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Sonntag, 5. März 2017

Tipps vom 27.02. - 05.03.2017


Libee Leesr,

haben sich die Ereignisse dieser Woche in irgendeiner Weise von der letzten variiert? Ich lehne mich mal aus dem Fenster und wage zu behaupten: Nun ja, ein bisschen schon. Wir haben zwar noch immer penetrant autokratische Weicheier auf dem Globus, die Todesursache von Kim Jong-uns Halbbruder ist weiterhin ein leicht mysteriöses Rätsel, Deniz Yücel gerät in immer tiefere Katakomben des türkischen Rechtssystems, ist vom Terroristen nun zum „deutschen Agenten“ aufgestiegen, während in der Timeline der US-Regierung ein Russe nach dem anderen aufkreuzt, Hugendubel Verkaufsstände für Reichsbürger-Literatur aufbaut und ich sicher bin, dass ein weiterer Batzen obergeiler Youtuber schnurstracks zur Kontroverse aufläuft, ABER HEY!...Die Oscars gab's...und stanken so hart wie noch nie vor Gleichförmigkeit und absehbarer Verleihungspower bis eben zu diesem einen Moment zum Schluss, der vielleicht nicht ganz so witzig, aber mindestens so surreal wie die Prämierung von „Spotlight“ letztes Jahr war. Bis dahin beschränkten sich die Höhepunkte auf eine übersteuerte Karikatur von Mel Gibson vor Ort und auf diese Idee mit den Touristen, welche die Stars mal hautnah erleben durften, bei beiden Parteien sodann jenes ungemütliche Gefühl eines Zoo-Besuchs forcierter Bodenständigkeit zwischen den Klassen entstand. Wer hat da wen vorgeführt? Ich weiß nicht, wer die wahren Kannibalen sind – sind sie es oder sind wir es? Jedenfalls waren wir diejenigen mit der Wodka-Mische, die wir bereits im Vorfeld zu fünf Filmen angeschnitten hatten, von denen zwei sogar ganz gut waren (mehr dazu später), während sich „Strike – Mädchen an die Macht“ aus seiner harmlos plätschernden Teenie-Klamotte so ziemlich in die Hanni-und-Nanni-Falle faschistoiden Alles-muss-so-bleiben-wie-es-ist hinein sentimentalisierte, „Ghoulies“ hingegen als okkultes Ehedrama unterhalten konnte, das seine Höhepunkte mit abgefahrenen Honkmeistern/Saufsprüchen aufplustern konnte und trotz schleppender Nutzung seiner Titelmonster einiges an Albtraumkintopp in die Villa zu weben wusste. Der schlimme Dritte im Bunde („Basic Instinct 2“) war aber schon der ideale Anlass, sich dem Alk hinzugeben und so ging's gut gefüllt in die längste Nacht aller Nächte, die für jeden Teilnehmer unter uns wahrscheinlich strafbar ausgefallen wäre, hätte jemand eine Aufnahme mitlaufen lassen. 

Süppeln sorgte auch bei diesen Zwei für digge Beulen

Ich glaub, es wurde nur bei Jennifer Anistons Ankündigung, dass Bill Paxton gestorben sei, etwas ernster, aber ansonsten: No respect und dafür schlicht alles an starker Schnackpower, die gefühlt 1000 Trump-Witze übersprungen hatte. Ich mochte „Moonlight“ allerdings. Ansonsten war die Woche sogar einigermaßen geschmeidig, wenn auch fast vollständig mit verkorksten Filmen durchsetzt, die ihr Finale in einem Til-Schweiger-Doppel fanden, innerhalb dessen die Auftritte jenes Herren noch die sympathischste Note ergaben. Und je weniger Worte man über „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ (dem Film wohlgemerkt, nicht meinem Lebensinhalt, höhö) und die noch immer weit angenehmeren, aber fürchterlich zur Ideologie versteiften „20th Century Women“ verliert, desto besser. Trotzdem sei insofern noch gesagt: Ein Freund, ein guter Freund, das ist das schönste, was es gibt auf der Welt - sowie das einzige, was einem bei schlechten Streifen die Stimmung hält! Einer dieser Freunde neben der Supertruppe an Menschen ist übrigens das jüngst verlängerte Abo für die Bücherhalle! Oder der eine Hamburger für unterwegs! Oder der Briefmarkenautomat der Deutschen Post, die im Vergleich zum Hermes auch meine Adresse findet! Hey Moment, die wollen ja alle nur mein Geld, scheiße, ist ja typisch... Ach was soll's, immerhin hab ich dann noch den Computer, mit dem ich immer meine Rechnungen schreiben kann – schöner Buddy! Und siehe da, diese Woche habe ich mit dem Kumpel auch wieder was zum Schreiben bzw. Lesen auf die Beine gestellt. Man, was haben wir uns nach der tagelangen Ausnüchterung sodann noch über die Langeweile des „Guardians of the Galaxy 2“-Trailers ausgekotzt, der jenen zu „Deadpool 2“ beinahe schon als liebenswerte Ulknudel dastehen lässt. Oder darüber, dass http://godzilla-kommt.de/, aber eben nur als „Event“ und in „ausgewählten Kinos“, weil Splendid wieder mal ganz doll mutlos auf ihre Ausgaben achten muss, wenn es solch eine obskure IP zu vermarkten gilt. Naja, besser als nix – in diesem Sinne hoffe ich, dass meine Ergüsse zu den folgenden vier Filmen denen wenigstens gerecht werden und erkenntnisreiche Größenverhältnisse darlegen, wie jeweils zwei Welten aufeinander treffen, welches Monster jetzt das größte im Vergleich zum Menschen ist (Ratte vs. Kong vs. Tentakel vs. Großindustrie - LG an die Genossen der IG Metall, boi!) und in welchen Duellen man die stärksten Mengen an Empathie, Schrecken und Tanzlaune findet. Hauptsache, wir müssen nicht mehr soviel saufen.




Wie perfide Kino sein kann, lässt sich u.a. auch daran messen, wie es Urängste erweckt, von denen man bisher nicht wusste, dass man diese überhaupt hätte. Als Selbstversuch für solch prägende Lebensmomente eignet sich der Horrorfilm allgemein sowie im heutigen Fall die „Unheimliche Begegnung“ mit einer Riesenratte am Besten dazu, die Angreifbarkeit der eigenen Person zu reevaluieren. Basierend auf einem Roman von Chauncey G. Parker III, probiert Regisseur George Pan Cosmatos - vor der „City Cobra“ hier mit dem New-York-Ungeziefer auf Tuchfühlung - dabei im Grunde eine Variation der Effektivität eines „Weißen Hais“ aus, wenn er das Eigenheim als unfreiwilliger Hort eines Monstrums der Natur zum Beben bringt. Innerhalb der Entstehungszeit im Zeichen der Reaganomics ist es eben nur bezeichnend, dass die Mehrzahl an Gütern und gesicherten Familien- wie Heimverhältnissen hier die emotionale Zielscheibe ergibt, während der Horror des kapitalistischen Aufstiegs gleichsam in versteckten Perspektiven auf seine Chance lauert, wenn sich Bart Hughes (Peter Weller) zwischen beiden Stationen abrackert. Jener Joe Jedermann seiner Ära bedient und konterkariert sodann die Ideale derer im Multitasking der Bewältigung zur Sicherheit, sobald sich die Symbolkraft der Ratte als Repräsentation der unterdrückten und hier ohnehin ungesehenen Unterschicht Amerikas anmeldet, die Invasion in die Elite anknabbert, aber erst recht dadurch angeheizt wird, dass Bart aus Versehen ihre Kinder entsorgt. Den Konflikt verfolgt man gewiss nicht ohne ambivalente Gefühle, bis dahin füttert der Film ihn und den Zuschauer nämlich noch mit Eindrücken zum Tier, welche so grell wie nur möglich als Propaganda voller Schrecklichkeiten fungieren – wenn auch eher auf einer alltäglichen Ebene, die mit ihren Großaufnahmen, ganz gleich zu welchem Sachverhalt, jeden noch so tierlieben Zuschauer zum „Iiiih!“ anleiten würden.


Cosmatos blickt trotzdem zum potenziellen Steigerungsprozess eines Individuums in der Reflexion der Umstände und trifft sich da auch in Sachen Spannungsvermittlung auf Augenhöhe mit dem Zuschauer, wenn er die gefühlte Angst auch in einen Selbstzerstörungsmodus übergehen lässt, dessen Ursachen eher im amerikanischen System des kommerziellen Überbaus und der eigenen Anwendung dessen lauern, denn am Eindringen von außen oder dergleichen. Der Umgang mit dem Subtext ist dennoch die schwierigste Zeit, die man mit diesem Film haben wird – im Vergleich dazu bietet sich eine Geradlinigkeit der Bodenständigkeit an, in die man ganz einfach herein rutschen und sich umso effektiver erschrecken lassen kann. Ich meine, schau dir mal an, wie der Bart so lebt: Voll im Leben mit Sohnemann und Top-Ehefrau Shannon Tweed auf der Matte, gut situiert, fertig mit den Restaurationsarbeiten zum Haus in der Innenstadt und bereit für den großen Deal mit Aufstiegschancen innerhalb seiner Firma. Das läuft schon so gut, dass man auf Anhieb eine Satire draus leiten könnte, doch die Menschlichkeit in der Vermittlung der Verhältnisse hält solch einer schnellen Einschätzung stand, wenn man die Natürlichkeit empfängt, anhand derer sich Bart und Co. am Highlife sortieren, jede Konstruktion zu Motiven im Dialog mit Leichtigkeit umschiffen und im Verlauf auch dann nicht ihre Rotzigkeit verlieren, wenn die Tilgung des Problems ihre Mithelfer und Psychosen sucht. Frau und Kind gehen nämlich auf Reisen zu Opa und während Bart am Arbeitsplatz gegen die Konkurrenz malocht, beißt sich das in suggestiven Momentaufnahmen dargestellte Viech von kleinsten Kabeln bald zu Stromleitungen und allerlei herauf, bis die ordinären Fallen aus dem Baumarkt - auch auf Anraten des Klempner-Kumpels Clete (Louis Del Grande) - wie ein schlechter Witz erscheinen.


Mehr (auch im Schauspiel) an der Hands-on-Erfahrung mit dem ungebetenen Gast orientiert, bekräftigt sich Bart mehr und mehr darin, eigene Methoden zur schnellen Lösung anzuwenden, doch der Selfmade-Man-Trend der 80er ist hier natürlich nur die halbe Miete, wenn er auch seine autodidaktische Fachkenntnis zum Smalltalk in höheren Klassen an die Kollegen verteilt, als sei es eines jener vergänglichen Tagesthemen, bei denen man stets eine entschiedene Direktive von oben fordert - siehe den Selbstjustiz-Diskurs in „Ein Mann sieht rot“, nur dass Bart eben allesamt damit verstört und an seinen Geisteszustand zweifeln lässt. Sozial geht bei ihm so einiges schief, aber es war wohl auch vorher nicht so ganz intakt, wenn man sein Arbeits-/Privatverhältnis betrachtet, dass zu Kollegin Lorrie Wells (Jennifer Dale) besteht, von der Inszenierung auch so klein gehalten/verstreut wird, dass es umso stechender hervortritt und ihn entlarvt. Jene Widersprüchlichkeiten vermag der Film allerdings auch als Sympathiepunkt zu verkaufen, weil man wie Bart ungern in der Situation allein gelassen werden will und wie sich das anfühlt, bringt Cosmatos mit den härtesten Herzensstillstandszenarien zum Vorschein, die in der Geläufigkeit ihrer Umgebung schon jeden Jumpscare vorhersehen lassen, in der Ausführung aber keineswegs mindern. Will man nachts aufs Klo und macht den Deckel auf – Bäm, Riesenrattenkopf! Träumt man davon, dass die Familie wieder beisammen ist und per Torte den Geburtstag des Filius veranstaltet – *Schriek!*, das Monster schießt aus dem Kuchen! Dazu kommt, dass man bis zum Schluss nicht weiß, wie groß das Ding nun wirklich ist, ob es nur mit Barts Wahrnehmung korreliert oder sich von Nuklearängsten des Kalten Krieges abspeist, aber das es einem aus dem Nichts beim gewohnten Gang die Treppe runter in den Hacken beißen kann.


Solche Aktionen verbleiben meistens beim bloßen Ansatz der Darstellung, doch das Kopfkino ist wie gehabt die stärkste Waffe des Zuschauers gegen sich selbst – und das, obwohl man bei mehreren Angriffen im Vornherein schon das Tier erneut zu Gesicht bekommt. Bühne frei für kontinuierliche Eskalationen, die Bart in seiner Verzweiflung und selbstauferlegten Hausarrest zum groben Waffenmeister machen; einen primitiven Verteidiger, dem nicht mehr zu helfen ist, wenn er der Zerstörung seines Hab und Gut sogar noch Beihilfe leistet, im Pragmatismus der Obsession zur Jagd die eigene Hand in die zuschnappende Falle hält. Von wegen Angriff ist die beste Verteidigung, letztendlich wird der Elefant trotzdem beinahe schon zur Mücke gemacht, als sei das Problem im Handumdrehen kaschiert, obgleich die Spuren den wahren destruktiven Kraftakt offenlegen müssten, die Reaktion dazu aber vonseiten des Films ausgeblendet wird. In dem Schluss könnte er beinahe schon eine Leistung des Stolz implementieren, doch auch wenn der Zuschauer eine Katharsis von der Erfahrung davon genommen hat, ist der Prozess des unnachgiebigen Grauens dahin in aller Fülle erlebt und verinnerlicht worden. Jahre später noch werde ich davon berichten können, wie furchterregend diese „Unheimliche Begegnung“ war und es lässt sich nicht unter den Teppich kehren, obgleich der lakonische Charakter Wellers so enthemmend bei der Immersion mitgeholfen hatte, gerade da natürlich intensiver auf die gemeinsame Vergänglichkeit des Nervenkostüms zusteuerte. Ganz schön perfide Maßnahmen am Start, um auch noch Jahrzehnte später als greifbare Horrorerfahrung gelten zu können und die Paranoia der 80er dort hinein zu konzentrieren – rattenscharf und laut John Waters übrigens: „The best rat movie ever. Period. End of discussion.“!




Als Porträt aus dem Herzen der Arbeiterklasse hat „Das Brot des Bäckers“ in hiesigen Gefilden seit 1976 einen gewissen Status lebensnaher BRD-Tristesse erreicht – das natürlich nicht ohne Grund, wenn man die basische, doch nicht unbedingt per Ideologie verkopfte Kritik zur schleichenden Gnadenlosigkeit der Großindustrie betrachtet (das übernehmen später die Kids des Bäckers in meist inaktiver Theorie), die hier den Kleinstadt-Bäckerbetrieb Baum in Franken erreicht. Innerhalb der zwei Stunden Laufzeit in Kapiteln an Quartalen ist der Struggle durch Regisseur und Ko-Autor Erwin Keusch aber eher in der Verbundenheit des Einzelnen mit seinen Mitmenschen denn mit seiner Arbeit definiert, erst recht, wenn er sich diese mit ersteren teilt. Baum, das ist ein Familienvertrieb mehrerer Generationen, derzeitig unter Meister Georg (Günter Lamprecht) angeleitet, von der Gattin (Maria Lucca) an der Theke vertreten und manchmal von seinen Söhnen Rudi (Gerhard Acktun) und Georg Jr. (Krystian Martinek) ausgeholfen, aber auch vom Gesellen Kurt (Manfred Seipold) und Verkäuferin Gisela (Silvia Reize) unterstützt. In dieses Ambiente, auf kleinem Fuße für die wenigen Mark von morgens bis abends in der Provinz am Machen, verschlägt es den jungen Werner Wild (Bernd Tauber), der als naiver Beau nochmal eine bescheidenere Natur verinnerlicht als z.B. ein Wolfgang Fierek, aber schon beim Empfang einige spannende Blicke Giselas erhält, wenn es allein um das Duzen und Siezen geht. Dieser initiative Moment wird die mitunter stärkste Bindung im Film ergeben, dafür muss sie sich aber auch nicht in spekulativer Romantik auftakeln oder gar von einem allzu steifen Naturalismus aus auf vage Signale hoffen – der Mittelweg dazu wird sodann die Grundqualität des folgenden (gehemmten) Wachstums aller, den wir hauptsächlich, aber nicht nur aus Werners Perspektive erleben.


Das Unternehmen aus jugendlicher und erwachsener Zukunftsunsicherheit im täglichen Arbeitsablauf weiß sich anfangs noch am Verständnis zur Materie berufsbedingter Fähigkeiten vom Stand begrenzter Wege danach abzulenken, genauso die Entladung im Landeskreisfußball oder dem wöchentlichen Kinobesuch zu finden, doch die Bitterkeit jeder Nachspielzeit hängt stets über den Köpfen bzw. in den verlegenen Tapetenmustern. Manchmal ist sie aber eben auch bittersüß, wenn die Gegenwart ihre Aussichten an der Ambition des Handwerks noch soweit es geht lebendig werden lässt, dazu auch der Soundtrack von Condor mit melancholischem Krautrock auf ländliche Entspanntheit wie Verkrampfung hinweist, während die Jugend Stück für Stück auf ihre Zeit zusammen aufmerksam wird, dem Motto Work Hard, Play Hard aber nur bedingt nachkommen kann. Dieses Wechselbad aus Mach dir Hoffnungen und Mach dir keine geht dann auch mit dem Lauf der Zeit einher, der dem Film episodischen Charakter verleiht und darin ebenso von einer Optik bestärkt wird, die Das Kleine Fernsehspiel auf 35mm hievt und da natürlich trotzdem ins Herz stechen kann, wenn das Finden, die Trennung, die Wünsche von innen sowie das Kontinuum des Marktes von außen in behutsamer Schlichtheit aufs Charakterkino einwirken. Sicherlich sind solche Stimmungen als omnipräsente Plot-Faktoren zugegen, aber auch stets eine Frage des Umgangs und Abwägens untereinander, nicht nur in eskalierender Ausformulierung und auch nicht nur in der Entmündigung des Menschen vor dem Konzept umgesetzt, eben zusehends mit der Bewegung im Freien und der Begegnung im Feststecken auf die Entwicklungen des Daseins reagierend.


Wie man da auch eine Beziehung anhand starker, weil stummer Blicke verstehen kann, ohnehin deren Enttäuschungen und Treffpunkt der Sehnsucht, zeigt z.B. die On/Off-Liebelei zwischen Werner und Margot (Anita Lochner): Mal voll von den Pflichten emanzipiert nackt auf Wiesen gelegen, mal ganz urtümlich auf Geheiß der Eltern oder besserer Chancen im luftleeren Raum der Unvereinbarkeit gefangen, wird eine Zugfahrt irgendwann zum zufälligen Wiedersehen, welches einer von beiden allerdings verpennt. Züge als Schicksalsboten sind kein neuer Topos in der Kinogeschichte, hier auf jeden Fall ebenso eine Klammer schöner Traurigkeit, wie man diese eben am Wesen aller feststellen kann. Werner könnte sein Glück im Grunde auch bei Gisela finden, doch diese Nähe, diese schon zuvor bestehende Verletzlichkeit beider am Arbeitsplatz will der stille Junge nicht - die letztendliche Überwindung währt dann auch nur als temporäres Ventil, auf das keiner so recht bauen kann, Gisela später auch den Selbstmord deswegen versucht. Interessant auch zu beobachten, wie beide das Leben danach angehen. Solch ein vergänglicher Hang zur Zweisamkeit ist ebenso in jeder Partnerschaft vorzufinden, die Georg als Unternehmer abhängig macht bzw. an der er den Erfolg abhängig macht, erst recht, sobald der maschinelle Betrieb die Ein-Mann-Einheit fördert, alles einfacher wirkt, aber zwangsläufig den finanziellen Ruin des Eigenbrötlers kleiner Ressourcen herbeizuführen droht. Viele können es nicht aushalten, diesen Frust mit ihm zu teilen, aber auch nicht, ihn damit allein zu lassen. Solch eine Haltung zur Solidarität mit derart einfacher Vermittlung zu verinnerlichen, kommt eben auch von der dargestellten Machtlosigkeit gegenüber Veränderungen, dass alle ständig auf der Suche nach dem nächsten Platz teilnehmen müssen und meistens nur aufs Beste vertrauen können; dabei nicht am Fortschritt oder gar einem Antagonismus zum Geldgeber verzweifeln, als am Lernen sowie an der Menge der Mittel, was sich eben auch an der Erreichbarkeit emotionaler Werte widerspiegelt.


Nicht gerade zufällig wendet der Film sodann Schwarzblenden, mal mehr und mal weniger ersichtliche Abstrahierungen in seiner Chronik an, welche den Wandel von Lebensumständen mehr im Nachhinein nachvollziehen lassen, als dass sie es einem nochmal aufsagen müssen. Zum Ende hin koppelt sich die Methodik ab und an etwas stärker vom dramaturgischen Hinweis zum Mitleid ab, das Pro und Kontra jeweiliger Auf- und Abstiege bleibt dennoch zentral bestehen, gehen wie warme Semmel weg oder verhärten sich bereit für die Tonne – keine zwei Karrieren können/wollen ohne das Miteinander verlaufen, das verstand selbst solch eine kalte Objektive wie Ayn Rand in all ihren Widersprüchen. Ich bin natürlich nicht unbedingt der ideelle Ansprechpartner für die Strukturen der Marktwirtschaft, zumindest aber wie jeder andere auch vom Geld abhängig, was gleichfalls die Empathie zum „Brot des Bäckers“ fördert, diese aber - wie Georg mit seiner Ware - eben nicht bloß von alleine stemmt. Die Liebe zum Menschen ist dafür wie eh und je auf zwei Beinen unterwegs, klatscht sich Mehl in die Finger und Torten ins Gesicht, streitet mit denselben Zutaten, bis der Schaukasten im Supermarkt bricht, Lamprecht wie gehabt ausrastet und gleichsam keine überzogene Show daran probiert. Erwin Keusch merkt man (zudem basierend auf seinen eigenen Erfahrungen) den Abgeklärten und den Menschenkenner zugleich an, weshalb jede Sequenz Wahres sowie Ideelles in sich vereint, Mechanismen auf den Zufall hin stilisieren kann, weil die Stilistik eben auch nicht an einer Einmischung interessiert ist, eher an den Wegen und Konfrontationen des Gewissens seines Ensembles. Angebot und Nachfrage, verstehste?




Ein-Satz-Kritiken für zwischendurch!

„Schlagerpiraten“ - Der Einstieg in die Materie Jayne Mansfield gelingt allen voran anhand der Präsenz besagter Dame als kecke Lebefrau, die auf dem Schwung zur wahren Liebe hin die Klammerei ihres Gangster-Beaus austrickst, wenn dieser sie am Showbiz herunterzujagen gedenkt, während dessen Sexbombe allen Herren der Schöpfung die Milch überlaufen und Promoter Tom Ewell seine geisterhaften Visionen der Verflossenen vergessen lässt, doch nach einer guten Handvoll Wortspiele, Rock'n'Roll-Einlagen, Strandausflüge, Mafia-Banden, unverhofften Karrierehöheflügen mit Sirenengeheule und Knastgejaule obsiegt der Hausfrauen-Zeitgeist binnen des Technicolor-Cinemascopes, von dem man sich gerne noch einige energetischere Impulse mehr gewünscht hätte.

„Wild for the Night“ - Vom Einstieg an merkt man diesem wilden Tanzfilmthriller von Benny Boom (!) an, dass er sich explizit am Stile NWRs und Gaspar Noés bedient hat, was dem Prozedere der Rache auf den Straßen und Clubs von L.A. einige herzlich offensichtliche Ambitionen aufs Auge der Sinnlichkeit markiert, dazu Noir-Voiceover aus der Oneliner-Mottenkiste inkl. reichlich F.L.E.R. (Freiheit, Liebe, Einigkeit und Respekt) bastelt, einen hyperblassen James Maslow als Fixpunkt anstellt und sogar einen waschechten Performer an ihm stilisiert, bis ihn die Irrlichter an Ecstasy-Montagen und 3D-Überblenden sowohl in ein „Flashdance“-Äquivalent als auch in Undercover-Ballereien schleusen, deren Höhepunkt eine mittelschwere Unglaublichkeit ergibt und trotz derirativer Form für teils geballte Gänsehaut sorgt.

„Texas Chainsaw Massacre: Die Rückkehr“ - Kim Henkel versucht sich auf den Spuren des Originals zurück in die Gefilde genuinen Terrorkinos zu begeben, doch abseits des redundanten Staffellaufs durch ikonische Stationen des 1974-Alptraums trägt die Generation-X-Anpassung nur wenig markante Früchte, ehe Matthew McConaughey als Redneck-Killer mit Robo-Bein und Transgender-Leatherface im Meryl-Streep-Look mehrere Vollausraster hintereinander ballen und ungeklärten Erscheinungen eines Geheimbunds Zugang in die Kettensägen-Mythologie gewähren, um eine junge Renée Zellweger zu drangsalieren, den Zuschauer ebenso ein bisschen zappeln zu lassen, ansonsten jedoch unentschlossen zwischen flacher Hinterwäldler-/High-School-Paarungskomik und ebenbürtig ineffektiven Spannungsmomenten pendeln.

„Las Vegas Bloodbath“ - Ein normaler Business-Heini rastet vollkommen aus, sobald er seine Frau beim Beischlaf mit einem Cop erwischt und per Plastikrevolver erschießt, ihren Schädel sodann auf Spritztour nimmt, da er allen Frauen der Welt die Rache schwört und diese via VHS-Amateurschiene ins Nirwana jagt, was der Film als sadistische Fantasie ohne Strafe inszeniert, passend dazu Schlammcatchen und sexualisierte Gewalt in die 70 Minuten Laufzeit schleppt, wenn er auch absurde Spitzen darin findet, Damen der Nacht am helllichtem Tage auf einem Parkplatz auszugliedern, 20 Minuten lang an einem Mädelsabend inkl. Brettspiel teilzunehmen, Babies an die Wand zu werfen oder einen Zeugen Jehovas mit zugeknallter Tür zu enthaupten.

„Basic Instinct 2: Neues Spiel für Catherine Tramell“ - Mehr noch als „Star Wars: Episode II“ daran interessiert, Leute auf die Couch zu platzieren und reden zu lassen, mäandert sich Michael Caton-Jones' (weniger als) 08/15-Nachfolger des Paul Verhoeven Erstlings durch psychologische Plattitüden, Expositions-Faulheiten und Dialoge vorbereitet schlagfertiger Doppeldeutigkeiten, um den charismabefreiten David Morrissey wiederum fragen und daran zweifeln zu lassen, ob Sharon Stone erotisch mordet, ihn verführt und als Buchvorlage verwendet, bis die Blässe der Ereignislosigkeit in beinahe bumsfidele Wendungen zur Honk-Kolportage umgeleitet wird.

„Unsere Zeit ist jetzt“/„Honig im Kopf“ - Dieses permanent sonnendurchflutete Til-Schweiger-Doppelpaket kostete einiges an Überwindung, doch die Formelhaftigkeit des Ganzen leitet eher weniger zum puren Entsetzen an, als dass die haltlos spekulativen Verkitschungen von Alzheimer wie Asperger sowieso schon jedem Realitätsverständnis entgehen, für ein stumpfes Wechselbad aus Komik und Tragik angewendet werden, dass man bei der Melange an Talent- wie Taktlosigkeit in Schnitt, Kamera, Schauspiel und Plätschermucke ohnehin keinen Bezug in Richtung Filmcharakter aufbauen kann, wobei die Cro-Variante ihre Dreifaltigkeit Vergangenheit/Gegenwart/Zukunft noch stringenter und inspirierter als verkappten Kinderquatsch der Universalität trivialisiert, während das Didi-Abenteuer gen Venedig denselben Gag tausendmal wiederholt, Emma Schweiger zurecht ins Gesicht furzen lässt und sowieso durchweg menschenverachtende Oberflächlichkeiten en masse mit dem Stakkato-Tempo von zig reaction shots des Grinsens stapelt.

So, jetzt geht's weiter im Text! 




Je länger man sich auf die Suche nach ungenierten Musicals macht, desto wahrscheinlicher kommt man irgendwann bei den intergalaktischen Musikanten der „Rock Aliens“ vorbei. James Fargos Verknüpfung comichafter 60s-Retroromantik und 80er-Rafal-Zielinski-Slapstick bringt den Hang zur Synthese dann auch thematisch auf Vordermann, wenn erneut die Liebe zwischen verschiedenen Welten zum Abhotten aufruft, dem Gefühlsausdruck seine flotten Noten aus den Hüften sowie dem Charakterspektrum einen höchst rudimentären Spannungsbogen zu überlassen. Die Kombi bleibt da aber nicht nur an stumpfen Stereotypen haften, umringt sich stattdessen mit einem Großaufgebot an Ideen und Sight-Gags vom Formate der Zucker-Abraham-Zucker-Schule, während der Mix an meist von Jack White produzierten Tophits seine Lücken insofern schließt, dass diese vor zeitgenössischen Honk-Anmachsprüchen und überspitzten Jugendrivalitäten nur so strotzen - „Heute hau'n wir auf die Pauke!“ meets John Waters, so der Gesamteindruck. Gehen wir aber ein bisschen weiter ins Detail (denn da probiert der Film ohnehin vielerlei pointierten Schabernack): Nach der ersten Popcorn-Dynamisierung von Referenzen an „Star Wars“ und „Alien“ holt Roboter 1359 unter einem Feuerwerk an Sprüchen (allem Anschein nach der Marke Arne Elsholtz) die Crew - gespielt von der Band Rhema und Tom Nolan als Anführer ABCD - aus dem Kühlschrank, welche durch die Auftauröhre wieder lebensgroß sowie für Spielautomaten- und Keyboardeskapaden im Devo-Outfit motiviert werden.


Diese sind jedoch ebenso auf extraterrestrische Erkundungstour aus und wenden dabei einen Forschungsdrang in Star-Trek-Manier an, um die verschiedensten Planeten zu erkunden, Frohsinn und futuristische Musik an den Mann zu bringen. Als erfahrener Zuschauer weiß man eigentlich sofort: Volle Kraft voraus zur Erde, doch dank ernüchternder Testvorführungen geht es zuerst ins Musikvideo zu „When the Rain Begins to Fall“ (written and composed by Peggy March, btw), eine Art Endzeit-Variante von Romeo und Julia, in der Jermaine Jackson mit Pia Zadora anbandelt. Jenes Intro parallelisiert trotz seines Patchwork-Faktors dann auch den kommenden Konflikt zwischen den Aliens mit den Alphabet-Namen und der vorherrschenden Rockabilly-Truppe im angeblich verschlafenen Ami-Nest Speelburgh (höhö!). Der gefürchtet angehimmelte Obermacker jener Spielwiese, Frankie (Craig Sheffer, „Cabal – Die Brut der Nacht“), - nach dessen Anweisung manche Teens ihren Kopf wortwörtlich in den Sand stecken -, versaut es sich nämlich mit seiner Lady Dee Dee (Zadora), da er ihr niemals das Mitsingen in seiner Band erlauben will so wie er überhaupt die gesamte Musikalität der Stadt unter Kontrolle hat, weitaus mehr als Sheriff Ruth Gordon das Gesetz in die Hände zu nehmen vermag. Als jedoch ABCD und Co. im Flug per Bill-und-Ted-Telefonzelle die ohnehin schon spontan und ständig in Choreographien ausbrechende Gegend erkunden, fangen nicht nur deren Schaltkreise, sondern spätestens auch die des Zuschauers zu glühen an.


Wenn von der Liebe gesprochen wird, stimmt bereits die ganze Damentoilette in eine Hymne mit Spiegelkabinett ein; mit minimalem Abstand gehen die Ledernacken - Jimmy and the Mustangs - sodann ans Eingemachte, ihre Damenbekanntschaften binnen Diners (unter dem Firmennamen „Local Teenage Hangout“) und Drive-Ins mit Stopptricks im Friseursessel auf den Sexappeal im Haargel à la „The Loveless“ einzustellen. Später wird Frankie sogar eine Wildkatze als Krafttier aus der Metapher heraus auf Schulfluren und Gebirgswiesn parallel wandern lassen, sobald er die „Nature of the Beast“ besingt. Bei der Reihung an audiovisueller Fantasie dürfen die richtigen Verrückten dann auch nicht fehlen, sobald Michael Berryman und Kollege grundlos aus der Klapse ausbrechen, sich im NRA-Shop um die Ecke alles ohne Nachfrage auf die Rechnung schreiben lassen können (willkommen im Jahre 2017) und die hiesige Schule nach Slasher-Manier zu terrorisieren gedenken, wobei unser Mann vom „Hügel der blutigen Augen“ eine kleine feine Beziehung mit Dee Dees Freundin Diane (Alison La Placa) und ihrem Vogelnest von Frisur startet – im Grunde noch so der gewöhnlichste Subplot im Film, welcher aber auch da in punkto eskapistischer Impulse seine Muskeln zu spielen weiß. Rund herum gibt es noch den vom Giftmüll verseuchten See vor Ort zu bewundern, aus dem eine Riesenkrake ihre B-Movie-Sci-Fi-Tentakel voller Blubberblasen mutwillig zu strecken pflegt, während im Zentrum der Eindrücke ein Bandwettbewerb zwischen den Aliens und den Rockern angeleiert wird, um Dee Dees Herz zu erobern.


Die überaus generische Nummer „Let's dance tonight“ wird da im Duell der Stile aufs Universellste variiert, doch Dee Dee verschlägt es so oder so aufs Ufo, wo die traumtänzerischen Fantasien im Pärchensternenflug das „La La Land“ (seit VÖ der Kritik in wahrscheinlich jeder Ausgabe des Blogs erwähnt) vorwegnehmen, genauso dessen Unvereinbarkeit der individuellen Ansprüche, wenn auf ABCDs Heimatplaneten jede Emotion abgetötet werden soll. Können Erdlinge damit klar kommen? Oder wird sich Frankie im Gegenzug zur Toleranz der Wünsche seiner besseren Hälfte bessern, der Gewalt abschwören und genauso platt vor Freude sein, wie die Aliens manche Dampfwalzopfer und vor Liebe geschrottenen Roboterschädel jenen Zustand im Zeitraffer wieder aufpumpen müssen? Das Finale gibt die Antwort, wenn auch anhand einer vagen und verrückten Schnittorgie im Videolook, die nicht von dieser Welt ist und jede Kohärenz so schnell auflöst, wie man ihr schon im Strom des Spaßes als ausstattungsstarke Odyssee für die Synapsen begegnet ist. Luftig, lustig, tralalaklamauka heißt die Grundstimmung, bei dem Esprit einer Galerie an Neon-Graffiti, Pop-Art-Frisen, Provinzkulissen und No-Budget-Effekten geht die ultradrollige Verstrahlung jener Ära und derer Genre-Kuriositäten garantiert über Zeit und Raum hinaus.




KONG: SKULL ISLAND - "[...] Als hätte David Ayer beim Kong-Kintopp von Toho angeheuert [...] Da gibt es erneut den ungelenken Etablierungssprint eines Figurenensembles, welches hauptsächlich Funktion und Wortwitz bereitstellt; dazu eine Erfassung handlungsspezifischer Umstände in willkürlichen Schauplatzwechseln und Soundtrackfetzen [...], welche im Eiltempo kanonische wie emotionale Oberflächlichkeiten ihrer Ära, rudimentär das Prinzip einer Szene bedienen. [...] (So) mangelt es dem Film eben auch an Stringenz, seine Themen Mensch gegen Krieg, Mensch gegen Monster, Monster gegen Monster, ebenso die vage Heimats- und Familiensehnsucht [...] zur Involvierung des Zuschauers anzuwenden. [...] Egal wie viele Pfade sich öffnen: Alle bleiben im Konsens gefangen, dass es geradezu erstaunlich ist, wie erheblich sich der Film darin verkalkuliert, Leitmotive oder charakterliche Entwicklungen zum Mitfühlen errichten zu können, ansonsten zielgenau in die Schauwerte des Fan-Service überinszeniert. Man kann's auch beim Namen nennen und „Skull Island“ ein Konzept der Überkompensation attestieren. [...] In der Menge ist einem das beinahe schon sympathisch [...]"


(Die komplette Kritik gibt es bei den DREI MUSCHELN zu lesen.)

Sonntag, 28. Juni 2015

Tipps vom 22.06. - 28.06.2015



RÜCKFÄLLE - Der konsequente Abstieg eines Mannes im Wohlstand der BRD, aufgrund von Alkoholkrankheit, war sicherlich kein gern angesprochenes Thema - wie so vieles im Nachkriegsdeutschland bewusst verdrängt und/oder verharmlost wurde. Ohnehin scheint es fraglich, ob überhaupt der gegenwärtige Umgang mit Alkohol viel ernsthafter angegangen wird als es zu der Zeit gegeben war. Peter Beauvais' Film wirkt da von der thematischen Relevanz her nur bedingt in der Vergangenheit verordnet - wenn auch die Methoden der Therapie nicht unbedingt mehr heutigen Standards entsprechen dürften, ist das Verständnis Außenstehender für die Problematik des krankhaften Alkoholikers auch weiterhin nicht die Regel. Bei solch einer Einleitung könnte man jetzt vermuten, dass sich „Rückfälle“ unter Umständen als mahnendes Plädoyer verstehen müsste; vielleicht sogar als reißerisches Aufklärungs-Melodram, an dem spekulative Extreme unvermeidbar sind. Glücklicherweise ist dem nicht so. Die Inszenierung von Beauvais zeichnet mit behutsamer Beobachtung und gänzlich ohne stilisierendes Beiwerk ein geradliniges Alltagsbild, an dessen natürlichen Begebenheiten das eine zum anderen führt und sich bei Hauptcharakter Manfred (Günter Lamprecht) allmählich zum Rückfall in die Alkoholsucht manifestiert.


Anfangs legt er es noch darauf an, diese in der Vergangenheit zu belassen, doch die Vorsicht ist sein ständiger Begleiter wie auch der Reintegration in eine soziale Festigkeit mit Zerbrechlichkeit begegnet wird. Und während er seine bescheidene Fassung aufrecht zu erhalten versucht, pflegt jeder vor ihm (gar nicht mal böse gemeint) den normalen freimütigen Umgang mit Alkohol; redet seine Probleme im Vergleich mit der eigenen Erfahrung zum Spiritus klein und versucht Verständnis, ohne es eben wirklich versuchen zu können. Stützende Lebenspfeiler wie Job und Ehe sind ihm gegenüber dementsprechend ebenso brüchig. Vor allem Ehefrau Eva (Veronica Bayer) trägt merklich die Ungewissheit der Zukunft mit sich; im Verhältnis mit Manfred kommt es somit unausweichlich zu Konflikten wie er gleichsam in eine seelische Sackgasse gerät. Es ist nun mal schwierig, Mut zu fassen, wenn alles im Argen liegt; wenn man dem gängigsten Ventil zum Frustabbau entsagen muss, um sich selbst retten zu können, obwohl es von überall auf einen einschlägt. Beauvais muss gar nicht mal gesondert darauf hinweisen, wie die Zeichen der alkoholisierten Verlockung auftauchen - die hängen schlicht omnipräsent im Detail herum, gehören zum öffentlichen Bewusstsein wie Verkehrsschilder und sonstige Reglements des Alltags.


Rückfälle“ legt es eben auch nicht darauf an, dass der Alkohol möglichst propagandistisch als Wurzel allen Übels erkannt und eliminiert wird. Abhängigkeit ist nun mal eine menschliche Eigenschaft, weshalb hier nah am Menschen gearbeitet und gezeigt wird, wie sich die unausweichliche Selbstdestruktion anbahnt; wie trotz Ansatz zur Hilfe nicht genug Entschlossenheit geübt wird, um eine Veränderung zu erwirken. Eine Lösung kann der Film in dem Sinne auch nicht anbieten, sondern schlicht zeigen, wie tief es geht und wie wenig man sich auf sich selbst und andere verlassen kann, dass alles irgendwann gut wird. Da kann man „Rückfälle“ unter Umständen Pessimismus ankreiden, nicht aber Voyeurismus. Er stellt nur genauso hilflos dar, wie seine Charaktere hilflos sind; verdeckt weder den Schmerz Manfreds noch jenen, den er seinen Mitmenschen antut. Beachtlich ist, dass die Regie dabei aber auch ohne Drastik oder Aufgeregtheit vorgeht. Günter Lamprecht ist es da zu verdanken, das seine Figur in keinen leichten moralischen Kästen identifizierbar wird; weder Märtyrer noch Testsubjekt darstellt. Sein Charakter sucht schlicht Anschluss und Hilfe, findet nur das Menschenmögliche und verliert allmählich den Halt zu sich selbst. Die Abhängigkeit hält ihn dabei eben gefangen, meldet sich wie ein Reflex zurück und zerstört psychisch wie physisch. Schuld und Willenskraft spielen da gewiss auch Rollen, doch unter den realistischen Bedingungen des Films bleibt der dramaturgisch absehbare Verlust derer glaubhaft und nicht einfach nur narratives Mittel zum Zweck.


Was vielleicht nicht vollständig überzeugt, ist der Gebrauch von Manfreds Filmrissen, bei denen er erst zum wiederholten Male im Nachhinein seine destruktive Seite erkennt und in passend konfrontierenden Momenten einen Schock über sich selbst erfährt, wie es eher dem berechenbaren Drama zuzuordnen ist. Abgesehen davon fesselt die TV-Produktion durchweg mit respektvoller Methodik und einer Empathie, die nicht anbiedern oder konstant im Elend betteln muss, um die brutale Lage der Hauptfigur vermitteln zu können. Dass zum Ende hin nochmal verstärkt gelitten wird, kratzt dann vielleicht doch etwas am größtenteils gemäßigten Ton. Gleichsam entgeht man aber auch einem Kompromiss, durch den der Ernst der Lage sonst nicht offen genug behandelt würde. Es macht den Film gewiss nicht einfacher zu verdauen; bemüht arbeitet er sich dadurch aber noch lange nicht ab. Wenn man will, kann man sich auch einfach im Zeitkolorit verlieren, das Ensemble kennen lernen und den Weg zur menschlichen Entgleisung umso stimmiger nachvollziehen - Genug Gelegenheit wird einem dafür ja geboten. Solange man als Zuschauer von der eigenen Welt und ihren Menschen einigermaßen Bescheid weiß, wird das Verständnis zum Film so oder so gelingen. Eine Überwältigung wird man vielleicht nicht erfahren, doch die strebt er auch gar nicht an, wie er auch weder etwas verspricht noch irgendetwas aufdeckt, was man nicht schon längst von selbst erkennen müsste. Gerade deshalb muss es ihn geben - auch, weil sein Abbild der Vergangenheit noch keineswegs gänzlich der Vergangenheit angehört.




THE NIGHTMARE - Rodney Ascher kehrt nach seinem kontroversen Verschwörungs-Spaß „Room 237“ mit einer Dokumentation über Schlafparalyse zurück, wie sie nur von ihm kommen kann. Acht Opfer der Störung im Traum melden sich dabei zu Wort, während Ascher die Eindrücke und Geschichten mit intensiven Nachbildungen an den Zuschauer heranträgt. Der Horror der Machtlosigkeit gegenüber Schatten, Formen und Geräuschen in jener intimen Sphäre des Bettes, welches im Kopf zur unfreiwilligen Falle wird, ist eben auch nicht nur ein gruseliger Gedanke, sondern auch audiovisuell recht ergiebig. Die Spannung erbaut Ascher somit ganz natürlich aus der stationären Beobachtung, welche in der steten Erwartung des Unbekannten sowie immens real wirkender Traumgebilde nimmer zur Ruhe kommt und sich den Schlafgestörten wie dem Zuschauer bemächtigt.


An dem aufrichtigen Erfahrungsaustausch der Befragten, zu denen Ascher ebenso als Leidtragender beitragen kann, kommt sodann auch zum Vorschein, wie sich spezielle Eigenschaften der mentalen Erscheinungen bei jedermann gleichen und auch in so ziemlich jeder Kultur auftauchen. Sowieso bleibt die Suggestion, das es jeden treffen und sich eben auch wie eine fixe Idee bei solchen einnisten kann, denen man im Detail von dieser Erfahrung berichtet: Eine vierte Dimension, aus der man teilweise glaubt, nimmer erwachen zu können (Todesfälle sind nämlich auch keine Seltenheit). Dieser angsteinflößenden Form des Kopfkinos kommt Ascher gerne unterstützend nach und macht dabei allzu effektiv darauf aufmerksam, wie ein derartiges Erlebnis verstören kann und warum jene davon befallenen Individuen in der Hinsicht ernst genommen und Hilfe erhalten müssen - ohne dabei nochmal gesondert anbiedernd auf die Nötigkeit derer hinweisen zu müssen; der erhaltene Eindruck sollte schon reichen. Denn die Selbsttherapie, wie sie ebenso thematisiert wird, verstärkt den Impuls der Paralyse nur, da dieser sich anpassen kann. Kein Wunder, wenn dies vom eigenen Hirn und dem unweigerlich ständigen Gedanken daran in Gang gesetzt wird.


Nun ist Aschers Film aber weder Plädoyer noch melodramatisches Rührwerk. Stattdessen erklärt er den Horror eben auch mit dem (geschickt genutzten) Regelwerk des Horrorfilms, weil die Befragten ebenso eine Verarbeitung und Verbundenheit im Horrorfilm finden - ob nun bei „A Nightmare on Elm Street“, „Insidious“ oder sogar „Natural Born Killers“. In dem Sinne legt es Ascher vor allem dementsprechend darauf an, den Schrecken in all seiner Unschlüssigkeit und Härte zu veräußerlichen, teilweise mit pointiert surrealen Sequenzen wie auch mit Jumpscares und äußerst expliziten Schockmomenten - eben so, wie es erlebt und nacherzählt wird. Wäre da eine subtilere Aufarbeitung nicht genauso wirkungsvoll? Wahrscheinlich ja. In dieser mitreißenden und ganz bestimmt auch bewusst reißerischen Form zieht die Erfassung des Phänomens auf jeden Fall ihre schauderhaften Register auf und hinterlässt auf jeden Fall reichlich Ermattung.




FLASHDANCE - Gib Adrian Lyne ein Tanzdrama und es wird das erotisch aufgeladenste Genre-Werk seiner Ära. „Flashdance“ ist in dem Sinne schon ein optisch schwüler Genuss, an dem die Ekstase der choreographierten Bewegung ihr Ventil findet. Dafür steigen mehrere Variationen jener Kunst ins Blickfeld und reißen sich mit einer Handvoll knackiger Hits um die Erfüllung der individuellen Herzenssache. Zentral dafür versucht die achtzehnjährige und immens sympathische Alex (Jennifer Beals) einen Start aus der Nachtbar und dem Stahlwerk hinaus; kämpft aber auch mit Selbstzweifeln und bürokratischen Hürden wie auch ihre Freundinnen mit ähnlicher Begabung am Traum zerbrechen. Das Drehbuch von Tom Hedley und Joe Eszterhas zeigt ein dementsprechend sleaziges Milieu als Alternative wie auch das sonstige Ambiente in Pittsburgh dem Zerfall entgegen läuft. Es geht unmissverständlich bitter zu, doch ein Film namens „Flashdance“ strebt natürlich nicht nach überbordender Traurigkeit, wie er auch kein Glück vorheuchelt. 


Liebe lässt sich für Alex in Vorarbeiter Nick (Michael Nouri) finden; ihr Loft in einer verlassenen Fabrik ist geräumiger als meine Wohnung; Mentorin Hanna (Lilia Skala) bekräftigt sie, das Tanzen weiter zu verfolgen und zumindest die Annahme beim Konservatorium zu versuchen; Pitbull „Alter“ hat für jede Situation die goldigsten Reaktionen parat; Kollege Richie (Kyle T. Heffner) dafür richtig lumpige Polenwitze. Die kann eine erstklassige Berliner Synchro noch retten wie ohnehin ein ungezwungener Dialog zwischen allen Parteien zustande kommt. Das erfrischt ganz nach der Methode einiger unbedarft eingestreuter Breakdance-Sequenzen und Spiele mit Polizei-Lotsen; zudem ist Alex nicht verlegen, ihre Hormone auszuleben. Regisseur Lyne nimmt solche Avancen mit kecker Erotik wahr, wobei seine Inszenierung durchweg mit Luftfeuchtigkeit punktet - ob nun anhand von nassen Straßen, schwitzigen Gesichtern und Körpern oder herunterstürzenden Wassereimern: Es geht heiß zur Sache und mit rhythmischer Energie in das Lichtgewitter der achtziger Jahre.


An Strobo-Effekten und Nahaufnahmen in der Hüft-Region wird dabei ganz nach Lyne's Art auch nicht gespart; der Schauwert der Körperbeherrschung ist dennoch stets formvollendet im Fokus, selbst wenn sich die Hoffnung in die Nacht entlässt. Dann laufen die Tränen nämlich den Hals runter und dürfen sofort zarte Hände des Verständnisses spüren. Solche einfachen und ehrlichen Gesten sieht man gerne bei einem gleichsam einfachen und ehrlichen Film, der Charaktere wie Stil liebevoll behandelt, ohne forcierte Bemühung auszustrahlen (abgesehen von der Bemühung, die unsere Protagonisten ansetzen). Manchmal lässt sich eben alles mit bescheidener oder eben stilsicherer Größe sagen, da ist Lyne so eigen wie aufregend und empathisch. Allzu bezeichnend reflektiert sich das im Songtext zu Irene Caras „What a Feeling“: „First when there's nothing, but a slow glowing dream, that your fear seems to hide, deep inside your mind - all alone, I have cried, silent tears full of pride, in a world made of steel, made of stone - well, I hear the music, close my eyes, feel the rhythm, wrap around, take a hold of my heart.




SINDBAD - HERR DER SIEBEN MEERE - Obwohl dieser Film nach einer verzwickten Vorproduktion in die Hände von Regisseur Enzo G. Castellari gelangte, ist die ursprüngliche Handschrift Luigi Cozzis durchweg zu spüren. Schließlich ist sein Herkules-Darsteller Lou Ferrigno prominent als Titelheld vertreten, während der Elan der eskapistischen Grenzenlosigkeit zum beglückenden Abenteuer zwischen Fantasie und Unvermögen einlädt. Der ungenierte Quatsch fängt da schon im Intro an, das Edgar Allan Poe als Ideengeber des folgenden Narrativs ausweist; führt sich sodann in einem milchigen Mädchenzimmer-Set fort, wo eine Mutter ihrem Kind zum Einschlafen vom eineinhalb Stunden langen Abenteuer des „Herrn der sieben Meere“ erzählt. Dieser kämpft fortan mit seinen plakativen wie vergnügten Freunden um das Wohlergehen der ehemals glückseligen Stadt Basra, die unter der magischen Fuchtel Jaffars (John Steiner) zum Trauertal verkommen ist, wobei dieser zudem die Liebe zwischen Sindbads Freund Prinz Ali und der Prinzessin Alina (zwei Namen wie zur Einigung geschaffen) gefährdet. Um der Übermacht Jaffars Einhalt zu gebieten, gilt es nun also vier magische Steine zu finden, die über die Weltmeere verteilt sind und größtenteils von Untoten sowie verzauberten Amazonen bewacht werden. Dabei geht es wohlgemerkt mit ruppigem Gestus zu, weshalb Ferrigno Muskeln wie Mimik drollig spielen lassen kann und vor allem im deutschsynchronisierten Sprüchelager für unschuldigen Machismo-Charme sorgt.


Seiner Kraft sind dabei scheinbar keine Grenzen gesetzt, kann er doch nicht nur Legionen von Zombies vermöbeln und selbstverständlich Lasersteine bedienen, sondern ebenso Schlangen zureden, dass sie ihm als Seilformation aus einer Höhle helfen. Da muss er es sich auch nicht verkneifen, indiskret siegessicher in die Kamera zu schauen und wie ein Wrestler seinem Rivalen Jaffar die Meinung zu geigen. Der verlässt sich als Gegner nun mal hauptsächlich auf seine dusselige Lache, Connections in der Unterwelt sowie schwarze Magie und versucht es daher gar nicht erst, mit Persönlichkeit oder gar einer nötigen Rasur zu punkten, so wie er das Herz von Alina erobern will. Stattdessen gedenkt er eine obskure Apparatur gebrauchen, durch die sie gefügig gemacht wird - doch wie alles an seinem Plan wird auch das schief gehen. Cozzis Konstrukt des Sindbad-Märchens gibt nun mal zu verstehen: Mit künstlicher Liebe zum Sujet bringt man es einfach nicht. Herrlich charakteristisch für einen Film, der mit einem frohlockend anpackenden Ensemble aufwarten kann, das sich durch schmucke Kulissen und marode Schergen durchboxt, selbst wenn oder gerade weil im Hintergrund anachronistische Kräne, Wolkenkratzer, Etiketten auf Sanduhren und Autowagen vorzufinden sind - dem exzellenten Blu-Ray-Bild sei dank.


Schließlich geht es um das Abenteuer an sich und das findet sich gerne in der Naivität klassischer Ray-Harryhausen-Epik wieder, wie auch überhaupt die Klammer der familiären Erzählung den Zauber des fantasiefördernden Geschichtenerzählens verinnerlicht (und gerne mal Charakterisierungen wie Handlungsentwicklungen beiläufig hinweg erklärt). Ganz gleich, mit welchen Mitteln man da auskommen muss: Der Enthusiasmus zur gutmütigen Heldenbildung behält seine Gültigkeit und kann gerade in diesem Rahmen einer italienischen B-Movie-Produktion goldig überzeugen. Und weil alles daran in seiner exaltierten Mickrigkeit reichlich Muskeln aufpumpen kann, gibt es zudem starke Synthie-Rhythmen wie schimmernde Zeichentrick-Effekte dazu, bei denen das Herz eines jeden Junggebliebenen aufgehen dürfte. Ferrigno hat dafür natürlich auch ein keckes Lächeln parat, wobei er sich ebenso entschlossenen Mutes in pappige Showdowns altertümlicher Mystik stürzt. Unter den Bedingungen wird aber auch jeder aufgeregter Zugriff zur Pointe, weshalb der Spaß eigentlich nur selten zum Halten kommt.


Für Cozzi-Verhältnisse könnte der unterhaltsame Wahn aber noch weiter gehen und sollte im ursprünglichen Drehbuch sogar zum Mond führen (landet hier ferner bei der eher mäßigen Liebesgeschichte mit Kyra und ihrem spackigen Heißluftballon-Dad). Unter den Sparmaßnahmen der Produzenten gibt es stattdessen leicht repetitives Faustgemenge, wozu die bunte Mischung von Sindbads Kollegium (u.a. ein Wikinger, ein Chinese und ein Zwerg) noch gewisse abwechslungsreiche Dresch-Varianten beitragen kann. Gleiches gilt für einige schleimige Monster und spekulativ vergrößerte Piranhas, wie sie erst Ende der achtziger Jahre von der italienischen Filmindustrie losgelassen wurden. Man merkt es auch am Gesamtfilm an sich, wie er beinahe schon als letztes Überbleibsel einer Ära steht: Unbeholfene wie ungenierte Genrekost für Liebhaber eskapistischer Sausen im Plumpformat; für ein internationales Publikum mit Schauwerten der dummdreisten Schaffensfreude ausgestattet, auf dass der Ernst krepiert, der ehrliche Spaß jedoch mitten ins Herz trifft. Ging bei Cozzis „Herkules“ aber noch stimmiger auf, da muss Castellari noch einiges (bzw. seit „Zwiebel-Jack räumt auf“ eigentlich gar nichts mehr) lernen.

P.S.: Diese Woche habe ich nochmal Luigi Cozzis „Astaron - Brut des Schreckens“ (1980) gesichtet, welcher in etwa dieselben eskapistischen Qualitäten eines jeden Cozzi-Werkes innehält und diese in ein angenehmes wie plakativ schockierendes Sci-Fi-Horror-Abenteuer zwischen New York und Kolumbien steckt. Längen werden dementsprechend mit Naivität erheitert und sorgen ansonsten im Trivial-Rock mit Wunder-Score von >>The Goblin<< für retroaktive Liebe. Mehr distinktives Schreibgut ist mir dazu jetzt nicht eingefallen, dennoch bleibt eine klare Empfehlung für diesen oft gesehenen Effektspaß der achtziger Jahre, nachdem man sich sagen wird: Das könnte ich auch! In diesem Fall möchte ich Euch zudem die alte Marketing-DVD ans Herz legen (ich bin selber recht schockiert!), welche die deutsche Kinofassung im schicken Transfer bereithält und in jener Fassung ein knackigeres Tempo verfolgt als das Original. Wie schön das Leben doch wäre, gäbe es jenes Master auf Blu-Ray. Dabei kommt der Film ohnehin demnächst als Import-HD, aber ohne die Synchro Harmut Neugebauers scheint es mir nur halb so schön. Aber erstmal genug davon, weiter zum nächsten Film.
 



ALLES STEHT KOPF - Ja, es ist wahr: Bei diesem offenbar allseits beliebten Neuling von Animations-Elite Pixar kann man irgendwie nur auf hohem Niveau meckern. Schließlich schafft der allgemein gehaltene Spaß für Jung und Alt in beachtlich fokussierter Effizienz genau das, was er durchweg mit respektvoller Note ansetzt und ausführt: Eine fantasievolle Visualisierung gedanklicher Prozesse als Abenteuer der Emotionen. Und was da alles für Gefühle reinpassen sowie im Wechselspiel clever abgestimmt und schlagfertig konfrontiert werden. Ohnehin: Was für ein kompaktes Drehbuch, an dem sich diese Umsetzung des ganzen Gedankensystems mit grenzgenialer Leichtigkeit vollzieht; wo die Stationen des Kindseins mit veständnisvoller Unterstützung aufgearbeitet werden. Insgesamt also eine geglückte Filmerfahrung, an dem die ganze Familie teilhaben kann. Doch an einigen Sachen hapert es ja immer irgendwo, selbst wenn die Oberleitung von Disney stets den Dreh raus hat, allgemein gelungen zu unterhalten. Wenn man aber als erwachsener Mensch über das Geschehen nachdenkt, kommt man nicht drum herum, einige mehr oder weniger subjektive Schwächen zu finden.


Jetzt kann man ja sagen: Ist eh ein Film für Kinder, nicht drüber nachdenken. Das Ding ist aber, dass „Alles steht Kopf“ mit seiner Verarbeitung des Ganzen und den Assoziationen, die man als Zuschauer im Umgang damit wiedererkennen soll, eben verstärkt Erwachsene anspricht. Da wird komplexe Psychologie in eine treffsichere Erklärung verpackt, die an Kindern allerdings eher vorbeigehen wird, weshalb denen schließlich nur das bunte Abenteuer bleibt. Und dieses vermittelt womöglich auch nicht die stimmigste Botschaft. Schließlich scheint es ja so, als ob man nach Theorie des Films nur bedingt die Kontrolle über seine Emotionen haben könnte; dass diese schlicht von fünf Wesen im Kopf gesteuert werden und sogar motorische Erinnerungen beeinflussen (und wo nur der erwachsene Zuschauer die metaphorische Funktion darin erkennt). Wobei nicht mal wirklich festlegbar ist, ob diese auf die selbstständigen Handlungen ihres Wirtskörpers reagieren oder dessen Reaktionen selbst auslösen. Da hat man es wieder: Ein Fantasy-Film, an dem man Logik überlegen will. Ich finde das ja an mir selber auch nervig und wünschte, ich könnte das Gezeigte einfach so akzeptieren - doch wenn es ein Film nun mal darauf anlegt, in unsere Köpfe zu steigen (nicht nur in den eines kleinen Mädchens) und das Abstrakte am menschlichen Gehirn derartig zu verallgemeinern, ist Wiederfindung unausweichlich.


Da merkt man auch, wie einfach es sich der Film macht, was am geradlinigen Konzept sicherlich noch die sicherste Variante ist, aber nun mal nicht die Schwelle zur Umkehrung der Erwartungen überschreitet. Hauptsächlich geht es nämlich darum, wie die anfangs entschieden plakativen Emotionswärter auf etwas reagieren, was sie sehen. Und da bleibt allein schon der Humor etwas zu sehr auf einer Pointe stecken, an der jeder nacheinander seinen kalkulierbaren Senf zu einer Situation abgeben darf. Humor ist natürlich subjektiv und wird hier im Rahmen des Handlungskonstrukts sowie seiner Möglichkeiten gut abgeglichen verarbeitet - doch das Arbeiten mit Grenzen ist nicht immer von Vorteil; speziell, wenn es noch darum geht, die Komplexitäten der Vorstellungskraft verständlich zu machen, was sie zwangsläufig einschränkt. Daraus wird dann auch wieder ein drolliger wie aufrichtiger Cartoon, der das Schwierige zum Einfachen transformiert. Doch irgendwann fragt man sich dann schon, ob das die richtige Methode ist; ob man nicht doch etwas daran offen lassen könnte, wie Menschen funktionieren und mit welcher Berechnung Gedanken wie Emotionen und Fantasien (und somit auch der Filmplot) zusammenkommen können.


Auf diesem Wege wäre es theoretisch auch gar nicht mal verkehrt, „Alles steht Kopf“ von Kindern fernzuhalten; allein daher, mit welcher Leichtigkeit er eigentlich jede Persönlichkeitsfindung pauschalisiert. Jedenfalls scheint das sein eingeschlagener Weg zu sein, der sicherlich gar nicht mal böse gemeint ist und trotz allem mit einem Gros an Kreativität ausgestattet ist. Der Film will nur helfen und vermitteln, warum das Leben angenehme wie unangenehme Gefühle braucht, um mit Eindrücken und Veränderungen zu wachsen. Wenn sich doch nur alles so einfach erklären ließe. Ist aber nun mal nicht so. Vielleicht erklärt das meine zwiegespaltene Haltung zu diesem wirklich mehr als souveränen Kunststück menschlicher Erfassung. Vielleicht versucht er auch einfach für meinen Geschmack zu sehr, ein Konzeptfilm zu sein, als wirklich etwas über seine Selbstdefinition der inneren Mechanismen hinaus erzählen zu wollen. Und gerade was er darin erzählt, sollte man nicht so einfach hinnehmen - bei aller Liebe zur wunderschönen Animationskunst. Mit diesen Gedanken im Sinn, möchte ich aber nicht von der Ansicht des Films entmutigen, selbst wenn ich meine Probleme damit hatte. Vielleicht hilft es, das Gesehene mit gleichgesinnter Leichtigkeit zu akzeptieren und einfach nicht genauer zu hinterfragen, was denn seine Absichten sind - wenn es denn geht.

P.S.: Wo wir schon bei überhypten "Meisterwerken" sind, muss ich mich leider auch dahin gehend outen, dass ich „Augen ohne Gesicht“ (Georges Franju, 1960) diese Woche gesichtet hatte und nicht allzu viel Zauber abbekam. Ich spür jetzt schon den Hass auf meine Filmkompetenz, aber wer den gesamten trockenen Leerlauf zwischen den wahrlich reizvollen Höhepunkten noch immer als atmosphärische Poesie bezeichnen will, der sollte sich doch lieber mal in die Wunderwelt Jean Rollins verlieren. Nicht, dass Franjus Film deswegen schlecht wäre oder als französischer Genrefilm nicht wegweisend wäre, doch einerseits verläuft er leider etwas doll saft- und kraftlos und lässt gerade die schönsten Sachen an sich vorläufig aus den Augen - siehe Christianne an sich sowie die Hunde im Keller -, um lediglich schleppendes Krimi-Prozedere aufzuzeichnen. Die Operationsszene hat natürlich noch immer Kraft, doch nach derartigen Ekstasen muss man hier schon betteln, trotz realtiv kurzer Laufzeit. Genug gemeckert, der nächste Film wartet schon:




BRADBURY UND DER FLUCH DER TODESHÖHLE - Ein italienischer Indiana-Jones-Verschnitt, welcher allerdings im gehetzten Unterhaltungspegel an fehlender Kohärenz und maximiertem Honk-Witz kaum zu überbieten ist. Unnachgiebig ausgestattet mit einer plakativen Bösewicht-Fraktion, einem haltlos naiven Weltbild der Geschlechter im Reißwolf des Dschungels sowie kostengünstiger Wahnsinns-Action, geht der Film aufs Ganze, ohne jemals einen Ruhepol zum Einfinden anbieten zu können. Statt dessen türmen sich markige Sprüche, Stimmungsschwankungen zwischen Abenteuer und Macho-Fantasie bis hin zur psychotronischen Hysterie und Selbstverständlichkeit erotischer Anziehungskraft sowie Gummi-Effekte am laufenden Band. Regisseur Gianfranco Parolini gibt seinem Comic-Menschen namens Clifton Bradbury III., auch bekannt als „Inka-Man“ (Luigi Mezzanotte), schlicht die Bühne frei und inszeniert um ihn herum ein haltloses Spektakel des spackigen Wahnsinns - Hauptdarstellerin Kelly London hat es da im Vergleich als Partnerin Linda Logan eher schwer, einen Eindruck jenseits ihrer erregenden Figur zu hinterlassen. In der dringlich bewegten (und trotzdem einigermaßen unschuldigen) Zusammenarbeit beider gilt aber auf jeden Fall: Je länger man mit drin hängt, desto erschöpfter wird man; je weniger man versteht, desto besser. Denn was dann an Lachern zusammenkommt, ist kaum zu beschreiben - erst recht, wenn Alkohol mit im Spiel ist, ja sogar im Spiel sein muss. Das einzige, was man in so einem Fall noch machen kann, ohne den ganzen Reiz toterklären zu müssen, ist erneut der Verweis auf den verdammt schönen Trailer, der hier in aller eskapistischer Schrägheit begeistert:






TURM DER SCHREIENDEN FRAUEN - Wie schnell Bert I. Gordon doch zur Sache kommt: Ehe eine stimmige Charaktereinführung von statten gehen kann, entfesselt „Der Turm der schreienden Frauen“ seine mörderischen Kräfte im reißerischen Schwarzweiß. Zumindest so reißerisch, wie es die ausgesprochene B-Movie-Produktion des Ganzen ermöglicht. Was dementsprechend an horriblen Effekten quälender Geister zusammenkommt, ist schon einigermaßen lachhaft wie beglückend charmant. Und weil jene Effekte befriedigend sowie spärlich eingesetzt werden, liegt der Fokus zur Entzückung aller auf Tom Stewart (Richard Carlson), welcher die Affäre mit der heißblütigen Vi Mason (Juli Reding) anhand unterlassener Hilfeleistung tödlich beendet und fortan von der Schuld sowie ihrem intriganten Geist verfolgt wird. Ganze 75 Minuten dauert sodann die spannende Verfolgung ums flache Strandgebiet, weshalb ein außerordentlicher Kurzweil die psychologische Hysterie Toms begleitet und mit plakativen, beinahe pointierten Dialogen aufwartet. Dabei belässt es der gepeinigte wie schuldige Tom nicht nur bei der spirituellen Vi, wenn es darum geht, der Weiblichkeit mit Schwäche, Lüge und egoistischer Mordlüsternheit entgegen zu kommen. Allen voran die Wahrung einer familiären Einheit mit seiner Verlobten Meg (Lugene Sanders) und ihrer kleinen Schwester Sandy (Susan Gordon) geht er so nervös und verdächtig an, dass selbst die blinde Nachbarin Mrs. Ellis (Lillian Adams) ihm ansieht, wie wenig Kontrolle er vorzeigen kann. Dieser kontinuierliche Zerfall moralischer Festigkeit beim „besten Jazz-Pianisten der Welt“ unterhält durchweg; findet eben auch seinen Spaß am Konzept ohne Ablenkung, das zwischen Pulp, Piano und Paranormalität als mörderischer Reigen filmischer Naivität bockt. Viel schöner als erklärende Worte zum Film dürfte allerdings dessen Trailer wirken, weshalb er hier in aller Schönheit präsentiert werden muss:






A DEADLY ADOPTION - Wirklich gelungene Parodien kommen zusammen, wenn bei der Emulation des ursprünglichen Subjekts auf Glaubwürdigkeit gesetzt wird - selbst wenn man dabei ein vollkommen entbehrliches Spielfilmformat derartig stimmig repliziert, dass alle dessen Schwächen mitgeliefert werden. In diesem Fall erlebt man also auf dem Lifetime-Sender einen waschechten Lifetime-Film, der aber von etablierten Komödianten erdacht und besetzt ist. Selbst wenn man sich hierzulande nicht speziell mit der Marke Lifetime beschäftigt, ist man mit derer Art von Output als erfahrener TV-Zuschauer längst vertraut: Das routiniert heruntergekurbelte Thriller-Prozedere, welches mit geringstem Widerstand auf den anspruchslosen Nervenkitzel abzielt und dabei mit flach eindeutigen Charakterisierungen wie Dialogen zum melodramatischen Klimax ansetzt - audiovisuelle Zweckmäßigkeit und spekulative Psychologisierung inklusive. „A Deadly Adoption“ ist sich dessen allzu sehr bewusst und kann daher vielleicht nicht denselben Charme einer unfreiwilligen Komik vorweisen. Doch anstatt dessen, dass der Film versucht, auf den Humor der schlechten Qualität hinzuweisen oder auf absurde Spitzen zu treiben, spielt er sich gnadenlos straight-faced durch.


Will Ferrell und Kristen Wiig arbeiten sich in dem Sinne per gemäßigten Spiel an ein Drehbuch heran, das bis zum Anschlag mit Klischees gefüllt ist wie es auch eine Zwischenmenschlichkeit aufzeichnet, in der jeder Satz geradezu ökonomisch zum nächsten Anhaltspunkt der dramaturgischen Relevanz kommt. Doch selbst jene Dialoge legen sich in all ihrer Unnatürlichkeit niemals als blanker Witz offen, wie auch die Zuspitzung der Ereignisse zwar hanebüchen, aber niemals zu absurd verläuft. Tatsächlich ist die innere Charakterentwicklung, mag sie noch so trivial sein, sogar stimmig aufgebaut - eben objektiv ein ganz legitimes Standardprodukt und kein gewollter Schrott-mit-Ankündigung. Der Spaß entsteht eben dadurch, dass sich Ferrell und Wiig dem Reigen der Einfältigkeit dermaßen anpassen, dass der Zuschauer unweigerlich zum brüllend komischen Kopfkino verleitet wird, inwiefern sich diese Epigonen der Komik zusammenreißen mussten, um dieses höchst kalkulierende Einwegdrama über die Bühne zu bringen. Ihr Schauspiel zu beobachten, ist dabei ein Genuss, der wohl nur von der ausgelebten Ironie übertroffen wird, mit welcher die Zwei ihre streng ironiefreien und somit umso gestelzteren Figuren auftragen.


Das gilt natürlich ebenso für den irrwitzig-konstruierten Kollegen voller Nettig- und Aufmerksamkeit, Charlie (Bryan Safi), wie auch für die Darstellerin der mysteriösen Leihmutter Bridget, Jessica Lowndes, welche ein ebenso glaubwürdiges Bild zu einer stetig hysterischeren Femme Fatale abgibt. In ihrer Qualität bestehen erst recht keine Unterschiede mehr zum real thing, weshalb sie sogar eher ins Programm reinpassen würde, als die bewusst absurde Note der Anwesenheit Ferrells und Wiigs. Wohl auch deshalb kommt der Eindruck bei „A Deadly Adoption“ irgendwie nie ganz soweit zustande, dass man ihn vom Restbestand der Lifetime-Schmiede auseinanderhalten könnte. In gewissen Zeitpunkten macht er eben auch dumpfe und lange Plätscher in Richtung Spannung; die Emulation kann eben nur in ihrer Vollständigkeit gelingen. Aber wenn sie gelingt, dann mit schallendem Gelächter aufgrund der meisterhaften Entbehrung zur Entbehrlichkeit. Und wenn das nicht reicht, beseitigt der Happy-End-Dance alle Zweifel.




HAPPENING - Jemand muss mal die Musikauswahl der Filme Alan Vydras zusammenfinden. So wie er hier nämlich schon anfängt und seine Carolyn Grace im Neonlicht der urbanen Nacht nach der Ekstase suchen lässt, hat schon etwas Beschwörendes, das durch elektronische Impulse zur vereinnahmenden Sehnsucht wird. Dabei ist dieses Intro auch die dringliche Fantasie unserer Hauptprotagonistin, deren Ehe mit dem lyrischen, doch altertümlichen Gatten Paul stets in sexueller Langeweile endet. So flüchtet die schüchterne, doch unerfüllte brünette Schönheit in Eroberungsfantasien sowie Tagträume mit Männern wie Frauen, oftmals auch mit ihren aktiveren Freundinnen als Ersatzakteure ihrer insgeheimen Lust auf mehr. Vydras Inszenierung und Drehbuch stellt die hin- und hergerissene Verklemmtheit seiner Hauptdarstellerin angemessen dar und fällt in seiner natürlichen Grundierung nicht in jene beliebte Genre-Fallen, die jenseits der Charakterzeichnung auf plötzliche Geilheitsausbrüche im Männerfang setzen, nur um weitere lüsterne Szenarien aneinanderzureihen. Im Gegenteil: Sobald sich sogar potenzielle Sexszenen mit anderen Charakteren ergeben könnten, an denen Carolyns Figur nicht weiter teilnehmen wird, blendet der Film respektvoll ab und behält ihre Geschichte weiter im Fokus. 


Beispielhaft dafür sei jene Szene genannt, in der eine ältere Freundin (mit recht verdorbenem Mundwerk) ihr einen Klempner an den Hals schmeißt, der jedoch nicht das Liebesspiel mit ihr vollziehen kann, da sie sich zu unerfahren im Bett wälzt. So entzieht sie sich aus Scham, während sich die Freundin an ihn ran macht, doch darauf wird dann nicht mehr weiter eingegangen. Stattdessen zieht es sie auf den Dachboden, wo im stimmungsvollen Lichteinfall eine Bedienstete ihres Mannes masturbiert, was nach zartem Herantasten zum lesbischen Vergnügen führt. Und auch dort sind Montage sowie Musik von aufgeregter Schönheit gezeichnet und treiben sich wie die Darstellerinnen in ätherische Höhen, zu denen sogar Chöre à la Popul Vuh ihre Aufwartung machen, während in der Dunkelheit das viktorianische Schlafgemach zum Träumen einlädt. Sowieso ist die audiovisuelle Gestaltung Vydras gerne bereit, den Beischlaf geradezu zu pointieren; mit dringlicher Kraft auf den Höhepunkt hinzuarbeiten, der zuckende Glieder auf sanfte Haut und stöhnende Münder treffen lässt. Als Porno wird der bezeichnend betitelte „Happening“ seinem Genre nun mal gerecht, doch gerade die Konzentration auf die Funktion des Titels wird gar nicht mal unwirksam in Bezug auf Charakterstärke eingesetzt.


Carolyns Verhältnis zum Sex passiert eben hauptsächlich auf mentaler Ebene - wenn ihr Mann sie nur im Schlafmantel und mit Nachthäubchen begatten kann, bleibt ihr trotz aller gleichgültiger Duldung ihrerseits lediglich noch das Wandern in Fantasie-Momente, bei welchen sie auch gerne gröber und auch gleich von mehreren Herren genommen wird. Erst durch ihre Freundin motiviert, welche eine recht lockere Beziehung zuhause führt, begibt sie sich mit Vorsicht in einen leichtfüßigen Puff, in dem sich allerhand freie Paare zum Stelldichein finden. Nur sie bleibt dabei alleine zurückbleibt; traut sich nicht mal, sich selbst oder andere anzufassen. In dem Moment verliert Vydra aber auch ein Stück weit seine Entschlossenheit, den Fokus auf sie zu belassen und spielt sodann die spaßige Orgie aus, die ihr entgeht. Da wird ganz unbekümmert im flotten Rock-Beat gerammelt, so wie die Lust auf dem Höchststand gerät. Carolyn hingegen kann sich ihre Erfüllung weiterhin nur in kreiselnden Gedanken abholen, während ihr Blick vom malerischen Anwesen über das Gras in den lauen Horizont schweift. Solche Momente der atmosphärischen Ruhe beherrscht Vydra ebenso; lässt der charakterlichen Träumerei nach Verbesserung Luft wie er auch die Dialoge minimalistisch, respektvoll und auch fern vom Klamauk hält. 


Die Leere von Carolyns Leben in diesem Ambiente ist durchweg zu spüren und strahlt eine verschlossene Tragik aus, die auch dann nicht entwertet wird, sobald sie tatsächlich den reellen Vorstoß zum Beischlaf mit mehreren Mechanikern in einer Autowerkstatt vollzieht. Jedenfalls scheint er real, eine klare Abgrenzung zwischen Realität und Tagtraum schafft Vydra da nicht; suggeriert mit seiner intensiven Bild- und Tongestaltung allerdings eine Anspannung, die sich wirklich lange zurückhielt und nun in heißer Erwartung das Ersehnte geschehen lässt - eben ganz das „Happening“. Zum Schluss bleibt aber eine bittersüße Note, bei der Carolyn trotzdem in glückloser Ehe verharrt; zwar noch immer zaghaft ihre Liebe zu Paul eingesteht, aber mit lethargischer Haltung weiterhin nur ihre Lust in der Fantasie erblicken kann. Wie so vieles im Leben ändert sich ihre Situation nur bedingt, wenn auch ein Funken der Hoffnung überlebt und einigermaßen Empathie beim Zuschauer auslöst - jedenfalls mehr, als es beim gängigen Pornofilm der Fall ist und normalerweise auch weit zynischer behandelt wird. Carolyns Vorstellungen von Beinahe-Überfällen mehrerer Herren ist dabei sicherlich nicht ganz unproblematisch; der Wunsch danach geht aber immer noch von ihr aus, was sich im Rahmen des Films aber vor allem in seinem letzten Akt zur ambivalenten Auslebung eines inneren Zwanges stilisiert. 


Es gibt im Pornofilm vergangener Jahrzehnte eben auch ein paar andere Facetten abseits der entblößten Fleischeslust zu finden und da ist Alan Vydra mit seiner Ambition zur charakterbezogenen und filmisch motivierten Stilistik stets eine interessante Ausnahmeerscheinung inklusive Hang zum elliptischen Melodram (siehe auch „Abflug Bermudas“). Wem das alles zu hoch ist, kann sich jedenfalls auch weiterhin an schönen und flexiblen Frauen, herrlichen Dekors und Landschaften im Zeitkolorit sowie professionell aufbereiteter Sexualität erfreuen - dafür sind die 77 Minuten Laufzeit auch kurzweilig und befriedigend genug gehalten. Dann darf man aber auch umso angenehmer überrascht sein, wenn man sich mit der frustrierten und nach individuellem Glück strebenden Carolyn irgendwann sogar identifiziert.




ANDREA - WIE EIN BLATT AUF NACKTER HAUT - In diesem erotischen Melodram von Hans Schott-Schöbinger ist die spekulative Psychologie zur Nymphomanie nur ein bedingt einnehmender Antrieb für den Zuschauer und nicht mal zur unfreiwilligen Unterhaltung eines Aufklärungsfilms tauglich. Jedenfalls ist die laxe Handlungsentwicklung wie auch der immens beschränkte dritte Akt dazu nicht im Stande, jenseits des Reißertums zu fesseln und verfehlt damit allzu grob eine Identifikation mit der Hauptfigur, welche hinsichtlich des Entstehungsjahres 1968 zudem in sexuell recht konservativen Szenarien endet. Ein Leben mit jener dargestellten Form von Nymphomanie mag gewiss am Selbstwertgefühl kratzen wie auch die anstehende Aufgabe der bewährten Sicherheit durch Verkauf des Familienhauses an der inzwischen elternlosen Protagonistin nagt. Ihr Schicksal vermag der Film aber nicht allzu stimmig zu empathisieren, dafür fehlt ihm sowohl die Dringlichkeit zur inneren Veränderung wie auch die Glaubwürdigkeit dorthin.


Nicht gerade grundlos funktioniert er selber als sexuell aufgeladener Genussfilm, bei dem das karikierte Gesellschaftsbild mondäner Langeweile sowie der gemeine Pöbel seine erklärte Freude am Sex hat. Alle Szenarien spielen sich dabei im Ohrwurm-tauglichen Easy-Listening-Groove ab, ob Andrea nun proaktiv Stallburschen wie Arthur Brauss um die Finger wickelt oder von Herbert Fux per Ledergürtel im Neonlicht ausgepeitscht wird. Sleaze und Kolportage des Zeitgeists entwerten schlicht die Stärken der eigentlichen Charakterzeichnung und so muss man mit anderen, hauptsächlich ästhetischen Vorzügen vorlieb nehmen. Vorteilhaft für diesen Fall ist, dass eine junge Dagmar Lassander als omnipräsente Lustdame die Wimpern flattern und Negligees abblättern lässt. Im geradlinigen Fokus des Films auf ihre erregenden Abenteuer vom schicken Schlafgemach zum Moloch hin, ist die Kamera ihr bester Freund und ein Sprachrohr der sehnsüchtigen Haut, mit der sie sich auch stimmungsvoll ins Heu bei Mondlicht begibt und gerne auch in Gedanken verloren am Schilf umherschlendert.


Die Sinnlichkeit hat Schott-Schöbingers Gestaltung dabei ausgezeichnet drauf, wie sie sich auch in Tagträumen einfindet, auf deren Betten und Körpern die Herbstblätter niedergleiten. Gleiches gilt für jene Szenen, in denen Lassander um ihre Zukunft bangend in die nachdenkliche Bewegung flüchtet - mit die schönsten Momente, zusammen mit den lyrischen Liebesspielen, die während eines Gewitters mit Art Brauss vollzogen werden. Warum dann also hält der Film es für sinnvoll, die körperliche Lust als Last zu verinnerlichen; als zweifelhaften Umstand zu werten, bei dem ganz klar werden soll, dass Sex ohne Liebe nichts wert ist? Schließlich wird selbst der ruppige Charakter von Herbert Fux in all seiner manipulativen Schmiere zum selbstsicheren Dandy stilisiert, der zudem eine recht lockere und glückliche Beziehung mit seiner Freundin führt, obwohl er gerne einige Betthässchen mit nach Hause bringt. Der Film schafft es einfach nicht, sich zu entscheiden, wie ernst er sein Sujet angehen will, was letztendlich dazu führt, dass er mit verlogener Moral hantiert und jedes charakterliche Verständnis ad absurdum führt.


Dabei könnte man die Problematik der Nymphomanie gewiss stilsicherer hinterfragen, ohne den Widerspruch konservativer Engstirnigkeit im Reigen des Körperkults befürchten zu müssen. So aber ist der thematische Aufhänger trivial angesetzt und dennoch mit einem schlussendlichen Nervenzusammenbruch gezeichnet, der sich nur bruchstückhaft nachvollziehen lässt - was übrigens auch für andere leichtsinnige und devote Handlungen Andreas gilt, sofern man diese nicht bloß anhand der Geilheit begründen will. Eine schwierige Angelegenheit, dieser Film, erst recht, wo man(n) doch schlicht nicht umhin kommt, der Ausstrahlung Lassanders bedingungslos zu folgen. Daran hätte sich das Narrativ ein Beispiel nehmen sollen und ein liberales Glück finden können. In dieser Konstellation bleibt jedoch trotz aller gezeigter Schönheit ein Nachgeschmack des Frusts hängen.