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Sonntag, 2. April 2017

Tipps vom 27.03. - 02.04.2017


Lebie Lerse,

diese Woche war ich an zweierlei Stellen zutiefst schockiert: Zum einen musste ich Montag nachts feststellen, dass mein Laptop nicht mehr anspringen wollte - Grund hierfür war eine defekte Grafikkarte, wie ich beim Fachmann vor Ort feststellen musste -, zum anderen hatte ich am Freitag kurz vor dem Filmabend bei Siegfried Bendix einen Mini-Hörsturz erlitten, als ich nach dem Waschen meines rechtes Ohrs via Duschkopf ein ungutes Taubheitsgefühl (ca. eine Oktave vermissend) empfand. Tja, irgendwas tut von Tag zu Tag ja immer weh. Keine Sorge, letztere Sache hatte sich nur wenige Stunden danach als kleines Wasserproblem aufgeklärt, ich kann insofern weiterhin so gut wie zuvor hören - wohlgemerkt aber noch immer mit jenem Tinnitus, den ich seit Anfang des Jahres inne habe. Aber jo, mein bereits sechs Jahre lang im Einsatz bewährte Laptop will erstmal nicht mehr funktionieren (Sad!), infolgedessen habe ich meine Daten und Tätigkeiten also nun auf Tower und Tablet übertragen, dementsprechend auch das Schreiben hiesigen Blogs. Ich sage mal so: Gerätschaft Numero 2 eignet sich eher bedingt für den intuitiven Schreibfluss, selbst nach einigen kurzen Experimenten mit der Spracherkennungsfunktion (kommt auch davon, dass ich allgemein besser schreibe als spreche). Im Vergleich dazu ist es mir im Sessel noch immer etwas unbequem, mehrere Stunden lang als Verfasser zu verweilen, doch irgendwann geht das sicherlich auch vollends ins Mark über - Bock auf Verspannung habe ich so oder so noch immer nicht. Was macht der Witte dann also zur Entspannung? Ach, die Frage würde bei mir nur eine langweilige Antwort ergeben, zumindest finde ich es schön, dass die Sonne inzwischen wieder raus kommt - umso sinniger also, dass ich wie letzte Woche einen Filmmarathon am Mittwoch veranstaltet habe! Voraussetzung war natürlich, dass ich nicht nochmal 24 Stunden am Stück durchziehen würde, also beließ ich es bei (höchstens) 12, ergo 8 Filmen in Reihenfolge. Nicht jeden Kandidaten aus dem Umfeld habe ich sodann im heutigen Blog verewigt - man muss sich ja nicht unbedingt noch einen Burnout herbeisehnen -, aber falls die Schließung letzter Lücken individuell erforderlich ist, empfehle ich einen Abstecher auf meine Twitter-Timeline. Ach ja, den Filmabend am Freitag gab es ja sowieso auch noch und da hatte Herr Bendix eine sehr interessante Auswahl zusammengestellt, der es neben der Verspeisung toller Pizzen (ich hatte eine mit Hähnchenkebap, Tsatsiki, Tomaten und Zwiebeln) an schreibwürdigen Höhen nicht mangelte, genauso wenig an totalen Absackern für die Hirnrinde wie „Reise zurück in der Zeit“ und „Doggie Boogie - Disco-Fieber auf vier Pfoten“. Die Erschöpfung hinsichtlich jenes Duos rührt dann aber bestimmt auch von der Frühjahrsmüdigkeit, die mit meinem ohnehin irregulären Schlafrhythmus Schindluder treibt, trotzdem habe ich es in diesen Tagen erneut geschafft, was zu Digi-Papier zu bringen - hauptsächlich dem Wandel ins Schwüle entsprechend mit Werken der Reize ausgestattet, die mindestens von Dreiecksbeziehungen träumen und von dort aus mehr oder weniger auf die Pauke hauen, wie abenteuerlich die Gedanken in neue, gar gefährliche Sphären vordringen. In diesem Sinne wünsche ich also viel Spaß mit dem folgenden Ensemble - inklusive der Rückkehr an Ein-Satz-Kritiken (mehrmals im Zeichen amerikanisch-asiatischer Freundschaft) -, das ich aus meinen, von den letzten Wochen noch immer etwas überarbeiteten Händen eingetippt bekommen habe:




Das Gesamtwerk von Ein-Mann-Verstrahlungseinheit Victor Luminera lässt sich gleichsam singulär auf „Psyched by the 4D Witch (A Tale of Demonology)“ beschränken, doch eher bricht jener Film einem alle Schranken, wie haltlos vor Freude glucksend man ins Spektrum der vierten Dimension transzendiert, als dass man jene Erfahrung in einer Textform bar ausufernder Polemik fassen kann. Das Bombardement an Farben, Effekten, geisterhafter Paranoia und Ehrfurcht binnen Zwischenwelten schäumt sich da - als 16mm-Hochphase eines San-Francisco-Deliriums anno 1973 - in 80 Minuten Länge vor einem auf, macht unsichtbare Flammen sichtbar und lässt Spukvisagen an Astralkörpern um den menschlichen Verstand sausen. Im Gegenzug wird uns jene Begegnung von Kosmos und Unterbewusstsein anhand der naiven Birne von Jungfrau Cindy verinnerlicht, die mit ihrer inneren Stimme (sowieso im Dialog mit herrlich Verpeilten) mehrmals aufs Zwerchfell einschlägt. Im Schauspiel bleibt der Film ohnehin pantomimisch, auf der Tonspur hingegen wird die Bemächtigung des allumfassenden Geistes vom Journal der sexuellen Sehnsucht aus in ein Kreuzfeuer psychotronischer Mächte umgeleitet, das sich so oft wie möglich „Let’s fantasy fuck now!“ wünscht, via Titelhexe mentalintim auf Projektionen entfesselter Lust reitet und damit die Jungfräulichkeit, jedoch keineswegs die Unschuld aufrechterhält. Zeitlupen, wild verfremdete Impressionen und Musikmontagen (tolles Titelsongkraut!) aus einer anderen Welt zerebraler Euphorie wissen da erst recht den Würgegriff der Verwunderung am Zuschauer anzuwenden, welcher zudem Vampiren, rastlosen Spaziergängen durch Chinatown und Sonnenfluten dies- wie jenseits bekannter Realitätsebenen begegnet, wenn man mal nicht lässig mit Hunden im Park abhängt, im Hinterhof-Waldrausch die Verführung des homosexuellen Nachbars Mr. Jones anleiert sowie dem Schlangentanz an Masken und Brüsten gegenüber Tiefen des per Pappbühne eingenebelten Universums beiwohnt. Von Praunheim, Harlan, Schlingensief: Selbst als kombiniertes Trio wären sie nur in Anteilen zu solch einer Zelluloid-Kernschmelze der Synapsen fähig, wie es Luminera mit unnachgiebiger Umnachtung treibt, obgleich die chargierende Haltung des Casts stets von frivoler Lockerheit zeugt, selbst wenn das Inferno schwarzer Magie jede Dramaturgie aufs Wesentliche runter telepathisiert, nah an der Erschöpfung kognitiver Erkundung rumort. Jener Sog der Leichtigkeit zwischen Dilettantentum und Genie, mit welcher der Einschnitt in unser Universum unternommen wird, sucht seinesgleichen – ein okkulter Trip, den ich jedem gleichgesinnt entrückten Filmnarr wärmstens empfehlen will. Wer vielleicht noch etwas weniger Heikles zur Eingewöhnung braucht, kann sich natürlich auch „Sexualrausch“ von Ronald Victor Garcia einverleiben - der schließt sich binnen seiner Orgie der freien Liebe in ein mörderisches Spukschloss ein, das zum Abhängigkeitsverhältnis der Moneten und Geschlechter eine surreale Paralyse neuer Götzen beimischt.




In Sachen Stephanie Rothman hingegen hat man noch mehr zum Vergleich parat, was den Output an Filmen angeht – und weil dieser in jüngster Zeit wieder ein angesagtes Thema geworden ist, war es kaum zu vermeiden, dass ihr „The Velvet Vampire” schließlich ebenso in den Filmabend hinein programmiert werden würde. Regisseurinnen waren doch etwas rar gesät im US-amerikanischen Exploitation-Markt der 70er Jahre – umso schöner, wenn sich dann doch ein Genuss an Topoi und Schauwerten des jeweiligen Genres ergeben darf, sobald Rothman hier die Farben der Verführung in die Sonne rückt, den Reiz von heißem Sand, Samt und Blut in einer ménage à trois binnen kalifornischer Wüste zum Spektakel der Sinnlichkeit ballt. Ja, man kann sich gegebenenfalls auch den Kanon via Jess Franco und Jean Rollin dazu in Erinnerung rufen, um die Knüpfung mit Rothmans Äußerung des übernatürlichen Mythos voranzutreiben, doch die Tragik des Vampirdaseins hat hier so oder so einen Luxus an kaschierten Wunden inne, wie man ihn selten derart lässig als Dynamik sehnlichster Erhaltung begreifen darf. Der Wunsch nach Errungenschaften des Ichs, nach Verwandlungen des Lebendigen ins Tote hungernd (hatte ich diese Woche auch im Nekrophilie-Indie „Kissed - Todeskuss” variiert gesehen), die ihr plaisir nach Begegnungen als Liebesbeweis zur ausgehöhlten Beute transformieren – das muss für wahr keine triste Affäre ergeben! Insofern lässt Rothman ihre Diane LeFanu (Celeste Yarnall) initiativ voll rotem Bombast in die Nacht knallen, Klingen und Augenpartien hantierend, dass man sie im Schlepptau mit dem ausgesuchten Opferpärchen Lee (Michael Blodgett) und Susan Ritter (Sherry E. DeBoer) nur gern haben kann. Das spontane Kennenlernen hat dann auch schnellste Handlungsgriffe für eine Einladung in die Wüste zur abgeschotteten Edelkaserne parat; schmissig aufs ungenierte Machen gepolt, selbst wenn Susan als Skeptiker aus unerfahrener Vorsicht vor dem Unbekannten schier hilflos banal und knuffig zugleich wirkt. Lee dagegen kommt verstärkt selbstbewusster rüber, mit einer (Richard-Lynch-artigen) Durchtriebenheit im Auge als Charmeur des Zeitgeists angesetzt, dass er sich umso entschiedener auf die kaum verhaltenen Zweideutigkeiten Dianes einlässt. Susan kriegt jede noch so offensichtliche Anmache scheinbar nur aus der Ferne mit, doch jeder Lächerlichkeit entgegen rechnet Rothman die Verhältnisse des Dreiergespanns eben einer kollektiven Neigung zur Provokation/Enthemmung zu, die mal fröhlich im Dune Buggy an Kakteen vorbei kurvt, mal müde in der Sonne badet und sich gegenseitig Schlangen vom Hals hält, um infolgedessen den Lebenssaft zum Glücke aller tropfen zu lassen.


Raus mit dem Gift, Hunger stillen, reguläre Bindungen verwischen! Klar steckt da auch ein Spannungsfeld des Sadomasochismus drin - in der Montage des Easy Ridings ohnehin mit dem Fokus zur Laune unter einer Decke -, eher aber noch eine Schönheit im Miteinander, die sich zudem im Traum begegnet, die Angst vor dem Wegnehmen zu einer Hoffnung des Behaltens untereinander hin suggerieren lässt. Das unvermeidlich Parasitäre am Sukkubus ruft dann trotzdem noch den Fluchtgedanken sozialer Modelle/Menschenkenntnis auf den Plan, doch da lässt sich die Ambivalenz in jeder Konstellation schon längst von den Signalfarben an wechselwirksamer Energie triggern, wenn Diane noch vor jeder glückbringenden Entblößung das Vertrauen per Pink, Weiß und Rot stimuliert – und auch verdient, sofern man ihre Variante entgegengebrachter Leidenschaft als solche versteht, selbst wenn diese in destruktiver Unersättlichkeit fungiert. Diane verbirgt sich dazu eben auch als Voyeur hinterm Spiegel, aber wie oft man als Freund der Leinwand einen ebenbürtigen Status einnimmt, muss ich wohl nicht nochmal erklären. Alle Parteien sind mehr oder weniger Eindringlinge, gemessen am Wollen auch notorische Lügner, da nimmt man’s folglich locker mit dem Flirten, mit dem Ausrücken ins nächste Zimmer oder zum Sarg des verstorbenen Geliebten, wenn die Nacht alle Spuren verwischt. Na gut, das Blut bleibt öfter als Hinweis über, macht Zweifel und Schuld als Genre-Spannung ausgehfertig, doch die Schmerzen, ob nun solche aus der Vergangenheit oder Gegenwart, beruhen auf Gegenseitigkeit, weshalb die schwüle Luft (der Dramaturgie) eben auch nur wenig Luft abwürgen muss, um für den Wachstum hin zum Zerfall aufzuwärmen. Alles passiert, wie es (sich) jeweils gefällt und den Frust des Unlösbaren bis zu einer gewissen Grenze der Beziehungsunfähigkeit in einem Ausweg temporärer Selbsterfüllung entgeht. Die Schlussklammer dazu, nach der Trinklaune an entfesselten Geheimnissen zwischen Laissez-faire und Sandsturm die surreale Verfolgungsjagd vom „Blutgericht in Texas” vorwegnehmend, reißt sodann Dianes Wunden darin wieder auf, bleibt mehr oder weniger noch der Sonne verträglich, entlarvt aber auch das Fass ohne Boden in der Liebe - eine verheißungsvolle Fallhöhe mit Verschleißspuren; nicht auszutreiben, selbst wenn die Sucht zum Tode dem Sterben erliegt. Bei solchen Zyklen bin ich gespannt, noch mehr von Frau Rothman kennenzulernen, sprich immer wieder aufs Neue von ihr zu lernen.



Ein-Satz-Kritiken für zwischendurch:

„Jade“ – William Friedkins Erotikthriller musste sich aufgrund der Autorenschaft Joe Eszterhas‘ vielerlei Vergleiche mit „Basic Instinct“ gefallen lassen, erfüllt sowieso mehrere Anlaufstellen und Milieu-Kolportage des damaligen Trends, doch die Inszenierung sticht als Seeleninneres eines Ensembles heraus, das sich vor allem via Außenimage definiert, wie ein Chamäleon Kulturen assimiliert, Bilder des Eigenen/Eigenen im Hintergrund anpeilt und Wahrheiten schluckt, während die Erwartungen an die designierte femme fatale deren zerrüttete Suche raus aus der Jagd und dem Missbrauch der Projektion offenbaren, welche Friedkins Drastik und Konstante des allgegenwärtigen Bösen/Teufels weiterhin nicht vollständig auszutreiben imstande ist.

„Monster aus dem All” – Kinji Fukasakus Bindeglied zwischen amerikanischem Sci-Fi-B-plus-Movie und auf Eigendynamik kadrierten Toei-Effekthallen gibt (wie typisch für diese Woche) eine Dreiecksbeziehung aus, die hauptsächlich funktionell, doch symbolisch als Vergangenheitsbewältigung ehemaliger Rivalen zu den Sternen fliegt, um eine utopische Erde vereinter Nationen vor einem Prä-„Armageddon“-Kometen zu retten, aus dem allerdings auch Prototypen des „Alien“-Narrativs mutieren, denen mit normaler Ballerpower nicht beizukommen ist, was bei der Drolligkeit jener interstellarer Zyklopen umso beglückender auffällt (schönes Kopfkino, sich vorzustellen, wie die Kinder in den Kostümen auf die vor Furcht fuchtelnden, erwachsenen Helden zustampfen), so wie sie sich fast schon nach Yôkai-Manier ballen und insofern Folk-Mythen kontemplativen Tempos in die Space-Sause suggerieren.

„The Hideous Sun Demon” – Das Drive-In-Spektakel eines radioaktiven Monsters in Mannsgröße ist im Grunde nur die nebensächlichste Attraktion in einem als Creature-Feature getarnten Drama der Alkoholsucht, das die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Bindung im Banne einer Abhängigkeit/Entsagung repräsentiert, sobald ein Atomwissenschaftler seines Betriebsunfalls wegen der Sonne fernbleiben muss, den Suizid in Betracht zieht und höchstens noch eine Entlastung darin findet, die Sängerin eines Nachtclubs vom fiesen Mob-Beau ihrerseits fernzuhalten, Zweisamkeiten am Strand mit ihr zu teilen und doch hintergangen zu werden, so wie sich der Zwang der Horrormanie zurückmeldet, ein ziellos mordendes Ende findet.

„Ghost in the Shell” - Als audiovisueller Erzähler sehe ich Rupert Sanders in Zukunft noch einiges an Potenzial einsacken, so wie er den futuristischen Cyber-Welten Mamoru Oshiis eine Verwirklichung zukommen lässt, die sich gerne um die bunten Kulissen verlinkter Menschmaschinen und Metallorgane schleicht, auch oft die Gewaltästhetik des PG13-Konsens fetischisiert, aber inhaltlich leider dadurch verflacht, dass die technogeile/technophobe Selbstfindung des Majors (Scarlett Johansson) auf Offenbarungsmuster zurückgreift, die ganz der Vorlage gemäß ein Zyklus an Derivaten vorschickt, „Blade Runner”, „Robocop” (Original wie Remake) und Co. zu emulieren (sogar explizite „Her”-Verweise zu verteilen), hier jedoch auf eine Verständlichkeit für Mainstream-Laien runterrechnet, als müsste man es mit der sehr ähnlichen Aeon-Flux-Verfilmung oder anderen Red-Pill-Filmen der Bush-Ära wie „Equilibrium” aufnehmen, obgleich der Familienfaktor zur Menschwerdung hin hier dann doch mehr emotionale Involvierung bewirkt als es im '95er Anime geschah.


„Pizza Pizza – Ein Stück vom Himmel” – 90er-Jahre-Blödelchamp Donald Petrie versucht sich in seinem Debüt an einer Romanzendramödie an Hoffnungen, die sich drei Mädels (u.a. Julia Roberts und Lily Taylor) binnen des Fischerkaffs Mystic anhand von Sternschnuppen und Blicken aufs Meer machen, während man sie hauptsächlich am Bechdel-Test versagend darin kennenlernt, welche Kerle sie abbekommen wollen, (nicht) standesgemäß heiraten, von wem sie sich belogen/betrogen fühlen und wer schlicht nie erreicht werden kann, wobei der Heißhunger des Films eher im Sprüchelager der Mädels liegt, genauso in ihrer Stellung als Pizzeria-Azubis, gefolgt von Douglas-Sirk-Gedächtnis-Farbdramaturgien und dem Auftritt eines jungen Matt Damon, der aber nur wenig an dieser weit über die Ära hinaus altbackenen Coming-of-Age-Dreifaltigkeit aus den 80ern rumoren darf.

„Berlin Dance Battle – A Streetdance Story” – Ein etwas über Amateurfilmniveau gesteuerter Tanzstreifen inmitten beliebiger Berlin-Vororte, Turnhallen, Halbruinen, Ribnitz-mäßiger Kitas sowie öffentlicher Plätze um den Postdamer Platz herum, der sich beinahe so frech und konsequent an einer Dramaturgie vorbeischmuggelt wie einst „Himmelskörper“, aber weit mehr Strecken redundanter Auffüllungen bemüht, bei der zentralen Love-Story (mit Cinderella-Einschlag) vom semi-charmanten Talentmangel seines Casts abhängig ist, aber umso sympathischere Gags der Verpeilung evoziert, den größten Unterhaltungswert wiederum aufgrund der Statisten im Hintergrund einsackt, sich jedoch in eine mühsam abgespulte Endphase hinein verliert, welche sich wie die meisten eJay-Loops auf dem Soundtrack in zermürbender Repetition übt, trotzdem Mut macht, dass man mit dem eigenen Zeugs ja eigentlich selbstverständlich einen Vertrieb finden müsste, wenn es Robert Franke hiermit auch geschafft hatte.

So, jetzt geht's weiter im Text!




Mit Extremen der Passion, mit der Luminanz der fünf Elemente, sprich der schweren Blüte des Wollens, beschäftigt sich auch „Fuego”, wiederum meine erste Begegnung mit dem Werk Armando Bos. Niemand geringeres als John Waters legt für den Mann seine Hand ins Feuer, also wollte ich nicht lange damit fackeln, herauszufinden, inwiefern die Reizüberflutung in Person, Isabel Sarli, solch ein Hypermelodram von brennender Leidenschaft bekleidet. Mit der Nutzung jener Begrifflichkeit muss man eben auch erwähnen, wie stark sich der Film den Gefühlen hingibt, sich um den Menschen und die Liebe reißt, dass es die Existenz des jeweiligen Subjekts der Zuneigung überhaupt erst möglich, jede Trennlinie von wegen Kitsch oder Sexploitation obsolet macht, da Bo die Veräußerlichung des Daseins im Schmachten, in der Reibung der Körper und des unabdingbaren Zusammenseins zu einem Bolero urtümlicher Erotik, gleichsam tragischer Ergiebigkeit konzentriert. Love is a drug und bei derer Abhängigkeit, diesem Fieber zur Urquelle allen Lebens, inszeniert sich Bo auch selbst als Industrielebemann Carlos im dritten Frühling, der zwischen den Tälern Argentiniens sowie auf hohem Ross die dralle brünette Perle Laura (Sarli) vorfindet, wie sie ganz als Maximum der Schöpfung Gottes aus den tobenden Flüssen steigt, den eigenen Körper im Dauerklimax liebkost, ehe ihre vertraute Bedienstete Andrea (Alba Múgica) ebenso kaum der Versuchung widerstehen kann. Die Begierde ergreift jedermann und so ist es auch in Sekundeneile um Carlos geschehen, der sich fortan kein Leben mehr ohne diese Frau vorstellen will – und er hat Glück, denn ganz nach „Barbara“ kommend strebt Laura einer Konstante im Leben hinterher, die sie festhält und in ewiger Erfüllung bannt. „Fuego!“ tönt es sodann auch im für immer währenden Rhythmus vom Soundtrack, wenn - nach den Blickverkehr-Annäherungsversuchen mit nur einem möglichen Ausgang - keine Sekunde ungenutzt bleibt, sich zu vereinen, manische Küsse auszuteilen, selbst im Schnee die Nacktheit beben zu lassen, als könne sich das frisch vermählte Duo gemeinsam in den Boden schmelzen.


Sobald Carlos am Tage jedoch notgedrungen zur Arbeit verschwinden muss, flacht das Thermometer der Lust in Laura keineswegs ab – ihre Flucht in die Untreue setzt alles aufs Spiel und für Carlos gestaltet sich das als vergängliche Jagd nach ihrem Herzen! Passend dazu setzt der Film mit seinen Facetten hormoneller Tobsucht auf eine Verzweiflung gegenüber der Brandmarke des „Unnatürlichen“ – eine Reflexion auf den kulturellen Status Quo der Ära, die hier an ihrem Wendepunkt um 1969 als Übersteuerung des Triebgesteuerten dargestellt schon keinen konservativen Kompromiss mehr zu erreichen imstande ist. Siehe allein, wie Carlos Andrea anzuklagen versucht, aus dem Zwang männlicher Ehre die Homophobie ausspricht, gleichsam aber weiß, dass er untypisch brutale Worte aus sich rausquält und seine Liebe Laura mit einer Eifersucht/Entsagung straft, die per Gewalt versucht, ihrem nymphomanen Zustand Einhalt zu gebieten. Er nimmt ohnehin zig Optionen und Expertenmeinungen durch, um dem Feuer standhalten zu können, sie bleibt trotz seiner Bemühungen aber machtlos gegenüber dem Verlangen - selbst beim Gynäkologen in der Praxis, mit den Tränen im Anschlag, zuvor auch schon unterwegs in der Stadt jedem Mann die Brust entgegenstreckend, der potenziell auf sie anspringen könnte. Natürlich kokettiert der Film dann auch enorm bereitwillig mit der Unersättlichkeit flammender Herzen, akzentuiert er die Wollust doch als Strom an Orgasmen im aufgeregten Leinwandlicht, der zur obszönen und grellen Pracht des Heimatfilmambientes noch Buenos Aires und New York addiert, auf den Tränen des Gehörnten und seiner Frau zudem den Tod in Aussicht stellt – und das natürlich in solch einem Wahn, dass die Poesie des Trivialen in gröbster Größe strahlt. Die Markenzeichen eines Melodrams scheinen da eben weniger rührselig, als dass sie permanent auf dem eigenen Gipfel vibrieren, angesichts ihrer Reaktionen jeden Moment aus der Haut zu fahren drohen oder sich an diese eben wie an einem Rettungsring schnallen. Pro-Tip: Mit der überbordenden Druckwelle an Hüftstößen und lippenfetzender Atemnot sollte zu jeder Sichtung ein Wasserwerfer gebucht werden!




Stuart Whitman räumt auf dem Asphalt und in der Vielfalt der Metropole Montreal auf – mit der Prämisse könnte Alberto De Martinos „Feuerstoß” einen feuchten Traum für Selbstjustiz-Fetischisten ergeben, wie es in der Ära circa 1976 auch den Geldbeutel Charles Bronsons erklingen ließ. Ein Bulle sieht rot, ist da natürlich die reißerische Devise binnen der Ermittlerkreise Tony Saittas (Whitman), der den vermeintlichen Schwächetod seiner Schwester Louise (Carole Laure) aufzuklären versucht, da ein Giallo-Whodunit? der Mordsverschwörung stimmigere Steilvorlagen für Schlägereien, Schießereien und Verfolgungsjagden liefert, als dass eine schlichte Abgeklärtheit davon Kenntnis nehmen würde, wie man sich im vertrauten Charakter eines Menschen täuschen kann. Genug Verdächtige sind ohnehin zur Stelle mit Dreck am Stecken, anhand welcher Untreue sie die Frustration ihrer Lebensumstände umgehen, geheime Partnerschaften unterhalten und die verbliebenen Einzelpersonen in der Finsternis offener Geheimnisse über lassen. Der unglücklich verheiratete Uni-Professor Dr. George Tracer (Martin Landau) gerät als unmittelbarste Affäre Louises als erstes ins Visier Tonys und dessen Partners Ned (John Saxon); promiskuitive Lehrkörper wie Margie Cohn (Gayle Hunnicutt) müssen als Zeugen aushelfen, während sie nach dem Beischlaf mit dem neuesten Toyboy im Negligé stehen; die dicke Luft der Frustration mehrerer Ex-Boyfriends geht genauso wenig an einem vorbei wie die Einsamkeit angesichts verlorener Freundschaften bei der blinden Julie (Tisa Ferrow). Das ermittelnde Prozedere innerhalb solcher Tristesse kann da manchmal nur steif ins Wanken kommen und über lasche Gesetzte stänkern - die Katharsis in der Eskalation hebt man sich dann jedoch für die Zwischenphasen der Informationsbeschaffung auf, wo De Martino quasi für die kleinsten Fische im Falle jenes Falles die aufwendigsten Schauwerte auspackt. So schlägt sich Saitta mit Transvestiten herum, jagt den Schweden mit bestialischem Karrenverschleiß durchs Straßennetz und springt Schwulen mit Halbglatze auf die U-Bahn-Toilette hinterher, tritt dort Türen wie ein Berserker ein, auch wenn sich der Gejagte im Nachhinein als der falsche herausstellt. Jene Plakativität, inklusive Topleitthema von Armando Trovajoli, hat die reaktionäre Räude inne, sticht jedoch umso selbstreflexiver in jenem Kontrast heraus, was sich allmählich aus der Rekonstruktion der Person Louises ergibt, den grauen Schläfen Saittas Grauzonen entlockt, aber trotzdem dafür sorgt, dass er als Eskapist à la Dirty Harry die besonders spekulative Befriedigung im Abschuss eines Helikopters via Magnum hinkriegt. Eine Krönung mit Knalleffekt, bis dahin aber auch schon entschieden ruppig, teilweise als klaustrophobes Spannungsstück sowie mit Monsterstunts über die Laufzeit verteilt!

Sonntag, 11. Mai 2014

Tipps vom 05.05. - 11.05.2014



LEBEN UND STERBEN IN L.A. - Als geistiger 80's-Nachfolger von William Friedkins eigenem 'FRENCH CONNECTION' beherbergt diese seine L.A. Story neben der ähnlich ausgeprägten, authentischen Prozedur kerniger Polizeiarbeit einen großen Anteil von zwielichtiger Erotik, welche er zuvor bereits im kontroversen 'CRUISING' (1980) erforschte. In diesem Fall wird Homo/Bi-Sexualität mehr zwischen den Zeilen angedeutet, was aber umso besser zum Licht-&-Schatten-Szenario der prunkvoll-designten Millionenstadt passt, die selbst ihre Verbrechen in ästhetische Formen gießt.


Friedkin flirtet da nicht nur auf der Bildebene durchweg mit dem Gedanken, verleiht dem stylischen Superbullen Chance (William Petersen, inkl. recht bezeichnendem Rollennamen) in seiner unterkühlt-berechnenden Macho-Ummantelung eine Leidenschaft zum Risiko, zum Kokettieren mit dem Tod (Bungee-Jumping) und richtet seinen Drang auf Gerechtigkeit als Faszination zum 'Bösen', in diesem Fall Willem Dafoe als Geldfälscher Eric Masters.


Nomen est Omen, gilt ebenso für Eric, welcher ein Meister seines Faches ist und mit einer derartig präzisen Methodik an seine illegale Kunst herangeht, dass er aus Stolz nicht mal davor zurückschreckt, diese in Flammen aufgehen zu lassen oder sowieso mit brachialster Gewalt einzuschneiden, wenn der Endkunde nicht ebenso liebevoll mit ihr umgeht. Sein 'bescheidenes', unterschwellig-brodelndes Auftreten ist unserem Protagonisten/Anti-Helden Chance nicht ganz unähnlich, der für die Erfüllung seiner Mission - die Rache für seinen ermordeten Partner - sogar das Gesetz übertritt und Leichen in Kauf nimmt, weshalb die gegenseitig-anziehende Spannung beider Pole im Verlauf immer mehr Früchte trägt - und seien diese auch destruktiver Natur.


Dass sich beide Herren dabei stets mit Frauen umgeben, ist da auch nur von geringer Bedeutung - so ist Chances Geliebte abhängig vom Risiko, dass er sie einbuchten könnte, während Erics Konkubine ebenso gut die Funktion eines seiner Kunstwerke erfüllen dürfte, so wie sie hauptsächlich auf seinen privaten Videobändern verewigt wird. Ebenso hat die Erscheinung aller Frauen im Film immer ein gewisses androgynes Flair, mit der Selbstverständlichkeit von Bisexualität. Niemand hat in den 1980ern nun mal mehr Lust auf altbackene Gesellschaftsbilder, speziell in dieser Stadt, die im gleißenden Neon-Licht Tag und Nacht, Schönheit und Gewalt, zum Erblühen bringt. Einzig und allein der unerfahrene Cop John Vukovich (John Pankow) ist massiv skeptisch gegenüber den risikofreudigen Methoden seines neuen Partners Chance, lädt eine innere Schuld auf sich, die nach Wiedergutmachung sucht und dabei strikt dem konventionellen Regelwerk folgen möchte, so wie es auch die Vorgesetzten gerne hätten.


Als Chance jedoch von der Leidenschaft zerfressen und John alleine zurückgelassen wird, bleibt ihm allerdings nur noch der direkte Weg zur Ehrerbietung/Liebe übrig - hinein ins Feuer, mit sicherem Todesmut im Risiko stehend. Darüber hinaus erfolgt schlussendlich auch die Adaption des Chance/Eric-Charmes, vom Look bis hin zur Stimme (ebenfalls ein Motiv aus 'CRUISING') - nicht umsonst heißt der Film 'LEBEN UND STERBEN IN L.A.', eben ein Prozess, der sich ständig wiederholt. Darin finden sich sodann erneut einige Parallelen zu Friedkins 'FRENCH CONNECTION'. Dort ging man zwar ebenso an die Grenzen der Moral und des Gewissens, um mindestens genauso skrupellos/leidenschaftlich wie die Gegenseite die persönliche Erfüllung zu erhalten - hier jedoch wird jenes Ziel, im Vergleich zum Vorgänger, mit dem Tod des Verbrechens erstmals direkt eingelöst, wobei aber dessen Appeal im Gesetz (!) weiterlebt. Ein bisschen 'EXORZIST' kann man darin auch nicht verleugnen.

So sieht's nämlich aus: Friedkin steigt dieses Mal gänzlich in die Hölle ab und gibt sich dem Genuss dieses Schauplatzes hin; strotzt vor inszenatorischer Energie und einem pumpenden Wing-Chung-Soundtrack, je tiefer in den hedonistischen Moloch eingedrungen wird. Sprengt die kubistischen Rahmen der Interieurs des Öfteren mit knallig-rotem Licht, selbst in normalen Treppenhäusern eines Polizeireviers (man ist dort also ebenso in der Hölle angekommen) und stellt die Gefahr Seite an Seite neben dem vermeintlich Sicheren/Guten. Die Dualität steckt da schon im Design drin, ist also ein vorgefertigtes, harmonisches und doch ursprünglich-konträres Konzept.


Repräsentiert die Stadt Los Angeles an sich ohnehin perfekt, die Wolkenkratzer, Palmen, Industrie, Ghettos, Bonsai-Gärten in Gefängnissen, Schwarz & Weiß am sonnig-stimmigen Horizont zusammenmischt und dabei durchweg hip & eigenmächtig (wie auch der pointiert-fragmentarische und audiovisuell-selbstsichere Erzählstil Friedkins) die Gefühle des Zuschauers beherrscht und auch je nach Laune überrascht. 'Take a chance' ist hier die Devise und wirkt daher besonders aufregend, nicht nur als handfester Cop-Thriller.




GODZILLA - "[...] Edwards huldigt mit seinem schnörkellosen Narrativ nicht nur bewährten Genre-Zutaten, sondern bringt auch etwas zurück in den Monsterfilm, was man schon seit langem vermisst hat: Demut, Sprachlosigkeit, Massivität. Mit seinem „Monsters“ hat er durchaus bewiesen, dass er den animalischen Gestus jener Kreaturen nicht als profunde Bösartigkeit, stattdessen als instinktive Naturgewalten präsentieren kann, die sich kaum weniger um uns Menschen scheren könnten und fernab humaner Regelungen ihrem eigenständigen Verhalten und Zauber Ausdruck verleihen. Diesen Gedanken vergisst er erst recht nicht in diesem Film, der selbst den fiesesten Exemplaren der megalomanischen Tierwelt Momente der Nachvollziehbarkeit und Empathie verpasst – nur dass er es diesmal zusätzlich schafft, den Menschen ins Blickfeld der Biester zu rücken, mit einem Hauch von esoterischer Wunschtraum-Naivität. [...]

Wenn dann nämlich allesamt, also Publikum und Charaktere gemeinsam in Ego-Perspektive mit 3D-Optik, in den von dichten Wolkengebilden verhangenen Moloch des Monsternestes eintauchen, der zu György Ligetis „Atmosphères“ ein infernalisches Bild der Hölle auf Erden entfacht, fühlt man sich vollends zwischen mystischen Giganten – zwar ganz klein, aber doch mittendrin als Teil des Ganzen. Der Nervenkitzel der Furcht und der Faszination vor beziehungsweise mit dem Unberechenbaren ist wieder da im Kino. Oder kurzum für Eingeweihte: der beste Godzilla-Film seit Shusuke Kanekos „Godzilla, Mothra, King Ghidorah – Giant Monsters All Out Attack“."

(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




SUPERSTAR: THE KAREN CARPENTER STORY - Vollkommen unabhängig von den Beteiligten der Geschichte inszenierte Todd Haynes 1987 dieses dramatisierte Portrait der Karriere Karen Carpenters, dargestellt anhand von Barbie-Puppen innerhalb höchst detaillierter Miniaturbauten und eingefangen von behutsamen, pointiert-montierten und dennoch eindringlichen Perspektiven, hinein in die bittere Seelenpein eines mit sich selbst ringenden Starlets im Angesicht des Showbiz und vor allem des Otto-Normal-amerikanischen Achiever-Familienlebens.


Als Dokumentationsfilm bringt "Superstar" sodann auch teils verfremdetes, kontemporäres Footage in den Narrativ herein, erstellt auf der visuellen Essay-artigen Ebene - auch mithilfe von Interviews einiger Zeitzeugen - ein Bild von den USA, das im Schatten des grausamen Vietnam-Krieges auf der bemühten Suche nach dem Gefühl der Geborgenheit war und sich daher nur allzu willig dem sanft-romantischen Sound der Carpenters zuwandte.


Doch der Schmerz hinter der Ablenkung dieser süßen Balladen-Fassade lässt sich nur schwer verklären, wird aber mit Gewalt derartig unterdrückt, dass er sich immer stärker manifestiert - selbiges gilt für unsere Protagonistin Karen, welche am Druck des Erfolges und dem Fokus aufs eigene Image der Anorexie verfällt.


Die Industrie ist da kaum eine Hilfe und tritt daher nur selten in Erscheinung (höchstens deren Opfer), dafür jedoch eher das Elternhaus und ihr Bandleader & Bruder Richard, die in ihrer altbackenen bzw. Working-Man-ambitionierten Mentalität kein rechtes Verständnis für das (zu der Zeit offenbar noch nicht besonders in der Öffentlichkeit aufgeklärte) Leiden der jungen Karen aufbringen können, ihr Verhalten stattdessen verurteilen und es damit psychologisch noch mehr festigen.


Bezeichnenderweise wirkt dieses Szenario einer latent-unterwürfigen Familieneinheit durch die idealisierte, doch klaustrophobische Suburbia-Miniaturwelt mit ihren steif-plastischen Figuren-Abbildungen von vergangenen Menschenleben sodann besonders erdrückend - da spürt man die inneren Qualen selbst in den muffigsten VHS-Kopien des Films, der (sicherlich nicht nur) aufgrund von verletzten Musikrechten seit 1990 offiziell nicht mehr gezeigt werden darf.


Wie ehrlich und emphatisch er jedoch in seinen minimalistischen Rahmenbedingungen mit dieser zersetzenden Stardom-Geschichte umgeht, die unter normalen Produktionsumständen komplett rein gewaschen worden wäre, ist jedoch eine beachtliche, erschütternd-melancholische Leistung, die auch heute noch ein verständnisvolles, tragisches und auch furchterregendes Echo hervorbringt.




HEAVY METAL - Das Filmkorn prasselt in beständiger Manie nieder, wenn man 'HEAVY METAL' auf Blu-Ray sichtet. Ein unumgängliches Merkmal der zahlreichen Ebenen, die in diesem 35mm-Animationsfilm zu visuell-atemberaubenden Welten geschaffen wurden. Soviel Aufwand & Ambition, die da drin stecken, gründen sich natürlich auf den zahlreichen, variierten Stil-Auswüchsen der phantastischen Vorlage, aber auch auf deren Geist vom Pulp-Enthusiasmus, der vor allem pubertierende Geeks & Macker ansprechen soll, somit auch ein Ventil (nicht nur) für sexuelle Eroberungsfantasien und exploitative, 'verbotene' Schauwerte darstellt.


Neben dem Genre-Sleaze, der von futuristischem Hardboiled-Noir hin über Conan-artige Fantasy-Schlachten reicht, beherbergt der Film aber zudem eine durchweg leichtfüßige, gar satirische Ader der Übertreibung von Sex & Slime, Space & Creatures - auch getragen vom drollig-sarkastischen Voice-Cast (inkl. Harold Ramis, John Candy, Eugene Levy). Wenn dann nämlich adoleszente Protagonisten aus ihrem stinkigen Mittelamerika-Alltag herausgezogen werden, um das Bestehen weit entfernter Galaxien in verstärkter Körperfassung zu entscheiden, während auf dem Soundtrack Musical-ähnlich die neuesten Rock-Hits aufspringen und Wände einreißen, zeugt das von eskapistischer, rotziger Punk-Attitüde und wird dementsprechend grotesk, mit massig dicken Brüsten, abgezeichnet (in liebevollem Detail zu den ursprünglichen Comic-Künstlern).


Nicht umsonst erlebt man dabei auch ein Arsenal an jüdischen Charakteren, Mythen ("Looks like something out of the Ten Commandments"), Symbolen und Urängsten (Zombies im zweiten Weltkrieg). Da schwebt stets ein Gefühl der Befreiung und Flucht, Selbstverwirklichung und Rechtschaffenheit durch den episodenhaften Narrativ, der stets im Kampf gegen das über die Jahrtausende hinweg manifestierte Böse (das in einer entfernten Anfangssequenz von den fiesesten Amöben bis hin zu Adolf Hitler reicht) neben all dem anarchischen Galaxy-Fun auch auf Supermänner und sexy Golems zurückgreift.


Nirgendwo wird dies deutlicher, als in der letzten halben Stunde des Films, die am stärksten als klassischer Spielfilm-Narrativ ausgearbeitet wurde und den meisten Pomp beinhaltet, nur noch wenig Humor, aber dafür reichlich Mythos, Action, auch Spaß und Spannung bereithält. Dort beauftragt eine vom rücksichtslosen Bösen gefährdete Zivilisation die letzte Überlebende eines Krieger-Stammes, die schweigsame Taarna, sie retten zu kommen - eine Mission, der sie schicksalhaft Folge leisten muss, denn dafür wurde sie auserkoren (= Golem). Ihre glorreiche Aufrüstung, mit dem fliegenden Gefährten an ihrer Seite, sowie das nachfolgende Gefecht, erinnern nicht von ungefähr an das Kino des jüdischen Regisseurs Zack Snyders, der (als einer unter vielen) ebenfalls zugab, von 'HEAVY METAL' inspiriert worden zu sein.


Dies schlägt sich auch in der Struktur seines 'SUCKER PUNCH' nieder, der nicht nur den episodenhaften, metaphysisch-Genre-variierenden Struggle des HEAVY-METAL-Komplex hommagiert, sondern auch dessen Rahmenhandlung mit einer unterdrückten Protagonistin, welche sich allmählich jenseits von Zeit und Raum als starke Frau gegen das Böse behauptet (speziell in der alternativen Version im Bonusmaterial). Bezeichnenderweise legt Komponist Elmar Bernstein in dieser Sektion seinen empathisch-zauberhaften Fokus und schafft inmitten des ganzen, außerirdischen Wahnsinns (courtesy of u.a. Dan O'Bannon & Jean Giraud) eine emotionale Grundlage mit Larger-Than-Life-Leidenschaft. Feministische Power darf eben auch nicht fehlen, wenn hier auch stark fetischisiert.


Dies gepaart mit der ohnehin beständigen, filmischen Power macht 'HEAVY METAL' zu einem bunten, ekstatischen und krassen Wunderwerk der frühen 80er Jahre, dem nur wenige Realfilme gleich kommen, was Ausgelassenheit, Exzess und Fantasie betrifft. Inhaltlich ist er sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss, doch wenn soviel psychotronisch-verruchter und sexuell-naiver Spaß im Spiel ist, ist das auch schon eine Menge wert - selbst wenn nur für den 12-Jährigen in uns.




DJANGO UND DIE BANDE DER BLUTHUNDE - Ein außergewöhnlicher, gotisch-angehauchter Vertreter des Spaghetti-Westerns. Anthony Steffen wandelt als bleihaltiges Gespenst Django durch die zynische Prärie eines versifften Americanas, das in seinem selbstherrlichen Sadismus und Hedonismus vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein scheint; ohne rechtliche Konsequenzen Dynamit-Werfen als Duelle abfeiert und Gesetzeshüter bei Tageslicht niederballert. Doch der Schatten der Vergangenheit holt sie sodann ein, agiert womöglich sogar als Aufbäumen des Gewissens, setzt voraussagende Todesdaten per Kreuz in den staubigen Boden und lässt die einstigen Täter derartig verzweifeln, dass sie sich in ihrer Manie womöglich selbst richten.


Ich sehe das Szenario durchaus als Limbus - ein Totenreich, dass den Weg zwischen Himmel und (der oft erwähnten) Hölle bestimmt, von dem die innewohnenden Seelen glauben, noch auf Erden zu verweilen. Doch Django nimmt ihnen allmählich diesen Glauben, tritt er doch in den überraschendsten Momenten als plötzliche Eingebung vor die Verräter, welche ihn zum Tode verurteilt haben. Niemand kann vor ihm flüchten, selbst in den engsten Behausungen scheint er sich aus den umhüllenden Tapetenmustern und (teils entrückt-unnatürlichen) Schatten seiner selbst heraus zu manifestieren - ganz zu schweigen, wie er diese panischen Gesellen sodann des Nächtens heimsucht und in die verschlingende Dunkelheit der 'Natur' entführt.


Seine gar göttlich-rächenden Kräfte schicken die Fieslinge von Dirty City (!) wohlweislich ins Fegefeuer, sorgt damit aber auch für die Vertreibung des normalen Volkes, das weichen muss, damit seine Gegner freies Schussfeld haben. Da Regisseur Garrone diesen Auszug allerdings trotz aller unterdrückender Härte wie einen Exodus inszeniert und mit dem stärksten, zelebrierenden Stück des Soundtracks unterlegt, suggeriert er die Befreiung der Unschuldigen vom Bösen und womöglich auch den Eintritt ins Himmelreich. Je näher das Gleichgewicht der Gerechtigkeit hergestellt wird, desto greifbarer wird aber auch Django wieder zum Menschen und verliert einstweilig seine übernatürlichen Kräfte. Er fängt an zu bluten und muss sich verstecken, wird 'sterblich' und muss sich nun mit fairen Mitteln im Limbus bewähren, zu welchem Seelenheil er schließlich streifen wird.


Natürlich lernen die Sadisten nichts von ihrer vorherigen Furcht und verfahren erneut bestialisch und geldsüchtig, anstatt zu versuchen, ihre eigenen Seelen zu retten. Deshalb triumphiert Django letztlich auch vollends in seiner Rache, hinterlässt die letzten Verbliebenen im sicheren Tod und dem einsamen Goldrausch, verschwindet erneut wortlos in die Stratosphäre, wie er in sie hinein geschossen kam. Welch ein erfrischend-metaphysisches, behutsames Schauerstück, das seine etabliert-unterhaltsamen Genre-Versatzstücke in Schatten, Nacht und psychedelische Unschärfen wirft, die Geister der Vergeltung heraufbeschwört und mit letztendlich hypnotisierend-furchterregender Aura zuschlägt.    




DER PFARRER VON ST. PAULI - Welch irrwitziges Abenteuer uns Rolf Olsen da wieder aufgetischt hat! Wie gehabt mit Curd Jürgens als titelgebenden "(...) von St. Pauli" lässt er dieses Mal, wie es den Anschein hat, christliche Werte ans Hamburger Dirnen-Milieu heranführen. Bei einer derartigen Konfrontation gibt's erwartungsgemäß reichlich lustige Spannung, wird sodann auch von Spielleiter Olsen mit dem Hang zur exploitativ-naiven Kolportage in kurzweilige Sphären gerückt, die zwar den Glauben nicht verhöhnen dürften, aber dennoch frech wie Oskar auftreten.


Da haben wir ihn nämlich, den Pfarrer auf der Reeperbahn, Konrad Johannsen, der seit einer gar göttlichen Intervention auf einem sinkenden U-Boot im Krieg an den Gottvater glaubt und sein Wort nun mit katholischer Kutte an reichlich verruchte Jünger verteilt. Allen rät er empathisch vom sündigen Wege ab, zwischen Zuhältern, Halsabschneidern und Macho-Schweinen, doch Olsens Kamera versäumt keineswegs den Blick auf kurze Röcke, ganz zu schweigen von blanken Brüsten. Im Grunde ist sein Pfarrer aber auch eine recht progressive Type, der Hippies duldet (weil Jesus quasi die Kommune erfunden hat), wie ein Lausbub Fußbälle ins Fenster donnert und auch die Kluft zwischen Arm und Reich nicht ab kann.


Besonderes Verständnis zeigt er da für ein junges Mädel, dass von einem reichen Sohnemann schwanger im Stich gelassen wird und sich daher in der Elbe ersaufen will. Dies gipfelt in einer wahrlich abgefahrenen Szene, in welcher Johannsen diesen seinen Schützling quasi als Schocktherapie in eine Leichenhalle zur Totenschau einlädt - wo sie mal anfassen soll, wie kalt die tote Haut da ist und wie viel warmes Leben in ihr selbst doch steckt. Der blanke Wahnsinn und mindestens so ulkig wie die Kochkünste Heinz Reinckes, der als Pfarrers-Assistent Titus ab und an die Pfannkuchen auf die selige Fontanelle fliegen lässt.


Doch auf dieser Welt herrscht nicht immer solche Heiterkeit und so regiert der Moloch die Hansestadt, stellvertreten durch das unmenschliche Puffclub-Hauptquartier "Der goldene Käfig" (!). Dieser zwingt perspektivenlose Migranten zum Erpressungsmord und kidnappt auch Johannsons weiblichen Schützling, damit sie ja das Baby abtreiben dürfte. Erstgenanntes Opfer, Luigi, wendet sich sodann zur Beichte beim Pfarrer, welcher verspricht, kein Wort über die beweiskräftigen Details auszupacken, wenn Luigi sich denn selbst der Polizei stellt - was durch eine Kugel im Herzen leider nicht mehr zustande kommt.


Nun hadert Johannsen mit der Schweigepflicht und sucht beim Kirchenvorstand Rat, doch die halten an ihren altbackenen Dogmen fest - na, das ist ja mal eine tolle Bande, denkt sich Johannsen und macht sich stattdessen auf eigene Faust in den goldenen Käfig, wo er mit Leichtigkeit die Bodyguard-Schränke verdrischt und die schleimigen (teils sächselnden) Bosse abfällig klein macht. Aber auch unser christlicher Superheld wird Opfer von deren Gerissenheit - muss eine folgenschwere Denunziation über sich ergehen lassen, weil die kriminellen Herren seinen Vorgesetzten einen Tipp geben, dass er Damenbesuch bei sich hat (welchen sie natürlich selbst zu ihm heraufgeschickt haben).


Schweren Herzens muss er Hamburg verlassen und wird stattdessen ins Inseldorf Norderkrug versetzt, wo der Film nun fast komplett seine letzten 40 Minuten verbringt und schon ziemlich wie ein eigener Narrativ funktioniert. Das erinnert an Stelvio Massis 'CONVOY BUSTERS' (1978), wird hier jedoch im Schlusspunkt, anders als im Maurizio-Merli-Reißer, noch zur ultimativen Lösung des Falls aus der ersten Filmhälfte herangeführt.


Vorerst wird Johannsens Glaube aber mächtig auf die Probe gestellt: die hauptsächlich evangelische Dorfgemeinschaft (u.a. angeführt von Helga Feddersen und Rolf Olsen selbst) ist von der schäbigen Vergangenheit des neuen Pfarrers alles andere als begeistert und meidet den Besuch in seinem unbeheizten Gotteshaus (da wurde stilecht im Winter gedreht). Lediglich ein weiteres junges Girl, Dagmar (Barbara Lass, mit Damenbart), das in der örtlichen Schenke von der Chefin gemobbt wird, schließt sich seiner Mission an, wird dafür im Dorf aber noch stärker als 'Flittchen' verstoßen.


Hinter dem Vorwurf steckt aber auch ein Fünkchen Wahrheit - so probiert sie auf der Überfahrt zur Nachbarinsel Tüsum den innigen Kuss mit ihrem Retter, doch der muss leider Gottes ablehnen, auch wenn er so gerne möchte. Da hat er sodann noch ein klärendes Gespräch mit dem örtlichen Evangelikus, dessen Lösung des Problems schlichte 'Feigheit' ist. Und so macht Johannsen Dagmar mit eng umschlungenen Händen und einer wehmütigen Melancholie im Auge klar, während draußen vor der Tür der eiskalte Himmel und das stürmische Meer winterlich-romantisch dahinrauschen, dass seine Liebe zu Gott über seinem persönlichen Glücke steht und sie stattdessen einen jüngeren Burschen vom Dorf nehmen soll.


Dies wird auch bei einem gepflegten Tee mit Rum besiegelt, einem Getränk, das sich unser etwas lockerer Pfaffe des Öfteren gerne im Verlauf des Films genehmigt, gleichsam seine innere Herzensgüte und volksnahe Rustikalität repräsentiert. Das bringt angenehmes Feeling, auch wenn das hanseatische Bieder-Ambiente zunehmend in Sturm, Modder und milchigen Kameralinsen versinkt. Darin darf sich Johannsen nach seiner 'feigen' Glaubensprobe nochmals als würdiger Menschenfreund bewähren, als er ein paar Dorfkerle aus ihrer feigen Furcht herausholt, um zusammen ein paar arme Seelen von einem bald kenternden Kutter zu retten. Danach ist der Gottesdienst in so einem leichtherzigen Genre-Stück natürlich gut gefüllt.


Und weil ihm der Fall aus Hamburg noch immer schlaflose Nächte bereitet, kommt er schließlich auf des Rätsels Lösung, wer hinter den ganzen Verbrechen steckt - an dieser Stelle sei der Täter nicht enthüllt, bis dahin hat man ihn als Zuschauer aber schon längst erraten. Als Belohnung kommt Johannsen wieder nach St. Pauli zurück und verheiratet dort als doppeltes Happy-End seine beiden geretteten Mädels mit ihren aufrechten Beaus. Da hat man's mit Gottes Hilfe wieder mal zum publikumswirksamen Comeback geschafft!


Olsens Film geht da natürlich auf Nummer Sicher, hält die Milieu-Krimi-Elemente in dieser St. Pauli-Episode etwas zurück und erschafft damit eine etwas harmlose Angelegenheit, die vor allem in der zweiten Hälfte durch Bescheidenheit, aber immerhin auch provinzieller Atmosphäre glänzt. Die solide, Reportage-artige Handkamera Franz X. Lederles waltet durchweg ihres Amtes und fängt genauso herrlich-schnoddrig die sleazige Unterwelt ein, wie auch einige brachial-klamaukige Gags, während die mehr sehnsuchtsvollen Melodrama- und Spießbürgertum-Szenarien behutsamere Eindrücke erhalten, welche dem oberflächlichen, doch nachvollziehbaren Drang nach Hoffnung die nötige, sympathisch-melancholische Stimmung verleihen.


Wie stark Olsen sich dem christlichen Glauben verpflichtet fühlte, sei mal dahingestellt. Bei seinen Verhältnissen erkennt man aber jedenfalls erneut ein eskapistisch-schönes Verständnis für seine Figuren. Er macht gehörig filmisch-leichte Werbung für Selbstbestimmung und jugendliche Liebe, legt besonderen Wert auf die Nachvollziehbarkeit des Pfarrers, dessen Weg hier durchweg gefolgt wird - vom 2. Weltkrieg über St. Pauli bis hin nach Norderkrug, fast ohne Ablenkung. Wir/Olsen sind stets bei ihm, wie Gott offenbar auch - Kino als gegenseitiger Gottesdienst? Da ist Johannsens Glaube (in uns) so oder so unerschütterlich, aber auch einsichtig, liberal und kumpelig-kämpferisch - eine Fantasie-Figur aus dem Olsen-Fundus, idealisiert im Angesicht der aufkommenden, aufklärerischen 70er Jahre (die auch ihren Jesus-Kult hatten), ohne Berührungsängste zur Erotik (aber eher zur Liebe, wegen Zölibat und so).

Also doch wieder ein exploitativer Märchenfilm, den wir hier sogar in zweigeteilter Narration erleben. Eine naive, stilistisch eigentümliche Kraut-Merkwürdigkeit aus wilden, plakativen Zeiten, aber stets das charmant-herzliche und rotzig-unterhaltsame Milieu-Genrebastard-Kintopp zwischen Halletz-Trompeten, Weihrauch-Orgeln & Paloma-Akkordeons, wie wir es doch so gerne sehen und in seiner unbemühten Unbedarftheit heutzutage umso schwerer vermissen.




DER MEINEIDBAUER - Rudolf Jugerts Adaption des Ludwig-Anzengruber-Bühnenstücks - gar nicht mal die erste von vielen Verfilmungen jenes Stoffes - lebt in ihren stärksten Szenen so intensiv-eingeengt im virtuellen Kammerspiel, dass man schnell merkt, welch eine nur schwer ablenkende Fassade die gesamte Heimatfilm-Aufmachung doch ist. Denn in jenen dort wirkenden Charakteren lebt der Hass, die Enttäuschung und der starrköpfige Stolz, verfestigt durch altbackene Anfeindungen und zerschossene Träume. Ein finsteres Provinz-Drama archaischer Gewalt und zwischenmenschlicher Spannung im Drang nach dem offiziellen oder auch fühlbaren Recht, ohne Rücksicht auf die nachfolgenden Generationen.

Und alles fängt bereits mit dem Tod an: der Wirt vom Fernerhof, Jakob, erleidet einen fatalen Unfall und hinterlässt seine langjährige Geliebte Paula Roth (Heidemarie Hatheyer) sowie zwei uneheliche Kinder, den Buben Jakob und das Madel Marei, die aufgrund ihrer Herkunft allesamt hinterrücks im Dorf als heimatlose Zigeuner beschimpft werden. Laut Testament steht ihnen der Hof zu, doch Ferner-Halbbruder Mathias (Carl Wery), der sich stets als erster Knecht abrackerte, will das nicht zulassen und versteckt das Dokument - gerät aber in Bedrängnis, da er vorher einen Brief an den Verstorbenen verschickte, in dem er seinen Missmut über jenes Testament beteuerte.


Da sich aber auch dieser Brief nicht auffinden lässt, übt er sich zunächst in Sicherheit und besteht entschieden darauf, zukünftiger Herr des Hofs zu werden - worauf Paula nicht eingehen mag und mit ihm deshalb vor Gericht zieht. Dass der skrupellose Mathias sich dabei einen Meineid einschwört, wagt keiner zu vermuten, doch ein gewisser scheinheilig-bescheidener Nachlass-Notar, Christoph Demut (Joseph Offenbach), konnte den Brief zufällig doch noch an sich nehmen und beginnt fortan, Mathias damit zu erpressen, was dieser nur widerwillig in Kauf nimmt. Im Grunde hätte er aber auch nichts dagegen, die Paula in ihrer bittersten Stunde zu ehelichen, damit sie doch noch auf dem Hof bleiben kann, aber so eine Frechheit kann sie nur mit empörten Gelächter quittieren, selbst wenn sie dafür wieder nach oben in die Grenzschenke zurückziehen muss - denn eines Tages, so glaubt sie entschlossen, wird wieder Gerechtigkeit herrschen!


Und so vergeht eine Dekade in jenem Tal, in das der Sohn von Mathias, Franz (Hans von Borsody) nach einem gut bezahlten Studium zurückkehrt und sich prompt in eine junge Dame verliebt, welche sich schnell als die Tochter Paulas, Marei (Christiane Hörbiger), entpuppt. Beide frönen sodann dennoch einer lieblichen Romantik, wie man sie aus dem Genre am ehesten kennt, während jedoch gerade in ihrem Haushalt alles andere als Liebe, Frieden und Heiterkeit herrscht: Mutter Paula hat sich nur schwer damit abgefunden, als Gastwirtin hausieren, wahrt zwar die Miene der zufriedenen Gleichgültigkeit, muss sich aber mit der Grenzpolizei rumschlagen, die wie ärgste Nazis ihren schmuggelnden Sohn verfolgt, der auch nur endlich raus will aus diesem ungerechten Mief.


Der unerkannte Franz kann da auch nicht anders, als so gut zur Hilfe zu kommen, wie es nur geht, selbst wenn ihm klar ist, dass Paula ihn nie akzeptieren würde - Hauptsache, ihm bleibt trotzdem, wenn auch nur ein Quäntchen, Zeit zur Liebe. Die Lage spitzt sich jedoch zu, als der Herr Demut im Sterben liegt und ein Pastor ihm zuspricht, die Ungerechtigkeit nicht länger bestehen zu lassen (da er sonst nicht in den Himmel hineingelassen wird, versteht sich) - sodann wandert der schicksalhafte Brief in Paulas Hände: der Tag der Rache ist gekommen. Doch der Zuschauer darf sich sicher sein: so einfach gibt der Meineidbauer nicht auf!


In derartigen inneren und äußeren Konfrontationen von Schuld, Sühne, Eigennützigkeit und Rachetrieb schäumt das behutsam inszenierte Drama insbesondere vor schauspielerischer Kraft, welche in den klaustrophobischen Kulissen, eingefangen von stets unaufdringlicher Kamera-Arbeit (jedoch mächtig unterstützt von den treibenden Musik-Kompositionen Friedrich Meyers), in ein geradezu naturalistisches Licht gestellt wird - speziell, was die Duell-Funktion von Hatheyer vs. Wery betrifft: da brennt die Luft. Ihre untergeordneten, aber nach Versöhnung strebenden Nachfahren-Darsteller, geben da zwar ein etwas schwächeres Gegengewicht, unterstreichen jedoch die Notwendigkeit einer Abwendung noch schlimmerer Konsequenzen.


Da kann man von Glück reden, dass Anzengrubers Stoff im Großteil dennoch aufs Ganze geht und Regisseur Jugert jene folgenschweren Passagen mit pointiertem Geschick in eindringliche, aufbrausende Enthüllungen verpackt, durchweg die Kurzweiligkeit hält - und das in so einem normalerweise recht schnell abgenudelten Ambiente. Die Romantik und Erotik auf der anderen Seite der Medaille hingegen gibt sich viel zu schüchtern/zugeknöpft und ohnehin kann man dadurch die ursprüngliche Theatralik der Materie nur schwer verleugnen (so wie Paula es auch mit ihrer inneren Frustration hält) - da fehlt ein Stück weit der Wagemut und vielleicht auch die esoterische Inspiration eines Harlans oder eben Helmut Käutners - jener langjähriger Lehrmeister Jugerts, unter dem er als Regieassistent agierte.

Als stimmiges Acting-Powerhouse mit der Konsequenz einer (ebenso in anderen Heimatfilmen, u.a. 'WETTERLEUCHTEN AM DACHSTEIN' vorkommenden) göttlichen Rache nach Art des alten Testaments (= quasi der "MacGuffin" dieses Films), gibt diese Variante vom 'MEINEIDBAUER' dennoch ordentlich Gas in Sachen kleingeistiger, doch nachvollziehbarer Intrigen-Suspense und gehört damit zu einer wenigen, löblich-toughen Ausnahmen im sonst so harmlosen Heimat-Kintopp. Hier ist eruptive Zersetzung aus dem Innern angesagt und das macht wie erwartet einen Heidenspaß. BTW: Neuerdings auch auf DVD aus der FILMJUWELEN-Reihe erhältlich. In guter Qualität sogar, obwohl der Trailer klarer ausschaut als der Film an sich. So ganz in HD würde dem aber ein bisschen der klassische Räuden-Charme fehlen, schätze ich mal, doch wer weiß...            




BAD NEIGHBORS - [...] So wirkt die recht fixe und unumständliche Erfahrung dieser semi-freiläufigen Genre-Evergreen-Variante letzten Endes hauptsächlich auf genüssliche, Publikums-wirksame (teils spießig-harmlose) Pointen ausgerichtet, anstatt endlich mal wieder wahre, gleichgültig-hedonistische Anarchie anzuzetteln (siehe im Vergleich dazu Harmony Korines „Spring Breakers“ oder auch Nima Nourizadehs „Project X“) – die Gag-Einheit mit Familiensinn liegt im Punktestand vorne.

Lebhafte Stärken wie der beständige, engagierte Spielspaß aller Beteiligten und die ausgiebig-sommerliche Frische in der audiovisuellen Umsetzung der schon oft so-ähnlich-erlebten Geschichte kommen somit aber als beglückender, permanent-unterhaltsamer Ausgleich zur Geltung. [...]

(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)