Sonntag, 8. September 2013

Tipps vom 02.09. - 08.09.2013



DIE EISERNE ROSE - Ein frisch verliebtes Pärchen begibt sich nach einem tänzerischen Ausflug auf einem menschenleeren Bahngelände in die offenen Tore eines öffentlichen Friedhofs, frönt dort der körperlichen Liebe.

Als die Nacht jedoch hereinbricht, scheint der Friedhof ohne Ausweg - er hat sich in eine massive, labyrinth-artige Zwischenwelt verwandelt, in der unser Pärchen zwar vor Angst umherflüchtet, allerdings zwischen den gothisch-verrankten Grabsteinkreationen auch einige unerklärlich wunderbar-eindringliche Momente (zusammen mit dem Zuschauer) erlebt, auch wenn es sich ab und an heftig zankt.

Schließlich wandern die Geister der Verstorbenen in die Wahrnehmung unserer Protagonistin und verführen sie vollends in ihre spirituelle Wesensstufe, in der sie ebenso schwärmerisch herumtänzelt, wie mit ihrem Liebsten - Love on first sight, bis über den Morgengrauen hinaus. ER jedoch wurde nicht miteingeweiht und muss die harte Tour in das Totenreich aufnehmen. Geistig vereint werden sie am Ende scheinbar trotzdem.

Bei diesem Rollin-Werk schätze ich wieder mal besonders, wieviel Herzblut, Leichtlebigkeit, Stimmung und auch Kopfkino er aus einer wirklich ökonomisch konzipierten und inszenierten Grundidee herausholen kann. Dies gelingt vorallem durch eine kontrast- & detailreiche, behutsame Bildkomposition, einem auf 2 besonders starke Musikstücke konzentrierten Soundtrack, einem geradlinigen Fokus auf 2 leidenschaftliche Darsteller und einem übernatürlichen Abenteuersinn inmitten eines mysteriösen Nebel-&-Finsternis-Universums, in nur 80 Minuten Laufzeit.

Schnörkellos-unaufgeregte Phantastik-Wanderung im Bann der Nacht, mit sehnsüchtigen Zwischenstops an Rollin's Lieblingsstrand aus (fast) jedem seiner Filme - echt liebenswert :)




PAIN & GAIN - Eine dumpfbirnige Rasselbande durchgeknallter Muckibestien auf Steroide erfüllt sich im ultraschludrigen Machowahn durch unfassbar-menschenverachtende Taten den amerikanischen Traum - und verasseln sich selbst so sehr, dass man ihnen auf die Spur kommt, in einer brachialen Räudenwelt im Hochglanzlook - welche zudem auf einer wahren Begebenheit basiert.

Dieser wohl beste Film von Michael Bay seit THE ROCK sprüht nur so vor verkommener Assi-Energie, knallt einem haltlos versiffte Bilderwelten mit einem pochenden Finster-Score vor den Latz, die als diabolisches Gegenstück zum gestalterisch recht ähnlichen SPRING BREAKERS stehen.

Die "Protagonisten" spritzen und schnupfen dabei soviel und geben sich dermaßen dem ekstatisch-schäbigen Psychowahnsinn hin, dass man sich selbst vergiftet vorkommt, wie heißblütig-keimig schweißverschmiert und blutgeronnen der Film einen in seinen absurd-wilden Bann zieht (der zudem eine gute Menge krassen Humor vorweisen kann).

Das pure Chaos in Miami - die Bodybuilder-Hölle auf Erden! Exzessives Schlammwühlen im Hyperrausch! Endlose TEAM JESUS-Shirts und Koksorgien! Grenzenlos-moralfreie Abgrundshow mit Elektroschocks und gegrillten Händen!

Mein Gott, wie furchtbar unterhaltsam und intensiv anarchisch :)




BATMAN - Meine früheste Erinnerung in Sachen Film war es, diese Tim-Burton-Comicverfilmung in ganz ganz jungen Jahren bei seiner Free-TV-Premiere auf ZDF gesichtet zu haben. Seitdem stecke ich voll und ganz in der Materie drin, hab die damalige VHS zum Film gefühlte 300mal verschlungen und jede weitere (und vorherige) Zelluloid- und TV-Inkarnation des Charakters begeistert aufgesogen.

Nun hab ich mir die Blu-Ray zu diesem Schlüsselwerk besorgt und bin nach Jahren des Nolan-Universums überrascht, wie der damalige realistische Grit dieser Verfilmung hier ganz klar eine Mélange aus präfaschistischem Weimarer-Republik-Expressionismus (inkl. hebräischer Schaufensteranzeigen!) und 1930er-Hardboiled-Noir-Gangstertum alà James Cagney repräsentiert - man lernt nie aus!

Erst recht nicht in dem Sinne, wie dieses stimmig-massive Produktionsdesign und Burton's (auch thematischer) Fokus auf diese Ästhetik noch immer hervorragend funktioniert, auch wenn das Universum dieser Verfilmung zwar in den 80ern zu spielen scheint (wegen der PRINCE-Mucke, dem vom Joker unterwanderten Yuppie-Schönheitswahn, etc.), aber ganz getreu in der Vergangenheit der Vorlage verwurzelt ist, ähnlich zeitlos wirkt wie in Terry Gilliam's BRAZIL.

Der Rest ist natürlich noch immer so gut wie damals und ich werde sicherlich kein Neuland betreten, wenn ich euch erkläre warum. Batman ist Batman ist Batman. Und wenn die damalige Wild-Card Michael Keaton schon im Handumdrehen zum besten Batman überhaupt wurde, kann die jetzige Wild-Card Affleck am Ende mitunter auch nicht unbedingt schlecht dastehen. Der Charakter an sich funktioniert einfach immer noch und wird es auch für eine ganze Weile bleiben - Wiedersehen macht Freude!




DEAD SUSHI - Nach dem eher enttäuschenden ZOMBIE ASS von Noburo Iguchi war ich echt froh, dass ich bei seinem DEAD SUSHI doch wieder herzlich lachen konnte. Zur Story: Keiko's größter Traum ist es, Sushi zu machen, da sie es schon von ihrem Vater gelernt hat - doch alle stehen ihr im Weg bei dem Restaurant, in welchem sie als Kellnerin arbeitet (und wo keiner RICHTIG Sushi drauf hat!).

Aber wie in RATATOUILLE kommt schließlich unter Ägide des weisen Gärtners Sawada (ehemaliger Sushi-Chef, der jetzt panische Angst vor Messern hat, welche er später überwinden muss) ihr großer Moment und stellt den unfähigen Chefkoch vor versammelter Kundschaft (dem überheblichen Komatsu Pharmakonzern) bloß - es kommt zu Handgreiflichkeiten, doch Keiko ist zudem noch Martial-Arts-Expertin und zieht allen damit recht ulkig die Hosen runter - ein wunderbarer Spaß voll entblößender Kampf-Choreographien!

Doch viel schlimmer wird's für alle, als sich ein alter Erzfeind der Komatsu, Dr. Yamada, aus Rache einmischt und Ärger verursacht - mithilfe eines Serums, welches lebende UND tote Kraken & Sushi-Stücke zu fliegenden Killermaschinen mutiert und deren Opfer in Untote verwandelt. Nun muss sich die gesamte Truppe (sogar die hedonistischen Pharma-Oberbosse, die das Sushi am Liebsten von halbnackten Frauenkörpern goutieren) gegen die angreifenden Meereskreaturen verteidigen, die zudem mit Säure und ganz kleinen Zähnchen angreifen!

Der Film strotz Iguchi-typisch vor durchgeknallten Splattergags, schrullig-bekloppten Dialogen & Situationen (wo alles von den Figuren ultraüberdreht ausgesprochen wird, was gerade Schlimmes mit ihnen passiert), liebenswerten Charakteren (ein sprechender Sidekick-Sushi für Keiko!!!), hyperbilligen CGI-Effekten und vielen drollig-originellen Bizarro-Ideen, in einem durchweg flotten Tempo und leichtlebig-kurzweiligen Handlungsverlauf - ohne abbremsende Tragik oder tiefgreifende Dramatik, wie es sich für eine haltlos-vergnügliche J-Horror-Komödie gehört.

Sushi mag zwar nicht mein Leibgericht sein, aber diesen Film ♥ ich. (Mal nebenbei: Filme, in denen genussvoll und oft gegessen wird, mag ich irgendwie generell sehr gerne - wahrscheinlich weil es im echten Leben auch soviel Spaß macht^^)




CHRISTINE - Carpenter erzählt eine magisch-makabre, Faust-ige Jugendfabel von den bösen Verführungen eines missanthropisch-diabolischen Höllenautos und der unsterblichen Macht des Rock'n'Rolls, schlägt dabei sogar eine rahmenbildende, autobiographische Brücke.

Angefangen bei "Christine's" Geburt in einer Detroiter Autofabrik Ende der 50er zu den Tönen von "Bad to the Bone" (in ihrem Autoradio laufen sowieso durchweg Rock'n'Roll-Oldies, die ihre Stimmung widerspiegeln), chronologisiert er ihren Werdegang 20 Jahre später (1978 - das Jahr von Carpenter's Durchbruch HALLOWEEN) in Kalifornien - wo sie von hormonverdröhnten High-School-Archetypen und Social-Outcasts aufgelesen wird, die sich durchweg mit Stephen-King-etablierten Greuelfiguren rumschlagen müssen (deren Anführer 1:1 John Travolta's Figur in CARRIE nachempfunden ist) und allmählich mithilfe der (höchst eifersüchtigen) Verführerin Christine eine mörderisch-selbstzerstörerische Mutation erleben - bis hin zum infernalischen Showdown, wo der endgütlige Exorzismus gegen die Teufelskarre versucht wird, der nur scheinbar gelingt: in den letzten Momenten des Films zuckt der zusammengewürfelte Schrotthaufen, der mal Christine war, nochmal auf und "Bad to the Bone" übernimmt bis über den Abspann hinweg die Tonspur - ROCK'N'ROLL WILL NEVER DIE!

Ein stimmig-gewitzt aufgebauter, übernatürlicher Thriller über dämonische & sexuelle Obsessionen, Rachegelüste und persönlichkeitsverzerrende Verführungen. Teen-Angst trifft auf satanisch-perfiden Bopper-Autokult - eine nachgeholte Überspitzung der "Rock'n'Roll ist der Teufel!"-Entrüstungen der 1950er, die den nerdigen Schwächling zum Rebell, Frauenheld und Killer macht, durch das Ventil "50's-Nostalgia", verpackt in einem Genre-bedienenden, unverwechselbar-Carpenter-stilisierten, Horrorfilm.

Er hommagiert dabei (nicht nur mit seiner herrlich altmodischen Autokino-Szene) eindeutig Filme wie "I WAS A TEENAGE WEREWOLF" und auch "REEFER MADNESS", die den konservativen Zuschauern eine moralische Agenda vorgaukelten und dem Teen-Zielpublikum ihre spaßige Eskapismus-Emanzipation vom Elternhaus in Zelluloid-Verrücktheiten ansprachen (was in den 80ern auch schon bei FREITAG, DER 13. großen Erfolg hatte).

Hat mir sehr gefallen und wirkte auch gut katharsisch, bis der verführte Arnie es natürlich übertreibt und seine gutherzigen Buddies dem Wahn ein Ende setzen müssen - wissend, dass der durchschlagend-befreiende Rebel-Geist der Rock'n'Roll-Karre irgendwann wiederkommen wird - ein klares Statement von Carpenter, dass er sich nach seinem finanziellen Flop von DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT nicht unterkriegen lassen wollte, bewies er doch mit diesem Werk (das zudem durchweg seine, seit den 70ern, Genre-definierende Handschrift trägt und nochmals showcased), dass er es noch immer drauf hatte, auch wenn man seiner Power Steine in den Weg legen wollte.

Rock on, buddy!




GUDRUN - Zweiter Weltkrieg: Die junge Gudrun wird von ihrer Mutter zur Oma aufs fränkische Land geschickt, weil sie wieder (bei der SS) arbeiten geht (und der Vater an der Ostfront kämpft).

Zwar hat Gudrun auf dem Dorf ihren Kumpel Fritz, doch der kriegt von den Nazi-Schergen im Dorf böse Blicke zugesteckt, weil sein Pfarrer-Vater gegen den Krieg predigt. Als dann noch Gudrun's Vater desertiert und vor ihrer Haustür aufkreuzt, sie das zudem ihrem engen Freund Fritz erzählt, spitzt sich die Lage erheblich zu. Denn Fritz will in die HJ aufgenommen werden und kann deshalb ein ganz bestimmtes Geheimnis nicht für sich behalten.

Was zunächst als sommerlich-ruhige, historische Jugendstudie im heimatlichen Ambiente anfängt (wo Gudrun auch mal verträumt mit der Oma herumtänzelt und Bratwürste isst), weicht allmählich konsequent-bitter einem ausweglos-naturalistischem Drama, welches aber trotz charakterlicher Intensitäten kaum in pathetische Sentimentalität verfällt, wie der Rest des Films stets methodisch (aber auch ab und an schwül-expressiv) voranschreitet.

Der Frieden im Lande trügt, Nazis kennen kein Erbarmen, die unschuldige Jugend wird von der bitteren Realität überrannt und erlebt ein verstört-zersetzendes Erwachsenwerden.

Solche Art von Filmen und ähnliche Geschichten kennt man ja inzwischen zuhauf, aber minder wirkungsvoll werden sie trotzdem nicht.




SPEED RACER - Ultra-cartoonhaft-artifizieller und herzlich-spaßiger Bubblegum-Abenteuer-Quatsch mit 100%-iger Hingabe zum poppigen Stil der Vorlage (als Anime-Realverfilmung ähnlich campy wie LUPIN III: STRANGE PSYCHOKINETIC STRATEGY).

Leider auch eindeutig zu lang, ab und an abbremsend angstig, aber auch zu Unrecht allgemein verschmäht, besitzt er doch eine gute Menge PIXAR-artigen Emotionszauber (der Vergleich ist gar nicht mal so abwegig, bei der durchgehenden CGI-Präsenz des Films und dem Michael Giacchino-Score). Ausserdem ist das finale Rennen ein wahrer, energetischer Hingucker :)




BOOMER - ÜBERFALL AUF HOLLYWOOD - Beverly Hills in den frühen 90ern - Boomer Hays (Ken Wahl), Footballstar mit einem Herz aus Gold und Proll-Frisur alà Chance Boudreaux, will in dieser Nacht einfach nur zum Schuss kommen. Doch ein paar Ganoven (unter Leitung des ewigen Charakterdarstellers Robert Davi, welcher um die selbe Frau wie Boomer buhlt) inszenieren nebenbei einen toxischen Unfall, um alle Einwohner zu evakuieren und deren Vermögen einzukassieren.

Das gefällt unserem Boomer nicht, erst recht nicht als die Bösen ihn mit einem Tank zerboomen wollen und so boomt er, in seiner bleihaltigen Odyssee durch den abgeriegelten Kristall-Dschungel der Hills mithilfe eines echten Cops, dem Gesindel mit voller Power die Eier weg - Stirb Langsam lässt WIEDER MAL als konzeptioneller Pate grüßen.

Dauert zwar knapp 30 (von 95) Minuten, bis sich das Geschehen tatsächlich entfesselt, aber dann knallt der Film kontinuierlich ordentlich und kann sogar eine explosive Gauner-Verspielheit mit Pop-Soundtrack (inkl. FAITH NO MORE's "EPIC"!!!!) vorzeigen, die ideal die damalige Kultivierung des hip-kapitalistischen Börsenwesens in der US-Wirtschaft durch selbstverliebt-rücksichtslose Investitionsgenies, ähnlich wie in Olli Stone's WALL STREET, widerspiegelt - hier auf einem betonierten Schlachtfeld stattfindet.

Wirft sogar einen ganzen Katalog an Football-Anspielungen als Catchphrases für den naiv-unbedarften Muskelhühnen Boomer in den Raum - welcher im Auftrag des aufrichtig-gutherzig-athletischen Jugendtums zunächst unbeholfen, dann aber geradezu übermenschlich/erfrischend-anarchisch mit Molotov-Cocktails, geklauten Ninja-Wurfsternen und Metalriffs die Ego-Verbrechen der Upper-Class-Gangster vereiteln und seine holde (vollends schlagfertige) Dame aus den Klauen des Davi's befreien will, weil er vor ihr noch nie so eine "adult relationship" hatte - die Action-Eskapismus-Variante eines John Hughes-Coming-of-Age-Abenteuers? "Ferris macht boom", mit einer Jock vs. Dark-Loser-Dualität alà "Breakfast Club"? Im Grunde...ja!




STILLES LICHT - Behutsam-leichtlebige und bildgewaltig-hypnotische Lebens-&-Leidensstudie, die ihre beidsam starken Pole des Glücks und der Verbitterung in durchgehender Ruhe, durch weite Felder im Bann der Natur streifend, in Gemeinsam- & Einsamkeit und im Dialog der Generationen findet.

Ein im besten Sinne christlich-menschlicher, aber auch naturalistisch-sinnlicher Film, welcher in seiner feinfühligen Greifbarkeit des Geistes und seiner Tiefen eine cineastisch-essenzielle Stärke darstellt, die beeindruckend kompromisslos und geradlinig gefühlsbetont wirkt.

Mein einziges Problem: *SPOILER* Das Ende ist quasi dasselbe wie bei Dreyer's DAS WORT (wobei man debattieren könnte, ob die Mutter hier nur spirituell/metaphysisch bei ihren Liebsten weiterlebt) - diese streng offensichtliche Referenz ist zwar hier in einem anderen Kontext gesetzt (die ausgleichende Gerechtigkeit & Vergebung des rahmenbildenden Universums, bei Dreyer wurde den Figuren damit ja eher eine Lektion erteilt), wirkte für mich aber allzu ablenkend. *SPOILER ENDE* 

Jetzt, wo wir das vom Tisch haben: wo bleibt "Post Tenebras Lux" vomselben Regisseur?




LETZTES JAHR IN MARIENBAD - Ich war heute das erste Mal im Marienbad zu Besuch, hatte vorher schon von seiner cineastischen Rauschstärke gehört und deshalb auch gleich ein Carlsberg für die Besichtigung mitgebracht. Schnell wurde mir klar, dass ich als Beobachter zu Gast in dem mir bekannten Schlussbild von THE SHINING war, zusammen mit all den anderen ruhelosen Seelen, die nach dem CARNIVAL OF SOULS hierher fanden, wo ich in einem metaphysischen Zyklus herumgeführt wurde, welcher zwischen mehreren Vergangenheits-Ebenen schwebte.

Die gesamte Observation dieser verloren-losgelösten, doch ziellos-eingezwängten Wirrwelt der Konventionen & Erinnerungen war mir mit ca. 90 Minuten Laufzeit etwas redundant, dennoch in seiner besessen-zersetzenden, sehnsuchtsvollen Raum- und Zeitbrechung, begleitet von der eklig-aufdringlichsten Orgel der (Geister-)Welt, einigermaßen durchweg faszinierend.

Ich habe schon oft vernommen, dass viele hier das Marienbad zu einem ihrer Lieblingsreiseorte erkoren haben. Eine durchaus sinnesoffensiv-abverlangende und makaber-unheilvolle Wahl, dieses bittere Gruselkabinett unterdrückender Mondänität...ich werde meine cineastische Kur aber wohl erstmal noch vornehmlich an herzlicheren Orten, wie z.B. dem naturalistisch-sinneserweiternden Ambient-Zelluloidrussland alà Tarkovsky oder Mikhalkov verbringen - aber ich bin sicher, liebe Mit-Cineasten, auf Reisen trifft man sich immer wieder :)

Sonntag, 1. September 2013

Tipps vom 26.08. - 01.09.2013

 

DRUG WAR - (GESICHTET AUF DEM FANTASY FILMFEST IN HAMBURG)
Methodischer Drogenthriller von Johnnie To, der in seiner Gesamtwirkung das Geschäft mit Drogen fast schon belehrend verteufeln will - "...UND DIE MORAL VON DER GESCHICHT..." - setzt dazu teils drastische Bilder ein (im Körper geschmuggelte Waren entleeren, etc.) und lässt einen Kugelhagel auf die Charaktere einregnen, von dem kaum einer verschont bleibt.

Beweist wiederum dennoch sehr viel Humor und auch eine gute Menge Herz für dieses Ensemble der Kriminalität & Justiz. Die packende Emotionalität eines EXILED kann DRUG WAR leider nicht erreichen, dafür ist der Film zu straight-forward und rasant am Werk - doch dafür gewohnt richtig hochwertig inszeniert, schön stimmig ausgespielt und von tollen Schauspielern dargeboten, mit einem treibenden Soundtrack versehen und natürlich auch recht fies (vorallem im letzten Drittel).

Stilsicher, kompromisslos und durchweg unterhaltsam - Vielfilmer To hat erneut eine kleine Meisterleistung hingelegt. Seine Filme sollten ruhig öfter mal auf der großen Leinwand zu sehen sein.




SHOOT 'EM UP - Mit vollem Karacho in die ab-18-Sektion von Toon-Town.

Clive Owen als Hardboiled-Bugs-Bunny in einer reißerisch-pulpigen Baller-Odyssee durch ein anarchisches, rasant-überzeichnetes Crime-Universum, dass in seiner surrealen Verspieltheit, artifizieller Blutschmodderei und Faux-Kernigkeit eine bunt-ulkige Achterbahnfahrt durch die Eskapismus-Männerfantasien des Actionfilms darstellt.

Ein durchgeknallter, hyperstupidisierter Rock'n'Roll-Meta-Movie, erbaut auf dem Testosteron eines explosiv-stilverliebten Clowns, mit Anleihen an ARIZONA JUNIOR, dem Heroic-Bloodshed-Genre & den LOONEY TUNES.

Extrem kurzweilige Comic-Toughness, die sich von Anfang bis Ende ins Hirn pumpt und es aufbläst wie Mutanten-Steroide, für ekstatisch-zackige 86 Minuten. Meine cinephilen Lustzentren sind sowas von hell erleuchtet :)




LONE RANGER - Oh, war doch sehr positiv überrascht vom LONE RANGER, von dem ich ja im Vornherein nur wenig Gutes vernommen hatte. Und ja, der Ulk macht wirklich nur was für Kiddies her, zieht einen neben einiger misslungener CGI-Effekte einige Male ruppig aus dem Geschehen heraus (allen voran die bestialischen Pixel-Karninchen) - Charaktere & Plot bleiben auch einigermaßen schablonenhaft und meist lediglich Plot-dienlich, auf jeden Fall leicht verständlich für alle Altersklassen.

ABER Lone Ranger ist für einen Familienfilm nicht nur ausserordentlich drastisch-naturalistisch brutal, bizarr und von einer unheilvollen Stimmung beherrscht - er ist zudem noch eine schmerzhafte, herzbrechende Abrechnung mit dem Genozid an den Ureinwohnern Amerikas durch abgrundtief-eklige Silberfanatiker und Südstaatensoldaten, welche in dieser Form wohl schon seit Langem nicht mehr so hautnah und kraftvoll vermittelt wurde, erst recht nicht in (vermeintlichen) Blockbusterstreifen wie diesem.

Umso mehr freut man sich dann, wenn Tonto für sein geschlachtetes Volk mit Hilfe des Rangers zurückschlägt und ein akrobatisch-gewitztes Train-Chase-Finale entfesselt, dass in seiner Greenscreen-Künstlichkeit zwar kaum mit den Kunststücken eines Buster Keaton & seines "Generals" mithalten kann, dafür aber eine zelebröse Katharsis gegen die xenophob-fatale Finsternis unter dem Gebrüll der Wilhelm-Tell-Overtüre abliefert, die beinahe so befreiend und verspielt wirkt wie die besten Momente vom anderen großen Revisionismus-Western diesen Jahres, DJANGO UNCHAINED.

Nebenbei liefert Gore Verbinski auch sowieso einen stilsicheren, klassischen und recht harten Western ab - mit malerischen Canyon-Panoramen, Morricone-artigen Wehmuts-Score, Saloons, Banditen, Eisenbahn-Hype, korrupten Unternehmern, Indianerweisheiten und Flashback-Strukturen, die ohne Zweifel an Leone's SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD (Tonto's Origin-Story) und ES WAR EINMAL IN AMERIKA (die Rahmenhandlung vom alten Tonto, der einem kleinen Jungen von seinen Abenteuern erzählt) angelehnt sind.

Und letztendlich ist LONE RANGER dann auch ein Genre-Mix wie der von Leone "produzierte" MEIN NAME IST NOBODY, der ultimative Blödelwestern mit einem großen Herz für alternde Revolverhelden, wenn auch nicht ganz so stimmig wie dort gelungen. Wäre der Humor beim LONE RANGER allerdings gar nicht mehr vorhanden, müsste ich zurecht bezweifeln, dass er dann noch immer eine FSK-12-Freigabe tragen dürfte.

Jedenfalls habe ich in einem so mit Kindern und Eltern angefüllten Publikum noch nie derartig oft "Augen zu!" gehört. Aber damit lassen diese Eltern ihren Kindern die intensive Härte der fiesen Widersacher und entsetzlich-bitteren Menschenverluste verpassen, die gerade erst das eindringliche Herzstück des Films offenlegen und den Grund für den Gerechtigkeitssinn des LONE RANGER darstellen.

Wer keine Mami zum Augenverdecken mehr braucht und über den bisweilen infantilen Humor hinwegsehen kann (muss), sollte dieses starke Stück modernen Westernkinos nicht verpassen!




THE ROCKETEER - Ganz klassisches Superhelden-Kino (mit einem starken, lukendichten Drehbuch) voller 1940's Charme, einem gehörigen Sinn für gerechte Abenteuer, aufreizenden Damen (Jennifer Connelly, *schwärm*), spitzfingrigen Bösebuben (Timothy Dalton) und saftiger Filmmagie!




A BAND CALLED DEATH - Eine Dokumentation über die erste Punk-Band der Welt, aus Detroit. Wie SEARCHING FOR SUGAR MAN, nur weit christlicher (!) UND loud as hell :)




REDEMPTION - Der Titel hält, was er verspricht. Nur dass Jason Statham in diesem Regiedebüt von Steven Knight, einem ganz ordentlichen Charakterdrama & Milieustudie, weniger auf seine Muckis, als auf seinem emotionalen Schauwert als gepeinigter Ex-Soldat/Jetzt-Säufer, im Teufelskreis der Kriminalität, setzen muss.

Brutalitäten werden zwar schon ausgetauscht, setzen aber eine eher verstörende Note - addieren sich konsequent zur Pein des Protagonisten, der eigentlich genug vom Verletzen seiner Mitmenschen hat - und stehen gekonnt im Kontrast zur Coolness der gewohnten Statham-Gewaltzelebrationen.

Hat der deutsche Verleih UNIVERSUM den Film deshalb sofort ins Heimkino verbannt? Denkt man, das Zielpublikum würde den Crank-Star nicht als gebrochenen Riesen sehen wollen, der für seine Taten im Krieg Buße tut und Vergebung bei einer jungen Nonne sucht - während er sein Geld auf der Straße mit Geldeintreiberjobs und Menschenhandel verdienen muss, um damit Unrecht zu bekämpfen?

Nun ja, wer dennoch ein Herz für in-den-Abgrund-blickende, britische Gangsterdramen hat, wo die harten Burschen auch mal ein paar Tränen wegdrücken müssen, sollte auf jeden Fall mal reinschauen.

Sonntag, 25. August 2013

Tipps vom 19.08. - 25.08.2013



UPSTREAM COLOR - (GESICHTET AUF DEM FANTASY FILMFEST IN HAMBURG)
Ganz toller Film. 9 Jahre nach PRIMER hat sich der Shane Carruth zu Herzen genommen, seine Geschichte hier etwas verständlicher zu gestalten - was aber nicht heißt, dass sie nicht abstrakt wäre - da gibt er einem immer doch noch genug zum Entschlüsseln.

Lässt aber jetzt weit mehr den Bildern und der Atmo freien Lauf und erzeugt eine permanent rauschhafte, enigmatische Stimmung, u.a. auch mit Hilfe einiger recht verstörender Bilder, dem ultrasphärischen Ambient-Score, eindringlich-intimster Kamera, virtuosen Schnittmustern und naturalistischen Darstellern.

Erschafft dabei Bilderwelten und spirituelle Ebenen, die durchaus mit dem Besten von Malick konkurrieren können - ein gefühlsbetontes Sinnespuzzle, dass sich in die Synapsen einnistet und Paraleelwege in Hirn und Herz freischaltet. So stark!




THE CONGRESS - (GESICHTET AUF DEM FANTASY FILMFEST IN HAMBURG)
Ari Folman's Passionsprojekt und Nachfolger zu WALTZ WITH BASHIR verfällt nur fast den Verführungen des "größeren Budgets" und "mehr kreativer Freiheit", die schon so vielen anderen "One-Hit-Wondern" und deren Zweitarbeiten zuviel Pump und wenig Substanz gaben (jüngstes Beispiel: Neill Blomkamp's ELYSIUM).

Auch wenn er hier für sich erstmals Realszenen mit Animationssequenzen vermengt und sein Charakteruniversum recht üppig ausstattet, bleibt der Kern, das Herz der Erzählung im Vordergrund, auch wenn das leicht zerfahren-experimentelle Animationssegment etwas gewöhnungsbedürftig ständig neue Elemente einwirft - für den emotional packenden Payoff im letzten Akt des Films hat es sich dann doch alles gelohnt.

Zudem liefert er wie zuletzt HOLY MOTORS (nur eben weit indiskreter, mit einigen allzu aufdringlichen Insider-Gags) eine recht pessimistische Beobachtung und Aussicht zur Lage des Kinos und des Lebens an sich, anhand des zynischen Schönheitswahns und Realitäts-verdrängenden Egomanien, dessen Opfer Protagonistin Robin Wright mit zunehmendem Alter wird. Viel wichtiger ist im Fokus des Films allerdings ihre Liebe zu ihrem Sohn Aaron, dem statt der Schönheit die Sinne schwinden und für den sie alle Perversitäten der spaßgesellschaftlichen Dystopie auf sich nimmt, um seine Persönlichkeit aufscheinen zu lassen - in einer jahrzehntelangen Odyssee, in der sie sich aus der halluzinogenen Cartoon-Welt auf der Suche nach ihm in die reale Tristesse zurückbegeben muss/will.

Eigensinnig, innerlich feinfühlig und von aussen hin total verkünstelt. Folman wirft alles, was er für diese Stanislaw-Lem-Adaption zu bieten hat, auf die Leinwand und gottseidank bleibt genug kleben, um dem Zuschauer am Ende eine wohlig-melodramatisch-charakterstarke Katharsis zu verpassen, trotz einigen ablenkenden Mindfuck-Abstechern. Im Endeffekt doch richtig schön :)




STONE COLD - 100% Bescheuert, 100% "Cool", 100% Non-Stop-90's-Action-&-Sprüche-&-Metalmucke (wo jedes Vehikel eine Bombe unter der Haube zu haben scheint), 100% Brian Bosworth, 100% (teils pathetische) Macho-Räuden-Biker PLUS Boobs = 1000% STONE COLD! (Die Rechnung geht auf, oder?)

Schon lange nicht mehr eine so dermaßen scheußlich-übertrieben-unterhaltsame Farce von Männerfilm gesehen, über starrköpfig-dummdreiste Machtkämpfe im Outlaw-Rocker-Milieu inkl. einem überlässigen, selbstverliebten und surreal robusten Undercover-Cop-Hero-Proll.

Der absolute, haltlose Ultraviolence-Testosteron-Wahnsinn, GEFÄHRLICHE BRANDUNG 2daXtreme, nur in den 90ern möglich gewesen und unfassbar spaßig/assig :) Allein was im Finale des Films abgeht, würde heute gefühlte 100 Mio. $ kosten, komplett in CGI gestaltet sein und erst recht nicht so erfrischend grenzenlos & orgiastisch-frech wirken.

Wunderbar gedankenlose Proleten-Kloppe aus dem cineastischen Bad-Boy-Kinderzimmer.




ACTION JACKSON - Ich hatte ständig das Gefühl, ACTION JACKSON würde jeden Moment aus dem Bildschirm rausspringen (ggnf. am Steuer seines Caddilacs) und mir mit Gebrüll die Fresse plattkloppen.

Dass der gute Carl Weathers sich überhaupt in sein Sakko-mit-Krawatte reinzwängen konnte, war ja schon ein Wunder (und wich alsbald einer bequemeren Lederjacke). An die Gesetze (der Justiz, sowie Zeit und Raum) muss er sich als durchgeknalltester Hau-Drauf-Bulle aller Zeiten ja auch nicht halten.

DIRTY HARRY als ultrapotent-verschwitzter, blaxploitätiger Rübenquetscher und Karrenkiller - da kann man sich ja als Gangster nur vor Angst in die Hosen scheißen...oder rapide ausbluten.

Ein bestialisch-neonfarbenes Popel-Krimi-Pandemonium voller Feuerbälle, 80er-Charakterdarsteller, willigen Nightclub-Damen, Heroin-Etuis, Legal-Kills und spritzigen Ballerorgien inmitten des semi-apokalyptischen, Block-Party'eskem Detroit. In den Hauptrollen: Dicke Muckis, enge Jeans, BUMM! und Megafäuste!

Die totale Dröhnung dementes Schwarzpulver!




DARK ANGEL / I COME IN PEACE - Ein Cannon-on-the-Loose-Cop mit Giganto-Appartement und jüngst verstorbenem Partner (welcher allzu schnell von einem By-the-Book-Schlaffi ersetzt wird), sein wütender Chief, Neon-Nächte in L.A. zur Weihnachtszeit, Disco-Stripbars, Al Leong und ein treibender Jan-Hammer-Digitalsynthrock-Score - aufgepeppt wird die 80's-Crime-Actioner-Formel hier allerdings von 2 CD-schießenden Aliens - eins gut, das Andere böse (Matthias Hues).

Genre-Routinier Craig R. Baxley kopiert, auf der Spurensuche nach den intergalaktischen Missetätern, bei seinem One-Liner-erprobten Überkommissar Kane (Dolph Lundgren) nicht nur Kameraeinstellungen (wie er Monolith-artig auf seine unfähigen Kollegen niederblickt) 1:1 von seinem vorangegangenen ACTION JACKSON. Als muskelreicher Krawall-Bulle hat Lundgren aber auch wie dort genug explosive Reibereien zu überstehen, die ihn vor Frustration aus der Haut platzen lassen.

Denn neben normaler Macho-Action des essenziellen Schwarzenegger-Jahrzehnts tritt er zudem bizarr-hibbeligen Labortypen, mit Hassliebe erfüllten Ex-Girlfriend-Pathologinnen, Robocop-igen CEO-Mafiosis und ausserirdischer Blutsauger-Technologie entgegen. Erhält dann aber auch zum Dank das obligatorische Standbild-Ende inkl. enthusiastischer Quasi-SURVIVOR-Mucke, Weib & Kollege im Arm und einem Lächeln in seinem dreckig-verschwitzten Gesicht, während sie alle von einer in die Luft gejagten Lagerhalle davonhumpeln - classic stuff.

Die Mischung funktioniert ungefähr so stimmig wie die ähnlichen, zeitnahen Genre-Mash-Ups THE HIDDEN oder DEAD HEAT, macht aber in seiner klischeebehafteten Geradlinigkeit und überdrehten Comic-Mentalität (wieder mal mit 2 Dutzend explodierenden Autos), verbunden mit einigen zynischen "hardboiled" Beleidigungen-&-Kitsch-Dialogen, dann doch ordentlich Spaß - auf die pappige NeonGrit-ToughGuy-Art, im Geiste von NUR 48 STUNDEN, DER TERMINATOR und Albert Pyun. Zwischen ACTION JACKSON und STONE COLD aber doch der etwas zu bodenständige Reagan-Ära-Lawman-Reißer Craig R. Baxley's, trotz exotischem Sci-Fi-Einschlag.




PREMIUM RUSH - Hier geht's ab wie bei einer Pinball-Machine: zieht man einmal an und lässt die Kugel durchzischen, hört die Energie nimmer auf. Fällt sie einmal ins Loch, ist die nächste Bullet schon startbereit.

Ein scharfgeschliffen-kinetisches Bike-Chase-Abenteuer - zudem eine extrem bodenständige SONIC THE HEDGEHOG-Adaption - mit einem ultramotivierten JGL als unbremsbaren BMX-Hero und Michael Shannon als überdrillten, raffzahnigen Douchebag-Bullen, der ihm auf den Fersen [sein möchte].

"Shit, that's the most fun I ever had, with clothes on!"
Schicke Eckdaten für diesen frech-frischen Actionspaß - hätte an den Kinokassen durchaus mehr Beachtung verdient gehabt. Mehr BIKE geht nicht!




DIE MÄDCHEN VON ROCHEFORT - Sehr schön gestaltetes Musical von Jacques Demy. Im Vergleich zum geistigen Vorgänger DIE REGENSCHIRME VON CHERBOURG muss ich aber leider ein paar Abstriche ziehen:

Der Mikrokosmos der Charaktere ist hier deutlich erweitert worden und verführt den Film in eine Überlänge mit vielen Wendungen, Verknotungen und Drehungen (und vielen schönen Tanz- und Sangnummern), lässt aber die konzentrierte, schöne Schlichtheit der weitaus intimeren CHERBOURG-Erzählung vermissen - so dass auch deren emotionaler Impact hier leider nicht erreicht werden kann (wenn er denn hier überhaupt bewusst versucht wurde), auch weil die Stimmung eigentlich konstant gutgelaunt bis maximal sehnsüchtig bleibt, keine allzu realen Seelentiefen erforscht werden (selbst ein brutaler Mord und dessen Täter werden hier bewusst realitätsfern harmlos behandelt).

Versöhnen kann man sich dann aber mit der gewohnt hochwertigen Inszenierung und der durchgehenden Musikalität des Ganzen (selbst die Dialoge sind vollends in rythmischen Reimen verfasst), die nun im formatfüllenden Cinemascope sogar mit eindrucksvollen Tanzchoreographien geschmückt wurden. Wie passend, dass sodann die Musicallegende Gene Kelly eine größere Rolle im Film einnimmt und zu dessen absoluten Highlights gezählt werden darf - soviel Charisma, Souveränität und Romantik ausstrahlend, dass es einem das Herz erweicht.

Im Endeffekt fand ich den Film stimmig konstruiert und angenehm lebensfroh, allerdings auch so vollgepackt mit voll ausgespielter konstanter Brillianz, dass mir dann doch der pure eindringlich-emotionale Kern dieses Universums etwas verwehrt blieb. Empfehlenswert ist er dennoch auf jeden Fall!




NEW WORLD - (GESICHTET AUF DEM FANTASY FILMFEST IN HAMBURG)
Hoon-jung Park hat ein ganz solides Crimethriller-Drama quasi im Sitzen inszeniert. Fast alles, was im Film passiert, wird durch Dialoge von feingekleideten Gangster-Herren und zwielichtigen Bullen geregelt - immer gemütlich entweder im Auto, im Flugzeug, im Konferenzraum, in einer vergammelten Lagerhalle, in einer Hochhaus-Baustelle, im Knast: es wird sich mit dem Arsch hingepflanzt - und als Zuschauer sollte man sich auch einen gemütlichen Kinositz aussuchen, dass man sich so richtig schön in die Meuchel-Clique einleben kann.

Denn toll ist, dass die Charaktere und ihre gewitzt-ruppigen Besprechungen (sympathischer Vorreiter hierbei: der Triadenmacker JUNG) so gut kurzweilig, charmant und auch plot-vorantreibend gestaltet sind, dass man sich geradezu entspannen kann - man erlebt das Business hautnah unaufgeregt mit und die erste Stunde Film verläuft ganz geschmeidig. Doch dann, sobald die Mannschaft aus den Sitzen aufsteht, geht's zur Sache - dann ist blutiger Zahltag und der Film verdient seine 18er-Freigabe im Handumdrehen, inkl. schön dramatischer Wendungen.

Dass NEW WORLD dennoch nicht allzu spannend daherkommt, die Inszenierung an sich nach reiner Routine aussieht und man so ziemlich jeden Plotpoint schon aus DER PATE (oder auch INTERNAL AFFAIRS/DEPARTED) kennt, trübt das Vergnügen ein bisschen (neben den schlicht unterentwickelten Frauenfiguren - gerademal 2 Stück - ein echtes Würstchenfest wieder mal), doch ist er an sich mit seiner Sitzen-&-Aufstehen-Struktur dennoch ausreichend effektiv und sieht durchweg elegant und hochwertig aus - hält einen erst recht bei der Stange dank seinem Ensemble und dessen komplexen Anfeindungen & Intrigen. Recht gut, aber auch mit spürbarer Überlänge (die sinnfreie Sequenz vor dem Abspann z.B. hätte man sich sparen können).




METEOR MAN - Ganz naive, niedliche Eskapismusfantasie für die Black-Community - der aufrichtige Lehrer und gemütliche Homeboy Jefferson Reed wird durch einen Meteor aus dem All zum Superhelden seines von Gang-Gewalt geplagten Viertels und sorgt nach einigen Startschwierigkeiten für Gerechtigkeit - schließt Crackhäuser, macht aus Schrottplätzen Gratis-Gemüse, etc. - doch die bösen Golden Lions (und Frank Gorschin) wollen ihn tot sehen & verüben sogar recht drastische, stilechte Drive-by-Shootings alà BOYZ N THE HOOD, werden zu seiner größten Herausforderung, während seine Kräfte sogar langsam schwinden und sich seine Mitbürger vor Furcht gegen ihn entscheiden wollen, um ihre Nachbarschaft zu retten.

Der Film schwankt zwar nicht vollkommen stimmig zwischen harmloser Komödie, aufrichtigem Humanismus, krassem Ghetto-Crime-Drama und kindergerechtem Camp hin und her. Durchgehend präsent ist aber die Sympathie für den tollpatschigen, doch herzlichen Protagonisten, dessen Wandlung vom zurückhaltenden Feigling zum Aufopferungs-willigen Befreiungskämpfer recht nett gestaltet wurde - auch wenn die propagierte Spießigkeit/Sauberkeit dieser Märchengeschichte für erfahrene Zuschauer wohl schon etwas zu kitschig wirken dürfte (obwohl der Film teilweise doch seine "Härten" besitzt: Leute werden abgeknallt, Hunde geplättet, es wird sich blutig gekloppt).

Es ist nunmal ein waschechter Superman-Film, der besonders Afro-amerikanische Familien ansprechen sollte - und funktioniert an sich natürlich recht gut, auch wenn er etwas bieder ist - das Herz sitzt am rechten Fleck und unterhält ganz ordentlich. Zusätzlich kann man neben dem John-Williams-Imitat-Score auch ein paar schön typische 90er Jahre-Pop-Auswüchse auf dem Soundtrack hören - ein kleines Mekka für Nostalgiker.

Komischerweise fehlt dem Ende des Films noch ein ordentlicher Epilog, endet er doch auf einem zu vorgezogenen Standbild - laut imdb existiert dieser sogar, veröffentlicht wurde er aber (noch) nicht. So oder so, kein Grund sich den METEOR MAN nicht anzusehen, der ist doch ein ganz Netter :)




DIE HERRIN VON ATLANTIS - Mystischer Abenteuerfilm von G.W. Pabst, in welchem der Legionär Lt. Saint-Avit in Afrika auf der Suche nach seinem Freund Morange in eine Unterwelt unter dem Wüstenboden, Atlantis, hineingesogen wird - bevölkert von maskierten Wärtern, stummen Tänzerinnen und einigen gefangenen, karikaturhaften Europäern. Dort herrscht die betörende Antinea, die sich ihre Männer aussucht und mit dem Gift ihrer Liebe langsam in den Tod führt (versprüht dabei eine gehörige Portion Erotik, verbunden mit einem vergnüglichen Revue-Flashback ihrer weltlichen "Ursprünge").

Diese Welt wird dank der ausgezeichneten Kameraarbeit, den aufwändigen Kulissen und dem ganz behutsamen Schnitt so einvernehmend greifbar und dennoch unerklärlich vermittelt (da der Plot nur wenig Erklärung bereithält), dass man den Zerfall Saint-Avit's Psyche innerhalb der stimmungsvoll-ausgeleuchteten Katakomben und in den endlosen Wüsten (bis hin zu einer katharsischen Oasis-Vision) recht schön und traumhaft beobachten kann.

Eine surreale Trance, die ihn und Morange fast vollkommen geistesabwesend zurücklässt - war es wirklich geschehen oder erlagen sie bittersüßen Fieberträumen? Saint-Avit jedenfalls kommt aus dieser (Traum-)Welt nicht mehr zurück und bleibt im undurchdringbaren Sandmeer für immer und ewig verschollen, gefangen in Antinea's Bann.

Eine Schande, dass diese atmosphärische Erkundung der Unterwelt und des Unterbewusstseins (mit möglichen Anleihen an H.P. Lovecraft), sowie ein Abgesang auf den Kolonialismus durch G.W. Pabst, weder auf DVD noch auf BLU-RAY, lediglich auf einer alten US-VHS erhältlich ist.




BUMERANG BUMERANG - Anfangs anarchische Entführungsfarce von Geissendörfer, der eigentlich seiner Filmographie nach zu urteilen kaum für Komödien geeignet scheint, hier aber seine 80er-Jahre Dirty-Alltag-Ästhetik-&-Jugendproblematik von EDITH'S TAGEBUCH recht natürlich in das perfid-naive Juvenile-Lustspiel einsetzt (das nach Hanns Martin Schleyer und der zweiten RAF-Generation wohl bestimmt noch nicht p.c. war). Und dabei auch mit Kitsch, ähnlich seiner damals noch einigermaßen frischen Erfindung LINDENSTRASSE, nicht zurückhält (selbst in seiner tendenziös linken Haltung zur Politik) - welcher aber im stetigen Verlauf den "realistischen" Auswirkungen des Verbrechens weicht, konsequent ins Drama abdriftet.

Dazu gibt's nicht nur erquickend-schmalspurganoverisch/romantisch-naturalistisches Schauspiel von den noch sehr jungen Katja Studt und Jürgen Vogel, sondern auch wunderbar käsige ZDF-Synth-Klamaukmucke, Provinzkaff-Kulissen in Morgentau & maximal bläulichem Tageslicht (dank der MAZ-Qualität der Kinowelt-DVD), NDW-Klamotten und James-Bond-Anspielungen.

Diese Sachen sind aber nur die Grundlage für eine Handlung, die sich von einer frechen Komödie in ein fast schon Kammerstück-artiges Gesinnungs-Gerangel um Atomkraft verwandelt, was durchaus eine Menge potenziellen Spaß raubt, da die Politik in den Vordergrund gerät. Dafür entwickelt sich aber ein recht bodenständig-konfliktreiches Gewissensspiel zwischen den Protagonisten, das man durchaus als Coming-of-Age-Element betrachten darf inkl. einiger recht dramatischer Szenen.

Im Endeffekt sind diese cineastischen Machtkämpfe besonders für perspektivlose Jugendliche und verblendete Polit-Idealisten (von beiden Seiten) wertvoll diskussionsgeladen; erfahrene und erwachsene Zuschauer bekommen aber auch ein nettes, souveränes Stück Zelluloid-Kost serviert (das man allerdings nur so sehr genießen kann, wie sehr man die politische Agenda des Films toleriert) besonders insofern, wie Geissendörfer seine New-Wave-Teenie-Täter in einen nüchtern-pessimistischen Strudel der Verbrechens-Verantwortung wirft, ähnlich wie in seinem jüngsten Werk "IN DER WELT HABT IHR ANGST".

Aber das Beste zum Schluss des Films: Frechheit siegt. Salute!

Sonntag, 18. August 2013

Tipps vom 12.08. - 18.08.2013



SWING GIRLS - Sekiguchi ♥♥♥ Wer ein ganz breites Lächeln (und einige größere Lacher) auf den Lippen braucht, kann diese frech-fröhliche und auch erst recht herzliche Nippon-School-Band-Komödie echt gut gebrauchen. So unfassbar cute und unprätentiös-feelgoody! ♥♥♥




LOHN DER GIGANTEN - Weil auf ARTE die ungekürzte Fassung lief, inkl. bisher in der dt. (Rainer-Brandt-) Fassung fehlender, durchschnittlich-nachsynchronisierter Szenen:

LKW's sind tolle Maschinen - das weiß ich schon seit meinen Kindheitstagen, wo ich mit meinem Paps, der in der Branche tätig ist, mitfahren durfte - und es bestätigte sich ja auch desöfteren in der Filmwelt (allen voran: "OVER THE TOP").

Und auch Yves Montand als Henri zeigt hier mit seinen Volvo-Boliden, wie stark er sie einsetzen kann, beherrscht er das Handling ja noch aus "LOHN DER ANGST"-Tagen (übrigens sowieso der dt. Verleihtitel von "La menace": "LOHN DER GIGANTEN" - japp-japp ;D), auch wenn der "Truck"-Faktor hier lediglich den Rahmen für die perfide Thrillerhandlung liefert.

Denn Henri stellt sich der zweitgrößte Feind (nach der Natur) des Männertraums "Truck" entgegen: der Hass der Frauen. Und zwar will ihm seine Ex-Geliebte Dominique ans Leder, weil er eine neue Affäre mit der Kanadierin Julie angefangen hat. Sie will Julie loswerden, doch als sie erfährt, dass diese schwanger ist und ihr entkommen kann, bringt sie sich selbst um.

*SPOILER*

Jetzt stecken Henri und Julie trotzdem in der Bredouille, weil die Polizei und ein äußerst zynisch-daherblödelnder, unnachgiebiger Bulle (Jean-François Balmer, gesprochen von Brandt) Julie als Täter verdächtigt und schließlich festnimmt. Henri, der zu Anfang des Films noch ehrbar und unbestechlich auftritt, scheint zunächst alles daran zu setzen, dass sie auch ins Kittchen wandert, lügt und fingiert links & rechts Beweise - bis es aber langsam deutlich wird, dass er WILL, dass die Polizei ihm auf die Schliche kommt, um sie zu entlasten, da er weiß, dass ihr sonst keiner ihre Unschuld glauben würde. Ganz schön clever! Hier wird ein schönes Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers getrieben - was zunächst wie die Erfüllung egomanischem Machotums anmutet, entpuppt sich als subversives Märtyrertum für die Liebe zu einer Frau, dass dem erwähnten Macho-Zynismus (erst recht explizit in Form des triebhaften Bullen) einen gewitzten Streich spielt. Welcher sogar soweit geht, dass Henri vorsetzlich nach Kanada flieht und einen Unfall mit seinem LKW inszeniert, dass alle glauben sollen, er sei dabei umgekommen. Er plant alles so durchdacht und legt jeden Anhaltspunkt so gewitzt zurecht, trotz der Kriminalität, die er sich selbst auferlegt, dass man hier eine bewusste anarchistische Freude erkennt, die der Film vermitteln will. Quasi auch das Freiheitsgefühl der Truckfahrer, zu denen Henri ja schon länger gehört, auf indirektem Wege spürbar macht. Schade nur, dass gerade die seinen Plan durchkreuzen müssen, da sie glauben, dass er ein Auftragskiller sei...

*SPOILER ENDE*

Zwar kann man zum Schluss hin nicht wirklich von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen, schließlich hätte Montand von filmischer und gefühlsmäßiger Seite her durchaus freies Geleit verdient gehabt, doch beweist der Film mit seinem schon recht bittersüßen Schluss wiederum nochmal, wie überraschungs- und facettenreich er von Anfang bis Ende doch ist. Ein schöner, französischer Thriller und unterschwellige Liebesgeschichte von Montand-Lieblingsregisseur Alain Corneau ("Police Python .357", "Wahl der Waffen").




JUSTICE LEAGUE - THE FLASHPOINT PARADOX - Jay Oliva hat nach seiner 2-teiligen DARK KNIGHT RETURNS-Zeichentrickadaption wieder zugeschlagen und präsentiert hier eine rasante (wegen dem FLASH, huh-huh) und sehr düster-brutale Umsetzung der FLASHPOINT-Storyline von Geoff Johns.

Hierbei steht erstmals im Großgefüge der DC-Animes Barry Allen als der "Rote Blitz" im Vordergrund, der mir vorher relativ egal war, hier nun aber bereits am Anfang eine sehr eindringliche, emotionale Backstory (weil recht "close to home") geliefert bekommt, die sofort zu Herzen geht.

Sein ebenso rasender Widersacher Prof. Zoom jedoch scheint eines Tages die Vergangenheit verändert zu haben und so wacht Allen in einem Paraleeluniversum auf, in welchem die Storyline jedes DC-Charakters eine völlig andere Richtung eingeschlagen hat (und er noch nichtmal seine Superkräfte hat).

Nun setzt er alles daran, die Verhältnisse wieder herzustellen und es kommt zu ekstatisch-zerstörerischen, finsteren Machtkämpfen und Superpower-Fistfights, die noch reizvoller wirken, wenn man bedenkt, wie atemberaubend sie in Realspielfilmform sein dürften (da hat MAN OF STEEL ja schon gut Vorarbeit geleistet).

Und auch sonst besitzt der Film eine inszenatorische Power, Virtuosität und Emotionalität (was hier alles für Opfer gebracht werden!), die schon durchaus an Oliva's DKReturns-Höhenflüge heranreichen - zusammen mit einer hart-apokalyptischen Stimmung und Gewaltausbrüchen, die das PG-13-Rating recht gut strapazieren.

Nicht nur für Fans ein eindringliches Mature-Comic-Fest, gibt es diesen recht frischen Trick-Actioner (und bisher gelungensten JLA-Film) bis jetzt nur als US-DVD/BLU-Import. Wer sich angesprochen fühlt, sollte aber zugreifen und genießen :)




LORNA THE EXORCIST - Linda (Lina Romay), frisch 18 Jahre alt geworden, träumt in den ersten 10 Minuten des Films vom Erblühen ihrer Sexualität, in einem zärtlich-sinnlichen und äußerst feinfühlig inszenierten Liebesakt (einer von vielen in diesem Film) mit einer begierigen, zugeschminkten Frau (begleitet vom verträumt-melancholischen Titelthema, das sich durch den gesamten Film in die Ohren nestet). Wie sich herausstellt ist diese Frau, von der sie geträumt hat, Lorna Green (Pamela Stanford), welche bereits eine andere junge Frau in ihren Bann gezogen und komplett desolat-sehnsüchtig zurückgelassen hat, zudem ihnen (ähnlich wie bei Renfield in Franco's "Nachts, wenn Dracula erwacht") telepathisch gebietet.

Linda's Vater Patrick (Guy Delorme) steht nach einem jahrelang-zurückliegenden, teuflischen Pakt in Verbindung mit Lorna und will verhindern, dass sie Linda kriegt (was Teil des Deals war) - schlägt ihr somit erst ab, ihren 18. Geburtstag in St. Tropez zu verbringen, aber lässt es dennoch zu, mit dem guten Gewissen, dass er und seine Frau ja mitkommen und auf sie aufpassen werden.

Doch die aus dem Jenseits enthobene Lorna, die sich bereits ein Imperium in St. Tropez aufgebaut hat, taucht in weiteren, erotischen Visionen Linda's auf, die sich wie jeder Teenager u.a. in der Badewanne selbst befriedigt. Nach einigen nicht allzu klärenden Gesprächen mit der gerissenen Lorna, in denen Patrick's Furcht und Paranoia zusätzlich zu ihrer häufiger willkürlich-auftretenden Präsenz immer mehr ansteigt, setzt er sogar mit Waffengewalt alles daran, Lorna abzuwehren, trotz greulicher Psychotricks ihrerseits (u.a. lässt sie mehrere, kneifende Krabben auf dem Körper seiner Frau erscheinen).

Linda's Unterbewusstsein jedoch ist ein Schloss ohne Riegel für Lorna und somit offenbart sie sich ihr schließlich als ihre psychische Mutter, verspricht ihr unfassbare Macht und gibt ihr lustvoll die Brust. Dringt sodann aus ihrem Unterbewusstsein in ihre leidlich empfängliche Lust- und Geburtspforte, ihrer Vagina, mit einem falschen Phallus ein (in einer Einstellung, welche das zärtliche Eindringen Lorna's in Linda's Körper beim träumerischen Anfang des Films brutal kontrastiert), entjungert sie somit. Was Linda schlussendlich natürlicherweise dann doch genießt - ihre Unschuld schwindet allmählich davon, da Lorna's Geist folgerichtig in ihren Körper wandert und sich dort verselbstständigt. Selbst als Patrick die physische Form Lorna's erschießt und sich siegessicher glaubt, erkennt er nicht, dass sie bereits die Kontrolle über den Körper seiner Tochter genommen hat, die ihn urplötzlich mit gespreizten Beinen erwartet. Er stürzt sich sogar gierig auf sie, kann er doch der Versuchung beim Anblick seiner nun herangereiften Tochter nicht widerstehen - bekommt von ihr dann aber ein Messer in den Hals geschoben und stirbt. In den letzten Momenten des Films wechselt Linda's Blick von purem Entsetzen in manischen Frohsinn - die Assimilation in eine erwachsene, unabhängige Frau ist vollbracht.

Im Vordergrund steht bei diesem Erotikdrama Franco's der Kampf des Vaters um das Leben bzw. die Sexualität seiner Tochter, dass er durch seine Verzweiflung bereits vor ihrer Geburt in Gefahr gebracht hat (diesem Kapitel wird ein äußerst detaillierter Rückblick spendiert) - hier erschafft Franco einen für sein Gesamtwerk ungewohnt zentralen, männlichen Charakter, der in der Schuld einer diabolischen Femme Fatale steht, welche die Unschuld in Person (Lina Romay) einvernehmen will, lehnt sich dabei häufig sogar explizit an Goethe's FAUST an. Doch diese Problematik verbindet er überaus natürlich mit dem Aufbegehren der sexuellen Entfesselung der Tochter. Durch ihre hormonelle Extase nämlich wird sie erst empfänglich für die sinnliche und sündige Aneignung durch den Teufel Lorna, sodass durch die Zerstörung des letzten Wirtes der Charakter in Linda weiterlebt und sie als Frau gedeihen kann.

Dabei sogar als letzten Befreiungsschlag ihrem Vater vortäuscht, ihn inzestuös zu begehren - er aber sogar gedankenlos darauf eingeht, selber lang gehegte/unterdrückte, inzestuöse Tendenzen auszuleben und schlussendlich dafür büßen muss. In dem Film geht es Franco freilich darum, der Männerwelt ihre eigene Verkommenheit entgegenzustellen - dass sie den weiblichen Körper nicht verstehen, ihn unbeholfen-unnötig tabuisieren und schlussendlich bei seiner Ansicht vor überschwenglicher Lust zusammenbrechen, selbst wenn es sich um die eigene Tochter handelt, von der man sich am Liebsten wünscht, dass sie nie erwachsen wird; doch sie können eben nicht verhindern, dass sie schließlich heranreift, ihrem Elternhaus entflieht und sich selbst entdeckt. Schlußendlich ist eben das der einzige "Exorzismus" Lorna's: die Vetreibung des inneren Spießertums.

Hilfreich mag Franco bei dieser Entmachtungs-Vision/Lehrstück-für-verklemmte-Männer auch gewesen sein, dass die Gesetze für erotische Darstellungen und Pornografie im Film zu der Zeit weltweit wieder ziemlich gelockert wurden und er somit alle Facetten des weiblichen Körpers vor die Linse bringen durfte, die Begierde und die Sinnestaumel um die ersehnte Befreiung der sanften Haut blutjunger Weiblichkeit, ihren Hormonen und ihren erogenen Zonen besonders greifbar vermitteln konnte - was dank der überaus intensiven Darstellung durch Lina Romay und ihren einnehmenden Augen umso stärker gelingt.
Er wird damit selbst zum Verführer, macht uns zum Voyeur, vermittelt dem weiblichem Zuschauer aber ein Selbstbewusstsein für ihre natürliche atemberaubende Schönheit, während er dem männlichen heimlich-versauten Spießer-Zuschauer von einst einen Denkzettel verpasst. Heutzutage sind wir gottseidank alle viel offener "versaut" und können diesen Film vollen Herzens genießen. Wer dahingehend noch nicht "exorziert" wurde, sollte es mit LORNA schleunigst nachholen.




SUCKER PUNCH - 2 1/2 Jahre nach Erstsichtung im Kino hab ich dem Film jetzt im Extended Cut nochmal eine Chance gegeben. Und Junge, ich muss damals ein richtiger Grießbatzen gewesen sein!

Endlich hab ich eingesehen, wieviel Selbstvertrauen Herr Snyder in sein eigenes Konzept gesteckt (das zugegebenermaßen im narrativen Konstrukt noch immer etwas unstimmig ist) und einen Film aus seinem Herzen heraus gemacht hat - selbst wenn manche seine Art von weiblicher Emanzipation schon wieder zu exploitativ finden, die Absicht ist deutlich.

Neben seinem Faible für cineastische Ultraschlachten, dass er hier auf der Fantasyebene in mehreren Episoden in mehreren Genres auslebt, liefert er nämlich auf der "realen" Ebene eine recht berührende Geschichte über von-außen-&-innen-gefangene Frauen, welche mich bereits in den ersten 10 Minuten mit-Gänsehaut-zitternd und feuchten Augen zurückließ.

Dabei setzt er nicht nur auf hyperstilisierte Bilder, sondern auch auf einen Soundtrack, der in seiner Lyrics-Lastigkeit, seinen Fokus auf Tanznummern und seinen Referenzen an bekannte Stücke (bzw. Remixes) geradezu an Musicals erinnert (besonders die Neufassung von "Where is my mind?", die sich als melancholisches Thema durch den gesamten Film zieht, hat es mir angetan).

Und ja, auch die Darstellerinnen fand ich 1a! Deren Charakterisierungen mögen zwar ein Stück simpel sein, aber das Feeling kommt dennoch rüber - erst recht, wenn sie mit solch verkommenen Unterdrückern wie Blue (Oscar Isaac) zu kämpfen haben. Ob jetzt die Fantasyebenen da wirklich was für sie bringen, ist zwar fraglich - schließlich entspricht der Exzess in ihnen nicht wirklich der Wirkung der "realen" Ebene - aber dort scheint eben der Wille Snyder's durch, diesen gequälten Seelen die Katharsis zu geben, die sie verdienen, in möglichst beeindruckender (Fetisch-)Gestaltung.




THE SPIRIT - Nach meiner positiveren Zweitsichtung von SUCKER PUNCH entschloss ich mich, auch diesem gefloppten, stilistisch sehr eigenen Phantastik-Film einem gepflegten Revisionismus zu unterziehen. Da ich in letzter Zeit mit THE DARK KNIGHT STRIKES AGAIN und ALL STAR BATMAN & ROBIN wieder etwas vertrauter mit Frank Miller's spaßig-bizarren Zynismus-Fieberträumen letzter Zeit war, konnte seine ganz besondere Regiearbeit THE SPIRIT ja auch nicht mehr so schlecht dastehen, wie ich ihn ursprünglich sah.

Und tatsächlich, bereits von Anfang an wird klar, wie stark sich Mister Miller an Gestaltungselemente seiner Herkunft hält, strukturiert er die narrative Ebene und ihre überstilisierten Visuals doch 1:1 nach Comic-Schema, besonders solche seines Werkes: Noir-sleazige Monologe, obszön-patschige Silly-Crime-Dialoge, schrullige Karikaktere, surreal-kinetische Backgrounds (dank exzessiven Greenscreen-Spielereien auf moderatem Budget), superdoofe Übersexualität, platt-parodistische Hau-Drauf-Machoismen und Looney-Tunes-Anarcho-Gewalt.

Und auch wie viele seiner letztjährigen Arbeiten ist auch dieses Miller-Piece so überzeichnet und wild, dass die eigentliche Handlung in den Hintergrund gerät und sich den dementen Panel-Kreationen unterwerfen muss. Auf die Dauer kann die recht Dramatik-freie "Spannungs"-kurve den unvorbereiteten Zuschauer natürlich zum Abdriften hinreissen. Doch der käsig-humoristische Unterhaltungsfaktor greift das Interesse dann im nächsten Moment wieder auf, so dass man durchaus von einer gelungen-albernen Comic-Strip-Farce sprechen kann.

Miller haut mit vollem Schwung auf die Kacke - erweckt ungehemmt schmerzfrei seinen ganz speziellen Pulp-Krawall, direkt dem zelebrösen Printquatsch entrissen, auf klobigst-digitalisierte Filmstreifen - liefert dabei (nicht nur visuell) einen so puren, kurzweilig-freiförmigen COMIC-Film ab, der der großen Masse nimmer gerecht werden konnte/wollte.

Wer psychotronischen Cartoon-Spaß ohne Reue und Ernst, dafür mit Hingabe und Kompromisslosigkeit sucht, liegt hier genau richtig. Crazy Frank darf ruhig mehr drehen, wenn's nach mir ginge, am liebsten sogar mit einem R-Rating.




SÉRIE NOIRE - Eine perfide, downward-spiral Gauner-Groteske (im Geiste späterer Coen-Bros. Filme) aus Frankreich ohne Schönfärberei, aber mit ganz viel schwarzem Humor, unbeholfen-fiesen Gewaltausbrüchen und zwielichtigen Gestalten. Über die gesamte Laufzeit manchmal allerdings doch ein Stück frustrierend, wie die/wegen der unkommunikativen Schönheit Mona im Film. Insgesamt jedoch ein herrlich böses Lustspiel mit dem nervösen, halbwegs-liebenswerten Loser & Lügner Frank (Patrick Dewaere), dessen immer tiefer in die Misere reinrasende Kriminal-Odyssee wir hier zähneknirschend verfolgen, bis hin ins bittersüße Make-Believe-Happy-End. Zur wahren Beglückung fehlte zwar irgendwas, worauf ich meinen Finger noch nicht ganz setzen will (schließlich gehört die Frustration durch Mona essenziell zum Filmkonstrukt), aber das muss euch ja nicht unbedingt genauso ergehen. Viel Spaß bei der "Schwarzen Serie" :)




TIEFLAND - Riefenstahl's zwar ästhetisch uneindringlichstes Werk (handwerklich dennoch recht ansprechend), dafür aber eine schön dramatisch-romantische Abrechnung mit diktatorischer Selbstgefälligkeit und Willkür (wer hätte gerade das von der Leni erwartet?), natürlich auch mit einem naiv-unbedarften Schäferburschen als charmanten Gegenpol, inmitten der eindrucksvollen Berge und Täler.

Wenn da bloß nicht diese Geschichte von den Dreharbeiten mit den aus KZ's-rekrutierten und wieder-zurückgeschickten Sinti & Roma-Statisten wäre, könnte man den Film sogar mit einem gänzlich freien Gewissen sehen.

Sei's drum: für sich alleine stehend, ist diese letzte Spielfilmarbeit Riefenstahl's eine lupenreine Opern-Adaption (auch wenn sie selbst für die Hauptrolle der Martha doch schon etwas zu alt wirkt) über die rücksichtslosen Machenschaften der Ausbeutung durch die selbsternannten Volksherrscher und dem Kampf des Guten gegen das Böse, ähnlich märchenhaft einfältig wie in ihrem Regiedebüt "Das blaue Licht" (der gute Hirte Pedro verteidigt bereits am Anfang des Films seine Schafe gegen einen Wolf - als der böse Großgrundbesitzer dann die Martha dem Pedro stehlen will, stellt dieser sofort fest: "Du bist der Wolf!" und es kommt zum Showdown unter Blitzgewitter) - schließlich gibt's auch ein strahlendes Happy-End. Geht vollkommen in Ordnung.

Sonntag, 11. August 2013

Tipps vom 05.08. - 11.08.2013



NIGHT OF THE HUNTED - Die wohl schönste, tragischste und packendste Liebesgeschichte, die ich seit langem genießen durfte!

Brigitte Lahaie, Dominique Journet und Catherine Greiner - hier werden sie zu zerbrechlichen, eindringlichen Leinwandgöttinnen, welche selbst die unsterbliche Falconetti stolz machen dürften. Sie wollen leben, lieben, den Moment für immer innehalten.

Doch ihr Schicksal holt sie ein - diese wunderbaren Geschöpfe, die man durchweg fest in seine Arme drücken will, werden uns weggenommen, sind verdammt (unfassbar intensiv) zu leiden:

Gefangen in diesem endlos-hohen, ausbruchssicheren Monolith des Vergessens, inmitten von Wolkenkratzerspießen der Großstadt - die Hölle auf Erden: erdrückende Korridore; spartanische Zimmer; Aussichten nach draußen ausschließlich bei Nacht; keine andere Menschenseele in Sicht, die einen befreien könnte.

Während sie komplett machtlos die Fähigkeit zum Leben verlieren, sich an ausgedachte Erinnerungen klammern müssen, zerbrechen und zerbrochen werden. Selbst der holde Retter aus der Aussenwelt kann nicht verhindern, welch unmenschliche Euthanasie mit ihnen dann getrieben wird. Doch er gibt nicht auf, auch wenn er seinen eigenen Verstand dafür verlieren muss...Hand in Hand in die Unendlichkeit...

Am Ende, bei der bittersüßen Erlösung dann, kann man nur plören.
Essenzielles, hypermenschliches Meisterwerk von Jean Rollin (R.I.P.).




VAMPYROS LESBOS - Eine hypnotische Liebesgeschichte, eingehüllt im Rot des Blutes, der Wollust, des Übernatürlich-Fremden, dass durch interdimensionale Glasscheiben, Tapetenformen, Deckengeflechte und vorallem hochsensible Sinnestore, in unsere Welt zu suppen versucht, für die Erfüllung dessen Sehnsüchte.

Hell erleuchtet von rot strahlenden Lampen und Kerzen, in lauen Swimmingpools und türkischen Striptease-Clubs schwelgend, feiern die makaber-mysteriösen Vampirdamen hier ihren Liebesrausch. Angeführt von der omnipräsent-betörenden Soledad Miranda als phantastisches Leitmotiv schafft Franco hier leidenschaftlich-traumhafte Euro-Magie, die seine unbelehrbar-egomanischen Männerfiguren nicht zu brechen vermag.

Der Übergang zu unserer Welt wird letzten Endes aber doch nicht vollzogen, so Leid es der menschlichen Protagonistin auch tut. Es darf einfach nicht sein (da ist sie noch zu sehr an die gesellschaftlichen Konventionen gebunden) - so endet auch diese Liebesgeschichte, ob nun real oder nur geträumt, tragisch.




DOWNTOWN - DIE NACKTEN PUPPEN DER UNTERWELT - Der pummelige Franco inszeniert sich selbst als hartgesotten-spruchreifen Hardboiled-Hero Al Pereira (gewitzt synchronisiert von Gerd Duwner, so dass die Niedlichkeit seines kleinwüchsigen Ulk-Detekivs umso drolliger wirkt), der sich in die drall-übersexte Cynthia (Lina Romay) verguckt, die in Nachtclubs strippt und in akzentreichem Englisch versaute Chansons säuselt (weniger wie die Monroe, mehr wie die Steeger ♥).

In einem schlüpfrig-blödeligen "Film Noir", der wohl kaum den ästhetischen Standarts des Genres gerecht wird, stattdessen auf saftig-versiffte Sex-Szenarien, bizarr-schrullige Off-Texte und lasziv-flapsige Flirt-Dialoge setzt, welche die sleazige Essenz der Mann/Frau-Verhältnisse solch altbekannter Detektivfilme schön plakativ und überaus körperbetont-exhibitionistisch herauskristallisiert, dabei oft ans Pornografische grenzt (nochmal ♥ ♥).

Aber auch eine höchstsympathische Entspanntheit strahlt der Film aus, innerhalb bunt-&-klobig-ausgestatteter Sets/Hotelzimmer und schwül-spanischer Urlaubsluft, die höchstens vom griesgrämigen Inspector Mendoza (Paul Müller) unterwandert wird, ihn aber gekonnt mit der nächsten, frivol-erregenden Sinnestat abweisen und läutern kann, zusammen mit dem verspielten Jazz-Geklimper des Soundtracks.

Zudem auch mit relativ süßen Szenen, in denen Franco ganz gemütlich mit Beni Cardoso (in der Rolle seiner Gelegenheitsdame Rita) im Bett liegt und über den Fall daherquasselt, innig und erwärmend. Witzigerweise ist sein Detektiv in der nächsten Szene aber, wie so oft, schon wieder komplett knülle.

Dieser Anachronismus geht dann auch gut einher mit dem ausserordentlich minimalistischen und mehr und mehr nebensächlich-inkonsequenten Krimi-Plot, dass man als Zuschauer stetig zum reinen Genießer, weniger zum Mitdenker des Geschehens wird...wenn man denn nichts gegen die 70er Jahre-typischen, einigermaßen behaarten Geschlechtsteile hat. Wer aber überhaupt bei diesem Film angekommen ist, dürfte sowieso schon längst daran gewöhnt sein und ihn folgerichtig richtig mögen.




EUGENIE DE SADE (DIE JUNGFRAU UND DIE PEITSCHE) - Maria Rohm liegt in ihrem Appartement herum und liest, mit einem verschmitzten Grinsen auf den Lippen, ein Buch vom Marquis de Sade (wie könnte es anders sein?). Ihre dunkelroten Gedankenzüge entfalten sich sodann auf der Leinwand - während Christopher Lee, augenzwinkernd zum Publikum, De Sade's Zeilen rezitiert, findet unter Mönchgesang die Opferung eines Mädchens statt - ihr wird das Herz rausgeschnitten und die Rohm langt als Erste zu, dessen frisch gezapftes Blut lustvoll zu verköstigen.

Inspiriert von diesen literarischen Sadismusfantasien, spielt sie die sinnliche Verführerin und lockt die unschuldige Eugenie (Marie Liljedahl) auf ihre dekadente Lustinsel, wo sie langsam, aber sicher in die Welt der Sinnlichkeit und unterwürfigen Perversionen hineingeführt wird - erst mit neckischen Fummeleien, dann mit Date-Rape-Drogen und Haschisch, unter den begierigen Blicken des offensichtlich impotent-devoten Jack Taylor - während die anderen, bereits-gebrochenen Untertanen der Beiden nur hilflos zuschauen können.

Bezeichnenderweise ist einer dieser bewährten Untertanen, Augustin, auch noch schwarz und muss widerwillig als Gitarre-spielendes Sextoy Rohm's herhalten, während Taylor meist ganz bubenhaft-verträumt, aber auch hinterlistig-selbstverliebt an den Jalousien herumspielt, die Bumsräume auch in gleißendes Rotlicht hüllt, während der Nicolai'sche Top-Easy-Listening-Score groovig-symphonisch dahinwabert.

Schließlich kommen noch andere Gäste (die Rohm's Folterfantasien entsprungen sind) auf die Insel, um ihre brutal-erotischen Greueltaten auszuspielen, was schon ziemlich deftige Ausmaße annimmt. Danach jedoch versichert Rohm ganz zärtlich ihrer Eugenie, dass sie diese Quälereien nur geträumt hat. Und tatsächlich: ihre zugetragenen Verletzungen sind verschwunden. Doch Traum und Wirklichkeit verschwimmen schlussendlich wie so oft bei Franco und ein Entkommen aus der Hölle, in die man sie hinterhältig hineingeworfen hat, scheint unmöglich.

Dabei setzt die gelungene Inszenierung vorallem dank der extremen, abgeschotteten Ausleuchtung auf die Aufbrechung der Dimensionen, eskalierend in einem infernalischen Finale, dass Eugenie - nackt und zerbrechlich - keinen Ausgang in ihre gewohnte Realität und Unschuld mehr zulässt. Auch geht jeder der Schauspieler in seiner Rolle wunderbar auf: Rohm als betörend-perfides Teufelsweib begeistert da am Meisten, bringt sie doch eine Lust und ein Körperbewusstsein in die niederträchtige Sphäre der Alptrauminsel, somit der zarten, unberührten Schönheit der blutjungen Marie Liljedahl in nichts nachsteht.

Die Männerfiguren sind wiederum meist der Lust der Frauen verfallen, trotten ihnen hinterher, quälen dafür aber auch nicht umso weniger besessen. Im Gegenteil, Christopher Lee, der zum Schluss hin als Herr zwischen Erde und Hölle steht, verdammt Eugenie auf ewiges Fegefeuer, nachdem er sogar die Folterung an seiner Jüngerin Rohm zugelassen hat.

Der lustvoll-ausschweifende Nihilismus ist dann auch so konsequent umgesetzt und auch noch recht ansprechend gestaltet, dass man hier wieder mal von einem gelungenen Franco-Frühwerk sprechen kann. 1975 sollte noch ein weiterer EUGENIE-Film von ihm folgen (den er schon 1970 drehte), diesmal mit Soledad Miranda in der Hauptrolle. Ich bin hochgespannt :)




MARQUIS DE SADE - JUSTINE - Eingeschlossen im lichtdurchfluteten Kerker entbrennt in Marquis de Sade's (Klaus Kinski) Geisteszustand ein "pompöser" Fieberwahn (angetrieben durch den abenteuerlichen Bruno-Nicolai-Score), bringt Frauengeister in Ketten und bunten Lichtern zum Vorschein - schon setzt er mit der Schreibfeder zu seiner neuesten Geschichte an. Stellt Franco sich hier in seinem eigenen kreativen Schaffensprozess dar? Schließlich kann man davon ausgehen, dass er sich am Ehesten mit dem französischen Erotik-Schriftsteller identifizierte, verfilmte er nicht nur einmal dessen Geschichten, begnügte sich auch desöfteren etlicher Sadomaso-Elemente seines Werkes.

In diesem Fall bringt er allerdings eine relativ leichtlebige Geschichte auf die Leinwand. Romina Power als titelgebende JUSTINE erlebt liebestolle Barockabenteuer in einem recht kurzweiligen Tempo. Wirkt dabei so naiv, unbeholfen und unschuldig (Franco meinte einmal, sie sei eine noch schlechtere Schauspielerin als Sabrina Siani - meine Meinung: wirklich überzeugend ist sie nicht) neben den anderen, aufgedreht-überzeichneten Charakteren, die sie auf ihrem Wege trifft (allen voran: Horst Frank, Howard Vernon mit Paganini-Perücke und ein delirierend-besoffener Jack Palance), welche alle sehnsüchtigst um ihren jungfräulichen Körper buhlen, ausgedrückt in schlicht-ulkiger Geilheit bis hin zur lustvollen Folter, dass man sich wahlweise an ein Jack-London-Jugendabenteuer, ein Coming-of-Age-Märchen oder eine Decameron-Geschichte erinnert fühlt - mit der ein oder anderen, perfiden Intrige, Brandmarkung oder Nadelpiekserei.

Die (offenbar ziemlich originalgetreue) Gestaltung des Films ist sogar recht angenehm für's Auge, authentisch ausgestattet (dank Harry Alan Towers' Finanzspritze) und solide fotografiert, lässt aber auch Raum für die Franco-typische Handschrift - nennenswert seien da natürlich die wilden Fieberfantasien Kinski's, die "extremsten" Episoden von Justine's Körpererfahrungen durch Jack Palance's geile Mönche, als auch die Bordell-Abenteuer von Justine's Schwester Juliette, gespielt von der obligatorischen, zeigefreudigen und hier auch lustvoll-rabiaten Maria Rohm.

Insgesamt bietet sich hier ein unterhaltsam-abwechslungsreicher und genüsslich-frivoler Streich um die Lösung der Virgin-Angst an, auf der Suche nach der ultimativen Lust und der wahren Liebe, in einer herrlich verkommenen Spritzer-Welt.




DIE VERGEWALTIGUNG DES VAMPIRS - Recht pessimistisches Vampirdrama und Debütfilm von Jean Rollin, in 2 Teilen. Wie die missverstandenen Kreaturen von der intoleranten Dorfgemeinschaft gejagt und getötet, schließlich durch ihre machthungrige Vampir-Königin wiedererweckt, doch wie Ausgestoßene von ihren veblendeten Artgenossen verachtet werden, sodass sie auch aktiv an einer Heilung vom Vampirismus arbeiten, doch für ihren Verrat unbarmherzig gequält werden, präsentiert sich unhaltbar brutal und tragisch - bis die Gepeinigten schlussendlich zurückschlagen, aber feststellen müssen, dass ihr vermeintliches Gegenmittel Vampire tötet und somit keine Chance auf Heilung mehr besteht.

Konsequent apokalyptisch und entmystifizierend, die Stimmung dieser vom Chaos der 68er-Studentenunruhen beeinflusste Genreperle - wird auch durch die kakophon-zerbrechende Musikuntermalung und der expressionistisch-düsteren Kamera- & Schnittgestaltung hervorgehoben.
Im Gegensatz zu späteren Rollin-Vampirgeschichten zum Hineinträumen denkbar ungeeignet, eher verstörend und verbitternd. Dennoch unbedingt sehenswerte Untoten-Tragödie!




TRANCE - ist recht wunderbar misslungen, da die audiovisuelle Gestaltung Boyle's eine ausserordentlich-artifizielle Beglückung hervorzaubern kann, obwohl die narrative Ebene unnötig verkompliziert, bemüht-logisch und letztendlich doch widersprüchlich entworfen ist.

Hinzu kommt, dass sich der Film zwar nur um reine Trickserei und Rollenspiele dreht, dann aber einige reißerische, "große Charakterentwicklungen" hineinzwängen will, die aufgrund der leidlich packenden (dennoch mit verschenktem Potenzial versehenen) Figuren aber häufiger im Sand verlaufen - was umso schader ist, da der Film im Verlauf deutlich Frauen-zentrierter erzählt wird.
Sinniger wäre gewesen, die vielen unnötigen Plottwists einfach rauszulassen oder auf ein Minimum zu reduzieren, da sie den Zuschauer doch eher von dem eigentlichen Genuss des Hypnose-Konzepts, zur Auffindung eines Gemäldes, ablenken.

Rollenspiele und suggerierte Fantasien (auch erotische), dank denen McAvoy in seinen Erinnerungen lockerer wird, wo sich die Gangster für seinen Komfort mal benehmen und ihm auch Schwäche vortäuschen müssen: das macht den eigentlichen Spaß des Films aus. Und passt zum schelmisch-bubenhaften Charakter McAvoy's, um dessen Erinnerungen gebuhlt wird.

Sein naiv-beschwingtes Bubentum spiegelt sich dann auch in Boyle's Inszenierung wieder, die auf wunderbar-verschrobene Kamerawinkel und einen sphärisch-treibenden, höchst-emotionalen Soundtrack setzt. Welcher in seiner teils schwebenden Ambient-Elegie besonders schön die Erlösung aus den Hypnosesitzungen akzentuiert. So entstehen einige wunderbar rauschhafte Sequenzen, die dann jedoch darauffolgend vom aufdringlichen, Mindfuck-versessenen Plot abgeknickt werden, die bezeichnenderweise McAvoy's Charakter vollkommen ins Perfide umkrempeln, Boyle somit auch ein Stück "kastrieren".

Die Intention hinter diesen Wendungen wird schnell ersichtlich, werden doch durch das phantastische Verwirrspiel verschrobener Gedächtnisdimensionen und die damit verbundenen, extremen Körperhorror-Schocks sowie bizarren Erotik-Wunscherfüllungen (Rosario Dawson: WOW!) Erinnerungen an das Kino David Cronenberg's hervorgerufen.

So kommen dann auch viele bekannte Elemente aus Werken wie CRASH, eXistenZ, NAKED LUNCH, EINE DUNKLE BEGIERDE und vorallem EASTERN PROMISES zusammen - dem Film, der das moderne London und dessen Doppelbödigkeit durch die Augen Cronenberg's zeigte, ebenfalls mit Vincent Cassel als Gangster mit Herz. Doch Boyle's Hommagen an PROMISES (allen voran dessen Thriller-Elemente) in diesem, SEINEN London-Film, arbeiten leider eher gegen die eigentliche Schönheit von TRANCE - welche zwar dennoch sehr oft und schön zum Vorschein kommt und begeistert, aber durch frustrierende narrative Zwischenstopps und Sackgassen geschmälert wird. Wunderbar misslungen eben.




MEAN GIRLS - Lohan, Seyfried, McAdams, Fey, Caplan, Poehler: *schwärm* ♥




YOUR VICE IS A LOCKED ROOM AND ONLY I HAVE THE KEY - Man mag sich nicht sofort mit dem vermieften Sadistico-Assi und seiner Prügelopfer-Frau als Protagonisten anfreunden, aber der weltgrößte Bruno-Nicolai-Score lässt schon erahnen, dass Hilfe auf dem Weg ist:

Die unübertreffliche Edwige Fenech, die einfach jedem sein Leben (vermeintlich) verbessert - wie Milla Jovovich in dieser einen EINE SCHRECKLICH NETTE FAMILIE-Folge. Na gut, Ivan Rassimov mit Lagerfeld-Haarhelm hätt's sowieso nicht gebracht.

Und trotzdem muss jemand wieder Stunk machen, da werden links und rechts Leute aufgeschlitzt, Katzenaugen ausgestochen, ein Teller voller Augen serviert, der Assi und seine Frau können sich noch immer nicht ab, etc.

Doch alles endet in einer schön verspielten Twistigkeit, wie es Martino schon (besser) in DER KILLER VON WIEN gelungen war. Und kann wie immer, neben einer ansprechenden Inszenierung und einer gewissen Spannung, mit einer ausgiebig-nackten Fenech punkten. Nettes Giallöchen.