische Höhen, zu denen sogar Chöre à la Popul Vuh ihre
Aufwartung machen, während in der Dunkelheit das viktorianische
Schlafgemach zum Träumen einlädt. Sowieso ist die audiovisuelle
Gestaltung Vydras gerne bereit, den Beischlaf geradezu zu pointieren;
mit dringlicher Kraft auf den Höhepunkt hinzuarbeiten, der zuckende
Glieder auf sanfte Haut und stöhnende Münder treffen lässt. Als
Porno wird der bezeichnend betitelte „Happening“ seinem Genre nun
mal gerecht, doch gerade die Konzentration auf die Funktion des
Titels wird gar nicht mal unwirksam in Bezug auf Charakterstärke
eingesetzt.
Carolyns Verhältnis zum Sex passiert
eben hauptsächlich auf mentaler Ebene - wenn ihr Mann sie nur im
Schlafmantel und mit Nachthäubchen begatten kann, bleibt ihr trotz
aller gleichgültiger Duldung ihrerseits lediglich noch das Wandern
in Fantasie-Momente, bei welchen sie auch gerne gröber und auch
gleich von mehreren Herren genommen wird. Erst durch ihre Freundin
motiviert, welche eine recht lockere Beziehung zuhause führt, begibt
sie sich mit Vorsicht in einen leichtfüßigen Puff, in dem sich
allerhand freie Paare zum Stelldichein finden. Nur sie bleibt dabei
alleine zurückbleibt; traut sich nicht mal, sich selbst oder andere
anzufassen. In dem Moment verliert Vydra aber auch ein Stück weit
seine Entschlossenheit, den Fokus auf sie zu belassen und spielt
sodann die spaßige Orgie aus, die ihr entgeht. Da wird ganz
unbekümmert im flotten Rock-Beat gerammelt, so wie die Lust auf dem
Höchststand gerät. Carolyn hingegen kann sich ihre Erfüllung
weiterhin nur in kreiselnden Gedanken abholen, während ihr Blick vom
malerischen Anwesen über das Gras in den lauen Horizont schweift.
Solche Momente der atmosphärischen Ruhe beherrscht Vydra ebenso;
lässt der charakterlichen Träumerei nach Verbesserung Luft wie er
auch die Dialoge minimalistisch, respektvoll und auch fern vom
Klamauk hält.
Die Leere von Carolyns Leben in diesem
Ambiente ist durchweg zu spüren und strahlt eine verschlossene
Tragik aus, die auch dann nicht entwertet wird, sobald sie
tatsächlich den reellen Vorstoß zum Beischlaf mit mehreren
Mechanikern in einer Autowerkstatt vollzieht. Jedenfalls scheint er
real, eine klare Abgrenzung zwischen Realität und Tagtraum schafft
Vydra da nicht; suggeriert mit seiner intensiven Bild- und
Tongestaltung allerdings eine Anspannung, die sich wirklich lange
zurückhielt und nun in heißer Erwartung das Ersehnte geschehen
lässt - eben ganz das „Happening“. Zum Schluss bleibt aber eine
bittersüße Note, bei der Carolyn trotzdem in glückloser Ehe
verharrt; zwar noch immer zaghaft ihre Liebe zu Paul eingesteht, aber
mit lethargischer Haltung weiterhin nur ihre Lust in der Fantasie
erblicken kann. Wie so vieles im Leben ändert sich ihre Situation
nur bedingt, wenn auch ein Funken der Hoffnung überlebt und
einigermaßen Empathie beim Zuschauer auslöst - jedenfalls mehr, als
es beim gängigen Pornofilm der Fall ist und normalerweise auch weit
zynischer behandelt wird. Carolyns Vorstellungen von
Beinahe-Überfällen mehrerer Herren ist dabei sicherlich nicht ganz
unproblematisch; der Wunsch danach geht aber immer noch von ihr aus,
was sich im Rahmen des Films aber vor allem in seinem letzten Akt zur
ambivalenten Auslebung eines inneren Zwanges stilisiert.
Es gibt im Pornofilm vergangener
Jahrzehnte eben auch ein paar andere Facetten abseits der entblößten
Fleischeslust zu finden und da ist Alan Vydra mit seiner Ambition zur
charakterbezogenen und filmisch motivierten Stilistik stets eine
interessante Ausnahmeerscheinung inklusive Hang zum elliptischen
Melodram (siehe auch „Abflug Bermudas“). Wem das alles zu hoch
ist, kann sich jedenfalls auch weiterhin an schönen und flexiblen
Frauen, herrlichen Dekors und Landschaften im Zeitkolorit sowie
professionell aufbereiteter Sexualität erfreuen - dafür sind die 77
Minuten Laufzeit auch kurzweilig und befriedigend genug gehalten.
Dann darf man aber auch umso angenehmer überrascht sein, wenn man
sich mit der frustrierten und nach individuellem Glück strebenden
Carolyn irgendwann sogar identifiziert.
ANDREA - WIE EIN BLATT AUF NACKTER HAUT - In diesem erotischen Melodram von Hans Schott-Schöbinger ist die spekulative Psychologie zur Nymphomanie nur ein bedingt einnehmender Antrieb für den Zuschauer und nicht mal zur unfreiwilligen Unterhaltung eines Aufklärungsfilms tauglich. Jedenfalls ist die laxe Handlungsentwicklung wie auch der immens beschränkte dritte Akt dazu nicht im Stande, jenseits des Reißertums zu fesseln und verfehlt damit allzu grob eine Identifikation mit der Hauptfigur, welche hinsichtlich des Entstehungsjahres 1968 zudem in sexuell recht konservativen Szenarien endet. Ein Leben mit jener dargestellten Form von Nymphomanie mag gewiss am Selbstwertgefühl kratzen wie auch die anstehende Aufgabe der bewährten Sicherheit durch Verkauf des Familienhauses an der inzwischen elternlosen Protagonistin nagt. Ihr Schicksal vermag der Film aber nicht allzu stimmig zu empathisieren, dafür fehlt ihm sowohl die Dringlichkeit zur inneren Veränderung wie auch die Glaubwürdigkeit dorthin.
Nicht gerade grundlos funktioniert er selber als sexuell aufgeladener Genussfilm, bei dem das karikierte Gesellschaftsbild mondäner Langeweile sowie der gemeine Pöbel seine erklärte Freude am Sex hat. Alle Szenarien spielen sich dabei im Ohrwurm-tauglichen Easy-Listening-Groove ab, ob Andrea nun proaktiv Stallburschen wie Arthur Brauss um die Finger wickelt oder von Herbert Fux per Ledergürtel im Neonlicht ausgepeitscht wird. Sleaze und Kolportage des Zeitgeists entwerten schlicht die Stärken der eigentlichen Charakterzeichnung und so muss man mit anderen, hauptsächlich ästhetischen Vorzügen vorlieb nehmen. Vorteilhaft für diesen Fall ist, dass eine junge Dagmar Lassander als omnipräsente Lustdame die Wimpern flattern und Negligees abblättern lässt. Im geradlinigen Fokus des Films auf ihre erregenden Abenteuer vom schicken Schlafgemach zum Moloch hin, ist die Kamera ihr bester Freund und ein Sprachrohr der sehnsüchtigen Haut, mit der sie sich auch stimmungsvoll ins Heu bei Mondlicht begibt und gerne auch in Gedanken verloren am Schilf umherschlendert.
Die Sinnlichkeit hat Schott-Schöbingers Gestaltung dabei ausgezeichnet drauf, wie sie sich auch in Tagträumen einfindet, auf deren Betten und Körpern die Herbstblätter niedergleiten. Gleiches gilt für jene Szenen, in denen Lassander um ihre Zukunft bangend in die nachdenkliche Bewegung flüchtet - mit die schönsten Momente, zusammen mit den lyrischen Liebesspielen, die während eines Gewitters mit Art Brauss vollzogen werden. Warum dann also hält der Film es für sinnvoll, die körperliche Lust als Last zu verinnerlichen; als zweifelhaften Umstand zu werten, bei dem ganz klar werden soll, dass Sex ohne Liebe nichts wert ist? Schließlich wird selbst der ruppige Charakter von Herbert Fux in all seiner manipulativen Schmiere zum selbstsicheren Dandy stilisiert, der zudem eine recht lockere und glückliche Beziehung mit seiner Freundin führt, obwohl er gerne einige Betthässchen mit nach Hause bringt. Der Film schafft es einfach nicht, sich zu entscheiden, wie ernst er sein Sujet angehen will, was letztendlich dazu führt, dass er mit verlogener Moral hantiert und jedes charakterliche Verständnis ad absurdum führt.
Dabei könnte man die Problematik der Nymphomanie gewiss stilsicherer hinterfragen, ohne den Widerspruch konservativer Engstirnigkeit im Reigen des Körperkults befürchten zu müssen. So aber ist der thematische Aufhänger trivial angesetzt und dennoch mit einem schlussendlichen Nervenzusammenbruch gezeichnet, der sich nur bruchstückhaft nachvollziehen lässt - was übrigens auch für andere leichtsinnige und devote Handlungen Andreas gilt, sofern man diese nicht bloß anhand der Geilheit begründen will. Eine schwierige Angelegenheit, dieser Film, erst recht, wo man(n) doch schlicht nicht umhin kommt, der Ausstrahlung Lassanders bedingungslos zu folgen. Daran hätte sich das Narrativ ein Beispiel nehmen sollen und ein liberales Glück finden können. In dieser Konstellation bleibt jedoch trotz aller gezeigter Schönheit ein Nachgeschmack des Frusts hängen.