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Montag, 19. Oktober 2015

Tipps vom 12.10. - 18.10.2015

Zunächst mal gibt es auf CEREALITY.NET nochmal eine Zusammenfassung zur Retrospektive über das Werk von Hans W. Geißendörfer, welche einen schönen Überblick über alle seine Spielfilme sowie seine Serie LOBSTER anbietet:

 
http://www.cereality.net/thema/die-filme-von-hans-w-geissendoerfer-105920




FISH TANK - Eine wunderbar konzentrierte wie ungezwungene Charakterstudie in inszenatorischer Schlichtheit/Angemessenheit, bei der es geradeaus geht, während sich das dramaturgische Konstrukt in beachtlicher Natürlichkeit entwickelt. Was da aber auch an Gefühlen in der Geißelung des Alltags hochkocht; wie sich das fast dokumentarische Erscheinungsbild Realismus vorbehält und doch intensiv beobachtet, ohne auf Affekt abzuzielen; wie die beiläufige Einfuhr von Demütigungen unter die Haut geht und doch ein Familienleben bildet; wie die Sehnsucht im Geheimen schlummert und spürbar im Herzen anwächst, obwohl keine Richtung gen Ende jemals vorhersehbar wird...Da trifft einen das britische Ghetto ohne das Stigma der Betroffenheit, das Jugendliche ohne Prätention und Spekulation, die Liebe ohne Drehbuchphrasen der Etablierung und erst recht der leise Schock, dessen potenzielle Eskalationen an der Unsicherheit des Zuschauers bis zur Überwältigung hochschleichen. Wie stark ein Film dabei einfach ohne die alteingesessenen Konventionen von Film auskommt, muss natürlich nicht der Regelfall sein, aber Andrea Arnold schafft in jener Balance zum Wahrhaftigen eben die charakterliche Vereinnahmung, die ihre ganze Last in Bildern und Darstellern vereint. Nicht jede Verzweiflung und jedes Glück zeigen sich nun mal an der Oberfläche, da hat der "Fish Tank" genau den richtigen Blick für.


 

STEVE JOBS - Es ist schon von Vorteil, dass Danny Boyle diese konzentrierte Dramatisierung von drei historischen Ereignissen im Leben des Steve Jobs übernommen hat. Größer als das Leben selbst ist dessen Image, deshalb erliegt er in der Studie seines Charakters nicht den Zwängen eines bloßen Biopics und erst recht keiner Funktion der Werbung. Hier liegt der Fokus auf dem Wesentlichen, nämlich der Erfahrung "Film" und so kann sich Aaron Sorkins Drehbuch rasante Wortwechsel und geballte Geschehnisse kurz vor entscheidenden Präsentationen erlauben, wie auch Boyles Gestaltung mit einigen inszenatorischen Farben keinen absoluten Realitätsanspruch stellt und sich eher der Beobachtung zum Charakter verpflichtet. Und da ist Michael Fassbender als Übermacht auf Zack, unbarmherzig und praktisch am Werkeln, wie er sich in der Führungsposition des technischen Fortschritts selbst inszeniert und als Arschloch agiert, um voranzutreiben, zwischen Abneigung und Stress Reibung zu erzeugen.


Im Kontrast einer potenziellen Glorifizierung zeigt sich aber die Erdung durch seine Mitmenschen, die ihn ganz einfach als Bewohner dieses Planeten erreichen wollen und das Humane am Genius offen legen könnten, weshalb unweigerlich eine Ambivalenz entsteht, wenn er dies nicht zulassen kann und mit Rationalität am Image festhält. Der Ehrgeiz lässt das Innere bereits von außen hin abprallen, im Schauspiel schafft es Fassbender aber auch, das Innere ohne breite Erklärung stets ersichtlich zu machen, Räume einzunehmen und als "Dirigent" etlicher "Musiker" am Hebel zu bleiben, obgleich eine Reihe an privaten wie beruflichen Engpässen Lösungen von ihm abverlangt. So wird "Steve Jobs" im Verlauf seiner drei Ären auch zu einem Drama, das dessen Verantwortung gegenüber der eigenen Tochter auf die Probe stellt, der er sich nicht stellen kann und per Praktikabilität übertüncht.



Dass alles nur nach seiner Pfeife tanzen soll, ist aber eben auch ein Ding der Unmöglichkeit, manchmal vielleicht schon nötig, aber ebenso ein Spannungsfeld, das sich kontinuierlich damit auseinandergesetzt sieht, irgendwann doch Empathie walten zu lassen, eine Vaterrolle einzunehmen und Fehler einzugestehen. Das fängt Boyle ebenso in einem vielseitigen Spektrum des Stils ein, das sich sowohl dem Enthusiasmus wie auch der Bedrängung im Konflikt zuordnen kann, ohne wie ein Cartoon zu wirken oder im Gegenzug die blanke Wahrheit zu repräsentieren. Vor allem bietet er darin trotz seiner zwei Stunden Laufzeit enorm flinkes Kino der zwischenmenschlichen Reibung, das sowohl die "Larger-than-Life"-Komponente seiner Hauptfigur veräußerlicht, als auch diese hinterfragen lässt. Vielleicht ist er deshalb auch nicht wirklich perfekt, weil er schlicht nicht davon ausgeht, dass Menschen perfekt sein können und dennoch versteht, dass sie danach streben.




COP CAR - "[...] Jenseits der direkten Impulse eines rabenschwarzen modernen Märchens wirkt dabei aber durchweg ein Abbild vom dysfunktionalen Verständnis zu Recht und Ordnung, Anstand und Verstand, Schuld und Unschuld, das im Zeitgeist wie verankert scheint und von Watts nur mit verstörter Ruhe aufgenommen werden kann. Das Kinderspiel zieht nicht umsonst mit naiver Anarchie am Arm des Gesetzes. Letztendlich schlägt letzteres aber alles andere als gerecht zurück und entlässt die Zukunft in eine ungewisse Nacht. Nun drückt „Cop Car“ jedoch nicht so dramatisch, wie es klingen mag. Es geleitet einen stattdessen mit knapp 87 Minuten kompakt durchs Prozedere und setzt als Genrewerk von Front- bis Heckscheibe auf Praktikabilität [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




THE END OF THE TOUR - "[...] Die Krux des geselligen, intellektuellen Diskurses ist allerdings, dass Lipsky seinen Gesprächspartner wegen seiner Einsamkeit auszufragen gedenkt. Er will freundlich die Wahrheit und eine Gemeinsamkeit formen, die über das Berufliche hinausgeht. Ponsoldts Inszenierung grenzt den Erfolg dieses Plans kontinuierlich ein, obwohl zu Beginn kaum Schranken des Vertrauens gesetzt sind. [...] Ihr Roadtrip zeigt sich als charakterfokussierte, gewitzte Observation durch ein Americana on ice und stellt clevere Dialoge in den Raum. Allerdings dürfte die Spannung dessen nur bedingt erkenntnisreicher sein als das Lesen des darauf basierenden Porträts. Gemessen an den Umständen ließ Wallace niemanden an sich heran, den redundanten Hang zur Erklärung erfüllt der Film aber trotzdem unter dem Mantel einer Demut, solange diese durch zwei geteilt wird. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




THE LAST FIVE YEARS - "[...] Die Geschichte ist so einfach, wie sie nachvollziehbar und aufrichtig ist und ein Wechselbad schwieriger Entscheidungen und freudiger Verpflichtungen durch verzweigte Zeitlinien in Erinnerung ruft. LaGravenese hält seine Inszenierung dabei grundsätzlich im Rahmen und gibt sich nicht pompös, um seine Charaktere womöglich zu übertönen [...] Das gelingt mit Esprit und gewissen Kniffen der narrativen Verdichtung, die in ihrer Schlichtheit trotzdem Prätention vermeiden, da sie auf Zweisamkeit eingestellt bleiben. Weil der Film aber auch gewissenhaft seine Vorlage adaptiert und ausgesprochen flott bleibt, hält er manchmal zu kurz inne, um sich eine Pause zu gönnen. Aufgrund dessen spürt man als Zuschauer ebenso eine Erschöpfung, die ohnehin schon längst von der auflösenden Stabilität jener Ehe weiß und diese dramaturgisch nur abwarten kann. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




BLACK MASS - "[...] Die charakterlichen Details des Antihelden und seines Gefolges bleiben oberflächlich (undankbarer ergeht es nur dem weiblichen Ensemble), das Verharren auf dem Prinzip „Based on a true story“ resultiert zudem in einem trockenen Prozedere. Cooper tanzt anhand von Unwesentlichkeiten mit dem Konsens, hat aber einige Asse im Ärmel, die ihn vom bloßen Sidney-Lumet-Abklatsch abhalten [...] Die moralische Richtung hat jedoch einen roten Pfaden – nämlich den Selbstbetrug. Dies lässt nur bedingt Raum zur Identifikation, vermeidet jedoch zumindest die Glorifizierung des Untergrunds, wie es ein Martin Scorsese gerne hält und im Vergleich dennoch besser unterhält. [...] In dieser Erfahrung aber gewinnt am Ende beinahe ausschließlich das Historische, sprich die Grundlage für einen spannenden Stoff, der aber nur stückweise seinen Sinn ausleben darf. [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)

Sonntag, 10. November 2013

Tipps vom 04.11. - 10.11.2013



THE WRESTLER - Natürlich liebe ich den gutmütig-verbrauchten Giganten 'RAM', erst recht, da er 'BEYOND THE MAT' geht, wie es wohl jedem auf-/selbstopfernden Showmann mal geht (natürlich, wie man sieht, sogar Mickey Rourke selbst), auch seiner Seelenverwandten, der ebenso beinahe abgeschriebenen Stripperin Pam/Cassidy. Aronofsky geht mit ihnen so greifbar wie möglich auf Tuchfühlung, findet seinen emotionalen Realismus im grobkörnig-verknarzten 16mm-Format und stets folgender Handkamera.

Die tief innewohnende Tragik seiner Figuren, sowie deren Angst vor / Sehnsucht nach der Liebe trägt er aber auch nie überbordernd-dramatisiert vor sich her, schließlich bemühen diese sich als Showleute ja gründlich genug darum, sie zu verstecken, obwohl sie die feuchten Augen nur schwer aufhalten können, man als Zuschauer dabei jede einzelne Pore des Schmerzes nachvollziehen und im Nachhinein umso befreiter mit ihnen lachen kann - ein Kino der Bilder und Menschen, wie es im Buche steht.

Und auch ein Kino der energischen Wiedergutmachung, dem Drang zum glorreichen Aufbruch und zur herzlichen Anerkennung, ob vom Publikum oder vom am nächsten stehenden Mitmenschen. Never too old to root for the underdog...


 

HOW TO SURVIVE A PLAGUE - Nichts, was ich schreibe, könnte dem gerecht werden, was die Menschen in dieser Dokumentation, über den Kampf gegen AIDS und für den Drang nach Medikamenten & Heilmitteln, an Eigeninitiative gezeigt und zahlreiche, ignorante Hürden gemeistert haben. Ein kraftvolles, chronologisch-bestürzendes & inspirierendes Testament für die unsterbliche Kraft des humanistischen Geistes. 'ACT UP'.




SUNSHINE - 'Life in space is impossible.' Zwischen Ridley Scott's ALIEN und dem diesjährigen GRAVITY haben sich schon viele Filme diesem finsteren Umstand eindringlich genähert, ließen einen konzentrierten, konfliktreichen Nukleus an moralisch abwägenden Charakteren (sprich: Menschen) um Verantwortung, Angstbezwingung und Aufopferung im Angesicht des unbarmherzigen Kosmos-Vakuum kämpfen.

Danny Boyle's SUNSHINE stellt da keine Ausnahme dar und folgt zusammen mit Drehbuchschreiber Alex Garland nochmal gekonnt jene Genrepfade - nimmt dabei leider auch irgendwann ein Alien-artiges Monster in Kauf, welches stellvertretend für die Gnadenlosigkeit der Natur (oder jenem extraterristischen Äquivalent) unseren Astronauten das Leben noch schwerer macht, als es eigentlich schon ist.

 
Im Grunde wären die bloßen zwischenmenschlichen Konflikte im Ringen mit der Gefahr von aussen und innen genug Stoff, um den Narrativ streng packend voranzutreiben - aber zumindest bringt das 'Monster' dann doch offenbar einige abstrakte, übernatürlich-sinnesverzerrende Kräfte mit sich, die u.a. den Schicksals-unabdinglichen Payload in einen endlos-pechschwarzen Tunnel der Orientierungslosigkeit verwandeln (wie das Weltall selbt).

Und hier wird, wie im Gesamteindruck des Films deutlich, womit Boyle dem Zuschauer die atemlos-erdrückende Dimensionen des furchteinflößenden Weltenraums und der brodelnden Sonnenkraft spürbar nahebringt: die stark-ausgeprägte, audiovisuelle Emotionalisierung des Himmelfahrtskommandos, die in ihrer katharsischen Rauschkraft nur von wenigen Filmemachern derartig stimmig erreicht werden kann.


Ob man das nun als esoterischen Kitsch und Überdramatisierung sehen will, bleibt jedem selbst überlassen. Mir persönlich stiegen im stetigen Aufbau die kribbelnden, herzlichen Elementarteilchen der angespannten Nachempfindung ins Mark. Tolle Sache, wie die Wissenschaft des menschlichen Körpers, je nach Empfindsamkeit (und Sonnenschutzfaktor?) mit überdimensionalen und dramaturgisch überwältigend-konstruierten Science-Fiction-Stoffen korrespondieren kann!




DER LETZTE MOHIKANER - Ein überwältigendes, uramerikanisches Epos der Loyalität und Identitätssuche im Angesicht der Kolonialkriege - England gegen Frankreich auf amerikanischen Boden, beide im Kampf um die neue Heimat, zudem jeweils im Clinch mit den Statuten ihrer Länder und beide verbunden mit den Ureinwohnern Amerikas. Auf die Seite Englands schlagen sich die Mohikaner, auf die Seite Frankreichs die Huronen.

Im Mittelpunkt beider Parteien stehen Adoptivsöhne - Hawkeye/Nathaniel Poe (Daniel Day-Lewis), der sich mit den Engländern zusammenschließt und für immer in die Tochter des Colonels Munro, Cora (Madeline Stowe), verliebt und auf der französischen Seite Magua (Wes Studi), der nach blutiger Rache für seinen von den Engländern geschlachteten Stamm sinnt. Zwischen ihnen entscheidet sich im metaphorischen Sinne die Zukunft/Vergebung der neu formierten Nation und die unvermeidliche, opferreiche Adaption an diese. Frieden und Vernichtung stehen sich gegenüber.

Michael Mann schenkt dieser recht romantisierten, aber auch kompromisslosen Verfilmung des gleichnamigen Romans von James Fenimore Cooper nicht nur seine absolute, behutsame Hingabe in Sachen Bild- und Tongestaltung, sondern auch emotionaler Nachvollziehbarkeit sowie naturalistischer Härte. Ehre und Nobilität werden da natürlich zu den erhebenden Hauptcharakteristika des Gesamteindrucks, zusammen mit dem durchgehenden Titelthema des Scores.

Doch so wie uns dieses Thema begleitet, wie die Charaktere auf ihrer Odyssee, so finden auch wir uns zum Schluss unausweislich in der letzten, großen Entscheidung und erleben in ihrer vollen Konzentration die Bitterkeit der gesamten Reise nochmals in uns - besiegen diese mit einer derartig aufstrebenden Befreiung, dass auch der letzte von uns Zuschauern mit dem letzten Mohikaner und Hawkeye geeint ist. Identität: gefunden.




BEFORE THE DEVIL KNOWS YOU'RE DEAD -  Riskante und moralisch-ambivalente Entscheidungen zweier problembehafteter, einen-Weg-aus-der-Misere-suchender Brüder, welche sich selbst und ihre ganze Familie gegeneinander reiben - in einem durchweg finster-bitteren Drama mit methodischen Thriller-Elementen, welches in einem komplexen Wust an sich gegenseitig ergänzenden Rückblenden (im Vergleich zum schleppenden Prozedere des Films mit etwas zu energiegeladenen Übergängen) durchexerziert wird. Verantwortung, Vertrauen, Schuld, Betrug und Selbstbetrug gehen dabei Hand in Hand im fortwährend gen Abgrund fallenden Spannungsbogen des persönlichen Verlusts und des vermeintlichen, immer wieder zusammenbrechenden Wiederaufbaus.

Hinzu gesellt sich der Zwist zur Erwartungshaltung des Vaters beider Brüder, der ihnen im Gesamtverlauf ihrer beider Leben als omnipräsenter Schatten der Enttäuschung im Rücken steht. Schließlich findet dieser aus dem Nichts einen erschlagenden Beweis für ihre Schuld und lauert seinen Söhnen auf, die sogar schon unabhängig von seiner Präsenz oder dem Wissen um seinen heiklen Informationsstand besprechen, wie sie 'ihn' (bzw. das Karma im Angesicht ihrer verhängnisvollen Handlungen) zufriedenstellen, ihren Plan zu einem endgültigen, möglichst schnell umsetzbaren Ende verhelfen können - welches dennoch wie alles Vorherige nur im brachialen Chaos abebbt. Die Brüder entkommen dabei zunächst einer Strafe durch das Gesetz, doch der Vater spricht das ultimative Urteil gegen den Drahtzieher unter den Beiden, wandert sodann als komplett zerstörter Klotz ins heilig-leuchtende, katharsische und dennoch aussichtslos-verschwommene Tal - es bleibt offen, ob er seinem anderen, eher unschuldigeren & verführten Sohn eine ähnliche Strafe zukommen oder Vergebung walten lässt.

Im Gesamteindruck muss ich leider bemängeln, dass der Film in seiner Rückblendenstruktur nicht immer stimmig oder zielstrebig aufgebaut wirkt, den Zuschauer damit eher in eine beliebige Crime-Mystery-Haltung einführt, die nicht so recht mit den tief-eindringlichen Schicksalsschlägen der handelnden Figuren harmoniert, manchmal diese fast sogar trivialisiert [Warum z.B. die Ereignisse und Lebensbedingungen, die zu den Handlungen jener Protagonisten führten, im Nachhinein nochmal rückblickend darstellen, wenn sich diese Bedingungen im weiteren Verlauf nicht nur selbst erklären, sondern sich zudem noch nicht einmal zum Guten wenden, sogar beständig schlimmer werden?]. Ist mir persönlich etwas zuviel Puffer und lenkt doch manchmal ein bisschen vom dramatischen Hauptstrang ab.

Nichtsdestotrotz ist der scheußlich-unterkühlte und anspannungsreiche Pfad der sich immer tiefer ins Grab schaufelnden Brüder eine recht packende, erdrückende sowie höchst intensiv dargestellte Erfahrung (allen voran Philip Seymour Hoffman lässt seinen Kopf in demütiger, trübroter und schuldbewusst-wütender Scham auflaufen), die leider zum letzten Mal bewies, dass Sidney Lumet ein Meister seines dramaturgisch-inszenatorischen Fachs war.




THE FOUNTAIN - Die 3 Dimensionen der Heilung, des aufopferungsvollen Schmerzes auf den Weg dorthin (dürfte Hugh 'Wolverine' Jackman nur allzu bekannt sein) und der göttlich-gnädigen 'Wiederauferstehung' in der selig-metaphysischen Bezwingung der Krankheit Tod - schnörkellos-direkt (frei von jeder Suggestion, denn in anderen Filmen würde 1 Dimension schon als Narrativ reichen, die anderen 2 würden diesen höchstens als unausgespielte Metaebenen unterstützen), esoterisch-religiös gefärbt und in visionären, warmen Bilderfluten eingefangen.

THE FOUNTAIN trägt sein Anliegen mit voller Hingabe an den Zuschauer heran, gibt den Weg zu seiner Lösung und seiner Gefühle ohne Umstände und Interpretationsanstrengung frei. In dem Sinne ist er natürlich ein Stück simplistisch geprägt und macht mit seiner erhaben-behutsamen Bildgestaltung hauptsächlich ordentlich Luft für eine sphärische, sentimentale Gesamtfassung.

 
Da er allerdings nur in diesem Modus arbeitet, war es teilweise schwierig für mich, die dramatischen Höhen auch eindringlich nachzuempfinden, geschehen sie doch sowieso alle in einem kosmisch-zirkulären Gefüge des 'ewigen Lebens'. Aber das ist ja auch die beruhigende Aussage des Films: Leben und Tod liegen im Endeffekt harmonisch beieinander, Liebe und Seelen sind unsterblich und das Universum hilft uns dabei, ihm helfen zu wollen - Kharma, baby!

P.S.: Vieles an THE FOUNTAIN erinnerte mich an das Videospiel ETERNAL DARKNESS: SANITY'S REQUIEM von 2002 - empfehle ich jeden, mal anzuspielen, auch wenn dieselbe interdimensionale Reise in die Hölle und nicht in den Himmel, wie in Aronofsky's Werk, führt.




COLLATERAL - Auf geht's, kopfüber in die Nacht - vollkommen leichtfüßig-abgebrüht und verträumt (in das Bild vom Zufluchtsort der Insel und dem Meer, einem Lieblingsmotiv Mann's) kurvt Jamie Foxx als ganz otto-normaler L.A. Taxifahrer durch das urbane Neon-Paradies, als plötzlich ein adrett-gekleideter, mysteriöser Mann auf seiner Rückbank Platz und ihn fortwährend, zunächst mit Geld, dann mit Furcht und Waffengewalt, in Beschlag nimmt. Der entpuppt sich zudem als Auftragskiller, der von ihm durch die Gegend, von einer Zielperson zur nächsten, kutschiert werden will - eine erzwungene, aber zweckmäßige Symbiose, die unseren Cab-Man aber immer tiefer ins moralische Verderben reitet, so dass er bis zum Ende des Films kaum mehr das Morgengrauen erblicken kann.

Regisseur Michael Mann nutzte diesen hart-rastlosen Abstieg seines unschuldigen, permanent-herausgeforderten und schlussendlich gehetzt-konfrontativen Taxi-Drivers in die hinterlistige Nacht, um erstmals hauptsächlich mit der CineAlta so nah, roh und ungekünstelt in ihr umherzuwandern, einen bis dato im Kino unversuchten Grad an Naturalismus zu versuchen - welcher zwar als digitale Videoaufzeichnung bewusst befremdlich im Filmformat auffällt, aber dennoch einigen schnörkellosen Handheld-Grit vermitteln kann (lediglich der Soundtrack erscheint in der Hinsicht wohl teilweise overstated).

Er betrat mit diesem Film zwar technisches Neuland im Sinne der Kameraarbeit, passte aber nicht nur seinen alten, bewährten Modus der stilisierten Crime-Action daran an, sondern ließ u.a. auch seinen Protagonisten aus MANHUNTER, Profiler Will Graham, aus den dunklen Tiefen der amerikanischen Psyche, nochmals auferstehen. Nicht etwa, indem er einfach William Petersen wieder vor die Linse schleift, oh nein. Stattdessen verteilt er dessen Charakteristika auf 2 ebenso manische Figuren in COLLATERAL: der investigative, gerechtere Part des Graham taucht in Mark Ruffalo's adleräugigen Detective Fanning auf, der dem noch unbekannten Killer triebsam auf der Spur ist.

Die traumatisierte, melancholische Grauhaarigkeit des präzisen und vorausschauend-berechnenden Graham findet sich hingegen in Cruise's (recht ähnlich wie Petersen aussehenden) Charakter des rücksichtslos-kalten und dennoch durchweg menschlichen Auftragskillers Vincent wieder. Als ob Graham Jahre später nach seinem FBI-Einsatz und der damit verbundenen, ständigen Konfrontation mit Serienkillern und allerlei, endgültig in deren Welt einstieg - auch wenn er nach den Morden teils noch immer wie entgeistert auf die toten Körper seiner Opfer starrt, einschlägig-'telepathisch' nachvollziehen kann, was er ihnen angetan hat, 'antun musste', wie im Showdown von MANHUNTER.

Natürlich wurde er im Sinne dieser Geschichte zum Antagonisten umfunktioniert, der seinem blutigen Ziel für die Nacht wie ein einsamer, hungriger Wolf/Kojoten (einen Artgenossen sieht er zudem in den Straßen L.A.'s wild herumlaufen) rabiat folgt, am Ende damit aber auch eine recht tragische Figur darstellt, sobald er seinen abgestumpften, ziellos hetzenden Modus operandi endgültig aufgibt und mit der in den Horizont schlengelnden U-Bahn für immer in die unendlich erscheinende Nacht entschwindet. Mit dem Kopf nach unten gesenkt hinein in das Vergessen, ins Ende der Existenz, hinter ihm ein Pfad der materiellen und psychischen Zerstörung. Bitter!




THE LONG HAIR OF DEATH aka I LUNGHI CAPELLI DELLA MORTE - Ein gothisches Schauerstück aus der Zeit der Hexenverbrennung, welche den Hass der angeblichen Hexenfamilie Rochefort gegen die skrupellose Baronenfamilie Von Humboldt aufbringt. Barbara Steele als sorgsame Tochter Helen Rochefort will anfangs die Verbrennung ihrer unschuldigen Mutter verhindern, appelliert sodann beim Baron mit erzwungenem Körpereinsantz um deren Freilassung, die ihr letztendlich versagt bleibt. Am brennenden Pfahl belegt die Frau Mutter den adligen Stamm der selbsternannten Retter des Christentums mit einem ewigwährenden Fluch, wonach sich ihre kalte Asche mit dem allumfassenden Schwarz der Nacht verbündet. Vor steigender, abergläuberischer Angst schmeißt der Baron deren Tochter Helen dann sogar einen Wasserfall hinunter.


Jahre später heiratet sein chauvinistischer und selbstherrlicher Sohn Kurt die Schwester Helen's, Elizabeth, und durch die immer brutaleren Zustände gegen das Volk in dessen Reich beschwören sie eines Nachts die stürmischen Geister der Rache herauf, die Helen wieder zum Leben erwecken und sie als unerkannte Verführerin Marie in die Humboldt'sche Burg geleiten. Kurt verfällt ihrer Aura und vernachlässigt Elizabeth, konspiriert auch einen scheinbar gelungenen Giftmord an ihr, doch die Geister setzen zur ultimativen Strafe an und versetzen ihn in ein finsteres Labyrinth der perfiden Illusionen und übernatürlichen, tödlichen Machtspiele.

 
Margheriti liefert eine wahrlich stimmungsvolle Gruselmär in tief-kontrastreichem Schwarz-Weiß, welches innerhalb verbrauchter Burgmauern und flirrender Orgeln seinen delirischen Abstieg in den Wahnsinn findet. Die verengenden, höllischen Katakomben, welche in ihrer Architektur beschwörend fotografiert werden, konzentrieren die brutalen Intrigen Kurt's in eine treibend-hypnotische und erdrückende Schuldzuweisung alà Edgar Allan Poe. Diese Rache der Frauen ertränkt ihn und sein Gewissen in eine scheinbar unendliche Nacht der Verwirrung und rastlos-verfolgenden Offenbarungen, endet in einem schrill-grausamen Inferno, wie jenes, dass er einst über die Mutter der Rocheforts hineingebracht hat.


Wunderschön morbid-erotische und kompromisslos ummantelnd-schattenwerfende Euro-Gothika mit überwältigendem, unheilvoll-verätzenden Spukschloss-Charme. In Deutschland leider unveröffentlicht, in Italien als RARO VIDEO-DVD mit englischer und italienischer Tonspur erschienen.



DAS GEISTERGESICHT DER ROTEN DSCHUNKE - Gesichtet im Rahmen der BIZARRE CINEMA-Reihe des Metropolis Kino Hamburg, von einer schön verätzten, rotstichigen 16mm (?)-Kopie.

Vor ACT OF KILLING, LADY TERMINATOR, THE STABILIZER und MYSTICS IN BALI gab es aus dem Filmland Indonesien diese Koproduktion mit Hongkong - eine abstruse Martial-Arts-Odyssee im 'klassischen' Shawscope-Format - nur weit kostengünstiger - welche der gängigen Inszenierungsformel des HK-Eastern/Wuxias folgt (ZOOM - ZOOM - ZOOM), wieder mal Morricone-Musik aus 'SPIEL MIR...' und 'TODESMELODIE' plündert, hier allerdings mit der bizarren Folklore Indonesiens verknüpft.


So sehen wir schon in den ersten Sekunden unseren mythischen Helden 'GHOSTLY FACE', ein Mensch mit grotesker Horrormaske, herumreiten, der sich sodann in einige abstrus-akrobatische Gefechte verwickelt (welche mit klar durchschaubaren, dusseligen Wirework ausgeführt werden). Um seine Person herum entstehen Komplotte, Legenden und Racheschwüre - unter dem stets klaren Tageslicht-Himmel der Palmen und Jahrhunderte-alten Bauten von Bali. Strukturell macht der Film einige eigensinnige Entwicklungen durch - so nimmt eine heroische Rückblende unseres GHOSTLY FACE fast den gesamten Mittelteil ein, welcher sodann die dramatische Dimension des gesamten Geschehens recht effektiv-eindrücklich vermittelt. Hat Tarantino hier Notiz genommen? Und im Finale geschehen vor dem brutalen Showdown einige sehr schöne, merkwürdige Ausdruckstänze mit stilisierten Tierfiguren und sich-bewusst-selbst-verletzenden Schwertkämpfern. Wie im Rest des Films sprießt die Kultur Indonesiens hier aus jeder Pore.


So kommt es dann auch, dass neben den aberwitzigen Kampfchoreographien auch einige recht grotesk-plakative Splattermomente in das Geschehen reingestreut werden, die allerdings in ihrer plastischen Zweckmäßigkeit herrlich naiv aufs Zwerchfell schlagen, wie auch die verhonkte deutsche Synchro aus München (von Schier?) mit ihren hyperhölzernen Silbendreschereien. Und obwohl dadurch natürlich der Unterhaltungsfaktor besonders ins Auge sticht, möchte ich die exotisch-schwüle Aura des Films nicht unerwähnt lassen, welche eine spirituelle & psychotronische Metaebene suggeriert, die einem beständig Lust darauf macht, weiter in der Umgebung, der Geschichte und ihrer Mythologie herumzuforschen - wenn auch die Filmrisse unserer Fassung einige Orientierungs-raubende Sprünge durch die Augäpfel jagten.


War auf jeden Fall eine schöne und einmalige Erfahrung, so eine gewitzte Obskurität auf der Leinwand zu erleben, in Deutschland gibt es den Film aber auch zudem auf DVD und VHS, wenn auch offenbar gekürzt (was für jene Fassung im Metropolis auch gilt, schließlich weiß ich noch immer nicht, was mit dem macht-habenden Drahtzieher hinter dem Oberbösewicht zum Schluss hin passiert ist).




KING OF NEW YORK - Abel Ferrara hüllt seine nihilistische Gangster-Saga ins kühle, verkeimte Blau der Nacht, krönt Christopher Walken darin zum König von New York, welcher das Fundament der Herrschaft mit dem Samen des Verbrechens paart und mit Gewalt für 'geordnete' Verhältnisse sorgen will - geradezu mittelalterliche Zustände, denn auch Verrat in den eigenen Reihen bringt den Tod mit sich.

Auf der anderen Seite die Polizei, machtlos und manisch im Kampf gegen seine neue Weltordnung. Lassen sich blind vor Wut sodann dazu hinreißen, vollends mit ebenso rabiater Gewalt zurückzuschlagen; das Schlachtfeld ist eröffnet; diese Verkommenheit beider Seiten wird wütend von der Sintflut ertränkt, welche nur schwer das strömende Blut aller davonwischen kann.

Eine klassische, laute Moralentwertung durch den Mobster-Ethos, ummantelt vom Rap der Straße und transportiert in die dreckigen Heroin-Buroughs von NYC, wo zwischen Schwarzen, Iren, Latinos, Asiaten und Italo-Amerikanern nur Kugeln zur Vermittlung angesetzt werden können. Immer stetig, auch mit Handheld-Cam, hinunter in den Morast. Konsequent und ohne Zwischenstop: Gute Ware, netter Genrestoff.




THE IDES OF MARCH - Was entscheidet Wahlen wohl beinahe mehr als alles andere? Charme. Nicht nur in den USA, wo der Befreier-Charme von Obama den Sieg im Handumdrehen entschieden hatte, sondern auch im Rest der Welt (in Deutschlad wählen wir dennoch immer die griesgrämißten Anzüge in den Bundestag).

Und Charme ist auch hier die Wurzel des Narrativs, welcher von niemand geringeren als Playboy-Charmebolzen George Clooney im Regiestuhl 100%-ig stilsicher angeführt wird, der nicht nur sich selbst als volksnahen und weltmännischen Präsidentschaftskandidaten inszeniert, sondern auch noch Handsome-Boy Ryan Gosling als Protagonist an seine Seite stellt, der seine Ideale mit dessem Charme in seliger, rechtschaffener Einigkeit sieht. Als sich das ebenfalls charmante Mädel Evan Rachel Wood mit ihm kurzschließt (was sie schon länger vorhatte, denn 'beautiful people like to fuck each other') offenbart sich allerdings, dass hinter dem Clooney-Charme eine verhängnisvoll-perfide Seite steckt (ein gerissener Augenzwinker vom Regisseur ans eigene Image) und bewährte, vermeintliche Freundschaften sich als oberflächliche, erpresserische Machtspiele entlarven.

Wieder mal: 'Beautiful people like to fuck each other'...

Und so muss er auch (unter recht harten Konsequenzen) mit ihr brechen, denn der Charme des vermeintlich Guten, der sich in seine Ideologie eingenistet hat, treibt ihn rücksichtslos verblendet voran, die Wahl gewinnen zu wollen. Doch es hilft nichts, nicht mal sein natürlicher, redegewandter Charme kann ihn mehr aus der Bredouille raushelfen, weil man ihm schließlich unterstellt, für einen flüchtigen Moment nicht loyal gewesen zu sein. Dieser Vertrauensbruch zieht ihn zur Gegenseite rüber, wo er alles daran setzen will, seine früheren Götzenbilder in den Ruin zu treiben, Anakin-Skywalker-Style (auch in dem Sinne, wer aus seinem Umkreis dabei in Mitleidenschaft gezogen wird). Allerdings will nicht mal die 'dunkle Seite' seine Dienste und er wird im kalten, bitter-brutalen Wind der Verlorenen zurückgelassen.

So bleibt ihm nur noch ein Ausweg, abgeschnitten von jeder Unterstützung, das Gleichgewicht wiederherzustellen, mit einem Engagement, das er von Anfang an in sich hatte und nun ein neues Ventil in einer wütenderen Dimension findet. Wo die Machtspiele neugemischt werden, ohne die glättenden Schichten des Charmes, nur noch mit kaltschnäuziger Präzision - ein Wahlkampf um Wahrheit und Illusion, noch immer mit dem selben Ziel wie am Anfang der Geschichte. Wir erleben die Korrumption eines gutgläubigen Idealisten in ein berechnendes, zynisches und dennoch tieftragisch-enttäuschtes Wesen.

Der Charme hat seinen oberflächlichen Zauber verloren und der Gebrochene führt in seiner haltlosen Kampagne, abgeschnitten von seiner ursprünglichen Seele, die entscheidenden, opferreichen Schritte zum Karriereaufstieg seiner Mannschaft aus, Darth-Vader-Style. So funktioniert, hinter der hübsch-menschlichen Maskerade, Politik wirklich...

...und offenbar auch der essenzielle Handlungsstrang der Star-Wars-Prequels - charmant gespielte Partie, Clooney! :P

Sonntag, 11. August 2013

Tipps vom 05.08. - 11.08.2013



NIGHT OF THE HUNTED - Die wohl schönste, tragischste und packendste Liebesgeschichte, die ich seit langem genießen durfte!

Brigitte Lahaie, Dominique Journet und Catherine Greiner - hier werden sie zu zerbrechlichen, eindringlichen Leinwandgöttinnen, welche selbst die unsterbliche Falconetti stolz machen dürften. Sie wollen leben, lieben, den Moment für immer innehalten.

Doch ihr Schicksal holt sie ein - diese wunderbaren Geschöpfe, die man durchweg fest in seine Arme drücken will, werden uns weggenommen, sind verdammt (unfassbar intensiv) zu leiden:

Gefangen in diesem endlos-hohen, ausbruchssicheren Monolith des Vergessens, inmitten von Wolkenkratzerspießen der Großstadt - die Hölle auf Erden: erdrückende Korridore; spartanische Zimmer; Aussichten nach draußen ausschließlich bei Nacht; keine andere Menschenseele in Sicht, die einen befreien könnte.

Während sie komplett machtlos die Fähigkeit zum Leben verlieren, sich an ausgedachte Erinnerungen klammern müssen, zerbrechen und zerbrochen werden. Selbst der holde Retter aus der Aussenwelt kann nicht verhindern, welch unmenschliche Euthanasie mit ihnen dann getrieben wird. Doch er gibt nicht auf, auch wenn er seinen eigenen Verstand dafür verlieren muss...Hand in Hand in die Unendlichkeit...

Am Ende, bei der bittersüßen Erlösung dann, kann man nur plören.
Essenzielles, hypermenschliches Meisterwerk von Jean Rollin (R.I.P.).




VAMPYROS LESBOS - Eine hypnotische Liebesgeschichte, eingehüllt im Rot des Blutes, der Wollust, des Übernatürlich-Fremden, dass durch interdimensionale Glasscheiben, Tapetenformen, Deckengeflechte und vorallem hochsensible Sinnestore, in unsere Welt zu suppen versucht, für die Erfüllung dessen Sehnsüchte.

Hell erleuchtet von rot strahlenden Lampen und Kerzen, in lauen Swimmingpools und türkischen Striptease-Clubs schwelgend, feiern die makaber-mysteriösen Vampirdamen hier ihren Liebesrausch. Angeführt von der omnipräsent-betörenden Soledad Miranda als phantastisches Leitmotiv schafft Franco hier leidenschaftlich-traumhafte Euro-Magie, die seine unbelehrbar-egomanischen Männerfiguren nicht zu brechen vermag.

Der Übergang zu unserer Welt wird letzten Endes aber doch nicht vollzogen, so Leid es der menschlichen Protagonistin auch tut. Es darf einfach nicht sein (da ist sie noch zu sehr an die gesellschaftlichen Konventionen gebunden) - so endet auch diese Liebesgeschichte, ob nun real oder nur geträumt, tragisch.




DOWNTOWN - DIE NACKTEN PUPPEN DER UNTERWELT - Der pummelige Franco inszeniert sich selbst als hartgesotten-spruchreifen Hardboiled-Hero Al Pereira (gewitzt synchronisiert von Gerd Duwner, so dass die Niedlichkeit seines kleinwüchsigen Ulk-Detekivs umso drolliger wirkt), der sich in die drall-übersexte Cynthia (Lina Romay) verguckt, die in Nachtclubs strippt und in akzentreichem Englisch versaute Chansons säuselt (weniger wie die Monroe, mehr wie die Steeger ♥).

In einem schlüpfrig-blödeligen "Film Noir", der wohl kaum den ästhetischen Standarts des Genres gerecht wird, stattdessen auf saftig-versiffte Sex-Szenarien, bizarr-schrullige Off-Texte und lasziv-flapsige Flirt-Dialoge setzt, welche die sleazige Essenz der Mann/Frau-Verhältnisse solch altbekannter Detektivfilme schön plakativ und überaus körperbetont-exhibitionistisch herauskristallisiert, dabei oft ans Pornografische grenzt (nochmal ♥ ♥).

Aber auch eine höchstsympathische Entspanntheit strahlt der Film aus, innerhalb bunt-&-klobig-ausgestatteter Sets/Hotelzimmer und schwül-spanischer Urlaubsluft, die höchstens vom griesgrämigen Inspector Mendoza (Paul Müller) unterwandert wird, ihn aber gekonnt mit der nächsten, frivol-erregenden Sinnestat abweisen und läutern kann, zusammen mit dem verspielten Jazz-Geklimper des Soundtracks.

Zudem auch mit relativ süßen Szenen, in denen Franco ganz gemütlich mit Beni Cardoso (in der Rolle seiner Gelegenheitsdame Rita) im Bett liegt und über den Fall daherquasselt, innig und erwärmend. Witzigerweise ist sein Detektiv in der nächsten Szene aber, wie so oft, schon wieder komplett knülle.

Dieser Anachronismus geht dann auch gut einher mit dem ausserordentlich minimalistischen und mehr und mehr nebensächlich-inkonsequenten Krimi-Plot, dass man als Zuschauer stetig zum reinen Genießer, weniger zum Mitdenker des Geschehens wird...wenn man denn nichts gegen die 70er Jahre-typischen, einigermaßen behaarten Geschlechtsteile hat. Wer aber überhaupt bei diesem Film angekommen ist, dürfte sowieso schon längst daran gewöhnt sein und ihn folgerichtig richtig mögen.




EUGENIE DE SADE (DIE JUNGFRAU UND DIE PEITSCHE) - Maria Rohm liegt in ihrem Appartement herum und liest, mit einem verschmitzten Grinsen auf den Lippen, ein Buch vom Marquis de Sade (wie könnte es anders sein?). Ihre dunkelroten Gedankenzüge entfalten sich sodann auf der Leinwand - während Christopher Lee, augenzwinkernd zum Publikum, De Sade's Zeilen rezitiert, findet unter Mönchgesang die Opferung eines Mädchens statt - ihr wird das Herz rausgeschnitten und die Rohm langt als Erste zu, dessen frisch gezapftes Blut lustvoll zu verköstigen.

Inspiriert von diesen literarischen Sadismusfantasien, spielt sie die sinnliche Verführerin und lockt die unschuldige Eugenie (Marie Liljedahl) auf ihre dekadente Lustinsel, wo sie langsam, aber sicher in die Welt der Sinnlichkeit und unterwürfigen Perversionen hineingeführt wird - erst mit neckischen Fummeleien, dann mit Date-Rape-Drogen und Haschisch, unter den begierigen Blicken des offensichtlich impotent-devoten Jack Taylor - während die anderen, bereits-gebrochenen Untertanen der Beiden nur hilflos zuschauen können.

Bezeichnenderweise ist einer dieser bewährten Untertanen, Augustin, auch noch schwarz und muss widerwillig als Gitarre-spielendes Sextoy Rohm's herhalten, während Taylor meist ganz bubenhaft-verträumt, aber auch hinterlistig-selbstverliebt an den Jalousien herumspielt, die Bumsräume auch in gleißendes Rotlicht hüllt, während der Nicolai'sche Top-Easy-Listening-Score groovig-symphonisch dahinwabert.

Schließlich kommen noch andere Gäste (die Rohm's Folterfantasien entsprungen sind) auf die Insel, um ihre brutal-erotischen Greueltaten auszuspielen, was schon ziemlich deftige Ausmaße annimmt. Danach jedoch versichert Rohm ganz zärtlich ihrer Eugenie, dass sie diese Quälereien nur geträumt hat. Und tatsächlich: ihre zugetragenen Verletzungen sind verschwunden. Doch Traum und Wirklichkeit verschwimmen schlussendlich wie so oft bei Franco und ein Entkommen aus der Hölle, in die man sie hinterhältig hineingeworfen hat, scheint unmöglich.

Dabei setzt die gelungene Inszenierung vorallem dank der extremen, abgeschotteten Ausleuchtung auf die Aufbrechung der Dimensionen, eskalierend in einem infernalischen Finale, dass Eugenie - nackt und zerbrechlich - keinen Ausgang in ihre gewohnte Realität und Unschuld mehr zulässt. Auch geht jeder der Schauspieler in seiner Rolle wunderbar auf: Rohm als betörend-perfides Teufelsweib begeistert da am Meisten, bringt sie doch eine Lust und ein Körperbewusstsein in die niederträchtige Sphäre der Alptrauminsel, somit der zarten, unberührten Schönheit der blutjungen Marie Liljedahl in nichts nachsteht.

Die Männerfiguren sind wiederum meist der Lust der Frauen verfallen, trotten ihnen hinterher, quälen dafür aber auch nicht umso weniger besessen. Im Gegenteil, Christopher Lee, der zum Schluss hin als Herr zwischen Erde und Hölle steht, verdammt Eugenie auf ewiges Fegefeuer, nachdem er sogar die Folterung an seiner Jüngerin Rohm zugelassen hat.

Der lustvoll-ausschweifende Nihilismus ist dann auch so konsequent umgesetzt und auch noch recht ansprechend gestaltet, dass man hier wieder mal von einem gelungenen Franco-Frühwerk sprechen kann. 1975 sollte noch ein weiterer EUGENIE-Film von ihm folgen (den er schon 1970 drehte), diesmal mit Soledad Miranda in der Hauptrolle. Ich bin hochgespannt :)




MARQUIS DE SADE - JUSTINE - Eingeschlossen im lichtdurchfluteten Kerker entbrennt in Marquis de Sade's (Klaus Kinski) Geisteszustand ein "pompöser" Fieberwahn (angetrieben durch den abenteuerlichen Bruno-Nicolai-Score), bringt Frauengeister in Ketten und bunten Lichtern zum Vorschein - schon setzt er mit der Schreibfeder zu seiner neuesten Geschichte an. Stellt Franco sich hier in seinem eigenen kreativen Schaffensprozess dar? Schließlich kann man davon ausgehen, dass er sich am Ehesten mit dem französischen Erotik-Schriftsteller identifizierte, verfilmte er nicht nur einmal dessen Geschichten, begnügte sich auch desöfteren etlicher Sadomaso-Elemente seines Werkes.

In diesem Fall bringt er allerdings eine relativ leichtlebige Geschichte auf die Leinwand. Romina Power als titelgebende JUSTINE erlebt liebestolle Barockabenteuer in einem recht kurzweiligen Tempo. Wirkt dabei so naiv, unbeholfen und unschuldig (Franco meinte einmal, sie sei eine noch schlechtere Schauspielerin als Sabrina Siani - meine Meinung: wirklich überzeugend ist sie nicht) neben den anderen, aufgedreht-überzeichneten Charakteren, die sie auf ihrem Wege trifft (allen voran: Horst Frank, Howard Vernon mit Paganini-Perücke und ein delirierend-besoffener Jack Palance), welche alle sehnsüchtigst um ihren jungfräulichen Körper buhlen, ausgedrückt in schlicht-ulkiger Geilheit bis hin zur lustvollen Folter, dass man sich wahlweise an ein Jack-London-Jugendabenteuer, ein Coming-of-Age-Märchen oder eine Decameron-Geschichte erinnert fühlt - mit der ein oder anderen, perfiden Intrige, Brandmarkung oder Nadelpiekserei.

Die (offenbar ziemlich originalgetreue) Gestaltung des Films ist sogar recht angenehm für's Auge, authentisch ausgestattet (dank Harry Alan Towers' Finanzspritze) und solide fotografiert, lässt aber auch Raum für die Franco-typische Handschrift - nennenswert seien da natürlich die wilden Fieberfantasien Kinski's, die "extremsten" Episoden von Justine's Körpererfahrungen durch Jack Palance's geile Mönche, als auch die Bordell-Abenteuer von Justine's Schwester Juliette, gespielt von der obligatorischen, zeigefreudigen und hier auch lustvoll-rabiaten Maria Rohm.

Insgesamt bietet sich hier ein unterhaltsam-abwechslungsreicher und genüsslich-frivoler Streich um die Lösung der Virgin-Angst an, auf der Suche nach der ultimativen Lust und der wahren Liebe, in einer herrlich verkommenen Spritzer-Welt.




DIE VERGEWALTIGUNG DES VAMPIRS - Recht pessimistisches Vampirdrama und Debütfilm von Jean Rollin, in 2 Teilen. Wie die missverstandenen Kreaturen von der intoleranten Dorfgemeinschaft gejagt und getötet, schließlich durch ihre machthungrige Vampir-Königin wiedererweckt, doch wie Ausgestoßene von ihren veblendeten Artgenossen verachtet werden, sodass sie auch aktiv an einer Heilung vom Vampirismus arbeiten, doch für ihren Verrat unbarmherzig gequält werden, präsentiert sich unhaltbar brutal und tragisch - bis die Gepeinigten schlussendlich zurückschlagen, aber feststellen müssen, dass ihr vermeintliches Gegenmittel Vampire tötet und somit keine Chance auf Heilung mehr besteht.

Konsequent apokalyptisch und entmystifizierend, die Stimmung dieser vom Chaos der 68er-Studentenunruhen beeinflusste Genreperle - wird auch durch die kakophon-zerbrechende Musikuntermalung und der expressionistisch-düsteren Kamera- & Schnittgestaltung hervorgehoben.
Im Gegensatz zu späteren Rollin-Vampirgeschichten zum Hineinträumen denkbar ungeeignet, eher verstörend und verbitternd. Dennoch unbedingt sehenswerte Untoten-Tragödie!




TRANCE - ist recht wunderbar misslungen, da die audiovisuelle Gestaltung Boyle's eine ausserordentlich-artifizielle Beglückung hervorzaubern kann, obwohl die narrative Ebene unnötig verkompliziert, bemüht-logisch und letztendlich doch widersprüchlich entworfen ist.

Hinzu kommt, dass sich der Film zwar nur um reine Trickserei und Rollenspiele dreht, dann aber einige reißerische, "große Charakterentwicklungen" hineinzwängen will, die aufgrund der leidlich packenden (dennoch mit verschenktem Potenzial versehenen) Figuren aber häufiger im Sand verlaufen - was umso schader ist, da der Film im Verlauf deutlich Frauen-zentrierter erzählt wird.
Sinniger wäre gewesen, die vielen unnötigen Plottwists einfach rauszulassen oder auf ein Minimum zu reduzieren, da sie den Zuschauer doch eher von dem eigentlichen Genuss des Hypnose-Konzepts, zur Auffindung eines Gemäldes, ablenken.

Rollenspiele und suggerierte Fantasien (auch erotische), dank denen McAvoy in seinen Erinnerungen lockerer wird, wo sich die Gangster für seinen Komfort mal benehmen und ihm auch Schwäche vortäuschen müssen: das macht den eigentlichen Spaß des Films aus. Und passt zum schelmisch-bubenhaften Charakter McAvoy's, um dessen Erinnerungen gebuhlt wird.

Sein naiv-beschwingtes Bubentum spiegelt sich dann auch in Boyle's Inszenierung wieder, die auf wunderbar-verschrobene Kamerawinkel und einen sphärisch-treibenden, höchst-emotionalen Soundtrack setzt. Welcher in seiner teils schwebenden Ambient-Elegie besonders schön die Erlösung aus den Hypnosesitzungen akzentuiert. So entstehen einige wunderbar rauschhafte Sequenzen, die dann jedoch darauffolgend vom aufdringlichen, Mindfuck-versessenen Plot abgeknickt werden, die bezeichnenderweise McAvoy's Charakter vollkommen ins Perfide umkrempeln, Boyle somit auch ein Stück "kastrieren".

Die Intention hinter diesen Wendungen wird schnell ersichtlich, werden doch durch das phantastische Verwirrspiel verschrobener Gedächtnisdimensionen und die damit verbundenen, extremen Körperhorror-Schocks sowie bizarren Erotik-Wunscherfüllungen (Rosario Dawson: WOW!) Erinnerungen an das Kino David Cronenberg's hervorgerufen.

So kommen dann auch viele bekannte Elemente aus Werken wie CRASH, eXistenZ, NAKED LUNCH, EINE DUNKLE BEGIERDE und vorallem EASTERN PROMISES zusammen - dem Film, der das moderne London und dessen Doppelbödigkeit durch die Augen Cronenberg's zeigte, ebenfalls mit Vincent Cassel als Gangster mit Herz. Doch Boyle's Hommagen an PROMISES (allen voran dessen Thriller-Elemente) in diesem, SEINEN London-Film, arbeiten leider eher gegen die eigentliche Schönheit von TRANCE - welche zwar dennoch sehr oft und schön zum Vorschein kommt und begeistert, aber durch frustrierende narrative Zwischenstopps und Sackgassen geschmälert wird. Wunderbar misslungen eben.




MEAN GIRLS - Lohan, Seyfried, McAdams, Fey, Caplan, Poehler: *schwärm* ♥




YOUR VICE IS A LOCKED ROOM AND ONLY I HAVE THE KEY - Man mag sich nicht sofort mit dem vermieften Sadistico-Assi und seiner Prügelopfer-Frau als Protagonisten anfreunden, aber der weltgrößte Bruno-Nicolai-Score lässt schon erahnen, dass Hilfe auf dem Weg ist:

Die unübertreffliche Edwige Fenech, die einfach jedem sein Leben (vermeintlich) verbessert - wie Milla Jovovich in dieser einen EINE SCHRECKLICH NETTE FAMILIE-Folge. Na gut, Ivan Rassimov mit Lagerfeld-Haarhelm hätt's sowieso nicht gebracht.

Und trotzdem muss jemand wieder Stunk machen, da werden links und rechts Leute aufgeschlitzt, Katzenaugen ausgestochen, ein Teller voller Augen serviert, der Assi und seine Frau können sich noch immer nicht ab, etc.

Doch alles endet in einer schön verspielten Twistigkeit, wie es Martino schon (besser) in DER KILLER VON WIEN gelungen war. Und kann wie immer, neben einer ansprechenden Inszenierung und einer gewissen Spannung, mit einer ausgiebig-nackten Fenech punkten. Nettes Giallöchen.