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Sonntag, 8. Mai 2016

Tipps vom 02.05. - 08.05.2016



KANTOKU · BANZAI! - Ein klassischer Fall à la „Allein vom Cover her...“ bot sich bei dieser Regiearbeit Takeshi Kitanos an, die bisher leider noch nicht den Weg nach Deutschland gefunden hat, aber als Film geradezu hoch gen Himmel fliegt. Zudem ist schwer zu sagen, wie viel man von der Erfahrung am Ganzen nacherzählt, wenn ich doch nur äußerst enthusiastisch beteuern kann, welch abenteuerliches Konzept sich hier Stück für Stück offenbart, schließlich auch in einer Wahnsinnsstunde der Beglückung mündet. Die Übersetzung vom Titel wäre eigentlich schon zu viel des Guten, aber einige Eckpunkte sollten an dieser Stelle der Orientierung wegen erlaubt sein, nämlich dass man hier ein stark selbstreferenzielles Stück von circa 100 Minuten Länge abbekommt, welches - zudem in Kitanos gewohntem Stil der Schlichtheit gegenüber Absurdem sowie emotionalen Impulsen - vielerlei Muster des japanischen Kinos betrachtet, in jeweiliger Funktion glaubwürdig, teilweise auch legitim spannend und gefühlsecht ausfüllt (bei Beat Takeshi gibt es nun mal keine halben Sachen), aber genauso verspielt und effektreich parodiert. Kitano kommt dabei schon witzigerweise nie darüber hinweg, in jedem Metier über die Gewalt zu erzählen oder in deren Milieus anzusetzen beziehungsweise die Alltäglichkeit des Leidens durch die Zeiten hinweg zu stilisieren. 


Quo vadis?“ fragt sich der Filmemacher, der die harte Schale zum weichen Kern und umgekehrt als Multitalent in die Hand genommen hat, womöglich eine Sackgasse für sich selbst darin erschafft, wie sicher er jedes Format (auch außerhalb des Medium Films) beherrscht. Nun, schlussendlich kommt er in einem Remix an, der alle Elemente zu einem Dadaismus der Genres und Themengebiete vermengt, welcher größtenteils so straight-faced in ein Narrativ voller uriger Überraschungen springt, dass man gar nicht mehr fragen muss, wie viel Chaos Kino verträgt, wenn ein Regisseur schier alles - also auch Urkomisches, Nonsens, Zoten und Eskalationen albernem/veralbertem Testosterons - daraus erschaffen kann. Für einen Episodenfilm wird hier jedenfalls äußerst kurzweilig und auch gar nicht mal so redundant gefeiert, so sei er ohnehin jedem Freund der japanischen Filmlandschaft wärmstens empfohlen, wenn Kitano sogar ohne elitären Pathos, stattdessen eben herrlich verrückt seine Hymne auf das Wunder des Unendlich-Zeigbaren vorträgt.




MURDER ROCK - Lucio Fulci lässt in seinem Gesamtwerk nicht immer wirklich subtil durchscheinen, dass er eine ideologische Abneigung gegen Frauen hat, jedoch nicht davon ablassen kann, sie in den Fokus der Spannung, manchmal auch der Empathie (siehe „Don't torture a duckling“), zu stellen. „Murder Rock“ stellt diese Wechselwirkung vielleicht sogar expliziter heraus als es seine Zombie-Filme taten, vor allem in der letzten Auflösung zieht er Schlüsse aus Erfolgsdrang, Traumata der Schwäche, Ehrgeiz und Neid, dass man diese im Zeitalter politischer Korrektheit nicht mehr derartig kritisch dem weiblichen Geschlecht zuordnen wollen würde, es sei denn der Film darüber hieße zufällig „Black Swan“. Natürlich ist Fulcis Giallo als Exploitation-Reißer entschiedener im Voyeurismus schöner Körper, zudem noch im zwielichtig gestalteten Milieu der New Yorker Tanzszene unterwegs, dass man ihm demonstratives Ausnutzen seiner Darstellerinnen sowie die Dämonisierung ihrer Umstände unterstellen könnte. Gleichzeitig aber ist er gänzlich der Dynamik ihrer Choreographien, ebenso verstärkt den großen wunderbaren Augen von Olga Karlatos verfallen, die hier gegenüber einer Reihe weit jüngerer Damen die Hauptrolle einsackt, wobei deren gemeinsames Leiden einer mysteriösen Mordserie durchweg stilistisch kraftvoll verinnerlicht wird - soweit auch, dass Fulci die Albträume seiner Frauen gefühlsnah als virtuose Angstmomente vermittelt. Es gibt allerdings durchaus Dialoge, wie z.B. in der Charakterzeichnung des ermittelnden Kommissars Borges (Cosimo Cinieri), die über mühsame Arbeit mit Östrogenen seufzen, es sowieso durchschauen, auch wenn der hingenommene Umgang Frust herauf beschwört. 


Für Tanzschulendirektor Gibson (Claudio Cassinelli) sind Frauen sogar alles nur Nutten auf ihre verschiedensten Arten (die er gerne als solche benutzt); Fulci oder auch seine Frauenfiguren geben darauf gar nicht mal so fix ein Kontra. Das gibt es aber doch noch darin, inwiefern die Männerwelt sich hier voller Schwächen und Betrügereien verdächtig macht, psychisch instabil und gleichsam fies dreinblickend der Karriere willen gegen Gefühle verschwört, während die junge Unschuld um sie herum per Chloroform und Hutnadel dahingerafft wird. Der Tod besitzt hier trotz seiner inhärenten Brutalität mehr Zärtlichkeit als man es von Fulci gewohnt ist, wortwörtlich mitten im Herzschlag einstechend. Ganz passend also, trotzdem ungewohnt, transformiert sich der Film von seinem anfänglichen Showbiz-Slasher in eine bizarr konstruierte Liebesgeschichte, bei welcher sich Tanzlehrerin Candice (Olga Karlatos) in die Vision ihres Todes, Kleindarsteller George Webb (Ray Lovelock), verliebt, nachdem sie ihn wie Kevin Costner beim „Feld der Träume“ einfach kennenlernen musste, obgleich sie zunächst bleich wird vor Furcht in seiner langwierig ermittelten Anwesenheit. Die Faszination der Hassliebe überträgt Fulci nun mal von sich selbst auf seine Charaktere, dass diese sogar in ihrer schablonenhaften Zeichnung eine emotionale Achterbahn vorweisen dürfen, die sich ohnehin mit dem Whodunit des Hauptnarrativs decken lässt. Das Spiel der Geschlechter verzweigt seine Strahlen in zig Richtungen, visuell überwältigt jenes Licht selbst die finstersten Aussichten des Todes in pumpender Beständigkeit, wobei da auch der Fame-Faktor an der Luminanz herumschraubt - auch Leichen können berühmt werden, so krass das hier auch auf die Spitze getrieben wird. 


Dabei sieht man zudem noch einige Bekannte aus Fulcis Darstellerfundus von Al Cliver bis Silvia Collatina wieder - ganz zu schweigen von Fulci selbst in der Rolle eines hohen Tieres von der Künstleragentur, auf dass die Geilheit auf Fame in allen Ebenen repräsentativ greifbar wird. Der Film bietet in seiner Grundstruktur natürlich doch etwas wenig, um große Wellen zu schlagen, so plump er seine kriminelle Analyse auf Zufälle, Naivitäten und Spekulationen richtet, teilweise noch von einer kernigen Menschenkenntnis herleitet, aber auch konventionell triviale Mittel anwendet, um den Zuschauer auf falsche Fährten oder die nächste Mordschau zu lenken. Was ihn gewiss von der Langeweile abhebt, ist Fulcis ambitionierte Bildgestaltung, die im Verlauf der Achtziger nicht immer zur Selbstverständlichkeit wurde, hier aber zumindest eine tolle Verkettung der Paranoia (so auch ein Titel aus Keith Emersons Soundtrack) aufziehen kann, die sich u.a. auf mehreren Fernsehschirmen zur Drangsalierung der Schuldgefühle ballt, in derer Dunkelheit drum herum auch endlos erscheinende Fliesenkorridore in Beschlag nimmt. Wenn man dann noch den ganzen abperlenden Schweiß auf nackter Haut im Tanzrausch dazu zählt, bekommt man durchaus einen Fulci auf den Teller, der seine besten und ärgerlichsten Qualitäten eines Brutalo-Deliriums mit sich bringt, aber irgendwo mittendrin durchaus über dem Durchschnitt als abenteuerlicher Wahn der Träume und Triebe reizen kann.




BOILING POINT - Einen weiteren von Kitano-san habe ich mir dann auch noch gegönnt, den bereits 1990 erschienenen „Boiling Point“, eben genau die Art der Betrachtung der Gewalt, mit der er seit jeher effektiv aufwarten kann. Die Grenze zwischen offener, doch kritischer Darstellung und zynischer Exploitation zieht er dabei entschieden zur Vermittlung des Schmerzes durch, welcher sich in seinem Gesellschaftsbild des kontemporären Japans kontinuierlich wiederholt und keine Sieger aus einem Spiel zieht, das eine Reaktion eingebrannter Machtmentalität nach der anderen nach sich zieht. Steigt einer auf, steigt der andere ab und nur selten ergeben sich beide Wege aus der Wurzel einer gütigen Katharsis, obgleich genug Charaktere hierin den Fortschritt der Bescheidenheit fördern wollen: Die Strukturen aus Tradition sowie der Demut darin hemmen sich, bis nur noch an Explosionen, Faustschlägen, Vergewaltigungen und Blei Zeichen gesetzt werden, welche natürlich lediglich zerstören. Kitanos Charaktere verharren schließlich schon in der Kadrierung mehr unter der Hälfte der Bildmitte zum Boden hin, so stark die Verwurzelung zum Leiden und Hass, Schüchternheit, Männlichkeitsidealen sowie anderen Persönlichkeitskomplexen bestehen bleibt. Interessant ist dabei auch wiederum die perverse Poesie, die Kitano in jenen Verhältnissen findet, die er schlicht und abstrahiert innerhalb natürlichen Terrains vermittelt, selbst bei sowas Gewöhnlichem wie Amateur-Baseball den kollektiven Zwang zur Wettbewerbsfähigkeit ausdrückt, der an sich schon nicht mit selbstsicherer Entschiedenheit aus sich heraus kommt.


Keiner ist unschuldig und doch ist jeder ein Opfer. Dem stillen Einverständnis folgen aber bald auch Taten sowie ungelenke Impulse in einem Ensemblestück, das sich daran dementsprechend mehr in funktionellen Rollen wiederfindet, als dass ein durchweg empathisches Grundgerüst für sich stehen könnte. Grund dafür ist eben auch die wechselhafte Handlungsebene, welche zwar dem Einfluss allzu reeller Willkür gerecht wird, sodann jedoch eine konzentrierte Nähe, also auch einen involvierenden Bezug zum Ganzen, aus den Augen verliert. In einem vom Grund auf freien Narrativ ist es zwar widersinnig, den Mangel an striktem Plot-Abzählen abzustrafen, doch vor allem in der zweiten Hälfte wird man das Gefühl nicht los, dass sich Kitano wirklich in gewisse Einbahnstraßen am Strukturlosen verläuft, während er eben Eindrücke von Gewaltstrukturen findet, die sich bald nicht mehr steigern lassen, so wie sie das Vorangegangene nochmals aufgreifen. Er wahrt zumindest durchweg Distanz, ehe er einen Nihilismus forciert; viel Hoffnung kann er aber ebenso nicht auf den Weg mitgeben, wenn der „Boiling Point“ stets wieder auf den Anfang zurücksetzt und quasi nur abgewartet werden kann. Es wird so oder so nicht schön, wenn er an Hitze überläuft.




DIE UNVERGESSLICHE WEIHNACHTSNACHT - Mitchell Leisens Film funktionierte für mich in erster Linie recht gut als Introduktion zum Schaffen Barbara Stanwycks, deren Schlagabtausch mit Hauptdarsteller Fred MacMurray in Sachen Erfahrungen mit der Güte anderer oder eben dem Mangel dessen ein recht angenehmes Stück Rom-Com abgibt, das sich im Dialog sogar mit den Qualitäten eines Preston Sturges brüsten darf. Durchweg präsent und bezeichnend für 1940 hält sich das X-Mas-Abenteuer zudem in den Gefilden bedingungsloser Nächstenliebe auf, die sich aus dem Screwball-Ambiente der Großstadt in die Heimeligkeit netten Landlebens zurücksehnt. Dem Film geht dort im Verlauf aber leider auch ein bisschen der effektive Reality Check abhanden, den Stanwycks Rolle der Lee Leander im Angesicht ihrer Mutter erlebt, welche den Jugendsünden der Tochter (in einem Musterbeispiel von Krebsgeschwür angewurzelten Hasses innerhalb des Dorfhorrors) nimmer verzeihen mag. Das addiert sich auch noch gut mit der recht natürlichen Aufbauphase der Sympathie zwischen unserer Hauptfrau und jenem Hauptmann, die über schöne Eigenarten der Persönlichkeiten (allein dieser Kontrast zwischen ihm als gesetztestreuer Staatsanwalt John Sargent und ihr als unscheinbare, missverstandene Delinquentin) in eine gut aneinander abprallende Friend Zone der Geschlechter einläuft - einem Talent wie Sturges sei dank, der aber natürlich mehr clevere Phrasen als aktive Handlungen sprechen lässt. 


Bei manchen Eindrücken muss man eben aber erheblich an deren Schatten vorbeischauen, erst recht hinsichtlich des konservativem Konsens, der hier allzu idyllische Familienverhältnisse zur Weihnachtszeit zeichnet, in denen Grautöne hauptsächlich als gut gemeinte Bitten zum Wohl des Gegenüber rüber kommen - siehe die Bevormundung durch Johns Mutter, dass Lee sein Glück mit ihren persönlichen Problemen ins Gegenteil treiben könnte. Gut, dass John letzten Endes für sich selbst und für das Risiko der Liebe sprechen kann, obgleich er im Zwiespalt zwischen Berufspflicht und Herz ebenso diffuse Signale aussendet, so wie der Film ebenso irgendwie nur wenige Emotionen mit voller Bravour euphorisieren kann - manchmal kommt daraus Subtilität raus, manchmal stockende Dynamik. Und dann wäre da ja noch die Sache mit Johns schwarzem Hausangestellten Rufus (Fred Snowflake Toones), dessen Rolle vonseiten Johns als nicht besonders hell im Kopfe, aber zumindest praktisch denkend bezeichnet wird. Es wird gewiss eine nicht immer taktvolle, mehr weiße Weihnacht, zumindest trägt das Verständnis für eine starke weibliche Figur hier Früchte, welche die Empathie zum Außenseiter verstärken, ohne einen Antagonismus aus dem anderen Lager zu schlagen. 


Der verallgemeinernde Frieden darin ist vielleicht zu naiv und dadurch auch ein Stück gehemmt ausgefallen, doch zumindest bleiben Sturges und Leisen dabei auch bis der letzten Minute fern des Heuchlerischen innerhalb ihrer Charaktere und nicht einer alles vervollständigenden Kino-Magie verpflichtet, wenn man das Ende bedenkt, an dem sich der interne Weg der Charaktere trotz aller äußeren Ungewissheiten absehen lässt. Zur Weihnachtszeit kann man sich damit vielleicht gar nicht mal so schlecht für eine Zeit lang aus der individuellen Finsternis ziehen, wenn der Bedarf denn besteht - die meisten Abstriche muss man da zwar beim Zeitkolorit sowie dem Wechselspiel aus Glaubwürdigkeit und konventioneller Katharsis machen, doch in vielerlei Hinsicht ist man wenigstens Frau Stanwyck danach ein Stück näher gekommen. Mal ab von meinem persönlichen Ziel darin ist eine klassische Reise durch die Staaten, am Gesetz vorbei und in den Familiensinn hinein, noch das mindeste, was man voll gelungener Unterhaltung hier erwarten darf.






Die uramerikanischen Genres von Sportfilm und Western (hier in italienischer Variation) driften in ihrer Katharsis der Hero's Journey manchmal schon bemerkbar voneinander ab, doch sie lassen sich irgendwie doch leicht verbrüdern, wie es in einem übergreifenden Medium à la Film (auch im Vergleich anderer cineastischen Perspektiven) geradezu utopische Ausmaße der Vorbildlichkeit annimmt. Im folgenden versuche ich als vielleicht schon längst überflüssige Beweisführung dessen eine immens geeignete und hoffentlich unterhaltsame Übung: Stephen Herek kam mit seinen „MIGHTY DUCKS - DAS SUPERTEAM“ 1992 langsam als formvollendeter Hollywood-Regisseur an, weit gestriegelter als bei „Bill & Ted“ und erst recht nicht so chaotisch wie zu Besuch bei der „Fast Food Family“, dennoch lässt er auch in diesem Disney-Sportsabenteuer keine seiner gut eingeschossenen Noten an anarchischem Cartoon-Slapstick aus, während sich das eigentlich gewöhnliche Genre-Prozedere noch tiefer im Herzen einschießt, als Herr Herek es zuvor nur im Ansatz (da aber schon mit enthusiastischem Kampfgeist) schaffte. Damit entsteht eine profunde Gemeinsamkeit zu Enzo Barbonis „DJANGO - DIE NACHT DER LANGEN MESSER“ von 1970, einem Reißer voller zunächst oberflächlicher Gewöhnlichkeiten, die zwischen den Zeilen jedoch reichlich menschliche Momente, Humor und starke Figurenschicksale finden - und das obwohl Rainer Brandt und Karlheinz Brunnemann mit ihrer Synchro so manche davon im Blödel-Zynismus zu entwerten versuchten, obgleich dieser ansonsten sehr einen willkommenen Charme überraschender Pointen dazu gab.


Mighty Ducks“ gewinnt in der deutschen Fassung ebenso an Witz dazu mit seinen rotzfrechen Jungs und Mädels, so wie diese gewiss nicht an kuriosen Beleidigungen sparen und erst recht mit dem neuen Coach Gordon Bombay (Was ein Name! Ach ja, gespielt von Emilio Estevez) auf Kriegsfuß stehen, der zur Gemeinnützigkeit verdonnert nun die Verlierermannschaft schlechthin betreuen soll. Django (Leonard Mann) ergeht es in seinem Film auch nicht besser, zumindest kommt er anhand eines externen Banküberfalls frisch aus dem Kittchen, allerdings hat er auch schon vor einiger Zeit sein Gedächtnis verloren. Zusammen mit den Genre-Heroen George Eastman und Woody Strode ist er sodann auf der Flucht gen Heimat und zur Rückbesinnung des eigenen Ichs (Coach Bombay widerfährt das ja zunächst noch etwas unfreiwillig), doch die Rocco-Gang, welche ihn für tot glaubte, hängt sich auch bald auf eine ganz gemeine Art an seine Fersen, indem sie sich als seine Familie ausgibt und ihn somit gegen ihre Widersacher, eben seinen Vater und seinen Bruder aufhetzt. Bruder gegen Bruder wird letztendlich auch ein Thema bei den „Mighty Ducks“, wie überhaupt eine ideologische Dualität besteht, die so weit zurückreicht, dass sie ganz bewusst Anklänge an den Bürgerkrieg evoziert. Bei Coach Bombay kommt das vor allem in der traumatischen Begegnung mit seinem alten Trainer Reilly (Lane Smith) zur Eskalation, so wie dieser nun zu seinem direkten Rivalen wird, unter seiner Aufsicht zudem einst derartig auf Sieg getrimmt wurde, dass ein kleiner, doch entscheidender Fehler die Missgunst ewigen Versagens über ihn herein brachte. 


Das verletzte Selbstwertgefühl trägt bei „Django“ ebenso Konsequenzen im Rückblendenformat, vieles geht dabei auch von den Vätern, ob nun den scheinbaren oder echten aus, die anhand ihres Leistungsdrucks in vielerlei Hinsicht den Tod des anderen forcieren, selber jedoch noch oft genug an den Gräbern der Opfer stehen werden, eben ihre Söhne verlieren. Wie so oft bei Disney und somit auch bei den „Mighty Ducks“ ist es ohnehin ein schwieriges Thema mit den Vaterfiguren, die hier schon verstorben oder verlassen wurden, anhand dessen es deren Söhne schwer haben, einen Weg in die Zukunft zu finden - das gilt sowohl für Coach Bombay als auch für seinen tapfersten Schützling Charlie (Joshua Jackson), der derartig viel Vertrauen zu ihm entwickelt, dass eine neue Familie daraus gebildet werden könnte. Wo sich das bei den „Mighty Ducks“ mit der zwischen den Stühlen stehenden Single-Mutter Casey (Heidi Kling) ergänzen würde, sollte das bei „Django“ und seiner Jugendliebe Sheila (Ida Galli aka Evelyn Stewart) sogar schon früher von statten gehen, doch als Angehörige der Roccos muss sie sich unter dem Zwang von Vater und Bruder vorzeitig als seine Schwester ausgeben, ehe er womöglich doch noch sein Gedächtnis wiederfindet. Die wahre Zugehörigkeit aufzusuchen, ist ein Sujet, in dem beide Filme ihre Protagonisten empathisch reflektieren, doch sie bleiben gewiss nicht allein, so wie sich das aus mehreren Gesellschaftsschichten gebildete Ensemble an Freundschaften gemeinsam durch Zweifel, Missverständnisse und Hürden kämpft, um einen Sieg der Güte gegen die Raffgier von Gewalt und Macht anzuführen. 


Das Prinzip der Inklusion wirkt bei den Ducks, beispielhaft unter dem gemeinsamen „Quack Quack Quack!“-Schlachtruf, womöglich an ausgeprägtesten, doch das Selbstverständnis, mit dem Django, Eastman, Woody sowie Peter Martell (!) den Western aufmischen und trotz Trennung durch die Roccos im Showdown wieder zueinanderfinden, sich sogar füreinander opfern, besitzt ebenso einschlagende Herzlichkeit angesichts schroffer Umstände. Dabei sind viele kleine Momente außerhalb der Dynamik des Plots schlicht den wunderbaren Persönlichkeitsmerkmalen einzelner Supertypen gewidmet, so einfach und trivial-komisch sie auch sein mögen. Ob Woody bei „Django“ nun als Outlaw noch Zeit findet, in der Kirche an der Orgel zu spielen oder ob die ganze Gang der „Mighty Ducks“ ein Sportwarengeschäft zu den Sounds der „Good Vibrations“ von Marky Mark auf den Kopf stellen: Die Unbekümmertheit überspielt galant jede Redundanz, wenn der Spaß am Leben stimmt. Witzig sind beide Filme ohnehin, doch wenn es hart auf hart kommt, schaffen sie ihre Genre-Richtlinien mit einer sauber verdichteten Dringlichkeit, wie es bei der Spannung zum Underdog eben zur Gewohnheit gehört, aber dennoch in der Zuschauergunst ankommt, ganz gleich ob mit Blei oder mit dem Puck: Die letzte Schlacht entscheidet alles für einen Haufen verwegener wie sympathischer Hunde. Die „Mighty Ducks“ können einen da auch recht astrein catchen, wenn sie auf Fairness beharren, aus Zynikern aufrichtige Vertreter des amerikanischen Traums via Teamwork machen - bei der „Nacht der langen Messer“ hat es dieser schwierig, letzten Endes seine Versprechungen jemals wieder einhalten zu können, zumindest steht das Gute nicht alleine da, wenn es seinem ehemaligen Vorbild desillusioniert den Rücken kehrt. 


Für Coach Bombay und Django ergibt letztere Aktion auf jeden Fall die Emanzipation, für Bombay somit eine Entlastung des Gewissens aus dem Schatten der Vergangenheit raus und hin zum Pfad der Selbstverwirklichung, während Django zwar auch seiner eigenen Vergangenheit vollends gewiss wird, sich aber genauso gut wünscht, in deren Schatten verblieben zu sein. Nichts an der Persönlichkeitsbildung funktioniert in beiden Fällen ohne Geburtsschmerzen und bei keinem lassen sich 1:1 Erfolgsrezepte anwenden, so wie diese Filme ohnehin durch ihre jeweilige Ära, manchmal auch in ihrer inszenatorischen Qualität sowie ihrem Tempo, von außen hin als trennbar empfunden werden können. Dass es aber möglich ist, mit vereinter Stärke und Empathie, nicht mit einer viel einfacher zu empfangenden Boshaftigkeit, die unglücklichen Zustände intimer wie globaler Größenordnungen anzupacken, beweisen beide Filme letztendlich mit einem ehrlichen Ansporn aus der Universalität ihrer Genres heraus. Chancengleichheit, unantastbare Würde und Co., Wahrheiten und Gemeinsamkeiten finden - warum vergessen das dieser Tage so viele kontemporäre Zeitgenossen, wenn es selbst „Django“ und die „Mighty Ducks“ schon längst verinnerlicht haben? 

PS: Nuri Bilge Ceylan hat sich wohl auch bei Stephen Herek orientiert, wenn man bedenkt, wie die Fensterscheiben der Autos ihrer Protagonisten sowohl in „Mighty Ducks“ als bei „Winterschlaf“ während der Fahrt von Kindern eingeschlagen werden. Aber das ist eine Geschichte für eine andere Woche ;)

Sonntag, 22. November 2015

Tipps vom 16.11. - 22.11.2015

 

HANA-BI - FEUERBLUME - "[...] Er macht sich und dem Zuschauer keine Illusionen, ohne zynisch zu werden. Sein Protagonist handelt stets aus Solidarität, benutzt nicht immer den legalen Weg, hält sich dabei aber auch nur an eine Welt, die mit Gewalt Verhältnisse bestimmt – das Blut spritzt infolgedessen so, wie Blumen in ihren Farben aufblühen. [...] Dieser Kontrast vereint sich wie der Film auf Messers Schneide, will mit dem Herzen aus der Gewalt flüchten und dafür ein Feuerwerk entfesseln. Kämpfe um Liebe und Glück sind oftmals die schwierigsten im Leben, aber selbst in den kleinsten Augenblicken oder Stillleben von Wert. Kitano drückt dies eher in Tat und Bild denn in Worten aus – direkt mit Essstäbchen ins Auge und Glocke ins Ohr. Revolverkugeln bleiben in der Faust, Sterne auf der Leinwand, Blut bleibt im Schnee, die Umarmung am Strand. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




THE DEMONS - "[...] Nicht jede Erwartung wird erfüllt, aber auch nicht jede umgekehrt – man ist wie Félix im Lernprozess, nicht bloß innerhalb der Schulmauern. Der Film ist dabei keinesfalls auf eine kindliche Zielgruppe ausgerichtet, da er vermeintlich erwachsene Schauwerte beiläufig oder genüsslich overstated behandelt. Im Vordergrund steht die Kombination von Beobachtung und Leichtgläubigkeit, mit der sich die eigene Wahrheit formt. Im Kontrast dazu üben Erwachsene genügend Verwirrung, je mehr sie sich in Lügen verstricken und manipulieren. Etwas vorzuspielen, das können beide Größenordnungen, doch Kinder hadern mit einer Ungewissheit, die Regisseur und Autor Lesage ebenso bei seiner Anordnung der Geschehnisse gebraucht. Es liegt am Zuschauer, die Assoziationen zu erkennen, nicht aber, eine Wertung vorgefertigt zu bekommen [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




BODY ROCK - Ein verlorener Klassiker kommt aus der Unbekanntheit zurück und liefert genau das, was man sich von einem Film anno 1984 erhofft, der Lorenzo Lamas als Breakdancer Chilly D. inne hat, Sylvester Levay („Die City-Cobra“, „Stone Cold“!) an die Keyboardtasten drückt, Graffiti und schmierige Club-Atmosphäre durch New York City peitscht, anhand Robby Müllers (!) Kamera durch Plansequenzen und Neon-Spielereien in einen unnachgiebigen Strahl der Energie verwandelt sowie ein simples, wie effektives Narrativ der Milieu-Karriere mit ausbeuterischem Manager anwendet, welcher Freunde und Liebe abkanzelt, bis dann doch die herzliche Einsicht kommt. Dafür muss diesmal im Vergleich zu „Beat Street“ nicht mal jemand sterben, es gibt höchstens was auf die Nase, ansonsten Sex im Designer-Loft und im Ausdruckstanz, schüchterne Liebe auf der Couch und Kaffee für Frau Mutter, bevor es in die Stadt geht, um einige frische Tanzbewegungen mit Little Magic auf dicht befahrener Straße zwischen Wolkenkratzern zu üben. Das macht soviel Laune wie es schon verrückte Kleidungsstücke ins Auge stechen lassen, ganz zu schweigen von funktionsfreien Dekorationen sowie Ohrringen für Männer und Jumpsuits für Frauen und andersrum. Das romantisierte Stadtleben daran bemüht sich durchweg um das Überleben der Freundschaft und um den Eingang zu fetzigen Tanzschuppen, um allen voran den grellen Elan am Tanzen auszuleben.

Dynamik ist dabei das treibende Stichwort dieser 80's Fantasy, die sich zudem mit einer Berliner Kinosynchronisation brüsten kann, die nicht nur liebevoll den Spielspaß der Darsteller umzusetzen weiß, sondern erst recht mit Wort- und Satzschöpfungen begeistert. „Wir müssen die Sache pfeffern.“, „Du hast ihm echt ne Nase gemacht?“, „Oberwatussi“ und noch viel mehr an Ultradialogen gesellen sich zu einem Ensemble, das genauso vergnügt über Tanzflächen springt, wie es Flaschen in Lack-&-Leder zerdeppert und sogar direkt in die Kamera spricht, um Kontrastbilder von Massengefolge und engem Freundeskreis zu erschaffen. Und ja, Lorenzo Lamas singt auch selbst mit, falls sich jemand daran erfreuen will - und warum auch nicht, wenn die durchgängige Musikalität des Ganzen im Abspann letztendlich nicht bloß ein bis zwei Tracks abspielt, sondern gleich ein Medley der Playlist aufbietet? Das überwältigt einen vor Geilheit, wie der Film ohnehin recht eigenwillig von einer Szene in die nächste fließen kann, womit er stets aufs Neue überrascht und doch in beinahe allen Belangen beglücken kann, sofern man sich für derartige Zeitkapseln interessiert. Wer das schon an bekannteren Verwandten wie „Breakin'“ sowie „Breakin' 2: Electric Boogaloo“ schätzte und gerne etwas in derselben Ader binnen NYC sehen will, trifft hier die beste Wahl.




BRIDGE OF SPIES - DER UNTERHÄNDLER - "[...] Der Pilot dessen heißt bezeichnenderweise Lieutenant Powers. Wer besitzt am Ende also die Macht in diesem Konflikt? Die Frage lässt sich ebenso zur Gestaltung des Films stellen, welche einzelne Aspekte der Coen-Topoi patriotisch interpretiert, obgleich sich die Kritik an der amerikanischen Auslegung der Demokratie stets bemerkbar macht. [...] Größtenteils bemüht sich der Film dort, die Umständlichkeit beider Seiten zu charakterisieren, die sich mit Machtspielen, Einschüchterungen und Mauern schlagen – ganz gleich, wie es um Einzelschicksale steht. Das sowjetische System wird durchaus unbarmherziger gezeichnet, das amerikanische hingegen verkauft seine Humanität mit einer Kälte, der man genauso wenig vertrauen will. Spielberg jedenfalls kommt nur schwer ohne Optimismus aus [...] Beachtlich ist dennoch, wie Alltagshorror, politisches Kalkül und das Streben nach Güte in einem wechselhaften Guss münden, der mit seinen 141 Minuten Laufzeit beinahe im Flug vergeht [...]"



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SURF NINJAS - Das unnachgiebige Tempo, mit dem die deutsche Synchronisation hier eine Sprucherfindung nach der anderen raus haut und vor allem per Rob Schneider so abgefuckt an der Handlung vorbei schwimmt, ist selbst im Rahmen obskurer 90er Jahre Komödien unerreicht. Nicht, dass der Film in seiner teils ungelenken und teils doch kostengünstigen Mischung aus Surfer-Komödie, Ninja-Action, Insel-Irrsinn und vager Genre-Parodie wirklich überzeugen würde. Dem englischen O-Ton möchte man ebenso nicht so schnell begegnen, so wie der rein objektive Humor ohne Synchro-Bonus ziemlich lasch ausfallen dürfte. Allerdings ist dieser eine Fundgrube verpeilten Slangs, dem man schlicht mit Reihen an unfassbaren Lachkrämpfen entgegenkommen kann. Einige Highlights für den Alltagsgebrauch gefällig (ja, es wurden Notizen gemacht)? „Fusselkratze“, „Schnapsgurkenjocky“, „Muckelland“, „Duck dich, Schicksal!“, „Wollen wir brettmäßig ne Runde absurfen?“, „Raffinierter Bootverstecker“, etc. Jene Menge an durchgeballerten Schwachsinnsphrasen, an die ich mich als kontemporäre Jugendsprache mal so gar nicht erinnern kann, dürfte unter Umständen sicherlich erschöpfen, aber zur Rezeption sei erwähnt, dass es ebenso durchaus von Vorteil war, ein Bier und knapp eine halbe Flasche Rotwein intus zu haben.



Auch nüchtern dürfte man dem naiven Wahnsinnsvergnügen mit Sympathie begegnen können, auch wenn die erste Hälfte etwas flotter vom Band abläuft, als das leicht schleppende Action-Segment mit einem nur spärlich etablierten Leslie Nielsen als Bösewicht. Im Grunde ist er ebenso eine Witzfigur wie alle anderen auch - selbst der Mythos in Flashbacks meint, dass die prophezeiten Heroen gerne die Cosbys sehen wollten, wohlgemerkt in der deutschen Fassung - das wird da wortwörtlich so gesagt! Und wenn am Ende Honecker in Chile verortet wird, ist das Abenteuer komplett im Abwegigen gelandet. Was hat man damit fürs Leben gewonnen? Im besten Fall eine Menge Spaß, im schlimmsten Fall einen filmischen Absturz - in allen Fällen geht es in eine Ecke anarchischen Eskapismus, der sich durch zig Trends des Zeitgeists durchackert und durchweg im bunten Extrem für Kids landet. Für was werdet Ihr Euch entscheiden, liebe zitronenmäßige Leser?




DIE HIGHLIGEN DREI KÖNIGE - "[...] Darüber hinaus schlägt das Drehbuch aber eher heitere denn schwarze Töne an und zeichnet Drogenchaos und absurde Krippenspiele als Slapstick, der sympathisch auf den Arsch plumpst. Selbst der kindische Hang zur Gay Panic, wie bei „Das ist das Ende“ und Konsorten präsent, wird diesmal heruntergeschraubt: Je mehr Dick-Pics Rogen ins Auge fasst, umso stärker ist er von diesen beeindruckt. Wenn es aber darum geht, welche Geschichte der Film erzählen will, hält er sich doch ziemlich einfach und geradezu zweckmäßig, als dass das Schicksal Ethans Resonanz erzeugt. Jeder Akt der Verzweiflung scheitert letztendlich an der Leichtfüßigkeit der Gesamtgestaltung, die nicht mehr als eine lustige Sause vermitteln will und dabei auch audiovisuelle Schmankerl der Gefälligkeit liefert. Der Film ist zu spießig, um sich wirklich etwas zu trauen – ganz gleich, ob er den Status quo seines Protagonisten zum Besseren zu verändern versucht, ist der rundum beibehaltene Status quo der Weihnachtsgüte von Grund auf überlegen. Zumindest geht damit auch eine gute Menge Unbekümmertheit einher [...]"



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STONEWALL - "[...] Immerhin drosselt er sein Tempo zur Zeichnung der Charaktere, die Stereotype sein mögen, denen man aber durch den mit seiner Selbstfindung hadernden Danny (Jeremy Irvine) einigermaßen bodenständig durch die Stationen des Unverständnisses folgt. [...] Emmerich will den Kampf gegen das Unrecht im möglichst nachvollziehbaren (sprich weißen und unschuldigen) Individuum ansiedeln, unterminiert aber das Engagement der Politik [...] Sein Film ist unentschlossen, ob er sich von der Zeitgeschichte oder den fiktiven Charakteren steuern lassen will, wodurch die Interaktion beider Parteien gehemmt wird. Das damalige Geschehen um Stonewall erfordert weitaus mehr Wahrhaftigkeit, das Ensemble mehr Eigenleben. [...]"



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