THE INSIDER - Michael Mann, was für
ein Talent. Aus so einer faktenbasierten und bodenständigen Geschichte,
direkt aus den Schlagzeilen, fördert er das Maximum an empfindbarer
Furcht hervor und versetzt selbst den unbeteiligsten Zuschauer in eine
seelisch-einschlagende Krise. Hält zunächst einen Furchtlosen (Al
Pacino) bereit, der dem unsicheren & furchtsamen Familienvater
(Russell Crowe) Vertrauen zusichert und ihm hilft, die Wahrheit ans
Licht zu bringen, um der Welt die Augen zu öffnen, trotz greulichster
Todesdrohungen.
Doch selbst um den Furchtlosen herum versammelt sich soviel
juristische Paranoia, dass die Augenöffnung verhindert wird. Und so
erleben wir diesen Zusammenbruch an allen kämpfenden Beteiligten so
hautnah mit, dass es uns selbst im Innersten erschüttert, auch wenn oder
gerade weil Regisseur Mann dieses Mal vollkommen ohne intensive
Waffengewalt gegen die menschliche Seele arbeitet (wie z.B. in dem
vorangegangenen
HEAT), hier vollends auf die inneren Konflikte,
theoretischen Gefahren und persönlichen Opfer der allzu realen Figuren
eingeht, die ihr Vertrauen in ihre Partner in fataler Gefahr sehen.
Aber wie in beinahe jedem Mann-Werk treten diese Menschen ans offene
Meer, sozusagen an die faire Natur heran, um sich über ihr Gewissen klar
zu werden und die rettende Insel zu sichten, nach ihr mit allen Kräften
zu schwimmen. Und am Ende dieser Reise, infolge eines unterkühlten und
bitter abweisenden Tribunal nach dem anderen, schenkt es ihnen durch
harte Arbeit und dem letztendlich unerschütterlichen Vertrauen den
glorreichen Wiederaufbau der Weltordnung und der Seele, die reinende und
gerechte Erfüllung ihrer und somit auch unserer Wunschbilder.
Mann lehrt uns nochmals, in seiner packensten Form, dass nicht die
Furcht, sondern nur die Wahrheit, der Ursprung und der Antrieb des
menschlichen Gewissens, der ultimative Sieger sein kann - was sich bis
zum heutigen Tage, in Zeiten von Snowden und dem immer tiefer gehenden
NSA-Abhörskandal, noch immer bewährt hat...'Whistleblowing? Back in my
day, we called that journalism!', besagt da ein gewisses Internet-Meme.
THE INSIDER ist der filmgewordene Tribut an diesen Gedanken.
BLOW OUT - Erstmals (dank dem Metropolis Kino in Hamburg) von der Leinwand
aus gesehen, diese knallige Watergate-Verschwörungs-Reflexion und
Ehrerbietung an die Schnitt- und Tontechnik des Kinos als spannendes und genüsslich-schöpferisches Thriller-Werkzeug von Brian De Palma.
LUMIÈRE ET COMPAGNIE - Die Zusammenkunft 40 kontemporärer Filmemacher, die 1995 in Tribut an das 100jährige Bestehen des Kinos der
Gebrüder Lumière mehrere Kurzfilme auf dem alten Lumière-Kamerakasten
Cinématographe drehten - mit ganz klaren Vorgaben: kein Film darf länger
als 52 Sekunden dauern, kein direkt beim Dreh aufgenommer Ton darf
verwendet werden, nicht mehr als 3 Takes.
Zwischendurch werden die Filmemacher von Projektleiterin Sarah Moon
zu dem Vorhaben und ihrer Philosophie zum Kino befragt,
Behind-the-Scenes-Material wird auch en masse beigefügt, um nochmals zu
verdeutlichen, was hinter der Filmemacherei wie eh und je so alles
steckt. Die Liste der Beteiligten ist dabei lang und bemerkenswert:
Merzak Allouache, Gabriel Axel, Vicente Aranda, Theo Angelopoulos,
Bigas Luna, John Boorman, Youssef Chahine, Alain Corneau, Costa-Gavras,
Raymond Depardon, Francis Girod, Peter Greenaway, Lasse Hallström,
Michael Haneke, Hugh Hudson, Gaston Kaboré, Abbas Kiarostami, Cédric
Klapisch, Andrei Konchalovsky, Patrice Leconte, Spike Lee, Claude
Lelouch, David Lynch, Ismail Merchant, James Ivory, Claude Miller,
Idrissa Ouedraogo, Arthur Penn, Lucian Pintilie, Jacques Rivette, Helma
Sanders-Brahms, Jerry Schatzberg, Nadine Trintignant, Fernando Trueba,
Liv Ullmann, Yoshishige Yoshida, Jaco Van Dormael, Régis Wargnier, Wim
Wenders, Zhang Yimou
Die einzelnen Ergebnisse ihrer Leistungen hier jetzt zu beschreiben
oder einzeln zu bewerten wäre hier zwecklos (weil sich sowieso alle von
selbst erklären), viel wichtiger ist das Projekt an sich und wie diese
Regisseure ihre persönlichen Stile und Visionen an diesen
unsterblichen Aufnahmemodus anpassen, ihm dabei, sowie dem Kino und
seiner innovativen Ursprünge an sich, mit voller Liebe und Hingabe ein
ehrwürdiges Denkmal setzen - eine Zelebration des Triumphs der Fantasie
und der Filmkunst.
DER GROSSE SPRUNG - Ich bin 25 Jahre alt und kann auf ein bisher einigermaßen bewegtes
Leben zurückblicken - aber was die hier traumhaft-drollige Riefenstahl
mit ihren damaligen 25 Jahren für den Film alles geleistet hat
(Stichwort: Bergsteigen!), tja, da kann ich ehrlich gesagt nicht
mithalten.
Sehnsucht und Bewunderung für dieses (hier noch) komplett unbedarfte
und herzliche Landmädel treibt sodann Figuren & Handlung dieser
aktions- und temporeichen Slapstick-Komödie aus der Stummfilmzeit
hauptsächlich an - erst recht den kurbedürftigen Berliner Millionär Hans
Schneeberger, der zu ihr in die Südtiroler Alpen zur Entspannung
hingeschickt wird, dabei aber in irrwitzig-akrobatische Abenteuer gerät
und sich durch ihre Rettung & ihrer Aura (berechtigterweise)
hoffnungslos in sie verknallt.
Doch auch ihr Nachbar aus der Heimat, Luis Trenker, hat ein Auge auf
sie geworfen - und so entbrennt ein erbitterter Zweikampf um das Herz
der unschuldigen und doch neckischen Maid, bis in die stürmischen Tiefen
des selig-flockigen Winters und dem obligatorischen 'großen Skirennen'
hinein (das man zudem auch mit filmtechnischen Tricks gewinnen kann -
grandioser Moment übrigens :D) - wobei der Berliner Diener Paul einige
ausgefuchste, irrwitzige Erfindungen zur Unterstützung hervorzaubert.
Ein wirklich zuckersüßes, mit zahlreichen tollen Ideen und Spielereien gespicktes und hochamüsantes Lustspiel aus einer scheinbar
weit, WEIT entfernten Galaxie der ulkigen Glückseligkeit.
LONE STAR - Im Schatten der Vergangenheit bemüht sich die Gegenwart um eine
gemächliche Zukunft, doch wie kann diese erreicht werden, wenn das
Vergangene - das Werk vorheriger Generationen - jenes Gegenwärtige
nochmals unterwandert und aufmischt, da sich die unausgesprochenen
Geheimnisse wieder an die Luft wagen und entschlüsselt werden wollen?
Denn das letzte Wort ist ganz bestimmt noch nicht gesprochen...und das
ist auch gut so.
Eines ist auf jeden Fall sicher: diese investigativen
Entschlüsselungen von Sheriff Sam Deeds werden endgültige Konsequenzen
für jede mögliche Zukunft mit sich bringen - auch wenn sie nicht
unbedingt jeder sehen wird - und schlußendlich die Gerechtigkeit walten
lassen, für welche die götzenartige Sheriffslegende, sein Vater Buddy
Deeds, im bewundernswerten wie im fragwürdigen Sinne, in der Grenzstadt
Frontera stand. Unausweichlich müssen nämlich Grenzen überschritten
werden - zur Brüderlichkeit, zum Herzen, vorallem zur Wahrheit.
Ein humanistisches Crime-Epos im interkulturellen Kosmos zwischen
Mexico und Texas, dass die jeweiligen Generationen ineinanderfließen
lässt, um das soziale Klima wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wenn
nötig auch mit einer beinahe katholischen Vergebung, in einer schon
selbstgerechten, doch herzbetonten Cowboy-Mentalität. Mir scheint
übrigens,
'PLACE BEYOND THE PINES' hat hiervon so einiges abgeguckt -
ich kann's ihm nicht ganz verübeln, so ergreifend und dennoch bescheiden
LONE STAR sich wie ein gut geöltes Uhrenwerk selbst löst.
PORCO ROSSO -
'Werner - das muss kesseln!!!' hat offenbar eine gute Menge hiervon
'geklaut', auch wenn das Schwein dort weder sprechen, noch fliegen
konnte ;)
Wie gewohnt bekommt man aber auch hier ein herzliches, süßes und
fantasiereiches Abenteuer-Epos von Hayao Miyazaki geliefert, hier im
stark fiktionalisierten Rahmen des Italiens zur Zeit des Faschismus. Die
Szene mit dem
'Flugzeughimmel/-hölle' war da übrigens mein persönlicher
Höhepunkt.
Für meinen persönlichen Geschmack blieb in
'PORCO ROSSO' der
großartig-eindringliche Zauber anderer Miyazaki-Kracher etwas auf der
Strecke, folgte er doch hier eher einem Eskapismus-Konzept, das weit
näher an der revisionistischen Blockbuster-Mentalität eines
INDIANA
JONES oder
ROCKETEER angelehnt ist, als wirklich persönlichen
Ambitionen, wie z.B. in
'MEIN NACHBAR TOTORO'.
Und dennoch verspüre ich auch hier reichlich Liebe und Charme durch
und durch - das kann sich Studio Ghibli einfach gottseidank nie
verkneifen.
THE LORDS OF SALEM - Rob Zombie entdeckt erstmals das Konzept der Kadrierung für sich
(landet dabei irgendwo zwischen Stanley Kubrick & Ken Russell) und
bleibt im Vergleich zu seinen vorherigen Werken mit diesem seinen
klassischen Satanisten-Ulk überraschend bodenständig, bietet zudem eine
einigermaßen unaufgeregte und auch ein Stück weit herzliche
Charakterzeichnung für seine Hauptprotagonistin Heidi (Sheri Moon
Zombie) und ihrem umliegenden Figurengefüge - schneidet seine
gewünschte, subtile Gruselaura aber anfangs manchmal etwas kurz, um sich
dem eher publikumswirksamen Jumpscares und Blutklatschern zu widmen.
Der Spannungsbogen bleibt sowieso recht gemäßigt und methodisch, um
sodann ab und an einige garstige Visionen unter Aufsicht eines einfach
zu entziffernden, Symmetrie-fixierten Symbolismus einzuschieben, der nur
bedingt den eigentlichen Narrativ über die Auswirkungen und den Umgang
mit Drogensucht als Subtext verschleiern kann. Dies nimmt allerdings
teilweise dermaßen bizarre und eigensinnige Auswüchse an, dass sich
allmählich eine schöne Chemie der Sympathie zwischen Zuschauer und
'Zombie' entwickelt, welcher durchweg echte Hingabe für sein Sujet
vermitteln kann und zudem die gewitzt-perfide '3 Hexen'-Dynamik eines
'Die Hexen von Eastwick' wiederbelebt.
Erst recht schön wird es in der Eskalation des delirischen
Satanswahns, der sich mehr wie eine körperlich-spirituelle Katharsis
anfühlt, als die fucked-up Horrorshow, die er eigentlich darstellt. Echt
süß, Rob, wie überraschend warm du deinen okkulten Surrealismus in die
Welt gesetzt hast - gerne mehr davon!
DER RE-ANIMATOR - Ja, auch mir gefiel diese Frankensteinvariante von Stuart Gordon,
basierend auf der H.P. Lovecraft-Kurzgeschichte gleichen Namens, die an
sich schon den ausserordentlichen, perfiden Drang der Wissenschaft nach
grenzenerweiternder Körperlichkeit um einige schauerliche Gedankengänge
erweiterte - wohl auch voraussah, was für Grausamkeiten skrupellose
Perverse wie Todesengel Mengele mit dem menschlichen Körper im Namen der
Wissenschaft anstellen würden.
Aus dieser Vorlage entwickeln Gordon und Produzent Brian Yuzna
sodann, unter dem Klangteppich eines an
PSYCHO-mahnenden Titelthemas,
eine irrwitzige, schwarze und kunterbunt-syruprote Komödie um den
staubtrockenen, abgeklärten Mad-Scientist Herbert West, der hinter das
Geheimnis gekommen ist, wie man Menschen nach dem Tode zum Leben
wiedererweckt, wobei diese sich in groteske, attackierende Monstren mit
einigen intakten Erinnerungen und Grundmotoriken des vergangenen Lebens
verwandeln - allerdings auch die Grundessenz ihrer alten Persönlichkeit
ausstrahlen.
Doch auch der Uni-Professor Dr. Hill hält seinen Humanismus für den
potenziellen Fame dieser Entdeckung entschieden zurück und missbraucht
die neue Unsterblichkeit, derer er selbst Opfer wird - nun ganz
offensichtlich als der grässliche Sack auftritt, der er schon vorher im
Innern immer war - für persönliche Rachegelüste und sexuelle Begierden.
Daraus entwickelt sich sodann eine gewisse Tragödie für das zunächst
unbedarfte Liebespaar des Films, Dan und Megan, welches schließlich
von der Macht der Verführung verzerrt und auseinandergetrieben, sogar
ethisch herausgefordert wird, doch selbst für sie bleibt am Ende eine
Aussicht auf Hoffnung - wenn diese auch alles andere als erstrebenswert
ist. Aber ihr kennt ja das alte Motto:
'Long live the new flesh.'
Eine recht wilde und brachiale Angelegenheit, dieser
heraufschaufelnde und rücksichtslos-zynische Vorstoß ins Totenreich - in
seinem innerlichen (Figuren-)Konstrukt schnörkellos und behutsam, sogar
anfangs bieder und um Vernunft buhlend aufgebaut, in seinen eruptiven
Körperexperimenten dann allerdings so knallig und anarchisch, dass es
der pure Wahnsinn ist. Nicht nur für Halloween eine feine
Horrorgrotesken-Kost, da freue ich mich doch mal auf die Fortsetzungen!
BRIDE OF RE-ANIMATOR - Brian Yuzna steht hier seinem Vorgänger stilistisch in fast nichts
nach, folgt sogar beinahe den selben Plotbeats, denkt allerdings das
perfide Experimentieren mit menschlicher Körperlich- und Sterblichkeit
konsequent sowie schnörkellos weiter und ergänzt die morbide
Schlachtpallette um einige effektive, scheußliche Dimensionen - trotz
verhalten-dusseligen Score, welcher leider manchen Situationen die
nötige Subtilität und Ernsthaftigkeit raubt, im Grunde allerdings
bewusst dazu dient, den Schrecken etwas zu entwaffnen.
Der schwarze Humor ist ja tatsächlich noch immer grundlegend präsent,
allerdings nehmen die versifften, grausamen Horror-Abstrusitäten
amoralischer Forschungsrücksichtslosigkeit zusammen mit dem weitaus
schäbigeren Ambiente und Figurengefüge, im Sinne von 'more bang for the
buck', eine durchaus erdrückendere und nihilistischere Aura ein (man
bemerke, wieviel skrupelloser West inzwischen geworden ist), die das
Original noch nicht komplett ausspielte.
Jene Aura kommt auch davon, dass das unaufhaltbare Sterben hier
allgegenwärtiger den Ton bestimmt, die neue Körperlichkeit im Vergleich
zum ersten Teil noch weniger als potenziell-positive Lebensoption
behandelt wird und somit die wissenschaftliche Verblendung eben als
solche sofort von jeder Rationalität, meist lediglich anhand kritischer
und effektiver Bilder, konsequent entkräftet wird. Ähnlich verhielt es
sich auch später in Yuzna's durchgehend dystopischen Beitrag zur
Zombie-Comedy-Reihe
'RETURN OF THE LIVING DEAD'.
Lediglich zum Ende hin steigert sich der Film hier wieder in eine
Cartoonhaftigkeit hinein, die dem Witz des Originalfilms eher gerecht
würden dürfte, im Gesamtkontext dieses Teils allerdings doch nicht ganz
stimmig, eher entkräftend und ernüchternd wirkt - was aber nicht heißt,
dass dieses Ende 'falsch' für die Story und die Charaktere wäre.
Lediglich die Stimmung überschreitet hier ihre bis dahin ordentlich
aufgebaute Glaubwürdigkeit, behandelt die dort stattfindende Entwicklung
eher irrwitzig (Stichwort: Fledermaus-Kopf) und hätte stattdessen in
eine weit tragischere Richtung schlagen müssen.
Dennoch eine durchaus gelungene und finstere Fortsetzung zum
Stuart-Gordon-Genreliebling, die noch tiefer und kritischer in dessen
ungeschönt-grässliche Ansätze des verzerrten Mad-Scientist-Ethos
vordringt.
JACKASS: BAD GRANDPA - Knoxville, Tremaine
und Crew weben erstmals einen recht losen Narrativ um ihre krassen
Streiche öffentlicher Erregung, lassen den verdorbenen Opa einen wilden,
formelhaften Roadtrip (inkl. klassischer, zweckloser Rückblende) mit
seinem frechmäuligen, stets-entspannten Bengel-Enkel erleben und liefern
dabei einen genüsslichen Querschnitt durch die amerikanische
Bevölkerung, ob high class oder low class - hier wird jeder mit den
absurden Slapstick-Sketchen, platt-obszönen Anmachen vom Make-Up-Opa und
Verarschungsmanövern des dynamischen Duos konfrontiert.
Dabei entwicklet sich aus der gelungenen Chemie des Gespanns das
anarchische, gewitzt-blödelige Herz dieses unhaltbar platten und höchst
unterhaltsamen Films, gerade weil teilweise die ältesten
Vaudeville-Taktiken in die Öffentlichkeit hineingetragen werden, was
teilweise hysterisches Entsetzen der aberwitzigsten Sorte hervorruft und
dennoch sympathisch-gemütliche Bodenständigkeit ausstrahlt. Wer sich
hier bewusst reinwagt, wird garantiert nicht enttäuscht!
A SNAKE OF JUNE - Japanern sagt man
nach (und lassen sich darin öfters in der Popkultur bestätigen), dass
sie einerseits voller Scham mit ihrer Sexualität umgehen, diese aber
dennoch in abstruseste, offenherzliche Bahnen leiten. Diese Mentalitäten
treffen in
A SNAKE OF JUNE aufeinander, um der verhalten-unsicheren
Hauptprotagonistin Rinko, Mitarbeiterin einer Hilfs-Hotline, zu ihrer
sexuellen Selbstfindung zu verhelfen, selbst mit durchaus perversen,
psychopathischen Anleitungen eines mysteriösen Stalkers, dem sie
zunächst widerwillig gegenübersteht, aber schließlich mit steigender
Obsession folgeleistet.
Unterstützend für diesen Sinneswandel wirken auch die stetige,
schwüle Feuchtigkeit ihrer bewachsenen Umgebung und der prasselnde, in
Strömen fließende Regen, der die Grenzen zwischen Menschen und
erdrückenden Stadtbeton aufweicht, die sehnsuchtsvollen Seelen preisgibt
und mit seiner Transparenz beinahe metaphysisch zusammenführt. Dem
Ehemann Rinko's hingegen wird vorgeführt, wie weit die Perversion
inzwischen voangekommen ist, trifft sogar jenen Stalker, der selbst
daran zu scheitern droht, seine Mission für Rinko allerdings nie aus den
Augen verliert - in die sich ihr Ehemann sodann keinesfalls
konfrontierend, sondern ebenso voyeuristisch hineinverliert.
Shinya Tsukamoto sucht nach einem Gleichgewicht der sexuellen
Wahrnehmung in Japan's Gesellschaft, dass sich schließlich im
ewigwährenden, hitzigen Regen findet, wo immer wieder neue Mutanten,
Fetische und Auswüchse der Körperlichkeit im sozialen Gefüge
heranwachsen. Sowie auch der Krebs in Rinko's Brust, gegen die der
Ehemann allerdings offenbar nichts zu tun vermag, wodurch sich ihm der
Stalker gewaltsam ins Gewissen redet. Er sieht es ein und so treffen
sich seine und ihre Seele nochmals bzw. erstmals in seliger Harmonie,
endlich ausserhalb des strömenden Regenfalls, ganz intim und voller
Hingabe. Schöne Lösung, wie direkt von 'Shōnen Bat' herbeigeführt.

HACK-O-LANTERN - Der ist nun vielleicht nicht besonders fantastisch oder überhaupt
phantastisch, aber immerhin ein schön unschuldig-sleaziges,
schnell-heruntergekurbeltes und quirlig-buntes
80's-Okkultfamilien-Slasherkleinod für den Videomarkt. Spielt dabei im
Dosen-mit-der-Stirn-zerdrückenden Hinterwald-Americana, mit einem
schmierig-hillbilligen, lüstern-knurrenden Opa als Satanisten-Oberhaupt
und seinen 3 grundverschiedenen, allerdings dysfunktionalen Enkeln. Und
das ist nur der Gipfel der Verrücktheiten!
Selbst ein offensichtlicher, unterdurchschnittlicher
Stand-Up-Comedian wurde für eine Art Showcase seines
Halloween-themenbezogenen Programms bei der obligatorischen
Teen-Kostümparty am Ende eingesetzt (wo u.a. ein Cowboy mit einer
Konkubine japanisch paliert). Und wenn das nicht reicht, besitzt der
Film zudem eines der krachigsten White-Trash-Metalstücke des Genres,
direkt aus den Gehörgängen des aufgepumpt-soziopathischen, 'vom Teufel
besessenen' Arschloch-Enkels Tommy (der dazu eine Traumsequenz geliefert
bekommt, wo ihn sogar ein Teufelsweib mit zahlreichen Armen, ähnlich
Vishnu, verführt - man merkt nochmals: Regisseur Jag Mundhra und seine
Produzenten sind indischen Ursprungs):
Ich denke, der Track vermittelt und suggeriert schon viel mehr in
Sachen Inhalt und Stimmung, als meine Worte auf die Schnelle hierfür
ausdrücken können. Na gut, ich erwähne wohl besser noch die rohen Mengen
an Full-Frontal-Nudity, damit auch der letzte Leser diese kleine
Genrespielerei ausfindig macht. Aber jetzt mal im Ernst,
'HACK-O-LANTERN' ist ein wirklich sympathischer und gewitzter
Whodunit-Dussel von Film, der nur allzu gerne in die Abstrusitäten
seiner Enstehungs-Ära abdriftet.
Und weil ich nichts besonders Schönes unerwähnt lassen will, arbeitet
der Film zudem auf diskrete, leicht zynische, aber doch herzliche Weise
(die ich hier nicht verraten will) darauf hin, dass der Arschloch-Tommy
sich letztenendes doch wieder mit seiner verbitterten und um seine
Liebe ringende Mutter versöhnt, die ihn seit seinen Kindheitsjahren an
seinen dreckig-verschmitzten Satans-Opa verloren sah.
Schön!
MONEYBALL - Baseball interessiert mich einen Scheißdreck und typische Underdog-Stories hat man schon zu genüge gesichtet.
Aber 'Moneyball' gestaltet seine fast schon dokumentarisch-methodisch
dargelegte Mastermind-Geschichte so stilsicher, gediegen und
taktisch-effizient (siehe auch den pragmatischen Soundtrack-Anteil
zwischen Wehmut und cleverer Offenbarung), mit pointierten Einsätzen von
natürlichem Witz und glaubwürdigen Darstellerleistungen, dass man die
knapp 130 Minuten Laufzeit um den Triumph des Vertrauens mit
durchgehender, cinephiler Hingabe genießen kann.
Dabei macht sich aber auch eine undramatische Kälte fortwährend
bemerkbar, da eine Menge tiefgreifender Emotionen lediglich suggeriert
wird und sich meistens im passiv-aggressiven Kaputtmachen von
Büromaterial ausdrückt, während die verschiedenen Teamplayer nicht viel
Raum zur Entwicklung bekommen, mehr als austauschbare Zahnräder im
Gesamtkomplex zu sein. Das ist aber eigentlich nicht weiter schlimm,
weil der Film ja ganz klar seinen narrativen Fokus darauf legt, dass
Brad Pitt's Billy Beane es allen nochmal zeigen und sich beweisen kann.
Im Endeffekt lernt man dabei als erfahrener Zuschauer zwar nicht viel
Neues hinzu, darf aber die wohl meisterlichste und bodenständigste
Umsetzung des kinotauglichen Sujets erleben. Eben der altbekannte Aaron
Sorkin-Deal, bei so einem Drehbuch. Aber erst in den letzten Momenten
des Films, mit dem mahnenden Song seiner Tochter in den Ohren, erkennt
Pitt dass er seine Zeit mit seinem Job lieber genießen soll, statt ihn
allzu sehr zu verkopfen - das hätte der Film selber auch irgendwo
gebraucht, finde ich.

BURIED ALIVE - Wer hätte das gedacht, vor dem Publikumsliebling
'DIE VERURTEILTEN'
inszenierte Frank Darabont diesen perfiden und zynisch-schwarzhumorigen
Genrefilm, einen astreinen und konzentrierten Crime-Thriller, als
Langfilmdebüt fürs Fernsehen.
Stadtmädel und kaltschnäuzig-zickige Femme Fatale Jennifer Jason
Leigh hat die Nase voll vom langweiligen Leben im Hillbilly-County mit
ihrem Beau Tim Thomersen, der ab und an mal gerne mit dem Sheriff angeln
geht - unterhält währenddessen lieber eine Affäre mit dem Mogul-Doktor
William Atherton (wer's glaubt), der sie überredet ihren Mann mit dem
einzig giftigen Extrakt eines japanischen Fisches, den sie vorher
gegessen haben, umzubringen (erinnert sich da sonst noch jemand an die
Simpsons-Folge
'Die 24-Stunden-Frist'?).
Doch wie sich herausstellt, war das Gift wohl nicht genug und so
schlägt der Gatte aus dem maroden Grab gegen seine
nihilistisch-verschmitzte Frau und deren Liebhaber zurück! Diese
Wiederauferstehung geschieht zudem unter einem comichaft-reißerischen
Gewitter, wie direkt aus einem klassischen Gruselstreifen, schön
vermischt mit der eklig dreckigen Modder der Graberde, die den Ausstieg
aus dem ranzigen Inferno nochmals unterstreicht, während der
Synth-Soundtrack peitschend in die Nacht hineinpumpt.
Er zieht sich zunächst in den Keller seines Hauses zurück, greift
dann aber auch zu seinem alten Gewehr, um sich an seiner Frau zu rächen,
die zudem das von ihm selbst aufgebaute Haus sowie sein Geschäft
verkaufen will UND sein Baby durch Atherton nur allzu gerne abtreiben
ließ. Er entschließt sich jedoch, seine Rache deswegen noch etwas
extravaganter zu gestalten und so beginnt er einen psychischen Terror an
seinen konspirativen Mördern, der sich gewaschen hat.
Da löst er zunächst seine Fingerabdrücke mit Säure ab, während sie
kichernd die Summen der Versicherungpolis nachzählt. Doch schon bald
kriegt sie nur allzu deutlich mit, dass jemand ins Haus eingedrungen ist
- sie kann nicht einmal ihren Liebesarzt erreichen, der sowieso bei ihr
vorbeischaut, um sie wegen ihres Geldes mit dem selben Gift
loszuwerden, und so entfalten sich an Beiden bereits die erste Phasen
des sadistischen Racheplans. Jetzt sind sie nämlich dran, unter dem
verbarrikadierten Mauern des Hauses, lebendig begraben zu sein - und
sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen.
Krasser, augenzwinkernder Stoff.
BODY SNATCHERS - Die Angst vor dem Militärfaschismus nach dem 1. Golfkrieg und dem
eskalierenden Rassismus nach Rodney King - recht effektiv von Abel
Ferrara umgesetzt, der den altbekannten Invasorenschrecken an den
kleinsten, gemeinsamen Nenner des kleinstädtischen Amerikas versetzt und
ihn in der organisierten Macht des stets allgegenwärtigen und nun
bestialisch-um-sich-packenden Armeestützpunktes erblühen lässt.
Ein unterkühltes und bitteres Schreckensszenario durch und durch,
noch immer einigermaßen 'close to home', gibt aber im Vergleich zu den
Vorgängervefilmungen leider auch rein gar nichts Neues hinzu und bleibt
inhaltlich wie auch gestalterisch etwas zu 'behutsam' (und in den
letzten Minuten auch etwas zu peinlich platt), auch wenn der Score
einige recht dramatische Höhen trifft - das Figurengefüge allerdings
eher austauschbarer (tihihi) Natur ist.
P.S.: Wie konnte so ein komplett unfertiger Spezialeffekt in einem
Mainstreamfilm unbeachtet unterkommen - vorallem auch noch im Finale
(
*SPOILER*)?
Der Junge hat auf einmal keinen Unterkörper mehr (ausser natürlich im nächsten Greenscreen-Shot, da ist er wieder da)!
HIDEAWAY - Nach einer wirklich stimmungsvoll inszenierten und fotografierten
Eröffnungssequenz (über die Gestaltung des Restfilms kann man durchaus
streiten) wurde mir aber schlagartig klar, dass Brett 'Rasenmäher-Mann'
Leonard hier am Ruder saß. Schließlich lässt er den
Doppelmord/Selbstmord des Satanisten nicht nur geschehen, sondern
begleitet dessen verdammte Seele ins effektreiche Jenseits mit
CGI-Tunneln, wie direkt aus Leonard's vorherigen
Virtual-Reality-Thrillern.
Jene Sequenz wird im Verlauf des Films sodann öfters variiert. Und
auch wenn die eingebetteten Gesichter der reisenden Seelen allesamt zum
Kichern anregen, interessierte mich diese bizarre und abstrakte
Darstellung des Totenreiches am meisten am ganzen Film. Das restliche
Geschehen, basierend auf einem Gruselroman von Dean R. Koontz (der
immerhin noch die Vorlage für
DES TEUFELS SAAT vorweisen kann), ist da
weit weniger packend oder inspiriert - schmeißt im Verlauf immer mehr
potenzielle Glaubwürdigkeit & Motivation ungeschickt und
unfreiwillig komisch-unnatürlich aus dem Fenster, bis nichts mehr übrig
ist.
Ein Glück also, dass sich tatsächlich Jeff Goldblum
bekloppt-teilnahmslos durch die Hauptrolle langweilen und die ein oder
andere, verwundert-doofe Fresse ziehen darf - was den
Spezialitäten-Bonus des allmählich recht bissfreien und
durchweg-dusseligen Films um einige Punkte nach oben drückt. Dazu
gesellen sich dann auch noch einige recht schäbig gestaltete Club- und
Mordszenen, die von der Beleuchtung & Wirkung her einem
SEGA-CD-FMV
ähneln.
Aber hey, immerhin steigert sich
'DAS VERSTECKSPIEL' im Verlauf immer
mehr in forciert-hingeschissene Dialoge, unfassbar plakativ-hölzerne
Regie-'Einfälle' und irrsinnigste Wendungen, dass er zum
unübersehbar-knalligen, durcheinandergewürfelten Quatsch mutiert (
DAS
FINALE!!!). Fast zeitgleich erschien übrigens Leonard's, in meinen
Augen, bester Film
'VIRTUOSITY'. Dieser Streifen hier jedoch wird wohl
eher ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass er danach erstmal 10 Jahre
lang keinen Spielfilm mehr in die Welt setzte. Nach dieser Pause
förderte er aber auch u.a.
'HIGHLANDER - DIE QUELLE DER UNSTERBLICHKEIT'
(2007) zu Tage, also bezweifle ich, dass er irgendetwas aus diesem
Unding von Film hier gelernt hat. Heiliger Bim-Bam!
PHANTOMS -
LOOOOUUUDDDD NOOOOIIIIIIISSSSEESSSSS!!!!
Wann sonst erlebt man mal, wenn nicht in PHANTOMS, das Äquivalent
eines unbeholfenen Kindergeburtstag-Gruselspaß-Heimvideos (man bemerke
den noch jungen, wunderbar-vorlauten Ben Affleck als Kleinstadt-Sheriff
mit einem viel zu großen Hut) auf Mainstream-Größe und im ungünstigen
TV-Look - dessen überhastete Story scheinbar erst während des offenbar
spaßigen Drehs ausgedacht wurde?
Ich spreche da aus Erfahrung, habe mich damals selber oft genug an
solche Sachen versucht, wenn auch nicht auf dem selben Budget wie hier.
Doch die einst im Kinderzimmer entfalteten, scheinbar willkürlich
gewählten Zutaten & Zitate, basierend auf einer rudimentären 'In den
Filmen machen die das immer so'-Genrekompetenz, sind in Joe Chappelle's
Arbeit eindeutig die selben - wobei er vorallem auf JUMPSCARES
zurückgreift.
Und ja, ich weiß, dass PHANTOMS auf einem Roman von Dean Koontz
basiert, aber nach HIDEAWAY bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es
überhaupt möglich ist, irgendeines seiner Werke ordentlich umzusetzen oder ob man sich als Regel bei der Adaption
einfach stets für das unfähigste Team entscheidet.
Immerhin macht der Film ab der Hälfte dann einigen irrwitzigen Boden
gut, lehnt sich an Genre-Lieblinge wie Carpenter's THING, Chuck
Russell's BLOB, INDEPENDENCE DAY, BODY SNATCHERS, TERMINATOR oder auch
eine beliebige Stephen-King-Template mit religiösen Anspielungen an.
Furchterregend wird's dabei zu keinem Zeitpunkt, wie so oft bei einer
DIMENSION FILMS-Produktion liegt das Augenmerk auf Spaß für die
jugendliche Zielgruppe - und den liefert PHANTOMS durchaus, wenn auch ab
und an unfreiwilligen (das CGI!).
Vom Unterhaltungsfaktor her bekommt man also durchaus beständig was
geboten - die formale Gestaltung, allen voran was Glaubwürdigkeit und
Schauspielerführung betrifft, lässt aber insgesamt ziemlich zu wünschen
übrig, fährt gerade so einigermaßen zweckmäßig auf platten Reifen durch
die endlose Straße des Horrorquatsches und findet seine finale Einfahrt
zumindest auf einem recht niedlich-perfiden Schlussgag.
Ein Goldwerk - leichtfüßig, anspannend, methodisch, gefühl- und humorvoll und reißerisch zugleich ♥