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Sonntag, 14. Januar 2018

Tipps vom 08.01. - 14.01.2018


Liebe Leser,

nun schau mal einer an, ich habe seit langem mal wieder einen neuen Post innerhalb einer Woche nach dem letzten zusammengekriegt. Unglaublich, dass ich mir das selbst beweisen musste, aber in diesem Fall klappte es vor allem dank meiner neuesten Methodik, jede Filmbesprechung auf eine reguläre Notizseite zu beschränken - handschriftlich wohlgemerkt, damit sich nicht so viel im Nachhinein verändern ließe. Das hat doch Potenzial für die Zukunft, newa? Mir ist natürlich bewusst, dass es noch eine abgespeckte Version von dem ist, wie es zu manch anderen Zeiten hier abging, ich hoffe, dass ich da nicht euren guten Willen mit überstrapaziere. Aber nichtsdestotrotz, bevor wir uns den jüngst versammelten Empfehlungen widmen, möchte ich noch einige Bonusmaterialien erwähnen, welche ich über die Tage besonders genossen habe. In erster Instanz sei da der Audiokommentar Mike Siegels (der Mann, der immer frägt sagt) auf der neuen Blu-Ray zu Sergio Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“ genannt, welcher sich recht gemütlich dem technischen Know-How und biographischen Einzelheiten jener Produktion widmet, freimütig oft ins Detail geht und den Kern damit umso größer schürt, bis dann auch noch pralle Zitate die Schnüre legen. Es zeigt sich eine ganz bescheiden agierende Liebe zum Sujet (selbst der Hinweis auf Filmfehler ist eine sehr versöhnliche Angelegenheit), gepaart mit der richtigen Portion „Ich finde es scheiße, dass...“, die ich mir dann auch spontan zur vollen Länge gab. Und dass die Abtastung einer zeitbedingt verranzten 35mm-Kopie des Films ebenso an Bord ist, stimmt umso froher.


An zweiter Stelle möchte ich sodann das Bonusmaterial der 3. Staffel „Twin Peaks“ hervorheben, an dem man gut und gerne den ganzen Tag aufopfern mag, so wie sich die Behind-the-Scenes-Impressionen des Jason S. zu knapp 5 Stunden ballen. Der Rahmen dazu gibt sich als außerweltliche Fly-on-the-Wall, was entgegen bloßen Footage-Abarbeitens einigermaßen gut als Wahrnehmungssubversion/-Obsession gen inszenierten/echten Lebens funktioniert. Ab und an wirkt es auch kitschigst verkopft, wenn es davon ausgeht, dass einem der Kontext zu allem Gezeigtem nicht bekannt wäre. Sehr stark dagegen ist der Eindruck davon, wie David Lynch Regie führt und welch Ekstase selbst dort zu Tage tritt, wie er seine Mitwirkenden in Stimmungen lockt und stürzen lässt. Zum Ende jedes fertig gedrehten Parts gibt es sodann ein Abschiedsritual und man hängt da wie jeder Anwesende mit drin in Geschehen und Emotionen. Größtenteils bleibt dieses Werk vermittelter Transfixion natürlich ein Porträt des Regisseurs an sich und da wird es intim in Überlänge, auch frustrierend bei manch Produktionsumstand. Dann ist man auch mal am Set-Runnen zuhaus, wenn die Erkenntnisse länger auf der Maloche ruhen bleiben - bei aller vorgezeigten Schaffensstärke findet man dennoch ein Gros an Inspiration, kann ich nur empfehlen. Übrigens, es gibt nun auch endlich einen Termin für die deutsche Veröffentlichung der Heimkino-Variante jener Staffel - und zwar der 22. März! Vormerken und nachmerken, jajaja!

Gut, die Geschichten sind durch, nun folgen noch zwei Erlebnisse aus meiner Welt der Träume, welche ich die Woche schon über Twitter geteilt hatte. Danach legen wir aber mit den Filmen los, versprochen - ich möchte die hier nur chronologisieren, damit ich zum Ende des Jahres nicht wieder solange nach ihnen suchen muss:


So, genug der totalen Erinnerung, jetzt kommt das Spektrum an vorbehaltsloser Empfehlung (u.a. geborgen aus dem letzten FILMABEND via Siegfried Bendix sowie dem auf Twitter und Co. stattfindenden #Japanuary) zu euch in Herz und Hirn - möchte ich jedenfalls hoffen. Dabei biete ich wieder zwei Varianten an, wie man sich diese einverleibt - einerseits kann man aufs jeweilige Bild klicken und von dort aus lesen/vergrößern, etc.; andererseits habe ich wieder eine Videovariante produziert, in die ihr unten anklicken und reinlauschen könnt, wie ich die berüchtigten Texte vorlese. Ich bin mit den Formaten noch in der Testphase und kann mir vorstellen, dass sich eins in Zukunft an dieser Stelle durchsetzen wird - oder auch ein ganz anderes? Welches nur? Müsst ihr mir sagen! Schnuppert mal rum, jetzt!^^


(Robert Sigl, 1989)

(?, 1965)

(Tetsuya Yamanouchi, 1966)

(Hideaki Anno & Shinji Higuchi, 2016)

(Karl Hartl, 1937)

(Eckhart Schmidt, 1986)

Und hier haben wir die Videovariante für jeden, der meine enorm idealisierte Handschrift beim besten Willen nicht entziffern kann und sich sowieso wundert, ob sich mein Stoff überhaupt vorlesen lässt:



BONUS! Filme, zu denen ich was zu sagen habe und die es diese Woche nicht in die reguläre Tipp-Sparte geschafft hatten oder halt noch ergänzend hier stehen, weil ich letzten Endes mehr Zeit über hatte:

DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (Wolfgang Staudte, 1946)
Hätte ich gerne in längerer Textform empfohlen, da die Nachkriegseindrücke weit kritischer ins Mark gehen als z.B. „...UND ÜBER UNS DER HIMMEL“, doch den tief verwundeten Abgleich aus Nihilismus und Hoffnung erlebt man am besten in seiner Stimmung an sich, als dass ich diese polemisch wiedergeben müsste. Im Endeffekt halt auch trotz aller Kernigkeit wie zeithistorischen Relevanz in der Kontinuität des UFA-Stils angesiedelt, zum Schluss hin zudem etwas daneben gegangen in Sachen mutiger Darstellung (Wozu diese Modellaufnahme z.B.?).

STORM HUNTERS (Steven Quale, 2014)
Ein typisches Prozedere an Katastrophenfilm-Topoi wirbelt als souveränes Spannungsstück durch den Mittelstand Amerikas. Das heißt, dass es reichlichst um Familie geht, aber auch um mediale Reizüberflutung/Ethik, da die Wetterwissenschaft inzwischen Infotainment in allen Klassen hergibt, so wie jene Katastrophen alljährlich die USA heimsuchen. Das Klima zwischenmenschlicher Konflikte löst sich dann auch „San Andreas“ nicht unähnlich in knackigem Hypermelodram auf und bietet Handheld-Bilder an potenziellem Albtraumfutter, was weit mehr fordert als von der Tele5-Prämisse zu erwarten wäre.

HIDE YOUR SMILING FACES (Daniel Patrick Carbone, 2013)
Ach ja, der atmosphärische Konzeptfilm unter 80 Minuten. Man weiß bei dem Genre meistens schon im Voraus, dass man gen Schlussakt die Sekunden runterzählen wird, wann das Werk die Gefühlsprämisse auserzählt hat - und da ist dieses US-Indie-Kintopp nicht allzu verschieden von seinen Epigonen, auch wenn es sich engagiert auf Coming-of-Age-Stationen jener Sorte einstellt, in welcher man Tod und Verlustängste reflektiert. Das ist natürlich künstlich geballter Diskussionsstoff, im bewährten Stil der Stille gebettet, aber zeitweise authentisch im Grusel vorm Inlandselend wandernd. Die Bärenszene gibt aber den Tiefpunkt dessen ab.

DER KLEINE aka DIE STADTWÖLFE (Klaus Lemke, 1983)
Der Münchener Prototyp von Lemkes eigenem „Die Ratte“, wenn man mal davon absieht, dass keine so reißerische Triebkraft wie Thomas Kretschmann zugegen ist. Macht sich sodann naturalistischer auf die Socken, Milieus und Nacht- wie Tagbegegnungen im schnellen Erfolg auf-/untergehen zu lassen. Der Road Runner gibt dazu das perpetuum mobile auf dem Soundtrack, doch der Film kann's nicht lassen, eher strukturorientiert zu agieren, als dass er sich, seine Figuren und deren gewohnt ambivalenten Männermythos aus distanzierter Tristesse hieven kann.

DER INDIANER IM KÜCHENSCHRANK (Frank Oz, 1995)
Da hatte mich die ganze Zeit irritiert, wie doof das Hauptkind immer frontal in die Kamera glotzen musste, ansonsten war der Film ja eine schön innige Seltsamkeit an Buddy-Movie binnen des multikulturellen New Yorks. Per tricktechnischem Zauberkasten werden Grenzen und Möglichkeiten der Freundschaft gelehrt, Respekt und Zeitpunkte des Abstands, zudem es ganz nebenbei noch um die kulturhistorischen Kernsätze/Versäumnisse amerikanischer Simultanheimat geht. Hat sich gefühlsmäßig aber mehr von E.T. abgeschaut, als ihm gut getan hätte.

SKINNER ...LEBEND GEHÄUTET (Mark Herrier, 1991)
Diese Hommage ans Horrorkino der Gimmicks ist beinahe Richtung „Demoni“ oder „Matinee“ unterwegs, als waschechte Liebeserklärung zu begeistern, doch ehrlich gesagt war nur der erste Fake-Film ein Sonderschmaus, während der Rest allzu frustrierend billig abgefrühstückt wurde. Die Phantom-Der-Oper-Variante der Rahmenhandlung hätte eben nur als Gerüst für episodenhafte Topoi-Sammlungen getaugt; sobald sie für sich selbst Nervenkitzel erzeugen soll, kommt die Inspiration zu unentschlossen - mal übernatürlich, mal als Standard-Slasher. Als naives B-Movie ist POPCORN (so der Originaltitel) trotzdem nicht zu verachten.

TIGER, LÖWE, PANTHER (Dominik Graf, 1989)
Eine deutsche Fingerübung, an Woody Allen ranzukommen - hastig in seiner wortgewandten Konfrontation der Neurosen, Mann/Frau enervierend, bittet der Film den Zuschauer also, sich hinten anzustellen. Er muss nämlich jetzt sein Theater durchziehen! Die Hysterie reißt nicht ab, Regisseur Graf bleibt entsprechend flott im Schnitt und scheucht sein Ensemble kultivierter Uneinigkeit mit stets direkten Ansagen ins Amerikanische. Die Erkenntnisse sezierter Beziehungsfragen reichen von Ironie bis Frust, sind aber eher durchstilisiert denn involviert. Kann aber sein, dass an dem Film bewusst eitle Witzfiguren vorgeführt werden sollen - bin mir noch nicht so sicher.

HANNAH TAKES THE STAIRS (Joe Swanberg, 2007)
Mumblecore ohne besondere Vorkommnisse. Greta Gerwig und Mitspieler sind wie so oft bei Swanberg full frontal nude, legen dementsprechend die Seelen offen, wie weit Depressionen zurück bzw. in gegenwärtige Zweisamkeitsdilemmata (gleich 3 hintereinander) reichen. Der Gesprächsstoff dazwischen ist in seiner Beiläufigkeit leider etwas dolle distanziert und mit dem laschen Aufhänger eines TV-Writers-Room ausgestattet, umso lieber hat man die stichfesten Selbstzweifel und Strukturen hemmender Rücksichtnahme, selbst in ihrer eher sporadischen Anwesenheit. 



Huch, warum ist der Bonus nochmal so ein Riesensegment geworden? Na was solls, ich habe geliefert, ihr dürft nun entscheiden: Soll ich den Blog so in Zukunft halten? Braucht ihr bei den regulären Tipps beide Präsentationsformate oder seid ihr mit einer Variante der Empfehlungen zufrieden? Oder soll alles doch wieder so werden, wie es früher schon einmal war? Weiß ich selber grade am wenigsten, so helft mir doch auf die Sprünge, diese Beschäftigungstherapie sinnvoll zu nutzen! Wie immer meine ich es nicht so dramatisch, aber ihr wisst ja: Wer kein Feedback bekommt, wird Katzenfutter. So oder so vielen Dank, dass ihr es wieder bis hierher geschafft habt - solch treue Leser sind auch nach all den Jahren an Blog-Aktivität meinerseits stets sehr geschätzt, kann ich nicht oft genug beteuern. Stellt euch an dieser Stelle ein pochendes Herz vor und man sieht sich dann beim nächsten Mal, wenn nicht sogar zwischendurch wie gehabt auf Facebook, Twitter oder Instagram (jetzt mit Live-Lesungen zu unregelmäßigen Zeiten!).

Sonntag, 12. Februar 2017

Tipps vom 06.02. - 12.02.2017


Erbe Leslie,

hmm, die heutige Ausgabe könnte für manch einen von euch wohl etwas kleinwüchsig erscheinen. Tja, manchmal kommt binnen einer Woche nicht so viel zusammen, wie man es sich manchmal erhofft, das ist ja kein Unding mit dem Voranschreiten der Zeit, dass nimmer stets für vollgepackte Action gesorgt werden kann. Natürlich ist im Weltgeschehen ringsum wieder einiges an Blödheit passiert, dass die Endzeit immer näher an uns rückt, aber das lässt sich an entsprechender Stelle ja wie gehabt extensiv nachlesen, als dass ich hier alles wiederum aufzählen muss. Eins steht jedenfalls fest: Wenn sich der eigene Zahnarzt vor Ort schon Sorgen macht, wie die zukünftigen Importpreise (und zwangsläufigen Preise für den Endverbraucher) für US-Kunststoffe ausfallen werden, dass dieser den Donald innerhalb eines normalen Beratungsgespräches als kranken Typen bezeichnet, dürfte klar sein, dass Politik wieder der Mainstream, quasi the talk of the town, geworden ist. Außerdem: Steinmeier ist jetzt Bundespräsident, am Hamburger Flughafen (nicht unweit von meiner Wohnung entfernt) strömt Reizgas aus und die Berlinale läuft wie gehabt ohne mich bereits in vollen Zügen ab, droht dem populistischen Zeitgeist entsprechend auch schon mit erpresserischen Ultimaten, wenn ungefällige Einschätzungen im bloßen Überblick durchsickern. Wow, welch Fest der Freiheit! Und was ist bei mir so passiert? Naja, der Tinnitus von letzter Woche ist noch geblieben, weshalb es zeitweise durchaus an Konzentration gemangelt hat, wenn's ans Filmschauen und -besprechen ging, doch am besten kam ich eigentlich wie gehabt damit zurecht, wenn Freunde dabei waren und quasi drei Filmabende, zwei kleinere und einen größeren, veranstalteten. Sternstunden der Unterhaltung und des Austauschs bester Jokes waren insofern gegeben, von dem Arsenal an gesichteten Schätzen kann ich sogar bis in die nächste Ausgabe hinein berichten, doch fürs erste wird’s dem anstehenden Valentinstag gemäß allen voran romantisch bzw. spannend in Beziehungsfragen, wenn unsere vier Filmbeispiele vom entrückten Traum des Glücks bis hin zur S&M-Schiene auftrumpfen, mitten ins Herz treffen oder volle Kanne aufs Hirn ballern. Seid ihr bereit? Dann schnappt Euch eure bessere Hälfte oder das jeweilige Geschlechtsteil und erfreut die jeweiligen Glubscher an dem, was ich an liebreizenden Lese(und Hör-)stoff aufzubieten habe, wenn die Filmwelt mal mehr, mal weniger durch die eskapistische Linse am höchst durchgefickten Globus entlang kreist.




Erfahrenen Filmfreunden muss man nicht noch erklären, wie sich Louis Malle zeitlebens als behutsamer Surrealist bewährt hatte, komischerweise hatte er es bislang trotzdem nicht auf diesen Blog geschafft, was sich nun mit „Die Liebenden“ ändern wird. Jeanne Moreau, ebenso erstmals an dieser Stelle vertreten, zieht es in dieser Romanze von der Eintönigkeit und Tristesse des Adels hin zur unverhofften Hochphase des Glücks, die über mehrere Lebensmodelle hinweg trotzdem einen Zyklus der Vergänglichkeit voraussieht, in einer (bitte) unendlichen Nacht jedoch den Orgasmus einer möglichen Zukunft in Bildern, Gesichtern, Körpern, Elementen der Natur und dem Aufeinandertreffen aller zur Allzeitsehnsucht ballt. Beats by Brahms sind die herzlichen Begleiter dazu, vorher erstreckt sich das schwarzweiße Breitwandformat (das „Marienbad“ kupfert nicht nur davon ab) aber noch nüchtern innerhalb jener Mauern, die sich der Frau um 1958 als gesellschaftliche Sicherheit anboten. Jeanne Tournier (Moreau) verbringt da schon so wenig Zeit wie möglich auf dem einsamen Anwesen ihres Ehemanns und Verlagmoguls Henri (Alain Cuny) und pendelt ständig nach Paris, um eine Affäre mit dem Polo-Player Raoul (José Luis de Vilallonga) aufrechtzuerhalten, doch die Highlights jener Beziehung zwischen Trabrennbahn und Rummelplatzkarussell bieten nur wenig Aussicht, so wie sich die Rückkehr zuhause auch dadurch einpegelt, wie gleichgültig Henri die Präsenz seiner Frau wahrnimmt, ihre ehelichen Pflichten aber als selbstverständlich reinforciert. Fast schon schlafwandlerisch geht sie diesen auch nach, wenn sie abends seinen Arbeitsplatz aufsucht, um zu schauen, ob er sie denn betrüge, doch neben der Erkenntnis, dass er offenbar lieber Überstunden malocht als daheim zu verweilen, scheint sie sich sowieso schon mehr in das Traumtänzeln innerhalb der industriellen Rhythmen zu verlieren, am liebsten weit weg von der Vehemenz der gefühlskalten Zufriedenheit.


Bei Malle kommt der satirische Unterton zur Bourgeoisie dann auch in jener Form (und Bildsprache) zur Geltung, wie Jeanne ihre Körperlichkeit verpackt, eher ausklammert und schlafen legt, das schlichte Anhängen von Accessoires, eben Perlenketten und Haarklammern zum Alltagsinhalt erarbeitet – das eigene Kind ist da sowieso eher Inventar, wie es scheint. Mit dem Tratsch ihrer im Prinzip schon bettlägrigen Freundin Maggy (Judith Magre) ist auch nur wenig Bewegung im Spiel, doch jenem Feststecken droht erst recht der Kollaps ins Nirgendwo, sobald Raoul als Begleitung Maggys Henri zum Diner vorgestellt werden soll. Henri ahnt sowieso schon, wohin der Hase läuft, deshalb soll der Besuch im Verlauf auch eher eine Demonstration seiner Kontrolle über Jeanne ergeben, die er eh schon mit getrennten Betten von sich hält - das Gift einer imaginären Abhängigkeit vertieft sich zur verbrannten Erde. Doch siehe da, Leben mischt sich ins Prozedere ein, sobald Jeannes Wagen auf dem Weg zum Diner zusammenbricht und der Zuschauer endlich ein Panorama der Provence erhält, in das sich Bernard (Jean-Marc Bory) hinein verirrt, als Helfer zum Mitfahren einlädt, aber über weite Strecken seinen eigenen Kopf durchsetzt, weshalb Jeanne mal ein bisschen zu spät zuhause ankommt. Ist aber weiter nicht so schlimm, schließlich ist man auf dem Weg mit mehreren Keckheiten ins Paradies der Begegnung gelangt, voller pointiert undurchschaubarer Automechaniker und friedfertigerer Dorf-Einsamkeiten, die zumindest ein hübsches Bächlein und frohlockende Vogelstimmen für sich behaupten können. Jeanne bleibt da durchweg etwas unruhig, der Film an sich auch eher ein stiller Genießer, doch das Feeling überträgt er allmählich schon auf seine Protagonistin, je eher sich ihr Fahrer als Lebemann der Bescheidenheit und trockenen Ironie entpuppt, der zudem ungern auf seinen adligen Familiennamen angesprochen wird – später übrigens der einzige Stichpunkt seinerseits, für den ihm Jeannes Umwelt die Türen öffnet, obgleich er sich ihren Henri als knurrigen Bären vorstellt und damit einen ansteckenden Lachkrampf im Kopfkino auslöst.


Innerhalb der Türen dessen fühlt man sich aber so oder so wieder wie im Gefängnis, erst recht beim Abendessen in steigender Schweigsamkeit, bei dem selbst Erdbeeren betreten gefressen werden, wenn Raoul nicht noch auf Teufel komm raus oberflächlichste Konversation betreibt. Jener Zwang der Geltung beherbergt eine fordernde Funktion wie übrigens auch die Erzählerstimme im Off, die einem „Listen up Philip“ ähnlich mehrmals von inneren Schmerzen berichtet und Jeanne Selbstzweifel auferlegt, welche die Bilder in der reinen Betrachtung enorm zu entkommen versuchen. Jeanne will dann auch Raoul entkommen, der sich nicht nur als Intellektueller seines Standes wegen heraus kristallisiert, sondern auch gerne mit der Methodik und verkappten Abgeklärtheit Henris konform geht/gehen muss, weshalb der Abstand zum Neuling Bernard natürlich immer kürzer ausfällt. Nachts dann fallen die letzten Grenzen und der eingangs erwähnte Klimax der Liebe erfüllt sich mit einer traumhaften Prozedur, die sich zudem von kontemporären Konventionen dargestellter Sexualität löst (einst ein mittelschwerer Skandal) – wohlgemerkt in einer Entschleunigung, die Moreau im Nachtgewand eines Engels schweben lässt und sie sowieso permanent im Fokus behält. Lässt sich dieses Glück auf ewig halten, solange im Dunkeln alles offen steht, das Licht am Eigenheim erst wieder die Grenzen der Freiheit aufzuzeigen droht, während die Flucht nach innen fast nur noch/quasi erstmals dem Kind gilt? Schließlich wird zwar als trojanisches Pferd innerhalb der Statussymbole mit offenen Karten gespielt und melodramatischen Konfrontationen fast schon spöttisch aus dem Weg gegangen, doch Jeannes erster Blick zum Spiegel, hin zur Wahrheit ihrer selbst, hat einen bittersüßen Sonnenaufgang im Auge. Zu jeder Erfüllung gibt es einen Epilog, zu jedem Tag einen weiteren in Folge – dass Louis Malle die Sehnsucht zur Nacht dann umso wirksamer herauszuheben vermag, liegt einfach in der menschlichen Natur und macht sich hier als poetischer Zauber auf die Lauer, eskapistisch zu schwärmen, doch die Stille zur Ungewissheit bleibt, wie auch die soziologisch-satirische Vorarbeit für eine Emanzipation, die überhaupt erst zur Menschlichkeit zurückführen musste. Gewiss nicht die schlechteste Maßnahme.


 
Ein-Satz-Kritiken für zwischendurch!

„Halbe Treppe“ - Die unverhoffte Andreas-Dresen-Retrospektive schnackt und eskaliert sich weiterhin gern gesehen durch die Beziehungsunfähigkeiten und Schicksalszufälle sozial-verkorkster Milieus, bleibt qualitativ aber auf einer Höhe mit seinen Vorgängern, obwohl der Dogma-'95-Versuch noch rohere Momente der Verletzung binnen deutscher Hyper-Tristesse (Frankfurt an der Oder) hinkriegt sowie Authentizität zwischen Tag, Nacht, Mann und Frau erwirkt, selbst mit Einsprengseln des Interview-Formats nicht allzu prätentiös wirkt, im letzten Drittel kollektiver Versöhnung aber auch erneut zum rührseligen Klammernschließen neigt (Stichwort: Wellensittich). 

„Superman and the Mole-Man“ - George Reeves ist als Superman ein eher seltener Gast fürs erste Leinwandabenteuer in Spielfilmlänge, wenn dessen ausgewalzte B-Movie-Manier begrenzter Ressourcen eine Gruppe von Maulwurfmenschen jagt, die eine Western-Stadt mit radioaktiven Händen in Aufruhr bringt, obgleich die kleinen Kerlchen unfreiwillig und voller Furcht durch die irdische Industrie an die Erdoberfläche getrieben wurden, weshalb Superman den american way fester Grenzen und Nationalitäten als Frieden ausformulieren muss, um das Budget an Laser-Effekten mit stolzer Brust abprallen zu lassen, als Freund und Helfer dennoch halbwegs zu beglücken. 

„Conni und Co“ - Beim Schweiger-Familienprojekt hat Tochter Emma Tiger offenbar am wenigsten Lust, das Kinderabenteuer um einen knuffigen Hund (incl. Top-Chief-Intro) anzuführen, weshalb ihre Schauspielleistungen jede potenzielle Sympathie unterbieten, sich zudem am Rest des Casts abfärben, wenn die einfallslosesten Genre-Klischees durch den vermeintlich episch-sommerlichen Filter gejagt werden, Pop-Schmalz schon frühstmöglich als Gefühlsersatz auftritt und mehrere Stationen des Konfliktpotenzials auf einmal anfangen, aber stets versanden, wenn sich die alte Masche „Erwachsene hören niemals zu“ auf ein absurdes Höchstmaß puscht, bis zum Happy-End hin kein stimmiges Tempo erreicht.
 
So, jetzt geht's weiter im Text!




Obacht: Wer gerne nach der Steilvorlage von Louis Malle lieben will, sieht das ganze Elend in „Nights and Weekends“ wiederum zusammenbrechen. Der Fall hängt jedoch in vielerlei Hinsicht von der dargestellten Problematik der Fernbeziehung ab, welche sicherlich nicht wenige von uns schon mal unternommen, erhebliche Gewichtungen an Vertrauen über weite Distanzen erschaffen hatten und an selbigen irgendwann zwangsläufig zerbrachen. Am Willen des jeweiligen Gegenübers scheitert es meistens nicht, ein Mangel an Begehren kommt weiß Gott nicht zustande, aber in kurzen Zeiträumen des Zusammenseins ist das Kennen und Kennenlernen mehr oder weniger ein illusorischer Prozess. Es hat fast schon etwas Religiöses, wie man sich unter jenen Umständen in den Gedanken der Liebe hinein verlieren kann, Hoffnungen auf eine Einigkeit des ist-ja-nur-temporär-en Abstands schürt und dieser Tage auch eine tolle Lösung darin erkennen mag, durchweg online in Kontakt zu bleiben. Dennoch besteht wie überall, hier nur noch verstärkter die Gefahr, dass zwei derart abgekoppelte Leben an der Dissonanz zueinander abprallen, das Treffen an Gemeinsamkeiten als forcierten (ohnehin mühseligeren) Schritt empfinden, in der Kommunikation von Sorgen, Schmerzen und Zuneigung Hemmungen aufbauen. Wenn dann nicht dauernd irgendwelche Missverständnisse entstehen, wird im Verlauf spätestens die gemeinsame Planung zum Sex ein mittelschwerer Krampf. Aber fing es nicht alles so schön an? Wär das drin, das alles für immer so bleibt, wie man sich an die besten Momente zurückzuerinnern meint?


Nun, die Frage konnte Malle schon nicht beantworten, umso härter steigen Greta Gerwig und Joe Swanberg sodann in jenen Verlauf der Vergänglichkeit ein. Dabei muss man das als Zuschauer anfangs gar nicht mal vermuten, so gut sich Mattie und James verstehen – also auf dieser urbanen Mumblecore-Schiene voll postironischem Schlagabtausch, der vom Schauspiel so naturalistisch und von der Inszenierung so abstrahiert für sich selbst steht, dass es vor Wahrheit weh tut. Die Kamera wird sich so gut wie weggedacht und in der Entblößung zeigen beide alles. Als Zuschauer hat man im Vergleich wenig Distanz zum fernliebenden Pärchen, dessen Höhen und Tiefen eigentlich auf geringstmöglicher Dramatisierung geschehen, von den Situationen her eher triviale Angriffspunkte finden, aber umso bitterer wiegen, wenn man die Lücken der Einsamkeit einberechnet, die der Film ab und an mit schlichten Texttafeln überbrückt. Unter Verwandten in gewöhnlicheren Beziehungsmodellen ist der unausgesprochene Wunsch nach einer Entsprechung dessen dann auch permanent zu spüren, selbst das Zusammenziehen löst die Misere unterbrochener Bindungen nicht auf. Auch wenn ein ganzes Bündel an zusammenschweißenden Erfahrungen auf dem Tagesplan steht, sind es eher Ablenkungsmanöver von der Aufforderung zur (Selbst-)Bespaßung oder von der Pflicht zum Job weg. Beziehungsaufrechterhalter und -killer ARBEIT ist dann auch Mittäter der kontinuierlichen Entfremdung unserer Zwei, die wir im Großteil aus der Perspektive Matties betrachten, folglich dabei sind, wie sie sich und ihre Gefühle leugnet, mit leichtfüßiger Haltung übertüncht und sich daraufhin vor Verzweiflung auflöst, obgleich auch James den Blick zur Freizügigkeit wie verschämt unterbindet, als sei man seit jeher im Status best friends unterwegs.


Mit den Tränen der Einsamkeit ist letztendlich keiner zufrieden, aber deren dringend nötiger Ausbruch kann eben nur bei geschlossener Tür in Abwesenheit des jeweils Anderen passieren, mal um ihn nicht zu verletzen, mal um sich selbst zu schützen, meistens aber auch deshalb, weil man sich kaum noch kennt und doch im Gewissen daran hängt, was mal eine Harmonie war – selbst, wenn diese nur über Nächte und Wochenenden probiert wurde. Man kann nicht von ihr loslassen, alles wird awkward und dann bringen die äußeren, unwissenden Umstände sie auch noch wieder in Situationen zusammen - ein Foto-Shooting, das ehemalige Glück in der Fotobude parallelisierend -, welche die seitdem gebliebene Connection im Herzen vorspielen, zum Greifen nah in Bildern verewigt und auf einen neuen Versuch hinsteuert, der aber gleichsam nur zum Scheitern verurteilt sein kann, es sei denn, man hätte eine versöhnlichere Filmfantasie auf der Platte. Gerwigs und Swanbergs Film kann und will es sich nicht so leicht machen, deswegen ist das Spektrum an Erkenntnissen oder gar Lösungen eher klein ausgefallen, als dass der Wiedererkennungsfaktor eben an der Spitze steht, ein beiderseitiges Versagen in beispielhafter Treffsicherheit rekonstruiert, binnen der Scham des Weggehens und Wiederkommens reflektiert wird. Wohin soll es aber gehen nach den dargestellten und selbst erlebten Unmöglichkeiten der Liebe? Wieder in klassische Modelle, ab ins Eremitentum oder in die Karriere à la Damien Chazelle? Um eine Antwort sträuben sich die Filme dieser Woche geradezu (ist ja auch nicht ihr Auftrag), siehe auch die folgenden Werke.

 


Wer sein Hirn allmählich zum Henker schicken will (je älter man wird, desto sinnvoller), allerdings kein Geld für den Spaß am Rauschgift über hat, sollte stattdessen vielleicht „Campus Code“ in Betracht ziehen. Es ist nicht nur ein spottbilliger DVD-Titel und dementsprechend auf niedrigstem Budget inszeniert, sondern auch von einer glücklichen Fügung aus Unvermögen und Ambition begünstigt, die ausgerechnet von Martin Scorseses Tochter Cathy ko-angeführt wurde – obwohl die Erfahrung für alle Mitstreiter im Endeffekt offenbar keine allzu schöne war. Papa Marty und Kollege Ray Liotta schauen demnach ebenso für Mini-Auftritte vorbei, doch deren Gesichter in einem HD-Camcorder-Epos wie diesem sind nur das I-Tüpfelchen für eine filmtechnische wie inhaltliche Verstrahlung, die ohne jede Erdung durchweg auf konfuse Signale einer verzerrten Realität setzt. Dort zu den Charakteren zu finden, ist ein umso brachialeres Unternehmen, doch bei den Belangen von Arun (Ritesh Rajan), Becca (Hannah Hodson), Ari (Jesse McCartney), Izzy (Alice Kremelberg) und Greta (Conor Leslie) sind im Grunde noch die gängigen Uni-Ungewissheiten von Zukunftsträumen und Beziehungskisten gegeben, wenn auch mit konfusen Details en masse unterfüttert. Ari z.B. druckt fleißig T-Shirts fürs Taschengeld, wird dabei allerdings von Elliot (Jack Falahee) überrumpelt, der dieselben Motive (gemalt von Arun) auf dem Unigelände vertickt, weshalb es da schon spontane Verfolgungsjagden und Fights gibt, welche mit wahllos eingeworfenen Superkräften die Unzerstörbarkeit aller sowie Spezialeffekte evozieren, die bereits anno 2007 von jedem After-Effects-Nutzer übertroffen werden dürften.


Der Film hat (trotz teils starkem Equipment) ohnehin etwas Unfertiges an sich, wie er auch der Zeit hinterher hinkt, die Klischee-Grufti-Truppe der Griefers als Antagonisten etabliert und im Schnitt dazu meistens sehr daneben zur Kohärenz neigt, an anderer Stelle wiederum ewig lange in einem Cafeteria-Gespräch verharrt, Mikros im Bild hängen lässt und auf der Tonspur immer wieder dieselben Pro-Scores-Akkorde aufzieht. Daraus kann manch einer ein desaströses Trinkspiel basteln, doch wie erwähnt ist die Bewusstseinserweiterung schon im Film selbst gegeben, da menschliches Verhalten und dramaturgische Konventionen per „Campus Code“ von Vornherein komplett ausgesetzt scheinen. Da überwirft man sich im Eiltempo eines Trump-Dekrets mit Geheimnissen und ungelenken Szenenmustern, pathetisch gewichteten Begriffen und Dreiecksmissverständnissen aus dem YA-Sektor, schlussfolgert dementsprechend weltfremd auf die Strukturen hinter einem Gros an paranoiden Unfassbarkeiten, für das man sich zum Beweis auch mal gerne selbst die Treppe runter schubst. Sich zu wundern wird für den Zuschauer ein Dauerzustand, angesichts dessen kommt der Unterhaltungsfaktor natürlich auf eine Höchstnote, die ihr begrenztes Spektrum an Mitteln immer wieder mit plötzlich auftauchenden wie unbeholfen umgesetzten (und gespielten) Ideen, Intrigen sowie Charaktermomenten abseits jeder Rationalität füllt und da zudem noch von einer Katastrophe von Synchro gekrönt wird. Die Auflösung all dessen ist nochmal ein Fall für sich, doch bis dahin waren ohnehin schon einige Pausen des Durchatmens nötig, um die Erfahrung zu verarbeiten. Mehr verrate ich an dieser Stelle lieber nicht, traut euch einfach mal an den Streifen ran und erlebt, wie euch alle Synapsen auf einmal durchbrennen, sich mitunter betrogen fühlen oder die ganze Angelegenheit auslachen - interessanter als die „Silence“ des Daddy Scorsese wird es allemal.


Zum Schluss wieder was von meinen komplizierten Youtube-Eskapaden, für welche man den besprochenen Film an sich heranziehen muss, um das gemeinsame Erleben zu begießen: Ein Audiokommentar zu „Fifty Shades of Black“ (Michael Tiddes, 2016)!



Der Sadomasochist Witte lädt ein - seid dabei, wie er sich selbst de(vot)motiviert! Pünktlich zum Start der neuen Shades-Scharade im Kino habe ich mich schon im Vornherein durch die Verarsche des Vorgängers gequält und einen Audiokommentar aufgenommen, der sich kontinuierlich schleppender durch das Ensemble an Anti-Gags knattert. Wer leidet mehr? Ihr hoffentlich weniger, wenn wir zusammen an jenem misogynen, lustfeindlichen und passiven Konstrukt von Film teilnehmen, also: Ohren auf, keinerlei Charakterentwicklung erfahren und in dieser Subkultur unter Youtube-Videos zum Grabe finden.

Sonntag, 19. Juni 2016

Tipps vom 13.06. - 19.06.2016




WIENER-DOG - "[...] Im Land unbegrenzter Möglichkeiten sind eben auch Konformität und ein gebrochener Wille erforderlich, sofern man nicht doch im Stillen nach der Güte schaut, die sich des kollektiven Drangs wegen nicht weiter als vor die Haustür trauen mag. Die Gesellschaftsmodelle, Symbole, Hunde und Menschen verlaufen hier nahtlos und doch still im Nirgendwo, dass eben das eintritt, was die erste Episode prophezeite: Die Gnade in der Emotion gegenüber der Sterblichkeit [...] Und obwohl Solondz an jener Stelle nur bedingt mit der „Happiness“ kokettiert, bleibt er human und in entscheidenden Momenten zärtlich, den Außenseitern verpflichtet und doch nicht so voller Ernst geladen, wie es ein Robert Bresson gezeichnet hätte. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




SCHAU MICH NICHT SO AN - "[...] Sex ist Sex, scheiß auf die Scham; auch davor, vielleicht nicht jede Nuance mit absolutem Realismus zu treffen. Dem Spaß kann es nicht schaden, Borchu lässt das Spannungsfeld der Verhältnisse jedoch nicht aus den Augen. Kontraste und Erwartungen von Beziehungsmodellen lassen sich auf eine Begegnung ein, die nur allzu konsequent den Mächten von Zweisamkeit und Willkürlichkeit erliegt und einen Konflikt erschafft, bei dem sich kein Mittelweg finden lässt. Wo die Liebe hinfällt, kann ebenso die Enttäuschung, ein Wandel ohne Wiederkehr, Vertrauensbruch und Gift entstehen. [...] Da sie weder auf Ziellandungen noch auf Belanglosigkeiten setzt, besitzt ihr stringentes Chaos Format, so wie die Erdenbürger der Postmoderne gegenwärtig doch verstärkt ungewiss der eigenen Rolle gegenüberstehen, diese infrage stellen, Umstrukturierungen beinahe tagtäglich erleben und erwirken. Dem Zwiespalt noch mit Pietät begegnen zu müssen, wäre da nur widersinnig [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




MONSTER DOG - Nun, wie soll man an genau dem Film vorbei kommen, wenn er nicht bloß die audiovisuelle Handschrift eines Claudio Fragasso trägt, sondern auch noch Alice Cooper als Hauptdarsteller beherbergt, dessen Rollenname ausgerechnet Vincent Raven (!) lautet und sowieso einige Eckdaten aus Werk & Wirken der Hard-Rock-Legende übernimmt? Der gotische Appeal in dessen Aufmachung schlägt dementsprechend auch in Fragassos Horror-Abenteuer ein, so energisch dieser seinen Aufhänger nutzt und nicht bloß als Nebenrolle mit Star-Status abkanzelt. Ehe man nämlich herausfindet, inwiefern die titelgebende Bestie mit dem Mann hinter „School's Out“ zusammenhängt, überlässt Fragasso seinem Vincent die Bühne für ein Musikvideo voll gespaltener Identitäten. Die Hinweise zur inneren Fassung unseres Helden lassen sich hier schon erahnen, womöglich auch die Impulsivität des Films an sich, der mal dies, mal das versucht und im Kampf um das eigene Image ein recht bissfestes Gesamtbild ergibt. Vom bunten Kostümspiel verschlägt es ihn nämlich alsbald in den Nebel der Nacht, hinein zu Fragassos herzlich naiven Genre-Vorstellungen, die Herrn Raven sodann in Begleitung der Liebsten, Sandra (Victoria Vera), sowie einiger weiterer Freunde im Van heimsuchen, obgleich die Herrschaften nur dort einen neuen Videoclip drehen wollen, wo Vincents Familie einst berüchtigterweise residierte.


Viele Vorboten tragen aber schon die Missgunst mit sich, als im Radio von mordenden Killerhunden die Rede ist und selbst die Autoritätspersonen wenig Vertrauenserweckendes mit sich bringen. Fragasso's Rednecks sind dabei eine besondere Gattung - irgendwo zwischen Western-Machismo, Heugabel schwingenden Vertretern des Aberglaubens und sleazigen Home-Invasion-Räuden verordnet, sind sie jedoch anfangs kaum involviert, später umso überraschender ein entscheidendes Handlungsmittel. Viel mehr bahnt sich der Schrecken aber noch in zerfetzten Wandlern an, von Flüchen erzählend, während ringsum die bösen Kläffer zuschlagen, optisch natürlich wie die niedlichste Ballung von Schäferhunden, Rottweilern, Riesenschnauzern und Co. erscheinen. Der undurchsichtige Terror daran inspiriert Fragasso zu Jumpscares, die auch in heutiger Relation eine passable Figur machen, während der Schnitt sich manch hastige Entscheidung erlaubt (was offenbar aber zeitweise dem Verleiher geschuldet ist) und dennoch verstärkt traumwandlerisch Eindrücke der Verlorenheit aufnimmt. So kommt unser Raven-Trupp trotz reichlich unheimlicher Geschehnisse wie selbstverständlich beim Anwesen an und blendet alle Verdächtigungen aus, obwohl Vincent das Areal mit der Schrotflinte erkundet, nicht von ungefähr an „Resident Evil“ erinnert und auch dann nicht Ruhe lässt, sobald sich seine Erinnerungen um den Mythos des Werwolfs kreisen (und Fragasso dafür sogar ein Lon-Chaney-Porträt zur Beweisführung ausgräbt).


Die verborgene wie ungefähre und unfaire Schuld, der Zweifel am Innern - das vermittelt ein Cooper so klein und effektiv, wie er auch zur zweiten Hälfte hin ganz er selbst wird, wenn der mörderische Trip um ihn herum seinerseits ohne Fragen in Make-Up und Leder-Outfit ausgeführt wird. Jene Linie allein wäre schon obskur genug für jeden Film, doch Claudio Fragasso rast durch mehrere lebhafte Adern des Unwirklichen, wie die albtraumhaften Visionen Angelas (Pepita James), die im zeitweise kaum trennbaren Rahmen mit der Filmrealität Gewalt vorherrschen lassen und dort mit Metaphysik verstrahlen, wo eine Sandra mit dem Beharren auf technische Zugänglichkeiten der Moderne für Rationalität einsteht. Letztere Ambitionen nimmt man dem Spiel von Frau Vera kaum ab, erst recht innerhalb der Umstände von Fragassos Spukschloss, das Monsterköter auf Gemälden verewigt und den Schauer bestätigt, wo sodann ein makabres Musikvideo Platz finden soll. Mit Musikalität kann sich der Film übrigens ganz hervorragend brüsten, sobald er eine visuelle Sequenz des Schaffens im Rhythmus unheilvoller Synths in voller Länge ausspielen lässt und unbedarft der Zwischenwelt frönt, wie sie Vincent sodann auch von der Schminke zu Blut und Blei führt, die menschlichen Monster einlädt und gnadenlos zerschießt, wie auf einmal auch die Hunde ihre Fresssucht binnen dynamisch abgelichteter Mauern beweisen.


Das Reißerische am Creature-Effekt kommt dann auch noch zu Besuch und liefert sogar im Gegenschnitt zum normalen Hunde eine so natürliche Pointe, wie sich im Folgenden auch die Legende in Vincent fortsetzt, der diese nie inne haben wollte und weit mehr Verstoßung suggeriert, als der Film auszusprechen vermag. Umso reizvoller wird seine unsichere Miene, sodann erst recht sein Standbein voll greller Unerklärlichkeiten im Türrahmen unter Tieren. Da kommt selbst Sandra nicht mehr mit, die im Verlauf auch öfter fast ihren inneren Reißzahn herausfetzt und sich doch letztenendes so erledigt im Niemandsland vortastet, dass man selbst Fragasso Erschöpfung attestieren könnte. In dem Sinne hat er von Vornherein aber Energien abgesondert, welche in dieser Konstellation wie gehabt bei ihm eine ganz eigene Variante von Leben und Kino denkt, Taktlosigkeit per Wahnwitz kaschiert und jede Ebene des Genres aufwendet, um sie gewiss etwas planlos, aber nicht ohne Herzblut gegen die Leinwand zu fahren. Ein faszinierendes Unikat!




CENTRAL INTELLIGENCE - "[...] Der Vergleich zwischen Mini-Neurotiker Hart und Pain-&-Gain-Sympathikus Johnson kommt natürlich auf eine Dynamik à la „Twins – Zwillinge“ – vielerlei Pointen brauchen lediglich Referenzen an vergangene Filme, um die Lachquote aufrechtzuerhalten. Da wird’s entsprechend plump; doch manch Charakterzug übertrumpft solch fades Namedropping. So ist es reizvoll, wie bedingt schlau man daraus wird, warum Bob seinen Golden-Jet-Schwarm mit grinsendem Sadismus zu tödlich gefährlichen Abenteuern verleitet und in eine Angelegenheit internationaler Größenordnung hineinzieht [...] Nicht, dass Regisseur Thurber die volle Route Political Correctness beschreitet, doch auf halbem Wege fängt er durchaus Empathie ein, wo der Schritt zum Zynismus ein ach so leichter wäre – und manch leichten Weg lässt der Film trotzdem über sich ergehen, damit Klischees eben nicht Mangelware bleiben. Damit geht ein gedrosseltes Tempo einher, das vor allem im letzten Drittel geradezu wie in Portionen den Agenten- und den Komödienanteil separat zu erfüllen scheint. [...]"



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