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Sonntag, 18. März 2018

Von Versuchen, Menschen näher zu kommen (Tipps vom 05.03. - 18.03.2018)

Dieter Degowski Richy Müller Rösner Jürgen Vogel 50 Cent


Liebe Leser,

in den letzten Wochen war immer so viel los im Leben des Witte, dass ich mein Hobby der Filmkritik zwangsläufig vernachlässigen musste. Kleines Beispiel: Da ist ein Musikvideo erschienen, wo einige Einstellungen von Kränen und Abrissbirnen meiner Kamera führenden Hand entstammen! So kann es einem ergehen, aber denkt ja nicht, dass ich nur wenige gute Filme sah, oh no! Hier hat sich von der reinen Menge her vieles angeboten, aber sobald ich mir die Zeit nehmen wollte, lange und ausgiebig schriftlich darzulegen, warum sie mir gefallen, machten mir externe Faktoren wieder einen Strich durch die Rechnung. Sind halt jetzt andere Zeiten als noch vor 3 oder 4 Jahren. Habe selber letztens drauf zurückgeblickt und war überwältigt, wie viel und in welcher Menge an Abschnitten hier jeweils Woche für Woche an Filmen empfohlen wurden! Aber es braucht keine Traurigkeit in solchen Zeilen – ich mach ja weiter, nur anders (?)! 


Annihilation Poster 2018


Das ist eventuell die Schlusspointe des neuesten Netflix-Release „Auslöschung“, aber da sind sich ja nicht alle einig, wo doch so viele Theorien der Aufschlüsselung herumgereicht werden. Vielleicht ist’s eh nur eine künstliche Aufregung um einen Film, der seinen Ruf nur bedingt einlösen kann. Zu komplex für den Kinoeinsatz sagen die einen, Sci-Fi-Meilenstein proklamieren die anderen. Ich will’s nicht so eng sehen, denn mir ging er höchstens im Finale richtig nahe – da war Alex Garlands Inszenierung auf einmal so stark konzentriert im Sog, so vom Bauchgefühl her und nonverbal im Kosmos unbekannter Ängste und Mimikry herantastend, wie es der ganze Film gerne hätte sein können. Vorher allerdings gibt er einen recht mäandernden Rahmen vor, wie genau das Spannungsfeld erneuter außerirdischer Invasion zu verstehen ist: Eine Expedition ins Herz der Finsternis als Selbstbeweis Natalie Portmans für die Wissenschaft oder auch wahlweise den Ehegatten (Oscar Isaac) – von Anfang bis Ende so schicksalsschwer mit Rückblenden und ausgestellten Mysterien beladen, dass es dem kollektiven Schauspiel schon die Luft abwürgt. Portman allerdings ist seit jeher stets bemüht, echte Menschen darzustellen – hier muss sie sich zudem in eine oberflächliche Crew einreihen, die ihr Handeln zwar ausgiebig (manchmal auch sehr plump) verbalisieren, aber eben nur vom angeteaserten Rollentypus her (bzw. manchmal auch gar nicht) motivieren kann. Genauso verhält sich Regisseur Garland mit seiner fulminanten Bilderwelt, die an sich eigentlich gut mit Faszination liebäugelt, aber stets auf Distanz bleibt, ebenso frustrierend an der Immersion vorbeimontiert ist.



Man könnte argumentieren, dass das von der vorsichtigen Lösungssehnsucht der Charaktere herrührt - auf dem Papier sollen sie dann aber wiederum durchweg von Desorientierung und Angst gezeichnet sein, was in Filmform einiges an Überwältigung missen lässt; im Fall der etwas doll klischierten Gina Rodriguez am ehesten für Hysterie (und sogar Gore) sorgt. Ich hab den Vergleich schon auf Twitter gezogen, aber jene gedrückte Handhabe ging bei mir größtenteils nicht über den Habitus von „Transcendence“ hinaus (der ja auch positive Aspekte an sich hatte, nicht falsch verstehen). Es lässt sich auch nicht ganz von der Hand weisen, wie Garland das Verhältnis von Fragen und Antworten aufwiegt bzw. wie er die Deutung derer dem Zuschauer abnimmt – selbst wenn er sich in einer (nicht immer gelungenen) Verschachtelung übt, welche das labile Wesen des Menschen sowie seiner Wahrnehmung ins Gewissen rückt. Der Punkt ist durchaus die stichhaltigste Schlussfolgerung des Films, der darin auch Ängste der Übernahme aus unserer Gegenwart behüteter Identitäten reiht, als kämen die Körperfresser wieder zu Besuch. Dafür nimmt der Film aber auch einige Plattitüden an Menschenkenntnis in Kauf, die es einem einfacher als nötig machen und letztendlich halt auf eine Odyssee reißerischer Entdeckungen/Schocks abzielen (die Formulierung werde ich mir heute mehr als einmal erlauben). Von dem bewährten Konzept aus kann man dem Film noch gut folgen, allerdings war’s letztendlich doch ein beschwerlicher Weg aus obligatorischen Vertrauensfragen und Was-ist-das-erklärs-mir's hin zum finalen Rausch. 


Jared Leto Tadanobu Asano


Etwas weniger als das bietet hingegen der ebenfalls auf Netflix neugestartete „The Outsider“ an. Regisseur Martin Zandvliet wollte ich da im Vertrauen mehr Kompetenz anrechnen, da ich seinen „Unter dem Sand“ noch für effektives Spannungskino verhärteter Fronten im Frieden hielt. Eben dessen Thema, wie ehemalige Kriegsfeinde zu Freunden werden können, wie Schuld und Gewissen innerhalb neuer Abhängigkeitsverhältnisse abzugleichen sind, mag ihn auch zu diesem Stoff geführt haben – doch mit dem Herzstück an Kontrasten kommt er nicht weit, wenn Jared Leto als G.I.-Yakuza-Konvolut sehr typische Genrepfade erneut bewandert und aus rein stumpfer Anpassung ins Pathos ehrwürdiger Rache rutscht. Ich schätze, es geht ihm da noch um die mentalen Folgen von Militär und Kriegsgefangenschaft - Leto und Zandvliet wissen aber scheinbar kaum, wie sie diese Hülle an sich zumindest zur Hülle ausfüllen können. Zudem scheint Zandvliet auch sein sonstiges inszenatorisches Geschick abhanden gekommen zu sein. Anstatt Spannung zu ballen, verlässt er sich auf Steadicam-Strecken, Neonfarben und die ältesten Kamellen von Schuss und Gegenschuss, um irgendwo ein Hauch von Zen auszumachen. Es bleibt aber Wunschdenken, solange die Verhältnisse untereinander mit Binsenweisheiten, Territorialdrohungen und reaktionärem Gangster-Einmaleins allein begossen werden.



Und das ist dann keine sich ins existenzielle Nirwana steigernde Poesie à la Kitano, sondern ein Märchen aus 1001 zuvorgekommenen Filmen, das allenfalls noch von der Ambivalenz seiner Hauptfigur unterwandert wird. Aber ist diese überhaupt tatsächlich präsent oder nur ein Ventil für eruptive Gewaltmomente? In denen wacht der Film ja am Meisten auf und hält selbst dann spekulativ drauf, wenn auch zum dritten Mal hintereinander der kleine Finger abgeschnitten wird. Solche Szenen sagen zwar aus, wie weit der Gaijin für seine Befreier gehen würde, aber es wird letztendlich nur im lustlosen Abhaken an Topoi draus geschlossen, wie dieses Verhältnis z.B. im Kontrast zum eigentlichen Nachkriegsverhältnis anno dazumal steht, eben was jene wechselseitige Anpassung macht oder ausmacht. Universelle Bruderschaft, gar die sehr altbackene Liebe zum exotischen Mädel? Irgendwo lungern profunde Werte, werden aber so oder so vom Film her aufs Mühseligste in drei Akten aufgelöst. Die Motivation des Narrativs gründet sich dann zwar noch immer auf der (spätestens seit Kurosawa/Leone erwiesenen) Faszination der westlichen Welt zum Themenkomplex Nippon und andersrum, verharrt aber in der Hemmung, schlicht von außen rein zu schauen und infolge dessen aus dem Innern in die Beliebigkeit zurück zu starren. 


Marie Bäumer Romy Schneider


Ein Stück weit mit demselben problematischen Ansatz hadert auch das neue Romy-Schneider-Porträt „3 Tage in Quiberon“. Emily Atefs Berlinale-Beitrag probiert anhand eines reduzierten Naturalismus, das Wesen der berüchtigten Protagonistin binnen purer Intimität zu verinnerlichen. Zentral dafür gerät eine Interview-Situation mit Vertretern des Stern Magazins in eskalierende Gewissensangriffe über, welche ihr Subjekt mit aller Gewalt zu fassen versuchen sowie mit voller journalistischer Grenzüberschreitung auf Widerstände des Privaten einbohren (auch den Sekt aufstellen, obwohl Romy auf Entzug sein soll). Die Auflösung einer Person des öffentlichen Lebens scheint keine Gefangenen zu machen, obgleich man hauptsächlich Reaktionen denn wirklich konstruktive Reflexionen erwarten dürfte. Seelen-Exhibitionismus halt. Mit der Realität müssen sich Film und Zuschauer (hoffe ich doch) zwangsläufig ebenso abfinden, also dass innerhalb solcher Rahmenbedingungen nichts Absolutes an der Person Schneiders feststellbar sein wird. In der Umsetzung aber beruft sich der Film offenbar auf eine immerwährende Melancholie ihrerseits, eben eine, die sie mit ihrem Markenzeichen der hinterher hängenden Kindlichkeit zu überspielen versucht. Ein bisschen Image, ein bisschen Anti-Image, fertig ist der Lack? Unter Umständen geht man mit so einer Charakteristik eher noch in Sachen biographischer Einzelheiten in die Tiefe, wirklich vielschichtig fällt der filmische Wert dessen auf dem Papier dann trotzdem nicht aus. Dass es nicht so herbe ins Gewicht fällt, ist Marie Bäumer zu verdanken, die selbst aus der noch so peniblen Mimikry des Interviews stets Echtes nach vorne fördert. Das funzt auch daher so stimmig, weil der Film ihr nicht in die Quere kommt. Der wirkt im Gegenzug seiner selbst willen oft zu diszipliniert-distanziert, von einer nie aufgelösten Inkonsequenz und Irrelevanz unterlaufen. Gut, es basiert explizit auf etwas Echtem und wenn man das vermitteln will, ist manch hingenommene Leere sogar ein Muss. Trotzdem nutzt Atef auch abseits dieses Faktums kaum was an filmtechnischen Möglichkeiten, auf etwas Inneres in jenen Etappen hinzuweisen, außer Motive einer stinknormalen Kuranstalt – in Schwarz-Weiß immerhin!



Die Spannung kommt in jenem Szenario deutlich aus der zwischenmenschlichen Reibung, aber ihre Gestaltung, Kameraführung und Sounds bleiben konstant auf demselben Level von basic coverage. Es kann uns eigentlich kaum gleichgültig sein, was wir da sehen, aber genau mit dem Gefühl wird man angefüttert/hinausgezögert, was nicht mal mit dem Unterbau einer einnehmenden Atmosphäre ausgeglichen wird. Es ist dermaßen unpersönlich, aber die Unpersönlichkeit fließt so gut wie gar nicht ins Narrativ ein – dafür ist alles am Hotel und seiner Therapie zu gemütlich ins rechte Licht gerückt (Gegenbeispiel hierfür: „Die Sehnsucht der Veronika Voss“). In dem Sinne macht Quiberon seine 115 Minuten so schwer wie er dünn ist. Dennoch gibt es einzelne Situationen, die aus dem Nichts mit Haltung glänzen. Exemplarisch sei da die Kneipenszene genannt, in welcher die Euphorie der Trunkenheit auch inszenatorisch von einer Person zur nächsten schlendert, dort eine Möglichkeit des Seins aufbereitet, die der ansonsten übergreifenden Existenzverdrossenheit des Films etwas Paroli bietet. Genauso gut dürften die Anflüge zarter Freundschaft innerhalb des Quartetts um Schneider, Freundin Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr) und Journalisten (Robert Gwisdek und Charly Hübner) greifen, wenn sie denn nicht ständig von der Sorge bzw. der Ausbeutung der Sorge überschattet wären. Im Dialog stellt der Film diesen Umstand sogar an sich selber fest – es fällt ihm aber nur für wenige Momente ein, aus jener Monotonie wirklich auszubrechen, z.B. wenn der Kellner mit Hilde flirtet oder wenn der Film in kurzen Stichpunkten auf die Brüchigkeit derer kommt, die nicht Romy Schneider heißen. Und dankenswerter Weise schließt Atef auch mit einer Note des Aufschwungs, der Ablösung vom Zwang des per Öffentlichkeit verprellten Ichs. Doch mit solch einer dem Zuschauer gereichten Methodik bleibt der Film halt nochmals absolut vage. Kann ich auch jetzt noch nicht beurteilen, ob’s in dem Fall positiv oder negativ nachwirkt. 


Jim Sheridan Curtis "50 cent" Jackson


Ausgesprochen positiv eingestellt war ich in letzter Zeit allerdings gegenüber Jim Sheridans „Get Rich or Die Tryin‘“, obgleich der Film in seiner verfremdeten Selbstdarstellung des 50 Cent Curtis Jackson weit vereinfachter auf Biographisches blickt, in eine trivial verdauliche Gut-gegen-Böse-Chronologie vom Street Life bettet. Die Glorifizierung des Gangsta-Raps ist dementsprechend von vielerlei Grauzonen getilgt oder an den heikelsten Stellen so überspitzt ins Positive gepolt worden, wie es inzwischen nur noch voll Fragwürdigkeit amüsieren kann. Drehbuchautor Terence Winter ließ später auch den „Wolf of Wall Street“ in seiner Selbstherrlichkeit auflaufen, hier vermengt er seinen Mangel an kritischer Distanz aber noch mit höchst spekulativer Milieu-Zeichnung – und das obwohl die Beteiligten alle Möglichkeiten hätten, sich aus ihrem jeweils aufgepeitschten Klischee herauszulösen. Umso kurzweiliger kommt das Biopic-Prozedere sofort auf Intensivstation, den Mythos des kugelsicheren Multitalents im high drama totalen Ghetto-Kintopps auszustaffieren – wo die Kindheit um die Hooker-with-a-heart-of-gold von Mutter kreist, später per Mentor ins Drogen- wie Hip-Hop-Geschäft einsteigt, um letztendlich sich selbst, den echten Daddy/Muttermörder sowie eine glückliche Vervollständigung mit Frau und Kind zu finden. Würde man noch klassische Musik druntermischen, müsste „Moonlight“ hier einen ernsthaften Konkurrenten fürchten – und damit ist nicht nur vom thematischen Gehalt her die letztendlich rahmenbildende Bromance zu Terrence Howard oder die Hassliebe von/zu Drogen-Kingpin Majestic (Adewale Akinnuoye-Agbaje) gemeint. Klar, ist jetzt ein überkandidelter Vergleich, aber zumindest im Sog machen sich beide Filme ebenbürtig um Aufmerksamkeit verdient. Der eine lässt halt seine Charakterstudie in Bildern nachfühlen, der andere in ultravulgärem Cliquen-Slang auf der road to success.



Und dann kommen noch durchweg kindliche Anwandlungen des Protzens zur Geltung, die selbst per Mietwagen auf dicke Hose machen – dann nennen ihn nämlich alle im Viertel „den Hübschen“, zu drollig! Auch irgendwie kindlich geht der Film mit einem um, wie plötzlich Handlungselemente und Figuren eingeführt werden, die im Ensemble als selbstverständlich gelten, gar auf einmal weitreichenden Einfluss von Kindesbeinen an haben – obwohl die zu dem Zeitpunkt im Film kaum anwesend waren, trotzdem großen Aufwind produzieren. Man bemerke dafür allein die Wiederbegegnung unseres Marcus (50 Cent) mit seiner angeblichen Jugendliebe Charlene (Joy Bryant) und wie weit das ab dort entwickelt wird/zurück gehen soll. Es wird nicht der einzige wundersame Irritationspunkt des Films bleiben. Falls man davon mal nicht kurios am Halse gepackt wird, stehen die Dialoge Schlange, einen mit drübberen Proklamationen und inspirierenden wie bedrohenden Phrasen auf die schiefe Bahn zu führen. Die ganze Aufregung ist so sympathisch aufs Epische im Profanen aus und innerhalb seiner ballernden Missetaten zudem energisch mit Erklärungs-/Deeskalationsversuchen gewappnet, dass man kaum glaubt, welch Krönung noch auf einen wartet: Die Messerstecherei in der Gefängnisdusche! Die geht auf die Barrikaden wie eine Mischung aus „Eastern Promises“ und „Zwist in Zellenblock 99“, wie eruptiv da mit Klingen, Seife, Schwänzen und Polizeiknüppeln um Gerechtigkeit und Aufstand gehadert wird, ehe eine neue Brüderlichkeit entsteht. Hätte sich das Intro von „The Outsider“ mal mehr hiervon abgeguckt! Man sieht: Es gibt viele einzelne Faktoren/Sequenzen/Eigenarten, die den Film hier mächtig gewaltig pimpen, obgleich er in Sachen Feingefühl erwartungsgemäß stets in der Klemme steckt – wartet mal ab, wie Oscar-verdächtig es sodann rüberkommt, wenn 50 Cent mit zugenähtem Mund in Beziehungsprobleme der Kommunikation abgleitet: Wie der ganze Film ein problematischer Mordsspaß in Formvollendung! 

Eine gute Überleitung übrigens zu meinem nächsten Trio - gewiss wieder eins, das (passend zu den anderen Beispielen dieser Ausgabe) mit der medialen Interpretation von Tätern und Opfern jeweils sehr wählerisch Spannung per Provokation erzeugt. Und zwar handelt es sich um drei Verfilmungen der Causa Gladbeck. Innerhalb der letzten Wochen dürfte der hiesigen Allgemeinheit wieder des Öfteren in Erinnerung gerufen worden sein, was im August 1988 binnen der BRD geschah. Ich will daher nicht nochmal wiederholen, wie das tödliche Geiseldrama des Trios Rösner/Degowski/Löblich verlaufen ist oder wie ich die Handlungen von Polizei und Presse werten würde. Für jede Position zu diesem Sachverhalt gibt es nämlich schon mindestens einen Spiel- bzw. Dokumentarfilm und um in dem Sinne mal einen Überblick zu geben, beäuge ich drei Vertreter, die allesamt aus ihren individuellen Gründen auch kein vollends differenziertes Bild dessen liefern können: Zum einen wäre da das eher schwache Drama „Ein großes Ding“ von Bernd Schadewald. Der Regisseur hatte sich mir mit Filmen wie „Angst“ (1994) als Blickverstärker der geläufigen Sozialstudie gezeigt, indem er besondere Härtefälle menschlicher Untiefen entsprechend schroff im Naturalismus anordnen konnte (siehe auch den etwas gemäßigteren, aber stilverwandten Uwe Frießner). Sehr grell, aber auch sehr nah. Dasselbe wollte ich mir von seiner losen Adaption der Gladbeck-Chronologie erhoffen, doch allein die Besetzung von Richy Müller, Jürgen Vogel, Uwe Fellensiek und Katja Flint ist schlicht zu viel des Guten. Ab und an wurde ja argumentiert, dass der Cast zur Parodie neigen will, doch wenn man als Maßstab ohne Weiteres Christoph Schlingensiefs „Terror 2000“ nehmen kann, wirkt es umso befremdlicher, wie die realen Ereignisse hier gleichsam für einen echten Zweiteiler-Krimi Pate stehen und in den Abänderungen auf plumpe Kolportage angesetzt werden. Die Trivialisierung nimmt Überhand, nur im Vergleich zum 50-Cent-Film entsteht da lediglich bedingt ein Unterhaltungswert – zumal Müller und Vogel permanent am Schreien sind; Verfolgungsjagden, Fluchtsituationen sowie die Rollen von Medien und Polizei ohnehin auf eindeutiges TV-Niveau hin aufbereitet sind. Interessant am Film ist aber, wie er einem die Gangster sogar noch sympathisch zu machen versucht – eben als rotzige Typen, die eigentlich ganz nett sein wollen/könnten, ihren Nichten Gute-Nacht-Geschichten erzählen und sich schlicht ein besseres Leben wünschen, wenn man sie nicht vorsorglich-lebenslänglich in die soziale Endstation verfrachtet hätte. 


Richy Müller Rösner


Solche Argumente präsentiert in etwa auch der Dokumentarfilm „Der Geiselgangster von Gladbeck“ von Uta Claus. In diesem recht frühen Portrait von 1991 wird speziell der Lebensweg Dieter Degowskis durch Zeitgenossen nacherzählt und interpretiert. Ehemalige Nachbarn, Kollegen, eines seiner Geschwister, ehemalige Geiseln sowie Psychologen und sogar sein Strafverteidiger kommen zu Wort. In den Gesprächen wird eine grausame Kindheit offenbart, folglich auch in welchen Bedingungen kaum Hoffnung für den Mann keimen konnte und in welchen Kreisen er sich also fortwährend noch was wert fühlte. Alles Aussagen, die in konkreter Abbildung zwar nicht werten, in der Ballung aber natürlich Partei ergreifen müssten. Dagegen stehen ausgerechnet die Aussagen, die in Richtung Sympathie gehen, da sie allesamt von einer gewissen Naivität herrühren – Schwester und Kumpel meinen, dass er mit ihnen mitgekommen wäre, wenn sie frühzeitig dagewesen und die Polizei sie nur gemacht lassen hätten; Strafverteidiger und Psychologen lassen zudem jeden verhängnisvollen Impuls als Reaktion auf die Vergangenheit oder auch jede Behauptung der Reue als Anlass zur Schuldverminderung gelten, selbst wenn sie noch so bizarr klingen mögen (u.a. Degowskis Anruf ans Totenreich, dass Silke Bischoff ihm auf dem Wege schon verziehen, er Emanuele De Giorgi aber noch nicht erreicht hätte). Was seine überlebenden Opfer zu ihrer Begegnung mit ihm zu sagen haben, scheint zudem hauptsächlich von Unberechenbarkeit gezeichnet zu sein, eben wie wenig sie alles abseits der permanenten Furcht beurteilen konnten. Der Film hat also ein ziemlich offenes Auge für Mängel und Zwiespälte in der Menschenkenntnis seiner Zeit, als dass er händeringend um ein Urteil zur Person Degowskis argumentieren würde. In der Funktion vermeidet es der Film aber eher, die Rolle der Medien als Faktor in dem Fall kritisch zu betrachten – dann würde er sich ja selbst als erneute Projektionsfläche dessen reflektieren müssen, aber ohne diesen Aspekt wird die Sache wiederum heikler, insbesondere da einige Zwischentitel mit enorm finsterer Musik darauf hinweisen, welche Interviewpartner man aufgrund der Entscheidungen der Justiz nicht aufsuchen durfte. In eine ähnliche Falle tappte übrigens auch die Docu-Fiction RTL’s zu dem Fall, „Wettlauf mit dem Tod“ (1998), als diese die Mittäterin Marion Löblich selbst vor die Kamera zum Interview ranholte. Dort durfte sie sich dann im Nachhinein über die Aktionen von Polizei und Presse empören, auch dass man sie selbst hätte schneller schnappen müssen, bis sie in den nachgestellten Szenen zeitweise sogar zur Stimme der Vernunft hochstilisiert wurde. Wenn noch Brisanteres an Distanzlosigkeit in dem Film aufgetaucht wäre, würde ich jetzt auspacken, aber ich belasse es lieber dabei, noch zu erwähnen, dass Rudolf-Thome-Stammschauspieler Cornelius Schwalm hier eine seiner ersten Rollen als Rössner inne hatte! 


Dieter Degowski


Zum Schluss sei aber noch die aktuellste Adaption des Falls genannt, schlicht „Gladbeck“ - knapp rechtzeitig zum 30. Jubiläum der damaligen Ereignisse von Kilian Riedhof inszeniert und von der ARD als Zweiteiler zur Primetime ausgestrahlt. Die Beweggründe dafür sind mir im Nachhinein weiterhin etwas schleierhaft. Rein oberflächlich betrachtet gibt dieses Event einen ziemlich straffen Terrorfilm ab, der allerdings auch ausschließlich dieses Gefühl auszudrücken imstande ist. Jedes Mal, wenn er die Zwischentöne der einst tatsächlichen Reaktionen nachzuzeichnen versucht, wirkt er daher komplett neben der Spur und widersprüchlich binnen seiner selbst. Der inszenatorische Grundmodus der Bedrohung gibt zwar permanent Druck in (merkwürdig coloriertem) Cinemascope und Synth-Drones, doch da beißen sich erst recht die naturalistischen Eindrücke der Mimikry mit hochdramatisierten Drehbuchphrasen anhand von Einsatzleitern. Zudem sieht man sich als Zuschauer auch auf eine Emotionalisierung angesetzt, die dem Desasterfilm-Prinzip gemäß einzelne Vorgeschichten, Betroffenheits-Sequenzen und Gesten des Gefühls als Symbolbilder der Menschlichkeit spekuliert. Ist jetzt halt ein Film-Film, von daher sind Rössner und Co. vollends als fettige und räudige Monster ohne echten Kontext ihrer Präsenz gezeichnet. Da steckt man gar nicht mal uneffektiv und vor allem intensiver in der Sommerhitze der Angst drin, zumal sich der Thrill modern körperbetont zwischen Neonlicht und Bordstein reindrückt - doch es ist wie gesagt die einzige Stärke dieser Odyssee. Das größte revisionistische Potenzial hätte ich eigentlich in der Darstellung von P+P vermutet und da ist die Sache für wahr ziemlich kurios ausgefallen: Einerseits wollte Riedhof den Schock der stets vermasselten Annäherung an die Täter für den Effekt ausnutzen, andererseits den einzelnen Urhebern mehr oder weniger stets gerecht werden. Fast immer ist es ein Gewissenskonflikt, eine ethische Brenzligkeit, Zivilcourage, Überzeugung aus Angst oder eben eine Frustration, die gegen die eigene Überzeugung stimmen muss. Tendenziell entscheidet der Film in der Menge an Konflikten eher zugunsten der Polizei, à la „Die Gesetze sind zu lasch, es mangelt an Führung in solchen Fällen.“. Gibt man dem besorgten Bürger damit nicht Grund zur Sorge, dass die Polizei auch angeblich heute noch nicht das Rechte tun darf? Und dann auch noch gegenüber einer Presse, die das Spektakel frech und falsch für sich einnimmt? Nun, der Film ist in Wirklichkeit dann doch nicht fähig, irgendwas in der Sache aufzuwiegeln. Bei ihm verschwimmen die Ereignisse im Trauma der Machtlosigkeit und haben bei der Deeskalation des Individuums schlicht keine Zeit für Empörung. Unterschieden wird hauptsächlich zwischen Opfern, Tätern und denjenigen, die das Ganze beenden wollten. Dass es an jeder Stelle hunderte an Schaulustigen gab, will man dem Zuschauer daher auch eher verheimlichen, sonst müsste er den moralischen Diskurs der Handlungsunfähigkeit eventuell ja mit sich selber anstelle derer innerhalb dargestellter Machtpositionen führen. Puh, ein schwieriges Themengebiet, ganz bescheiden gesagt! 


ARD Degeto Zsa Zsa Inci Bürkle


Ich weiß jetzt gar nicht mal so recht, wie’s euch als Leser geht. Hmm, habt ihr denn in dieser Ausgabe an Tipps genügend Tipps erhalten? Ich weiß, diesmal ist wieder so eine Reihe zustande gekommen, in der ich eher die thematische Connection der Filme untereinander ausschreiben wollte. Dabei hab ich erstmals dank feiner Ausleihe vonseiten Siggi Bendix' einige teils grandiose Selbstläufer gesehen, wie z.B. „The Purple Rose of Cairo“, „Zwei Tage, eine Nacht“, „Ein Amerikaner in Paris“, „A.I. – Künstliche Intelligenz“ und vor allem „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“! Herrje, was für eine Auswahl – aber die Sache ist ja die: Ihr kennt sie schon und ich habe mich vor lauter Ehrfurcht erstmal zurückgehalten, Deutungen und Meinungen zu schreiben, die bei solchen Werken bestimmt schon zu Genüge ausklamüsert wurden. Tja… aber einen habe ich gesehen, der ist vielleicht nicht ganz so weitläufig im Kanon verewigt – und zwar Klaus Lemkes schöner kurzer „Mein schönes kurzes Leben“ von 1970. Der ist schmissig, elliptisch, vollkommen im Hier und Jetzt seines Problemfalls Mischa (Michael Schwankhart) auf geistiger Achterbahnfahrt, todtrist binnen der BRD-Großstadtmoloch-Monochromatik gejagt und doch höchst romantisch, keck und im Faustrecht, drogenschmuggelnd/-klauend und mit der Vergänglichkeit flirtend, in Wohnungen gammelnd oder an der Würstchenbude aufgedreht, total salopp nachsynchronisiert oder zaghaft mit der Sprache der Augen rausrückend, Musikvideo und urbanes Winter-Fegefeuer, im Spiegelspaß des Konsums wiederbegegnend, auf Erfolgskurs in der Plattenbranche gen Hamburg pendelnd und doch mit der Eifersucht auf der Flucht, überall von rabiaten Bullen und Gangstern gesucht und dennoch an der frischen Luft labend, ein Bonvivant der Anarchie und garantiert sterbendes Systemopfer zugleich. Was für ein himmlischer Ritt. Nach dem Film war’s dann nur noch halb so schlimm, dass ich am selben Abend im Folgenden die Oscars sehen musste. Aber wir kommen vom Thema ab - man liest sich beim nächsten Mal, danke!

Klaus Lemke WDR

Sonntag, 22. Februar 2015

Tipps vom 16.02. - 22.02.2015 (Oscar-Edition)



MIDARERU - VERWIRRUNG - Mikio Naruse entwirft anhand der Struktur eines klassischen Melodrams das Dilemma zwischen Selbstaufgabe und Individualismus im Japan der 60er Jahre, dessen Seele darin weiterhin in einer ungewissen Ära der Nachkriegszeit verharrte. Ständig wird darüber spekuliert, was denn wäre, wenn morgen alles vorbei sei - ohnehin stehen die aufgebauten Existenzen am Scheideweg, da Zeit und Menschheit immer mehr voneinander abverlangen. Kiosk-Besitzerin Reiko (Hideko Takamine) ist da auch nur ein kleines Rädchen und kann sich nicht gegen den Supermarkt in ihrer Gegend wehren, der alles ein Stück billiger anbietet - sie kann einfach nur weitermachen, auch aus Respekt vor ihrem verstorbenen Ehemann und dessen Bruder Koji (Yuzo Kayama). Doch eher aus Bescheidenheit scheint sie eine schwierige Zukunft entgegen zu nehmen. Für äußere Verzweiflung ist da keine Zeit, kann man die Gegenwart doch eher für die Güte aller nutzen; ihr persönliches Glück wird jedoch schon derartig zurückgeschraubt, als ob sie eh nichts mehr davon erwarten könnte.


Koji jedoch eröffnet sich eine Gelegenheit, aus ihrem Kiosk ebenso einen Supermarkt machen zu lassen, an dem sie weiterhin als Mitarbeiterin beteiligt sein könne. Doch entgegen der potenziellen Vereinbarung möchte er sie als Chefin beibehalten, da sie sich achtzehn Jahre lang dem Laden gewidmet, sich somit "geopfert" hat. Er kann dann auch nicht zurückhalten, dass er sie liebt - ein Umstand des möglichen Glücks, zu dem sie sich schlicht nicht entschließen möchte. Das Gewissen rattert nämlich gegen Sehnsucht und Leidenschaft, da sich niemand mehr seiner Zukunft gewiss sein kann. Die harte Konsequenz, die man dann auch als Zuschauer in den Knochen spürt, ist schließlich ihre Aufgabe des Ganzen: alles hinter sich zu lassen; zurückzuziehen; das Aufgebaute jemand anderem zu übergeben - vor solchen Entscheidungen dreht sich einem der Magen um; Reiko zieht es durch.


Es ist eben ein entschiedener Verlust; das ultimative Opfer in einem Zyklus des ständigen Opferns, aus dessen Bann sie sich nicht mehr lösen kann. Nach dem Krieg und dem Tod bleibt eben ein Trauma, vielleicht hilft da nur noch die Flucht mit dem Zug ins Abseits. Doch Koji folgt Reiko mit aufs Land, zurück in die Vergangenheit, vor der man nun sein eigenes Versagen eingesteht. Bittersüß wird jene Ermattung allerdings dadurch, dass sie gemeinsam vollzogen wird und somit dem Neuanfang Hoffnung verliehen wird. Reiko kann allerdings nicht raus aus ihrem seelischen Korsett der Entsagung, wie auch der Film durchweg seine Weitwinkel-Visualisierung in behutsamen Schwarzweiß begrenzt und in der Musik immerzu ein relativ kurzes Leitthema variierend um sich selbst kreisen lässt.


Jene Variationen erkennen aber auch das innere Drängen Reikos an, wie sie selbst ihre Wünsche immer weniger zurückhalten und doch nicht umsetzen kann. Der Schlusspunkt des Films stellt sodann aber auch eine besonders harte Belehrung zu ihrer Uneinigkeit dar, da ihr größter erzwungen-selbstentschiedener Verlust unwiederbringlich davon getragen wird; sie bloß noch im Schock der Schlusstafel verharren kann. Naruse suggeriert zweifellos effektive Argumente für Veränderungen in der gesellschaftlichen Mentalität, doch macht er das nicht mit strikter Belehrung, sondern empathischer Darlegung. Sein herangezogenes Frauenschicksal ist dann auch kein Aufzeigen der Schwäche - im Gegenteil, eher wird von ihr schon ständig Stärke verlangt; meist von solchen, denen es schon längst besser und gemütlicher ergangen ist, indem sie ihre Zukunft in die Hände eines reichen Mannes gelegt haben und nicht mehr arbeiten müssen.


Was er aber nachvollziehbar macht, ist die Nötigkeit von persönlichem Glück, dessen man entzogen wird; sich selbst sogar noch dagegen entscheidet. In Japan ist das sogar noch immer ein gesellschaftsübergreifendes Problem, wie dort der Arbeitsdrang gegen die Erfüllung persönlicher Bedürfnisse gehandelt wird. Doch auch global gesehen, besitzt Naruses Film noch immer eine Relevanz, die vielleicht filmisch zunächst ganz unscheinbar und unbeeindruckend abläuft, im Nachhinein allerdings eindringlich hängenbleibt. Da merkt man, dass hier mit echten Charakteren gearbeitet wird und so entsteht ein Film, dem man wahrhaftige Zugänglichkeit nachsagen kann - ohne dass die narrative Konstruktion immer wieder forcieren muss, weshalb man derartig fühlt. Ein beachtenswertes Hadern mit der Sehnsucht kommt bei Menschen eben an.




CINDERELLA - "[...] Wer in seinem Leben jemals ein Märchenbuch in die Hand nahm, weiß, in welche Richtung dies alles führen wird. Dennoch beeindruckt Branaghs Hingabe: Behutsam vermittelt er das Ganze in organischen 35mm. Dabei entfaltet er eine aufwendige und bis ins kleinste Detail versierte Farbenpracht und Fülle in Kostümen und Sets, dass man sich an die Technicolor-Epen des vergangenen Jahrhunderts erinnert fühlt sowie an deren Sinn für Fantasie. [...] „Cinderella“ probiert mit den Mitteln von heute eine Vision aus jener Selbstverständlichkeit des Stoffes, was Zauber, Hoffnung, Selbstbestimmung und sogar Vergebung betrifft – getragen durch den zeitlosen Rahmen des Märchens und übersetzt in ein möglichst zeitloses Wunderwerk eskapistischer Glücksgefühle. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




EX MACHINA -  Alex Garland umgeht in seinem Regiedebüt größtenteils inszenatorische Gefälligkeiten, nicht aber narrative Konventionen, um eine zeitgemäßere Variante vom Stoff künstlicher Intelligenz zu erzählen - auch weil er daraus immer wieder eine kleine Überraschung schöpft. Oscar Isaac kalkuliert dabei als souveräner Internet-Neureicher Nathan sogar mit der Erwartungshaltung seines auserwählten Protegés Caleb (Domhnall Gleeson), den er zu sich in die tief verborgene Festung der Genialität einlädt. Ganz kompakt für die Konzentration von Plot und Gefühl, beschränkt sich der Film auf wenige Zimmer und sogenannte Sessions als einteilende Kapitel.


Es gilt nämlich herauszufinden, ob die neueste robotische Errungenschaft Nathans, Ava (Alicia Vikander), für einen Menschen gehalten werden könnte oder sich in der Kommunikation sowie den kognitiven Gedankengängen als Maschine entpuppt. Jene künstliche Gefühlswelt kommt jedoch unmissverständlich bei Caleb an und löst allmählich moralische Dilemma aus, die sich in komplexen Diskursen mit dem etwas lockereren und doch unangenehmen Nathan sowie gefährlichen Nachforschungen äußern.


Garlands Film ist hauptsächlich ein entschiedenes Genrewerk mit Twists, das sich vom Aufbau her auf das Wesentliche und einige vermittelnde Zeichen konzentriert; aus jener effektiv vermittelten Quelle reichlich Stimmung aufbäumen kann. Gefahr und Faszination stehen hier Seite an Seite - nicht nur, was die durchgehende Spannung des Films betrifft, sondern eben auch den Umgang mit der Technik. Nathan und Caleb machen sich dahingehend genauso ans Werk wie das audiovisuelle Herantasten anhand seiner nahezu photorealistischen Umsetzung des sehnsüchtigen Androiden.


Ein gutes Stück Befreier-Romantik steckt letztendlich auch drin, doch die kehrt der Film ohnehin nochmals um, um seine eigene Götterfunktion (per CGI) in eine krasse Ungewissheit münden zu lassen - somit auch die von Nathan (immerhin wirkt sein angekauftes Wohngebiet zwischen Berg und Tal wie ein unbeflecktes Eden, in welchem er die Schöpfung vollzieht) und seinem Qualitätsprüfer Caleb. Existenzialistischer Horror, den man essenziell schon von Frankenstein, Westworld und Co. kennt und zum Schluss hin ein bisschen unter Overstatement leidet, unter diesen Umständen aber nochmals ein starkes und atmosphärisches Stimmungsstück.




BIBI & TINA - DER FILM - "[...] Natürlich ist das eine einfache Methodik, die Buck dabei anwendet; daraus leitet er jedoch eine ehrliche Lockerheit und Spaßigkeit ab, die sich ihrer selbst bewusst sind und auch mal Abwegigkeiten im Prozedere der Gestaltung erlauben. So erschafft Buck schon aus freimütigen Kameraeinstellungen und Schnitten eine Pointenvielfalt, mit der das Gros deutscher Komödienunterhaltung nicht mal ansatzweise mithalten kann – auch weil er nicht auf die gängige Konstruktion von Gags und Dialogen setzt. Stattdessen regiert die Unbedarftheit und das omnipräsente Gefühl glückseliger Sehnsucht [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




THE SNOW WOMAN - Tokuzô Tanaka inszeniert hier ein ziemlich straightes Genre-Werk, das seine übernatürlichen Spitzen alle zwanzig Minuten in ein mitunter kostengünstigeres Historien-Narrativ mit direkt ausgesprochenen Motivationen bettet. Dafür wird jedoch eine ziemlich coole Idee erzählt: Man stelle sich vor, ein Jahrhunderte alter Geist würde sich zu einem Menschen manifestieren und bei einem einziehen, lieben lernen und zudem die Superkraft besitzen, Menschen bei extremen Krankheiten zu heilen. Zugegebenermaßen ist der Geist zunächst nur deshalb da, um aufzupassen, dass mit dem gefällten Superbaum, der ihm gehörte, was Ordentliches angestellt wird. Der junge Yosaku (Akira Ishihama) soll daraus eine galante Statur hobeln, doch der Landvogt setzt ihm im Auftrag eines Konkurrenten immer wieder zu.


Was diese Antagonisten aber nicht wissen: seine Frau Yuki birgt ein Geheimnis, welches wir als Zuschauer bereits zu Beginn eindrücklich kennen lernen. Da präsentiert der Film ein wirklich furchterregendes Grusel-Szenario, als Yosaku und sein Meister im Wald des Nächtens von der legendären Schneefrau heimgesucht werden. Dieses Stück japanischer Folklore taucht wie ein weißer Schatten aus der Dunkelheit auf und strahlt mit gelben Augen durch die Nacht, während ringsherum Schnee und Eis heraufziehen. Der audiovisuellen Umsetzung von Regisseur Tokuzô Tanaka und Komponist Akira Ifukube gelingt dabei ein effektiver Nervenkitzel, wie sie die surreale Disharmonie langsam hineinschweben lassen und durch die Perspektive Yosakus eine Ungewissheit aufbauen, die sich beim Zuschauer ebenso überträgt.


Außerdem sieht die Schneefrau eben einfach echt gruselig aus; das Konzept, wenn man es sich denn als real vorstellt, ist es ebenso (ein Voiceover am Anfang erzählt uns zudem schon ungeniert als Sage von dem, was demnächst auf uns lauert - ziemlich gewitzter Erwartungsaufbau). Es hilft dabei zweifellos auch, dass die Kamera stets horizontal bleibt und den Blick nicht vom nahenden Schrecken lässt, welcher sich mit aufwendiger Echtheit einschleicht und über den Opfern thront. Jener blutgefrierende Anfang verspricht weitere unberechenbare Schreckensszenarien voll unberechenbarer Metaphysiken und finsterer Zwischendimensionen, stattdessen bewegt sich der Film aber eben eher auf ein Melodram der Geisterliebe hin.


Das ernüchtert ein Stück weit die aufgebaute Stimmung, ergibt dennoch einen stimmigen Film. Die Schneefrau, welche sich als Yuki unters Volk mischt, Yosaku unterstützt, heiratet und mit ihm ein Kind kriegt, beweist nämlich ihre Güte jenseits des Rollenmodells typischer Spukgesellen. Sie wird damit zu einem Beispiel der Verbundenheit des Landes zu seinen Legenden und selbst untoten Gestalten - bis hin zur Romantik (schließlich wird sie vielerorts als schönste Frau bezeichnet). Allerdings muss man dazu sagen: Yosaku vermutet nicht, dass sich hinter seiner Yuki die Schneefrau verbirgt. Würde er es aussprechen, müsste sie ihn töten.


Das ist ein Fluch, dem sie selber nicht entkommen kann; der zwar bei Gelegenheit noch mal gegen andere Fieslinge eingesetzt wird (damit man sich dran erinnert, dass das hier noch immer ein Horrorfilm ist), aber eben letztendlich ein Dilemma um die Wünsche der Lebensart mit sich bringt. Dementsprechend herzzerreißend ist dann auch ihre ultimative Entscheidung, welche den Grusel des Anfangs in eine Visualisierung der Einsamkeit ummünzt, um das Leben der Geliebten zu verschonen. Es trifft einen nun mal die gezwungene Entsagung des Übernatürlichen, zu uns zu gehören, weil es eben doch ein essenzieller Teil dieser Welt ist; Gutes beweisen und erwirken kann, selbst wenn wir uns davor fürchten.


Der Film von Tanaka-san hätte sich trotz gerade mal achtzig Minuten Laufzeit noch strenger auf diese Perspektive stützen und seine Wunder weniger manierlich aufteilen können, da er sich zeitweilig etwas unbeteiligt auf standardisierten Darstellungen von Zeitkolorit und Politik ausruht. Zugegebenermaßen sind solche Eckpunkte zur Etablierung der Verhältnisse nötig, cineastisches Glück sieht aber anders aus. Wenn er dann aber mit gleicher Ruhe, doch steigender Spannung, atmosphärisch zuschlägt und abseits der traditionellen Architektur eine Sinnlichkeit in Tag und Nacht, Schnee und Eis findet (insbesondere in Augen), geht er ohne Weiteres unter die Haut. Eine leider etwas zu unbekannte, dennoch empfehlenswerte Genre-Erfahrung.




THRASHIN' - KRIEG DER KIDS - "[...] Gewinnt daher am ehesten als Relikt seiner Zeit denn als zeitloser Film. Einen jungen Josh Brolin beim Skaten in scheußlichen Klamotten zu sichten, ist da neben dem Slang und der ausgelassenen Gestaltungsfront in Musikclip-Ästhetik noch ein sehenswertes Highlight. Ansonsten hat der Film lediglich ein äußerst geradliniges Prozedere anzubieten, das zumindest noch so unbeschwert und audiovisuell aufgegeilt die Konventionen abspeist, dass man seinen trivialen Spaß haben kann. [...]"



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WIE EIN EINZIGER TAG - Für eine Nicholas-Sparks-Verfilmung gar nicht mal so ungeschickt. Sicherlich sind die CGI-Gänse am Anfang schon die Kitsch-Krönung schlechthin und die eigentliche Story an sich ist wirklich nur eine weitere austauschbare Variante der gängigen Stichworte jenes Autors: Krankheit in der Gegenwart (Alzheimer, Krebs, Leukämie - choose your own adventure); Rückblick auf die Liebe in der Vergangenheit; Liebe über Zeit und Raum; tägliche Liebesbeweise trotz Trennung (365 Briefe im Jahr, bei "The Best of Me" waren es beinahe ebenso viele Knastbesuche); Liebe im Angesicht gesellschaftlicher Unterschiede (= reiche Eltern); alte weise Männer; mit einem anderen Partner zusammenkommen, um dann doch zur alten Flamme zurückzukehren; kathartisches Bumsen im Angesicht von Wasser (wahlweise das Meer oder Regen); etc.


Komischerweise schafft es Nick Cassavetes allerdings, jene melodramatischen Einfältigkeiten einigermaßen gediegen im Zaum zu halten. Besonders hilfreich sind dabei vor allem das recht natürliche Schauspiel zwischen Gosling und McAdams sowie deren stimmig fließende Dialoge. Letztere klingen gar nicht mal so plakativ, wie man sie vom Autor von "Nur mit dir - A Walk to Remember" kennt; lediglich der Voiceover, welcher die Geschichte des Paares detailliert, besitzt wahrhaftigen Schmalz. Ansonsten kann man wirklich von einem stilvollen Melodram reden, das zudem für knapp eine Minute dicke Kriegsatmo auspackt, ohnehin technisch souverän daherkommt und anhand der Charaktere effektiv packt. Die Romanze ist tatsächlich glaubwürdig und dennoch mindert die Gefälligkeit des Ganzen die Stimmung; insbesondere mit dem Hintergrund, dass man mit den eigentlich faulen Stoffen eines (nett ausgedrückt) naiven Autors verbrüdert wird, die hier lediglich in der Umsetzung von fähigeren Leuten gehandhabt wurden.


Vielleicht wäre da eine (spürbar) originalgetreuere Adaption noch mal ein Stück ehrlicher und vor allem witziger - doch ich will ja nicht zu sehr meckern und spekulieren: Liebe ist, was man draus macht und da ist solch eine Verfilmung unter Umständen noch die bestmöglichste Lösung für alle Beteiligten (wenn man auch mal ganz aktuell mit "Fifty Shades of Grey" vergleicht, wo wahrscheinlich keinerlei Variante wirklich befriedigt). Und sowieso: nichts geht gegen Gena Rowlands. Ich hoffe nur, dass ich im Herzinfakt-Alter mehr zu erzählen habe, als "Liebe, Liebe, Liebe", denn über mehr quatschen die Alten hier nicht. Ach ja, über Wunder auch - noch so ein Stichwort von Sparks. Der Mann kann einen einfach nicht enttäuschen.


BONUS-ZEUGS:


Zunächst wieder ein schickes Video, bevor es zu den weniger netten Filmen geht:






ACCIDENTAL LOVE - "[...] Die Näharbeit am Unfertigen hat sichtlich Schwierigkeiten echte Pointen zu finden und befähigt sich sogar dem berüchtigten Record scratch beliebigster Komödien-Trailer an scheinbar wahlloser Stelle. Ab der zweiten Hälfte gerät alles etwas kohärenter, da diese wohl beinahe vollständig abgedreht wurde. Greifbarer werden die Figuren dadurch allerdings noch immer nicht, eher penetranter, da sie durchweg als plakative Vehikel einer politischen Satire herhalten müssen. Diese probiert eine konfrontierende Krassheit, arbeitet jedoch nebenbei mit Harmlosigkeit – eine Uneinigkeit, mit welcher der Film seine Inhalte nur an die Wand klatschen kann; völlig gleich, ob irgendwelche kleben bleiben. [...]"



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TRAUMFRAUEN - "[...] Der Humor des Films ist ohnehin trotz vereinzelter sexy Spitzen und Hangover-Mentalität eine ganz biedere Angelegenheit. Er erhält auch gleichsam wie das altbackene Konzept nur dadurch eine ungefähre Daseinsberechtigung, dass ein modernerer Umgangston gepflegt wird, der aber eher der Fantasie Berliner Wohlstandshipster entstammt, doch nur gängige Situationskomik der Marke Sat-1-Fernsehkomödie konstruiert. Kommt davon, wenn man sich gleichzeitig an die gegenwärtige Generation an Damen wie auch an die im Rentenalter anbiedert – da laden Iris Berben und Friedrich von Thun wortwörtlich zum ganz großen Tennis mit Herzinfarkt ein. [...]"



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AMERICAN SNIPER - Okay, rein technisch gesehen ist das hier schon eine bessere Leistung als Eastwoods letzter, 'Jersey Boys' und sei es auch nur durch die kurzweiligere Erfüllung von Genre-Standardwerten. Aber inhaltlich...Ist doch einfach nur lächerlich, wenn sich gängigster Jingoismus hier als ambivalent verklärt, um sich letzten Endes doch ganz klar der Heroisierung von Militarismus, Schicksal und dringlicher Rache gegen undifferenzierte Feindbilder jener "Savages" zu widmen. Dieser Vaterlands-Pathos kennt dann keine Kritik mehr, höchstens Empathie mit den Heimkehrern, die aber laut diesem Film unbedingt wieder zurück wollen; nicht draus lernen, bis jede einzelne Gliedmaße abgeschossen wurde - Stärke bringt nun mal Ehre. Sehr durchschaubare Kiste.