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Sonntag, 29. Januar 2017

Tipps vom 23.01. - 29.01.2017


LLbb LLssrr,

habt keine Angst vor den doppelten Konsonanten in der Betreffzeile, denn ab und an ist es ganz normal, einen Doppelten zu schieben (und ich meine damit nicht explizit, sich einen Doppelten hinter die Binde zu kippen). In diesem Sinne möchte man sich dieser Tage ja auch gerne eine zweite Welt wünschen, manche am liebsten gleich #AlternativeFakten, einige haben schon den #Brexit, andere wollen den #Calexit, aber machen wir uns nichts vor, Hashtag-Bros, selbst wenn wir auch zeitweilig in die Zwischenwelt des Films einsteigen dürfen: Diese Woche förderte am laufenden Band Neuigkeiten zutage, die auf halber Backe von Schwachmaten mit fingiert-multipliziertem Status, doch fern durchdachter Menschlichkeit sowie auf ein Gros an paranoiden Versprechungen zugeschnitten unterzeichnet wurden, welche die knappe Hälfte einer Nation an Verunsicherten auch noch auserkoren hatten und in Zukunft wahrscheinlich mehr als doppelt zurückbekommen. Mit wem fängt der Krieg als erstes an? Mit dem eigenen Volk und seiner Verfassung, mit Russland, mit China, mit Mexiko, mit dem Iran, mit Kanada? Welche Werte darf man dann verdoppeln oder halbieren, wenn es nicht schon sofort Milliarden an Steuern frisst? Gerade am Freitag erst gedachte man hierzulande zudem einer Anzahl von bis zu 6,3 Millionen Opfern des Holocaust, doch im Endeffekt wurde sich mehr auf den einzelnen Querulanten konzentriert, auf die halbe Wurst emotionaler Skrupellosigkeit, die sich ebenso nur mit Zahlen programmieren kann, Kapital aus der Verblendung anderer schlägt und mit der Parteiführung einen eigenen Kreml bauen will. Auf der anderen Hälfte des derzeitigen Spektrums wird es aber immerhin nicht minder lautstark und da wird der Einzelne auch als Ganzes gewertet, je nachdem als Widerstand zu einer singulären Welt, die kaum gespaltener jeden Tag eine neue Runde macht. Die Erde macht da keine halben Sachen, auch keinen Nitroboost, auf ihr kommt aber manch einer schneller bei sich und anderen an, ein anderer bleibt wieder auf unbestimmte Zeit stecken.



Was mir persönlich als Nächstes bevorsteht, muss z.B. auch mindestens zwei Wochen für die Behandlung von vier Zähnen auf sich warten lassen, während in der Zwischenzeit zwei Filmabende unter Freunden in Folge auf dem Plan standen, der Output an Geschriebenem daraus auch locker die Menge der vorherigeren Ausgabe verdoppelt. Bei solchen Mustern an Zahlen wünscht man sich allmählich auch echte Zufälle – und siehe da, es gab Überraschungen, wenn auch mit Vorlagen, die subsequent erfüllt wurden. Angebot und Nachfrage haben im gesamten Ensemble der hiesigen Besprechungen Bestand, aber man, es ist schon kaum von dieser Welt, wenn man sich nach knapp einer Stunde „Good Burger“ wünscht, dass eigentlich auch mal ein Hund auftauchen müsste und just eine Minute später genau das im Megaformat passiert! Oder dass man in einem New-York-Film jemanden als John-Goodman-Imitat belächelt, im nächsten NYC-Streifen dann unverhofft ein Auftritt des echten Goodman vonstatten geht. Die Welt legt sich im eigenen Kreise die besten Witze zurecht, aber ob's das Leiden ringsum halbiert, kommt noch auf den Prüfstand - insbesondere, wenn der Verlust von John Hurt und Emmanuelle Riva quasi simultan betrauert werden musste. Eine Abwägung mit dem folgenden Filmgut wäre jedenfalls nichts für ungut, so wie dort auf die versteckten Gemeinsamkeiten im Untergrund der Schmerzen oder im Triumph des Herzens hingewiesen wird, konkurrierende wie kongruente Lebensmodelle auf die Erlösung hoffen oder den Erdball zu zweit richten/errichten. Kommunikation, Wahrheit, Tanz, Paarung, Entkopplung und Tod – klingt fast schon wie eine Anleitung, ist auf jeden Fall eine exemplarische Gegendemo zur Gegenwart, deren Sadismus nirgends ausgeklammert wird, aber gezähmt werden kann, schließlich sind die Werke innerhalb der jüngeren Klammer älter als ich und haben seitdem mehrere Krisen überlebt. Vielleicht lernt man daraus ja auch, wie. Vorerst aber noch die Ergebnisse neuester Umfragen zu den vor kurzem angekündigten Oscar-Nominierungen:




Solche Ergebnisse lassen sich doch sehen, ich wünsche uns allen sowie genannten Filmen und Toten viel Glück, nun aber erst mal viel Spaß beim Lesen und Entdecken unter ausgewählter Schreibfertigkeit meinerseits:




Schau mal an: Eine auf leichtem Fuße aufbrechende Studie zerstörerischer Eitelkeit legt ihre Schienen binnen „Listen up Philip“ zurecht und ruft mit bewusst trügerischer Wärme zu sich. Alex Ross Perrys Vorgängerfilm zu „Queen of Earth“ bewährt sich insofern bereits als Schmuggler komplexer Psychologie, wenn von außen die wohlige NYC-Hipster-Mumblecore-Komödie markiert wird und eingangs dafür urbane Neurosen um flotte (wirklich tolle bis grausame) Pointen buhlen lässt, im Querverweis auf Folgen und Rückwirkungen des Egos jedoch eine Misere in der Dauerschleife offenbart, binnen derer sich zudem oftmals vom Zentrum des Autors distanziert wird. Autor bedeutet in dem Sinne die Spiegeleinheit von Philip Lewis (Jason Schwartzman) und Ike Zimmerman (Jonathan Pryce), ein Wesen aus Vorbildfunktion, Abhängigkeit und Ehrfurcht, das sich am gegenseitigen Aufbau der Kunstfertigkeit eine Freundschaft fingiert, letzteren Faktor eben nur künstlich vorleben kann, selbst face-to-face eher Phantomen des Gegenüber zuspricht, wenn man sich zur Analyse der Menschenkenntnis eisern an Muster klemmt. Das zeigt sich schon im Umgang mit dem Stellenwert des eigenen Werkes, auf beider Seiten im permanenten Vergleich mit Erfolgen von einst und somit als intellektuelle Währung gehandelt, mal ungefragt zur Schau angeordnet oder mal des spontanen Selbstmitleids wegen eingemottet – selbst wenn das Exil weg von künstlerischen Regelmäßigkeiten auf dem Stundenplan steht, konstruiert sich da ein Mantra zusammen. Krasser zeigt sich das dann allerdings in Beziehungsfragen, die via brutalen Schlagfertigkeiten abgeklärt werden und im Geltungszwang stets auf Charakterentlarvung aus sind, dass das Funktionale auf der Strecke bleibt, solange jemand wie Philip auch dauernd dem Disfunktionalen begegnen will, Ex-Geliebte aufsucht, es aber umso stimmiger empfindet, fürs eigene Schaffen die Isolation zu suchen und Bedürfnisse der Zuneigung zurückzulassen, die sich eh schon von ihm zu lösen versuchen. Dass er sich selbst in dem Status einnisten kann, ist da nur stimmig. Perry bringt den Schaffensprozess als ambivalentes Krebsgeschwür auf den Punkt, eben als Findungsdrang binnen forcierter Entsagung, dem er im Verlauf nicht jedem anrechnen wird oder zumindest als Pfad zur Selbstreflexion anlegt, so auch in der Stilisierung seinerseits das Innere und Äußere in behutsamer Balance ausspricht, aus der das jeweilige Individuum sein vergängliches Glück zu erfahren vermag.


Glück an sich ist hier eben auch verstärkt Theorie, beispielsweise in Freundin Ashley (Elisabeth Moss) und ihrer (selbst unter Freunden) choreographierenden Beauty-Fotografie zur Debatte gestellt, die ihr Leidwesen auf kommunikativer Ebene bis in den Nagellack hinein zweckmäßig übertüncht, bis sie allerdings gar nicht mehr zum Sprechen kommt. Der Verschluss ballt sich als deutlicher Vorbote zur „Queen“ zudem in Rückblenden des Miteinanders, das seinen Stolz erst durchspielen muss, ehe er nur noch halbgar ankommt, so dass die Dimensionen des Leidens als ständiger Begleiter durchscheinen, beinahe eine Zelle der Sicherheit ergeben und so auch von Philip in seine Mitmenschen hinein suggeriert werden. Seine traumatische Verarbeitung hat sich mit diesem Umgang arrangiert, die Lasten kommen dann auch über die Stimme des Erzählers (Eric Bogosian) zur Geltung, der sich im literarischen Pflichtgefühl ebenso an jeden heftet, gleichsam mitansehen darf, wie bestenfalls doch noch eine Abkopplung von den unnahbaren Gefühlskraken Philip/Ike stattfindet - die Abhängigkeiten der Kunst pendeln eben ohnehin zwischen Sadismus und Masochismus. Bestimmte wie berechtigte Dosen an Narzissmus sind für die Emanzipation omnipräsent vonnöten - ob nun bei Ikes Tochter Melanie (Krysten Ritter) oder Philips kurzzeitig neuer Flamme Yvette (Joséphine de La Baume) - und an Innigkeit mit dem Einzelnen spart Perry erst recht nicht, wenn er die Sinnlichkeit des Gesichts formatfüllend skaliert, herbstliche Farbpaletten und die sanfte Melancholie des Jazz auf die Boheme legt, aber auch konterkarierend turbulent schneidet, in der ausformulierten Überhöhung von Angst und Misanthropie ein Höchstmaß ironischer Schlichtheit bezeugt. Auch daraus entsteht ein vollgepacktes Netz an emotionaler Beobachtung in jenen Phasen der Ehre zum Ego, in denen Zweisamkeiten ein schweres Los ziehen und doch den stärksten Einfluss haben, (brillant schöne) Groupies sowie die längsten Zigarren ever zum (Selbst-)Feiern herbei rufen und die Erkenntnis zur Schwäche vermeiden, bis der kreative Output, die Karriere oder gar die Anschaffung einer drolligen Katze wieder eine Katharsis auf Zeit installiert. Mit dem hier vorgelegten Tempo ist die Tristesse eben nimmer aufgehoben, die Sehnsucht zur Kompensation bewährt sich da aber umso differenzierter als Urheber fürs Verständnis untereinander, selbst wenn die verknüpfende Kunst als Folter/Selbstgeißelung mit Stil aufschlägt.




Wenn man allein der Filmwelt nach urteilt, war New York City binnen der 80er Jahre der Hort für menschliche Müllkippen schlechthin, folgerichtig oftmals auch das Ventil für eine Leinwandselbstjustiz, die sich dramaturgisch nur allzu willig in die Horrorzone hochschaukeln konnte. „Streetwalkin' – Auf den Straßen von Manhattan“ geizt ebenso nicht mit Eskalationen, macht die Untiefen urbaner Erfahrung aber weniger am Reißertum mit Showfaktor, als an einer Studie erdrückender Nachtstationen fest. Potenzial für ersteres wäre durchaus vorhanden (es gibt schließlich einen knackigen Titelsong), sobald man die junge Cookie (Melissa Leo) inklusive Bruderherz Tim (Randall Batinkoff) auf der Flucht von ihrem misshandelnden Vater bis hin zur vermeintlich gütigen Aufnahme durch Zuhälter Duke (Dale Midkiff) kennenlernt. Da werden jedoch explizite Szenarien vermieden, stattdessen Charaktere und Ambiente als Ausdruck einer Verzweiflung angewendet, welche die keimige Kälte der Nacht mit Neonlicht aufzuwärmen versuchen, in knappen Kleidern den Monetenfang einstudieren und die Abhängigkeiten des Kapitals vom kleinsten Nenner aus durchhalten, bis dem Gönner vor Gier der Kragen platzt. Regisseurin Joan Freeman lässt dementsprechend jede Romantisierung weg, ebenso jedweden moralischen Erklärungsbedarf, wie solch eine Rutsche ins System passiert, wenn es so schon symptomatisch Amerika repräsentiert. Stattdessen folgt man dem kollegialen Umfeld unter Damen der Nacht in den Umgang mit gegebenen Strukturen, gefolgt von der Fassade eines regulären Feierabends zwischen Wohnung und Kneipe, ehe die Ausstiegsbemühungen den Missbrauch durch Duke auf den Plan rufen. Der ist halt eine miese Type konzentrierter Tobsucht, mit solch brutaler Eminenz gecastet, dass sich jede Glühbirne drum herum mit Blut füllt und in Kürze explodiert. Als Konter dazu ist Cookie effektiv und gleichsam funktionell das Herz der Unschuld, à la „Angel“ im Milieu mit beinahe jedem unbedingt verkumpelt und im Beruf trotzdem nicht der Enthaltsamkeit verpflichtet. Freeman brutalisiert ihre reizvolle Freizügigkeit dann auch nicht, schwenkt aber sodann von der falschen Liebe Dukes zu ihr in dessen Opfer rüber, die sie im konstant um Gnade flehenden Treueschwur zum Brötchengeber noch zu retten versucht.
 

Treue ist insgesamt natürlich das kollektive Spielzeug in jenen Kreisen, weshalb Cookie nach dem Besuch der Notaufnahme genauso professionell weiter schuftet und sich bei Mitstreitern (u.a. Julie Newmar als Queen Bee) locker machen kann, im Hintergrund aber schon die nicht minder gnadenlose Konkurrenz um die Unabhängigkeit von Duke bittet, während dieser in den Clubs schon neue Beute ausspäht, per Angebot und Nachfrage die Ware seiner Geschäftsrivalen abspenstig macht. Insofern entsteht kein narrativer Drang, der Rache und Katharsis nachzuspüren, wie es ein geradlinigerer Zeitgenosse an Film konstruiert hätte, vielmehr der Einblick in die Methodik der Ausbeutung, in dem trotzdem ein Sleazefaktor von Genre-Wegen her vergegenwärtigt wird, pulsierende Synths auf Absturztypen und Eingeschüchterte blicken, in denen die wilde Bestie Duke mehr und mehr um sich schlägt. Das Lokalkolorit leitet die bröckelnde Moral sowie den Zuschauer mit immer tieferen Einschnitten voran, macht gleichsam auf Kurioses und Alltägliches binnen des Strichs der Sünde aufmerksam, doch der destruktive Terror Dukes wird zum punktgenau furchterregenden Höhepunkt des Ganzen. Das Finale dazu ergibt trotz jener Vorlage ein Überraschungsei an Intensität und durch das Talent Melissa Leos erst recht eine Feuerprobe der Verletzlichkeit, die im Low-Budget-Rahmen des Films umso näher ankommt, die Spannungen im Charakterdrama so bitter aufkochen lässt, wie man sich auf den Straßen von Steven Fierbergs Bildern ohnehin sofort verloren fühlt, wenn in der Dunkelheit kaum eine Menschenseele zur Hilfe kommt und Duke einen aus der Slasher-Perspektive heraus anpackt. „Streewalkin'“ hat eben auch die Dynamik des Genres in den Knochen, zwischenmenschliche Ängste sowie Netze an Selbstaufgabe und Selbstbewährung aber erst recht im Griff, wobei er Gesprächsstoff zu Geschlechterverhältnissen und Berufsethiken ebenso beiläufig mitliefert. Bei den zynischen Zeiten, die der Film durchlebt, seien Zartbesaitete vorgewarnt, ebenso hat sich nicht jede Darstellung mit Feingefühl ausgestattet, doch wo sonst wenn nicht hier hat die Grobheit ihren Platz und vor allem diese starke Wirkung Richtung (bezeichnend fix abgeblendeten) Sonnenaufgang in einem Amerika, das so seit jeher gar nicht mal versteckt agiert?




Die Geschichte vom „Doppelten Lottchen“ via Kästner gilt schon länger als Quelle für Filmstoffe, die sich eineiige Duos auf die Plakate drucken wollen, im Zelluloid selbst dann verstärkt auf das Spiel an Verwechslungen und kuriosen Gemeinsamkeiten bauen. Jene Treffen unverhoffter Verwandtschaften ergeben bei Van Damme schon die halbe Karriere, umso drolliger geht die Variante dann aber doch mit Lindsay Lohan runter, die in „Ein Zwilling kommt selten allein“ ihr Debüt gab und dafür gleich eine zweifache Leistung an blödeligen Grimassen und Sommersprossen-Streichen vor den computergesteuerten Kameras von Nancy Meyers ablieferte. Warum die Kindersause dann auch gleich an die zwei Stunden dauern musste, fragt man sich zumindest erst ab dem dritten Akt nachgeholter Rom-Com-Gefälligkeiten für die Eltern im Publikum – vorher allerdings tobt die Zweisamkeit zwischen Hallie und Annie im Feriencamp und prankt sich mit überlegenem Grinsen allmählich zu Schwesterherzen zusammen, die ihre vormals getrennten Wesen so ausformuliert sowie mit einem Blankocheck an Zufällen verschmelzen, dass das Pendel zwischen Sentiment und Honkigkeit den Freitod wählt. „Der süße Leo DiCaprio“ weiß das zu schätzen. Im kindlichen Geiste wird dann auch der umständliche Plan geboren, die Plätze zu tauschen und so die bislang verschollen geglaubten Elternteile kennenzulernen, wofür man sich auch mal der perfekten Täuschung wegen in beachtlich sadistischer Sequenz die Ohren pierct. Es ist alles so selbstverständlich wie die zuschauerfreundlichen Selbstgespräche Richtung Situationskomik, die Soundtrack-Einlagen voller 90's Hits als Musical-Ersatz inklusive Klamotten-Montage, die nachgeholten Zeitlupen zur Gewichtung glückseligen Wiedersehens oder der Glaube vonseiten der Dramaturgie, dass sich ein Kontrast ergibt, wenn man zwei wohlhabende und endfreundliche Elternteile als Lebensmodelle gegenüberstellt. Bei Elizabeth James (Natasha Richardson) könnte insofern „Mary Poppins“ einziehen, während Nicholas Parker (Dennis Quaid) auf seinem Weingut den permanenten Grinsemann abgibt.


Das Glück der Mädels spiegelt sich dann auch in Dialogen wider, die alle halbe Sekunde die Katze aus dem Sack rauszulassen drohen und den Zuschauer mit Doppeldeutigkeiten überschwemmen, wobei der Frieden aber dann doch eher dadurch gestört wird, dass sich eine fiese Cruella de Vil namens Meredith (Elaine Hendrix) an Parker heranzumachen versucht, während die kleinen Details den Austausch der Mädels allmählich verraten. Kein Grund zur Panik, aber zum lang ersehnten Treffen in klassischer Slapstick-Manier, das sich im Hotel voller Irrungen, Wirrungen und verwunderter Visagen eine Ladung Wodka gönnt, teilweise zig-fache Aufdeckungen am Stück in eine Szene steckt. Mensch, was macht das Laune, geht Nancy Meyers öfters so einladend knuffig mit ihren Stoffen um? Da könnte gerne auch schon Schluss sein, doch genau dann erscheint es nicht mehr so zufällig, dass sich Quaids Rollenname verdächtig nach Nicholas Sparks anhört. Die erneute Verkupplung von Nick und Elizabeth steht auf dem Spiel und schwelgt hin- und hergerissen in Erinnerungen, weshalb noch ein Camping-Trip voller Streiche sowie eine verlängerte Aussprache im Weinkeller nötig sind, um die Spannungskurve künstlich zu verlängern. Immerhin, Frechheit siegt und kuschelt sich in die voll ausgekostete Familienunterhaltung ein, obgleich aus den vorhandenen Charakterschablonen nur wenige Merkmale hängen bleiben: An manche Sachen erinnern sich unsere Leute nur schwammig, an andere ganz genau (man glaubt nicht, wie viele Dialoge so verlaufen!); warum es überhaupt eine Trennung gab, hängt sehr vage im Raum; Merediths Dad sieht aus wie Tom Hanks als „Sully“, nur ohne Bart; die jeweiligen Hilfskräfte aus gutem Hause verknallen sich ineinander; Hallie und Annie werden zum Spitzenteam emotionaler Erpressung, sobald es sich die Verhandlungen unter den geschiedenen Elternteilen zu schwer machen. Selbst dann bleibt immer noch die Frage offen, warum Frau Mutter ihre eine Tochter von London aus ins selbe Feriencamp mit der kalifornischen Zwillingsschwester geschickt hatte. Egal, Hauptsache, der Film hier ist x-mal lebhafter und kecker als die Faschos „Hanni und Nanni“.



Ein-Satz-Kritiken für zwischendurch! 

„Der Höllentrip“ - Ken Russells US-Debüt dämpft dessen sinnliche Kompromisslosigkeit, geilt sich dennoch wie bei keinem anderen am Bilderrausch der Psyche auf, wo hinter dem Grundpfosten an Religion und Zivilisation das Tier im Manne mit anschließenden Dimensionen des Nichts aufwartet, in verschlingender Virtuosität auch so gut es geht die aufgedunsene Rhetorik in Paddy Chayefskys Drehbuch überfliegt, trotzdem nach abgestandenem Sci-Fi-Pulp riecht.

„Wanderlust – Der Trip ihres Lebens“ - Paul Rudd ist als Versager und verhaltener Spießer wie eh und je grundsympathisch, die Hippie-vs-Yuppie-Komödie drum herum teils zu stark aufs Impro-Mäandern à la Apatow geeicht und arg klischeekonform, dank David Wain aber auch mit einer Handvoll grandioser Pointen des Schwachsinns ausgestattet, die einigermaßen vom restlichen Culture-Clash-Schwachsinn ablenken und jedweder Monokultur ein Bein stellen.

„Perfect High“ - In diesem moralisierenden Teen-Drama des US-Senders Lifetime hängt die kesse Bella Thorne mit den falschen, doch krassen Kids ab, die den vermeintlichen Traumtypen Carlson, Meme-Maschine Nate, jede Menge Filmabende mit Public-Domain-Klassikern sowie die kontinuierlich gesteigerte Sucht zu einer Vielzahl von Drogen beherbergen, gegen welche Freundschaft und Selfies noch so hip bestehen können, dass die konventionelle Zeitgeist-Analyse kurzweilig genug bei Problemkindern interveniert.

„Lang lebe Charlie Countryman“ - Trotz Selbstfindungs-Narrativ und auf Werbelook getrimmter Lost-in-Translation/Ostblock-Gangstermilieu-Melange kann man sich überraschend stimmig in die grelle Romantisierung des von den Eltern abgebrochenen Pärchens hinein verlieren, Shia LaBeouf als Träumer auf Ecstasy nachempfinden, selbst Til Schweiger als dumpfen Obermotz mögen und Mads Mikkelsen inkl. Hunde-Shirt und Body Slam sowieso, wenn die große Liebe Blut, Mucke und Zeitlupen en masse ausschüttet.

„Good Burger – Die total verrückte Burger Bude“ - Der Spruch „Am liebsten würde ich dir jetzt einen vor die Rübe plätten“, der „Weintrauben-Junge“, der in der Einleitung erwähnte Hundemoment sowie eine junge Linda Cardellini werden auf ewig in Erinnerung bleiben, doch ansonsten ist die Nickelodeon-Karambolage an 90er-Jahre-ismen so derb und gleichsam platt auf Überspitzungen und Honkhumor aus, dass man abwechselnd in Fremdscham ausbricht oder im nächsten Moment mit Lachkrämpfen reagiert.

„Split“ - M. Night Shyamalan wird das Lob für diesen Film wohl hauptsächlich seines Marvel-Moments zum Schluss hin wegen hinterher geworfen, tatsächlich beweist sein Abschälen multipler Persönlichkeiten und versteckter/aufbrechender Traumata eine Subtilität, die sich allerdings auch mit Oberflächlichkeiten und redundanten Strecken des Erklärens zufrieden gibt, während James McAvoy so sehr auf sein Spiel aufmerksam macht, dass jede konzentrierte Spannung zum Abwarten verdammt wird.

„Joy – Alles außer gewöhnlich“ - Diesem schlaffen Schnellschuss von David O. Russell fällt beachtlich wenig ein, wie er die individuellen Hürden der Miracle-Mop-Erfinderin Joy Mangano chronologisiert, so dass man sich mit einem gehetzten Oldie-Ranzteppich à la „Suicide Squad“ auf der Tonspur sowie einer inszenatorischen Gleichförmigkeit herumschlagen muss, die sich zudem noch selbst trivialisiert, wenn O. Russell sein Narrativ mit dem einer Daily Soap parallelisiert, das schönste (weil innig familiärste) Bild zumindest Virginia Madsen und ihren Enkelkindern in kollektiver Bettlägerigkeit überlassen wird.

„Witching and Bitching“ - Wer hofft, dass der Hang zur Misogynie im spanischen Kino seit den 70ern allmählich abgestorben sei, wird anno 2013 enorm enttäuscht sein, wenn Álex de la Iglesia in pubertärer Angst und Teal-and-Orange-Brei-Optik die Hexen loslässt, schluffige Scheidungskerle als wahre Männer wiederaufbaut, eigenständige Mordsweiber zähmt und mit klamaukiger Auf-Verdacht-Kult-Horrorcomedy umzäunt, die sich ihren altbackenen No-Homo-Ulk natürlich auch nicht verkneifen will, obgleich die größten Stärken in Urangst-Bildern und Gross-Out-Überzeichnungnen verbleiben.

So, jetzt geht's weiter im Text:




Warum nicht einfach mal eine Karriere als Tänzer anstrengen? Ein kräftiges Bündel an Filmen beweist seit jeher, dass da eine spannende Reise ansteht, an der sich jede Persönlichkeit ins pure Glück hinein hotten kann – selbst „La La Land“ hatte eine klägliche Retromanie dazu emuliert, aber nirgends wurde der Gedanke so oft reiteriert, wie im Eskapismus der 80er Jahre, als die Flucht vor Reagan, Wettrüsten und Nuklearparanoia einen Dance-Trend-Movie nach dem anderen an die Spitze brachte. In diesem Fahrwasser zwischen „Flashdance“ und „Breakin'“ kam dann noch dem Zeitgeist entsprechend Aerobic ins Spiel und schwuppdiwupp hatte man bei MGM die „Himmelskörper“ auf der Matte, deren Unschuld im Vergleich zu anderen Genre-Kollege auffallend aus der Reihe tanzt, wenn sich ausgerechnet „Playboy Enterprises“ als Produktionsfirma ankündigen und Adrian Lyne scheinbar überbieten wollen. Der nur für dieses eine Projekt eingesprungene Regisseur/Ko-Autor Lawrence Dane lässt in seiner Handhabung dann auch keinerlei Zweifel über, mit welchen Impulsen hier knapp 85 Minuten an Laufzeit zusammengebastelt wurden - umso verrückter erlebt man als Zuschauer die Offenbarung eines Minimums an Handlung, das sich derart surreal und megasexualisiert durch einen Wettbewerb der Danceploitation schlingert, dass es von Aliens oder zumindest von ziemlich plumpen Herren der Libido erdacht sein müsste. Will man es ihnen verübeln? Nun, das reine Erzählen per audiovisueller Power wird selten so freimütig angewandt wie in jener Aufstiegsgeschichte des vom Sekretärinnenmoloch ausgestiegenen Tanztalents Samantha Blair (Cynthia Dale, in ihrer Schönheit ebenso nicht von dieser Welt), deren Charakter hier von Anfang an durch aneinandergereihte Musikvideos definiert wird, als wäre man sofort schon dort angelangt, wo andere Filme ihre erste Hälfte abgearbeitet hätten - dagegen sind selbst die Streetdance-Filme entschleunigter.


Fortan sehen wir, wie sich Sams Lagerhallenstudio „Heavenly Bodies“ mit Kundschaft füllt und mehr oder weniger dufte Choreographieren zu einem begrenzten Kontingent an verdächtig nach „She's a Maniac“ klingendem Pop durchzieht, was im Ganzkörper-Stringtanga inklusive Schweißbandensemble so verschwitzt montiert ist, dass sich zwischendurch auch ein bisschen Story reinschmuggeln kann. Allerdings eher in Form eines gereimten Gorillagrams, dessen Spontanität sich parallel zur Schwärmerei des Quarterbacks Steve (Richard Rebiere) in den Dauerzustand des Tanzens einmischt, während Samanthas Bezug zum Sohnemann zuhause beinahe ausschließlich in dessen Frage, was denn Orgien seien, repräsentiert wird. Solche und ähnliche Charaktermomente wirken wie Fragmente ehemaliger Szenen sowie beim eigentlich auf Industriestandard gebürsteten Production Value neben der Spur inszeniert - genauso die irgendwann durchsickernde Motivation, dass Frau Blair für ein Vortanzen übt, das ihr eine eigene TV-Sendung bescheren könnte. Dem entgegen stehen sofort der manipulative Playboy vom Sender Jack Pearson (Walter George Alton) und dessen Bettmieze Debbie (Laura Henry), wobei ersterer nichts dagegen hätte, sie in seine Wohnung (= ein einziger roter Vorhang) einzuladen, während die Konkurrentin schon den Boss ihres Bodybuilder-Schuppens auf die Besitzansprüche der Himmelskörper ansetzt. Während all das zwischen den Zeilen vonstatten geht, jumpt Samantha vor Glück durch ihre Fernsehkulissen und macht sogar einiges an Dopplungszauber (Lohan lässt grüßen) klar – unterdessen steht die Kamera in manchen Dialogen zufällig direkt hinter Arschbacken, zoomt bedächtig auf Hüftbereiche oder packt sich gleich zum Sex in die Federn, wo ein Pearson (mit Debbie unter ihm) auch mal tief in die Glotze schaut, um sich in den Spandex-Spagat von Samantha hineinzudenken.


Diese toll zwiespältigen Ideen der Lust kreuzen sich ohnehin mit einer zwischenmenschlichen Inszenierung voller ungemütlicher Pausen, gehetzter Eskalationen und absurder Eigenarten, die Steve auf Anhieb Pirogen kochen lassen, ihn auf eine Entscheidung zum Restaurant in Chicago hinleiten (das gibt Trouble im Paradies, wieder à la „La La Land“) und Samantha auf die Knalleridee bringen, einen Wettbewerb zum Überleben ihres Tanzstudios zu veranstalten, bei dem sich zwei Teams für mehrere Stunden am Stück gegenüber stehen und solange nacheinander halbtot umfallen, bis ein Sieger gekürt werden kann. Bitte was? Falls man da nicht hinterher kommt, gibt ein Kommentator vor Ort nochmal alle wichtigen Handlungsmomente wieder, legt aber auch offensichtlich falsche Tatsachen vor oder solche, von denen er keine Ahnung haben kann. Wie z.B., dass Samantha durch Jack eine Verletzung am Bein erfahren hat, von der sie sich mitten drin laut Ansage angeblich „erholt“ und dennoch ins Finale humpelt, während Steve auf Anhieb faustdicken Streit mit Pearson sucht, Schiedsrichter wie in einer Komödie dazwischen springen und ansonsten keinerlei konstante Regel nachverfolgen. Tanzen, Tanzen, Tanzen ist hingegen das einzige, was zählt und das Mantra für haushohe Verstrahlung in einem Film, dessen irrationale Eindrücke man als absichtliche Pointen verstehen will, obwohl die Absichten billigster Erotik so transparent durchscheinen, als sei „Caligula“ höchstpersönlich in der Chorus Line vorgefahren, nur noch besengter mit dem Schnitt seiner Figurenverhältnisse umgegangen. Es ist unfassbar, mit welcher Unmenge an Montagen hier das Prinzip eines Films untergejubelt wird, dessen Realitätsverständnis rein aus Topoi und Chauvinismen ein Märchen der Bewältigung kreiert, das schlicht nicht aufhören kann (und das kann man nicht oft genug erläutern), sich in hautenger Pose zu rhythmisieren. Allein mit der Konsequenz und Drauf-Geschissen-Attitüde gegenüber filmischem Konsens fiebert man durch ein einzigartiges Vergnügen, das als Musterbeispiel für das Wort plakativ weit mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, so aber schon irrwitzig vor sich her lebt.




So, nun haben wir wiederum erneut einen Regisseur am Start, der seinerzeit nur für einen Spielfilm eingesetzt wurde (Frau Freeman von „Streetwalkin'“ machte immerhin zwei). Es geht um Douglas Cheek, der mit dem niedrigbudgierten NYC-Horror „C.H.U.D. - Panik in Manhattan“ auf jene Urängste hinarbeitet, was wir aus der Kanalisation (vom Kontext her in Verbindung mit radioaktiven Bedrohungen) zu befürchten glauben und gleichsam via Genre-Signalen das Gefühl der Ausgeschlossenheit verdichtet, das er im Zustand der Obdachlosigkeit ansiedelt. Die Monstren dazu strecken zum Einstieg bereits ihre Klauen hervor, packen nachts vom Gulli-Deckel aus ihre Opfer an, wirken aber beinahe wie zahme Turtles, wenn am Morgen danach die Trucks der Stadtreinigung vorfahren und im Licht das ganze Elend in Ecken wie Ruinen urbaner Verarmung kauert; so still von Kamera und Schnitt eingefangen, dass allein der Vorspann schon bitter zupackt, ehe Reporter George Cooper (John Heard) in jener Szene helfend weiter pflichtbewusste Nachforschungen betreibt und auf diese aufmerksam zu machen versucht. Die Presse hat zu der Zeit allerdings einen denkbar schlechten Stand, wenn die Stadtverwaltung die sogar uns schon bekannten Viecher verheimlicht, dem Status Quo wegen um jedes Durchsickern fürchtet und sich über alle Systematiken der Aufklärung legt, dass auch die Polizei unter Captain Bosch (Christopher Curry) bei den Nachforschungen mit halber Backe arbeitet und Hinweise als Hirngespinste absengt. Die Anzeichen berechtigter Paranoia verhärten sich jedoch mit kontinuierlicher Menge, auf dass der Film selbst im äußerst gemäßigten Tempo in einen Zeitgeist einsteigt, der nicht bloß von der verschrobenen Musik des OMD-Mitglieds David A. Hughes her eine Atmosphäre verdeckten Leidens aufbrodeln lässt. Anhand des Gemeindehelfers A.J. Shepherd (Daniel Stern) wird einem also der Einstieg in die verkümmerten Korridore der Unterschichten gewährt, mit jedem weiteren Eingang gen Untergrund an Beklemmung wachsend, dass es natürlich umso grausiger nachwirkt, wenn administrative Handlanger mit einfachen Schlössern jedes Wiederauftauchen Unschuldiger von Vornherein verhindern. „C.H.U.D.“ macht einen zum Klaustrophobiker, wendet dafür natürlich auch individuelle Schicksale an, die an diesem Bodensatz des Lebens eingehen und entsprechend eher nüchtern an Dialog wie Narrativ aufbereitet werden, wenn das Schlimmste eh noch bevorsteht, sich permanent ankündigt.


Die für George bekannten Gesichter unter der Erdoberfläche sind von Dreck und Ruß verschleiert, stumm in Fetzen eingedeckt und in der Gefahr der unbekannten Viecher auch unbehandelbaren Verstümmelungen erlegen, wie man sich jenen Bilder auch aus Hiroshima und Vietnam bis hin zum Ausbruch von AIDS bewusst war, was sich dieser Film nicht mal explizit auf die Agenda schreiben muss, um mit krasser Nähe zu konfrontieren. Die allgemeine Furcht vor der inneren wie äußeren Zersetzung, das Himmelfahrtskommando an Verlustängsten, wiegt dann auch bei Bosch, dessen Frau erst seit kurzem vermisst wird, er das als Captain jedoch erst spät zur Anzeige bringt, nachdem die kollektive Geheimhaltung ihren Siedepunkt zu erreichen droht, Beweise nicht mehr nur wie Zufälle erscheinen, sondern auch in den Gesichtern geschrieben stehen – ein kleines Mädchen ist da als Zeuge eigentlich schon Argument genug, obgleich sich die Menschheit ja auch bis heute nicht wesentlich von solchem überzeugen lässt. Etwas manipulativer, aber auch alles andere als melodramatisch vom Film umklammert, wiegt die Schwangerschaft von Georges Freundin Lauren (Kim Greist), die von der deutschen Fassung kurioserweise komplett ausgeklammert wurde (wie auch der Überraschungsauftritt eines gewissen Top-Typen), aber mitunter am nächsten auf Tuchfühlung mit dem Grauen kommt (inklusive geschicktem Ultrahorror mit Blick zum Duschabfluß). Wie dieses letztendlich aussieht, ist regelrechtes Albtraumfutter aus Venen, Glut und Schleim – so aber auch die Herren am obersten Hebel mit ihren blassen Tränensäcken, derer aus dem Expressionismus entlehnter Müdigkeit der blanke Schmerz der Armen umso belastender ins Auge fällt, weshalb die Korruption zu erneuter Nacht selbst bei den kleinsten Löchern Hand anlegt, diese mit Gas ausmerzen will. Apropos Expressionismus: Das extrem kontrastreiche Filmkorn, diese Sets und brutalen Ausstattungen voller Staub, Schimmel und Leichenteilen sind der Wahnsinn ungemütlichster Immersion, natürlich auch in ihren vielen Schatten wie einsamen Lichtern eine Pest, durch die man hier zudem mit den Charakteren krabbeln muss, dass man sich danach zehn Tetanusspritzen auf einmal daher wünscht. Bei der rohen Zunft bleibt man eben nicht unberührt, man schnappt zeitweise sogar energisch nach Luft und hofft selbst in den schlichten Alltagsszenarien zwischendurch, dem eingangs angesetzten Griff der Gewalt irgendwann zu entkommen, was ein auf vielerlei Ebenen subversiv verstärkter Film wie jener von Douglas Cheek nur auf den letzten Drücker zu beantworten versucht, aber durchweg dringlich ins Gewissen ruft.




Ich kenne sonst nichts von Tod Williams, aber bei der Sichtung seines neuesten „Puls“ könnte man meinen, dass da jemand höchstens ins Fach reingerutscht ist, eine Stephen-King-Verfilmung mit John Cusack und Samuel L. Jackson zu führen. Beinahe jeder inszenatorischen Entscheidung begegnet man mit solch einer Irritation, die normalerweise für Untiefen des B-Movies aufgehoben wird, dementsprechend vage lässt sich der Weg der gesamten Produktion zurückverfolgen, wer denn nun drei Jahre nach Drehschluss für jene Fertigstellung zuständig war, die bemerkenswert unfertige Spezialeffekte sowie das mehr oder weniger freiwillige Stimmungsbild an Genre-Dissonanzen ins Kino/Heimkino beorderte. Nun haben wir jedenfalls die technophobe US-Apokalypse vor uns und die große Sause der Unbeholfenheit eingeladen, bei der sich der Aberwitz an ineffizientem Spannungsaufbau zum Pointenmeister schlechthin entwickelt, teilweise bewusst (?) hypersplattrig gegen Bäume knallt und amüsiert. Selten wird man sich so oft in die Rolle des Regisseurs versetzen wollen, um zu überlegen, aus welcher Perspektive da etwas Schauriges geschöpft werden sollte, wenn die chargierenden Tobsuchtsanfälle und Visagen der Smombies weniger an irgendwelchen Urängsten rütteln, als am Zwerchfell dramaturgischer Signale, die Cusacks Graphic-Novel-Scheidungsdad Clay Riddell aus dem Minimum an Charakterisierung inmitten des drübberen Todesrausch werfen, der Lloyd Kaufman als Maskottchen führt. Bloß nicht vergessen, sofort die (so Direct-to-DVD-typische) Mütze aufzusetzen, ist da seine erste Devise zum Überleben, mit der er sich vor einem Kanon an Eskalationen rettet, in durchweg beengter Optik Richtung Tom McCourt (Jackson) flüchtet, mit dem er von der U-Bahn aus weiter in alle Stationen des Dystopien-Survivalmodus zieht, wie aus der Hüfte geschossen zig konstant schlüssige Theorien austauscht. Das passiert so selbstverständlich, wie die Motivationen ohnehin durchweg zwischen den Zeilen stecken bleiben, Gefühle eher passiv ansprechbar sind und Spannungsmomente sowieso, wenn sich ein Anhängsel wie DJ Liquid miteinkackt. Über weitere Zwischenstopps gesellt sich aber noch Nachbarin Alice (Isabelle Fuhrman) dazu und ist ebenso fassungslos über die Methoden der Menschenmonster-Kommunikation, die sich per hanebüchenem Handy-Terror entdynamisiert und binnen karger Kulissen zudem noch bleierner schäumt. 


Das kommt so wundersam verstrahlt, dass es nach endlosen Wanderschaften sowie Totalen durchs Herbstlaub erst recht begeistert, wenn Cusack und Jackson das Trololo-Meme anschalten, CGI-Benzin über schlafende Phoner verteilen und diese gleichsam still überfahren, als könne man keinen absurderen Witz konstruieren, obgleich im Nachhinein dennoch Verlustschmerzen à la „28 Days Later“ behauptet werden. Da liegt der Film so schön daneben, wie er auch in der kurz darauffolgenden Barszene einfach so hardcore gelackte Rentner zur Endzeit-Verkumpelung einlegt, zum Saufen, Tanzen und Bewundern ausgestopfter Tierschädel ansetzt, wenn Clay daran festhält, seinen Sohn wiederzusehen, gleichsam Alpträume durchlebt, in denen einer seiner Comic-Kreationen Terror pur verbreitet. Und wie der Zufall so will, träumen alle anderen auch vom Freddy-Krueger-Äquivalent, der im paranoiden Jargon der Überlebenskünstler bald als Präsident des Internets gehandelt wird. Was für ein Vergnügen, wie sich die Fronten des Films durchweg selbst an Plattitüden zu unterbieten versuchen und ihn zwangsläufig charmanter erscheinen lassen, so wie ihm der Ernst auf der Stirn eingeritzt bleibt, klobige Jumpscares im audiovisuellen Fegefeuer grölen und zum Finale hin ein ungelenker Knalleffekt nach dem anderen grandios im Wirbelwind der Funkmast-Tristesse verflacht. Trotzdem lebt „Puls“ nicht bloß anhand der Schadenfreude auf, schließlich sind seine Eigenarten innerhalb jener irrationalen Regie ein Segen, der sich so konfus wie ein Traum entfaltet, gerade da trotz käsiger Moral menschlich ankommt und zwischenzeitlich Bilder der Verletzlichkeit beherbergt, die höchstens von der gehetzten Laufzeit, nicht aber von den Kleinigkeiten des Ensembles gehemmt werden. Cusacks verhalten neurotische, aber seltsam unbestrittene Kompetenz hält da selbst mickrige Stern- und Schneeeffekte durch, Jacksons Veteranen-No-Nonsens haut sich teilweise spontan selbst in die Pfanne und ein Arsenal an Geschichten der Zwischenmenschlichkeit lässt sich zudem an Frau Fuhrman erahnen, bis allesamt voller Zweifel um den Wasserfall herum wandern, vor dem sie zuvor noch fiese Verfolger abknallten und sich unter Kanus versteckten. Nicht zu wissen, was man macht und es gleichzeitig doch wissen – das steckt von vorne bis hinten im Film drin und plustert sich so aufgeregt in seinen Schwächen auf, dass es so oder so durchweg fesselt und die Grenzen unfreiwilligen Humors verschwimmen, ganz gleich, wie Stephen Kings Stoff nun gegen die Wand gefahren wurde oder eben noch in kauzigen Details verzaubert. Mütze ab!

Montag, 12. September 2016

Tipps vom 05.09. - 11.09.2016 (Spektakel USA!)

Um sich vor Augen zu führen, wie man knapp innerhalb eines Tages den Querschnitt einer ganzen massiven Nation feststellen kann, bedarf es eigentlich gar nicht mal so vieler Mittel. Ok, bei der Wahl des Mediums ist dieser Blog hier schon vorbelastet, von daher sollte es den hiesigen Leser nicht überraschen, dass zum Film geblickt wird, ferner zur exemplarischen Auswahl aus Zufall und Planung, wenn das US-amerikanische Kino seine Aufwartung macht. Ohne den Begriff Mainstream aus der Hose holen zu müssen, boten sich uns also dieses Mal die Vereinigten Staaten in ihrem Facettenreichtum an, Wurzeln und Adern jener Weltmacht direkt oder indirekt binnen scheinbar unverbundener Werke kennenzulernen. Ein Filmtag unter Freunden schaffte insofern die Plattform, anhand derer sich zu Anfang schon alles von seiner besten Seite zeigte:




„Tage des Donners“ von Tony Scott, zweifellos die Art Don-Simpson/Jerry-Bruckheimer-Produktion, die spätestens ab den 90ern zum Markenzeichen des Leinwand-Bombasts avancierte. Die Ära wurde sodann mit diesem Schmuckstück an gewohnten Erfolgsformeln angegangen, da sich Tom Cruise nun aus der „Top Gun“ heraus als NASCAR-Fahrer beweisen wollte und dafür auch selbst an der Story des Bro-Epos Hand anlegte. Der adaptierende Part wurde von „Chinatown“-Veteran Robert Towne übernommen, doch der Umstand, dass offenbar viele Szenen erst am Drehtag geschrieben wurden, scheint qualitativ doch etwas auffällig durch, selbst obwohl sich Scott oftmals als Beobachter Amerikas via Sport bewähren konnte. Als ob man eine Audiodiskription für Blinde angeschaltet hätte, machen sich vielerlei Dialoge daran, zu erklären, was sich gerade abspielt, ganz gleich, ob im visuellen Spektrum oder in dem, was manch Charakter - hauptsächlich Cruise als Cole Trickle - tut. Es streckt die Laufzeit, insbesondere, wenn Mentor Harry Hogge (Robert Duvall) dem hübschen UND schlauen Love Interest Dr. Claire Lewicki (Nicole Kidman) manch burschenhafte Handlung Coles anhand einer vor wenigen Minuten geschehenen Anekdote erklären muss, doch mit dem ganzen Selbstbewusstsein in der Reiteration dürfte sich eh ein regelrechter Cartoon herauskristallisieren. Der Macho-Pathos ist eben drollig aufgegeilt unterwegs und gemäß des Milieus eine White-Trash-Fantasie der Coolness, in der die Mucker-Karren romantisiert, teilweise sogar erotisiert werden und im Zusammenhang mit schlicht allem stehen, weshalb Cole sie einfach fahren muss, obwohl er vom Getriebe und weiterer Mechanik keinen blassen Schimmer hat. Bei Frauen geht er nicht anders voran, doch Stück für Stück ist dem selbsternannten Fachidioten in beiden Gebieten der Erfolg gesichert, bis Kidmans Schenkel eben eine Rennstrecke für zwei Zuckerpackungen hergeben. Ohne die Ziffer Zwei geht allerdings auch wenig in diesem Jungskino der Abenteuer-Hormone, schließlich ist auch das Rennfahrer-Ambiente eins aus Gewinnern und Verlieren, Champions und Rookies, die sich gegenseitig an die Bande fahren, rivalisierend um Sponsoren hadern und hinter den Kulissen erst recht nicht im Schwanzvergleich bremsen.


Rowdy Burns (Michael Rooker mit famosen Rollennamen) erlaubt sich mit Cole selbst Duelle im Rollstuhl nach dem Horrorcrash bis hin zum spontanen Rennen Richtung gemeinsames Geschäftsmeeting, wenn's nun mal möglich ist. Im Grunde weiß er aber den würdigen Gegner zu schätzen und irgendwann heißt es dann auch einfach, dass sie beste Freunde seien, auf dass Cole auch den Schlitten von Burns in die Ziellinie scheppern darf, Ehre sei mit ihm. Der Kodex der Freundschaft hat sich vom Iceman auch hier rüber gerettet, weshalb der eigentliche Antagonist Wheeler (Cary Elwes) erst recht spät ins Feld zieht, doch ehe dem ist der Film auch einfach zu ergiebig mit seiner Aufbauphase voll endloser Etablierungen beschäftigt, welche die Jungs durch die Lande fetzen lässt, um Vergangenheit und Zukunft an den Scott'schen Jalousien zu träumen, während der rasante Sport im orangenen Gradient um die Wette zischt. Extra-Soundeffekte zum Schwenk bringen schon ins Training um die Pole Position Energie, Reifenwechsel mit Experten-Gespür die lauteste Aufregung, Ratschläge über Funk die Obi-Wan-Magie und Panoramas über die Felder von North Carolina den Stolz einer eventuellen Rente. Das heißt, wenn es bis zum Schluss klappt, schließlich sind Schädeltraumata nicht ausgeschlossen und der dramatische Knackpunkt für eine Stockcar-Bande, welche die maskuline Siegerstraße Daytona genauso begiert wie die wahre Liebe, die am liebsten gar nicht zuschauen wollen würde, wie gefährlich die Runden gedreht werden und Motor heißlaufen lassen. Das Risiko wird aber einkalkuliert, schließlich, so Cole, hätte man mehr Angst vor dem Nichts-Sein als vor einer Verletzung. Alles wie geschaffen für einen Hans-Zimmer-Soundtrack, dessen Sound offenbar erst durch solche Typen und ihre High-Concept-Pulp-Streifen zustande kam, jetzt Gewohnheit pur ist und an dieser Stelle natürlich zum unbedarften Mitsummen anregt, wo's beim thematisch ähnlichen, doch hoffnungslos überdramatisierten „Rush“ inzwischen nach verflachter Hektik klingt.




Solch ein Melodram des Testosterons hätte aber noch lange nicht die Stoßkraft eines Todd Solondz, der 1 „Life During Wartime“ um 2009 untersuchte. Die Fortsetzung seiner „Happiness“ im Rahmen einer vollständig neuen Besetzung fürs selbstständige Standbein knöpft sich den moralischen Zwiespalt in der George-W.-Bush-Ära vor, wie die Fassung der Zufriedenheit im überhöhten Bewusstsein eventueller Gefahren funktioniert und abstumpft. Die Angst vor dem Terror oder eher jene vor der Rückkehr von Schuld und Identität in der familiären Vergangenheit ist hier bewusst zum Déjà-Vu jener im Vorgänger erkundeten Gefühlskälte stilisiert, die Heuchelei und passiv-aggressive, in Komplimente wie Ratschläge verpackte Urteile bereits im Brutkasten heranzüchtet. Familien geben eben innerhalb ihrer selbst Werte an Generationen weiter, bei Solondz ergibt das ein Bündel an Lügen der Gefälligkeit wegen: So tun, als ob der pädophile Vater (Ciarán Hinds) tot wäre, zum Beispiel, schützt den Jüngsten Timmy (Dylan Riley Snyder) vor Ehrlichkeit und Wahrheit, für Freiheit und Demokratie, selbst wenn der angehende Schwiegerpapa Harvey (Michael Lerner) Bush aufgrund dessen Unterstützung für Israel gewählt hat. Was die Mutter Trish (Allison Janney) nicht von ihrem neuen Beau und dessen Normalität schwärmt, wie feucht sie durch eine einfache Berührung von ihm wird und das auch dem Sohnemann aus halbem Versehen mitteilt, so klar lässt sie dabei auch durchsickern, wie gerne sie aus dem vergänglichen Spießer-Elend Familie und Mutterschaft entkommen möchte. So ehrlich bleibt sie aber nur in der Ekstase des Egoismus, in der Doppelmoral und dem Umgang mit den schwierigen Fragen eines Kindes wird dieselbe Berührung sodann schon zum Missbrauchsfall, erst recht, wenn vorher schon die Indoktrination besteht, ja nicht schwul zu sein, während Timmy eben auch seine Bar Mitzvah Richtung Erwachsensein vorbereitet. Der Druck lastet auf allen Schultern, selbst wenn man von New Jersey runter nach Miami gezogen ist. Besseres Wetter und die Sorgen sind vergessen, nicht wahr? Tja, selbst die Dynamik unter den Schwestern Trish, Joy (Shirley Henderson) und Helen (Ally Sheedy) beweist das Gegenteil, wenn Joy in der Mitte offensichtlich die selbsterfüllende Prophezeiung des Neurotikers für ihre Geschwister hergibt, in stiller Unvereinbarkeit mit dem Verlust ihrer Beziehungen hadert und psychisch ebenso zerbröselt.


Das kollektive Leiden im Werke Solondz', das zieht sie an und doch ist eine gemeinsame Lösung offenbar nur im Ende zu treffen (siehe auch Jessica Hausners „Amour Fou“ zur weiteren satirischen Formulierung dieses Aspekts), so wenig Hoffnung und Missgunst in einer Welt herrscht, in der sich Helen zum Beispiel vom Großerfolg und Sex mit Keanu verrückt machen lässt. Maßlosigkeit und Perspektive bringen hier ein giftiges Missverständnis unter glühender Sonne, das mit der Oberfläche des Sozialen für Verständnis ausgegeben wird, gleichsam muss Bill, besagter just aus dem Knast entlassene Pedo-Dad, außen vor und in der Linie bleiben, zwanghaft vom Menschsein abgekoppelt bleiben. Gegen seine Verantwortung zu rebellieren, fällt ihm aber auch nicht ein, so wie er die Schuld und die Scham verinnerlicht und nur hoffen will, dass seine Kinder nicht wie er werden, während er sich durch das Abstellgleis entmenschlichter „Monster“ (Charlotte Rampling) ans Überleben hält - auch da hilft die Gemeinsamkeit im Verlust nicht weiter, aber mal ehrlich: als ob Solondz sich jemals in Lösungen bzw. behauptete Heilungen retten würde. Gleiches gilt für die Fragestellungen vom Vergeben und Vergessen, wie haltbar der Humanismus darin sein kann, wenn es individuelle Grenzen gibt, wann den Taten eines Menschen solche Gnade widerfahren darf. Parallel dazu gibt der Film binnen der Kargheit des mühsam aufrechterhaltenen Konsens stets Auskunft über die Motivation seiner Charaktere und straft keinen komplett in Gut und Böse ab, präsentiert eher die Stufen an Entwicklung, wie weit fortgeschritten der Zynismus in der Einzelperson angekommen ist oder wie sich das Gegenüber dadurch hat verletzen lassen. Im Endeffekt sind aber nur die wenigsten unter allen Parteien unschuldig, weshalb Solondz zwar ihre Verlorenheit unnachgiebig nachempfindet, aber auch nicht darum verlegen ist, einen Schnitt zum Nihilismus zu machen, die Garstigkeit entfernter Situationen als Pointe zu suggerieren und deren Verhältnisse als Vorstufe der Selbstzerstörung abzuzeichnen, was in der schlichten Stichfestigkeit seiner Filmsprache an Härte nachwirkt sowie tieftraurige Bekenntnisse im Miteinander festigt. Die überbordernde Neigung zur Sadness verwirkt daran wohlgemerkt trotzdem nicht ihr komödiantisches Potenzial, auch wenn das Lachen bekanntermaßen gerne im Halsen stecken bleibt und daher nur wenig am Würgegriff des gehemmten Miteinanders löst, welcher jedem bestimmten Zeitgeist vorausgeht.




Man sieht, so einfach wie bei Simpson und Bruckheimer läuft es eigentlich nicht, so auch im Bewusstsein festgefahrener Geschlechterrollen und entmündigter Sexualität, wie man jene Erkenntnisse sodann aus „China Blue bei Tag und Nacht“ ziehen kann. Regisseur Ken Russell besitzt dafür natürlich mehr einen Blick von außen, so wie er als Brite seinem ebenso von der Insel importierten Kollegen Tony Scott insofern entspricht, ein unbefangeneres Konstrukt aus den Verhaltensweisen der Amerikaner zu schöpfen - hier wohlgemerkt in eine Erfassung der Schlafzimmerliason geformt, die ein jeder gerne eingehen möchte und doch nicht kriegt. Der Griff zur Alternative ist dann aber auch der provokante Reiz, den Russell seit jeher gerne ins Auge fasst, so wie er schamlos auf die Verknüpfung von Befriedigung und Religion hinweist, wahre Barmherzigkeit auf Erden feststellt, wenn 50-Dollar-Hure China Blue (Kathleen Turner) in jede gewünschte Rolle ihrer Kunden schlüpfen kann und der scheinbar geistliche Psychopath Shayne (Anthony Perkins) an dieser Frevelei um Verführung und Verstümmelung der Sünde buhlt. Sein schneidender Dildo Superman in der Tasche ist schon der astreine Kontrast, wie sich Lust und Schmerz in den verschiedensten Händen ergänzen, später wird Russell auch an einem willigen Polizisten die Sodomie per Knüppel üben. Die Zwischenwelt des bezahlten Ficks kennt ihre Macht, wird aber auch fürs Infame bemächtigt, das Geben und Nehmen in der Nacht hat da auf jeden Fall Leidenschaft in der Existenz, auch wenn Vergewaltigungen der Kundenzufriedenheit durchgespielt werden, jedes Kinkerlitzchen seine Bedürfnisse ausleben darf. In die Fenster leuchten dazu „Suspiria“-Farben hinein, so rhythmisch wie der phallische Stoß, doch gleichsam Signale des Domizils der China Blue, die sich keck in die Herzen schmuggelt, so wie sie das Konservative in einer Tour prellt, tagsüber nur bedingt als Designerin Joanna Crane vorhanden ist, die sich in ihrem offiziellen, weißen Schlösschen nicht ausgestellter unter die Gewohnheit mischen könnte. Letztere tut sich ohnehin schwer damit, die eigene Maske aufrecht zu erhalten, was sich in der langsamen, aber stetigen Einführung von Bobby Grady (John Laughlin) bemerkbar macht, der den Reagonomics entsprechend gute Berufungen darin findet, Sicherheitssysteme fürs Eigenheim zu verkaufen sowie potenzielle Petzer für Großunternehmen auszuspionieren. Im eigenen Haushalt ist jedoch der flaue Hahn am Krähen: Stilecht zwei Kinder vorm Fernseher und kaum noch Geld für Extrawürste in der Tasche, mangelt es ihm vor allem an Zuneigung, so wie seine Gattin Amy (Annie Potts) die Ehe anpackt, in grundloser Frustration nie eine Stimmung zum Glück erreicht und die Ambitionen ihres Gatten daher unterbindet - allerdings auch unabsichtlich, so verstockt Russell die Einöde einer ungefähren Zufriedenheit am Nervenkostüm zerren lässt.


Selbst in der Abwägung aller vom Manne vermuteten Faktoren (Menstruation, Atomkrieg, etc.) schlussfolgert er eher die Verständnislosigkeit zwischen gebundenen Partnern. Sobald Amy und Bobby dies einsehen, ist es dann auch zu spät und die Stilistik auch gnadenlos nüchtern im klärenden Gespräch vertieft, woran Russell sich aber nicht auf ewig einschießt und eher der Thematik gemäß Impulse bevorzugt. Die Normalo-Ehe kriegt da schon früh ein Musikvideo geliefert, das nach wenigen Sekunden die Leinwand beherrscht und wortwörtlich bis auf die Knochen vom gegenseitigen Eindreschen binnen des Eheglücks erzählt, rotzige Sangeskunst zum Rick-Wakeman-Synth-Opus inklusive. Russell beißt gerne zu bei Beziehungsmodellen, aber ausschließlich als Zyniker mag er nicht agieren, wenn er sich an Bobby heftet und in der Begegnung mit China Blue einen Halt findet, der ohne die Lasten der Vergangenheit mit neuen Erfahrungen beginnen mag und doch eher wie ein „Pfadfinder“ mit diesen umgeht. Es wird reichlich ordinär geschnauzt, Assi-Zaubershows à la Atze Schröder beim BBQ vorgeführt, doch die Zärtlichkeit schwingt im verruchten Saxophon eben auch mit, mal melancholisch unterfüttert, mal in der Fleischeslaune von alt-japanischen wie absurden Aktzeichnungen gegengeschnitten oder ab und an auch dem versteckten Guckloch sei dank vom frommen Wichser begafft. Das Heiligtum irdischer Wesen lockt nun mal vielerlei an, umso erbitterter fallen die Konfrontationen aus, die hysterisch um die Seele kämpfen, gemeinsames Glück forcieren wollen oder die Aktien abgleichen, wie dringend sich die Gesellschaft nach ihrem Bodensatz, den ursprünglichen Instinkten sehnt und diese zum höchsten Gut/größten Übel erklärt. Sexsucht, Frigidität, Fanatismus: Jeder kann auf seine Kosten kommen, so wie der Körper als Instrument des Willens auch über die Normen hinaus gehen kann, hier die Befriedigung im Geiste zu befähigen oder zu extremisieren imstande ist. Dementsprechend haltlos pendelt sich der Film auch zwischen den erogenen Zonen der Individuen aus, hält die Ungewissheiten dazwischen bis zum Schluss an, streitet sie ab und klatscht dennoch gegen Ziegelstein, Marmor sowie Blutlachen, sind ja eben dem Originaltitel gemäß „Crimes of Passion“ - demnach hat die Bestrafung des Natürlichen hier die kritische Spannung inne, bleibt insofern auch Jahrzehnte nach 1984 ein intensives Vergnügen der Triebhaftigkeit in all ihren Facetten. Das ist eben auch Amerika.




Einen etwas biedereren Blick auf die 80er erlaubt sich hingegen ein Nachzügler aus den späten 90ern, Risa Bramon Garcias „Eine Nacht in New York“. Unter dem MTV-Films-Banner produziert sowie von einem ansehnlichen Ensemble an DarstellerInnen besucht, das u.a. Ben und Casey Affleck, Paul Rudd, Christina Ricci, Courtney Love, Dave Chappelle sowie Jay Mohr und Kate Hudson beherbergt, entpuppt sich der reichlich Interpretationsraum anbietende Titel leider als einer dieser unsäglichen Silvesterfilme. Gemeint sind jene, in denen mehrere Episoden ein Netz an Figuren ergeben, das sich schlussendlich zum Happy End der Liebe vereinigen wird, ehedem dieses aber Beziehungsstress und andere Querelen zu überstehen hat. Die Darbietung des urtümlichen Konflikts gegen die Einsamkeit fixiert sich größtenteils darauf, den Abend über hoffentlich auf eine angeblich starke Party zu gelangen, an deren Ende schon neurotisch um das mangelnde Gästeerscheinen gemausert wird, während sich allesamt mit ihren Begleitungen rumstreiten, mit wem und warum man Schluss gemacht hat, wer (wenn überhaupt) als nächstes im Herzen landen könnte. Die Varianz dieser Fragen ist über die verschiedenen Szenarien binnen New York City nur bedingt gegeben, zumindest einigen sie sich oft auf das Nieten-Exemplar „Mann“, sprich schlappen Nudeln, Mehrfach-Fremdgängern, Sexisten und uncoolen Langweilern. Manch zärtlicher Punker, liebenswerter Chaot oder verkappter Romantiker versteckt sich natürlich auch in jenem Geschlecht und im weiblichen Gegenüber finden sich ebenso militante Feministen, naive Tolpatsche (Jungfrauen), Enthaltsamkeits-Sünder sowie Angsthasen, wenn man mal die Balance des Ganzen loben möchte. Alles wohlgemerkt no homo und schnurstracks in die brave Monogamie steuernd, wie ein Film aus solch sicherer Distanz eben nicht über die Oberfläche hinaus auf die Belange der Figuren zusteuert, in der Gefälligkeit auf hippen Jugendstil Richtung Kevin Smith schielt und einen bekannten Zeitgeist-Song nach den anderen reiht - schließlich muss MTV ja irgendwie seine Muskeln spielen lassen, Elvis-Costello-Cameo inklusive.


Der Strom an Mucke kann jedoch nur schwer darüber hinwegtäuschen, wie austauschbar jede der ineinander verwobenen Episoden auf denselben Sachverhalten hockt, beliebigste Streitigkeiten und Problembekundungen in (laut Originaltitel) 200 Zigaretten wegqualmt und die Laufzeit auch derartig streckt, dass im Mangel an Wesentlichkeiten sogar wesentliche Unterhaltungsmerkmale verschütt gehen. Vom Zeitkolorit hat man nur ein plakatives Abbild ohne wirklich genutzten gesellschaftlichen oder politischen Bezug (wahrscheinlich der universellen Nachvollziehbarkeit wegen), die Honk-Power Ben Afflecks bleibt in Mini-Momenten hinterm Tresen und die so dringlichst herbeigesehnte Party wird natürlich ausgeklammert, um daraufhin festzustellen, dass die ultimativen Paarungen nach dem Zufallsprinzip verlaufen sind, was die vorherige Etablierungsstrecke des Films im Nachhinein nochmals umso belangloser als zuvor erscheinen lässt. Nicht, dass in der vorherrschenden Harmlosigkeit überhaupt große Hoffnungen aufkommen würden, schließlich ist der hohle Durchzug für zwischendurch auch mal nötig, solange er mit seichtem Kurzweil um triviale Spritzer an Eifer- wie Sehnsucht kreist, auf die Selbstfindung per Liebe hofft und wenigstens den Versuch, an Spaß zu gelangen, unternimmt. Entbehrlich, aber auch keine technische Beleidigung, da ist man in Inszenierung sowie Schauspiel nett aufeinander und insgesamt so anarchisch wie eine Hüpfburg. Eine Handvoll tollen Slang und blödelige Aktionen bleiben da gewiss auch nicht aus, doch es bleibt hauptsächlich bei Nettigkeiten und angezogenen Bettgeschichten gängigster Art, weshalb diese Parade an Abziehbildern und Idealen nicht allzu lange im Denkapparat die Runde machen wird, auch wenn der Film eine exemplarische Deutung dahin ergibt, wie stark die 80er in der Popkultur seitdem romantisiert wurden. Nostalgie muss deswegen natürlich kein Schimpfwort sein, doch in Sachen reeller Härte dürfte Amerika doch nur schwer an sich selbst vorbeikommen.




Ganz extrem an jener emotionalen Schraube sitzt z.B. „Ausbruch zur Hölle“, indiziert und ehemaliger Video Nastie, welcher die bittere Allgegenwärtigkeit des Rassismus in der Geschichte und Gegenwart der USA für einen Rape-&-Revenge-Exploitationfilm nutzt, an dem das Wort Streitbarkeit Überstunden machen dürfte. Darin flüchten drei Gefangene - der weiße Mörder Jessie Lee Kane (William Sanderson), sein hispanischer Mitinsasse Chino (Daniel Faraldo) sowie der chinesische Soziopath Ling (Peter Yoshida) - mit blutiger Spur durch die Lande, stechen Tankstellenhüter und Spirituosenhändler ab, haben sodann auch keine Skrupel, einen Revolver an den Kopf eines Babys zu halten - abzudrücken sowieso, aber da erlaubt man sich einen Spaß, weil eh keine Kugeln mehr im Magazin sind. Der Reißer begibt sich sodann ebenso ohne Skrupel in die Urängste einer zivilisierten Gesellschaft, parallelisiert den Schrecken sodann nicht ohne Grund mit dem geregelten Wohlstand der Familie Turner, die sich als Pastorenfamilie mit afroamerikanischen Wurzeln bereits einen gewissen Status aufgebaut hat; Frieden, schlagkräftige Oma und die Frische der Jugend unterm Dach vereint und auch bodenständig an der Vergebung für ehemalige Traumata übt, selbst gegenüber der weißen Ex ihres Sohnes, welcher beim gemeinsamen Autounfall ums Leben kam. Vor der Einladung zum Essen kriegt jenes Mädel Karen (Bonnie Martin) auch einen romantischen Flashback spendiert, doch ihre Involvierung im Film hält nur von kurzer Dauer, so wie er auch gnadenlos zum nächsten Mord rüber schielt, der die flüchtige Bande alsbald ins Haus der Turners führt. Die Home Invasion ist angesagt, selbst für den kleinen Floyd (Reggie Rock Bythewood), der zuvor noch - wie eine entfernte Szene aus „Stranger Things“ - nach dem Kampieren im herbstlichen Walde Blutsbruderschaft mit Nachbarsjunge Joey (David Dewolow) schloss, nun aber zusammen mit dem Rest der Familie auf die Couch verwiesen wird. Kane kennt mit der Knarre im Anschlag und einem Seil als Gürtel keine Gnade mehr und hält seine verängstigten Opfer in Schacht, indem er ihnen einen rassistischen Kommentar nach dem anderen an den Kopf wirft - derartig auf Demütigung aus, dass es beachtlich scheint, wie diplomatisch Familienoberhaupt Ted (Robert Judd) der Sicherheit seiner Lieben wegen dem noch begegnen kann, obgleich die Situationen des Films den Schmerz immens ballen. Der Fokus lässt auch kaum locker vom Kammerstück des weißen Terrors, beleidigt in einer Tour mit fiesem Grinsen, rumgeworfenen Essen, Befehlen und Schimpfwörtern aus der Sklavenzeit, während die Klingen gewetzt werden und seine Mitstreiter in der Tortur dementsprechend hämisch mitwirken, selbst wenn Kane sie nicht weniger als ihre Stereotypen anspricht. Wer von außen an diesen überhöht konstruierten Konfliktherd herantritt, hat als potenzieller Zeuge sowieso ausgespielt und auch da schaut der Film offen in die Ausmaße der Grässlichkeit, längst über der Grenze des guten Geschmacks und auf die Empörung des Zuschauers setzend, der einige Unmengen nackter Haut und eingeschlagener Kindergesichter zum problematisch ausgetragenen Diskurs dazu geliefert bekommt - „The Purge“ lässt grüßen, nur dass die Provokation hier auch eine echte ist.


Auf der anderen Seite versammelt sich zudem der Ära gemäß wie unverzichtbar eine Polizei, die sich straffere Gesetze und direktere Zugriffe wünscht, deshalb auch meist nur viel zu spät am Tatort ankommt und mit stetiger Eskalation jene Katharsis aufbauscht, die nach der mehrfachen Vergewaltigung von Turner-Tochter Corrie (Yvonne Ross) reaktionär auf Bibel und primitive Urinstinkte pocht: An Eye for an Eye. In ihrer Chance verlieren die Turners alle Hemmungen, wehren sich mit Worten und Bluttaten bar jeder christlicher Nächstenliebe und geben sich der Polizei sogar noch weiterhin als Geiseln aus, damit sie noch mehr Zeit zum Rache üben schinden - soviel zum bereits in „Life During Wartime“ aufgegriffenen Thema Vergebung. Robert A. Endelsons Film bietet schon eine enorme Perfidie auf, mit welcher er das Gerechtigkeitsgefühl des Zuschauers auf die Probe stellt, anhand von Hauptfiesling Kane eine auch im Spiel brutalisierte Kaltschnäuzigkeit zum permanenten Angriff ansetzt und der Unschuld eine Galaxie an Gründen gibt, ihre Menschlichkeit zu vergessen, dafür sogar vom Gesetz unterstützt wird, während die Wurzel des Hasses am geringsten angepackt wird: Unsichere Männlichkeit und Penisneid sowie die Wut über eine Mutter, die einst mit einem Schwarzen durchgebrannt ist - Ende. Die Verachtung gegenüber dem familiären Idyll sowie die Frustration fehlender Liebe mögen daraus eine Rolle im Hang zur Bösartigkeit bilden, doch sie bleiben vom Film so unberührt, wie er zur Lösung ebenso schlicht Gewalt mit Gegengewalt quittieren lässt. Im Fahrwasser von „Ein Mann sieht rot“ und Co. ist nichts anderes zu erwarten, allzu stellvertretend präsentiert sich daran allerdings die amerikanische Mentalität zur Gewalt, in deren Wechselwirkung keiner die moralische Oberhand behalten kann, zum Schutz der Werte ultimativ jedes Mittel recht ist, wenn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten jedes Ego das Sagen über alle haben kann. Im Hinblick auf die Jahrhunderte lange Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung ist das hier aufgekochte Payback natürlich auch mehr symbolisch zu betrachten, in etwa so nachgeholt wie „Django Unchained“, ein typischer Topos der Blaxploitation und mit Distanz vielleicht auch einfacher zu reflektieren. „Fight For Your Life“ (so der Originaltitel) hat in seinem arg zentralen Spannungsfeld jedoch rein gar nichts an Aktualität verloren, greift realistisches Terrain auf und geifert geradezu nach den innewohnenden Schauwerten im Leiden, dass man schon eine filmgewordene Ekstase des Zynismus erlebt, wie sich selbst italienische Poliziotteschi jener Zeit selten so nah an die Zerbrechlichkeit der gesellschaftlichen Fassung ran trauten - jenseits von gut und böse, mehr als fragwürdig.




Letztendlich schloss sich der Kreis aber dann noch anhand von Andrew Bergmans „Striptease“, einem Projekt, wie es nur in den 90ern fruchten konnte, als Zeichen seiner Zeit zu einem Kuriosum avancierte, das sich reichlich Einflüssen des Mainstream-Kinos auf einmal bewusst war. Im Zuge einer Reihe erotischer Thriller, die wohl schon ein Jahrzehnt zuvor durch Adrian Lyne gepusht und mit Konsorten wie „Basic Instinct“, „Ein unmoralisches Angebot“, „Color of Night“ bis hin zu „Showgirls“ fortgesetzt wurde, verschlug es Demi Moore auch mal in eine prekäre Situation via „Enthüllung“, eine Bestsellerverfilmung nach Michael Crichton, in welcher der Skandal wie gehabt schon vorprogrammiert war - und in Amerika läuft selten etwas so sicher wie ein Skandal, erst recht im Zirkel an erotischen Abenteuern, in welchen sich manch Hausfrau gerne hinein leben würde und auf der anderen Seite puritanisches Entsetzen als rhetorische Gegenkraft fungiert. Mit der Einfuhr des Kabelfernsehens - sprich HBO, Showtime und Co. - brauchte das Kino (eigentlich noch immer) allerdings ebenso ein Gegenprogramm erweiterter Schauwerte und so kam es dann auch, dass besagter Bergman-Streifen eine strippende Frau Moore als Marketing-Aushängeschild nutzen konnte, wohlgemerkt zu einem Aufpreis von 12,5 Millionen Dollar Gage - durchaus mehr als die „2 Millionen Dollar Trinkgeld“ aus Bergmans vorherigen Film. Obwohl der Film aber pflichtbewusst die Schauwerte des Fleisches aufbietet und dafür auch andere Damen nackt an der Stange tanzen lässt, ist das Prozedere allerdings nur bedingt die typische Tour, zwar auch nach einem Erfolgsroman modelliert, doch kontinuierlich auf eine Verballhornung des Genres zusteuernd. Umso besser fügt sich später noch Armand Assante ein, der - als nur in wenigen Szenen nicht Zigarren rauchender Detective - bereits in Carl Reiners Parodie „Crazy Instinct“ jenen Weg einschlug. Um der Weisung aber auf die Schliche zu kommen, lässt sich der Film im Vornherein noch eine gute Menge Zeit, obgleich sein Figurenkreis an Plakativität um die Wette trivialisiert, bald aber einen Haufen unvergleichbarer Merkmale aufführt. Kostproben gefällig? Ex-FBI-Agentin Erin Grant (Moore) verdient sich eben einige Kröten im Nackedei-Betrieb, um für das Sorgerecht ihrer Tochter (Rumer Willis, Moores Real-Life-Tochter) zu kämpfen, während der Vater Darrell (Robert Patrick) als Rollstuhl-klauender Oberräude einen noch schlechteren Umgang fürs Kind ergibt, die Männerwelt aber durchaus weit korrupter an den Start geht, wenn Kongressabgeordneter David Dilbeck (Burt Reynolds) seine Hoschi-Aktionen im Stripclub mit mörderischer Urigkeit vertuschen lassen will und nur noch Security-Berg Shad (Ving Rhames) den einzig ordentlichen Schwanzbesitzer darzustellen scheint. Letzterer hat wohlgemerkt auch ein kleines Äffchen auf der Schulter und wird stinksauer, wenn die „Free Willy“-VHS noch immer ausgeliehen ist; gleichsam plant er, eine Jogurt-Firma zu verklagen, indem er einen dicken Käfer in einen Becher pflanzt.


Damit hören die obskuren Eigenarten im Charakterkreis aber nicht auf, so sehr Robert Patrick den Redneck-Bastard deluxe raushängen lässt und Reynolds mit strahlend weißen Haaren, Zähnen und Horrorteint chargiert, als träume er von Donald Trump und Rip Taylor zugleich. Mitten drin wiegt das Anliegen Erin Grants als ernstgemeinte Sorge einer Mutter zwar angemessen in der Luft, so wie sie noch per White-Trash-Methodik aus dem Trailer Park zu entkommen versucht, doch es wird immer mehr zu einer Art dramaturgischer Nulllinie, um die sich alle anderen Eindrücke weit präsenter ballen - von nerdigen Verehrern bis hin zu politischen Verschwörungen, wortwörtlichen Einschleimern in der Wählergunst unterschiedlichster Gruppen, zynischen Anwälten, trotteligen Handlangern sowie eine Vorliebe für die Musik von Annie Lennox. Frau Moore darf sich dank letzterem in einigen Sequenzen recht schön austoben, doch das Netz an Intrigen, polizeilicher Ermittlungen und Erpressungen im Einfluss oben genannter Faktoren buhlt ausgesprochen obskur ums Interesse der zwei Stunden Laufzeit. Wohl aber ist man als Zuschauer größtenteils der Verwunderung verfallen, als einer Kanonade an Lachsalven, so holprig sich die Topoi um die eigene Achse drehen und selbst lächerlich machen, Spannung mehr oder weniger bewusst im Absurden dahin plätschern lassen und in der dennoch befolgten Dramaturgie Längen erschaffen. Die Wonne zum Pulp bleibt jedoch ungebrochen, emotional hochstilisiert und dennoch sogar in Milieu-Zeichnungen ohne Zynismus unterwegs, selbst bei Antagonisten gerne auf Blickfang eingestellt, so wie das Verruchte nimmer an Liebe und Freundschaft zweifelt, selbst die Korrupten einer Leidenschaft nachgehen und in ihrer Fehlerhaftigkeit ein Treffen auf Augenhöhe ermöglichen, selbst wenn die Satire auf sie ansetzt. Satire muss man in diesem Fall aber so verstehen, als ob sie mit Buntstiften an die Wand gekritzelt wird, so daneben manche Pointe sitzt, vor allem im Finale für eine Auflösung à la Scooby-Doo sorgt, in welcher jeder gedankliche Fortschritt auch dank der Montage übertrieben stockt und genauso formuliert wird, während einstige Gefahren sturzbesoffen sind oder ums Verrecken nicht vom Flirten lassen können. Kann man dumm nennen, doch der darin ausgestellte Mangel an Anpassung birgt natürlich viel Sympathisches, so selbstverständlich dieses Stück Hollywood von der Plattform an Erwartungen aus ins verrückte Herz der unteren Mittelschicht springt sowie in nationalen Strukturen verrückt spielt, als sei es das unbedarfteste Vergnügen in der stets nachgejagten Freiheit des american dreams.

Ganz aufgeklärt wird einen dieser Film nicht hinterlassen, selbst im Zusammenschluss mit den sechs zuvor gesichteten Verwandten des Mediums, doch fürs Verständnis, wie die USA sich selbst sehen, sehen möchten oder auch nicht, ist jeder von ihnen für sich irgendwie die Reise wert. Wie Menschen zu ihren Ängsten, zu ihrer Leidenschaft, zu Güte und Hass, politischen Kacknasen, irdischen Heiligen sowie allem dazwischen stehen, bietet nun mal ein gigantisches Spektrum, aus dem sich stets aufs Neue Geschichten schöpfen lassen, verkünstelt und wahrhaftig zugleich eine Reflexion angestrebt werden kann, welche in dieser Aufnahmekunst selbst über mehrere Generationen hinweg ewig währen darf - ganz gleich, ob sich das wahre Leben daran bereichern lässt oder nicht; kann man eh nie relativieren. Dieser Querschnitt vom amerikanischen Kino macht zudem deutlich, dass er an Überraschungsarmut gewiss nicht leidet und die oft besungenen, unbegrenzten Möglichkeiten gerne ausnutzt - so sei nach dieser Berichterstattung vom thematisch äußerst stringenden Filmtag noch auf ein aktuelles Beispiel des US-Kintopps verweisen, das wie folgt von Zuständen, Fantasien und (Alb-)Träumen seiner Bevölkerung erzählt:




NERVE - "[...] Henry Joost und Ariel Schulman vermeiden den Widerspruch genutzter Technik und der unbedingten Dämonisierung dieser („Unfriend“), indem sie die Verantwortung des Users in den Vordergrund stellen, zwischen den Fronten vermitteln und Stück für Stück unterschiedlichste Genres anwenden. [...] Der Geltungsdrang, auf Platz eins zu landen, überführt hier manch Schwäche des Einzelnen, bringt aber eine visuelle Nähe auf dem Pfad zur knallbunten Ungewissheit, als hätte „Neon Demon“ zugeschlagen, obgleich sich die Spannung aus David Finchers „The Game“ zieht. Der Witz ist, dass „Nerve“ beide Filme jedoch in Ungezwungenheit und Freundschaft überbietet. Er stellt stimmige Charakterwerte über den Deutungstrieb, hat zwar die Realität der Smartphone-Vernetzung auf dem Kieker, ist sich aber nicht verlegen, das Freimütige und Romantische der menschlichen Begegnung zu fokussieren. Einzelne trivialere Motivationen können nicht darüber hinwegtäuschen, wie einladend sich jene Balance steigert und ulkige Eigenarten und Milieus kennenlernen lässt, in denen die Ethik auf den Prüfstand gerät und einen Kompromiss durch coole Hacker-Nerds und Mad-Max-Bros findet. [...]"


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