Sonntag, 20. März 2016

Tipps vom 14.03. - 20.03.2016

Und wieder stelle ich einen kleinen Kurzbericht meiner Eskapaden dieser Woche voran, bevor die zentralen Texte ihre Leserschaft finden. Ganz uninteressant soll dieser natürlich nicht ausfallen, deshalb stehen stets Filme im Mittelpunkt, die zwischen zig Runden auf dem Klo mit „Dr. Slump“-Bänden als Lektüre stattfanden.


Und da fing es eigentlich schon relativ früh und gut mit der Bücherhallen-Ware „Jigoku - Das Tor zur Hölle“ an, einem Gruselfilm moralischer Dilemma aus dem Jahre 1960 von Nobuo Nakagawa, der aus dem japanischen Mythos der Hölle zunächst eine Spirale von Gewalt und Zwietracht auf irdischem Boden entwickelt, welche jedoch an sich schon mit undurchsichtigen Mysterien gegen ein durchweg durchschaubares Narrativ arbeitet und den eigentlichen Charakter einer Twilight-Zone-Episode zudem mit einem Ensemble voll allgegenwärtiger, mehr oder weniger bewusster Schuld erfüllt. Mit Sympathie geizt der Film schon einigermaßen, weniger mit Leiden und dessen Quellen innerhalb etablierter Autoritätspersonen und eben solcher, die mit gutem Gewissen und weißer Weste asozial im Zeitkolorit handeln dürfen. Aber auch die Unschuld hat hier das Böse inne, ein bisschen leitet der Film dies auch aus dem Reiz zum Verruchten ab und da pumpt eine konservative Ader ebenso Blut hinein, wenn auch die ultimative Erkenntnis so ausfällt, dass jedermann Dämonen austrägt, sündigt und wider der Liebe sozialisiert. Der Nihilismus anno 1960 ist in seiner Härte ganz schön beachtlich, wie auch die Inszenierung Ungewiss- sowie Besessenheit in der Starre des Breitwandformats stärkt, doch das größte Spiel folgt erst noch in der Offenbarung der Hölle, einem suggestiven Farben- und Lichtspektakel, welches Körper und Geist in eine Verzweiflung des Verlorenseins wirft, aus deren Dunkelheit sich drastische Bilder der Folter und gefangenen Seelen sowie die Tragik einer versiegten Zukunft in all ihren übernatürlichen Ausmaßen formen. Ein Kampf ohne Entkommen, dem es in seiner Gesamtheit vielleicht an emotional vollends ankommender Kohärenz mangelt, aber wohl kaum an Konsequenz.

Am Tag darauf musste ich in der Realität auch wieder konsequent auf dem Sprung sein und bei der Postfiliale City-Nord vorbeischauen, obwohl wie gehabt eine weitere quasi direkt vor der Haustür zur Stelle gewesen wäre, von dort Pakete abholen sowie die defekte Kochplatte in meiner Wohnung von der Hausmeisterin abchecken lassen - bis jetzt ist in der Angelegenheit noch nichts weiter geschehen, ich glaub, ich muss jetzt schon seit vier Wochen ohne Spaghetti und Schnitzel im Eigenheim auskommen. Egal, am Abend selbigen Tages war ich zu einer weiteren Filmrunde eingeladen und durfte neben der Gastfreundschaft sowie Skittles und Dr. Pepper ein Nicht-Meisterwerk prämierter Güte genießen.


„Die Fälscher“ von Stefan Ruzowitzky konnte 2007 den Oscar als bester fremdsprachiger Film einheimsen und bewährte sich damit gegen Nominierte wie Andrzej Wajda und Nikita Mikhalkow - was für eine Lachnummer. Die hier dargestellte Variante des Holocaust-Dramas setzt mit halbgarer Handkamera-Arbeit gewollt am Realismus an, Dialoge und Schauspiel nehmen jedoch die Position plakativer bis lachhafter Exploitation ein, ohne sich ehrlich dazu bekennen zu wollen (Karl Markovics räuspert sich den Robert DeNiro aus den Lippen; August Diehl ergießt sich als kommunistischer Idealist im filmtauglichen Phrasen-Pathos; Devid Striesow kommt als hämischer Lagerkommandant auf die Stufe eines Nazi-“Strombergs“). Stattdessen entwickelt jene Schere ein Drama in theatralischer Kulisse, dessen thematisches Potenzial (Ein übergreifendes Gleichnis zum entmenschlichenden Erfolgszwang des Kapitalismus?) irgendwo im Konsens verborgen bleibt, während die Nähe zu den Charakteren geradezu vermieden wird. Zu alledem wird jede Beobachtung und Erkennung des Sachverhalts bar angemessener Subtilität in stilistischer Reinforcierung derartig redundant durch Zooms und Musik im Affekt zu Tode akzentuiert, dass einem als Zuschauer ja jede Denkarbeit abgenommen werden soll, während sich dieser nur mit Verachtung bedanken kann. Eine halbe Handvoll wirksamer Sequenzen hilft dann leider nicht darüber hinweg, dass diese Reise in die Tiefen der Menschheit nur wenig Substanzielles zu Tage fördert, an charakterlicher Konsequenz spart und selbst Betroffenheit nur vortäuschen kann.

Danach gab es zumindest noch aufregende Diskussionen und tolle Stullen, am Mittwoch dann wurde der Tag beinahe ausschließlich auf Facebook verbracht, um die Wahrscheinlichkeit der Räudigkeit an diesem Buch zu diskutieren. Die Gruppenauseinandersetzung hat dabei ordentlich Staub aufgewirbelt und wer mir auf der Plattform zufällig folgt (oder es vorhat), findet in dem Verlauf reichlich anregende Meinungen aus verschiedenen Lagern, die ich hier nicht nochmal aufführe wegen Datenschutz und so. Alle Zeichen des Werkes deuten jedenfalls auf eine weitere Gettoisierung von Filmstoffen hin, die sich leider oftmals abseits des Mainstreams einfinden und als Klassenclowns für ironische Nerds herhalten müssen, wie es in der modernen Popkultur durch Screenjunkies, Redlettermedia oder auch Konsorten wie Chris Stuckmann angewandt wird.


Letzterer war in letzter Zeit auch einer, der „Superman IV - Die Welt am Abgrund“ auseinander zu nehmen versuchte und dabei erneut auf die Allgemeinplätze der Rezeption jenes Films zurückgriff, die anhand technischer Kleinigkeiten offenbar den schlechtesten Teil der Reihe auszumachen glauben. Was in der Kritik einzelner Sätze und Spezialeffekte natürlich immer wegfällt, ist der erhellende Kontext drum herum und da lohnt es sich, den Film, gerade im Hinblick auf den nächste Woche anstehenden Start von „Batman v Superman: Dawn of Justice“, auf eigene Faust zu erkunden. Die Cannon-Produktion unter Regisseur Sidney J. Furie hält nämlich einen kurzweiligen Ritt durch das naive Spielfeld des frühen Superheldenfilms bereit, das sich nach dem durch und durch schizophrenen „Superman III - Der stählerne Blitz“ wieder auf die zentralen Werte seines Protagonisten verlässt und somit ein herzliches Abenteuer um Wunscherfüllung per Phantastik und der bodenständigen Neigung zum menschlichen Miteinander entwirft. Fernab des Slapsticks eines Richard Lester behilft sich Teil Vier sodann eher cleverer Dialoge zur humoristischen Beobachtung des hilfreichen Aliens, das als Clark Kent durch den Alltag sowie die Gunst von Gesellschaft, Kindern und der Frauenwelt stolpert, sich entgegen dem Rat seiner Vorfahren und Erzieher in die Belange des Weltfriedens einmischt, sobald die nukleare Bedrohung ihren Siedepunkt erreicht. 

Die wahnwitzige wie aufrichtige Rede Supermans vor den Vereinten Nationen, die sich daraus ergibt, stellt dabei einen Höhepunkt des Eskapismus dar, wie er nur im Kino zustande kommen kann und gleichsam recht absurde Früchte trägt - allen voran durch die Rückkehr von Gene Hackman als Erzfeind Lex Luthor, der nun zusammen mit seinem 80's Hoschi-Neffen Lenny (Jon Cryer) einen Triumph des Zynismus anzettelt, sobald er die Profitabilität globaler Unruhe mit der Eigenkreation Nuclear Man zu erhalten versucht. Als Geschäftsmann findet er eben stets neue Wege und Hackman gibt daher auch keinen Unsympathen, sondern einen abgeklärten Privatunternehmer ab, der sich humorvoll mit dem Selbstverständnis von Gut und Böse versorgt. Clark Kent hingegen hat noch mit der Zuneigung von Lacy Warfield (Mariel Hemingway) und Lois Lane (Margot Kidder) zugleich zu hadern. Erstere versucht mit Sex, Geld und Draufgängertum das Herz des tollpatschigen Brillenträgers zu erobern, während letztere ihre Liebe hinter dem Professionellen zu verstecken versucht und dennoch allzu gerne dem Zauber des Manns aus Stahl verfällt. Beide Figuren sind basierend auf dieser Schilderung aber keine bloßen Handlungsventile, sondern sprudeln vor Lebendigkeit, wenn auch Frau Kidder manchmal kindlicher als sonst von der Beziehung des Supermans zu ihr bzw. der Menschheit ausgeht. Mit jener Grundnaivität schießt sich der Film aber natürlich nicht ins Aus, verinnerlicht er sie doch sowohl im Konflikt der Weltmächte, der übrigens auch im Kampf journalistischer Integrität gegen die Übernahme des Sensationalismus ausgetragen wird, als auch im Gemenge zwischen Superman und Nuclear Man um die Beschaffenheit unseres Daily Planets, für die auch mal die Logik von Natur, Physik, Astrologie usw. außer Kraft gesetzt wird. 

Sich aber darüber innerhalb eines Fantasyfilms zu beschweren, heißt sich dem Spaß der Fantasie verweigern zu wollen, wobei man jedoch immens an der Absicht des Films vorbeischrammen würde, der nicht nur als Aushängeschild billiger Spezialeffekte belächelt werden kann, sondern auch genuine Lachsalven im enthusiastisch verwirklichtem Verhältnis von Realität und Außerirdischem serviert. Moralische Betrachtungen abseits des Spiels mit der öffentlichen Meinung oder gar mehrere effektive Konzentrationen jener Haltung darin gelingen dem Film zwar vor allem zur zweiten Hälfte hin eher weniger, doch er versteht den eigentlichen Charakter der Reihe, die Richard Donner initiierte, dann doch mehr als Richard Lester, der sich in Teil Drei für eine nicht allzu substanzielle Melange dessen mit kontemporären Einflüssen entschied, die jedoch nicht über die blassen Modelle ihrer selbst hinauswachsen und eine Einheit mit dem Superman-Mythos bilden konnten, welcher jedoch auch dort für einige beachtlich essenzielle Momente sorgte - allen voran die süße Beziehung zu Lana Lang (Annette O'Toole), der Clark Kent mit Rat, Tat, nervösem Herzschlag und verschmitzt doppeldeutiger Spruchfertigkeit zur Seite steht; ganz zu schweigen von der Spaltung der Superman-Persönlichkeit ins Weltfeindliche, was einen grandiosen Dualismus heraufbeschwört.

Doppelt stark wurde es dann jedenfalls am Freitag im Metropolis Kino Hamburg, das zum zehnjährigen Jubiläum des Bizarre-Cinema-Programms ein Double-Feature aus Publikumsliebling „Die Todesgöttin des Liebescamps“ (für den hatte ich auch gestimmt) und Team-Favoriten „Söldner kennen keine Gnade“ bildete. Die 12 Euro an Eintritt dafür hielten aber auch einige Goodies parat, wie eine Trailershow aus Filmkandidaten, welche in der Wahl des Publikumslieblings hinter Christian Anders lagen, sowie ein Quiz für eingefleischte Besucher des Bizarre Cinemas, bei welchem man DVDs, Blu-Rays, Soundtracks und Schnaps abräumen konnte. Bei drei Fragen konnte ich dann auch als erster eine Antwort in den Saal rufen und die Ausbeute seht ihr im folgenden Foto.


Doch nun zu den Filmen an sich, obwohl schon in vielerlei offenen Zirkeln über diese berichtet wurde, weshalb ich auch nicht allzu viel mehr zu den psychotronischen Werten dieser hinzuzufügen habe.


„Die Todesgöttin des Liebescamps“ beinhaltet jedoch als etwas mittellose, wenn auch ekstatische Darstellung von Sektenkult, Hedonismus und der allzu menschlichen Konsequenz der Liebe einige Wahrheiten, die im exploitativen Rahmen vielleicht eher als Unterhaltung pubertärer Reize empfunden werden, aber eigentlich auch ohne prätentiöse Betroffenheit (somit auch weniger durch eine grimmige Analyse schleppend, wie z.B. „Martha Marcy May Marlene“) den unvermeidlichen Erhalt von Ideologie und Gewalt in vermeintlich toleranten oder bewusstseinserweiternden Systemen beleuchten. Christian Anders' Regie probiert diesen Sachverhalt in durchgängiger Spekulation, seine Askese innerhalb plakativ bunter Kulissen vermittelt gleichsam aber auch den inneren Zwang, mit welchem das Hippie-hafte hier an sich selbst scheitert, die körperliche Feier eben mit tyrannischer Misanthropie anleiten zu müssen. Anders balanciert und banalisiert jedoch das Grauen in seinem Babylon und kontert daher voller Enthusiasmus mit Unmengen nackter Haut, üppiger Oberweiten und breitem Grinsen, die sich in Disco-Beats verlieren und dufte Sprüche binnen des Love Camps äußern, in welchem die freie Liebe ihren Höhepunkt findet, die Treue der Zweisamkeit jedoch bestraft wird. 

Bezeichnend dafür erscheinen die Körper geradezu stählern unter der heißen Sonne Griechenlands, allen voran Todesgöttin Laura Gemser weiß da Erotik als Macht zu gebrauchen, den Akt der Ekstase in einen geißelnden Bann zu verwandeln. Christian Anders selbst als Jünger Dorian befähigt sich da auch so einer Art von Zauber, wenn er Senatorentochter Patricia (Simone Brahmann) zur Liebe auf den ersten Blick verleitet, die derartig bedingungslos mit jugendlichem Leichtsinn glänzt, dass es für ein gereiftes Publikum schnell zur Lachnummer wird. All diese Aspekte kulminieren dann auch im Mann aller Männer, Tanga (Sascha Borysenko), der die Härte des menschlichen Bodys pausenlos verkörpert, im Stehen schwitzt und Muskeln en masse präsentiert, ruppig und fix als Entjungferungswerkzeug fungiert sowie die Treue zu seiner Meisterin mörderisch mit Sindbad-Säbel und Höllenschlucht ausführt. Als Charakter ist er an sich schon der pure Blickfang und vielleicht auch der interessanteste im Ensemble, dessen Handeln man aus der Übermacht seiner Präsenz nur stets verblüfft und entzückt, mal mit Gewissensbissen und mal vollkommen ohne Kompromisse, erwarten kann. 

Er ist auch irgendwo eine menschgewordene Pointe; ein Fick-Terminator mit urigem Bart, den Anders nur im Bild anordnen oder schweigsam durch solches gehen lassen muss, um eine Reaktion vom Zuschauer zu erwirken. Seine impulsive Kraft wird dann auch die Essenz eines Films, der sich bar aller Gefälligkeit an Sexszenen, Festmahlen und Musical-Nummern ergötzt, ohne einen sauberen Übergang derer oder gar aufwendige Ausstattungen dazu darbieten zu müssen. Das Urweltliche im Menschen äußert sich nun mal im derartigen Eigensinn und das fällt in dieser unfassbar naiven Freiheit eines aufgedrehten Eskapismus des Gespielt-Erwachsenen dementsprechend beglückend aus, wenn sich das Spektrum an Themen und veräußerlichenden Schauwerten letztendlich auch etwas klein hält und selbst in der kurzen Laufzeit von 75 Minuten Längen und teils überflüssig einfältige Stereotypen aufweist.


Ein bisschen länger, aber weit konfuser fällt sodann die deutsche Kinofassung von „Söldner kennen keine Gnade“ aus, die Tsui Harks Action-Crime-Hybrid urbaner Gewalt zu einem wankelmütigen Rausch an Eindrücken ballt, der unnachgiebiges Terrorkino erwirkt, natürlich aber auch die Sprengkraft in der Unmittelbarkeit des Originalkonzepts unter Wert verkauft. Die haltlose Wut der Jugend, wie sie dem grenzendurchstoßenden Film an sich sowie den Charakteren inhärent ist, steht somit im Wechselspiel mit einem undurchsichtigen Söldner-Plot, der in dieser Form anorganischen Filmprodukts natürlich auch fesselt, jedoch die Realität der ursprünglichen Kohärenz unterminiert. Davon abgesehen ist Tsui Harks Energie weiterhin ein virtuoser Antrieb für seine Darstellung einer gesellschaftlichen Finsternis, die ihre Apokalypse binnen fester Strukturen, derer Langeweile und dem Zynismus ihrer hingenommenen Spaltung aller selbst anzüchtet. Die Grenzen zwischen Unschuld und Absicht, Gesetz und Anarchie, verschwimmen dann auch in einer Turbulenz, die eine Identifikation oder ethische Einordnung mit den Charakteren schier unmöglich macht und deren Handeln dennoch als unfassbares Unterfangen durchs Hirn schießen lässt. 

Der Film zwingt einem in der Attacke seiner Bilder des Zerfalls sowie mithilfe seines unheilvollen (aus mehreren Quellen zusammen geklauten) Soundtracks dazu, mitzuhalten, eine Erfahrung der Angst als Zuschauer zu verinnerlichen; Gewalt, Hass und Frust auf universellem Wege zu erkennen, ohne dass für irgendjemandem im Ensemble letztendlich eine Moral oder gar Katharsis aufbewahrt wird. Alle dürfen bluten, sterben und das Massengrab aufstocken lassen. Eine Bombe des Bösen wird hier wortwörtlich in den Kinosaal geschmuggelt und lässt für eineinhalb Stunden den Horror auferstehen, den wir aus der Menschheit eigentlich trotz seiner Existenz ausblenden wollen. Tsui Harks radikalisierter Nihilismus kennt kein Erbarmen, genauso wenig schert er sich um Nuancen und Regeln, lässt daher auch reichlich schwarzen Humor, fiebrige Unterwelt, Tierquälerei, Blut und Gedärm aufkochen, die sich im Sog einer beengenden und zerrenden Bilderwelt zum Thrill türmen, aber auch eine Ermattung außer Atem fördern. Der Film war ohnehin so etwas wie der Anklang einer neuen Welle im Kino Hongkongs, das sich bis dahin eher an Wuxias, Martial-Arts und seichten Dramen orientierte, ehe es eine derartig im Zeitgeist wühlende Explosion an Genres und menschlichen Tiefen gewagt hätte. Von so einer Supernova kann man sich nur schwer erholen, aber auch heute noch schwer begeistert sein, ganz gleich wie sie für die jeweiligen Kinomärkte und Zensoren zusammen gestutzt wurde.

So, damit wäre die Übermenge an wöchentlicher Schaufreude fürs Erste chronologisiert, denn daraufhin hatte ich mich eigentlich wieder nur in meine Höhle begeben und an den Texten hier gesessen. Und weil das obige als Kurzbericht ja noch nicht genug an Lesematerial war, habe ich auch noch Einzelkritiken zu den folgenden Filmen parat und hoffe, dass bei diesem Tipps wieder so einiges an Inspiration für Euch treue Filmfreunde zur Verfügung gestellt wird. So sehet also:




ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE - Akira Kurosawa hat so einige Karten in der Hand, mithilfe derer er eine Partie von knapp zweieinhalb Stunden Länge schon mal im Ansatz kurzweilig auszufüllen weiß. Die Geschichte darin allein gibt aber auch innerhalb ihres Rahmens einen reichhaltigen Gesamteindruck vom Leben binnen finsterster Phasen wieder, dessen Apokalypse im Innern passiert und doch per Schlichtheit auf die Zwiespälte von Moral, Privileg, Schuld und Verzweiflung hinweist. Ganz natürlich scheinen da die Übergange zwischen den Genres, das Wechselspiel der Perspektiven zum Auffinden der Perspektive; einer Lösung, die letztendlich keine ist, da in ihr leider auch, wie durchweg im Film, der Austausch, das Bestehen und die Eliminierung von Existenzen erfolgen muss. Daher ist Kurosawas Film zu Beginn schon Kapitalismuskritik sowie eine Betrachtung der Folgen von Ehrgeiz. Die Philosophie einer Ayn Rand wird daher nicht bedient, wenn sich der Großaktionär einer Schuhfirma, Gondo (Toshirô Mifune), zwar für die Ethik der Qualität entscheidet, Feinde und Freunde um sich ballt, jedoch innerhalb der Struktur seiner Familie ebenso allmählich fremd und störrisch wirkt. Die Unruhe verfolgt ihn stets wie auch das Risiko einer bedeutenden Investition, mit welcher der gesamte Haushalt auf dem Spiel steht. Sympathieverschiebungen werden da sehr präsent, aber keine Plattform für Zynismus.


Die Dramatik jener Entscheidungslast bleibt in der ersten Hälfte des Films größtenteils innerhalb seines Hauses verortet, konzentriert mit der Konfrontation unter Personal, Familie sowie den Pfaden des Opportunismus spielend, welche sich dafür nicht mal absurde Spitzen ausdenken muss, um nachvollziehbar humanistische Spannung zu erzeugen. Kurosawas Kamera und die spärlichen Musikeinsätze akzentuieren die Schwere der Gefühlslage ohne melodramatischen Affekt, ohnehin fühlt sich der Zuschauer mehrfach eher dadurch einbezogen, dass der Raum des Breitwandformats mit beobachtenden oder zuhörenden Gesichtern innerhalb des Narrativ wirkender Charaktere gefüllt ist, als durch die eigentlich naheliegende Stilistik der eingezoomten Einsamkeit. Hier herrschen stattdessen kollektive Klaustrophobie und Machtlosigkeit, wenn auch die Grauzonen des Konflikts ab und an recht eindeutig, Theatralik aber noch vermeidend, im Dialog zu Tage treten. Jene Streitpunkte sind aber nur die Grundlage für Handlungsentwicklungen, die selbst für den heutigen Zuschauer weiterhin unvorhersehbar, gerade aber in ihrer Plötzlichkeit natürlich realistischer erscheinen, als ein Thriller mit Ankündigung. Entführung und Erpressung setzen sich am Gewissen fest, spannend sind da vor allem die Wechselverhältnisse von Reichtum und anstehender Armut, der Schutz des Individuums im Angesicht sowie im Zusammenspiel einer Gruppen übergreifenden Gerechtigkeitssehnsucht, die sich gleichsam bescheiden sowie niedergeschlagen geben und ebenso Mitleid empfangen.


Als Mittler der moralischen Entscheidungen hat das Gesetz hier Kompetenz und Verständnis inne, das jedoch genauso mit der Ermattung der vorhandenen Mittel zu hadern hat wie es im investigativen Verlauf der folgenden Akte sodann die Facetten des Sachverhalts sorgfältig abgleichen muss. Kurosawas Film wird dann auch ein behutsamer Krimi, jedoch keiner der Schauwerte, sondern einer, der punktgenau und doch mit Feingefühl im sozialen Spektrum unterwegs ist, sich die Öffentlichkeit und den Einzelnen zu nutze macht, um dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Manche Milieus können da trotzdem etwas spekulativ erscheinen, allen voran die Drogenhölle gegen Ende hat eben den Charakter einer solchen inne, während sich der Hauptanteil des Films eher nicht mit vorgefertigten Typen umgibt, stattdessen den Komplex einer Gesellschaft auch anhand der Stück für Stück weiter greifenden Inszenierung recht offen und ehrlich schätzt. Es liegt ihm letzten Endes auch nicht daran, ein Urteil zu fällen, eine Katharsis für Identifikationsfiguren oder eben ihre gesellschaftlichen Strukturen zu erwirken, sprich die Realität eines derartigen Falles zu verklären. Von daher braucht man auch keine grandiose Erklärung allen Glücks und Übels erwarten, genauso wenig ein sperriges Statement gegen die Zuschauergefälligkeit.


Kurosawa pendelt sich dabei zwischen kohärenter Systematik und grundlegender Empathie ein, wenn sich der übergreifende Täter eigentlich schlicht aus der fairen Grundlage allen Lebens nachweislich in die Unzufriedenheit getrieben sieht, gesellschaftlich ins Abseits geschoben, mit Enttäuschung und Hass auf eine Hierarchie blickt, in der es aber ebenso Individuen gibt, die mit Barrieren, Unterstützern und Rivalen ringen - da können die Vorwürfe noch so energisch tönen: Das Gesamtbild nimmt bewusst die Höhen und Tiefen von jedermann mit. Ein konsequenter Schlusspunkt, aber kein grundlos pessimistischer, dafür ist er im Vornherein eben auch intensiv mit den Zweigen des Daseins beschäftigt, die das größere Wohl bilden wollen, für dessen Abgeklärtheit aber stets gesorgt werden muss und einfach auch keine Pauschallösung existieren kann. Das Leben ist nicht leicht, doch die Balance des persönlichen Kampfes ist immerhin gemeinschaftlich inhärent, von daher geht Kurosawas „Zwischen Himmel und Hölle“ in seiner Universalität und Ambivalenz mit wohl endloser Haltbarkeit effektiv auf.




GODS OF EGYPT - "[...] Proyas mangelt es an Konsequenz, ehe er wie Luigi Cozzi und dessen „Herkules“ in die ungestüme Palette des Eskapismus greift. Ganz unähnlich sind sich die Herren aber nicht, wenn sie voller Wahnwitz Realitätsverständnis und Mythologie zugleich durchkreuzen. [...] Die Abgefahrenheit ist derart geballt, dass selbst die heutige Computermaschinerie an ihre Grenzen stößt und teils eigentlich peinliche Ergebnisse zum traditionellen Sandalenabenteuer hinzugibt. Jene Versuche der Größe – und die Offenheit des Scheiterns – machen allerdings den größten Charme des Films aus, der im Modus permanenten Chargierens selbst einen Anti-Sympathen wie Gerard Butler mit Unterhaltungspotenzial anfüttert [...] Innerhalb der zelebrierten Stumpfheit beharrt „Gods of Egypt“ jedoch auf einem mühsamen Erzählkino, das in moderner Fantasy leider zur Gewohnheit geworden ist [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)


Bonus-Zeugs:




MARTYRS - Generell wäre es ja reizvoll, die Betrachtung des globalen Leidens, wie es in Frankreich seit der Johanna von Orleans und im Kino u.a. durch Robert Bresson kultiviert wurde, ins Hier und Jetzt des Torture Porns zu versetzen und womöglich eine Reflexion zu erwirken, die aus dem Genre mehr als Angstbewältigung und Katharsis herausholt. Regisseur Pascal Laugier lässt sein zentrales Ensemble jedoch insofern ausbluten, indem er das vielleicht wichtigste Element seiner eigentlichen Passionsgeschichte, nämlich die Empathie, auszuklammern droht, in Schauwerten vergräbt, nur für ausgewählte Figuren der Unschuld bereithält (Grauzonen und deren Kinder kriegen sie mit einer Handvoll Tränen sowie ganz dicken Einschusslöchern serviert) oder kurz darauf am Zwang von Plottwists vergessen lässt. So schafft es die brachiale Mordsschau im Hauptanteil nicht, ihren oberflächlichen Charakter zu durchbrechen, wenn ihre thematischen Werte zudem von Anfang bis Ende bis in die Belanglosigkeit hinein überstrapaziert werden. Die Grenzen des Kinos per extremer Körperlichkeit zu überschreiten, ist da grundsätzlich kein Störfaktor, schafft es in diesem Fall doch die direkteste emotionale Bindung zum Zuschauer (das Verhältnis zwischen Anna und Lucie wird höchstens angerissen) und besitzt ohnehin eine Konsequenz, die das Gegendrücken durch etablierte Tabus aussetzt.


Wird den Figuren darin jedoch jede Nuance vergönnt und stattdessen mit minimalstem Hintergrund erfüllt, der als Ventil für eine vermeintlich spirituelle Suche nach dem Göttlichen ziemlich einfältig bleiben muss, kann sich die Haltung zynischer Gafferei relativ einfach hineinschleichen, wenn daran auch noch mit unvermeidlicher Prätension ein Grundkurs von der Psychologie der Gefangenschaft probiert wird, welcher jenseits des Borderline-Syndroms und Halluzinationen relativ wenig und dann auch noch spekulativ äußert - Standard-Jumpscares und melodramatischer Soundtrack inklusive. Innerhalb der knapp hundert Minuten Laufzeit hat man es sodann mit einer Redundanz zu tun, deren narrative Abstraktion zunächst noch für effektiv gehalten werden könnte, anhand des Oberbegriffs des kollektiven Schmerzes aber auch mit Ankündigung auf der Stelle tritt und sich vom Handlungsverlauf her hingegen einige abstruse Eckpfeiler und Falltüren offen lässt, die sich mit dem grimmigen Realismus des Stils nicht so ganz anfreunden wollen.


Daran zeigt sich auch, dass die Idee des Ganzen innerhalb eines Schauplatzes Potenzial hat (ohnehin hat man manchmal das Gefühl, Laugier wollte "Das Haus der Vergessenen" bar jeder Subtilität neuverfilmen), die Ausführung dessen jedoch überflüssig gestreckt wird und dafür sogar Stück für Stück den im Intro noch vorhandenen Reiz der Suggestion ablegen muss - insbesondere in der Hinsicht, wie sich das Grauen erst den Opfern, dann dem Zuschauer zeigt und letztendlich noch ein oder zwei High-Tension...ähm High-Concept-Twists draus basteln muss. Sozialkritik durch eine Geheimgesellschaft des seligen Niederprügelns orientiert sich zeitgleich noch an derer des "Fight Clubs", die gemäß des Trends der Nouvelle Vague du Gore in Handkamera und hartem Kontrast eingefangenen Eindrücke vom "gut gemeinten" Faschismus ziehen da mitunter am Stärksten für das (streng unmissverständliche) Gleichnis einer omnipräsenten Unterdrückung des Individuums im Zeitgeist des verstärkten Rechtsrucks in Europa, welches sich in der übersteigerten Darstellung der Peinigung stimmig wiederfindet.


Laugier macht jene Erkenntnis eigentlich schnell sichtbar, lässt sie aber über neunzig Minuten lang noch auslaufen und bricht sie sogar nochmals vereindeutigend auf den primärsten Konflikt ihrer selbst runter, während dem Kontext zu Narrativ und Metaebene stetig mit Willkürlichkeit und Schockfaktor begegnet wird. Das hat zur Folge, dass die ultimative Ergründung des Märtyrdaseins als Erzeuger einer esoterischen Vision des Nirwanas wie nachgeholt daher kommt und (ähnlich wie bei Mel Gibsons "Die Passion Christi") ein vorangeganges Massaker halbgar als Pfad der Katharsis entschuldigen soll. Die Naivität darin kabbelt sich sodann durchaus mit dem angepeilten Anspruch des Films, die Härte des Lebens voller Ehrlichkeit und einer Portion Gnade in Filmform zu konzentrieren, wenn letztendlich doch eine ums Verrecken verschleierte (Gewalt-)Fantasie vermittelt wird. Hier wurde eben leider etwas zu plakativ und unausgegoren an eine recht respektable Ambition herangegangen.




DIE BESTIMMUNG - ALLEGIANT - "[...] Anstrengend erfährt der treue Zuschauer sodann das allerneuste Abspulen einer Young-Adult-Dystopie, die aus ihrer eigenen Mythologie nichts mehr zu schöpfen weiß. [...] Trotz Gewohnheit – ob in Dramaturgie, Ambiente oder Charakterzeichnung – gibt sich der Film nur wenig selbstbewusst, sondern drückt in künstlicher Aufregung auf die Tube, von seiner Zielgruppe so eindeutig wie jeder andere Genrevertreter empfangen zu werden. [...] Stereotypen und Klischees vom altbewährten Kampf zwischen Gut und Böse sind fest an der Tagesordnung, obwohl der Film in seinem Drang zur Auflösung der Übermacht ironischerweise stets wiederholt, dass die Fraktionen, sprich die Kategorisierung des Einzelnen in rein oder beschädigt, ein Ende haben müssen [...] ansonsten bleibt nur eine äußerst blauäugige Hoffnung in Geist und Gerechtigkeitssinn der Jugend. Die Moral von der Geschicht’ propagiert in Ermangelung an Originalität zudem das Misstrauen gegenüber Regierenden, während das Talent im Waffenumgang wie bereits in der „5. Welle“ gefeiert wird. [...]"


(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)




REAL ROB - Das reiche Weichei, das mit vorgehaltener Hand angeben darf: Eine neue Spitze ungemütlichen wie spießigen Anti-Humors. Ich wollte glauben, dass vom Konzept her ein hämischer Kommentar auf die potenzielle Idealisierung des öffentlichen Bildes in Serien wie "Louie" oder eben der inszenierten Echtheit von Reality-Shows dargestellt werden sollte, so asozial und dennoch um Herzlichkeit bemüht Rob sich selbst sowie sein Millionärsleben inklusive aufreizender 29-jähriger Ehefrau repräsentiert. Im Ansatz ist "Real Rob" das tatsächlich auch. Die Extreme der Selbstgefälligkeit suppen jedoch allzu schnell und gewollt in ein Sammelsurium an zynischen Gags, Klischees und zunehmend schlaffen Story-Konzepten über, das zudem 1:1 mit Robs echtem Stand-Up-Programm aus Sexismus, Rassismus, Homophobie, Organic Food, Penisneid und Anti-Vaxxer-Shtick übereinstimmt - schließlich gibt er es auch in redundant eingeworfenen Momenten vor einer Mauer à la Seinfeld wieder (Interview-Passagen und Non-Sequiturs gesellen sich auch manchmal dazu).


Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, sprich fingierter und echter Unerträglichkeit, verschwimmen sicherlich in einem Anflug an Überspitzung, doch man möchte meinen, mit jeder möglichen Auflösung dazu noch weit weniger als überhaupt schon mit Rob (der Person, nicht der Kunstfigur) sympathisieren zu wollen, unabhängig davon, welche Absicht erzielt werden sollte (Die Anbiederung an den Humor-Bodensatz gelingt ihm jedenfalls recht souverän). Seine über Allgemeinplätze reflektierte Parodie aufs Showbiz bietet sich mit ihrem vorhersehbaren Plattmeier-Jux dementsprechend zum Fremdschämen an, das Potenzial zur Selbstironie muss sich dabei den Platz mit Unmengen an zur Unterhaltung ausgestellter Misanthropie teilen, für die Robs Charakter allerdings nur in Miniportionen die Quittung kriegt. Brüller. Teilweise geraten die Situationskomiken aber auch so haarsträubend einfältig, dass man den Reiz eines Zugunglücks empfindet, besonders in Folgen wie "Gaying in Shape" und "What's my Thing" sind derartige Qualitäten omnipräsent.



Die Blässe der Regie sowie deren Desinteresse an Timing, ebenso vom auteur d'être Rob ausgeführt, tun da ihr Übriges in diesem von Netflix finanzierten Familienprojekt, bei dem man schon wirklich beide Augen zudrücken müsste, um diesem gelungene Subversion zuzugestehen. Ob dabei nun die Entlarvung Hollywoods oder die Entlarvung der Leichtgläubigkeit des Zuschauers ins Auge gefasst wurde: Die Bandbreite an daraus ableitbaren Erkenntnissen hält sich äußerst im Grenzen. Nach Obskuritäten suchende Gesellen werden sich hier durchaus aufgehoben fühlen, wenn auch der Antrieb zum Weiterschauen nach maximal zwei Folgen ausgeschöpft ist. Masochisten wie ich wählen das Komplettpaket.

Sonntag, 13. März 2016

Tipps vom 07.03. - 13.03.2016

Da ich ein bisschen Gefallen gefunden habe an der Struktur des Blogeintrags von letzter Woche und ohnehin schaffen will, auch wirklich alle Filme zu würdigen, die mir innerhalb jener Einheiten von jeweils sieben Tagen begegnen, ich aber zeitlich gesehen nicht für alle eine voll formulierte Kritik anbieten kann, versuche ich nun mal regelmäßig eine Art kleinen Rückblick innerhalb des größeren Rahmen des Wochenrückblicks. Umständlich genug? Aller Anfang ist eben schwer, zumindest sollen zeitweise auch einige persönliche Einblicke auf diesen Wegen zustande kommen, auch wenn diese Woche bei weitem nicht so dramatisch wie die letzte verlief. Dank meiner frischen Kundenkarte bei der Hamburger Bücherhalle bin ich allerdings in den Genuss einiger Klassiker gekommen, die sich merkwürdigerweise doch schon länger bei mir aufgeschoben hatten.


„Die Nacht des Jägers“ von Charles Laughton zum Beispiel, frisch und zeitlos in seiner Verkettung an Stilistiken und Genres - ein American Gothic, das voller Noir-Power und einem diabolisch guten Robert Mitchum ins Abenteuer mit kindlicher Perspektive springt sowie märchenhaften Expressionismus zur Kritik an der Leichtgläubigkeit der Gesellschaft sowie ihrer Mob-Mentalität nutzt. Charakter-technisch erlebt man daher bis zum Schluss einen regelrechten Wirbelsturm der Emotionen - Katharsis und Schock gehen da Hand in Hand zur Fabel eines ungewissen Weltverständnis auf. Was für ein toller Start, dagegen konnten zwei von drei Kinovorstellungen diese Woche nur schwer gegen ankommen. Da dies Pressevorführungen waren, bewahre ich der Fairness halber noch die Identität der Filme, zumindest kommen in Zukunft noch Texte zu denen ans Licht. Ich habe also durchaus wieder mehr geschrieben, als man hier vertreten sehen wird, aber machen wir uns nichts vor, zu folgenden Werken müsste man ja eigentlich auch was sagen: 


„Bumerang“, in dem Fall Elia Kazans Justizdrama von 1947, stellt quasi die Blaupause dessen Genres dar. Das heißt, dass man als Zuschauer knapp sieben Dekaden später mindestens schon tausend weitere Filme jener Art gesehen hat und ja, Kazans Prozedere ist als auf einem wahren Fall basierendes Spannungsstück schon ziemlich zäh in seinem Drang der Beweisführung, der zuvor von einer Tätersuche ohne große Charakterstärken erfüllt wird und gen Finale dementsprechend nur wenig Bindung zulässt. Interessant sind dabei die Ansätze zur Erkennung von Korruption, eine mehr oder weniger subtil aufgespannte Vermittlung des Sachverhalts sowie die Entwertung von Vorurteilen. Im filmhistorischen Sinne also gar nicht mal so verkehrt, aufgrund der nicht von der Hand zu weisenden Didaktik allerdings nicht allzu gut gealtert. 


Obwohl die Bildsprache in „Die Reise nach Tokio“ von Regisseur Yasujiro Ozu auch schon eher an Werke aus der Frühzeit des Kinos erinnert (natürlich auch mit tollem Feingefühl beobachtet), ist die menschliche Beobachtung hier hingegen nochmal empathischer ausgeprägt, inwiefern die Bindung der Familie auf verteilter Basis funktioniert und sich in individuellen Wegen nach Verständnis sehnt. Die 130 Minuten daran machen sich mitunter etwas stark bemerkbar, dafür umfasst das geduldige Drama aber auch Stationen an Güte, Entspannung, Liebe, Verantwortung und Leiden, die nicht im Affekt geschehen, sondern im Bewusstsein einer Alltagspoesie voll stiller Konflikte ankommen wollen. Die emotionalen Brennpunkte binnen überwiegender persönlicher Bescheidenheit verfehlen da garantiert nicht ihre Wirkung, doch obwohl Melodramatisches im hier wirkenden Quasi-Neorealismus vermieden wird, lässt sich die Sentimentalität all dessen nicht verleugnen. Wie man's nimmt.


Spielerischer um die Flucht aus den Strukturen bemüht sich sodann Jan Svankmajers „Alice“, frei nach Lewis Carroll als osteuropäischer Stop-Motion/Realfilm-Hybrid in der Fantasie der Titelheldin unterwegs, die aus den Mauern der Kinderstube eine Tour bizarrer Ausmaße macht. Die Zutaten des Alltags vermengen sich hier zu neuen, teils morbiden Wesen, die vor allem in ihrer Verletzbarkeit unberechenbar bleiben, auf jeden Fall ein Spiel mit dem Realitätsverständnis an sich eingehen und als Widerstand des kindlichen Geistes genauso eigen wirken, wie es den Ursprung im Vertrauten finden. Der Film geht in erzieherischem Sinne also durchaus gegen die Vereinheitlichung von Projektionsflächen der Vorstellungskraft an, letzten Endes lässt er sich auch aus erwachsener Perspektive umso schwerer fassen, was ihn in seiner Qualität wohl auch nochmal bestätigt. Der psychotronische Zauber bleibt dabei auch Herzensangelegenheit, geballtes Ungehorsam und Ekel zugleich, mit Eindeutigkeiten brüstet er sich aber für wahr nicht.


Etwas deutlicher im Herzen der Finsternis unterwegs, zeichnet sich „Augen der Angst“ sodann auch als Genrewerk aus, das mit seinen Perspektiven maßgebliche Einflüsse hervorbrachte, die Bestie Mensch mit einem komplexen Psychogramm zeichnet, das sich aus der Obsession von Medien mit Gewalt auf die Aufnahme von Gefühlen stürzt. Die Verquickung der Macht des Zelluloids mit der geistigen Inkompatibilität wurde zum jähen Karriereende von Regisseur Michael Powell, sagte man ihm hiermit doch Pornographie nach. Fernab zynischer Exploitation ist sein Täterprofil jedoch recht ambivalent zwischen dem Grauen der Erziehung und dem Grauen ihrer Folgen verortet, innerhalb derer Focus-Puller Mark Lewis nur beschwerlich soziale Kontakte knüpfen kann. Powells Farben probieren darin auch in filigraner Verzweiflung die Feier des Lebens, doch der Tanz in den Tod setzt da meist schon früh an, während das Verständnis zum Opfer sowie dem Killer mit seinem scharfen Stativ eine delikate Positionierung wagt. Die Tragik all dessen mündet schlussendlich auch in eine Zelebration der Furcht, da steht man als Connaisseur des Mediums zwischen den Stühlen und lernt die Angst sowie ihre Sehnsucht (anno 1960 sehr mutig) zu schätzen.


Die inneren Zerrungen der Furcht (auch dank Saul Bass' Intro) noch energischer stilisierend, hat John Frankenheimers „Der Mann, der zweimal lebte“ ein für seine Zeit ungewöhnlich experimentelles Wesen inne, das dem Science-Fiction-Thriller drum herum zugrunde liegt. Beinahe ausschließlich mit Bildern der Gewöhnlichkeit schafft er die Suggestion von Körperfeindlichkeit und Bedrängung von außen, ironischerweise mit entfesselten Kameras, die sich umso mutiger um nahe wie urige Perspektiven schlagen, während das Konzept der vertauschten Identitäten aus der so ziemlich indoktrinierten Bitterkeit der Existenz heraus kafkaeske Züge trägt. Die Entscheidung fürs neue Ich bringt eben auch Sanktionen mit sich und selbst wenn das verheißungsvolle Mittendrin mit neuen Reizen punktet (und innerhalb der Laufzeit auch am wenigsten fesselt), gibt es keinen Ausweg aus den Regeln des Lebens, höchstens die zu späte Erkenntnis des vergangenen Ichs. Wo ein „Self-Less“ daraufhin die Katharsis der Befreiung durchsetzen würde, geht Frankenheimer konsequent in das Grauen des Todes, welcher so sehr aufs Geschäft bedacht ausgeführt wird, wie das Dasein als Mensch hier ohnehin als Geißel höherer Mächte oder auch dem Kapital ins Extreme veräußerlicht wird. Paul Verhoevens „Robocop“ hat sich hiervon auch so einiges zu Herzen genommen.

Das ist doch mal eine Auswahl an starken Stücken, was? Schade, dass einem (ob nun aufgrund von Arbeit oder anderen Freizeitaktivitäten) nicht immer die Zeit bleibt, um Übermengen an formulierten Gedanken zu Papier zu bringen, ich hoffe zumindest, dass auf diesem Wege einiges zumindest in Kurzform hängengeblieben ist, im Folgenden gibt es jedenfalls noch drei Texte zu bewundern, die sich etwas detaillierter mit ihren jeweiligen Filmen befassen. Falls das manch einem Leser vielleicht doch alles etwas zu kurz geraten ist, habe ich zum Schluss noch drei Geheimtipps an Musik per Youtube aufgeführt, die hoffentlich genauso viel Freude bereiten wie mir, obgleich die Filmwelt dieses Mal wieder ordentlich in meinem Herzen zugeschlagen hat.

Also dann:




GESICHTER - Man, was sind wir Menschen impulsiv! Jene grundsätzliche Eigenschaft kann einem manchmal echt leicht aus der Wahrnehmung entwischen, so gut man sich insofern mit dem Alltag arrangiert, Menschenkenntnis im positiven wie negativen Sinne fürs Profiling anwendet und insbesondere in der Reflexion per Leinwand meist mit geordnet funktionellen Idealen oder Stereotypen begegnet wird. Geschichten wollen eben eine Perspektive haben, um sich selbst vermitteln zu können, so möchte man meinen. Ein Kerl wie John Cassavetes hatte es jedoch schon vor knapp fünfzig Jahren raus, dass allein diese Flächen der Emotionen, die wir Gesichter nennen, ein Bollwerk an Filmerfahrung ausmachen, vom Titel her bereits ikonisch einschlagen können. Gut, ein Wiedersehen mit später allzu bekannten Ensemble-Visagen seines Gesamtwerkes lädt hier ohnehin ein, von Gena Rowlands bis Seymour Cassel wird es schnell heimelig, nichtsdestotrotz lassen sich hier alle auf ihre Art liebgewinnen. Beinahe wie im trunkenen Taumel lässt Cassavetes diese in seiner Variante des Cinéma vérité ganz nahe beobachten, was an Persönlichkeit, Lebenslust sowie -frust in Augen, Mundwinkeln, Lachen und Tränen zu finden ist. Die Teilhabe am menschlichen Miteinander bannt dabei den Zuschauer, ohne mit voreingenommenen Erwartungen hinsichtlich Genre oder Figureneindeutigkeit anzubiedern oder gar Katharsis im Nachhinein einreichen zu müssen.


Bei solch einem eventuell blumigen Formalismus, den man aus jener Schilderung herleiten könnte, belässt er es aber auch nicht. Obwohl es ohnehin für den Großteil von Cassavetes' besten Arbeiten gilt, bilden Unbekümmertheit und Temperament hier schon mit großem Effekt die Grundessenz aus der Gestaltung heraus. Die Kamera nimmt sich mit krassem 16mm-Korn stets Freiheiten, ebenso befreit sich das Narrativ aus konkreter Emotionalisierung, u.a. mit einem Musikeinsatz, der hauptsächlich entweder on-screen ist, gar nicht existiert oder schlicht aus der Musikalität der Charaktere kommt. Deren Handeln ist nur sekundär mit einer leichten Dramaturgie verbandelt, nicht alle Motivationen lassen sich abseits oder gar binnen der Situationsabhängigheit dechiffrieren - Daumen hoch! Stattdessen tritt nämlich ein Leben zum Vorschein, bei dem Eigensinn um Eigensinn aufeinandertrifft, bar jeder Forcierung in Euphorie und Eskalationen kippen kann, aus anfänglichen Feindseligkeiten Busenkumpel kreieren lässt oder einen schönen Abend voll brüllendem Gelächter zu Offenbarungen innerer Verletztlichkeit verleitet. Und das beste daran: Alle Richtungen können sich stets der Interaktion geschuldet wieder umkehren und Sympathien verschieben, ohne dass auch nur an einer Figur ein Urteil erwirkt wird.


Die schlichte Äußerung des Pro und Kontra in jedermann durch Cassavetes birgt schon eine beachtliche Konzentration an Verständnis, komplettiert wird der Film dabei jedoch von der Sehnsucht nach Glück, Erfüllung und Verbundenheit, eben Liebe, die nie ganz ihr Ende finden kann. So erklärt sich natürlich auch das Erlebnis mit den Charakteren, wenn diese mit Einsatz in die Auflockerung stürmen und letztendlich doch ihren Schutzschild herunterfahren, mit wie viel Ungewissheit das Dasein angereichert ist. So wie sich angesichts dessen Humor, Wut, Zuneigung und Verzweiflung beinahe permanent kreuzen, wird man von der Turbulenz restlos mitgerissen, aber auch nicht in eine irreale Hysterie, sprich überfordernde Verkettung von Extremen hinein gerissen. Cassavetes begibt sich für wahr in destruktive wie auch intime Nächte, die Erdung in humaner Begegnung kommt ihm nimmer abhanden; der Drang zu bedingungsloser Empathie könnte ihn als naiv entlarven, wenn er denn nicht gleichsam den Schmerz im Zwiespalt jener Hoffnung verinnerlichen würde; eventuelle Aufdringlichkeiten in der Vermittlung der Kunst werden mit rohem Schnitttempo, schludriger Tonaufnahme und natürlich ungebremster Spielfreude unterlaufen.


Wie man's auch dreht: Solch eine Wahrhaftigkeit wird scheinbar nur selten im Medium erzeugt - dass sich da zum Schluss der über 130 Minuten an verweigerter Kategorisierung hin keinerlei Redundanz und Trivialität ergeben, ist umso verwunderlicher. Im Gegenteil: Da packt es einen erst recht, wenn sich urplötzlich ein Gesicht ohne Leben zeigt, ganz gleich mit welchen ausgesprochenen wie unausgesprochenen Wirrungen es zu hadern hatte. Die krasse Nähe des Ganzen schwellt auch dann nicht ab, wenn das Selbstverständnis der Liebe wütend und herzlich zur Wiederbelebung ansetzt, mit der Kippe im Mund einen Galgenhumor der gegenseitigen Empfindsamkeit zusichert. „Never felt like this before“ tönt es sodann im Abspann und man möchte es nur allzu getroffen glauben, obwohl das Ganze schlicht ein Wiedersehen ist, mit einem selbst und dem Menschen an sich.




PHENOMENA - Vorhang auf für die phantasmagorischen Märchen des Horrorfilms, an dieser Stelle kuratiert von Dario Argento, welcher die Unschuld erneut mit virtuosem Effekt gegen das allgegenwärtige Übel antreten lässt. Dabei repräsentieren sich beiderlei Parteien innerhalb derselben Gestalten: Mensch, Natur, Architektur, Metall, Jugend und Reife. Urängste haben ihren Ursprung eben auch im Vertrauten und dem, was dahinter schlummern könnte. Die Differenzierung erfolgt sodann initiativ binnen Schweizer Täler, so nüchtern wie atemberaubend eingefangen, dass die Stilisierung relativ zügig Gefahr und Faszination vermengt. Argentos Schauerstücke vom Reiz der Verletzbarkeit stellen dafür gerne junge Frauen in den Fokus, auch hier wird zu Anfang eine dänische Studentin alleine in ihr unbekannten Regionen zurück gelassen und muss nach Hilfe suchen, zwischen Neugier und Überwindung über sich hinauswachsen. Sie findet ein jähes Ende in dem Ambiente, das der Film mit ätherischer Aura zeichnet, durch einen brutalen Einschnitt mit zerschellendem Glas und blitzender Klinge, welche aber bewusst noch von einem unsichtbaren Täter, vielleicht der Natur selbst, herausgeschossen zu kommen scheint. Mit ein bisschen Sex in jener Bildsprache kurbelt vor allem der Soundtrack dabei allmählich die Perspektive der Jugend an.


Argentos Filme sind zum Teil eben auch Rockkonzerte, in diesem Fall folglich Identifikationsflächen für eine Leinwandgeneration, die sich als Teens in den Achtzigern verstärkt selbst reflektiert sehen wollte. „Phenomena“ wird im Verlauf auch ein Bindeglied zwischen Verweisstücken des Übernatürlichen, des bodenständigeren Slashers/Giallos sowie den tiefen Wurzeln von Geschichte und Geschichtenerzählung - ein Abenteuer also, das aus dem weltlichen Ursprung heraus durch mehrere Adern zugleich fließt. Der zentrale Auftritt dafür gebührt Protagonistin Jennifer (Jennifer Connelly), die im Züricher Mädcheninternat geißelndes Personal, Lästermäuler und mörderische Visionen im Schlafwandeln vorfindet; gleichsam Freundschaft schließt mit Zimmergenossin Sophie, dem zurückgezogen lebenden Professor McGregor (Donald Pleasence) sowie der kleinsten aller Tierwelten, den Insekten. Die starke Kombo dieser Außenseiter lässt sodann bezeichnenderweise auch die profunde Symbiose von Leben und Tod natürlich, liebevoll und hilfreich erscheinen. Doch der Kontrast des Schreckens anhand gleicher Komponenten macht sich ebenso bemerkbar. Der Film entwickelt daher auch ein sehr eigenes Tempo, das zudem von irren Eindrücken mitten drin und abseits vom Zeitgeist überfallen wird.


T-Shirts mit Barry-Gibb-Portraits und Sprüchen wie „86 % sind gegen die Atomkraft“ lassen sich also mit einer umtriebigen Schimpansendame namens Inga messen, die sich inmitten der telepathischen Verständigung von Mensch und Tier einfindet, während Jennifer im Traumzustand durch Lichter, Flure und Wälder flüchtet, um über den Dingen zu stehen, die sie festsetzen wollen. Der Frust der Bevormundung lauert ihr dabei geradezu omnipräsent auf in diesem „Schweizer Transsylvanien“, doch dessen mystifizierter Föhn bringt in vielerlei Sequenzen auch den Rausch der Schönheit mit sich. Den fühlt man sogar zeitgleich, wenn der Ekel am Rücken hoch schleicht - symbolhaft ergänzt im mikroskopischen Blick auf Käfer, Maden und die parallele Zärtlichkeit Jennifers, jener Königin der Fliegen, wie die Internatsleiterin sie als Beelzebub zu entlarven glaubt. Die Selbstverständlichkeit dessen lässt innerhalb der knapp zwei Stunden Laufzeit sodann auch Luft für ein eher konventionelleres Whodunit, welches aber bei weitem keine konventionellen Auflösungen einhält. Die Steadicam schwebt als Fliege Hinweisen nach; Hard Rock von Iron Maiden und Motörhead trifft auf Leichentransport und Eingeschlossenheit; Inga findet die Mordwaffe im Müll; Jennifer will der Offenbarung des Täters und der fiesen Erwachsenenwelt entfliehen, doch die halten sie als Mächte des Wahnsinns in ihrem Bann.


Letzterer Punkt beweist im Umkehrschluss übrigens die Angst des Bösen vor der Kraft des Guten, wie sie sich im Rahmen des Horrors doch so gerne gegenseitig zerstören. Fernab eines kathartischen Triumphs jedoch, findet die destruktive Poesie darin dementsprechend auch ein Finale, welches Feuer auf dem Wasser ausbreitet, Mutationen des Fleisches verschlingt und Güte brachial per Metall köpft, ehe die Empathie von Mensch und Tier in Verzweiflung, Wut sowie Liebe mündet. In diesem wunderbar anorganischen Organismus passiert einfach alles und da wird es umso beachtlicher, dass Argentos Regie dies grundsätzlich über schlichte Reize vermitteln kann, einen Publikums-tauglichen Reißer italienisch à la carte entwirft und mit Naivität ins Herz eines jungen Individuums blickt. Von erwachsener Qualität mag dabei vielleicht nicht alles an Darstellerleistungen und Dramaturgie betroffen sein, doch die Angst sowie die Bewältigung derer kennt nun mal kein Alter. Wohl deshalb hält Argentos Horrormärchen auch unabhängig vom Spaß an dessen Fantasie noch immer an.


Bonus-Zeugs:




LONDON HAS FALLEN - "[...] Die Fortsetzung vom „Stirb Langsam“-im-weißen-Haus-Kandidaten „Olympus Has Fallen“ versteht ihren Protagonisten noch weniger als zuvor als Charakter, so ist dieser nun schlicht zu einem Ventil geworden, das angesichts einer Welt voller Terror und dessen komplexen Hintergründen für mehr Überwachung, Drohneneingriffe und genüssliches Verstümmeln der Feinde bar jeder Diplomatie spekuliert. Gerard Butler gibt sich mit extra dicken Eiern die Ehre, die Donald Trumps und AfD-Wähler dieser Welt anzusprechen, wenn er als Übermensch der westlichen Welt mit jedem Schuss einen blutigen Treffer landet und seinen Angreifern zuschreit, sich zurück nach „Thefuckistan or wherever you came from“ zu begeben, während er ihnen zigmal die Klinge in den Rumpf rammt. [...] Er nimmt sich und seine Katharsis aber zu ernst, als dass er als Publikums entlarvende Parodie durchgehen könnte; gleichsam greift er zu gelassen auf aktuelle Ereignisse zurück, als dass er provokativ auffallen könnte. Dass er jenen Umstand letztendlich für eine einseitige Gewaltfantasie bar jeder Konsequenz nutzt, macht ihn wiederum äußerst bedenklich und setzt zu einem Rückschritt an, den das Kino (wie auch das Publikum) lieber nicht als Norm empfangen sollte [...]"



(Die komplette Kritik gibt es auf CEREALITY.NET zu lesen.)


Und nun wie versprochen, drei geheime Hits, allesamt aus der Zeit der NDW stammend und so obskur, dass ihre irre Schönheit, teilweise in Lo-Fi, umso stärker scheint.

Sonntag, 6. März 2016

Tipps vom 29.02. - 06.03.2016

Diese Woche sah es erneut etwas mager aus, was die Sichtung von Filmen anging, da muss ich mich entschuldigen, aber nun ja, ab und an steckt das Leben halt dahinter, da will ich keine Illussionen schaffen. Ich hab es zumindest in zwei Kinovorstellungen geschafft, auch wieder reichlich Gutes wiederholt und mich zwischendurch auch erneut an "Eine schrecklich nette Familie" herangewagt, sobald die tägliche (Schnitt-)Arbeit daheim erledigt war. Abseits dessen war die Woche ohnehin ziemlich verrückt - es fing bei den Oscars voll aufdringlicher political correctness an, dann musste sich um eine (noch immer) defekte Kochplatte in der Wohnung gestritten werden und Frau Mutter war das Wochenende auch noch zu Besuch. Alles nicht so schlimm übrigens, wie zur MRT unter die Röhre geschoben zu werden, mit einer Kanüle voller Kontrastmittel im Arm 20 Minuten lang in (gut belüfteter) Enge zu verweilen und dabei sogar melodramatisch klassische Töne à la "Opfergang" über Lautsprecher serviert zu bekommen - Galgenhumor deluxe. Doch selbst dieses Ereignis malt man sich anfangs schlimmer aus, als es eigentlich ist - es ist keine Schande zuzugeben, die Tage zuvor eine Panikattacke hinsichtlich dessen zu erleben, ahnungslos und allein den Weg antreten zu müssen. Wer es nicht selbst erlebt hat, wird die Furcht davor vielleicht nicht ganz verstehen, doch es macht schon bange, eventuell (aber natürlich recht unwahrscheinlich) die Diagnose eines Gehirntumors erhalten zu können (die Möglichkeit sollte im Rahmen der Behandlung eben ausgeschlossen werden und so war es dann auch), nur weil man vor knapp einem Monat noch mit Gleichgewichtsstörungen sowie einer Art Benommenheitsschwindel zu hadern hatte.

Wer sich mein Video zu "Chibi-Robo!" zu Gemüte führt, sieht die damit verbundene Konzentrationsschwäche und Ermattung übrigens voll in Aktion, wenn auch zusammengeschnitten wie nur möglich. Inzwischen haben sich die Symptome aber auf ein kaum noch spürbares Minimum verzogen und auf den MRT-Aufnahmen, die man mitkriegt, lässt sich auch nichts Besorgniserregendes erkennen. Wie dem auch sei, ist die Angst, die man danach hinter sich gelassen hat, eigentlich kaum noch zu toppen, von daher wird man im Nachhinein so oder so ein bisschen lockerer. Bezeichnenderweise verselbstständigte sich das bei mir sodann am selben Tag noch in einem Kinobesuch für den Western-Klassiker "12 Uhr Mittags" von Fred Zinnemann. Obwohl da in den ersten 10 Minuten irrtümlicherweise "Faustrecht der Prärie" lief, sodann für die eigentliche Vorstellung auf Digital umgesattelt werden musste, ein älterer Sitznachbar bei jedem Satz von Grace Kelly wie ein sexistischer Wicht zu prusten anfing und mein rechter Arm sich zudem noch vom Einstich der Kanüle per Muskelkater erholte, war es mir alles egal. Witzigerweise hat es Gary Cooper dabei auf der Leinwand nicht leichter, gedenkt sich dem Schergen Frank Miller (!) zu stellen, erhält allerdings keinerlei Hilfe von der Stadtgemeinschaft, für die er Jahrzehnte lang als Sheriff gedient hat - alle haben ihre nachvollziehbaren Gründe, doch die Verzweiflung unseres Helden der Rechtschaffenheit steht ihm mit wehmütigen Rhythmus von Dimitri Tiomkins Soundtrack ins Gesicht geschrieben; genauso die Abgeklärtheit, mit der er sich aus der Realität der Genügsamkeit verabschiedet und (beinahe) im Alleingang das schaffen muss, wofür ihm eigentlich genug Ressourcen zur Verfügung stehen dürften.

Quasi ein in etwa misantrhopisches Happy-End, wenn man so sagen will (auch ein Abgesang auf einen oder mehrere Western-Mythen), zumindest eins, von dem aus es sich weiter Richtung Selbstbewusstsein blicken lässt (und nicht in einer haltlos starrköpfigen und destruktiven Art wie in "Ein Mann wie Sprengstoff", ebenfalls mit Cooper); Furcht konfrontiert und bezwungen werden kann, auch wenn es nicht als Sieg herausgestellt werden muss. Also bin ich erneut vor die Kamera getreten und im fixen Durchlauf (fast alle) meine neuen Errungenschaften vom Februar binnen meiner Mancave vorgestellt. Von Ansteckern über Poster bis hin zu Büchern und natürlich Filmen ist ein Arsenal an tollen tollen Sachen vertreten (Nicht im Video, aber auch neu im Archiv: "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", "Poltergeist" - siehe hier). Das Schöne ist: Es kommt im März so oder so noch mehr zusammen und auch wenn schon meine guten Vorsätze für dieses Jahr, erst recht im Bezug auf Optimismus, vom Schicksal offenbar derartig entschieden auf die Probe gestellt werden, sind der eine oder andere Filmabend, Hamburger, Bücherhallen-Leihfundus, Freundschaften, Familie, Alf oder eben ein "Batman v Superman" stets nicht allzu weit entfernt. Es wird auch mal wieder besser und ich werde auch mal wieder mehr hier schreiben, im Moment lässt sich mit folgendem Video wie gesagt aber auch was anfangen. Und Achtung, danach hab ich doch noch eine Filmbesprechung in Textform in petto, also Augen aufhalten und viel Spaß mit dem ganzen Kram :D






SONNE, SAND UND HEISSE SCHENKEL aka JUNG, SCHÖN UND LASTERHAFT - (Gesichtet im Rahmen des BIZARRE CINEMA im Metropolis Kino Hamburg, 35mm, dt. Fassung)

Mal wieder einer von der Sorte „Genussfilm“. Wer die Reize der beiden Hauptdarstellerinnen Gloria Guida und Dagmar Lassander zu schätzen weiß, kann schon insofern erfreut sein, dass Regisseur Silvio Amadio ihnen hiermit gewiss eine Liebeserklärung schenkt. Diese mag in der dramaturgischen Dimension vielleicht mit der Sprache eines Groschenromans erscheinen und vom Budget her nicht allzu viel Aufwand sowie herzliches Schmuddelfilmflair vorzeigen (allein dieser Soundtrack), doch offene Filmfreunde empfangen derartig schludrige Präsentationen eben als freundschaftliche Bodenständigkeit, aus der sich Massen an Potenzial ergeben - bezeichnenderweise verheimlicht der Film auch seine Quasi-Adaption von Françoise Sagans „Bonjour Tristesse“ und verhält sich stattdessen durchweg eher so, wie es ihm gerade passt, was wiederum eine ungeheure Lebhaftigkeit hervorbringt. Jene Methodik findet sodann schnell die Schönheit in der Kulisse vor, in den Körpern der Frauen sowie deren jugendliche Sprunghaftigkeit. Euphorisch kombiniert der Film dies mit elliptischer Erzählung, pendelt schon nach dem Vorspann zwischen den Zeiten hin und her und ergänzt auf die Art trotzdem punktgenau die Wahrnehmung der jungen Angela (Gloria Guida) zu ihrer neuen Stiefmutter in spe, Irene (Dagmar Lassander), für welche sie sich schon allmählich ein kleines Komplott zusammen mit Inselficker Sandro (Fred Robsahm) ausdenkt. 


Diese Jugend heutzutage... doch fern moralischer Verurteilung besitzen Amadios Charaktere im Grunde ein unbedarftes Wesen, umgeben sich allesamt mit wilden und gleichzeitig heimeligen Dekors unter der angenehmen Hitze des Ambientes und feiern bar jeder Verantwortung Freiheit, Liebe, Natur und Klamotten, während die Sonne so gleißend von der Leinwand strahlt, wie sie in der Naivität der Intrigen auch trügen kann. Angelas zentrales Spiel mit den Gefühlen (inklusive Versteckspiel unter grotesken Felsmassiven) basiert nämlich durchaus auf kindlicher Motivation, geht lediglich mit Vermutungen im Geheimen gegen Irene an, ehe sie diese überhaupt kennen lernt. Mit gleichsam keckem Esprit inszeniert sie sodann eine Zuneigung für Irene, obwohl der Film gerne damit spielt, wie viel Wahrheit doch darin stecken könnte. Erotik ist natürlich ein bindendes Glied in diesen Verhältnissen und bietet Amadio vor allem reichlich Freiraum zur Verinnerlichung von Blicken und im lauen Wind glänzenden Frisuren (Lassanders Rot lässt die Sinne explodieren!) sowie zur Begutachtung der unbekümmerten Nacktheit Guidas, doch neben dieser Zeigefreudigkeit ist das Narrativ ohnehin mit der Chemie der Verführung gepfeffert, welche vor allem den Frauen des kleinen Ensembles zusteht, bei dem die Männer eher im Hintergrund verbleiben. Selbst Sandro, der sich als Lover zwischen drei Damen versucht, hat nicht allzu viel zu melden, kommt mit seinen Anmacher-Allüren bei Irene erst recht nicht weit, ferner blickt er stetig tiefer in eine der mehrmals vertretenen J&B-Whisky-Flaschen.


Ein Arschloch macht der Film aber auch nicht aus ihm, sind ja alles junge Menschen - mit Buggy, Mode und Teleobjektiv ausgestattete Touristen der seligen Lust, in die sich die um eine Generation ältere, aber kaum weniger bezaubernde Irene ebenso hinein verlieren könnte, wenn ihre Zuneigung zu Frauen denn nicht aufgrund tragischer Erfahrungen unter einem schlechten Stern stehen würde. In ihr schlummert die Verletztlichkeit - Angela ist sich dessen im Leichtsinn der jungen Unschuld noch nicht bewusst und spielt dann auch mit der Liebe, als dass sie die Bedeutung derer in ihrem Leben schon wirklich erfahren hat. Visuelles und Dramatisches kreuzen sich dabei übrigens nicht allzu kalkulierbar zur Filmerfahrung zusammen - die Fühlbarkeit bleibt jedenfalls nimmer auf der Strecke, wenn geballte Sehnsucht in den Bildern und Handlungen der Figuren steckt, Motive und Komplexe derer im Unterbewusstsein der Sinnlichkeit jedoch stets weiterlaufen und für Impulse sorgen, welche die Schwärmerei für das weibliche Geschlecht und das Ambiente zwar bis zum Ende nicht als Heuchlerei oder Fantasterei entlarven, wohl aber die Macht der Reize aus der Funktion als Spielzeug herausheben. Von einer möglicherweise konservativen Schlussmoral emanzipiert sich Amadio aber auch, indem er sich stets die Freiheit nimmt, verspielt zu bleiben und das Korsett formaler Strenge sowie Bedeutungsschwangerschaft zu vermeiden.


Bezeichnenderweise liest Irene in einer Szene auch einen „französischen Roman“, den sie sehr interessiert verschlingt, bei dessen intellektueller Haltung sie aber auch Verständnis zeigt, dass diese eigentlich auch „überflüssig“ wäre - gleichsam bringt der Film auch nebenbei Sigmund Freuds Theorien zu Wort, ohne sich an diese allzu lange klammern zu wollen (siehe auch „Emanuelle Nera und ihre wilden Hengste“, ebenso mit Lassander). So lässt sich auch dieser im Deutschen schon gar nicht mal so falsch, aber auch unterschätzt betitelte Film reflektieren, dessen hormoneller Appeal nicht bloß primitive Exploitation hergibt, sondern als Mogelpackung mit den hellen Strahlen allzu menschlicher Freuden kokettiert und an seiner ganzen Ausstrahlung auch nicht vergisst, die Liebe im Individuum und dessen Fragilität empathisch zu beleuchten. Selbst wenn man dabei eine sexy Sause mit Sonne, Sand, heißen Schenkeln sowie Spaghetti und tollen Sprüchen Marke Schier/Eder empfängt, erhält die Subversion im Endeffekt mehr an Gehalt, als der allgemeine Anspruch zu sehen glaubt. Dabei sind Amadios Bildkompositionen gerade in ihrem eigentlich kleinen Rahmen eine kleine Sensation - und seine Darstellerinnen fern forcierter Allüren absolut hinreißende Herrscherinnen der Leinwand.